Wo warst Du, als die Mauer fiel?

Ich bin 1973 nach West-Berlin gezogen, damals war ich zehn Jahre alt. Meine Eltern haben mir vor dem Umzug erzählt, dass Berlin eine geteilte Stadt ist, dass zwischen Osten und Westen eine Mauer gebaut wurde. Vorher wohnten wir in Braunschweig, und ich hatte seltsamerweise weder in der Grundschule noch bei den Gesprächen zuhause am Küchentisch etwas von der DDR gehört.

Als ich die Mauer dann zum ersten Mal sah, war ich enttäuscht. Ich hatte mir eine gewaltige Mauer aus schweren Felsblöcken vorgestellt, mindestens zwanzig Meter hoch und mit Zinnen oben drauf, wie die Burgmauern der Festungen, die ich in meinen Büchern über das Mittelalter gesehen hatte, wir die Kreuzritterburgen auf Malta und Rhodos.   Statt dessen gab es da nur ein ziemlich kümmerlich aussehendes Mäuerchen aus Betonplatten, mit einem Rohr oben darauf, damit man nicht einfach so rüberklettern kann. Dort, wo wir wohnten, gab es ausserdem einen hölzernen Aussichtsturm, auf den man steigen konnte; und von dort oben konnte man die Panzersperren sehen, die Gänge, in denen die scharfen Hunde liefen, die Straße, auf denen in unregelmäßigen Abständen Soldaten in kleinen Kübelwagen Patroullien fuhren, und die schmale Wiese, in denen Sprengfallen und Nagelbretter versteckt waren. Außerdem gab es da den Wachtturm, in dem immer zwei Soldaten mit Gewehren und Ferngläsern saßen. Vom Schießbefehl und von den Toten an der Mauer haben mir meine Eltern damals nichts erzählt.

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Wir hatten Verwandte im Osten, denen wir zu Weihnachten immer Pakete schickten, mit Sachen, die es im Osten nicht gab: Batterien, Taschenrechner, Kerzen, manchmal auch Obst. Als Antwort kam ein paar Wochen später ein Paket mit dem Dresdener Christstollen, den niemand in der Familie so wirklich gern mochte und dessen letzte Stücke wir immer erst gegen Ostern aßen, da waren sie dann hart und trocken wir altes Brot.

Einmal machten wir einen Besuch in Ostberlin; wir hatten uns dort mit Verwandten verabredet. Drei Wochen vorher mussten wir mit unseren Ausweisen in ein miefiges Büro in Wedding und dort einen Passierschein bestellen, dabei mussten wir auch den Zwangsumtausch bezahlen, und wir bekamen DDR-Mark dafür, billig wirkende Münzen aus Aluminium, für die wir uns später im Restaurant am Alexanderplatz Club-Cola und Kuchen kauften.

Unsere Verwandten luden uns ein, in das Restaurant in der Kugel auf dem Fernsehturm zu fahren. Dart gab es Kaffee und noch mehr Kuchen, und die Kugel drehte sich ganz langsam, so dass man einmal in der Stunde in alle Richtungen gucken konnte. Nach Norden hin konnten wir sogar unser Hochhaus im Märkischen Viertel erkennen, nach Westen hin das Brandenburger Tor und die Siegessäule, im Süden das Gasometer in Schöneberg und den Steglitzer Kreisel. Was im Osten zu sehen war, kannten wir nicht; wir sahen unzählige Häuser und breite Straßen, die für uns keine Namen hatten.

Die Kontrollen an der Grenze waren immer sehr aufregend. Im „Tränenpalast“ musste man lange anstehen, bis man endlich in eine kleine Kabine treten konnte, wo dann der Grenzbeamte in Uniform den Ausweis kontrollierte, den Passierschein entgegen nahm und das Visum ausstellte. Streng blickte er uns Kindern in die Augen, und vielleicht wusste er, wie sehr unser Herz dabei klopfte. Es war jedes Mal wieder eine Erlösung, wieder an der frischen Luft zu sein.

Nicht weniger aufregend waren die Kontrollen an der Transitstrecke. Wenn wir mit einem Bus voller Jungen und Mädchen auf Konfirmandenreise gingen, musste man am Grenzübergang immer eine Teilnehmerliste vorlegen, der Grenzbeamte ging dann durch den Bus und ließ sich von der Kindern ihre Ausweise zeigen, während der verantwortliche Gruppenleiter vorne im Bus betete, dass niemand einen dummen Spruch machte. Es wurden schon Busse stundenlang an der Grenze festgehalten, weil irgendwelche Spaßvögel was von Republikflüchtlingen im Kofferraum oder von Drogen unter dem Bus erzählt hatten. Meistens ging aber alles gut, und manchmal waren die Grenzbeamten sogar freundlich.

Ich stellte mir oft vor, wie öde der Tag für die Männer sein musste, die stundenlang in der Wachttürmen sitzen mussten, bei Sonne und Regen, Kälte und Hitze, und die grauen und trostlosen Grenzanlagen beobachten mussten. Was sie wohl über die Touristen auf der hölzernen Aussichtsplattform auf unserer Seite der Grenze gedacht haben?

Nur einmal im Jahr, wenn wir Silvester feierten und das Feuerwerk abbrannten, feierten die Menschen in den Wachttürmen anscheinend auch: Punkt zwölf stieg aus jedem Turm eine rote Leuchtkugel in den Himmel. Das sah wunderschön aus und war in seiner Bescheidenheit irgendwie feierlicher und angemessener als das bunte Lichtgeflitter und die Böllerschüsse auf unserer Seite. In diesem Moment fühlte ich mich diesen Männern sogar irgendwie verbunden.

Als ich älter wurde, bin ich manchmal auch allein nach Ost-Berlin gefahren. Ich hatte einen Brieffreund in Halle und zwei Tanten in Heiligenstadt. Die habe ich getroffen, bei den Tanten sogar einmal ein paar Tage übernachtet. Îch erinnere mich an Alpträume, in denen ich bei den Grenzkontrollen bei der Ausreise festgehalten wurde und nicht mehr nach Hause durfte, ich träumte von Nächten in Gefängnissen und von abenteuerlichen Fluchten über den Todesstreifen an der Grenze. Und ich wusste: Was ich nur träumte, haben andere wirtklich erlebt.

Aus unserem Küchenfenster konnten wir über die Mauer gucken. Dort war das Dorf Rosenthal mit einer kleinen Dorfkirche. Immer wieder dachte ich, dass ich zu gern einmal sehen würde, wie die Kirche von innen aussieht. Ich wollte wissen, ob dort überhaupt Gottesdienste gefeiert werden, ob es dort eine Gemeinde gab, und wie es sich wohl für die Menschen dort anfühlte, über die Grenze auf die Hochhäuser des Märkischen Viertels zu schauen.

Dann kamen die aufregenden Tage im November 1989. Ich habe in dieser Zeit studiert, wohnte und lente in Zehlendorf, ziemlich weit ab von den Bezirken in der Mitte Berlins, die damals vor Aufregung summten. Ich hörte von den Demonstrationen in Berlin und in Leipzig, die DDR-Sender berichteten von den Leuten, die riefen „Wir sind das Volk!“ Die alten Betonköpfe in der Regierung der DDR wollten die anstehenden Veränderungen nicht wahr haben, „Den Sozialismus in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf…“ hieß es.

Die Nacht, in der die ersten Grenzübergänge geöffnet wurden, habe ich verschlafen. Am nächsten Morgen redeten meine Mitbewohner in der Küche im Studentenwohnheim davon, sie hatten im Fernseher die Menschenmassen gesehen, die auf der Mauer tanzten oder mit dem Trabant über die Bornholmer Brücke fuhren. Ich habe es ihnen zuerst nicht geglaubt, es kam mir trotz allem so unwirklich vor. Die meisten Menschen, die in diesen Tagen nach Berlin kamen, wollten nur einmal gucken, wie es im Westen ist, und sie sind dann wiede nach Hause gefahren. Nicht viele sind geblieben, kamen dann zuerst in eines der „Auffanglager“, bis sie Wohnung und Arbeit gefunden haben. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie hier auch ganz selbstverständlich zu Hause sein konnten.

4 Gedanken zu “Wo warst Du, als die Mauer fiel?

  1. Ich bin gerade mit Mann und Kind in ein kleines altes Haus gezogen. unsere erste eigene Wohnung,das zweite Kind war unterwegs und sollte Anfang Januar zur Welt kommen. Ich verfolgte das geschehen am alten Fernseher den wir von meiner Oma geerbt hatten. Ich weiß genau dass ich vor dem Fernseher gestanden bin und geweint habe. ich konnte es nicht wirklich begreifen. Erst im Sommer ist meine langjährige Brief Freundin mit Mann und Kindern ausgereist. Wir haben uns acht Jahre lang Briefe geschrieben und ich habe in dem Sommer zum ersten Mal am Telefon ihre Stimme gehört. Berlin selbst habe ich 2013 zum ersten Mal besucht.

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  2. Mein ältester Sohn ist beinahe auf den Tag genau neun Monate später geboren worden.
    Keine Ahnung, was ich an dem Tag gemacht habe.
    Aber am Sonntag danach bin ich zum ersten Mal seit langer Zeit in einen Gottesdienst gegangen und habe leise „Danke“ gesagt.

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  3. Immer wieder spannend für mich persönliche Zeugnisse zu hören. Als sehr junge Erwachsene habe ich in deutschsprachig Ostbelgien den Mauerfall nur vom Hörensagen mitbekommen. Gefreut haben wir uns trotzdem, irgendwie innerlich gejubelt, denn das Wort „Freiheit“ war und ist ein wichtiges Wort für unsere Generation! Danke fürs Erzählen! Hab eine gute Woche, Holda Stern-Sabina

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