Ich liebe England (Gedanken zum Brexit 1)

Vor einem Jahr hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass Großbritannien nun tatsächlich aus der EU austreten wird. Das Land hat in seiner großartigen Geschichte so viel dazu beigetragen, dass der europäische Staatenbund zu dem wurde, was er heute ist. Natürlich, sie waren schon immer etwas Besonderes, sie hatten immer ihren Spleen, die Briten, aber warum sollte ihnen das nicht erlaubt sein, was jedes andere Land sich auch von Zeit zu Zeit leistet: exzentrisch zu sein und die eine oder andere Marotte zu haben. Großbritannien wird mir fehlen; vor allem England; denn ich liebe es.

Meine erste Flugreise brachte mich nach London Heathrow. Damals war ich gerade 15 Jahre alt. Ich war durch einen privat organisierten Schüleraustausch eingeladen, zwei Wochen bei Thorsten Rettich und seiner Familie in Market Harborough, zwei Stunden Autofahrt nördlich von London, zu verbringen.

Es waren interessante und sehr schöne Tage. Die Familie ist wundervoll, sehr gastfreundlich, die Spontaneität und der Humor haben mich sofort begeistert. Wahrscheinlich ist es auch in England nicht so ganz üblich, dass die ganze Familie, die eigentlich schon fest geschlafen hat, um 2 Uhr früh noch einmal aufsteht und in die Stadt fährt, weil man sich einig geworden ist, dass man jetzt unbedingt eine große Portion fish and chips essen muss.

Ich erinnere mich noch gut an einen Besuch in der methodistischen Kirche dort am Ort. Die Leute feierten ein Gemeindefest an diesem Tag, es gab (ungelogen!) gekochtes Wildschwein in Pefferminzsoße für alle. Und während es allen gut schmeckte, ging der Koch mit einem großen Fleischerbeil durch die Tischreihen und sagte drohend, dass niemand einen Rest übrig lassen sollte, das Abwaschen sei sonst solch eine schmutzige Angelegenheit.

Wir haben alle viel gelacht in dieser Zeit, sogar noch am letzten Tag, als wir alle in einem kleinen Auto zurück nach Heathrow fuhren und die Beatles-Songs im Autoradio miteinander gesungen haben. All you need is love.

Meine erste „eigene“ Kirchengemeinde hatte eine Partnerschaft mit einer Gemeinde aus Chichester, einem kleinen und sehr traditionsreichen Ort südlich von London. Ich bin mehrmals dort gewesen und durfte in einem klitzekleinen Pfarrhaus übernachten, das haargenau so aussah wie die Häuschen auf den kitschigen Postern mit Elfen und Gnomen, die in diesem Jahrzehnt so beliebt waren.

Als Pfarrer der Partnergemeinde wurde ich von einem Gemeindeglied zum anderen weitergereicht und oftmals auch zum Essen eingeladen. Ich habe sehr viele liebe und interessante Leute kennengelernt. Am eindrucksvollsten war die Begegnung mit einem alten Mann, der während des zweiten Weltkriegs Flieger in einem Bombergeschwader war. Nach dem Essen begann er, etwas schüchtern herumzudrucksen, er hatte offenbar etwas auf dem Herzen. Nach einiger Zeit, nach vielen aufmunternden Worten von mir und bei einem Glas Sherry erzählte er mir, dass seine Einheit damals Braunschweig bombardiert hatte. Er sah die Stadt brennen und hatte seitdem fast jeden Tag ein schlechtes Gewissen. Er wusste, dass er Leid und Tod über die Menschen gebracht hatte. Und unter Tränen sagte er: „Wir waren doch eigentlich die Guten; wir mussten doch etwas gegen die Nazis tun; aber dies hat sich hinterher so falsch angefühlt…“

Ich hatte dann sehr stark den Eindruck, dass er mich um Verzeihung bitten wollte, mich, den deutschen Pastor, der damals noch gar nicht am Leben war. Wir haben noch sehr lange gesprochen und auch gemeinsam gebetet. 70 Jahre musste er warten, bis er einmal so sein Herz ausschütten konnte. Ich hoffe, er ist jetzt ein bisschen geheilt von seinem Trauma. Nicht einmal dem Militärpsychologen hatte er seine Schuldgefühle anvertrauen können.

Ein paar Jahre später war ich eingeladen zur 900. Jahresfeier der Kathedrale in Chichester. Ich war Teil einer achtköpfigen Delegation aus Berlin, und wir bekamen Ehrenplätze vorn im Chogestühl, wo man eine exzellente Aussicht über die Kirche hatte. Es war wirklich ein historisches Ereignis, und very british. Wenn eine Organisation Tradition gut zelebrieren kann, dann ist es die anglikanische Kirche. Das wurde schon beim Introitus, bei dem feierlichen Einzug der am Gottesdienst beteiligen Personen, deutlich.

In einer langen Reihe zogen ein: ein Diakon mit dem Vortragekreuz, acht Ministranten, zwei Diakone mit Kerzen und danach die Jungen von der Choralschola. Dann: noch ein Diakon mit einem zweiten Vortragekreuz, vier Ministranten und dann die Lehrer, Professoren und geistliche Leiter der Kathedralschule und der Universität. Und danach: Vortragekreuz, Ministranten und die Geistlichen aus den nahen und ferneren Nachbargemeinden. Schließlich Ehrengäste aus Politik und Wirtschaft. (Es gibt tatsächlich einen Sheriff von Nottingham, und er sieht umwerfend aus in seiner Uniform, prachtvoll bis an die Grenze des Lächerlichen, aber so würdevoll und mit einem selbstironischem Ernst ist er eingezogen, und genau das ist britischer Humor! ) Dann kamen Vertreterinnen und Vertreter des lokalen Landadels, und zuletzt, nach Vortragekreuz und mehr Ministranten der Erzbischof von Canterbury, der in der anglikanischen Kirche der zweite Mann nach der Queen ist und für den Commonwealth in etwa dem Papst entspricht.

Ungefähr 150 Personen sind da eingezogen, und dann fing der Gottesdienst erst an. Die Liturgie war festlich, aber nicht pompös, und ich war des Öfteren zu Tränen gerührt. Ich habe Theologie studiert und habe damals schon mehr als zehn Jahre lang als Pfarrer gearbeitet, aber in diesem Gottesdienst habe ich wohl zum ersten Mal gefühlt, wie Liturgie eigentlich gemeint ist, wie emotional, wie erhebend, wie begeisternd gerade die traditionelle Liturgie sein kann.

Nach dem Gottesdienst gab es ein einfaches Abendessen für die Ehrengäste, zu dem auch die Berliner Delegation eingeladen war. Ich konnte ein paar Worte mit dem Erzbischof wechseln, beim Essen saß ich neben dem Dean der Kirche von Arundel, den ich als einen sehr bescheidenen und herzlichen Menschen erlebt habe. Er hat mir viele interessante Geschichten erzählt und die Delegation nach Arundel eingeladen.

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