Der Bruderkuss

Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer. Eine harte Grenze zwischen den beiden Teilen Deutschlands wurde Geschichte. Über Jahrzehnte hatte sie Freunde getrennt, Familien auseinander gerissen, den Menschen die Freiheit genommen. An der deutsch-deutschen Grenze sind Menschen getötet worden. Das war seit diesem geschichtsträchtigen Tag vorbei.

Auch andere Grenzen Deutschlands, die viel Leid über die Menschen gebracht haben, sind im Lauf der Zeit unwichtiger und durchlässiger geworden. Es ist das Verdienst von Politikerinnen und Politikern aus ganz Europa, dass für viele Menschen die Grenzen in Europa kaum noch spürbar sind. Die wirtschaftliche, politische und kulturelle Zusammenarbeit innerhalb der Staaten des Kontinents sind uns fast selbstverständlich geworden. Sie sind es aber nicht, sondern müssen immer wieder neu erarbeitet und erstritten und verteidigt werden.

Im September waren die Pfarrerinnen und Pfarrer des Kirchenkreises Neukölln auf einer Studienreise nach Straßburg in Frankreich. Auch dort im Elsass ist man sich der Bedeutung der Grenzen in Europa sehr bewusst. Im Laufe der Jahrhunderte hat dieses Gebiet mehrmals die Seiten wechseln müssen, gehörte abwechselnd zu Deutschland oder Frankreich; und jeder Wechsel war mit großem Leiden für die dort wohnenden Menschen verbunden: Viele mussten fliehen und ihren Geburtsort verlassen, andere wurden nun plötzlich von ihren Nachbarn beschimpft und misshandelt,weil sie der “falschen” Volksgruppe angehörten.

Die wechselvolle Geschichte dieses Landstrichs war ein Grund für die Entscheidung, wichtige Organisationen der Europäischen Gemeinschaft in Straßburg anzusiedeln: unter anderen den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, das Parlament der Europäischen Union und den Europäischen Rat. Mehr als sechstausend Menschen arbeiten hier für ein friedliches Zusammenleben in den Staaten Europas. Sie beschließen Gesetze, beschließen und kontrollieren den Haushalt und wählen bzw. berufen die Mitglieder der wichtigsten europäischen Kommissionen.

Skulptur „Begegnung“ an der Brücke zwischen Straßburg und Kehl

In Straßburg weiß man zu würdigen, wie kostbar der Frieden in Europa ist; wie wunderbar es ist, dass man miteinander verhandelt, statt aufeinander zu schießen. Die Förderung der Demokratie und der Schutz der Menschenrechte sind die wichtigsten Aufgaben dieser europäischen Organisationen.Es ist unglaublich schwierig, die Bedürfnisse und Wünsche der Menschen Europas, deren Staaten für so unterschiedliche Kulturen und so verschiedene Traditionen stehen, miteinander in einer sinnvollen Weise zu verbinden. Manche Beschlüsse, Gesetze und Verordnungen erscheinen dadurchoft unnötig kompliziert zu sein und manchmal bis zur Absurdität verklausuliert, doch sie sind immer das Ergebnis eines harten Ringens um einen tragfähigen Kompromiss – und oft genug wirklich hilfreich und sinnvoll.

Am Rhein an der ehemaligen Grenze, die nun durch eine vierfache Brücke überwunden werden kann, steht eine Skulptur, die „Begegnung“. Aus jeder Himmelsrichtung wirkt sie unterscheidlich. Wenn man betrachtend um sie herum geht, wirkt sie wie zwei kämpfende Menschen, wie zwei Männer, die sich gegenseitig halten und Kraft geben, sich gegenseitig ermutigen, und – mit Blick auf die Brücke – sich liebevoll küssen. Was für ein starkes Symbol!

Die Pfarrerinnen und Pfarrer aus dem Kirchenkreis Neukölln haben viel über die Arbeit am Frieden in Europa gelernt in den fünf Tagen, die der Konvent in Straßburg verbringen konnte.

Neben der Wertschätzung für die politische Arbeit trat auch die Achtung für die Arbeit des Lutherischen Weltbundes, dessen Institut für Ökumenische Forschung sie in Straßburg besucht haben: in einer schönen Villa, bis unter die Decke voll gestellt mit Büchern, Briefen, Dokumenten und anderem Archivmaterial aus tausend Jahren Kirchengeschichte. Theologinnen und Theologen, Priester und Professoren, kirchenleitende und forschende Menschen aus der ganzen Welt sind hier ein und aus gegangen und haben wichtige Vereinbarungen unter den Lutherischen Kirchen erarbeitet, die heute das Zusammenleben der evangelischen Kirchen prägen und die ökumenische Zusammenarbeit der ganzen Christenheit fördern. Auch durch diese Arbeit wurden Grenzen überwunden – Grenzen, die zwischen Christinnen und Christen verschiedener Konfessionen bestanden und so ihr Glaubenszeugnis schwächten und ihre Predigt unglaubwürdig machten.

Suchen, was verbindet“ und sehen, wie man „von den Stärken der anderen lernen“ kann – das ist die Aufgabe des ökumenischen Dialogs, dessen Akteure früher zu sehr auf das Trennende, eben auf die Grenzen des Möglichen, geschaut haben. Nun geht Kirche neue Wege – und wird so ab und zu sogar ein Vorbild für die Zusammenarbeit der Staaten in Europa…

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