In der Kirche von Arundel (Gedanken zum Brexit 2)

Zwei Tage später sind wir dann nach Arundel gefahren. Das größte Kirchengebäude in dieser Stadt ist eine Doppelkirche, praktisch zwei Kirchen, die im rechten Winkel direkt nebeneinander stehen und eine Wand teilen. In dieser Wand gibt es eine Tür, durch die man von der einen Kirche in die andere gehen konnte. Oder vielmehr: nicht gehen konnte. Denn die eine Kirche wird von den Anglikanern genutzt, die andere von der römisch-katholischen Kirche, die in England über Jahrhunderte ein sehr kompliziertes Verhältnis zu einander hatten, um es vorsichtig zu sagen. Sie wollten auch in Arundel nichts miteinander zu tun haben, und darum blieb diese Tür geschlossen. Für mehr als 160 Jahre.

Der Dean erzählte uns, dass erst ein paar Wochen vor unserem Besuch diese Tür feierlich wieder geöffnet wurde und dass bei einem ökumenischen Gottesdienst zum ersten Mal in diesem Jahrhundert wieder Menschen durch diese Tür gingen. Dann zwinkerte er lustig mit den Augen und sagte: „Ganz stimmt das ja nicht. Am Vormittag des großen Tages hat der Hausmeister der Kirche diese Túr geöffnet, um zu sehen, dass sie nach so langer Zeit überhaupt noch funktionierte, und als er sie sauber machen wollte, blieb sie ein paar Minuten unbewacht. Da ging ein alltes Muttchen etwas verträumt und verwundert aus der katholischen Kirche in die anglikanische, und als der Hausmeister ihr dann erklärte, dass sie nun also die erste Person war, die nach 167 Jahren durch diese Tür ging, war siebsehr erschrocken und es war ihr überaus peinlich.

Aber was passiert war, war nun mal geschehen, und so hat nun diese alte Frau Geschichte geschrieben. So wächst zusammen, was zusammen gehört.

Arubdel lohnt einen Abstecher sehr, wer in London einen Nachmittag Zeit hat und der Großstadt entfliehen will, sollte nach Arundel fahren, die mittelalterlichen Gebäude anschauen und vor allem in die Doppelkirche über dem Ort besichtigen. Und in Arundel gibt es die beiden buttered scones, die ich in England pobiert habe.

Als wir wieder in Chichester bei unseren Gastgebern angekommen waren, erzählte uns der Dean der Jubiläums-Kathedrale, dass er einmal bei dem Dean von Arundel eingeladen war und mit ihm ziemlich reichlich von dem guten französischen Cidre gekostet hatte. Abends fuhr er mit seiner Frau Richtung Heimat, wurde aber noch auf der Hauptstraße im Ort von der Polizei angehalten. Der Polizist fragte ihn: Wo fahren sie denn hin? Er antwortete: Thzum Pfharrrhouse nach Arrroundell! Oh, sagte der freundliche Polizist, da müssen Sie aber genau anders herum fahren. Es ist gar nicht weit. Fahren Sie vorsichtig. – Der Dean wendete und fuhr zurück. Da fragte ihn seine Frau: Warum sagst du, dass wir noch Arundel wollen, obwohl wir doch in Wirklichkeit nach Chichester gefahren sind? – Da antwortete der Dean: Der Polizist war eh schon misstrauisch. Wenn ich gesagt hätte: „Wir fahren nnnach Tschi-tschi-tschüssestärrr!“, dann hätte er mich blasen lassen und wir hätten jetzt jede Menge Ärger am Hals.

Der Dean und seine Frau haben an diesem Tag vernünftigerweise bei ihrem Amtskollegen in Arundel übernachtet.

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