All the lonely people…

Ich schreibe auch diese Woche wieder eine Predigt und mache mir Gedanken über eine Reihe von Passionsandachten. Wahrscheinlich wird aber niemand diese Worte hören, niemand diese Gebete mitsprechen. Ich spüre aber, dass es mir selbst gut tut, zu schreiben. Es macht mir Freude. Vielleicht ist es auch nur eine Möglichkeit für mich, einen Anschein von Normalität zu wahren…

Denn auch für mich sind diese Wochen ungewöhnlich, beängstigend und verstörend. Ich weiß, mir geht es unglaublich gut: Ich bin gesund, ich muss mir keine Sorgen machen wegen meines Gehalts und wegen meiner Arbeitsstelle. So vielen anderen Menschen, die mir wichtig sind, geht es aber wirklich schlecht – einer ist im Krankenhaus, mehrere Freundinnen und Freunde sind in Quarantäne; andere müssen noch jeden Tag zur Arbeit und haben Angst, sich anzustecken…

Für manche sieht die Zukunft kompliziert aus, weil das Einkommen wegbricht, die laufenden Kosten aber weiterhin gezahlt werden müssen. Und ich kenne einige Menschen, die schon vor Corona in prekären Verhältnissen lebten und nun leiden, weil sie in vollen Fluren und Wartezimmern von Ämtern und Behörden sitzen müssen…

Ich verbringe einen großen Teil meiner Zeit damit, Gemeindeglieder anzurufen, von denen ich vermute, dass sie allein und einsam sind. Fast alle sind aber relativ gut gelaunt, werden von Nachbarn und Freunden unterstützt und leben selbst in dieser Zeit ein „normales“ Leben. Das Einzige, was fehlt, sind die Besuche der Enkelkinder…

Die meisten Leute, die ich anrief, haben sich darüber gefreut, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass sie einsam sind.

Und ich frage mich, ob ich als Pfarrer im Moment überhaupt gebraucht werde. Ich schreibe, um nicht nichts zu tun, weil ich das schwer aushalte, nicht irgendwie und irgendwo tätig zu sein. Vielleicht wäre aber genau das jetzt dran: ausschlafen, Kraft sammeln, nachdenken. Lesen, wie sonst nur im Urlaub. Wandern und meine sechs Dörfer mal zu Fuß erkunden. Beten, einmal nur für mich und nicht als Vor-Beter für eine kleine Gemeinde.

Das Internet verführt dazu, sich zu betätigen: ich könnte einen Podcast in mein Mikrofon sprechen, Andachten auf Video veröffentlichen, Flugblätter und Handzettel mit Gottesdiensten „für zu Hause“ schreiben – aber ich weiß, dass meine Gemeindeglieder das nicht erreicht, dass sie es auch gar nicht brauchen. Podcasts und Online – Andachten gibt s massenhaft. Vieles, was jetzt im Internet erscheint, ist richtig, richtig gut. Meine Gemeindeglieder werden sich das trotzdem nicht ansehen. Es würde ihnen nicht nützen. Sie kommen größtenteils mit der Situation klar – anscheinend besser als ich.

Father McKenzie
Writing the words of a sermon that no one will hear
No one comes near
Look at him working
Darning his socks in the night when there’s nobody there
What does he care?

All the lonely people
Where do they all come from?
All the lonely people
Where do they all belong?

The Beatles – Eleanor Rigby

2 Gedanken zu “All the lonely people…

  1. Deine Gedanken kann ich nachvollziehen. Irgendwie muss man seinem Tag in dieser Zeit Struktur geben und irgendwie ist jeder auch aufgerufen ein „Seelsorger“ für Andere zu sein.
    Ich denke, dass jetzt, wo viele Menschen alleine leben und isoliert sind, ein persönliches Gespräch ganz wichtig ist. Das Telefonieren klappt ja ( noch) gut.
    Liebe Grüße sk

    Gefällt 1 Person

  2. Ich glaube trotz allen Nachteilen einer Pandemie, daß die in aller Munde „Entschleunigung“ was sehr positives ist. Viele Menschen merken ja jetzt erst daß da noch andere Sachen sind außer der Arbeit. Sie merken, daß das alles nicht unbedingt MUSS. Und daß die Welt nicht untergeht wenn man ein bisschen tranquilo an die Sachen rangeht.
    Natürlich ist so ne Krankheit scheisse, es geht Leuten schlecht und manche sterben sogar dran. Für´s kollektive Bewusstsein aber kommt das gut. Miteinander ist wichtiger als möglichst viel haben. Manche brauchen ne Pandemie um das zu raffen.

    Gefällt 1 Person

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