…und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben…

Über die Chancen von #digitalerKirche in Zeiten von Corona…

Man kann sich wohl darüber streiten, ob Pfingsten wirklich der Geburtstag der Kirche war. Es ist eine schöne und beeindruckende Gründungslegende, die in der Apostelgeschichte des Lukas erzählt wird, ein „Narrativ“ von der Entstehung der ersten christlichen Gemeinschaft in Jerusalem. Aus den verängstigten Jüngern Jesu, die sich im Obergeschoss ihres Hauses im Hinterzimmer versteckten, wurden innerhalb von Stunden begeisterte und leidenschaftlich brennende Missionare des Glaubens an den Auferstandenen, durch den das Heil für alle Menschen gekommen ist. Mehrere tausend Menschen ließen sich nach der ersten Predigt des Petrus taufen, und sofort begann ein reges, organisiertes, von geschwisterlicher Liebe bestimmtes Gemeindeleben.

Gerade in ihrer Anfangszeit war die Gefolgschaft des Wanderpredigers sehr vielgestaltig und von unterschiedlichen Vorstellungen und Ideen über den Gesalbten Gottes geprägt. Die Kirche als einheitliche Glaubensgemeinschaft gab es damals noch gar nicht, hat es eigentlich nie gegeben. Es hat Jahrhunderte gedauert, bis man sich auf gemeinsame Bekenntnisse einigen konnte, und fast jedes formulierte Credo wurde sofort wieder Anlass zu neuem Streit, gegenseitiger Abgrenzung und oftmals auch blutiger Auseinandersetzungen.

Die Kirche hat nicht einen Geburtstag, sondern immer wieder neue Aufbrüche, Erweckungen, Renaissancen und Revolutionen erlebt. Ecclesia est semper reformanda – und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der sie beschützt und der ihr neu das Leben gibt.

Es waren meist Zeiten der Bedrängnis und der Krise, in denen die Kirche sich in ihrer Form neu aufstellen musste und sich auch im Inhalt ihrer Verkündigung neu erfunden hat. Sie hat reagiert auf die Anforderungen und die Ansprüche der Menschen, aus denen sie besteht und die ihr gegenüber standen; sie hat gestritten und kooperiert mit politischen Systemen und hatte Anteil an wirtschaftlichen Beziehungen und Strukturen; sie prägte Kunst und Kultur und ließ sich bis ins Innerste beeinflussen und und verwandeln durch die Mythen und Religionen der Menschen, denen sie während ihrer Ausbreitung über die ganze Welt begegnete. Selbst Kulturen, die sie am Ende zerstörte und vernichtete, leben sozusagen in ihrer – der Kirche – eigenen DNA fort und werden so durch die Jahrhunderte weiter gegeben.

Die Kirche als Ganzes ist immer eine Art lebendiger Organismus gewesen, bereit zu Veränderung, geradezu begierig nach der Teilhabe an der evolutionären Entwicklung des Nachdenkens über Gott, des wachsenden Verständnisses der Welt und des immer wieder neu faszinierenden Gesprächs über den Reichtum verschiedener Formen der Spiritualität.

Einzelne verfasste Kirchen dagegen waren und sind dagegen oft wie gelähmt in ihrem Festhalten an überkommenen Traditionen, erstarrten Formen und längst unzeitgemäßem Machtanspruch. Amtsträger fürchteten um ihren Einfluss, scheuten jede Veränderung, lehnten alles Neue als gegen den „wahren Glauben“ gerichtet ab. Beinahe so, wie auch die Mehrheit der Priester am Tempel in Jerusalem auf die Bemühungen des Jesus von Nazareth reagiert haben, der die Würde des Gottesdienstes gegen die fortschreitende Kommerzialisierung durchsetzen wollte.

Was ist die angemessene Form, Gottesdienst zu feiern? In welcher Gestalt kann die Kirche am besten ihren Auftrag erfüllen, das Wort Gottes zu verkünden und tätige Nächstenliebe zu praktizieren? Diese Frage stand neben den theologischen Fragen nach dem Wesen Gottes in jeder Krise wieder im Zentrum des Streits in der Kirche.

Noch scheint es mir unwahrscheinlich, dass die Corona – Krise allein auch eine solch bleibende Veränderung in der Gestalt der Kirche verursachen könnte, es ist aber möglich, dass sie wie ein Katalysator einen Anlass bildet, eine sowieso anstehende Neuordnung nun relativ schnell zu verwirklichen.

In vielen Gemeinden wurden Gottesdienste in den unterschiedlichsten Formen weiter gefeiert – unter den Bedingungen des von den Behörden erlassenen Versammlungsverbotes. Dieses wurde in den großen Kirchen in Deutschland bisher weitgehend akzeptiert, weil es gut begründet und nachvollziehbar kommuniziert wurde und darum nicht als willkürliche Einschränkung des Grundrechts der freien Religionsausübung empfunden wurde. Pfarrerinnen und Pfarrer entwickelten zusammen mit den anderen Mitarbeitenden in den Gemeinden viele sehr phantasievolle Ideen, wie sie den Kontakt zu den Gemeindegliedern nicht nur halten, sondern womöglich sogar intensivieren und den neuen Bedürfnissen anpassen könnten.

Da gab es Kurzpredigten an einer Wäscheleine am Eingang der Kirchgebäude, die Gemeindeglieder „pflücken“ und mitnehmen konnten. Manche schickten unter dem Stichwort „Gottesdienst gleichzeitig“ Anleitungen für Andachten am Küchentisch, die Familien und Freundeskreise gemeinsam feiern konnten. Mit Podcasts und Videobeiträgen versuchten Pfarrpersonen eine Art „geistlicher Grundversorgung“ zu gewährleisten. Und nach dem Vorbild der Fernsehgottesdienste stellten Gemeinde ihre Feiern auf ihre Homepage oder luden zu Live-Übertragungen auf den plötzlich bekannt gewordenen Plattformen wie Zoom oder Meet ein. Auch in der Arbeit mit Kindern, in der Kirchenmusik und im Zusammenhang mit dem Konfirmandenunterricht gab es sehr spannende digitale Konzepte.

Und das – was niemand wirklich erwartet hätte – mit großem Erfolg: die Zahl der Menschen, die diese Angebote nutzten, überstieg die Zahl derer, die vor der Krise zum Gottesdienst kamen, um das drei-, vier- oder sogar zehnfache.
Und nun fragen sich die Verantwortlichen: Was tun wir „nach Corona“? Können wir es uns leisten, diese digitalen Angebote weiterhin zur Verfügung zu stellen? Können wir es uns leisten, das nicht zu tun? Wer kann ddiese Arbeit mit dem nötigen Qualitätsanspruch ausführen? Wie wird das zu finanzieren sein? Wie können digitale Angebote die bisherige Arbeit in der Gemeinde ergänzen oder sogar ersetzen?

Wirklich überzeugende Ansätze für ein Konzept #digitaleKirche fehlen meiner Ansicht nach noch immer. Denn trotz der interessanten Entwicklung, die in den vergangenen Wochen stattgefunden hat, sind viele Schwachstellen und offene Fragen geblieben: Es sind immer noch vor allem Pfarrerinnen und Pfarrer, hauptamtlich Mitarbeitende, die hier verantwortlich tätig sind. Möglichkeiten, das „Priestertum aller Gläubigen“ wirklich mit Leben zu füllen und die Gemeindeglieder im Gottesdienst und darüber hinaus an der Gemeindearbeit zu beteiligen, wurden noch nicht wirklich entdeckt. Die Kommunikation ist hier immer noch sehr einseitig – auch und seltsamerweise vor allem in den sozialen Medien, die eigentlich eine unkomplizierte Möglichkeit zur Rückmeldung und zur Diskussion bieten. Es reicht einfach nicht aus, ein paar Predigten und das Gemeindeblatt auf die Webseite zu bringen oder Fotos der Pfarrerin beim Friseurbesuch auf Instagram zu posten.

Wo Menschen in der Gemeinde leben, die internetaffin sind und gewohnt sind, das Internet als Teil ihrer Lebenswelt zu akzeptieren und auch zu nutzen, muss kirchliche Öffentlichkeitsarbeit alle möglichen Kanäle anbieten und nutzen – angefangen mit der kurzfristig aktualisierten und einladenden Information über ihre Arbeit (Homepage, Newsletter, Blog und Vlog) über die Möglichkeit einer digitalen Parallelstruktur wie onlineGottesdienste, virtuelle Bibelgruppen, regelmäßige Familienangebote etc. bis hin zu wirklich immersiven Strukturen wie digitalem Fundraising, Crowdfunding und realen Beteiligungsmöglichkeiten on- und offline, second screen im Gottesdienst, Abstimmung und Bewertungen über Angebote der Gemeinde, internetgestütztes BeschwerdeManagement und noch hundert andere Dinge, für die meine Phantasie nicht reicht.

Gleichzeitig dürfen aber auch die Menschen nicht vergessen werden, die nach wie vor das Internet nur zum Bestellen von Büchern und zur Kommunikation mit den Enkeln nutzen und ansonsten zu ängstlich sind, sich in einem sozialen Netzwerk anzumelden. Digitale Kompetenz darf nicht zu einem Ausschlusskriterium der Teilhabe an der Kirchengemeinde werden.

4 Gedanken zu “…und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben…

  1. Eine Predigt-to-go finde ich irgendwie klasse. In der heutigen Zeit, wo eigentlich alle arbeiten, ist der Sonntag oft der einzige Tag, an den man beieinander sein kann und, zum Beispiel, zusammen kochen und Mittag essen. Da ist die Kirche einfach… Naja, ein bisschen viel, wenn Du verstehst, was ich meine. Ich lese Deine Texte total gerne, aber in der Kirche sein war ich doch – leider eigentlich – schon lange nicht mehr.

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  2. Ich glaube, die Internetangebote werden – vielleicht auch weil sie etwas zu unterstreichen scheinen, was einige Kollegen seit einiger Zeit schon aktiv betreiben und bewerben – überschätzt. Ja, auch wir haben Internetgottesdienste und -andachten angeboten und tun es noch. Wir haben Zugriffszahlen festgestellt, die doppelt so hoch sind wie die Teilnehmerzahlen bei „normalen“ Gottesdiensten und Andachten. Aber ich habe mir die Youtube-Statistiken genauer angesehen und festgestellt: die meisten Aufrufe waren Langeweile- oder Neugierde-Aufrufe, die über den Vorspann nicht hinausgegangen sind. Ab etwa einer Minute Laufzeit haben wir eine, verblüffend konstante, Abdeckung von 30 bis 35 Prozent der Aufrufe. Wenn ich das jetzt umlege auf Paare, die zu zweit vor dem Bildschirm sitzen, und die Menschen, die in unseren Gemeinden kein Internet verwenden, dann komme ich in etwa auf die gleiche Zuschauerzahl wie die Teilnehmerzahl unserer Gottesdienste.
    Bei unseren „11 Minuten um 11 Uhr 11“ sind jeden Dienstag rund 15 Personen anwesend gewesen; im Internet habe ich im Lauf der Woche 50 Aufrufe gehabt, solange wir eingesperrt waren; jetzt seit der schrittweisen Öffnung geht die Zahl auf etwa 25 in der ersten Woche zurück, mit weiterhin recht hoher Abdeckung bis zum Ende. Das zeigt mir aber, daß während der Ausgangssperre dieses Angebot für einige Menschen interessant war, die nun, da sie sich wieder anders beschäftigen können, nicht mehr einschalten. Würden wir die „11 Minuten“ nächste Woche wieder live anbieten, würde die Einschaltquote noch einmal einbrechen. Da stellt sich dann die Frage, bis hinab zu wie vielen Zuschauern sich der Einsatz noch „lohnt“. Ich denke da auch an die „Jesus liebt dich“-Plakate, die ich unter so vielen Brücken habe kleben sehen, und von denen ich gern wüßte, ob sie einen einzigen Menschen zum Glauben geführt haben.
    Hinaus aus den Mauern unserer Kirchen – ja. Aber ich glaube, sich aus den Kirchen ins Internet zu begeben wäre nur der Wechsel von einem Elfenbeinturm in den anderen. Hinein ins wirkliche Leben, zu echten Begegnungen, die dem täglichen Leben immer mehr abgehen – da liegt, glaube ich, der Schlüssel. Diesen Weg können aber nicht nur die Hauptamtlichen gehen, nicht einmal wenn man die aufgeblähten Wasserköpfe der Kirchenämter aufs nötige Minimum reduziert und die freiwerdenden Mittel für geistliche, missionarische, Aufgaben einsetzt: da muß die Gemeinde sich aufgerufen fühlen und zu einer Wolke der Zeugen werden. Denn das ist unser Kerngeschäft.
    Alles Virtuelle kann gern von Menschen weiterentwickelt werden, die daran glauben, aber ich glaube es nicht. Ebensowenig wie ich an die Heilswirkung von Kirchenämtern und Kirchenordnungen glaube.

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  3. Ist dieser mitteilungsfreudige Pfarrer hier eigentlich in Online-Gottesdiensten zu sehen?So toll internetaffin und – ahnungsvoll wie er ist, müsste man das eigentlich erwarten.
    Ansonsten kann man nur hoffen, dass wir bald von den Peinlichkeiten der Online-Gottesdienste erlöst werden. Der pedigerische und musikalische Offrnbarungseid muss nicht auch noch weltweit verbreitet werden. Erstaunlich, wie die Evangelische Kirche sich in wenigen Jahren völlig heruntergewirtschaftet hat.

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  4. Viele Menschen wollen „ihren“ PfarrerIn sehen und auch die altbekannten, einfachen und vor allem auch herzerwärmenden Lieder oder Psalmen mitsingen. Viel technischer Schnickschnack und Perfektion muss nicht sein. Wichtig ist eine gute Klangwiedergabe, damit das Mitbeten und-singen klappt. Doch ohne Herzenswärme geht es nicht oder soll ich Heiliger-Geist-Wärme hier schreiben …

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