Familie kannst Du Dir nicht aussuchen… Predigt zu Hebräer 13

Predigt am 26. Juli 2020 – Predigttext Hebräer 13, 1-3

Deine Freunde kannst Du Dir aussuchen,
aber in Deine Familie hinein wirst Du geboren.

Besonders bei großen Familienfeiern wird jedes Mal wieder deutlich, dass es die Verwandtschaft gibt, auf die man sich schon Monate lang freut, man kann es kaum erwarten, sie wieder zu sehen. Dann gibt es die, die man erträglich findet, einmal im Jahr kann man es mit ihnen gut ein paar Stunden lang aushalten, eigentlich ist es sogar schön, und dann nimmt man es sich fest vor, nicht wieder ein halbes Jahr lang zu warten, bis man sie anruft. Und dann ruft man sich irgendwann an – und wundert sich, wie schnell die Zeit vergangen ist und dass doch schon wieder acht Monate vorbei sind…

Und dann gibt es diese komischen Käuze, die immer wieder unangenehm auffallen, die jedes Mal wieder Anlass geben, sich fremd zu schämen, die immer wieder für peinliche Momente sorgen. Ein gutes Jahr lang ist man ihnen aus dem Weg gegangen; aber nun bei Sonjas Hochzeit, bei Carstens 60. Geburtstag oder bei Gertrudes Trauerfeier lässt es sich nicht ändern. Und dann sitzt Du neben Onkel Detlev und hörst Dir stundenlang seine Frauengeschichten an oder seine Theorie, das die NASA Chemikalien in die Atmosphäre streut, damit die Menschen sich nicht gegen „die da oben“ erheben und sich gegen das System wehren. Und du denkst mit Grausen daran, dass er auch nächstes Jahr wieder mit dabei sein wird, wenn Nicole Goldene Hochzeit feiert…

Du bist stolz auf die Familienmitglieder, die es zu etwas gebracht haben, die Erfolg hatten. Ärzte, Anwälte, tüchtige Handwerker, einflussreiche Politiker – solche Menschen hat man gern in der Verwandtschaft. Aber es gibt auch schwarze Schafe: Alkoholiker, Arbeitslose, vielleicht auch Obdachlose, solche, die am Leben gescheitert sind und nicht oben auf der Erfolgsleiter stehen, solche, die immer wieder Hilfe und Unterstützung brauchen… Da ist der Neffe, der immer knapp bei Kasse ist und auch jede Feier nutzt, die Familienmitglieder anzubetteln, und da sind jene, die nichts sagen, aber man kann sehen, wie sehr sie Hilfe nötig hätten…

Deine Freunde kannst Du Dir aussuchen,
aber in Deine Familie hinein wirst Du geboren.

Wenn wir das Abendmahl feiern, wird deutlich, dass auch die Kirche, die weltweite Christenheit eine solche Familie ist. Überall, wo Menschen im Namen Jesu zusammen kommen, wird das heilige Mahl gefeiert – und ich tauche mein Brot ein zusammen mit dem Manager aus Kalifornien, mit dem Müllsammler aus dem Slum in Rio, mit den verfolgten Christen aus dem Iran und dem aidskranken Pastor aus Südafrika. In Jesus sind wir eins. Das ist Kirche.

Und da gibt es in der Kirche solche, die wir uns als Nachbarn und Freunde und Partner wünschen, solche, mit denen wir uns gern und immer wieder treffen, aber auch solche, die uns recht fremd und fern sind. Es gibt reiche Gemeinden und arme, es gibt reiche Kirchen und arme. Und es gibt solche, die in schwierigen Situationen sind und Hilfe brauchen. Es gibt Kirche in Ländern, in denen Christen verfolgt werden – und wir wissen nicht einmal etwas davon, weil wir es nie zur Kentnis genommen haben.

Auch die Musik, die wir in diesem Gottesdienst hören und vielleicht leise mitsummen, kommt ursprünglich aus einem für uns sehr fremden Lebensbereich. Es waren die Sklaven in Amerika, die diese Lieder gesungen haben. Wir nennen sie „spirituals“, aber eigentlich heißen sie „negro spirituals“ – die geistliche Musik der Schwarzen. Sie nehmen in ihren Texten oft Musik aus dem ersten Testament auf, der heiligen Schrift der Juden, weil die Erfahrungen und die Hoffnungen, von denen da gesungen wird, ganz ähnlich sind: Vertrieben und verschleppt aus ihrem eigenen Land, abgeschnitten von ihrer Kultur und ihrer Religion, in sichtbaren oder unsichtbaren Ketten gefangen, leben sie unter Bedingungen, die wir uns gar nicht vorstellen können. Seit Jahrhunderten. Ihr Leben, ihr Glaube, ihre Kultur, ihre Identität ist davon geprägt. Und wir können und sollten uns diese Musik nur dann aneignen, wenn wir bereit sind, uns auch unter dasselbe Joch zu stellen, ihr Leid anzuerkennen und mit zu leiden, zu fühlen, was es heißt, ein „motherless child“ in dieser Welt zu sein, Fesseln an den Händen zu fühlen, aus der Tiefe heraus Gott anzuflehen, dass er Gerechtigkeit schaffen möge für alle, deren Stimme nicht gehört wird und deren Handeln bedeutungslos bleibt, weil die Macht anderen gehört.

Denn daran hat sich bis in unsere Tage nichts geändert: Obwohl in Amerika ein Schwarzer Präsident gewesen ist, obwohl Sklaverei und Rassentrennung seit Jahrzehnten abgeschafft sind, leben die Schwarzen in Amerika immer noch in Angst und erleben täglich Benachteiligung und Unterdrückung. Sie werden doppelt so oft von der Polizei kontrolliert wie Weiße, und sehr häufig kommt es dabei zu völlig unangemessener Gewaltanwendung. Sschwarze Menschen müssen ihren Kindern beibringen, wie sie sich bei einer Kontrolle verhalten müssen, um sich nicht in Gefahr zu bringen. Sie bekommen viel schwerer einen Arbeitsplatz, finden außerhalb der ihnen zugewiesenen Stadtviertel kaum eine Wohnung, werden in der Schule öfter gemobbt und haben insgesamt weniger Chancen, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Auch bei uns in Deutschland erleben Schwarze und Menschen mit dunkler Hautfarbe sehr häufig, dass sie nicht wirklich dazu gehören. Sie werden auch bei uns ausgegrenzt, unangemessen behandelt und im privaten und im beruflichen Alltag benachteiligt. Auch bei uns werden ausländisch aussehende Menschen viel häufiger kontrolliert, die Polizei traut „Menschen mit Migrationshintergrund“ eher zu, dass sie unerlaubt Waffen besitzen, Drogen dabei haben und ganz allgemein kriminalle Absichten haben. Afrikanisch-stämmische Menschen, Leute mit indischen, asiatischen oder arabischen Vorfahren – oder Vornamen! – haben es schwerer, eine Wohnung oder einen Arbeitsplatz zu finden – auch in unserer modernen und aufgeklärten Gesellschaft, deren Wachsamkeit durch die deutsche Vergangenheit eigentlich geschärft sein sollte. „Nie wieder!“ wird in Sonntagsreden der Politiker beschworen und bei den Gedenktagen der Nazi-Vergangenheit beteuert – aber dann erhebt die alte Schlange doch wieder ihr schmutzig-braunes Haupt. Keiner ist ohne Vorurteile – auch ich nicht – und es wäre schon ein erster Schritt, sich diese Vorurteile bewusst zu machen und dagegen anzugehen.

In den letzten Monaten beginnen die Menschen mit anderer Kultur und Hautfarbe, sich lauter als früher zu wehren, und ihre Stimme wird in der Öffentlichkeit hörbar. Auf Deutschlandradio zum Beispiel gab es vor zwei Wochen eine Reihe zum Thema „Die Entkolonialisierung der Sprache.“ Wie wird über People of Colour, über Schwarze und Menschen mit anderer Hautfarbe bei uns gesprochen? Da kamen Soziologinnen und Soziologen zu Wort, Anwältinnen und Polizisten, Sozialarbeiter und Journalistinnen – und vor allem betroffene Männer und Frauen selbst. Ungeheuerliches war zu hören. Die Diskriminierung fängt schon damit an, dass ihnen oft nicht geglaubt wird, wenn sie sagen, sie kommen aus Duisburg, Stuttgart oder Potsdam – fast immer kommt die Frage nach: „Ja, aber woher kommst Du wirklich? Wo sind deine Eltern geboren?“ – Es mag sein, dass hinter dieser Frage noch echtes Interesse steckt und die Fragenden es einfach nur wissen wollen – aber unausgesprochen steht doch immer hinter dieser Frage: Du kommst nicht von hier, du gehörst nicht wirklich dazu, du bist hier fremd. Einmal, zweimal, dreimal erträgt man diese Frage, antwortet zehn und zwanzig Mal freundlich, aber dann beginnt es zu nerven und man fragt sich, was geht es die Leute eigentlich an? Wenn mir gesagt wird„Ich bin in Bayern geboren“, frage ich ja auch niemanden: „Ja, okay, aber wo kommt dein Großvater her?“

Deine Familie kannst Du Dir nicht aussuchen, und auch, wenn Du Dir wünschst, dass die Kirche aus fröhlichen, liebevollen, glücklichen und erlösten Menschen bestehen möge, so wirst Du doch akzeptieren müssen, dass es die Armen und Gescheiterten, die Vergessenen und Verachteten, die Machtlosen und Missachteten sind, aus denen der Großteil der weltweiten Kirche besteht, dass nicht sie, sondern wir die Ausnahme sind, dass die Kirche in dieser Welt nicht mächtig und siegreich ist, sondern verloren und arm – und dass gerade darin ihre Macht besteht. Und es kann nicht so bleiben, dass unsere Gemeinden und die Christinnen und Christen in ihr nichts davon wissen.

Was im Hebräerbrief steht über die Gemeinschaft im Abendmahl, über die Gastfreiheit der Gemeinden, und über das Mitleiden mit den Gefangenen muss meiner Ansicht nach solche Konsequenzen haben. Christus hat sich nicht nach denen ausgestreckt, denen es gut geht, die sicher im Sattel sitzen und die sich keine Sorgen machen müssen. Er ist gekommen, um die zu retten, die mühselig und beladen sind. Zu den Kranken und Gefangenen ist er gekommen, zu den Schwachen und denen, die in Ketten liegen. Und wenn wir erkennen, dass auch wir in keiner besseren Lage sind als sie – dann kommt er auch zu uns.

Ihnen nimmt er die Fesseln ab und stellt ihre Füße auf weiten Raum – so dass sie nach den Jahren der Knechtschaft singen und tanzen können…

Sommergewitter

Am Horizont stehen dunkle Wolken, die Luft ist drückend, schwer und heiß. Es geht mir nicht gut. Irgendetwas in mir, außerhalb der fünf Sinne, spürt die Ladung in der Luft, die Blitze, die erst noch kommen werden. Ich warte auf die ersten Windstöße, die das Kommen des Drachen ankündigen. Katastrophenluft…

In mir ist Wut. Ich warte schon so lange, aber nichts geschieht. Die Sommertage sind schön, die Bauern beginnen schon mit der Ernte; sie ist dieses Jahr reichlich. Nun holen sie das Korn von den Feldern, damit es nicht nass wird. Staub weht über die Straßen, hinein in das Dorf. Mich plagt eine Art Allergie, die ich bisher nicht kannte. Arbeit gibt es viel, aber in mir macht sich eine Form von Traurigkeit breit, die sich mit der Wut schlecht mischt. Schlieren ziehen durch mein Gemüt, ich weiß, dass ich unberechenbar bin, heute so und morgen anders.

An manchen Tagen bin ich produktiv, und eine Art Stolz versöhnt mich mit mir selbst; an anderen Tagen verschlafe ich Stunden des Nachmittags. Es wird schon wieder früher dunkel, und ich bedauere, dass der Juni schon fast vorbei ist. Und ich bin nicht zufrieden mit mir. Der Drache regt sich müde, und ein goldbraunes Auge öffnet sich und sieht drohend, ob jemand sich an seinem dunklen Schatz vergreift.

Ich sehne mich nach Liebe. Nach jemandem, der mit mir durch die goldenen Felder läuft und den Himmel eifersüchtig macht, mit der Sonne darin. Nach jemandem, der mich in Flammen setzt mit einer Berührung, so dass die Wut in mir verbrennt und der Zorn verraucht.

Denn was ich eigentlich ersehne, ist die kühle Frische am Abend nach dem Regen, wenn der Duft nach feuchter Erde bis hinein in die Stadt weht und sich mit der Musik aus den Bars mischt, wo es Whisky gibt. Und dort nicht allein zu sein unter lauter Fremden und lauten Menschen.

Was ich eigentlich ersehne, ist ein Lächeln neben mir und das Gefühl, dass es gut ist, dass ich da bin.

Aber selbst die dunklen weißen Wolkentürme sind noch fern…

Aus dem Wasser kommt das Leben…

Von Martin Luther wird erzählt, dass er in seiner zweiten Lebenshälfte schwermütig und depressiv wurde. Immer wieder suchten ihn dunkle Gedanken heim und belasteten seine Seele schwer. Er selbst schrieb oft davon, dass er vom Satan versucht wurde und gegen den Teufel kämpfen musste. Es ist wohl nur eine Legende, dass er einmal ein Tintenfass nach ihm geworfen habe, trotzdem wird bis heute auf der Wartburg im Lutherzimmer der Tintenfleck gezeigt, der dabei entstand. Was er selbst gesagt hat: „Ich muss den Teufel mit der Tinte, mit der Schrift bekämpfen.“ Gegen die lähmende Angst hat er angeschrieben und gegen diesen todbringenden Dämon gepredigt.

„Ich bin getauft!“ – „Baptizatus sum!“ Mit Kreide soll Martin Luther diese Worte auf einen Tisch geschrieben haben, als ihn Zweifel an seiner Glaubensfestigkeit, an seinen theologischen Standpunkten und seinem Tun plagten. Die Taufe – dieses Zeichen aus Wasser und dem Wort Gottes, das an ihm vollzogen wurde, als er noch ein kleines Kind gewesen war, hat ihn in schweren Tagen getröstet. Das konnte er dem Teufel vorhalten, wenn der ihn bedrängte – ich gehöre nicht dir, ich gehöre Gott, ich gehöre zu Jesus, denn – ich bin getauft!

Luther hat an die lebensverändernde Kraft der Taufe geglaubt. Jesus selbst hat dieses Sakrament, dieses heilige Geheimnis eingesetzt und seinen Jüngern aufgetragen: „Geht hin in alle Welt und macht zu Jüngern Menschen aus allen Völkern. Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehret sie, zu halten alles, was ich euch geboten habe…“

Der Apostel Paulus schrieb: Wer getauft ist, der ist für die Sünde gestorben und lebt nun (allein) für Gott… Wer in Christi Tod getauft ist, wird auch Anteil haben an seinem Leben. Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden.

Der „Missionsbefehl Jesu“ im Matthäusevangelium und die Worte über die Taufe im Römerbrief des Apostels Paulus wurden für Luther zu den Schlüsselstellen, an denen sich der reformatorische Gedanke entzünden konnte – gerettet wird ein Christ allein durch Gnade, allein durch Glauben, allein durch das Wort – und er hätte hinzufügen können: Allein durch die Taufe.

Überall in der Bibel steht das Wasser als Symbol für einen gesegneten Anfang, für einen Neubeginn durch Not und Tod hindurch, für Geburt und neues Leben.

Dies geschieht schon ganz am Anfang in den ersten Sätzen der Heiligen Schrift: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; und die Erde war wüst und leer. Es war finster über der Tiefe, aber der Geist Gottes schwebte (wörtlich: brütete) über dem Wasser (wörtlich: über der ursprünglichen Flut).“ Die Schöpfung geschieht, indem Gott alles, was ist, aus dem Wasser der Urflut hebt.

Gott befahl Noah, eine Arche zu bauen, ein Schiff, das ihn und seine Familie und einen Samen der Schöpfung retten sollte, denn Gott war mit sich eins geworden, die Schöpfung in das Wasser zurück zu geben. Durch ihre eigene Schuld haben die Menschen ihr Daseinsrecht verwirkt, denn ihr Herz – so heißt es in der Bibel – war durch und durch verdorben, und niemand war da, der als gerecht gelten konnte. Mit Noah wollte Gott einen neuen Anfang machen. Und während der Rest der Welt in der Sintflut unterging und die Welt erneut „Irrsal und Wirrsal“ wurde, trieb die Arche auf der Flut und darin der Keim der Hoffnung, das alles anders werden könnte – die Tiere und die acht Frauen und Männer, mit denen Gott unter dem Regenbogen einen Bund des Friedens schloss: Nie wieder soll die Flut über die Welt kommen, nie wieder soll das Chaos die göttliche Ordnung besiegen – und dazu wird etwas resigniert gesagt: denn das Herz des Menschen ist böse von Jugend auf. Nichts hat sich geändert – nur das Gott in seiner Gnade beschloss, die Menschen durch das Wasser hindurch zu retten und ihnen das Leben zu schenken..

Moses – der Name des Mannes, der die Israeliten aus Ägypten führte, wird erklärt mit seiner Geburtsgeschichte: „aus dem Wasser gezogen“ hat ihn die Tochter des Pharao. So entkam der Todgeweihte dem Schicksal, das in jenen Jahren alle männlichen Kinder der hebräischen Nomaden traf: er wurde nicht wie die anderen erschlagen oder ertränkt, sondern durch das Wasser hindurch gerettet. Seine Schwester Miriam hatte ihn in einen Kasten gelegt (und das hebräische Wort für „Kasten“ ist das gleiche, was vorher mit „Arche“ übersetzt wurde) – und in diesem Kasten schwamm Moses auf dem Nil, bis er von seiner Retterin gefunden wurde.

Später wird erzählt, wie er – Moses – das „ganze Volk Israel“ aus Ägypten führte, wo sie Sklaven waren, und sie an das Ufer des Roten Meeres brachte. Auf das Zeichen des Mose hin teilten sich die Wasser, und die Israeliten zogen hinüber auf trockenem Boden mitten durch das Meer. Im Chaos bahnte ihnen Gott selbst einen Weg, und so entkamen sie dem Tod durch das Wasser hindurch, in dem später die Reiter und die Wagenlenker der Ägypter umkamen. Gegen das Chaos gab Gott dem Moses die Zehn Gebote für das Volk Israel, das fortan in einem Kasten durch die Wüste getragen wurde und die Menschen auf ihrem Weg begleitete. In diesem Zehn-Wort hatte Gott selbst sich den Menschen gezeigt, offenbart, so dass sie nicht mehr selbst angstvoll nach dem richtigen Weg suchen mussten – es war ihnen gesagt, was gut und richtig ist uns welchen Weg sie gehen sollten.

Alle diese Wasser-Geschichten in der hebräischen Bibel kann man als Hinweis auf das Taufsakrament lesen: Durch das Wasser und das bezeichnete Segenswort Gottes wird es zu einer Zeichenhandlung, zu seinem erfahrbaren Symbol, zu einem heiligen Geheimnis, dass den Getauften durch das Wasser hindurch vom Tod rettet und ins Leben führt.

Taufe ist eine Sache von Leben und Tod, sie hat eine lebensverändernde Kraft, und es ist ein großer Verlust, wenn wir sie nicht mehr ernst nehmen. Ja, ich halte es für gut und richtig, wenn wir auch kleine Kinder taufen. So wird sehr sichtbar deutlich, dass der Segen Gottes keine Bedingungen stellt. Noch ehe ein Mensch Vater und Mutter erkennen kann und noch bevor er Ja und Nein unterscheiden kann, sagt Gott „Ja“ zu ihm. Aber zur Kindertaufe gehört unbedingt das Patenamt und auch die Konfirmation, denn Kinder müssen erfahren können, was da an ihnen geschehen ist, und sie müssen das „Ja“, das Patinnen und Paten an ihrer Statt gesprochen haben, irgendwann selbst bekräftigen können. Sonst geht ihnen der Trost verloren, den Luther noch erlebt hat: Dass sie nämlich in den dunklen Stunden und Tagen des Lebens, wenn der Zweifel quält und die Sorgen drücken, dass sie dann sagen und für sich selbst schreiben können: Ich bin getauft!

Und auch und gerade als Erwachsene sollen wir uns daran erinnern, das wir getauft sind – gerettet durch das Wasser hindurch aus einem Leben, das letztlich nur um den Tod kreist, hin zu einem Leben, das die Fülle und die Vielfalt Gottes wiederspiegelt, seine Kraft und sein Licht und ewiges Leben.

Die Taufe ist kein Sakrament, das man wiederholen kann. Getauft ist getauft, und auch, wenn man zwischendurch aus der Kirche austritt, sogar wenn man sich einer anderen Religion anschließt und Buddhist oder Muslim wird – wenn man danach in die Kirche zurück wollte, würde man nicht noch einmal getauft. Darin unterscheidet sich die Taufe von dem anderen evangelischen Sakrament, der Feier des Abendmahls, das man immer und immer wieder erneuern kann…

Aber sie ist ein wirksames Zeichen, an das man sich immer wieder erinnert, ein Handeln Gottes, dem man sich immer wieder neu anvertrauen kann. Luther schrieb im Kleinen Katechismus: „Der alte Adam, der Mensch, der von Gott nichts wissen will, muss täglich zurück kriechen in die Taufe und neu ersäufet werden mitsamt seinen Sünden und wiederum täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinigkeit vor Gott ewiglich lebe.“

Eine „Medizin zur Unsterblichkeit“ hat man Abendmahl und Taufe genannt – im übertragenen und gerade darum ganz wörtlichen Sinn gemeint. Sie sind nichts Materielles, was diesseitig und ohne Glauben wirkt – aber wem Gott den Glauben schenkt, wer getauft ist und wer Brot und Wein im Glauben annimmt – der wird selig werden. Und wie jede Medizin muss man auch diese regelmäßig einnehmen und entsprechend sein Leben einrichten, damit sie ihre Wirkung entfaltet.

Für einen Menschen, der als Baby oder Kind getauft wird, ist dieses Ereignis oft ein erster Schritt hin auf dem Weg zu einem selbstverantworteten Glauben, es ist nur ein erster Schritt auf dem Weg hin zu Gott. Aber es ist eben ein erster Schritt – und mit ihm beginnt der Weg. Darum kann ich guten Gewissens auch Kinder taufen, die ihren Glauben noch nicht selbst bekennen können – in der Hoffnung und im Vertrauen darauf, dass Gott jedem getauftet Kind Menschen in ihren Lebensweg stellt, die ihm helfen, das wahr werden zu lassen, was damals versprochen wurde – und sie so entdecken lässt, welch großer Trost und wie viel praktische Lebenshilfe in diesem Satz steckt, den Luther in seiner Depression auf seinen Schreibtisch schrieb: Ich bin getauft!

Was kostet das?

In seiner Jugend war das Christentum eine heißblütige, begeisterte, rebellische, aufmüpfige, ja geradezu revolutionäre und manchmal gar fanatische Bewegung. Nachdem sich die christlichen Gemeinden aus den Versammlungen der Juden in den Synagogen herausgelöst hatten, sich als etwas Eigenes empfanden und sich in eigenen Gemeinden trafen, verloren sie den besonderen Schutz, den das Judentum unter der römischen Besatzung einige Jahrzehnte lang genoss, und sie gerieten zunehmend unter Druck.

Die Christinnen und Christen mussten sich registrieren lassen, Steuern bezahlen, wurden gezwungen, an den religiösen Feiern des Kaiserkultes teilzunehmen und wurden manchmal wie gefährliche Abweichler und Unruhestifter behandelt. Manche steckte man ins Gefängnis, einige wenige wurden zum Tod verurteilt und gekreuzigt oder gesteinigt. Als der römische Kaiser Nero die Christen für den Brand Roms verantwortlich machte, kam es zu ersten Christenverfolgungen. Im zweiten Jahrhundert nach Christus sollte es mehrere blutige Jahre geben, in denen die Christen für alles Mögliche verantwortlich gemacht wurden und in größeren Zahlen in den Tod getrieben wurden, aber davon war im ersten Jahrhundert erst der Anfang zu ahnen.

Je stärker der Druck von Außen wurde, desto mehr wurden die christlichen Gemeinden genau das – verschworene Gemeinschaften, die in den Untergrund abtauchten, sich im Geheimen trafen und ihre Gottesdienste im Kerzenlicht in den Katakomben feierten… Vielleicht war es diese Heimlichkeit, diese Gefahr, die manche junge Leute reizte, gerade diesen Konflikt zu suchen, das Martyrium geradezu anzustreben, den Tod für Gott, für Christus zu suchen und das eigene Leben so zu vollenden. Die meisten Christinnen und Christen werden aber das Opfer dargebracht haben und dem Kaiser gehuldigt haben – sie sind dann später meistens doch von der Kirche wieder aufgenommen worden…

Wer Christ wurde, wurde damals in gewisser Weise ein anderer, neuer Mensch, nicht nur im theologischen, geglaubten Sinn, sondern in der gefühlten Wirklichkeit. In der Taufe bekam er einen neuen Namen, und oft genug verlor er wegen seiner Entscheidung Eltern und Geschwister, Vertraute und Freunde, die dem christlichen Glauben gegenüber skeptisch blieben. Er wurde aus dem, was sein Leben bis dahin getragen hatte, entwurzelt und in einer anderen Gemeinschaft neu eingepflanzt. Die alten Verbindungen rissen ab, und sehr oft geschah das unter großen Schmerzen. Sogar von Jesus selbst wird erzählt, dass seine Familie ihn für fanatisch, verrückt oder zumindest peinlich hielt, und als sie ihn nach Hause holen wollten, sagte er: „Wer ist denn meine Mutter; wer sind meine Brüder? Ihr seid es, die den Weg mit mir geht; ihr seid mir Bruder, Schwester und Mutter!“ Und seine Jünger warnt er: „Die Tochter wird sich mit ihrer Mutter entzweien, der Vater mit seinem Sohn, Kinder werden ihre Eltern verklagen, die schlimmsten Feinde werden in der eigenen Familie sein…“

Der Vertrauen zu Gott, die Nachfolge Christi, den Gehorsam des Glaubens, all das gibt es nicht umsonst. Was Paulus predigte, was Luther geschrieben hat, ist und bleibt richtig, ja, Vergebung und Leben kommen allein durch die Gnade Gottes, sie sind uns geschenkt durch Christus, allein durch den Glauben, ja… Doch das Leben aus dem Glauben kann viel fordern, kann vieles kosten, denn er bedeutet Frieden mit Gott, aber manchmal Streit und Mühe unter den Menschen.

Das Problem, dass ich bei der Vorbereitung meiner Predigten habe, ist oft, dass uns alle unser Glaube nur sehr wenig kostet. Im Gegenteil, wir haben viel Gewinn dadurch. Besonders die Pfarrer, die ja irgendwie von ihren Glauben leben…

Unsere Gemeinden sind lau und lustlos geworden, wir sind wenig bereit, für unseren Glauben zu streiten. Es macht kaum einen Unterschied, ob jemand Christ ist oder nicht. Viele fragen sich, ob man die Kirche überhaupt noch braucht. In anderen Ländern, wo Christen bis heute verfolgt werden, sieht das anders aus: Wer sich dort zur christlichen Gemeinde hält, weiß genau, warum er das tut, denn es gäbe für ihn ganz sicher einfachere Wege, durch das Leben in dieser Welt zu gehen. Unter Lebensgefahr treffen sich dort Menschen zum Gottesdienst, weil er ihnen wichtig ist – bei uns lassen sich viele schon durch schlechtes Wetter davon abhalten, in die Kirche zu gehen… Dort brennt die Kirche für Christus – manchmal leider auch im wörtlichen Sinn.

Sollen wir uns deshalb eine Verfolgungssituation wünschen, damit wir unter diesem Druck ernsthaftere Christen werden? Quatsch! Aber wir könnten erkennen, dass wir auch ohne den Druck und den Zwang von außen aufgefordert sind, und mehr und mehr einzusetzen, unsere Stimme zu erheben und uns als Christen sehen und hören zu lassen für die Sache derer, die unter Druck stehen: Die Armen, die Kranken, die Rechtlosen, die Verfolgten hier und überall auf der Welt. Sie wissen nicht, wo und wie sie sich einsetzen können? Sprechen sie mich an, wir finden zusammen ganz schnell etwas in der Nähe oder in den Kontinenten dieser Erde.

Der allererste Krimi und die Frage „Wer ist schuld?“

Ich mag die altmodischen Krimis, in denen gleich am Anfang eine Leiche gefunden wird und es dann zwei Stunden lang um die Frage geht: Wer war’s?

Da liegt die Baronin Patrizia von Porz mit blutigem Kopf in der Bibliothek, und der findige Kommissar mit seinem klugen Assistenten versammelt alle Verdächtigen in dem großen Salon der Villa; dann werden Spuren gesichert, Zeugen verhört, Indizien gesammelt, bis am Ende klar ist: Es war Fräulein Ming mit der Rohrzange im Wintergarten, die die Baronin um die Ecke gebracht hat…

Die Antwort auf die Frage „Wer hat es getan?“ ist aber nicht unbedingt auch die Antwort auf die Frage: „Wer ist schuld?“ In moderneren Krimis werden manchmal die Täter anfangs auf frischer Tat ertappt, – die Engländer sagen das noch drastischer, sie sagen „he got caught red-handed“, also etwa „Man hat ihn mit blutigen Händen erwischt…“ Es ist von Anfang an klar, wer es war, aber dann muss der Kommissar herausfinden, warum dieser Mord geschehen ist, ob es Hintermänner gibt, was das eigentliche Motiv dieser Tat war und so weiter. Und nicht selten nimmt in diesen Krimis die Handlung eine überraschende Wendung, und man fühlt, dass der Mörder zwar natürlich seine Tat zu verantworten hat, dass die eigentliche Schuld aber bei fiesen Drogenbaronen und gemeinen Mafia-Paten liegt, die verborgen im Hintergrund die Fäden ziehen, ohne sich selbst die Hände schmutzig zu machen.

Und wie sehr befriedigt es unseren Gerechtigkeitssinn, wenn dann auch die wahren Schuldigen am Ende angeklagt und verurteilt werden und ihre verdiente Strafe bekommen…

Die erste Geschichte der Menschen in der Bibel ist ein solcher Krimi: Da fehlt ein Apfel am Baum, und die ersten beiden Menschen verstecken sich vor Gott, weil sie sich nun plötzlich nackt fühlen. Wer war’s? Wer hat die Frucht vom Baum genommen, obwohl es doch so streng verboten war? Gut, wer es war, ist eigentlich klar, es gibt ja nur Adam und Eva… Aber wer ist schuld? Gott fragt zuerst Adam, aber der sucht nach Ausreden: Die Frau, die du mir gegeben hast, sie gab mir von der Frucht… Gott schaut Eva an: Die Schlange hat mich überredet… Die Schlange wird nun gar nicht mehr gefragt, sie wird gleich auf der Stelle verurteilt und bestraft: Von nun an muss sie auf dem Bauch kriechen und Erde fressen… Auch Adam und Eva bekommen ihre Strafe. Der Friede zwischen Gott und den Menschen ist zerstört und das Paradies verloren.

Warum ist die Frage „Wer ist schuld?“ für uns eigentlich immer so wichtig? Wieso ist unser Gerechtigkeitssinn so stark, obwohl wir ihm doch selbst kaum je genügen können? Wem nutzt die Suche nach dem, der „schuldig“ an dem allen ist?

Wir empfinden: Wer einen Schaden verursacht hat, wer etwas zerstört hat, der ist in der Pflicht, den Schaden wieder gut zu machen, Ersatz zu leisten, einen Ausgleich zu schaffen… Damit der Frieden wieder hergestellt wird. Und selbst in Situationen, in denen nichts mehr „repariert“ werden kann, muss durch die Bestrafung des Schuldigen wenigstens eine Art moralischer Ausgleich wieder erreicht werden. Und damit das ermöglicht wird, ist die Frage „Wer ist schuld?“ so wichtig – denn der Schuldige ist für diesen Ausgleich zuerst verantwortlich, er muss mit der Arbeit beginnen, die nötig ist, damit wieder Friede sein kann.

In Südafrika gab es nach dem Ende der Apartheid, nach dem Ende der Rassentrennung eine Kommission für Wahrheit und Versöhnung, die sich zur Aufgabe gesetzt hatte, Opfer und Täter in einen “Dialog” zu bringen und somit eine Grundlage für die Versöhnung der zerstrittenen Bevölkerungsgruppen zu schaffen. Vorrangig hierbei war die Anhörung beziehungsweise die Wahrnehmung des Erlebens des jeweils anderen. Dabei wurde keine politisch oder rassisch motivierte „Vorauswahl“ getroffen, wessen Verbrechen vorrangig von der Kommission behandelt werden sollten. Zum Thema wurde daher ebenso die Gewalt von Weißen (primär von Polizei und Militär) gegenüber Schwarzen, die Gewalt von Schwarzen.

Ich war damals und bin noch heute sehr beeindruckt von dieser Art, Geschichte zu bearbeiten, denn es scheint mir ein sehr christlicher, von Jesus selbst inspirierter Umgang mit der Schuld: Gefragt wird da nicht mehr: Wer ist schuld, wer muss bestraft werden, sondern „Was muss getan werden, damit wir wieder miteinander leben können?“ Es wurde nicht verurteilt, sondern es wurde genau hingesehen, es wurde Schuld bekannt gemacht und verziehen, und dann wurde ein neuer Anfang gewagt.

Das ist es, was ich glaube, was Gott tut: Er besteht nicht darauf, dass wir alle den Himmel nicht verdient haben. Er besteht nicht darauf, dass wir sein Gebot gebrochen haben. Anstatt die Schuld immer weiter von einem auf den anderen zu schieben, hat er sie auf sich genommen:

Wut – ein verbotenes Gefühl?

Einfach mal auf den Tisch hauen – geht das in der Kirche?

Heute war im Gottesdienst eine Bibelstelle zu bedenken, in der es um ein starkes und tiefes Gefühl geht: Wut. Und ich habe wieder einmal lange darüber nachgedacht, wie es mir selbst geht mit meiner Wut.

Ich liebe den Zeichentrickfilm „Alles steht Kopf“. Da wird erzählt und beschrieben, das alle Tiere und Menschen fünf kleine Persönlichkeiten in ihrem Kopf haben, die ihr Verhalten steuern, besonders auch Riley, die Hauptperson in dem Film. Ihre Emotionen und Gefühle werden im Film ganz buchstäblich dargestellt durch kleine Leute, die ein immer größer werdendes Schaltpult mit Tasten, Hebeln, Reglern und Schiebern betätigen. Diese kleinen Personen sind „Freude“, „Trauer“, „Wut“, „Angst“ und „Ekel“. Man kann sich wohl darüber streiten, ob diese fünf wirklich die stärksten und am meisten bestimmenden Gefühle im Leben eines vorpubertierenden Mädchens sind, ob es nicht noch viel mehr wichtige Empfindungen gibt wie Neugier, Neid, Mitleid, Stolz und so weiter; aber darüber will ich jetzt nicht nachdenken. Mit noch mehr personifizierten Emotionen im Gehirn wäre der Film sicher unübersichtlich und konfus geworden. Die fünf handelnden Personen im Gehirn der Hauptfigur reichen für einen interessanten und komplexen Film aus.

„Wut“ ist ein kleiner, knallroter Mann, der sich über alles ärgert, was Riley gegen den Strich geht; und wenn er sich so richtig aufregt, brodelt über seinem Kopf eine explosive, glühende Flamme, ein Feuer, das alle andern erschreckt und in die Ecken vertreibt. Erst später im Film wird deutlich, dass auch er etwas für alle Nützliches beizutragen hat.

Ich bin ein Mensch, der sehr selten wütend wird. Dabei bin ich wahrscheinlich gar nicht besonders geduldig und entspannt; es ist nur so, dass ich es mir meistens nicht erlaube, wütend zu sein. In Situationen, die meine Wut wecken, beiße ich mir auf die Lippen, schlucke viel hinunter und mache das Brennen nachher mit mir selbst aus. Wütend machen mich vor allem Situationen, in der mir oder anderen Ungerechtes angetan wird, besonders dann, wenn ich das Gefühl habe, nichts daran ändern zu können. Aber – wie gesagt – diese Emotion ist in mir sehr selten. Warum?

Ich habe sehr oft die Erfahrung gemacht, dass ich nur größeres Unheil anrichte, wenn ich meiner Wut freien Lauf lasse. Dann sind Menschen beleidigt, reden nicht mehr mit mir, verweigern ihre Mitarbeit, und wenn das Ganze in beruflichen Zusammenhängen passiert, treten sie wielleicht sogar aus der Kirche aus. Darum versuche ich in der Regel, zu vermitteln, diplomatische Wege zu finden, auf denen man einen für alle tragbaren Kompromiss finden kann; und viel zu oft stecke ich selbst zurück, verzichte „um des lieben Friedens willen“, gehe Konflikten aus dem Weg. Ja, ich bin harmoniesüchtig. Und ich bin mir schon lange nicht mehr sicher, ob das gut ist.

Ich habe mir so oft und so lange meine Wut verboten, dass ich anscheinend dieses Gefühl gar nicht mehr erlebe. Statt dessen macht sich im mir oft eine große Hilflosigkeit breit, eine große und manchmal lähmende Traurigkeit, mit der ich dann nur sehr schlecht zurechtkommen kann. Wohin mit der Trauer und der Angst? Bin ich einfach nur feige? Gehe ich den Weg des geringsten Widerstandes?

In meinem Kopf liegt „Wut“ gefesselt in einer Ecke, „Trauer“ und „Angst“ lassen niemanden an das Schaltpult heran und „Freude“ steht ratlos herum und schweigt, weil es ihr die Stimme verschlagen hat. Und manchmal ekelt es mir vor mir selbst.

Es gibt in der Bibel so viele Stellen, die mehr oder weniger sagen, dass Zorn und Wut nichts Gutes sind. „Jeder Mensch sei eifrig im Hören, bedächtig im Reden, noch langsam im Zorn.“ heißt es da beispielsweise. „Zorn und Wut, der Weg auf die dunkle Seite sie sind…“ – diese Weisheit der Jedi-Ritter kann man auch in der Bibel finden, grammatikalisch korrekt. Und die Geschichten, in denen Menschen aus der Bibel wütend werden, gehen in der Regel schlecht aus. So wie es die Eltern schon immer gesagt haben: „Es ist alles nur Spaß und Spiel, bis einer heult…“ Es ist ein oft tödliches Spiel. Kain erschlägt Abel, Moses erschlägt den ägyptischen Sklaventreiber, David und Saul sind jahrelang verfeindet, selbst die wichtigen Propheten Elia und Jona – sie alle haben im Zorn große Fehler gemacht, die sie später sehr bereut haben – bis hin zu Mord und Totschlag.

Andererseits – auch auch von Jesus selbst wird erzählt, dass er zornig wurde, zum Beispiel, als er die Geldwechsler und Händler aus dem Tempel vertrieb. „Zu einem Kaufhaus habt ihr den Tempel gemacht, zu einer Räuberhöhle das Haus meines Vaters!“ rief er in wütendem Zorn und griff sogar zur Peitsche. Und in der hebräischen Bibel steht in beinahe jedem Buch auch, dass Gott ein zorniger und eifersüchtiger Gott ist, der nicht zögert, die Menschen seine Wut fühlen zu lassen. Wie ein wütender Stier wird er beschrieben, schnaubend und mit Schaum vor dem Mund, heißer Dampf strömt ihm aus der Nase, wenn er die Abtrünnigen verflucht – und man fragt sich als Christ, ob man mit einem solchen Gott überhaupt etwas zu tun haben will.

Ich habe erfahren, dass es unterschiedliche Formen von Zorn und Wut gibt – die eine davon entsteht aus einem beleidigten Selbstbewusstsein, sie kämpft um die eigene Ehre, wehrt sich gegen unberechtigte und oft auch gegen berechtige Kritik, die sie als Angriff und Herabsetzung empfindet. Sie brennt, wenn sie nicht bekommt, was sie unbedingt haben will. Es ist eine Wut, die aus der Eifersucht, aus dem Neid, aus der Angst, zu kurz zu kommen, geboren wird. Es ist eine Wut, die zuletzt ganz bei sich bleibt und um die eigene Person kreist. Eine solche Wut richtet schnell Grenzen auf, trennt sich von andern, macht das Zusammenleben schwierig oder unmöglich.

Eine andere Art Wut bleibt auch in ihrer Glut zugänglich. Sie wehrt sich gegen Unrecht, das anderen angetan wird. Wenn Flüchtlinge wochenlang hilflos auf Schiffen im Mittelmeer hungern müssen oder viele Monate unter menschenverachtenden Bedingungen in Lagern auf eine Entscheidung der Regierenden warten müssen, wenn in Ländern, in denen Tausende Corona-Infizierte sterben, die Gefahr ignoriert und gegen besseres Wissen geleugnet wird, wenn Menschen, die für gleiche Rechte für Alle eintreten, unabhängig von Herkunft und Hautfarbe, als Terroristen und Verbrecher tituliert und behandelt werden, dann weckt das eine Wut in mir, die nicht die Trennung und die eigenen Ziele sucht, sondern Gerechtigkeit für viele und gemeinsame Aktionen, verantwortliches Handeln auch in meiner Kirche und in unseren Gemeinden.

Diese Wut wird nicht aus der Angst um die eigene Würde geboren und aus der Sorge um das eigene Glück. Diese Wut ist die Kehrseite der Liebe, der das Schicksal des Anderen nicht gleichgültig ist und die die Sehnsucht der Mitmenschen und ihre Not zu ihrer eigenen macht. Denn Wut und Zorn sind nicht notwendig das Gegenteil der Liebe, sondern die Gleichgültigkeit, die die Anderen aus dem Blick verliert und sie der eigenen Bequemlichkeit opfert. Gleichgültigkeit ist das Ende der Liebe und auch das Ende der Wut, die die Not und das Leid des Anderen im Blick hat.

So ist auch der Zorn Gottes nicht eine Wut, die Beziehungen abbricht und alle Brücken verbrennt, sondern er ist die Kehrseite seiner Liebe, die nicht ertragen kann, dass Menschen sich abwenden und ihre Verantwortung füreinander verleugnen.

Es ist seine Liebe, die letztlich seinen Zorn besänftigt und ihn gnädig stimmt.

Ich möchte mit Ihnen in der Gemeinde darüber nachdenken und diskutieren, wie wir gerade in diesen Tagen unserer Verantwortung gerecht werden können. Denn wir sind nicht Kirche für uns selbst, sondern wir sind Kirche durch die Liebe Gottes, die sich immer wieder den Menschen zuwendet. Darum sind wir als Kirche auch dazu bestimmt, diese Liebe zu verkörpern und in die Tat umzusetzen. In aller Schwachheit und mit ganzer Kraft.

Im Film „Alles steht Kopf“ wird das heiße Feuer von „Wut“ am Ende genutzt, die Glasscheiben zu schmelzen, die „Freude“ und „Trauer“ aus dem Herzen Rileys aussperren. Die Wut hilft ihr, innere Sperren niederzureissen. So kann sie ihre Depression überwinden und wieder zu einem ganzen Menschen werden. Wie können wir zu einer solchen heilsamen Wut in unserer Gemeinde finden?