Wort der Woche: Glück…

Seit heute morgen steht auf meinem Küchentisch ein kleiner Blumentopf mit vierblättrigem Klee darin. Und mit einem goldenen Hufeisen aus Plastik, einem Schornsteinfeger aus Draht und einem rosa Schweinchen.

„Das bringt Dir Glück!“ sagte mir der liebe Mensch, der dieses Gesteck für mich kaufte…

Für mich war das ein Anlass, darüber nachzudenken, warum eigentlich Klee und Schornsteinfeger Glück bringen sollen, und was das überhaupt ist: Glück.

Ich bin eigentlich nicht abergläubisch. Aber ich verstehe, was Menschen dazu bringt, mit diesen Symbolen eine gewisse Hoffnung zu verbinden: Vierblättriger Klee war früher einmal sehr selten. Nur ab und zu fand man unter all den normalen dreiblättrigen Kleepflanzen eine Mutation, die vier Blätter an ihrem kurzen Stängel hatte. Auch den Schornsteinfeger mit seinem schwarzen Anzug und dem charakteristischen Zylinder sah man nicht so häufig, wenn auch früher noch öfter als jetzt in diesen Zeiten der Fernwärmeheizung.

Dass ein Pferd ein Hufeisen verlor, kam wohl auch nicht so oft vor; und ich nehme an, dass der Kutscher oder der Reiter, dem das geschah (welch ein Unglück!), das Hufeisen in der Regel aufgehoben und mit zum nächsten Hufschmied genommen hat, Eisen war nämlich nicht billig. Darum hat man sicher nicht oft pferdelose Hufeisen gefunden. Es sind seltene und eher unwahrscheinliche Ereignisse, von denen man glaubt, dass sie Glück bringen.

Vierblättriger Klee bringt kein Glück; man braucht schon ziemlich viel Glück, um überhaupt erst mal welchen zu finden. Ein Hufeisen bringt kein Glück, aber es ist recht unwahrscheinlich, dass man eins findet.

Und wenn man schon einmal so weit in die Sphäre des Unwahrscheinlichen eingedrungen ist, dass man ein vierblättriges Kleeblatt findet oder eben ein Hufeisen, dann ist es doch gut möglich, dass man an diesem Tag noch weitere Unwahrscheinlichkeiten erlebt und beispielsweise im Lotto gewinnt, die Frau fürs Leben trifft oder ein lang schon verloren gegangenes Schmuckstück wieder entdeckt. Wenn man eine Sternschnuppe sieht, darf man sich etwas wünschen. Und am Ende des Regenbogens ist vielleicht ein Topf voller Gold vergraben.

Glück wäre dann – nach diesem vorwissenschaftlichem Verständnis – eine Art Verschiebung der Wahrscheinlichkeit für seltene Ereignisse. Wenn man schon gegen jede Erwartung ein Hufeisen gefunden hat, dann könnte es doch sein, dass eine Art Unwahrscheinlichkeitsfeld um einen herum existiert, das auch noch andere Wunder und seltsame Dinge möglich oder zumindest wahrscheinlich macht – wahrscheinlicher, als sie unter normalen Umständen wären.

So gesehen kann allerdings gekaufter Glücksklee gar nicht wirken: der ist nämlich mit Absicht so vierblättrig gezüchtet worden – und ist darum weder selten noch unwahrscheinlich. Silvester findet man ihn in jedem Blumenladen. Mit Sicherheit.

Gebet zur Weihnachtszeit

Gebet zur Christvesper mit Kindern

Lieber Gott im Himmel,
Du bist zu uns gekommen.
Ein Mensch bist Du geworden, ein Kind in einer Krippe.
Heute kommen wir zu Dir,
wie Maria und Josef, wie die Engel, die Hirten,
wie die Weisen aus dem Morgenland kommen auch wir,
um Dir zu danken, dass Du so nahe bei uns bist.

Wir rufen zu Dir: Du bist unser Licht!

Maria und Josef sind nach Bethlehem gekommen.
Du, Gott, hast sie begleitet und geführt.
Du bist zu ihnen gekommen.
Jesus ist geboren.
Du zeigst auch uns den Weg.
Begleitest und führst uns durch jeden Tag durch unser Leben.
Du bist bei uns.
Wir sind deine Kinder.

Wir rufen zu Dir: Du bist unser Licht!

Die Engel sind nach Bethlehem gekommen.
Sie haben gesungen über den Feldern bei den Schafhürden.
Sie haben den Hirten gesagt: Seht, da ist Gottes Sohn!
Ehre sei Gott und Friede auf Erden.
Auch wir freuen uns über Dich.
Auch wir wollen jubeln und singen!
Wir wünschen Frieden für uns
und alle Menschen auf dieser Welt.

Wir rufen zu Dir: Du bist unser Licht!

Die Hirten sind zur Krippe gekommen.
Sie haben das Kind gesehen.
Und sie sind zu vielen Menschen gegangen
und haben ihnen von Jesus erzählt.
Auch wir wollen erzählen von Dir, Jesus.
Gib uns die richtigen Worte.
Dass wir die Traurigen trösten mit deinem Namen
und den Mutlosen Kraft geben durch dich.

Wir rufen zu Dir: Du bist unser Licht!

Die Weisen aus dem Morgenland sind zur Krippe gekommen.
Sie haben den Stern gesehen und sind ihm gefolgt.
Voller Hoffnung sind sie gekommen.
Sie haben den neuen König gefunden und ihn angebetet.
Gib auch uns Hoffnung,
dass wir unterwegs bleiben und nicht müde werden.
Dass wir nicht stehen bleiben auf halbem Weg.
Dass wir dich suchen, bis wir Dich gefunden haben.

Wir rufen zu Dir: Du bist unser Licht!

Wir sind zu Dir gekommen
weil Du das Licht des Lebens bist.
Du zeigst uns den Weg, der zum Leben führt.
Du nimmst uns an, Du nimmst uns auf.
An Deiner Seite können wir froh in die Zukunft gehen,
weil Du bei uns bist, haben wir Mut.

Wir beten gemeinsam,
wie Du mit Deinen Jüngern gebetet hast:
Vater unser im Himmel…

Sie hat Ja! gesagt…

Sie hat ja gesagt! Josef und Maria waren miteinander verlobt. Damals war es noch nicht üblich, dass junge Leute selbst solch wichtige Verabredungen treffen. Zärtliche, spielerische Liebe spielte keine so wichtige Rolle. Es ging um das Geschäft und um die Zukunft zweier Familien, um Verläßlichkeit und Treue. Wahrscheinlich haben ihre und seine Eltern miteinander gesprochen und die Einzelheiten dieses Ehebundes gemeinsam geklärt. Josef war keine schlechte Partie, ein erfahrener Zimmermann, solides Handwerk, im Ort bekannt und angesehen; Josef war ein Mann, dem sich eine Frau anvertrauen konnte, der wohl in der Lage war, sie und die Kinder zu ernähren; fromm und gottesfürchtig war er auch, der hatte keine Flausen im Kopf, auf den konnte man sich verlassen. Aber auch Marias Familie hatte einen guten Ruf, sie war um ein paar Ecken herum mit Zacharias verwandt, und der war Priester im Tempel in Jerusalem. Wahrscheinlich war auch ihre Familie nicht arm, angesehen, verlässlich. Und so gab es einiges zu besprechen, bis alle zufrieden waren mit dem Ehevertrag. Zuletzt wurden sicher auch Maria und Josef selbst noch gefragt – und sie sagten ja.

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Sie hat ja gesagt. Ein paar Monate später spürte sie den Engel im Raum. Gegrüßt seist Du, Maria, Begnadete. Gesegnete. Begabte. Gott ist mit dir. Du wirst ein Kind bekommen. Groß wird er sein, der Sohn des Höchsten. Der Friedefürst. Der Gott mit uns. In ihm sollen sich die alten Prophezeihungen erfüllen. Maria hatte sicher andere Pläne für ihr Leben, sah sich als stolze Mutter von fünf bis acht Kindern an der Seite Josefs. Ein ruhiges, sicheres Leben in Nazareth. Besuche in der Synagoge. Bescheidener Reichtum. Geachtetes und geehrtes Mitglied der Gemeinde. Aber nun griff Gott in ihr Leben, und alles könnte, alles würde anders sein. Ob sie das in diesem Augenblick schon kommen sah? Ob sie ahnte den Zorn und den Zweifel Josefs, ihres Verlobten? Ob sie im Voraus sehen konnte die Enttäuschung ihrer Mutter über die Verdorbenheit ihrer Tochter, die Bitterkeit ihres Vaters, der wegen der verletzten Familienehre grollte? Den Spott der Nachbarn, das Getuschel der Freundinnen über die Schwangere, die den Vater ihres Sohnes nicht nennen konnte? Ob sie etwas wusste von dem Leid, das sie erfahren sollte, und von zukünftigen Tränen? Sie spürte die gespannte Erwartung des Engels, der den Raum erfüllte mit unsichtbarer Herrlichkeit, mit einem Licht wie nicht von dieser Welt – und sie sagte ja.

Sie hat ja gesagt. Und sie wurde schwanger, wie der Engel es gesagt hatte. Und gegen alle Erwartung blieb Josef bei ihr. Auch mit ihm hatte der Engel geredet, sogar der Sohn Gottes braucht einen Vater in dieser Welt. Als man dem jugendlichen Körper Marias ansehen konnte, dass er nicht mehr unberührt war, verließ sie die Stadt, in der sie groß geworden war, in der jede und jeder sie kannte. Sie zog für einige Wochen zu Elisabeth, ihrer Verwandten, floh vor dem Gerede und den Blicken, den neugierigen, den schadenfrohen, den enttäuschten, den mitleidigen und verachtenden. Elisabeth würde sie verstehen, auch sie war ins Gerede gekommen wegen einer unzeitigen Schwangerschaft. Ihr Mann, der Priester, hatte die frohe Botschaft aus dem Tempel mitgebracht, stumm vor Staunen, er selbst hatte es nicht glauben können, die Sprache hat`s ihm verschlagen, aber sie wusste, dass es stimmt, im Moment, als er es sagte, wusste sie es, dass sie noch einmal ihre Fruchtbarkeit beweisen konnte, in ihrem Alter. Sie würde Maria verstehen, helfen mit Lebenserfahrung und heißen Umschlägen, mit tröstenden Worten und kundigen Händen. Darum ging Maria zu ihr, und sie nahm ihre Verwandte gastfreundlich auf. Als sie sich sahen, Elisabeth und Maria, da hüpfte das Kind in ihrem Leib. Sie sagte ja.

Wer ja sagt, sagt auch nein. Wer sich für ein Leben entscheidet, schließt gleichzeitig tausend andere Wege, zehntausend andere Möglichkeiten aus. Maria sagte ja zu Josef, und später sagte sie ja zu dem Engel. Schließlich sagte sie ja zu Gott, und er kam in ihr zur Welt. Der nahm sie beim Wort, und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, voller Gnade und Wahrheit.

Er hat ja gesagt. Das Ewige schmilzt hinein in diese Welt, als ob der Himmel zerrissen wäre und die Wolken zerbrochen, wie Tau und unendlicher Regen, wie ein senkrechter Fluß strömt das Leben in die Welt, aber nicht wie damals zur Zeit von Noahs Arche, als Gott nein sagte zu der Verkommenheit der Menschen, zu der Gottesferne derer, die den Turm von Babel gebaut hatten, um sich einen Namen zu machen und sich selbst einen Weg in den Himmel zu erarbeiten, nein zu der Gottesferne von Kain, der seinen Bruder erschlug, um ein Opfer zu haben und Blut zu sehen, und nein zu Adam, der Gott sein wollte an der Stelle Gottes und ihm – dem Schöpfer – selbst die Schuld geben wollte an seinem Abfall: Die Frau, die Du, Gott, mir gegeben hast, gab mir von der Frucht, und ich aß…

Er hat ja gesagt, und die Gottferne, die der Mensch aus sich nie überwinden konnte, war auf einen Schlag bedeutungslos, denn ER war gekommen, ER wurde Mensch unter den Menschen, ein Kind in dieser kalten, engen, lieblosen Welt, ER hat ja gesagt, und da ist kein Nein mehr in alle Ewigkeit. Sprachlos wie Zacharias steht auch Josef dabei, geblendet hören die Hirten den Gesang der Engel, nur Maria findet noch Worte, stammelnde, geborgte, übernommene aus dem Heiligen Buch, weil die eigenen Worte nicht ausreichen für das, was sie zu sagen hat: Groß macht meine Seele den Herrn, denn er hat mich gesehen und mich mit Segen überschüttet, unerwartet, unverdient. IHN erhebt meine Seele, denn er erhebt die Armen und Niedrigen und stürzt die Hochmütigen und Stolzen von ihrem Thron. Und was er allen Glaubenden versprochen von Abraham an bis heute, das hat er an mir und durch mich verwirklicht, um mit seinem Segen zu überschütten alles was lebt, so unerwartet und unverdient, wie er es an mir getan.

Er hat ja gesagt, Jesus, der Nazarener, und er blieb seiner Liebe treu bis in den Tod, bis in das letzte Nein und durch dieses hindurch, und er trug sein ja an das Kreuz und in das Grab und in den Ostermorgen und in das helle, neue, unvergleichliche Licht des neuen Anfangs. Denn auf alle Versprechen Gottes ist in ihm das JA.

Mit der Katze beim Tierarzt

Einmal im Jahr muss es sein: Im Dezember gehe ich mit der Katze zum Tierarzt. Da wird sie gegen Tollwut und Katzenseuche geimpft, gegen Katzenschnupfen und Würmer, ihr Bauch wird abgetastet und ihre Zähne werden begutachtet, und wenn es nötig ist, wird der Zahnstein entfernt.

Maya hasst es. Nicht nur den Tierarztbesuch selbst, sondern schon die Fahrt dahin. Alles beginnt damit, dass ich die Katzentransportbox aus dem Keller hole. Schon zwei Tage vor der schrecklichsten Stunde des Jahres stelle ich die große Plastikkiste in den Flur, mit einer weichen Decke darin und offener Tür. Alle Jahre wieder erklärt die Katze diese Box zu ihrem Lieblingsplatz, sie zieht fast sofort darin ein und schläft sogar in der Kiste. Sie lernt nie nichts dazu…

Denn plötzlich ist die Tür dann doch zu und ich trage die Box mit der Katze darin durch das Treppenhaus zum Auto. Erst da merkt die Katze, dass irgend etwas nicht in Ordnung ist, und sie beginnt, jämmerlich um Hilfe zu rufen. Sie hat da einen ganz eigenartigen Ton, den sie sonst nie macht: Sie klingt gar nicht wie eine Katze, sondern wie eine junge Frau, und schreit „Jaul!“ Sie jault nicht, sondern sie spricht, und sie sagt „Jaul!“ Wie im Comic.

Ich finde es aber gar nicht komisch, sondern mein Herz zerbricht fast bei diesem Ton, und dabei hat das Schlimmste noch gar nicht angefangen. Kaum fahren wir los, geht es in einer Tour fort. „Jaul,. Jaul, Jaul!“ klagt die Katze, und vor lauter Aufregung pinkelt sie in ihren Karton und sabbert, bis ihr Gesicht und ihr Hals ganz naß sind.

Die Fahrt dauert nur sieben Minuten, aber für sie scheint in diesen Minuten die Welt unter zu gehen…

Im Wartezimmer des Arztes ist dann wieder Ruhe; aber ich weiß nicht, ob sie sich aus Angst vor den anderen Katzen, den Hunden und Kaninchen im Wartezimmer ganz leise in ihrer Kiste versteckt hält oder ob sie sich nach der aufregenden Autofahrt wirklich beruhigt hat. Ich streichle sie, aber sie ist ganz still und rührt sich nicht.

Nach einer Viertelstunde kommen wir dran und gehen in das Behandlungszimmer der Ärztin, ich trage die Katze in der Kiste hinein. Auf einem niedrigen Metalltisch stelle ich die Kiste ab und öffne sie. Die Katze will versteckt bleiben, aber ich kann das ganze Oberteil der Box abnehmen. Die Katze wird gewogen, dann ziehe ich mir feste Bauarbeiterhandschuhe an, weil Maya manchmal beißt, wenn sie Spritzen bekommt. Sonst ist sie die friedlichste Katze der Welt, aber wenn die Nadel durch ihre Haut geht, vergisst sie sich.

Ich komme mir wie ein Verräter vor, während ich die Katze ganz fest halte, damit die Ärztin die Impfspritze verabreichen kann; die kleine Katze drängt sich an mich und versteckt ihren Kopf in meiner Armbeuge. Aber es nutzt nichts. Die Ärztin spricht beruhigend auf sie ein, aber ich glaube, ihre Worte sollen eher mich beruhigen als die Katze. Bei dem Pieks zuckt sie zusammen und schreit kurz auf; aber die Ärztin ist sehr gut und beeilt sich, nach ein paar Sekunden ist es vorbei. Zum Glück gibt es die drei Impfstoffe in einer einzigen Spritze. Die restliche Untersuchung ist für die Katze zwar unangenehm, tut aber nicht mehr weh.

Zuletzt darf sie wieder in ihre Kiste, ich bekomme einen sehr vorwurfsvollen Blick, und dann ist sie wieder versteckt. Ich bezahle die Arztrechnung, verabschiede mich und trage die Kiste mit Maya darin zurück ins Auto. Auf der Fahrt wird wieder mit Menschenstimme gejault. Und noch mehr gesabbert.

Zuhause stelle ich die Kiste in den Flur, öffne die Tür und lasse die Katze in Ruhe. Aber nach fünf Minuten ist sie bei mir am Schreibtisch, kuschelt um meine Beine herum und schnurrt. Zum Glück ist sie nicht nachtragend. Oder sehr vergesslich. Denn im nächsten Jahr wird sie wieder die Kiste für zwei Tage zu ihrem Lieblingsplatz erklären…

Seht ihr dieses Licht?

Predigt am 8.12.19
Predigttext: Lukas 21, 25-33: Erhebt eure Häupter, denn der Herr kommt…

Liebe Gemeinde!

Vorspiel: Seht auf und erhebt eure Häupter…

Wenn ich über die Evangelienlesung nachdenke, sie in mir hin und her bewege, sehe ich eine Art modernes Tanztheater vor mir. Gestalten in grauen Gewändern laufen durch eine graue Landschaft, den Kopf gesenkt, den Blick auf dem Boden, keiner achtet auf den anderen, jeder ist mit sich allein. Sie laufen hin und her, ratlos, ruhelos, haltlos.

Doch dann plötzlich – niemand weiß, warum – halten einige inne. Vielleicht hat sich die Musik um eine Nuance verändert, vielleicht ist das kalte Licht um eine Spur goldener geworden – einige halten inne und erheben den Kopf, sie sehen auf und man sieht ihr Gesicht. Aus bloßen Figuren werden Menschen. Aus dem ewiggleichen Grau stehen sie auf und blicken dem entgegen, der da kommt…

Vom Kommen des Menschensohnes

Wahrscheinlich wäre ich nicht gut als Produzent moderner Stücke für das Tanztheater. Aber doch – könnte das ein Bild sein für die Not unserer Zeit? Daß wir halt und ruhelos herumlaufen ohne Sinn und Verstand, nur mit dieser Peitsche im Rücken, daß Stillstand schon gleich Rückschritt ist; daß stehen bleiben Sterben bedeutet? Daß jeder im Grunde mit sich allein ist, sich nicht um den anderen kümmert und nichts von ihm erwartet? Daß die Liebe kalt wird und zu einem fahlen Grau verblaßt? Daß wir so aus Menschen zu Gestalten, zu Figuren werden?

Viel dramatischer ist das Bild, daß die Bibel malt; von dem Jesus gesprochen hat und was die junge Gemeinde unter dem Eindruck der Verfolgung bewahrt hat: Am Ende der Zeit werden Zeichen am Himmel geschehen, selbst die Sonne, der Mond und die Sterne werden aus der Bahn geraten, auf der Erde wird das Meer brausen und die Menschen werden vergehen von Furcht. Dinge und Personen, auf die man sich felsenfest verlassen konnte, werden unsicher werden; Ideen und Ideale, die uns die Welt bedeutet haben, zerfallen zu Staub. Um fragwürdige und schwankende Dinge wird Krieg geführt; und Menschen leiden, hungern und sterben für bedeutungslose Wahnideen. Es ist wie zu Zeiten des Turms von Babel: Das Alphabet zerbricht, alle Bücher und Zeitungen, Plakate und Pamphlete werden unlesbar und sinnlos; keiner versteht mehr den anderen, und es bleibt die wortlose, geistlose, rasende Angst.

Gleichnis vom Feigenbaum

Und genau da sagt Jesus: Wenn dies anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhabt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.Die Zeichen der Zeit interpretieren zu wollen, ist immer ein großes Risiko. Doch wer sie mißachtet, wird unvorbereitet sein… Der Feigenbaum ist in Israel ein sicheres Zeichen für das Kommen des Sommers. Wenn er Blätter treibt, wird der Regen aufhören, die Sonne wird sehr bald heiß, es ist Zeit, Zisternen und Wasserbecken gut zu füllen.

Doch wenn es um die Zeichen geht, die das Ende ankündigen – wer will sie entdecken? Kriege, Hungersnöte, Krankheiten, Erdbeben und Finsternisse hat es seit Jesu Zeiten immer wieder gegeben; Zahlenspiele und Berechnungen haben Menschen in allen Generationen in die Irre geführt. Kühl und gewalttätig sind Menschen in jedem Jahrhundert miteinander umgegangen. Wo sind die Zeichen? Mit dem Ende der Welt und dem Wiederkommen des Christus kann man nicht rechnen. Er wird kommen wie ein Dieb in der Nacht.

Himmel und Erde werden vergehn, aber meine Worte werden nicht vergehen…

Und doch: Es ist Zeit, auf zu sehen. Erhebt eure Häupter, denn eure Erlösung ist nahe! Das Licht des Sternes, der die Geburt Christi gesehen hat, und das Kreuz, das das Zeichen des sieghaften Lammes zeigt; die Taufe, durch die wir neu geboren werden aus Wasser und Geist, und das Abendmahl, durch das wir eins werden mit dem Leib Christi – das sind mir die Zeichen der Erlösung!Jesus hat wie viele seiner Zeitgenossen das Ende und das Kommen schon sehr bald erwartet. Manchmal war das in der Kirche ein Problem, die Hoffnung auf das zweite Kommen des Christus erlahmte, wurde sogar zum Anlaß für Spott. Warum auf etwas warten, was tausendneunhundert Jahre ausgeblieben ist? Doch gab es immer wieder Generationen, die von dieser Hoffnung angefeuert und beflügelt wurde, denen durch Christus der Gedanke an das Ende nicht Angst und Schrecken, sondern Hoffnung bedeutet hat. Was bedeutet es uns? – Wir erwarten im Advent, was durch Gottes Geist wirklich geworden ist. Das Reich Gottes kommt, es ist nahe herbei gekommen, es ist mitten unter euch, sagt Christus.

Wir erheben unsere Häupter und schauen dem entgegen, der da kommt. Wir legen unser Grau nicht ab, wir bleiben mit den Beinen auf diesem Boden. Wir sind in vielem genau so rat- und hilflos wie alle Menschen. Aber wir haben eine Richtung in unserem Leben, die Sinn gibt; wir haben ein Wort, das bleibt, auch wenn alle Alphabete zerbrechen; wir haben ein Ziel, zu dem wir gerufen und berufen sind, auch wenn Himmel und Erde vergehen.

Musik zum Anfassen…

Heute früh ist ein Päckchen gekommen. Ich habe mir fünf leere Musikcassetten gekauft. Ich war wirklich erstaunt, dass man die überhaupt noch kaufen kann, aber jetzt liegen sie hier vor mir. Maxell UR C90 Bänder in durchsichtigem Plastik, mit Aufklebern und einem Papp-Einleger, auf dem ich die Musiktitel und die Interpreten der Stücke notieren kann, die ich gleich darauf überspielen werde. Sie waren nicht einmal teuer, kosteten jetzt genau so viel wir damals vor 25 Jahren.

Ein Mixtape mit Weihnachtsliedern aus aller Welt soll es werden, aus Schweden, Norwegen, Island und Finnland vor allem, Lieder, die man im Radio fast nie hört. Ich habe die bei meinem Lieblings-Streaming-Musikanbieter gefunden; aber ich finde es immer noch schön, Musik gewissermaßen in die Hand nehmen zu können.

Am meisten fasziniert bin ich ja nach wie vor von den großen schwarzen Vinyl-Schallplatten. Auf den schwarzglänzenden Spuren kann man den Rhythmus der Musik sogar sehen, wenn man ganz genau hinsah. Auch die großen Bandspulen von Tonbandgeräten haben mich als Kind fasziniert, das Einfädeln des hellbraunen Bandes am Lese- und Löschkopf vorbei über diverse Spulen bis hin zu der leeren Bandspule auf der anderen Seite – es hatte etwas Rituelles, beinahe Magisches – und es machte das Abspielen der Musik zu einem Erlebnis.

Eine Musikcassette einzulegen war schon viel einfacher, praktischer, aber auch ein Verlust an Erlebnisqualität. Immerhin – alle spotteten ein bisschen darüber – den ab und zu auftretenden Bandsalat auseinender zu heddern und dann das Band mit einem Bleistift in der Spule wieder aufzuwickeln – das hatte schon auch was. An der Stelle hat später die Musik beim Hören dann immer etwas „gezittert“, wanderte zwischen den Stereolautsprechern hin und her. Der Rettungsprozess hinterließ hörbare Narben; und ich habe immer etwas ängstlich gehofft, dass sich das Band der Cassette nun nicht noch einmal um die Spulen des Walkmans wickelt… Wenn das Band gerissen war, konnte man die Cassette dann eigentlich wegwerfen…

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Die Cassette hatte schon ein ziemlich „modernes“ Image für mich, immerhin konnte man auch die Computerprogramme und die Daten des C64-Computers auf einer Cassette speichern und wieder laden. „Press PLAY on tape…“ – diese Aufforderung wurde über einige Jahre zum sesam öffne dich in eine Welt voller Wunder.

Dann kam die Zeit der CD, und die in Regenbogenfarben glitzernden Scheiben vertrieben die Singles und die LPs aus den Regalen der Kaufhäuser, die Musikcassetten gab es noch etwas länger, vor allem wegen der Kinderhörspiele. Aber auch damit ging es nun schnell zu Ende.

Ich habe mich gefreut, als ich zum ersten Mal einen MP3-Player bekam und die Musik dann über den Computer auf dieses winzige Ding überspielen konnte. Nun höre ich oft zum Einschlafen Musik über die kleinen Im-Ohr-Kopfhörer, und manchmal auch im Bus; sie sind praktisch und nützlich. Und es gehen trotzdem über zweihundert Musikstücke auf dieses Gerät, das viel kleiner als eine Cassette ist und nie Bandsalat produziert. Ich fing an, Podcasts zu hören und mir Sendungen amerikanischer Radiosender auf dieses Ding zu kopieren. „Wait, wait, don’t tell me…“ und „Grown ups read things they wrote as kids“ von NPR höre ich immer noch regelmäßig.

Nun hören alle – ich auch – Musik vor allem über das Handy. Man muss Musik nicht einmal mehr vom Computer darauf kopieren; wo immer W-Lan ist, ist auch Musik. Und man kommt genau so leicht an Evergreens und Klassiker wie an die Top 100 der Pop-Musik und der Jazz-, Rock- und HipHop-Charts. Und wenn man ein bisschen sucht, findet man bei den Streamingdiensten auch die schrägeren und ungewöhnlicheren Sttücke wie französische Zwölftonmusik auf der Orgel, vokaler Obertongesang aus der Mongolei oder eben isländische Weihnachtslieder.

Die kopiere ich nun gerade per Buetooth und meine Stereoanlage auf die neue Musikcassette, während ich hier schreibe, und damit schließt sich ein Kreis: aus dem Internet heruntergeladene Musik auf dem altmodischen Magnetband, digital und analog Hand in Hand. Das fasziniert mich, und es macht Spaß!