Nur einmal in vier Jahren…

Morgen ist der 29. Februar. Was in den letzten vier Jahren am Ende an Stunden übrig blieb, kippen wir zusammen, rühren kräftig um und backen uns einen zusätzlichen Tag daraus.

Ein Samstag wird es sein. Ein Tag, der sich nicht wirklich unterscheiden wird von anderen Samstagen. Ich kann einmal wieder ausschlafen. Während meine Frau sich die Haare macht, kaufe ich ein und decke den Frühstückstisch. Nach dem Frühstück werde ich mir die Zeit nehmen, noch einmal die Predigt für den Sonntag zu überarbeiten. Es geht um die uralte Geschichte von Adam und Eva. Es geht um das Erwachsen-Werden der Menschheit. Um die Schuld, die die Menschen auf sich laden. Und um die Frage, ob uns vergeben werden kann.

Am Nachmittag werden wir in der Kirchengemeinde sein und mit Bekannten und Freunden ein Festessen in italienischem Stil kochen, darauf freue ich mich sehr. Obwohl ja die Fastenzeit begonnen hat, werden wir noch einmal gut und lecker essen und auch einen feinen Wein dazu trinken – wir sind nicht super-dogmatisch in dieser Beziehung und fasten auch eher, um ein bisschen abzunehmen und weniger aus religiösen Gründen.

Und abends machen wir uns einen gemütlichen Kuschelhaufen mit Mann, Frau und Katze vor dem Fernseher und gucken „Picard“ und die Wochenschau… Das ist jedenfalls der Plan.

Gestern habe ich mit einer „alten“ Freundin gesprochen – so alt ist sie ja noch gar nicht, sie ist jünger als ich – und sie sagt mir, dass ich pessimistisch geworden bin. Ich sehe nicht mehr so unbeschwert in die Zukunft, das ist wahr. Obschon ich denke, dass die Medien um der Verkaufszahlen willen immer noch schamlos übertreiben – in vielen Bereichen des gemeinsamen Lebens auf dieser Welt ist doch manches sehr aus dem Gleichgewicht geraten. Und es erfordert immer mehr Anstrengung, dafür zu sorgen, dass es nicht umkippt und zusammenbricht.

Vor vier Jahren hat kaum jemand die Mahnungen der Klimaforscher hören wollen. Von Greta Thunberg wusste noch niemand etwas, und die Schülerinnen und Schüler gingen am Freitag noch sorglos zum Unterricht. Jetzt brennt es in Südamerika, in Afrika, in Australien, jetzt fliegen Heuschreckenschwärme durch die arabischen Länder wie in biblischen Zeiten, in Europa zieht ein Orkan nach dem anderen über das Land, und im Sommer wird es ungekannt heiß und trocken, über mehrere Jahre schon.

Sorgen macht mir die rechtsradikale und rassistische Einstellung so vieler Menschen im Land, Sympathie für die „besorgten Bürger“ reicht bis in die Mitte der Gesellschaft, in manchen Bundesländern bekommen sie bei Wahlen ein Drittel der Stimmen. Ich denke mir, das „es“ schon einmal so ähnlich begonnen hat und hoffe, dass es nicht so weiter gehen wird wie damals vor 80 Jahren.

Ich weiß, dass diese Entwicklung nicht erst in den letzten vier Jahren begonnen hat, aber mir drängt sich der Eindruck auf, dass jetzt viel kraftvoller ans Licht kommt, was damals noch „in Untergrund“ gebrodelt hat – Donald Trump, Erdogan und viele andere Politiker zeigen jetzt erst ihre dunkle, menschenverachtende Gesinnung unverstellt.

Zur Zeit lese ich aus beruflichen Gründen viel von und über Dietrich Bonhoeffer, dem weitsichtigen und kompromisslosen Theologen der Bekennenden Kirche, der nicht zuletzt um seines Glaubens willen in den Tod getrieben wurde. In diesen Tagen werden in Deutschland die Hürden vor der Selbsttötung niedriger gemacht, welche Folgen das hat, wird sich noch zeigen. Ich hoffe, dass nicht in einem Jahrzehnt wieder Menschen gezwungen werden, das Martyrium auf sich zu nehmen, seien es Christen, Juden oder Muslime… Bonhoeffer klingt in vielem auch recht pessimistisch. Kein Wunder, er hat ja das, was ich zur Zeit lese, vor allem im Gefängnis geschrieben.

Und welche Rolle das Corona-Virus für die Weltwirtschaft und für die Gesundheit der Menschen spielen wird, ist ja auch immer noch ziemlich offen. In vielen Medien wird schamlos übertrieben und die Infektion als viel gefährlicher dargestellt, als sie vermutlich ist; aber andere verharmlosen auch sehr, um die Menschen zu beruhigen. Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo in der Mitte. Ich habe auch weniger Angst davor, krank zu werden, als davor, was die Epidemie für die Zukunft der Wirtschaft bedeuten wird. Ich bin kein Experte, aber ich sehe schon jetzt ansatzweise, wie ganze Industriezweige von Lieferengpässen betroffen sind und Schiffe in den Häfen bleiben müssen, weil es nichts zu transportieren gibt. Desinfektionsmittel und Medikamente werden knapp.

Rechtsradikale Parteien nutzen die Krise natürlich wieder für ihre Propaganda, und schon werden asiatisch aussehende Menschen beleidigt und bedroht, weil es Leute gibt, die dieser Propaganda unbedacht und gedankenlos glauben. Ein Klima der Angst macht sich breit…

Ich merke aber gerade, dass ich mit dieser Nachdenkerei mit dazu beitrage. Lass Dich nicht beunruhigen, liebe Lesende, sondern hilf mir, zu beten, zu vertrauen und daran zu glauben, dass diese Welt trotz allem in Gottes Händen ist…

Das Motto der evangelischen Kirche für diese Fastenzeit ist „sieben Wochen ohne Pessimismus“. Wer immer sich dies Thema ausgedacht hat, war ein ziemlich hellsichtiger Mensch, denn das ist ein in dieser Zeit wirklich notwendiger Vorsatz. Es kann aber nicht darum gehen, einfach die Augen zu verschließen und zu denken „Was soll’s, uns geht’s doch noch Gold.“ In all der Ratlosigkeit noch Möglichkeiten finden, aus dem Ausweglosen heraus finden, Gott noch Großartiges zutrauen – das ist es, worauf es jetzt ankommt.

Heute gehe ich zur Bestattung eines guten Freundes. Als ich noch in der Kirchengemeinde Alt-Schöneberg Pfarrer war, haben wir oft eng zusammen gearbeitet. Er wohnte im Mietshaus der Kirchengemeinde, war beinahe jeden Sonntag im Gottesdienst. Er liebte die Liturgie und hat oft als Lektor den Gottesdienst mit gestaltet, indem er die Epistel und das Evangelium vorlas. Er kümmerte sich oft um die Altarblumen und die Kerzen, läutete die Glocken, teilte das Abendmahl mit aus. Besonders in den reichen Liturgien der Osternacht und der Christmette war seine Hilfe unverzichtbar, wochenlang bereitete er die Ablaufpläne und die Liederhefte für diese Gottesdienste vor, die konnte er gar nicht perfekt genug gestalten.

Im Gemeindekirchenrat hat er lange mitgearbeitet, und auf unserem Friedhof kannte er sich aus wie kein zweiter. Er war gelernter Garten- und Landwirtschaftsbauer und hat sich um jeden Baum auf unserem Gelände gekümmert und sogar Führungen über den Kirchhof organisiert. Er wird der Gemeinde sicher sehr fehlen, und er wird auch mir fehlen, obwohl ich schon lange nicht mehr in dieser Gemeinde arbeite.

In allem Ernst hat er sich aber immer wieder als „rheinische Frohnatur“ gezeigt, er war immer wieder mal für eine Überraschung gut. In manchen Dingen konnte er stur sein, in anderen wieder unerwartet flexibel. Und er war ein Mensch, der aus dem Glauben lebte wie wenige, die ich kenne.

Mach’s gut, Volker… Mögen Engel dich begleiten…

Morgen also: Schalttag. Geborgte Zeit aus den vergangenen Jahren. Ich erinnere mich an die Astronomische Uhr, die ich letztes Jahr im Freiburg im Elsaß in der großen Kathedrale sah. Ich habe damals gebloggt, dass es in dieser Uhr ein Zahnrad gibt, dass sich nur alle vierhundert Jahre einmal dreht. Das hat mit den Schaltjahren zu tun. Alle vier Jahre ist ein Schaltjahr; alle hundert Jahre aber nicht, darum ist 1900 kein Schaltjahr gewesen. Und alle vierhundert Jahre ist dann doch wieder ein Schaltjahr, darum gab es einen 29. Februar 2000. Das alles, um die Jahreszeiten der bürgerlichen Zeitrechnung möglichst genau an den Kreislauf der Erde um die Sonne anzupassen. Und diese 400-Jahr-Regel muss ja in dieser Uhr irgendwie repräsentiert werden – durch ein Zahnrad, das wie ein kleines Kreuz aussieht und sich in 400 Jahren einmal um sich dreht.

Welch ein Vertrauen, eine Uhr zu bauen, die so lange halten soll – und das in einer bewegten und politisch unstabilen Zeit wie dem neunzehnten Jahrhundert!

Mir gefällt dieser Gedanke sehr, dass die Uhrmacher damals ein solches Gottvertrauen hatten, und ich hoffe sehr, dass diese Uhr auch 2400 noch an die alte analoge Kunst der Zahnrad-Mechanik erinnern wird. Und dass man dann noch weiß, was das Kreuz für uns Christen bedeutet: Gnade und Leben von Gott.

Die Bibel: Geschmackssache?

Predigt am Sonntag Sexagesimae, Text: Hesekiel 2+3

Süß oder sauer, salzig oder bitter – diese Empfindungen spüre ich beim Essen auf der Zunge. Zusammen mit hunderten andern Empfindungen, die ich durch die Nase wahrnehmen kann, machen sie den Reichtum der kulinarischen Genüsse aus, die mir meine Mahlzeiten immer wieder zum Höhepunkt des Tages machen. Denn beim Essen geht es nicht nur darum, satt zu werden und gesund zu bleiben. Wahrscheinlich könnte man auch von Wasser und einer vitaminreichen, geschmacklosen Sojapaste lange überleben, aber richtig Freude macht das Essen erst durch die Vielfalt an Aromen und Düften, Kräutern und Gewürzen, Ölen und Düften. Brot und Wein, Milch und Honig, Lammfleisch und Linsensuppe, süßer Kuchen und saftige Äpfel, aber auch der bittere Geschmack von Medikamenten, der scharfe Biss von Chilipfeffer, das prickelnde Aroma eines guten Essigs und der mild-zarte Duft eines kostbaren Olivenöls. All das und noch viel mehr macht den Reichtum der Empfindungen aus, die ein Mensch erleben kann, der auf das achtet, was der Koch öder die Köchin in der Küche, im Keller oder auf einem Grill komponiert hat…

Liebe geht durch den Magen, sagt man; und tatsächlich gibt es Weniges, das so intensiv und nachhaltig die Gefühlswelt beeinflussen kann wie der Genuß eines guten, reichhaltigen Mahls. Nicht umsonst wird bei großen Festen und Jubiläumsfeiern immer gemeinsam gegessen; aber auch bei wichtigen Verhandlungen, nach großen Erfolgen am Arbeitsplatz oder nach bejubelten Auftritten im Konzertsaal oder auf einer großen Bühne – es gibt immer ein Festessen, wenn es etwas zu feiern gibt. Und auch manch wunderbare Freundschaft begann bei einer leckeren Mahlzeit. Man macht sich keine Freunde mit Salat.

Und oft kann einen der Geruch und ein einziger Löffel einer nach mütterlich-vertrauten Rezeptur zurück versetzen an den kleinen Tisch im Elternhaus, an dem man viele Jahre mit den Geschwistern aß, in guten wie in schweren Zeiten, und auf einmal sind all die Erinnerungen wieder da an eine Kindheit voller Erdbeerkuchen und Kartoffelsalat, voller Nudelsuppen und Kohlrouladen, Griesbrei und Toast Hawaii…

Natürlich kennen und nennen auch die Autorinnen und Autoren der biblischen Texte diesen Reichtum der Geschmacksempfindungen und nutzen die damit verbundenen Gefühle und Erinnerungen, um deutlich zu machen, wie Gott an den Menschen handelt und wie er sich ihnen zeigt. Vom verhängnisvollen Biss in die verbotene Frucht vom Baum der Erkenntnis, die so gut anzusehen war und so köstlich duftete, von dem Linsengericht, für das Esau sein Erstgeburtsrecht verkaufte, über das süße, knusprige Manna, das die Israeliten in der Wüste aßen, bis hin zu den Fischen, die der auferstandene Jesus für seine Jünger grillte und auch selbst davon probierte, bis hin zu dem himmlischen Festmahl, das Jesus mit seinen Jüngern wieder essen wird im Reich Gottes, wo er Brot und Wein und noch vieles andere mit ihnen teilen wird, um sich zu erinnern, wie er mit ihnen gegessen hatte in der Nacht, da er verraten ward…

Im Buch des Propheten Hesekiel wird erzählt, wie Gott diesen Propheten in sein Amt beruft: Eine Buchrolle wird ihm in die Hand gedrückt, und der Prophet soll diese Rolle essen. Mit der der hebräischen Sprache eigenen Dringlichkeit, wird ihm gesagt, dass er diese Rolle „in sich hinein essen“ soll, bis er ganz ausgefüllt ist „Gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe!“

Auf der Rolle stehen Worte voller Klage, Ach und Weh, aber als der Prophet sie isst, schmeckt sie in seinem Mund süß wie Honig. Der Prophet hört nicht nur zu. Er nimmt das Wort Gottes in sich auf, er isst es in sich hinein, bis es ihn ganz ausfüllt, bis es ein Teil von ihm wird, ja bis er selbst ganz mit Haut und Haar, mit seinem ganzen Körper das Wort Gottes wird, das ausgesandt ist, um zu den Israeliten im Exil, im babylonischen Ausland, zu sprechen: Sie sollen nicht vergessen, dass sie einen Gott haben, der zu ihnen spricht, dass sie sich einst ernährten von seinem Wort und seinen Verheißungen, dass ihnen die Gebote Gottes Lebensmittel waren, süß auf der Zunge, und doch oft so bitter im Magen…

Denn die Worte Gottes sind so vielfältig wie der Geschmack der Speisen, die uns am Leben halten: Nicht immer sind sie süß, manchmal stoßen sie uns sauer auf, werden uns bitter im Lauf der Jahre, und ihr scharfer Salzgeschmack mach sie manchmal fast ungenießbar. Aber Gottes Wort ist kein Konfekt, keine Süßigkeit und nicht die Cocktailkirsche auf den Sahnehäubchen des Lebens, sondern Gottes Wort ist das Brot, von dem wir leben und die manchmal bittere Medizin der Unsterblichkeit.

Der Prophet Hesekiel wird mit einer Warnung zu den Israeliten im Exil geschickt: Sie werden ihm widersprechen. Er wird es nicht leicht haben mit seinem Auftrag, und seine Botschaft wird nicht unwidersprochen bleiben: Er muss doch reden über Klage, Weh und Ach. Sie werden sich ihm entgegenstellen wie bockige Tiere, sie werden ihm die Stirn bieten, sie werden an seinen Worten zweifeln und ihm widersprechen, obwohl es das Wort Gottes ist, das er zu sagen hat, weil es ihnen nicht süß und duftend im Munde zergehen wird, weil es ein hartes Brot für sie sein wird und nicht leicht zu schlucken.

Der Prophet steht nicht auf der Seite Israels, sondern er steht ihnen gegenüber auf der Seite Gottes, und das ist auch für ihn keine angenehme Nachbarschaft. Zorn und Gericht muss er ansagen, denn nur durch Ach und Weh hindurch wird das Volk zum Frieden finden, nur durch bitteres Leiden und Not hindurch wird es dahin finden, dass es zurückkehren kann in das gelobte Land, wo der Tempel zerstört ist und die Stadt Gottes verwüstet liegt. Bis dahin sitzen sie an den Wassern Babylons und weinen und wollen die alten lieblichen Lieder nicht mehr singen, in denen sie Gott lobten und seine Stärke rühmten…

Pfarrer sehen sich manchmal gerne in der Rolle des Propheten wieder. Wäre es nicht schön, mit solcher Autorität das Wort Gottes zu verkündigen und ohne Selbstzweifel sagen zu können: „So spricht der Herr!“ Worte zu sprechen die scharf sind wie ein Schwert und hart wie ein Hammer, der Felsen zerschmettert… Aber es ist nicht so, dass die Pfarrer der Gemeinde gegenüberstehen und ihr die Stirn bieten können, so wie Jeremia, Amos und eben Hesekiel das zu ihren Zeiten gemacht haben.

Pfarrerinnen und Pfarrer sollen das Evangelium verkünden, die Gute Botschaft, dass Jesus in die Welt gekommen ist zu unserem Heil und am Kreuz gestorben ist zu unserer Erlösung und dass er auferweckt wurde von den Toten, damit auch wir und alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben… Aber dieses Evangelium ist genau so wenig Süßigkeit und Honig wie die Worte des Propheten. Das Wort vom Kreuz ist kein Schokoladenkeks und kein Kindermilchbrei aus der Nuckelflasche. Christinnen und Christen haben zu allen Zeiten erlebt, dass das christliche Leben Entschlossenheit verlangt, Hingabe und Vertrauen, Glaube, Hoffnung und Liebe. Was Pfarrer zu predigen haben und was sie ansagen sollen an Gnade und Gericht, das betrifft zuerst einmal sie selbst vor allen anderen. Und daran müssen sie sich messen lassen: Das Wort Gottes, wenn wir es denn annehmen, aufnehmen, essen und in uns hinein essen, wie es der Prophet Hesekiel tat, wenn wir uns davon erfüllen lassen, bis wir voll davon sind, dann wird uns dies geschehen: Das wir selbst zum Wort Gottes werden, zu einem lebendigen Brief an seine Gemeinde und an alle Menschen, ein Brief, durch den Gott seinen Geschöpfen sagt, wie sehr er sie liebt, wie sehr er sie vermisst, wie sehr er um sie kämpft und wie sehr er sich um sie sorgt.

Und das betrifft nicht nur Pfarrerinnen und Pfarrer, sondern jeden Christenmenschen und jeden der den Spuren Jesu in seinem Leben folgt: Ein Liebesbrief voll bitterer Tränen sind wir alle, voll süßer Erinnerung, sauer wie Essig und scharf wie Salz, ein Brief voll aller heißen Leidenschaft und berennender Liebe, zu der Gott fähig ist – das wird unser Leben sein.

Und auch dem, was wir zu sagen haben, werden die Menschen widersprechen. Wenn wir für das Leben und die Gerechtigkeit eintreten, werden sie uns „Gutmenschen“ schimpfen. Wenn wir von der Ehre Gottes singen, werden sie uns „weltfremd“ nennen. Unsere Hingabe werden sie ausnutzen und unseren Glauben verlachen. Und sogar wir selbst werden an uns zweifeln und uns immer wieder fragen, ob wir denn auf dem richtigen Weg sind, ob denn Gott wirklich wollen kann, dass wir diesen bitteren Kelch trinken – hat er uns denn nicht ein Land voll Milch und Honig versprochen?

Ich denke, er will uns zu einem vollen, üppigen, reichhaltigen Mahl einladen und uns nicht nur das Dessert geben. Süßes hat auf dem Festtagstisch sicher seinen Platz, aber es gibt nicht nur Kuchen. Es ist gut, dass Gott uns die Fülle versprochen hat. Wir sollen in Allem Anteil haben an dem, was Christus für uns ist. Darum werden wir sein Leiden teilen, seinen Schmerz und seine Tränen, sogar sein Sterben am Kreuz; damit wir dann auch seine Freude, seinen Glanz und seine Herrlichkeit teilen, und ihm dann auch gleich sein werden in der Auferstehung zum Leben.

Wenn übernächste Woche die Fastenzeit beginnt, lasst uns daran denken, welch ein Tisch uns gedeckt ist und welch köstliches Festmahl uns erwartet. Und lasst uns einander trösten und helfen, stärken und zur Geduld ermahnen, damit wir durchhalten, bis die Türen zum Festsaal sich öffnen und der wunderbare Duft zu schmecken ist, bis die Kerzen angezündet werden und die Musik beginnt und Gott selbst zu uns sagt: „Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich Dich zu mir gezogen – aus lauter Güte!“

Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg

Und Jesus sprach: Die Gerechtigkeit gleicht einem Weinbergsbesitzer, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter zur Arbeit im Weinberg einzustellen. In einem Café am Marktplatz fand er einige Tagelöhner, die dort gemeinsam frühstückten. Er sprach sie an und lud sie ein, an diesem Tag für ihn zu arbeiten. Und sie nahmen das Angebot an, beendeten ihr Frühstück und machten sich auf den Weg in den Weinberg.

Später ging der Weinbergsbesitzer noch einmal in das Café und fand dort weitere Tagelöhner, die gemeinsam Karten spielten. Auch sie ließen sich einstellen; sie legten die Karten nieder und gingen in den Weinberg, um dort zu arbeiten.

Um die Mittagszeit ging der Weinbergsbesitzer wieder auf den Marktplatz und sah einige Menschen am Currywurststand essen, auch sie erklärten sich zur Arbeit bereit, und nachdem sie aufgegessen hatten, gingen sie in den Weinberg.

Zuletzt ging er abends um fünf in die Kneipe am Ort, fand auch da noch einige, die da herum saßen. Er fragte sie: Warum sitzt ihr hier den ganzen Tag, anstatt zu arbeiten? Sie antworteten: Wir haben auch so alles, was wir zum Leben brauchen, darum lassen wir es uns hier gut gehen. Er sagte ihnen: „Arbeitet doch wenigstens eine einzige Stunde für mich!“, und sie ließen sich überreden, sie ließen ihre Zeche bei dem Wirt auf einen Deckel schreiben und machten sich an die Arbeit im Weinberg.

Am Abend aber sandte der Weinbergsbesitzer seinen Zahlmeister zu den Arbeitern und sagte ihnen: Bezahle ihnen ihren Lohn, fang an bei den ersten und gib ihnen, was sie verdient haben.

Den ersten gab er je hundert Euro, und sie berechneten ihren Stundenlohn. Da waren sie zufrieden und gingen nach Hause. Die nächsten bekamen siebzig Euro, und auch sie rechneten nach und waren zufrieden und gingen nach Hause.

Die aber einen halben Tag gearbeitet hatten, bekamen jeder fünfzig Euro, auch sie rechneten nach, aber wirklich viel blieb ihnen nicht übrig am Ende, denn sie mussten Steuern und Sozialabgaben bezahlen, und auch die Versicherungen wollten Geld sehen, und sie waren unzufrieden und gingen murrend und kopfschüttelnd heim.

Die nur eine Stunde gearbeitet hatten, bekamen jeder zehn Euro für ihre Arbeit. Sie nahmen das Geld und standen dann zornig vor der Tür, denn sie wussten, dass ihnen nach Steuern und Abgaben nichts übrig bleiben würde für die Miete und ihre Versicherung, und der Wirt in der Kneipe musste ja auch noch bezahlt werden. Und sie fühlten sich ungerecht behandelt und knirschten mit den Zähnen.

Aber der Weinbergsbesitzer sagte zu ihnen: Ihr habt nur eine Stunde gearbeitet, mehr steht euch darum nicht zu. Denn Leistung muss sich lohnen, und jeder muss bekommen, was er verdient hat. Ich will Faulheit und Verantwortungslosigkeit nicht unterstützen. Wenn ich euch mehr gäbe, was würden dann die anderen Arbeiter sagen? Es wäre nicht fair, und alle würden in Zukunft erst am Abend mit der Arbeit beginnen.

Gerechtigkeit kann also der für sich erhoffen, der bereit ist, darum zu kämpfen?, fragten ihn die Jünger. Und Jesus antwortete:

So ist ein jeder seines eigenen Glückes Schmied. Wer fleißig ist und die Gunst der Stunde nutzt, der wird Erfolg haben, wer aber nicht bereit ist, wird früher oder später unter die Räder kommen. Der frühe Vogel fängt den Wurm, und die zweite Maus bekommt den Käse…

So sprach Jesus, und seine Jünger sahen ihn verwirrt an.

Von vorne, von hinten und das überall auf der Welt…

Ich bin ja immer wieder fasziniert von besonderen Zahlen, Namen, Sätzen und Worten, die sich von hinten wie von vorn gleich lesen.

„Palindrome“ nennt man solche Worte oder Zahlen, und ihre besondere Symmetrie finde ich immer wieder reizend.

Heute ist für Palindromliebhaber ein ganz besonderer Tag:

Der 02.02.2020 ist einer der ganz wenigen Tage, der überall auf der Welt ein Palindrom ist, sowohl in den USA, wo man erst den Monat, dann den Tag und dann das Jahr schreibt, als auch im Rest der Welt, wo man erst den Tag, dann den Monat und dann das Jahr notiert. Und selbst in Computersystemen, die nach der ISO-Norm erst das Jahr, dann den Monat und dann den Tag abspeichern, ist dieser Tag 20200202.

Außerdem – und das ist einmalig! – ist dieser Tag der 33. im Jahr, welches nun noch 333 Tage übrig hat – auch diese Zahlen sind Palindrome!

Wie kann man einen solchen Tag feiern?

Trefft Euch mit Freunden am Reliefpfeiler im Lagerregal und leert zusammen einen Retsinakanister!

Ein neues Leben

1. Brief des Petrus Kapitel 1

13 Darum seid bereit und stellt euch ganz und gar auf das Ziel eures Glaubens ein. Lasst euch nichts vormachen, seid besonnen und richtet all eure Hoffnung auf Gottes Barmherzigkeit, die er euch in vollem Ausmaß an dem Tag erweisen wird, wenn Jesus Christus für alle sichtbar kommt. 14 Weil ihr Gottes Kinder seid, gehorcht ihm und lebt nicht mehr wie früher, als ihr euch von euren Leidenschaften beherrschen ließt und Gott noch nicht kanntet. 15 Der heilige Gott hat euch schließlich dazu berufen, ganz zu ihm zu gehören. Nach ihm richtet euer Leben aus! 16 Genau das meint Gott, wenn er sagt: »Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.«

17 Ihr betet zu Gott als eurem Vater und wisst, dass er jeden von euch nach seinem Verhalten richten wird; er bevorzugt oder benachteiligt niemanden. Deswegen führt euer Leben in Ehrfurcht vor Gott, solange ihr als Fremde mitten unter den Menschen lebt, die nicht an Christus glauben. 18 Denn ihr wisst ja, was es Gott gekostet hat, euch aus der Sklaverei der Sünde zu befreien, aus einem sinnlosen Leben, wie es schon eure Vorfahren geführt haben. Er hat euch losgekauft, aber nicht mit vergänglichem Silber oder Gold, 19 sondern mit dem kostbaren Blut eines unschuldigen und fehlerlosen Lammes, das für uns geopfert wurde – dem Blut von Christus.

20 Schon bevor Gott die Welt erschuf, hat er Christus zu diesem Opfer bestimmt. Aber erst jetzt, in dieser letzten Zeit, ist Christus euretwegen in die Welt gekommen. 21 Durch ihn habt ihr zum Glauben an Gott gefunden. Gott hat Jesus Christus von den Toten auferweckt und ihm seine göttliche Herrlichkeit gegeben. Deshalb setzt ihr jetzt euer Vertrauen und eure ganze Hoffnung auf Gott.

Augenzeugen

„Wir haben ihn selbst gesehen!“ – Die Hirten, die in der heiligen Nacht das Kind in der Krippe sahen; die Weisen aus dem Morgenland, die ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe brachten; der alte Simeon im Tempel, der in ihm den Heiland Israels erkannte – sie alle haben ihren Glauben mit diesen Worten bezeugt. „Wir haben ihn gesehen!“ – Johannes der Täufer sah das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt; die Frau am Brunnen sah den, der ihr das Wasser des Lebens geben konnte und der nicht darauf achtete, daß sie eine Samaritanerin war. – Auch Paulus sah ihn auf dem Weg nach Damaskus, und Petrus sah ihn in seiner Herrlichkeit auf dem heiligen Berg, als Gott zu Jesus sagte: Du bist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.

„Wir haben ihn selbst gesehen!“ – Mit diesen Worten haben die Frauen und Männer, denen sich Jesus offenbart hatte, ihren Glauben an die zweite und die dritte Generation der Christenheit weitergegeben. Für die Menschen, die Jesus nicht mehr sehen konnten, wurde der Glaube viel schwieriger, auch wenn er selbst noch gesagt hatte: Selig sind, die nicht sehen, und doch glauben. Sind sie darum zu bedauern? Sind wir darum zu bedauern, weil wir Jesus nicht mehr so sehen können, wie die Jünger ihn gesehen haben?

Wir haben eine große Sehnsucht danach, in den Dingen unseres Glaubens Erfahrungen zu machen, Erlebnisse zu haben, die uns unseres Glaubens gewiß machen. Wenn wir Jesus nicht mehr wie die Jünger sehen und erleben können, möchten wir wenigstens hier und heute etwas sehen, was uns gegen die Ungewißheit hilft. Wir möchten sehen, hören, fühlen, schmecken, anfassen können; wir möchten die Nähe Gottes unter uns erleben, seine Anwesenheit erfahren können.

Es geht uns damit nicht anders als den Christen in den Gemeinden der vierten und fünften Generation, für die der zweite Petrusbrief geschrieben wurde: Die Augenzeugen waren gestorben, alles, was man nun noch hatte, war ihr geschriebenes Wort: Wir haben ihn gesehen! Die Sehnsucht nach Anfaßbarem führte damals dazu, daß eine Menge Fabeln gedichtet wurden, die – teilweise recht fantastisch – Geschichten aus dem Leben Jesu und der Apostel erzählten, aber – alles frei erfunden! Unter den Christen verbreiteten sich geheime Zirkel, die sich durch gemeinsame geistliche und asketische Übungen die „Erkenntnis Gottes“ zu erarbeiten suchten. Doch auch die Menschen mit der höchsten Erkenntnis können nicht mehr wissen, als Gott selbst offenbart hat in seinem Sohn. Darum will der Schreiber des Petrusbriefes seine Leser daran erinnern: Auch Petrus hat bei seiner Vision des verklärten Jesus auf dem heiligen Berg nicht mehr erkannt als das: „Dies ist mein geliebter Sohn, an ihm habe ich Wohlgefallen.“

Mißtrauen gegen die Mythologie

Wir werden ermahnt, nicht mehr, nicht anderes zu suchen als das Zeugnis der Augenzeugen. Wir werden zurück gewiesen auf die Wurzeln des Glaubens, auf die heilige Schrift. „Ihr tut gut daran, daß ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen.“ Hier im Wort Gottes hat unser Glaube seinen Halt, oder er hat gar keinen. Denn die Fabeln und Mythen der Menschen sind der Mode und dem Zeitgeist unterworfen und können heute so und morgen anders gelesen werden, das Wort Gottes aber stammt von den Augenzeugen, die der heilige Geist bewegt hat.

Aus diesem Glauben heraus können wir dann selbst zu Augenzeugen werden, indem wir das, was wir im Glauben leben, was wir mit Gott erleben, bezeugen und bekennen; aber es kann nicht mehr sein als dies: „Dies ist mein geliebter Sohn, an ihm habe ich Wohlgefallen.“