Familie kannst Du Dir nicht aussuchen… Predigt zu Hebräer 13

Predigt am 26. Juli 2020 – Predigttext Hebräer 13, 1-3

Deine Freunde kannst Du Dir aussuchen,
aber in Deine Familie hinein wirst Du geboren.

Besonders bei großen Familienfeiern wird jedes Mal wieder deutlich, dass es die Verwandtschaft gibt, auf die man sich schon Monate lang freut, man kann es kaum erwarten, sie wieder zu sehen. Dann gibt es die, die man erträglich findet, einmal im Jahr kann man es mit ihnen gut ein paar Stunden lang aushalten, eigentlich ist es sogar schön, und dann nimmt man es sich fest vor, nicht wieder ein halbes Jahr lang zu warten, bis man sie anruft. Und dann ruft man sich irgendwann an – und wundert sich, wie schnell die Zeit vergangen ist und dass doch schon wieder acht Monate vorbei sind…

Und dann gibt es diese komischen Käuze, die immer wieder unangenehm auffallen, die jedes Mal wieder Anlass geben, sich fremd zu schämen, die immer wieder für peinliche Momente sorgen. Ein gutes Jahr lang ist man ihnen aus dem Weg gegangen; aber nun bei Sonjas Hochzeit, bei Carstens 60. Geburtstag oder bei Gertrudes Trauerfeier lässt es sich nicht ändern. Und dann sitzt Du neben Onkel Detlev und hörst Dir stundenlang seine Frauengeschichten an oder seine Theorie, das die NASA Chemikalien in die Atmosphäre streut, damit die Menschen sich nicht gegen „die da oben“ erheben und sich gegen das System wehren. Und du denkst mit Grausen daran, dass er auch nächstes Jahr wieder mit dabei sein wird, wenn Nicole Goldene Hochzeit feiert…

Du bist stolz auf die Familienmitglieder, die es zu etwas gebracht haben, die Erfolg hatten. Ärzte, Anwälte, tüchtige Handwerker, einflussreiche Politiker – solche Menschen hat man gern in der Verwandtschaft. Aber es gibt auch schwarze Schafe: Alkoholiker, Arbeitslose, vielleicht auch Obdachlose, solche, die am Leben gescheitert sind und nicht oben auf der Erfolgsleiter stehen, solche, die immer wieder Hilfe und Unterstützung brauchen… Da ist der Neffe, der immer knapp bei Kasse ist und auch jede Feier nutzt, die Familienmitglieder anzubetteln, und da sind jene, die nichts sagen, aber man kann sehen, wie sehr sie Hilfe nötig hätten…

Deine Freunde kannst Du Dir aussuchen,
aber in Deine Familie hinein wirst Du geboren.

Wenn wir das Abendmahl feiern, wird deutlich, dass auch die Kirche, die weltweite Christenheit eine solche Familie ist. Überall, wo Menschen im Namen Jesu zusammen kommen, wird das heilige Mahl gefeiert – und ich tauche mein Brot ein zusammen mit dem Manager aus Kalifornien, mit dem Müllsammler aus dem Slum in Rio, mit den verfolgten Christen aus dem Iran und dem aidskranken Pastor aus Südafrika. In Jesus sind wir eins. Das ist Kirche.

Und da gibt es in der Kirche solche, die wir uns als Nachbarn und Freunde und Partner wünschen, solche, mit denen wir uns gern und immer wieder treffen, aber auch solche, die uns recht fremd und fern sind. Es gibt reiche Gemeinden und arme, es gibt reiche Kirchen und arme. Und es gibt solche, die in schwierigen Situationen sind und Hilfe brauchen. Es gibt Kirche in Ländern, in denen Christen verfolgt werden – und wir wissen nicht einmal etwas davon, weil wir es nie zur Kentnis genommen haben.

Auch die Musik, die wir in diesem Gottesdienst hören und vielleicht leise mitsummen, kommt ursprünglich aus einem für uns sehr fremden Lebensbereich. Es waren die Sklaven in Amerika, die diese Lieder gesungen haben. Wir nennen sie „spirituals“, aber eigentlich heißen sie „negro spirituals“ – die geistliche Musik der Schwarzen. Sie nehmen in ihren Texten oft Musik aus dem ersten Testament auf, der heiligen Schrift der Juden, weil die Erfahrungen und die Hoffnungen, von denen da gesungen wird, ganz ähnlich sind: Vertrieben und verschleppt aus ihrem eigenen Land, abgeschnitten von ihrer Kultur und ihrer Religion, in sichtbaren oder unsichtbaren Ketten gefangen, leben sie unter Bedingungen, die wir uns gar nicht vorstellen können. Seit Jahrhunderten. Ihr Leben, ihr Glaube, ihre Kultur, ihre Identität ist davon geprägt. Und wir können und sollten uns diese Musik nur dann aneignen, wenn wir bereit sind, uns auch unter dasselbe Joch zu stellen, ihr Leid anzuerkennen und mit zu leiden, zu fühlen, was es heißt, ein „motherless child“ in dieser Welt zu sein, Fesseln an den Händen zu fühlen, aus der Tiefe heraus Gott anzuflehen, dass er Gerechtigkeit schaffen möge für alle, deren Stimme nicht gehört wird und deren Handeln bedeutungslos bleibt, weil die Macht anderen gehört.

Denn daran hat sich bis in unsere Tage nichts geändert: Obwohl in Amerika ein Schwarzer Präsident gewesen ist, obwohl Sklaverei und Rassentrennung seit Jahrzehnten abgeschafft sind, leben die Schwarzen in Amerika immer noch in Angst und erleben täglich Benachteiligung und Unterdrückung. Sie werden doppelt so oft von der Polizei kontrolliert wie Weiße, und sehr häufig kommt es dabei zu völlig unangemessener Gewaltanwendung. Sschwarze Menschen müssen ihren Kindern beibringen, wie sie sich bei einer Kontrolle verhalten müssen, um sich nicht in Gefahr zu bringen. Sie bekommen viel schwerer einen Arbeitsplatz, finden außerhalb der ihnen zugewiesenen Stadtviertel kaum eine Wohnung, werden in der Schule öfter gemobbt und haben insgesamt weniger Chancen, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Auch bei uns in Deutschland erleben Schwarze und Menschen mit dunkler Hautfarbe sehr häufig, dass sie nicht wirklich dazu gehören. Sie werden auch bei uns ausgegrenzt, unangemessen behandelt und im privaten und im beruflichen Alltag benachteiligt. Auch bei uns werden ausländisch aussehende Menschen viel häufiger kontrolliert, die Polizei traut „Menschen mit Migrationshintergrund“ eher zu, dass sie unerlaubt Waffen besitzen, Drogen dabei haben und ganz allgemein kriminalle Absichten haben. Afrikanisch-stämmische Menschen, Leute mit indischen, asiatischen oder arabischen Vorfahren – oder Vornamen! – haben es schwerer, eine Wohnung oder einen Arbeitsplatz zu finden – auch in unserer modernen und aufgeklärten Gesellschaft, deren Wachsamkeit durch die deutsche Vergangenheit eigentlich geschärft sein sollte. „Nie wieder!“ wird in Sonntagsreden der Politiker beschworen und bei den Gedenktagen der Nazi-Vergangenheit beteuert – aber dann erhebt die alte Schlange doch wieder ihr schmutzig-braunes Haupt. Keiner ist ohne Vorurteile – auch ich nicht – und es wäre schon ein erster Schritt, sich diese Vorurteile bewusst zu machen und dagegen anzugehen.

In den letzten Monaten beginnen die Menschen mit anderer Kultur und Hautfarbe, sich lauter als früher zu wehren, und ihre Stimme wird in der Öffentlichkeit hörbar. Auf Deutschlandradio zum Beispiel gab es vor zwei Wochen eine Reihe zum Thema „Die Entkolonialisierung der Sprache.“ Wie wird über People of Colour, über Schwarze und Menschen mit anderer Hautfarbe bei uns gesprochen? Da kamen Soziologinnen und Soziologen zu Wort, Anwältinnen und Polizisten, Sozialarbeiter und Journalistinnen – und vor allem betroffene Männer und Frauen selbst. Ungeheuerliches war zu hören. Die Diskriminierung fängt schon damit an, dass ihnen oft nicht geglaubt wird, wenn sie sagen, sie kommen aus Duisburg, Stuttgart oder Potsdam – fast immer kommt die Frage nach: „Ja, aber woher kommst Du wirklich? Wo sind deine Eltern geboren?“ – Es mag sein, dass hinter dieser Frage noch echtes Interesse steckt und die Fragenden es einfach nur wissen wollen – aber unausgesprochen steht doch immer hinter dieser Frage: Du kommst nicht von hier, du gehörst nicht wirklich dazu, du bist hier fremd. Einmal, zweimal, dreimal erträgt man diese Frage, antwortet zehn und zwanzig Mal freundlich, aber dann beginnt es zu nerven und man fragt sich, was geht es die Leute eigentlich an? Wenn mir gesagt wird„Ich bin in Bayern geboren“, frage ich ja auch niemanden: „Ja, okay, aber wo kommt dein Großvater her?“

Deine Familie kannst Du Dir nicht aussuchen, und auch, wenn Du Dir wünschst, dass die Kirche aus fröhlichen, liebevollen, glücklichen und erlösten Menschen bestehen möge, so wirst Du doch akzeptieren müssen, dass es die Armen und Gescheiterten, die Vergessenen und Verachteten, die Machtlosen und Missachteten sind, aus denen der Großteil der weltweiten Kirche besteht, dass nicht sie, sondern wir die Ausnahme sind, dass die Kirche in dieser Welt nicht mächtig und siegreich ist, sondern verloren und arm – und dass gerade darin ihre Macht besteht. Und es kann nicht so bleiben, dass unsere Gemeinden und die Christinnen und Christen in ihr nichts davon wissen.

Was im Hebräerbrief steht über die Gemeinschaft im Abendmahl, über die Gastfreiheit der Gemeinden, und über das Mitleiden mit den Gefangenen muss meiner Ansicht nach solche Konsequenzen haben. Christus hat sich nicht nach denen ausgestreckt, denen es gut geht, die sicher im Sattel sitzen und die sich keine Sorgen machen müssen. Er ist gekommen, um die zu retten, die mühselig und beladen sind. Zu den Kranken und Gefangenen ist er gekommen, zu den Schwachen und denen, die in Ketten liegen. Und wenn wir erkennen, dass auch wir in keiner besseren Lage sind als sie – dann kommt er auch zu uns.

Ihnen nimmt er die Fesseln ab und stellt ihre Füße auf weiten Raum – so dass sie nach den Jahren der Knechtschaft singen und tanzen können…

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