Salz der Erde – Licht der Welt

Manche Dinge bemerkt man erst wirklich, wenn sie nicht mehr da sind. Als ich zum ersten Mal in Italien war, fand ich das allgegenwärtige Weißbrot seltsam geschmacklos und fad. Es war gut, wenn man es eine leckere Bratensoße tunken konnte, und auch zum Auswischen der Schüssel mit der Spaghettisoße konnte man es gut brauchen. Aber nur mit Butter? Irgend etwas fehlte, und ich konnte nicht einmal genau sagen, was das war.

Später erzählte uns der Reiseleiter, dass die italienischen Bäcker im siebzehnten Jahrhundert gegen die Salzsteuer demonstrierten, indem sie beim Brotbacken einfach das Salz wegließen. Das Brot wurde dadurch billiger, so dass es auch die einfachen Leute noch bezahlen konnten, und mit der Zeit gewöhnten sich die Leute daran. Und auch, als die Steuer wieder aufgehoben wurde, ließen die Bäcker das Salz weg.

Es ist erstaunlich, wie viel Salz in unseren Lebensmitteln enthalten ist. Der menschliche Körper braucht etwa 20 Gramm Salz am Tag, um gesund zu bleiben – aber ein sich „normal“ ernährender Mensch isst ungefähr das Fünffache davon. Salz ist in Fleisch und Brot enthalten, in Suppen und den meisten herzhaften Lebensmitteln, aber auch in Kuchen, Marmelade, Honig, Limonade und sogar im Mineralwasser. Vor allem Fertiggerichte aus Dosen enthalten sehr viel Salz, weil es die Speisen länger haltbar macht und den Geschmack intensiviert.

Die meisten unserer Lebensmittel sind im wahren Sinn des Wortes „versalzen“ – und die Folgen davon sind spürbar: Bluthochdruck und andere Herzkrankheiten, Nierenkrankheiten und sogar Demenz sind auf zu hohen Salzkonsum zurück zu führen.

Salz aktiviert das Belohnungssystem des Körpers. In lang vergangenen Zeiten war Salz selten und kostbar, und es musste mit hohem Aufwand beschafft werden – darum gibt es einen kräftigen Adrenalinausstoß im Körper, wenn man salzige Speisen isst. Ähnlich funktioniert das Belohnungssystem auch bei energiereicher zuckerhaltiger Nahrung und Rauschmitteln wie Alkohol – es sind dieselben Mechanismen, die Sucht und Abhängigkeit auslösen können.

Die meisten Menschen merken es aber gar nicht, dass sie viel zu viel Salz aufnehmen – in vielen Speisen schmeckt man es nicht heraus, oft ist es versteckt, und bei herzhaften Speisen würzt man oft in einem Reflex von Hand nach, auch wenn schon reichlich Salz enthalten ist.

Zu wenig Salz ist aber auch ungesund. An einem heißen Tag wie gestern schwitzt ein Mensch so stark, dass er fast zwanzig Gramm Salz mit seinem Schweiß verliert. Dadurch kann der Stoffwechsel im Körper gehörig durcheinander kommen, und es ist nötig, diesen Verlust rechtzeitig auszugleichen. Es ist ziemlich paradox, aber ohne ausreichend Salz im Körper wird ein Mensch austrocknen, denn erst das Salz bindet das Wasser in den Körperzellen und hält es dort fest.

Wenn das Salz in der Nahrjung ganz fehlt, schmeckt man das sofort. Vielleicht hat Jesus darum das Bild vom Salz der Erde und vom Licht der Welt verwendet, als er deutlich machen wollte, dass der Glaube seiner Jüngerinnen und Jünger nicht unbemerkt bleiben würde. Wie eine Stadt auf einem hohen Berg unübersehbar ist, wie das Salz in der Suppe auch in einer kleinen Prise würzt – es ist schwer, die „Wirkung“, den „Geschmack“ der Christenheit zu ignorieren. Sie fallen auf, sie sind anders. Oder?

Ich habe mich in den vergangenen Wochen und Monaten oft gefragt, ob die Kirche irgend jemandem fehlt. Ob jemand die Gottesdienste vermisst, ob jemand auf einen Anruf des Pfarrers wartet, ob jemand nach dem Abendmahl fragt und nach der Gemeinschaft. Ich habe mich gefragt, ob unseren Dörfern etwas fehlen würde, wenn in ihrer Mitte nicht mehr die Kirche stünde, wenn nicht mehr um zwölf und um sechs die Glocken läuteten und nicht mehr alle paar Monate das Gemeindeblatt im Briefkasten steckte. Wenn es keine Andachten mehr im Radio gäbe, kein Gebet auf der Website im Internet und keine Gospelmusik mehr und nichts von Bach in der Stereoanlage…

Wäre es wie das Salz in den Weißbroten der italienischen Bäcker? Würde man es zuerst vermissen? Würde man sich daran gewöhnen, dass die Brote nun eben anders schmecken? Oder würde man die Suppe, die wir uns da eingebrockt haben, ungenießbar finden?

Ist die Kirche wie das Salz in dem Sinn, dass die Gesellschaft krank wird ohne sie? Dass das Leben in ihr ungenießbar wird? Hilft die Tatsache, dass es Christinnen und Christen in Deutschland gibt, der Demokratie, dem sozialen Miteinander, der humanen oder auch humanistischen Kultur?

Ist die Kirche wie Salz in dem Sinn, dass sie scharf und würzig ist, einen eigenen und originellen Geschmack beizutragen hat? Dass sie Salz ist und nicht Zucker oder Geschmacksverstärker, Glutamat oder Mehl?

Kirche ist nur dann zu etwas nützlich, wenn sie für andere da ist. So wie Salz nicht würzen kann, solange es für sich allein im Salzstreuer bleibt, so wirkt auch Kirche nicht, solange Christinnen und Christen unter sich bleiben. Es ist schön und tut uns gut, zusammen Gottesdienst zu feiern, miteinander zu singen und für einander zu beten. Aber Christus hat uns ausgesandt, hinein in die Welt. Ihr seid das Salz der Erde und das Licht der Welt. Hinaus aus den Kirchengebäuden und hinein in die Freundeskreise, Vereine, Familien und Parteien der Mitmenschen sind wir gesendet, um dort von Gott zu reden und durch unser Handeln zu bezeugen.

Ein Brot, in dem das Salz Klumpen bildet und sich nicht um Teig auflöst, bleibt ungenießbar. Und auch eine Kirche, in der sich die Glaubenden „verklumpen“ und außerhalb ihrer Gemeinschaft nichts von ihrem Glauben zeigen, wird wirkungslos und unerträglich sein und ihren Auftrag nicht erfüllen können. Darum ist es wichtig, dass wir lernen, von dem begeistert und glaubwürdig zu sprechen, der unser Herz berührt und unser Leben verändert hat, der uns geheilt hat und uns behütet und zum Leben bewahrt.

Dann würde die „Welt“ sicher wieder spüren, dass die Christenheit etwas zu sagen hat und dass ihre Stimme in der Welt fehlt. Vielleicht würden die Menschen uns sogar fragen: Ihr, die ihr an einen guten Gott glaubt, was sagt ihr denn dazu? Und ich hoffe sehr, dass Gott uns dann die richtigen Worte in den Mund legt und uns auch den Mut gibt, sie aus zu sprechen – selbst wenn sie scharf und würzig sind wie Salz.

Vom Schatz im Acker

1700 Jahre lang lagen sie versteckt unter Stein und Sand. Niemand hat gewusst, dass da irgendwo auf einem Acker ein Schatz vergraben war. Über 300 goldene Münzen aus der Zeit, als noch die Römer über das Land herrschten. Vielleicht hat ein römischer Zenturio sie dort vergraben, als die germanischen Horden den Ort angriffen, in dem er seine Villa hatte. Seine Ersparnisse sollten nicht in die Hände der Barbaren geraten. Er würde sie vergraben und sich sein Eigentum zurückholen, wenn all das Kämpfen und Morden vorbei wäre. Nachdem er seinen Schatz versteckt hatte, floh er mit den anderen aus der Stadt. Aber er kam nie zurück…

Jahrhunderte gingen ins Land. Die Stadt zerfiel, aus den Häusern wurden Ruinen. Menschen aus benachbarten Orten holten sich die Mauersteine und Ziegel, um ihre Häuser schöner und fester zu machen. Sträucher und Bäume wuchsen über die alten Fundamente, und die Stadt wurde vergessen… Nichts bleibt für immer.

Aber in der Erde, tief unter dem Acker, lagen noch die Münzen. Sie warteten geduldig; sie hatten Zeit.

Am Morgen des 27. März 2019 fuhr der Bauer Timo Schmidt mit seinem Traktor über das Feld. Er pflügte die Scholle um, um den Acker vorzubereiten auf die Aussaat des Sommergetreides. Da hörte er plötzlich hinter sich ein knirschendes, metallisches Geräusch. Er fluchte leise, denn auf diesem Acker bedeutete ein solches Geräusch nichts Gutes. In der Regel fand er leere Patronenhülsen und zerfetzte Bombensplitter aus dem Zweiten Weltkrieg. Zum Glück war ihm bisher keine Granate oder Schlimmeres in die Pflugschar geraten.

Timo sprang aus dem Fahrersitz eines Traktors und ging die Furche entlang zurück. Da sah er Holzsplitter, Metallstücke, die sehr alt aussahen – und er hielt den Atem an, als er goldenes Funkeln in der Erde entdeckte.

327 Münzen aus der Zeit der letzten römischen Kaiser hatte er gefunden. Zusammen mehr als ein Kilo Gold. Als historisches Zeugnis der Vergangenheit waren die Münzen sicher noch sehr viel mehr wert.

In Deutschland darf man einen so gefundenen Schatz nicht behalten. Er muss bei den zuständigen Behörden angezeigt werden und wird dann von Archäologen geborgen, untersucht und wissenschaftlich ausgewertet. Dann landet er fast immer im Archiv eines Museums. Er ist Eigentum des Staates; nicht einmal ein Finderlohn ist im Gesetz vorgesehen. Im Gegenteil – wer einen Schatz findet und nicht meldet, macht sich der Unterschlagung schuldig und riskiert bis zu drei Jahre Gefängnis.

Zur Zeit Jesu war das anders. Ein Schatz, der beim Pflügen im Acker gefunden wurde, gehörte dem, der Eigentümer des Ackers war. Der Mann hinter dem Pflug hatte den Fund zu melden und abzugeben.

Es ist nicht ganz in der Ordnung, dass der Mann aus dem Gleichnis anders handelt. Er deckt den Schatz wieder zu. Dann setzt er alles, wirklich alles, daran, den Acker zu kaufen und damit zugleich Eigentümer des Schatzes zu werden.

Ebenso war Jesus bereit, alles, wirklich alles, zu geben für die, die seine Gemeinde sind. Im Brief des Paulus an die Philipper heißt es: „Er hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern er entäußerte sich selbst und war gehorsam bis in den Tod, ja bis in den Tod am Kreuz.“ Seine Liebe kannte keine Grenzen.

Sind wir also der Schatz? Ist seine Kirche die Kiste mit den funkelnden Münzen in der Ackerfurche? Ist jede Frau und jeder Mann ein goldener Glanz in seinen Augen?

Er gab sein Leben für die, die an ihn glauben. Er war nicht nur bereit, am Kreuz zu sterben. Er war bereit, sein ganzes Leben, jeden einzelnen Tag, als Vorbild, Beispiel, Leitstern für seine Jünger zu leben und ihnen so zum Segen zu werden. Er war der „Gott mit uns“, das fleischgewordene Wort Gottes, Gott in unserer Mitte.

Gott hat in uns den Glauben an ihn geweckt. Als wir getauft wurden, als wir Teil der Kirche wurden, haben wir einen goldenen Schatz, eine kostbare Perle gefunden. Auch wir sind bereit, für diesen Glauben vieles hinzugeben. Aber Gott erwartet nicht unmenschlich große Opfer. Er erwartet die kleinen Münzen des Alltags.

Martin Luther hat einmal geschrieben: „Woran wir unser Herz hängen, das ist in Wirklichkeit unser Gott.“ Wenn aber unser Herz an dem Gott hängt, der uns das Leben geschenkt hat und uns die ewige Herrlichkeit versprochen hat, dann werden wir bereit sein, seine Gebote zu halten und seine Liebe in diese Welt weiterzugeben.

Es könnte ja schon damit anfangen, dass wir lernen, uns gegenseitig so zu sehen, wie Gott uns sieht: als einen kostbaren, wertvollen und jeden Einsatz werten Schatz. Denn wir sind wertvoll, weil Gott uns liebt.

Dem römischen Zenturio hat sein Goldschatz nicht geholfen. Der Bauer Timo Schmidt durfte die Münzen nicht behalten. Wir aber sind Gottes, ihm gehören wir. Das ist unsere Ehre, unser Glanz und unser Schatz.

Speak the magic word… Hiroshima

Heute vor 75 Jahren, am 6. August 1945, warf die zwölfköpfige Besatzung des amerikanischen Flugzeugs Enola Gay die erste in einem Krieg eingesetzte Atombombe auf die japanische Stadt Hiroshima. Mehr als 100 000 Menschen starben in Sekunden. Von manchen blieb nichts mehr als ein Schatten an der Wand.

Mehr als 120 000 Menschen starben in den Tagen, Monaten und Jahren danach an den Folgen der radioaktiven Strahlung. Bis heute leiden viele Nachkommen der damals verstrahlten Menschen an Erbkrankheiten oder an Krebs.

Hiroshima und Nagasaki sind heute wieder blühende Städte. Die Radioaktivität ist an beiden Orten wieder zurückgegangen und nicht von der natürlich vorkommenden Strahlung zu unterscheiden. Aber die Wunde im kollektiven Bewusstsein der ganzen Menschheit darf nicht vergessen werden. Sie wird nie heilen.

Noch immer gibt es tausende Atombomben in vielen Staaten der Welt; einige von diesen sind in einer politisch instabilen Stituation. Manche begründen die nukleare Aufrüstung mit dem Argument, das System der gegenseitigen Abschreckung habe über Jahrzehnte einen Krieg zwischen den Großmächten der Erde verhindert.

Stattdessen wurden aber in vielen Ländern der Welt lang andauernde, menschenverachtende, überaus brutale Stellvertreterkriege geführt.

Die andauernde Gefahr eines Atomkrieges, der letztlich die Auslöschung der Menschheit, mindestens aber das Ende aller Zivilisation zur Folge haben könnte, hat über drei Generationen hinweg die Seelen der Menschen belastet.

Milliardenfach schrecken Menschen in der Nacht auf, weil sie von der glühenden Pilzwolke über ihrer Stadt geträumt haben. Milliardenfach müssen Menschen ihren Kindern erklären, dass „duck and cover“ im Ernstfall nicht ausreicht.

Noch immer werden überall auf der Welt Bunker gebaut, in denen reiche und mächtige Menschen hoffen, einen Atomkrieg zu überleben. So, als ob sie nicht wüssten, dass im Ernstfall die Überlebenden die Toten beneiden werden.

Manche Historiker behaupten, die Atombombenexplosionen über zwei japanischen Städten hätten dazu geführt, dass der Krieg in Asien schnell beendet wurde – Japan hätte sonst erst zwei Jahre später kapituliert, und es wären noch Millionen mehr Amerikaner, Russen, Japaner und Koreaner im Krieg gestorben. So wollen sie jene Tat rechtfertigen, die die Welt für immer verändert hat.

Das „magic word“ kann aber nicht der Atomblitz über bewohnten Städten sein; an keinem Ort der Welt. Das „magic word“ wird da gesprochen, wo Menschen sich entscheiden, Frieden zu schließen, wo Völker den Frieden wollen und sich dafür entschlossen engagieren. Das Zauberwort gegen den Krieg kann letztlich nur eins sein: Liebe.

Fünf Jahre bei WordPress

In dieser Woche habe ich eine Nachricht in meinem Blog gefunden, die mich überrascht hat. Seit fünf Jahren blogge ich nun bei WordPress! Und der Betreiber der Blog-Plattform hat mir gratuliert. Danke!

Insgesamt schreibe ich seit 13 Jahren mein Tagebuch öffentlich und online, und das ist ein wichtiger Teil meines Lebens geworden. 44 Jahre alt war ich, als ich – damals bei Blog.de – mit dem schreiben begonnen habe. Und nun bin ich 57 Jahre alt. Ist das zu fassen?

Die ersten Blogeinträge schrieb ich damals, 2007, vor allem, weil ich wissen wollte, was Bloggen eigentlich ist und wie es funktioniert. Damals waren Radio, Fernsehen und Zeitungen voll von Berichten über Blogs, und das neue Medium schien aufregend und hip zu sein. Jeder konnte da auf einmal Leserinnen und Leser finden und vielleicht sogar ein bisschen – oder gar sehr – berühmt werden.

Nicht,  dass ich davon geträumt hätte, ich war einfach nur neugierig und wollte mitreden können.

Aus dem schüchternen Anfang wurde ein wichtiges Hobby. Unter der Adresse pfarrers-tagebuch schrieb ich auf Blog.de Albernes und Tiefsinniges, Quatsch und Anekdoten, Geschichten und Gedanken aus meiner Studierstube. Auch Gemeindebriefartikel und Predigten habe ich da „ausprobiert“, um einmal zu sehen, wie meine Texte außerhalb der Kirchenblase ankommen. Ich hatte immer das Gefühl, dass kirchliche Öffentlichkeitsarbeit zu sehr im eigenen Bratensatz vor sich hin simmert.

Besonders wichtig wurde es mir aber, dass ich bei Blog.de ein paar für mich heute sehr wichtige Menschen kennengelernt habe. Obwohl die fast alle weit entfernt in anderen Städten leben, ist mir das Gespräch mit ihnen sehr wichtig geworden, und mit einigen habe ich echte vertraute Freundschaft entwickelt, die nun schon über zehn Jahre lang dauert. Sie haben mein Leben entschieden mit geprägt, obwohl ich die meisten Leute nie im echten Leben getroffen habe.

Dann wurde Blog.de geschlossen; manche der Freunde haben sich nicht wieder gefunden, schon weil wir nie Adressen oder Telefonnummern getauscht haben. Viele von den alten Bekannten sind hier bei WordPress gelandet, andere bei Blogger.de oder auf anderen Plattformen. Manche haben ganz aufgehört mit dem Schreiben. Hier herrscht ein anderes Klima, es geht anonymer und weniger herzlich zu. Zum Glück gibt es Ausnahmen.

Auch hier auf WordPress habe ich Leute kennengelernt, deren Beiträge ich gern lese und sehnsüchtig erwarte. Es ist weiterhin interessant,  Menschen durch einen Teil ihres Lebens zu begleiten und zu sehen, wie sie sich entwickeln: heiraten, Kinder bekommen, neue Arbeitsplätze entdecken und umziehen – viele schreiben sehr persönliche Dinge in ihr Blog und lassen „die Welt“ in ihr Herz blicken. Fast immer geht das gut und auch hier entstehen nach Jahren Freundschaft und Vertrauen.

Ich weiß, dass Familie, Freunde, Arbeitskollegen hier mit lesen, trotzdem fühle ich mich hier wie in einer Art Paralleluniversum; wo ich Gedanken schreiben und ausformulieren kann, wie ich mich es im direkten Gespräch nicht trauen würde. Den Gesprächspartnern und -partnerinnen scheint es aber auch so zu gehen, nur selten werde ich in der Gemeinde oder bei Geburtstagsfeiern auf das angesprochen, was ich hier schreibe. Und eigentlich finde ich das auch gut so.

Manchmal nehme ich mir die Zeit und lese meine ganz alten Beiträge noch einmal durch. Auch nach vier oder fünf Jahren finde ich viele Texte noch interessant und bedeutsam; es kommt selten vor,dass ich einen Text lösche. Ich spüre aber oft, dass ich mich weiter entwickelt habe und in den gleichen Worten andere Gefühle und Ideen wiederfinde.

Ich würde am liebsten meine wichtigsten Freunde hier grüßen, Feldlilie, Reiner, Wolfram und Glitzerauge. Es gibt ein paar Kontakte, von denen ich hoffe, dass sie sich zu Bekanntschaften und Freundschaften entwickeln, Alice zum Beispiel oder Piri. Und manche haben vielleicht noch gar nicht bemerkt, dass ich schon lange mit lese…

Ich hoffe, dass mir jetzt niemand böse ist, weil er hier nicht erwähnt wurde, ich habe bestimmt nicht an alle gedacht; weil ich dies gerade unterwegs in der S-Bahn tippe und alles Mögliche mich ablenkt.

Fünf Jahre bin ich hier, dreizehn Jahre im Blog-Universum. Und es war eine wunderbare, großartige Zeit. Ich hoffe, dass die nächsten Jahre für uns alle genau so schön werden. Und dann können wir uns wieder zum Jubiläum gratulieren.

Ganz herzliche Grüße an Euch alle da draußen. Es ist so schön mit Euch!

Alles Liebe von Richard

Bücher für den Urlaub

Noch ein paar Wochen, dann geht’s wieder in den Schwarzwald. Vormittags wandern, abend gibt es Leckereien zum Essen und dazwischen werde ich Zeit haben für diese Beiden…

Blumen für Algernon von Daniel Keyes ist ein glaubhaft und tiefgründig geschriebener Roman über einen geistig zurückgebliebenen Mann, Charly, der nach einer Operation an seinem Gehirn nach und nach langsam immer intelligenter wird. Ganz neue Horizonte öffnen sich ihm, auch sich selbst erkennt er erst jetzt als vollwertigen Menschen. Er lernt lesen und schreiben, findet erste Liebe und macht einen Karrieresprung an seinem Arbeitsplatz.

Doch dann zeigt sich die Schattenseite seines neuen Lebens. Charly beginnt zu verstehen, wo er wirklich liebevolle Freunde hat und wo er nur verlacht und ausgenutzt wurde. Auch er selbst beginnt sich zu verändern, und er erkennt, das Wissen, Macht und Verantwortung zusammen gehören. Und dass das Leben der intelligenten Menschen doch sehr viel schwerer ist als er es sich ausgemalt hatte.

Ein wunderbar leichtes und doch anregendes Buch über die möglichen Folgen der Optimierung der menschlichen Natur und der künstlichen Intelligenz. Eine moderne „My fair Lady“-Geschichte. Und über Mäuse und Menschen…

Das Gewicht der Worte von Pascal Mercier ist eine zärtlich und sanft erzählte Geschichte über einen Mann, der am Beginn des letzten Drittels seines Lebens in die Vergangenheit reisen kann: er hat ein Haus geerbt und kehrt so an den Ort zurück, von dem sein Leben ausging, wo er Inspiration und Wurzeln gefunden hatte – und obwohl er rastlos und doch relativ glücklich in der ganzen Welt herum gekommen ist, war dieses Haus doch immer der Ort, an dem die Worte ein besonderes Gewicht hatten.

Die Liebe zur Sprache und besonders die Faszination der Worte wecken in Simon Leyland den Wunsch, alle Sprachen zu lernen, die rund um das Mittelmeer gesprochen werden. Gegen den Willen seiner Eltern wird er Übersetzer. Er lernt seine Frau kennen, die ihn unterstützt, er trifft Schriftsteller und Philosophen. Doch dann fängt ihn das Leben ein, und es braucht eine Katastrophe, um ihm wieder die Freiheit zu geben, um ihn seine eigene Sprache zurück zu geben.

Auch dieser Roman erzählt von den Licht- und Schattenseiten einer Entwicklung, die einen Menschen erst zu dem Wesen macht, der er ist. Und er erzählt von der Liebe und von der Freiheit des Menschen der das Gewicht der Worte kennt.