Gedanken zum Fest der deutschen Einheit

Geschichte wird von den Siegern geschrieben. Ob ein Volksaufstand ein heroischer Kampf um die Freiheit war oder ein Putschversuch, hängt ganz davon ab, wer am Ende gewonnen hat. Rebellen oder Widerstandskämpfer, Invasoren oder Befreier, Schutzmacht oder Besatzer – letztlich hängt alles daran, wer am Ende gewonnen hat. Bis dahin ist alles nur Propaganda.

Heute wird in Berlin an vielen Orten an den Fall der Mauer gedacht. Es gibt Dutzende von Festen und Gedenkfeiern, überall erzählen Zeitzeugen von dem, was da vor dreißig Jahren geschehen ist, und die Menschen freuen sich gemeinsam darüber, dass die tödliche Grenze gefallen ist und Familien und Freunde wieder vereint waren.

Auch Kirchenleute sind stolz darauf, dass sie damals eine wichtige Rolle im Zeitgeschehen spielten. Die Gemeinden stellten ihre Räume für Diskussionen und Friedensgebete zur Verfügung, Pastoren und Pfarrer beteiligten sich an runden Tischen und Foren, auf denen über die Zukunft der Republik und über die möglichen Formen zukünftige Einheit diskutiert wurde. Demonstrantinnen und Bürgerrechtler trafen sich an Kirchen und auf Marktplätzen, nicht ohne hohes persönliches Risiko. Sie haben gehofft und geglaubt, dass Gott durch sie wirkt und in die Geschichte eingreift. Vielleicht war es aber das größte Wunder von allen, dass nirgendwo ein nervöser Soldat den Auslöser an seinem Maschinengewehr zog.

Fast überraschend kam dann der Satz, dass die Ausreise nun möglich sei – „unverzüglich, ab sofort“ – und überall in beiden deutschen Staaten wurde improvisiert und und provisorische Fakten geschaffen; und nicht wenige fürchteten, dass schon in wenigern Tagen alles vorbei sein würde, dass die offene Grenze eine kurze wunderbare Episode bleiben würde.

Große Sätze wurden gesagt, einprägsam mit beinahe biblischer Wortgewalt: „Berlin wird leben, und die Mauer wird fallen!“ – „Wir Deutschen sind nun das glücklichste Volk der Erde!“ – „Berlin, nun freue dich!“ – „Wir sind ein Volk!“

Heute ganz besonders, aber wahrscheinlich noch im ganzen kommenden Jahr wird daran erinnert werden, wie die deutsche Teilung überwunden wurde. Und es wird so sein: Der Gewinner schreibt Geschichte, der Sieger der deutschen Einheit bestimmt die Sprache, Vergleiche und Bilder, mit denen diese Geschichte erzählt wird.

Anschluß oder Vereinigung, Beitritt oder Wiedervereinigung – mit den kleinen Worten für das, was zu planen war, fing es an. Und diese wirkten sich aus bis in die tägliche Praxis, in den Alltag der Menschen in Ost und West. Die Treuhand wurde gegründet, viele Betriebe, Kombinate und Produktionsgenossenschaften wurden abgewickelt. Es gab Streit um Häuser und Grundstücke zwischen den Menschen, die Eigentümer waren und denen, die seit Jahrzehnten darauf wohnten. Gebietsreformen und und Flurbereinigungen schufen Unsicherheit und Angst unter den Menschen im Osten, manche fühlten sich an die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg erinnert, als die Russen alles demontierten und abtransportierten und ein Land am Rande des Abgrunds zurückließen.

Viele Menschen im Osten fühlten sich überrumpelt und betrogen, ihrer Jugend beraubt und um ihr Lebenswerk gebracht. Auf einmal sollte alles nicht mehr gelten, was sie in ihrem Leben aufgebat haben? Sollte wirklich nur das Ampelmännchen und der grüne Rechtsabbiegepfeil an den Kreuzungen von dem bleiben, was einmal ihre Heimat war?

Es ist Eins, zurück zu blicken auf eine großartige historische Errungenschaft wie die deutsche Einheit es zweifelsfrei ist; es ist ein Anderes, an so einem Gedenktag nach vorn zu blicken in die Zukunft und zu überlegen, was werden kann und soll. Nach dreißig Jahren ist die Einheit noch immer nicht verwirklicht, immer noch reden wir von Ost und West, immer noch zeigen Wahlergebnisse, Statistiken, Einkommensverhältnisse, Meinungsumfragen deutliche Unterschiede.

Es ist ein abgegriffenes Bild, aber trotzdem leider wahr: Die Mauer in den Köpfen steht nach dreißig Jahren immer noch. Es bleibt noch viel Arbeit zu tun.

Die Einheit, die Freiheit und das geschwisterliche Miteinander im Staat und in der Gesellschaft wird keiner Generation einfach so geschenkt. Jede Generation muss sich Einheit und Freiheit selbst erarbeiten. Sie muss es wollen, sie muss es erarbeiten und sie muss es gegen die Widersacher der Freiheit verteidigen. Sie muss neue Worte und andere Bilder finden, die wahr sind und nicht nur Propaganda. Sie darf sich nicht nur alte Wunden lecken und vergangenes Unrecht betrauern. Sie darf sich nicht einfangen lassen von Populisten, die Angst schüren aus eigennützigen Gründen. Sie darf sich nicht einreden lassen, dass es wieder Zeit ist, neue Grenzen zu ziehen und neue Mauern zu bauen und Fremde nicht länger willkommen zu heißen.

In der Bibel heißt es: Zur Freiheit seid ihr befreit, darum lasst euch nicht wieder einfangen und erneut unter das Joch zwingen! Mit Selbstbewusstsein und gesundem Menschenverstand wollen wir unsere Geschichte erzählen und uns dann umwenden und ebenso selbstbewusst und ebenso vernünftig unsere Zukunft gestalten!

Was kann und muss die Kirche dabei tun? Wir, die acht Gemeinden rund um den Flughafen, wollen Orte sein, an denen man miteinander spricht. Wir wollen helfen, Geschichte mit anderen Augen zu sehen. Die Kirche hat schon immer eine etwas andere Perspektive gehabt; nicht immer zum Vorteil für die Menschen und die Gesellschaft, aber doch immer etwas außerhalb und als Gegenüber von Staat und Regierung. Wir haben nur noch wenig Möglichkeiten und Ressourcen in unseren Orten, aber was wir haben, das teilen wir gern. Wo es nötig ist, werden wir auch protestieren und Widerstand leisten. Wir werden immer für das Leben einstehen, für Frieden und Gerechtigkeit für die Armen und Schwachen. Wir hoffen und glauben, dass Gott durch uns wirkt, wie er es will. Was wir können und was notwendig ist, wollen wir tun. Mit Gottes Hilfe. Amen.

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