Wohin mit dem Plastikmüll?

Heute habe ich die dritte Bestattung in diesem Monat „gefeiert“. Ich weiß immer noch nicht – nach mehr als 3000 Trauerfeiern – ob man es nicht anders formulieren könnte. Feiert man eine Bestattung? Es ist ja irgendwie auch ein Gottesdienst, und oft genug wirklich ein Grund zu feiern, zum Beispiel heute, wo der Verstorbene fast ein ganzes Jahrhundert gesehen hat und ein reiches, erfülltes, vielfältiges Leben hatte. Also, diesen Gottesdienst habe ich mit den Angehörigen gefeiert.

Eigentlich wollte ich aber über etwas anderes schreiben: Was mich zunehmend mehr irritiert, ist, dass die meisten Urnenträger vor dem Hinablassen der Urne in das Grab das Blumengesteck oben an der Urne abmachen. Es soll nicht mit in das Grab, sondern hinterher oben drauf gelegt werden. Leuchtet mir ein. Die Blumen waren teuer und man kann sie sich ja in den Tagen nach der Trauerfeier noch ein paar mal angucken, bevor sie verwelken.

Was mich aber stört, ist, dass sie die grünen Plastikpöpsel, mit denen das Gesteck befestigt waren, einfach an der Urne lassen. Und dann liegt also die Urne von Opa Hans zwanzig Jahre lang in der Erde mit den häßlichen Plastikpöpseln oben drauf. Man sieht sie nicht, aber man weiß, dass sie da sind. Mich stört das sehr. Vor allem, weil man ja ahnt, dass nach ein paar Jahren die Urne sich auflöst und die Asche vom Regen in die Erde gespült wird und alles zurückkehrt in den großen Kreislauf von Werden und Vergehen.

Nach zwanzig Jahren ist dann nur noch eins im Grab: drei bis vier alte grüne Plastikpöpsel zur Erinnerung an Opa Hans. Plastikmüll for Future. Muss dass sein?

Liebe Urnenträger und Bestatter, die Ihr das hier lest: Bitte macht diese Plastikdinger ab, bevor ihr die Urne ins Grab senkt! Es dauert nur ein paar Sekunden und stört viel weniger als der Gedanke an den Plastikmüll im Grab, der mich durch Jahrzehnte nervt.

Wenn ich könnte, würde ich das in mein Testament und in meine Patientenverfügung schreiben: Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses und den Rest, wo immer ihr wollt – aber macht die Blumenpöpsel vorher ab! Bitte!

Gibt es Grund zur Angst? Greta Thunberg und die Folgen der Rede vor dem Weltklimagipfel

Letztes Jahr haben mich die Konfirmanden angesprochen und mich gefragt: Denken Sie auch, dass in zwanzig Jahren das Klima bei uns so sehr verändert sein wird, dass man hier nicht mehr wohnen kann? Ich habe einen Moment nachgedacht und überlegt, was wohl hinter dieser Frage stecken könnte.

Ich kenne diese Angst von früher. Vor dreißig Jahren war es die Angst vor einem Atomkrieg, die mich so sehr belastete, dass ich oft stundenlang nicht einschlafen konnte. Wir haben in der Schule einen Film gesehen, in dem sehr plastische dargestellt wurde, was geschehen würde, wenn eine Atombombe auf London fallen würde. Hunderttausend Menschen sofort tot, das Stadtzentrum eine qualmende und radioaktiv verseuchte Wüste, Millionen Menschen würden an den Spätfolgen sterben.

Was mir aber am meisten Angst gemacht hat, ist eine Szene, in der ein Mädchen in einem Garten steht und staunend diese Rakete beguckt, die einen weißen Strich über den makellos blauen Himmel zieht – und im nächsten Moment brennt ihr der Atomblitz die Augen aus, und sie schreit…

Diese emotionale Szene hat mich mehr berührt als all die Zahlen und Fakten, die sonst noch in dem Film vorkamen.

Später war es dann die Furcht vor dem Waldsterben, die durch die Medien geisterte. In den Illustrierten waren Bilder zu sehen von einst bewaldeten Hügeln, auf denen nur noch kahle Stämme standen, vertrocknete Auen, die ein paar Jahre zuvor noch grün und lebensfrisch gewesen sind. Und es gab immer wieder die Mahnung, dass es in ein paar Jahrzehnten keine Wälder mehr in Deutschland geben würde, alles abgeholzt für kurzfristigen Profit oder vergangen in den immer heißeren Sommern, in den immer trockeneren Wintern.

Und nun waren es die Konfirmandinnen und Konfirmanden, die mit dieser so vertrauten Zukunftsangst zu mir kamen; und ich habe einfach aus dem Bauch heraus geantwortet. Ich wollte beruhigen, ohne sie billig zu vertrösten. Ich kenne die Fakten nicht mehr als jeder andere Erwachsene auch, habe lange kein seriöses Werk über die aktuellen Entwicklungen gelesen. Ich habe gesagt: Ja, ich denke, das sich das Weltklima ändert und das es schwieriger wird, sich entsprechend zu verhalten, die Umwelt zu schützen und an ihrer Bewahrung zu arbeiten – aber ich denke nicht, dass schon in zehn oder zwanzig Jahren Berlin und Brandenburg unbewohnbar sein werden. Haltet die Augen offen, tut, was vernünftig ist, dann wird es schon gut gehen.

Und dann kam Greta Thunberg, und mit ihr kam das Thema Klimawandel zurück in die Massenmedien. Zuerst ging das Bild um die Welt, wie sie da ganz allein mit ihrem Pappschild auf der Straße saß: Schulstreik für das Klima. „Ich will, dass ihr beunruhigt seid!“ rief sie den Mächtigen in Europa zu; „denn das Haus brennt!“ – „Es ist keine Zeit mehr, zu diskutieren und schöne Reden zu halten, es ist Zeit, etwas zu tun!“ Schon bald taten es ihr Hunderte von jungen Leuten in aller Welt nach; sie gingen aus Protest am Freitag nicht mehr in die Schule. „Fridays for Future“ war geboren, eine Bewegung breitete sich rasch aus.

In den Medien und in den sozialen Netzwerken wurde gestritten, verehrt, bewundert, verhöhnt, beschimpft, vergöttert und verteufelt. Die junge Frau war innerhalb von Wochen zu einem Weltstar geworden, wahrscheinlich ist sie jetzt schon einer der bekanntesten und umstrittensten Menschen dieses Jahrzehnts. Alles wurde beredet und bewertet: Ihre Frisur und ihr Gesichtsausdruck, die Art, wie sie sprach und wie sie sich kleidete, ihr Autismus und immer wieder die Frage, ob man sie bewundert oder hasst, ab man sie leiden kann oder unausstehlich findet.

Vielen jungen Menschen war ihr Anliegen, die Welt zum Umdenken zu bewegen, ebenfalls wichtig, auch sie traten am Freitag in den Schulstreik und versammelten sich zu Demonstrationen. Greta Thunberg wurde zum Vorbild, die Mädchen flochten sich Zöpfe und malten Pappschilder, aber auf der Straße saßen sie nicht länger allein…

Haben Sie die Rede von Greta Thunberg noch im Ohr? „Was ist Dein Anliegen? Was hast Du den Mächtigen dieser Welt zu sagen?“ wurde sie auf dem Weltklimagipfel gefragt. Und sie antwortete zuerst: „Ich will euch sagen: Wir werden euch genau beobachten.“ Und dann begann sie mit einer sehr emotionalen Rede, die mich ähnlich beeindruckt hat wie die Szene aus dem Film damals vor vierzig Jahren: „Das ist alles so falsch! Ich sollte gar nicht hier stehen, ich sollte in die Schule gehen, drüben, auf der anderen Seite des Ozeans! Ihr nehmt mir meine Kindheit! Ihr nehmt mir die Welt, in der ich und meine Kinder leben sollen. Wie könnt ihr es wagen!“„Diese Welt steht am Rande eines Massenaussterbens, und ihr streitet euch um Verschmutzungsrechte und diskutiert über Obergrenzen für die Erhöhung der Temperatur auf dem Planeten, ihr schließt Verträge, die ihr schon nach Wochen eurer Profitgier opfert! Und ihr erzählt uns wieder und wieder das Märchen vom unbegrenzten Wachstum der Märkte und der Wirtschaft! Wie könnt ihr es wagen!“ Dann zählt sie auch Fakten und wissenschaftliche Daten auf, um ihre Argumente zu untermauern. Sie berichtet von den weltweiten Demonstrationen von Jugendlichen, die endlich eine Änderung fordern und endet dann mit dem Aufruf: „Die Welt ist erwacht! Veränderung wird kommen, so oder so. Ob ihr wollt oder nicht!“

Greta Thunberg bekam viel Applaus für diese Rede, erzielte auch den einen oder anderen Lacherfolg. Rhetorisch war die kurze Ansprache großartig gemacht. Sie steht für mich neben Reden wie „Ich habe einen Traum…“ oder anderen historisch bedeutsamen Äusserungen, die über ihr Jahrzehnt hinaus gewirkt haben. Die Mächtigen, denen Greta Thunberg ins Gewissen reden wollte, schmunzelten und klatschten freundlich lächelnd. Hatte sie nicht Recht, eigentlich, die zornige junge Frau?

Überhört wurde die Trauer und der Zorn hinter dem Satz: „Die Augen aller zukünftigen Generationen sehen euch an. Wenn ihr euch entscheidet, hier zu versagen, nichts für uns zu tun, werden wir euch niemals vergeben!“

Bald danach ging man aber zum Tagesgeschäft über, sprach über Zahlen und Fakten, diskutierte über Verschmutzungsrechte, beschloss neue Obergrenzen für die Erhöhung der Temperatur auf dem Planeten und vereinbarte Verträge zum Wachstum der Wirtschaft und der Märkte. Und eine Frau mit 28 Jahren Erfahrung in der Politik kritisierte öffentlich eine Frau, die gerade 16 Jahre alt ist, dass sie nicht konkretere und praktikablere Vorschläge gemacht hat…

Mich ärgert zunehmend die Berichterstattung über Greta Thunberg in den Medien. Das fängt schon damit an, dass fast jede Zeitung, jeder Fernseh- oder Radiosender und auch fast jeder Kommentar im Internet sie einfach „Greta“ nennt – als wäre sie eine Achtjährige, die gerade erst dem Kindergarten entkommen ist. Und in beinahe jedem Artikel wird über ihre Zöpfe geschrieben oder darüber, dass sie Autistin ist – als ob man ihre Argumente dann weniger ernst nehmen müsste! Ich bin mit sechzehn Jahren an der Schule von den Lehrern mit „Sie“ angesprochen worden. Und ich denke, dass auch eine Frau aus Schweden dieses Recht hat, auch das Recht dazu, mit Respekt angesprochen zu werden, auch und gerade wenn sie es wagt, in so jungem Alter sich der Weltöffentlichkeit zu stellen.

Weiter werden stereotyp Formeln wiederholt wie „Greta lehrt die Mächtigen das Fürchten“ oder „Sie liest den Politikerinnen und Politikern die Leviten.“ Das stimmt einfach nicht. Sie droht nicht mit Aufruhr oder Gewalt – sie sagt nur, dass viele Kinder und Jugendliche weiter die Schule am Freitag bestreiken werden, bis ihr Anliegen wirklich gehört wurde. Sie verbreitet nicht Angst, sondern sie legt die beängstigenden Tatsachen auf den Konferenztisch: „Ja, ich will, dass ihr in Panik geratet, denn wir leben in einem Haus, das brennt!“ Nicht sie oder was sie sagt, ist zu fürchten. Angst macht mir aber die Tatsache, dass weiterhin ihre Rede und die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung von Politik und Wirtschaft ignoriert oder geleugnet werden.

Und Greta Thunberg schwingt sich nicht zur Richterin über Politik und Wirtschaft auf, wenn sie sagt: „Wir“ – und damit meint sie wohl die Kinder und Jugendlichen, die sich in der Bewegung „Fridays for Future“ engagieren – „Wir werden Euch genau beobachten!“ Dies ist ja, anders formuliert, eine der Grundlagen der Demokratie, dass Bürgerinnen und Bürger das Handeln der Politiker beobachten und entsprechend reagieren – mit Demonstrationen, Streik und anderen öffentlichen Meinungsäußerungen und nicht zuletzt dereinst an der Wahlurne. Dass auch Kinder und Jugendliche dies tun, dienoch nicht wählen dürfen, halte ich grundsätzlich für richtig und gut. So können sie sich von Anfang an eine begründete Meinung bilden und ihren Standpunkt auch selbst vertreten.

Drittens ist es auch einfach nicht wahr, wenn die Bewegung Fridays for Future mit einer Art Sekte verglichen wird und Greta Thunberg immer wieder als „Prophetin“ oder „Erlöserin“ oder ähnlich beschrieben wird. In ihren Reden und Ansprachen zitiert sie immer wieder Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung, die für die nahe Zukunft signifikante Veränderungen an Natur und Umwelt voraussagen – aber sie ist keine „Unheilsprophetin“ im Stil einer Kassandra oder eines Amos und beruft sich nie auf besondere, übernatürliche oder göttliche Eingebungen. Was sie sagt, kann jeder in veröffentlichten wissenschaftlichen Studien nachlesen.

Eines aber hat sie mit den alttestamentlichen Propheten wirklich gemein: Sie will bewirken, dass Menschen umdenken und ihr Verhalten, ihre Gewohnheiten ändern. Nicht „Buße“ in einem religiösen oder moralischen Sinn ist gefordert, sondern einfach der Wille, den erkannten Notwendigkeiten entsprechend zu leben und uns so zu verhalten, dass die absehbaren katastrophalen Folgen unseres Tuns nicht in diesem oder im nächsten Jahrhundert eintreten.

Greta Thunbergs Argument dafür ist einfach – wenn wir uns nicht einschränken, anders leben, die Natur schützen, dann wird diese Welt schon bald nicht mehr die sein, die wir kennen. Dann wird das Leben auf ihr sehr viel schwerer werden. Vielleicht wird die Welt sogar für Menschen unbewohnbar. Was wir gewohnt sind, was die Menschen in den verschiedenen Kulturen der Erde über Jahrhunderte aufgebaut haben – es wird nicht mehr funktionieren. Weil die Veränderungen zu gewaltig, zu einschneidend sein werden, als das das „gewohnte“ Leben weiterhin möglich ist.

„Die Welt ist erwacht! Veränderung wird kommen, so oder so. Ob ihr wollt oder nicht!“ Die Jugend der Welt fordert Veränderung des Verhaltens der Wirtschaft und der Politik und ist bereit, auch selbst anders zu leben. Die Veränderung wird kommen, ob es uns gefällt oder nicht. Weil wir entweder freiwillig umdenken und anders leben – oder weil die Veränderung des Klimas und der Umwelt dazu zwingen werden.