Wie hoch ist der Himmel?

In der Bibel, im ersten Buch Mose, wird erzählt, dass die Menschen in Babylon versuchten, einen Turm zu bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reicht. Mit der Kunst der Architekten und Ingenieure, der Baumeister und Ziegelformer wollten sie sich dem Wohnort Gottes nähern, ihn verstehen und ergründen können.

Die Verfasser des Ersten Buch Moses erzählen, dass Gott sich tief hinunterbeugen muss, um diesen Turm zu sehen und sich über das seltsame Vorhaben der Menschen zu wundern. Lächerlich ist, was sie planen, und doch scheint es Gott zu stören.

Schon einmal hatte der Hochmut und die Selbstsucht seines Geschöpfes einen Keil zwischen Gott und die Menschen getrieben; scheinbar ging es nur um die Frucht vom Baum der Erkenntnis, herrlich anzusehen, süß und eine Lust für den Gaumen. Doch in Wirklichkeit sind die Menschen der Versuchung erlegen, Gott gleich zu sein, sich eigene Gesetze und Regeln zu geben, selbst zu erkennen, was Gut und Böse ist.

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Nun also wollen sie einen Turm bauen, der bis in den Himmel reicht, sie wollen die Sphäre Gottes erobern. Sie wollen sich einen Namen machen, der ewig bleibt, ein Zeichen setzen für die Ewigkeit. Sie wollen letztlich wieder einmal sein wie Gott! Um dieses Vorhaben zunichte zu machen, verwirrt Gott die Sprache der Menschen, so daß plötzlich keiner den anderen mehr verstehen konnte.

Wahrscheinlich ist diese Geschichte inspiriert worden durch den Anblick des Zikkurat, der Stufenpyramide im heiligen Bereich der Stadt Babylon. Auf der obersten Stufe befand sich ein Altar für das Opfer und die Anbetung des Heiligen, in einem Raum, der vielleicht der „Himmel“ genannt wurde. So wäre der Turm von Babylon tatsächlich ein Gebäude gewesen, an dessen Spitze sich der Himmel befand. Aber das ist nur eine Vermutung.

Später in der Bibel wird erzählt, wie Jakob auf der Flucht vor seinem Bruder Esau irgendwo in der Wüste von der Nacht überrascht wird. Im Windschatten eines großen Steines übernachtet er und träumt von der Himmelsleiter: Eine Leiter zwischen Himmel und Erde, an der die göttlichen Boten auf und nieder steigen. Ganz oben steht Gott selbst und segnet Jakob, der am unteren Ende der Leiter schläft, er verheißt ihm Lebenskraft und Zukunft und eine zahlreiche Nachkommenschaft, und er gibt ihm eine Weltgeschichtliche Bedeutung: In dir sollen gesegnet sein alle Völker der Erde.

Ihr Völker der Welt, schaut auf diesen Ort! Hier in Lus, wo Jakob schlief, ist das Haus Gottes und die Pforte des Himmels. Beth-El, Haus Gottes, soll dieser Ort in Zukunft heißen. Nicht der Hochmut der Menschen, sondern die Barmherzigkeit Gottes hat diesen Abgrund überwunden, der den Himmel von der Erde trennt. Kein Turm, der hinaufsteigt, sondern eine Leiter, die sich herabsenkt, zeigt den richtigen Weg – Gott kommt zu den Menschen mit Barmherzigkeit und Segen.

Noch immer versuchen Menschen, den Himmel zu berühren. Flugzeuge zeichnen weiße Striche zwischen die Wolken am Himmel, Satelliten zeigen sich am Abend und am Morgen als schnell dahinziehende Lichtpunkte zwischen den Sternen. Raumsonden haben alle Planeten des Sonnensystems erkundet, einige sind sogar auf dem Weg, den Einflußbereich der Sonne zu verlassen. Wir Menschen nennen das stolz „Raumfahrt“ und haben doch nur eine Ahnung gewonnen von den unendlichen Weiten, die noch nie zuvor ein Mensch gesehen hat. Was sind ein paar Milliarden Kilometer angesichts der Tiefen des Universums.

Es ist immer noch die Neugier, das Wissen-Wollen, der Forscherdrang der Menschen, die diesen Vorstoß in den Himmel antreibt. Vielleicht auch die Sehnsucht, sich einen Namen zu machen, an den man sich in Tausend Jahren noch erinnern wird. Und sicher auch immer noch das Streben nach „göttlicher“ Macht, die sich die Natur unterwirft und dienstbar macht.

Selbstverständlich sind uns heute weltweite Echtzeit-Kommunikation, GPS-navigiertes Fahren, Überwachung von Truppenbewegungen und Umweltschäden aus dem All und demnächst auch selbstlenkende Busse, Schiffe und Erntemaschinen – alles Dinge, die ohne Satelliten und Teleskopen in der Erdumlaufbahn nicht möglich wären. Alles auf der Erde und selbst der erdnahe Weltraum wird „smart“ und nützt dem Lebenshunger der Menschheit. Vielleicht wird es sogar irgendwann den „Fahrstuhl ins Weltall“ geben, der bisher nur in der Phantasie von science fiction Autoren existiert, einen Aufzug in die geostationäre Umlaufbahn und darüber hinaus.

Doch wie die Menschen in Babylon stoßen auch wir an Grenzen. Die Ressourcen der Erde sind übermäßig beansprucht, der Planet wird ohne Rücksicht ausgebeutet, und es ist nicht mehr zu übersehen, dass es so auf Dauer nicht weiter gehen kann, dass es jetzt schon höchste Zeit ist, diesen Raubbau zu beenden. Manche sagen „Die Natur schlägt zurück, die Erde wehrt sich“ – doch ich bin überzeugt, dass wir es einfach mit den Folgen unseres Handelns zu tun haben, mit den Folgen unseres Eingreifens in ein überaus kompliziertes Netzwerk, das nun aus dem Gleichgewicht gerät und vielleicht einem tipping point, einem Kipppunkt entgegengeht, von dem es kein zurück mehr gibt. Das Leben auf der Erde wird auch dann weitergehen, es hat sich schon an größere Veränderungen angepasst – es geht weiter, nur vielleicht ohne den Menschen.

Wenn die Menschheit so mächtig ist, dass sie sein kann „wie Gott“, dass sie so wirkmächtig in das Ökosystem eingreifen kann, dass man dieses Erdzeitalter einmal das „Anthropozän“ nennen wird – dann übernimmt sie auch die Verwantwortung für die Biosphäre, für den ganzen Planeten, dessen Schicksal sie nun in Händen hat. Sind wir dazu reif? Haben wir das Wissen, diese Welt noch vor dem Kippen zu bewahren? Vielleicht müssen wir noch mehr essen vom Baum der Erkenntnis, dass wir begreifen, welche Folgen unser Handeln hat. Damit nicht die kommenden Generationen unseren Namen verfluchen. Möge Gott uns gnädig sein.

2 Gedanken zu “Wie hoch ist der Himmel?

  1. Es ist nur ein Buchstabe, der den Unterschied macht.
    Development – Devilopment …

    Entwicklung & Fortschritt funktionieren nicht ohne Gewissen und Führung, sonst pervertiert das ganze System in der Art, wie wir sie derzeit erleben, getrieben von ebenso kurzsichtiger wie skrupelloser Gier.

    Lieben Gruß dir.

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  2. Sei versichert, dass es den Menschen niemals um irgendwas anderes geht, als um ihn selbst. So war es immer und so wird es immer sein.
    Anstatt Gott zu bitten, er möge den Menschen gnädig sein, solltest Du ihn besser um Kraft bitten, um für diese arme Kreaturen da zu sein, die Menschen genannt werden.
    Denn das Fehlen von Liebe ist er einzige Grund, warum Menschen die Erde kaputt machen.
    Würde da jemand sein, der sie ehrlichen Herzens liebt und für sie da ist, dann hätte dieser Trieb seine Wirkung verloren.
    Ein schönes Schabbat Schalom mein lieber Berliner Pfarrer, der scheinbar selbst nix verstanden zu haben scheint. Hmm…Du bist doch ein Berliner, oder?

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