Der Tag der fabelhaften wilden Männer

12. Januar: fabulous wild men

„The Internet says it´s a thing…“ Heute morgen habe ich im Radio gehört, dass heute der „Tag der fabelhaften wilden Männer“ sei. Es gibt Seiten im Internet, die für fast jeden Tag einen besonderen Anlaß anbieten, den man feiern könnte oder dessen man gedenken kann, wenn man will.

Man muss die Feste feiern, wie sie fallen, und darum gibt es den Handtuch-Tag (25. Mai) in Erinnerung an den Autor von Per Anhalter durch die Galaxis, den Star-Wars-Tag (May, the Fourth…), den Tag der Bratwurst (16. August, warum auch immer), den Tag der Zahl Pi (14. März) und noch viele andere mehr oder weniger sinnloser Gedenktage.

Manche haben einen durchaus ernsten Hintergrund, wie zum Beispiel der Equal-Pay-Day, der den Tag im Jahr markiert, bis zu dem Frauen länger arbeiten müssten, bis sie so viel verdient haben, wie Männer im vergangenen Jahr verdient haben; bemerkenswert ist auch der Welt-Ressourcen-Tag, an dem die Menschheit so viel von den nachwachsenden Rohstoffen der Erde verbraucht hat, wie in diesem Jahr gewachsen ist – ein Tag, der jedes Jahr früher stattfindet und inzwischen schon im Spätsommer angekommen ist.

Christopher-Street-Day erinnert an den Kampf der Schwulen und Lesben dafür, dass ihre Art zu Leben und zu Lieben als gleichwertig anerkannt wird und die Kriminalisierung der homosexuellen Liebe endlich beendet wird. Viele Gedenktage sind offensichtlich nur ein Scherz, wie der „Gegenteil-Tag“ und der Spendiere-Deinem-Pfarrer-ein-Bier-Tag (9. September), aber es gibt ja keine Pflicht, diese Tage zu feiern, aber wenn man einen Grund für ein Bier, ein Glas Wein, eine Party oder einen Blumenstrauß braucht – hier findet man immer einen.

Manche Tage haben schon eine lange Geschichte, andere gibt es erst seit ein paar Jahrzehnten oder sind noch ganz neu. Viele dieser Feiertage stammen ursprünglich aus Amerika und werden nun weltweit gefeiert, manche sind nach wie vor das „Geheimwissen“ einer nur sehr kleinen Zielgruppe.

Der Gedanke an einen Tag des fabelhaften wilden Mannes hat mich fasziniert, so dass ich erst einmal ein bisschen geg**gelt habe – das Ergebnis fiel aber eher mau aus: Es gibt zwar einige Stichworte und Fundstellen zu diesem Tag, einige auch zu seinem englischsprachigen Pendant, dem „fabulous wild men day“. Es wird aber nicht klar, seit wann es diesen Tag gibt, wer ihn sich ausgedacht hat und was genau da eigentlich gefeiert werden soll. Eine Frauenzeitschrift ermuntert ihre Leserinnen, die Gesellschaft der fabelhaft heißen Kerle zu genießen, die im Büro, im Supermarkt, auf der Tanzfläche oder zu Hause anzutreffen sind. Andere Seiten im Internet beziehen sich auf das Kinderbuch „Wo die wilden Kerle wohnen“ von Maurice Sendak, in dem auf anschaulichen Bildseiten erzählt wird, wie man auf einer einsamen Insel den Kerlen begegnen kann, die zuerst fürchterlich wild zu sein scheinen, dann aber sich nett und freundlich und immer zu einer Party aufgelegt zeigen. Unglaublich, dass dieses Buch einmal in manchen (Schul-)Bibliotheken verboten war, weil es eben zu – wild war.

Einen Gedanken habe ich aber gar nicht gefunden, dabei würde dieser meiner Meinung nach einen solchen Gedenktag mehr als rechtfertigen: der „wilde Mann“ ist eine immer wiederkehrende Figur in der Volksmythologie und in alten Märchen und Sagen, und sogar in der Bibel kann man diesen Typos finden. Unzählige Orte sind nach dem wilden Mann benannt, Dörfer, Berge, Gasthäuser und Bergwerke; auf vielen Wappen und historischen Siegeln ist er zu finden. In der Entwicklungspsychologie spielt er als Metapher für eine bestimmte Entwicklungsstufe auf dem Weg zum Erwachsen-Sein eine Rolle.

Es gibt einen ausführlich recherchierten Artikel zu diesem Thema bei Wikipedia, darum hier nur ein paar Stichpunkte: In vielen alten Legenden repräsentiert der wilde Mann eine archaische, ungezähmte, unzivilisierte Form der Männlichkeit, die oft in einer durchaus zwiespältigen Weise gesehen wird: Als Beispiel stelle man Jakob und Esau nebeneinander, die beiden ungleichen Zwillingsbrüder des alttestamentlichen Patriarchen Isaak. Während Jakob als zivilisierter Bauer Landwirtschaft betriebt, lebte Esau nach alter Art als halbnomadischer Jäger. Mit einem dichten Bart und einem Tierfell als Bekleidung, sonnenverbrannter roter Haut und ungepflegter Erscheinung entspricht er auch äußerlich dem Typos des wilden Mannes, er verachtet aber auch die höheren Werte von Religion und Kultur, indem er sich bereit erklärt, das Mahl seines Bruders gegen sein Erstgeburtsrecht zu tauschen. Jakob dagegen wird „mit glatter Haut“ und listig-schlau zu dem Typos des späteren Stadtmenschen und verfeinerten Bürgers, obwohl er ja im Rahmen der Geschichte auch noch ein sonnenverbrannter Feldarbeiter sein müsste.

Samson, der als Gott geweihter Heiliger über übermenschliche Kräfte verfügt und zum Beispiel die Stadttore der feindlichen Philisterstadt ganz allein aus den Angeln hebt und davon trägt, wie auch Goliath, der Riese, den der spätere König David als junger Mann mit einer Steinschleuder besiegt, können sicher auch die Reihe jener ungezähmten Urmenschen gestellt werden. Auch Johannes, der Täufer, der im Kamelhaarmantel als Einsiedler in der Wüste wohnt, sich von Heuschrecken und wildem Honig ernährt, muss seine Zeitgenossen mindestens ebenso durch seine wilde und fremde Lebensweise beeindruckt haben wie durch seine flammenden, aufrüttelnden und radikalen Predigten.

Chuchulain, der mythologische Kriegsherr der wilden Horde des eisenzeitlichen Irlands, gehört ebenso in diese Reihe wie der Berggeist Rübezahl und der Waldwicht Rumpelstilzchen, der Schneemensch Yeti und der Höhlenbewohner Rulaman. Nikolaus und Knecht Ruprecht und andere Kindererschrecker spielen auch in dieser Liga.

Oft wird in Sagen und Legenden die kraftvolle Männlichkeit durchaus auch in ihrer sexuellen Komponente gesehen – einerseits bestätigt die große Potenz des wilden Mannes seinen Machtanspruch und seine Stärke, gleichzeitig ist seine mangelnde Selbstbeherrschung und Zügellosigkeit auch seine größte Schwäche, denn sie macht ihn manipulierbar und so kann er leicht verführt oder zumindest abgelenkt werden.

Der Erzählungen vom wilden Mann haben leider schon bald nach dem Mittelalter eine rassistische Komponente erhalten, der „Wilde“ ist oft auch der Schwarze, der Unbekannte und Fremde, dem in seiner Unberechenbarkeit nur mit Vorsicht und Mißtrauen begegnet werden kann und der zu jeder Gemeinheit fähig ist. Selbst so unverdächtige Werke wie die „Zauberflöte“ von W.A. Mozart enthalten solche Motive, Monostratos, der einfältige Lügner, ist beinahe selbstverständlich ein Mann mit schwarzer Hautfarbe.

Der Patriarch, der Krieger, der alte Weise, der Zauberer, der Priester und der Heiler, der Wissenschaftler, der kundige Handwerker und der Lehrer und was es sonst an männlichen Stereotypen gibt, wird durch das Bild vom wilden Mann durchaus sinnvoll ergänzt. Nicht zuletzt darum haben sich die entsprechenden Mythen über Jahrtausende hinweg erhalten und entwickelt.

Vielleicht wäre der Tag des wilden Mannes doch eine gute Gelegenheit, über das Nebeneinander und das Miteinander von angeblich zivilisierter und moderner und angeblich naturnaher, wilder Lebensentwürfen nach zu denken, sich an die Fehler eines gedankenlosen Kulturkolonialismus zu erinnern und in geeigneter Weise auch die eigene Kraft einer Männlichkeit ins Bewusstsein zu rufen, die sich in Verantwortung auch ihre wilde Seite, ihre erotische Komponente und ihren eigenen Stolz bewusst macht, auch ohne daran zu denken, was die Leserinnen einer Frauenzeitschrift „heiß“ finden…

6 Gedanken zu “Der Tag der fabelhaften wilden Männer

  1. Hallo Richard, vielleicht kennst du den „Eisenhans“ von Robert Bly. Der überträgt sehr passend die Initiation eines Jungen hin zu einem geistig und moralisch reifen Mann, angelehnt und geführt von dem alten Märchen.

    Ich habe das Buch verschlungen, vor Jahren ..
    Lieben Gruß dir.

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  2. Es gibt diese wilden Männer wirklich, ich hab da einige im Bekanntenkreis. Wenn man die gut kennt ist alles supi aber Ärger mit denen will keiner. Ein paar von denen sind echt ein paar hundert Jahre zu spät geboren. Damals hätten die´s weit gebracht….

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  3. Schön dass Du im Resümee auf die „Fehler eines gedankenlosen Kulturkolonialismus“ hinweist. Zufällig dachte ich gerade heute, dass wir scheinbar mit jeder Problemlösung eines neues Problem geschaffen und unser System der Problem-Generierung fleißig exportiert haben. Übrigens hatte ich als Linseneintopf-Liebhaberin immer viel Verständnis für Esau – nicht dagegen für Jakob, der seinen Bruder tatsächlich auf diesen „Handel“ festgenagelt hat.

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