So langsam wie möglich…

undefined

John Cage war ein amerikanischer Komponist, Maler und Philosoph. Ich kenne von ihm nur zwei Stücke, das Klavierkonzert 4‘33“ von 1952 und das Orgelwerk „As slow as possible“ – „so langsam wie möglich“, das er im Jahr 1987 schrieb.

In dem Klavierstück sitzt der Pianist vier Minuten und dreiunddreißig Sekunden vor dem Flügel und – tut nichts. Man hört nur gelegentliches Seufzen, Husten, Kichern aus dem Publikum. Manche scharren mit den Füßen oder bewegen sich auf ihrem Stuhl. Sonst passiert scheinbar nichts. Die Zeit vergeht. Nach vier Minuten und dreiunddreißig Sekunden verlässt der Pianist seinen Platz, und Applaus brandet auf. Wofür? Warum? Es ist nichts passiert, außer dass Zeit vergangen ist – und doch ist in dieser Zeit so viel geschehen. Die Menschen haben die Stille erlebt und den Klang der Zeit gehört.

Mit dem Vergehen der Zeit hat letztlich auch das Orgelwerk „As slow as possible“ zu tun. Typische Aufführungen dieses Stücks dauern zwischen zwei und sechs Stunden. Aber wie lang könnte eine solche Ausführung wirklich dauern? Wenn man sie bis zum Äußersten treibt?

Im Jahr 1361 wurde in Halberstadt die erste Großorgel der Welt gebaut. Diese Orgel stand im Dom und hatte eine Klaviatur mit zwölf Tönen pro Oktave, wie sie heute noch auf unseren Tasteninstrumenten gebraucht wird. Die Wiege der modernen Musik stand damit in Halberstadt.

Im Jahr 2000 sind 639 Jahre sind seit dem Bau der Orgel vergangen.

Über die Zeit von 639 Jahren soll das Stück von John Cage „so langsam wie möglich“ aufgeführt werden, als längstes Konzert der Welt seit dem 5. September 2001 in Halberstadt in der St.-Burchardi-Kirche. Diese Aufführung soll bis zum 4. September 2640 dauern, also insgesamt 639 Jahre.

Ein Holzgerüst wurde aufgebaut, ein Blasebalg, ein kleiner Elektromotor. Am 5. September 2001 wurde der Motor eingeschaltet, der Motor summte leise und der Orgelwind rauschte aus dem Blasebalg, aber – weil das Stück mit einer Pause beginnt – es war anderthalb Jahre sonst nichts zu hören. Am 5. Februar 2003 wurden die drei ersten Pfeifen eingesetzt, drei Tasten eingebaut und drei Sandsäckchen daran gehängt. Der erste Akkord erklang. 17 Monate lang.

Nach einigen Monaten, manchmal auch erst nach zwei bis sieben (!) Jahren erfolgt in der St.-Burchadi-Kirche der „Tonwechsel“, bei dem jeweils neue Pfeifen und Tasten in die Orgel eingesetzt werden und dann ein neuer Akkord erklingt. Die Kirche ist in diesem Stunden gut gefüllt. Der Tonwechsel ist ein vielbeachtetes Ereignis, über das die Weltpresse berichtet.

Aber auch an anderen Tagen kommen Zuhörerinnen und Zuhörer in die Kirche, beschauen sich die Orgel, die während der Aufführung von ASLAP erst entsteht, und sie wandern durch den Raum, der von dem jeweiligen Akkord erfüllt ist, von dem Klang, der in ihm schwebt und zittert. In jeder Ecke wirkt dieser Klang anders; er kommuniziert mit dem Licht in der Kirche, mit den alten Mauern, mit der abgeplatzten Farbe. Er kommuniziert mit der Einstellung der Konzertbesucher, mit ihrem Puls, ihrem Atem, mit ihrem Zeitgefühl, mit ihrer Geduld. Er lässt sie ihre Vergänglichkeit spüren und auch, dass sie einen Anteil an der Ewigkeit haben.

Die Beteiligten – ob als Zuhörer oder Aufführende – können erleben, wie sie Teil eines Größeren sind. Weit über ihre Lebensspanne hinaus, weit über das hinaus, was man sonst vernünftigerweise planen kann, reicht dieses Projekt. Dabei besteht es nur aus etwas letztlich Ungreifbaren, nur aus dem Klang, aus der Stille, aus der Stimme der Orgelpfeifen, durch die der Wind weht…

In der Kirche können an einem Edelstahlband für jedes Aufführungsjahr Gedenktafeln angebracht werden. Jeder Spender und jede Spendergruppe, die mehr als 1200 EUR spenden, kann sich eine Tafel zuteilen lassen und einen Text vorgeben. Auf den Tafeln stehen sehr unterschiedliche Texte: Manchmal sind es Grüße an die Menschen, die in der Zukunft leben werden. Manche Tafeln erinnern an Grabsteine oder Denkmale, mit denen die Menschen unserer Zeit sich „unsterblich“ machen wollen.

Manche sprechen von der Faszination, die dieses Projekt in ihnen auslöst. Und die Vorstellung, dass in sechs Jahrhunderten Menschen vor diesen Tafeln stehen und diese Texte lesen, macht sie atemlos und ehrfürchtig. In dieser Kirche stehen dann Menschen, die ein für uns unvorstellbares Leben führen und dennoch dieses Orgelprojekt weiterführen und die im Jahr 2640 den letzten Akkord des Werkes hören und dann den Motor – oder das, was ihn dann ersetzt haben wird – abschalten, nach mehr als sechs Jahrhunderten.

Fields of Gold… Sting

You’ll remember me when the west wind moves
Upon the fields of barley
You’ll forget the sun in his jealous sky
As we walk in fields of gold

Du wirst dich an mich erinnern,
Wenn der Westwind über die Gerstenfelder weht.
Du wirst die Sonne in ihrem eifersüchtigen Himmel vergessen,
Während wir durch Felder aus Gold gehen.

So she took her love
For to gaze a while
Upon the fields of barley
In his arms she fell as her hair came down
Among the fields of gold

Also nahm sie ihren Liebsten, um mit ihm
Für ein Weilchen über die Gerstenfelder zu schauen
In seine Arme fiel sie und herab fiel ihr Haar
In den Feldern aus Gold.

Will you stay with me?
Will you be my love?
Upon the fields of barley
We’ll forget the sun in his jealous sky
As we lie in fields of gold

Wirst du bei mir bleiben?
Wirst du immer mein Liebster sein, hier inmitten der Gerstenfelder?
Wir werden die Sonne in ihrem eifersüchtigen Himmel vergessen,
Während wir in Feldern aus Gold liegen.

…und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben…

Über die Chancen von #digitalerKirche in Zeiten von Corona…

Man kann sich wohl darüber streiten, ob Pfingsten wirklich der Geburtstag der Kirche war. Es ist eine schöne und beeindruckende Gründungslegende, die in der Apostelgeschichte des Lukas erzählt wird, ein „Narrativ“ von der Entstehung der ersten christlichen Gemeinschaft in Jerusalem. Aus den verängstigten Jüngern Jesu, die sich im Obergeschoss ihres Hauses im Hinterzimmer versteckten, wurden innerhalb von Stunden begeisterte und leidenschaftlich brennende Missionare des Glaubens an den Auferstandenen, durch den das Heil für alle Menschen gekommen ist. Mehrere tausend Menschen ließen sich nach der ersten Predigt des Petrus taufen, und sofort begann ein reges, organisiertes, von geschwisterlicher Liebe bestimmtes Gemeindeleben.

Gerade in ihrer Anfangszeit war die Gefolgschaft des Wanderpredigers sehr vielgestaltig und von unterschiedlichen Vorstellungen und Ideen über den Gesalbten Gottes geprägt. Die Kirche als einheitliche Glaubensgemeinschaft gab es damals noch gar nicht, hat es eigentlich nie gegeben. Es hat Jahrhunderte gedauert, bis man sich auf gemeinsame Bekenntnisse einigen konnte, und fast jedes formulierte Credo wurde sofort wieder Anlass zu neuem Streit, gegenseitiger Abgrenzung und oftmals auch blutiger Auseinandersetzungen.

Die Kirche hat nicht einen Geburtstag, sondern immer wieder neue Aufbrüche, Erweckungen, Renaissancen und Revolutionen erlebt. Ecclesia est semper reformanda – und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der sie beschützt und der ihr neu das Leben gibt.

Es waren meist Zeiten der Bedrängnis und der Krise, in denen die Kirche sich in ihrer Form neu aufstellen musste und sich auch im Inhalt ihrer Verkündigung neu erfunden hat. Sie hat reagiert auf die Anforderungen und die Ansprüche der Menschen, aus denen sie besteht und die ihr gegenüber standen; sie hat gestritten und kooperiert mit politischen Systemen und hatte Anteil an wirtschaftlichen Beziehungen und Strukturen; sie prägte Kunst und Kultur und ließ sich bis ins Innerste beeinflussen und und verwandeln durch die Mythen und Religionen der Menschen, denen sie während ihrer Ausbreitung über die ganze Welt begegnete. Selbst Kulturen, die sie am Ende zerstörte und vernichtete, leben sozusagen in ihrer – der Kirche – eigenen DNA fort und werden so durch die Jahrhunderte weiter gegeben.

Die Kirche als Ganzes ist immer eine Art lebendiger Organismus gewesen, bereit zu Veränderung, geradezu begierig nach der Teilhabe an der evolutionären Entwicklung des Nachdenkens über Gott, des wachsenden Verständnisses der Welt und des immer wieder neu faszinierenden Gesprächs über den Reichtum verschiedener Formen der Spiritualität.

Einzelne verfasste Kirchen dagegen waren und sind dagegen oft wie gelähmt in ihrem Festhalten an überkommenen Traditionen, erstarrten Formen und längst unzeitgemäßem Machtanspruch. Amtsträger fürchteten um ihren Einfluss, scheuten jede Veränderung, lehnten alles Neue als gegen den „wahren Glauben“ gerichtet ab. Beinahe so, wie auch die Mehrheit der Priester am Tempel in Jerusalem auf die Bemühungen des Jesus von Nazareth reagiert haben, der die Würde des Gottesdienstes gegen die fortschreitende Kommerzialisierung durchsetzen wollte.

Was ist die angemessene Form, Gottesdienst zu feiern? In welcher Gestalt kann die Kirche am besten ihren Auftrag erfüllen, das Wort Gottes zu verkünden und tätige Nächstenliebe zu praktizieren? Diese Frage stand neben den theologischen Fragen nach dem Wesen Gottes in jeder Krise wieder im Zentrum des Streits in der Kirche.

Noch scheint es mir unwahrscheinlich, dass die Corona – Krise allein auch eine solch bleibende Veränderung in der Gestalt der Kirche verursachen könnte, es ist aber möglich, dass sie wie ein Katalysator einen Anlass bildet, eine sowieso anstehende Neuordnung nun relativ schnell zu verwirklichen.

In vielen Gemeinden wurden Gottesdienste in den unterschiedlichsten Formen weiter gefeiert – unter den Bedingungen des von den Behörden erlassenen Versammlungsverbotes. Dieses wurde in den großen Kirchen in Deutschland bisher weitgehend akzeptiert, weil es gut begründet und nachvollziehbar kommuniziert wurde und darum nicht als willkürliche Einschränkung des Grundrechts der freien Religionsausübung empfunden wurde. Pfarrerinnen und Pfarrer entwickelten zusammen mit den anderen Mitarbeitenden in den Gemeinden viele sehr phantasievolle Ideen, wie sie den Kontakt zu den Gemeindegliedern nicht nur halten, sondern womöglich sogar intensivieren und den neuen Bedürfnissen anpassen könnten.

Da gab es Kurzpredigten an einer Wäscheleine am Eingang der Kirchgebäude, die Gemeindeglieder „pflücken“ und mitnehmen konnten. Manche schickten unter dem Stichwort „Gottesdienst gleichzeitig“ Anleitungen für Andachten am Küchentisch, die Familien und Freundeskreise gemeinsam feiern konnten. Mit Podcasts und Videobeiträgen versuchten Pfarrpersonen eine Art „geistlicher Grundversorgung“ zu gewährleisten. Und nach dem Vorbild der Fernsehgottesdienste stellten Gemeinde ihre Feiern auf ihre Homepage oder luden zu Live-Übertragungen auf den plötzlich bekannt gewordenen Plattformen wie Zoom oder Meet ein. Auch in der Arbeit mit Kindern, in der Kirchenmusik und im Zusammenhang mit dem Konfirmandenunterricht gab es sehr spannende digitale Konzepte.

Und das – was niemand wirklich erwartet hätte – mit großem Erfolg: die Zahl der Menschen, die diese Angebote nutzten, überstieg die Zahl derer, die vor der Krise zum Gottesdienst kamen, um das drei-, vier- oder sogar zehnfache.
Und nun fragen sich die Verantwortlichen: Was tun wir „nach Corona“? Können wir es uns leisten, diese digitalen Angebote weiterhin zur Verfügung zu stellen? Können wir es uns leisten, das nicht zu tun? Wer kann ddiese Arbeit mit dem nötigen Qualitätsanspruch ausführen? Wie wird das zu finanzieren sein? Wie können digitale Angebote die bisherige Arbeit in der Gemeinde ergänzen oder sogar ersetzen?

Wirklich überzeugende Ansätze für ein Konzept #digitaleKirche fehlen meiner Ansicht nach noch immer. Denn trotz der interessanten Entwicklung, die in den vergangenen Wochen stattgefunden hat, sind viele Schwachstellen und offene Fragen geblieben: Es sind immer noch vor allem Pfarrerinnen und Pfarrer, hauptamtlich Mitarbeitende, die hier verantwortlich tätig sind. Möglichkeiten, das „Priestertum aller Gläubigen“ wirklich mit Leben zu füllen und die Gemeindeglieder im Gottesdienst und darüber hinaus an der Gemeindearbeit zu beteiligen, wurden noch nicht wirklich entdeckt. Die Kommunikation ist hier immer noch sehr einseitig – auch und seltsamerweise vor allem in den sozialen Medien, die eigentlich eine unkomplizierte Möglichkeit zur Rückmeldung und zur Diskussion bieten. Es reicht einfach nicht aus, ein paar Predigten und das Gemeindeblatt auf die Webseite zu bringen oder Fotos der Pfarrerin beim Friseurbesuch auf Instagram zu posten.

Wo Menschen in der Gemeinde leben, die internetaffin sind und gewohnt sind, das Internet als Teil ihrer Lebenswelt zu akzeptieren und auch zu nutzen, muss kirchliche Öffentlichkeitsarbeit alle möglichen Kanäle anbieten und nutzen – angefangen mit der kurzfristig aktualisierten und einladenden Information über ihre Arbeit (Homepage, Newsletter, Blog und Vlog) über die Möglichkeit einer digitalen Parallelstruktur wie onlineGottesdienste, virtuelle Bibelgruppen, regelmäßige Familienangebote etc. bis hin zu wirklich immersiven Strukturen wie digitalem Fundraising, Crowdfunding und realen Beteiligungsmöglichkeiten on- und offline, second screen im Gottesdienst, Abstimmung und Bewertungen über Angebote der Gemeinde, internetgestütztes BeschwerdeManagement und noch hundert andere Dinge, für die meine Phantasie nicht reicht.

Gleichzeitig dürfen aber auch die Menschen nicht vergessen werden, die nach wie vor das Internet nur zum Bestellen von Büchern und zur Kommunikation mit den Enkeln nutzen und ansonsten zu ängstlich sind, sich in einem sozialen Netzwerk anzumelden. Digitale Kompetenz darf nicht zu einem Ausschlusskriterium der Teilhabe an der Kirchengemeinde werden.