Johann Hinrich Wichern – ein bemerkenswerter Geburtstag

Vor zweihundertzwölf Jahren, am 21. April 1808, wurde Johann Hinrich Wichern in Hamburg geboren. Er gründete 1833 das Rauhe Haus in Hamburg und 1858 das Evangelische Johannesstift in Berlin und wurde zu einem der Begründer der Inneren Mission in Deutschland, aus der sich später das Diakonische Werk entwickelte. Mit der Gründung dieser beiden Diakonischen Einrichtungen in Hamburg und Berlin wollte Wichern etwas gegen das zunehmende soziale Elend und gegen die Entkirchlichung der Bevölkerung in den deutschen Großstädten unternehmen. Durch die Diakonenausbildung, die in beiden Häusern betrieben wurde, wurde Wichern zum Begründer der männlichen Diakonie in Deutschland.

Wichern wollte von Anfang an mehr, als einige Waisenhäuser in den Großstädten zu bauen. In seiner „Denkschrift an die Deutsche Nation“ von 1849 legte er dem „Zentralausschuss für die Innere Mission der deutschen evangelischen Kirche“ ein umfassendes Gesamtkonzept vor: Die Aufgabe der Kirche und der Inneren Mission ist, „dahin zu wirken, dass zuletzt im Umkreis der evangelischen Kirche kein Glied derselben mehr sei, das nicht das Wort Gottes in rechter, das heißt gerade ihm eignender Weise hörte und die ihm sich darbietende Gelegenheit zu diesem Hören fände, auch ohne sie zu suchen.“

Zu diesem Zweck nutzte Wichern alle publizistischen Mittel und Möglichkeiten seiner Zeit: Bibelgesellschaften nach englischem Vorbild sollen billige Bibelausgaben unter die Leute bringen und den rechten Gebrauch der Schriften erklären. Hausgottesdienste und Haus-Bibelstunden sollen durch Verbreitung entsprechender Traktate gefördert werden. Besondere christliche Literatur, Kalender, Lehrbücher und Biografien sollen in großem Umfang verkauft und in Volksbibliotheken verliehen werden. Zeitschriften und eine Sonntagszeitung mit christlichem Schwerpunkt sollen helfen, durch Belehrung und Ermahnung die Situation des Proletariats in den Städten zu verbessern.

Ein sehr großes Anliegen ist für Wichern die Motivation der Kirchengemeinden zum Dienst in der Inneren Mission zum Einsatz für die Armen, für Kinder und Frauen. Das bonhoeffersche Prinzip „Kirche ist Kirche für andere“ wird auch bei Wichern schon zu einem kirchenleitenden Gedanken.

Es ist ein umfassendes, wirkungsvolles und bis in Feinheiten ausgebautes Konzept für Öffentlichkeitsarbeit, das Wichern in der Denkschrift an die Deutsche Nation entwickelt. Das erklärte Ziel dieser Aktionen ist, „zu zeigen, was der beharrliche Glaube und die für das Christenvolk und seine Rettung und Bewahrung eifrige und opfernde Liebe vermag; es ist die ausgesprochene Absicht, durch solche Taten auch diejenigen Genossen unseres evangelischen Volkes zu Liebe und Mitarbeit zu reizen, die bisher nur zugesehen haben.“

Mir selbst ist in diesem Zusammenhang wichtig, dass die Arbeit der Inneren Mission, aus der später das Diakonische Werk hervorging, am Anfang und im Prinzip Gemeindearbeit war. Es ist an keiner Stelle daran gedacht, dass die in der Kirche missionierenden und helfenden Vereine und Institutionen der Inneren Mission etwa der Kirche gegenüberstehen und von den Gemeinden unabhängig seien. In der Inneren Mission hilft die Kirche sich selbst. Die meisten Kirchengemeinden haben ihre diakonischer Verantwortung heute „ausgelagert“, Pfarrerinnen und Pfarrer, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kirchengemeinden und auch die Gemeindeglieder denken in ihrer alltäglichen Arbeit kaum noch daran, dass die Pflege der Kranken und Benachteiligten die ureigenste Aufgabe der Kirche ist. Selbst in den gottesdienstlichen Fürbitten-Gebeten kommt diese Arbeit kaum vor. (Erst jetzt in den Corona-Zeiten vielleicht wieder häufiger.)

Es ist wohl zuerst der nötigen Professionalisierung dieser Arbeit geschuldet, dass Altenpflege, medizinische Betreuung und auch Notfallseelsorge und Ähnliches von speziell ausgebildeten Fachkräften übernommen werden muss und auch die Finanzierung und die Qualitätssicherung dieser Arbeit innerhalb einer normalen Gemeinde nicht mehr gewährleistet werden kann.

Andererseits nimmt die durch diese Professionalisierung zusammen mit der Nötigung zu Zeitmanagement und Dokumentation („Papierkram“) diesem Bereicht der Arbeit oft ihr eigentlich christliches „Gesicht“. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seufzen unter dieser Last, und die Tatsache, dass für die Arbeit mit „Patienten“, „Bewohnern“ und „Kunden“ viel zu wenig Zeit bleibt, schadet sowohl ihrem Image als auch ihrer Motivation.

„Nicht nur zusehen, sondern zeigen, wozu beharrlicher Glaube und tätige Liebe fähig sind…“ Das ist ein Programm für die Gemeindearbeit, das Mittelpunkt aller Leitbilder und Gemeindeordnungen sein sollte. Vielleicht ist dieser bemerkenswerte Geburtstag eines großen Kirchenreformers gerade in dieser Zeit wieder einmal ein Anstoß, die Prioritäten der kirchlichen Arbeit neu zu bedenken.

2 Gedanken zu “Johann Hinrich Wichern – ein bemerkenswerter Geburtstag

  1. Übrigens war Wichern der Erfinder des Adventskranzes. Allerdings mit ein paar mehr als den heutigen vier Kerzen. In der Wichernschule (die zum Rauhen Haus gehört) gab’s, zumindest als mein Sohn dahin ging, noch das Original. 🙂

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