Bruder Jakob, schläfst Du noch?

Ein gesunder Schlaf gehört neben Essen und Trinken zu den Grundbedürfnissen jedes Menschen. Im Schlaf regenerieren sich Kraft und Konzentrationsfähigkeit, physische und psychische Fähigkeiten werden gestärkt und weiterentwickelt. Vor allem Kinder brauchen regelmäßigen Schlaf, aber auch Erwachsene werden krank an Leib und Seele, wenn sie auf Dauer zu wenig schlafen und so die Bedürfnisse ihres Körpers ignorieren. Tiere, Pflanzen, überhaupt alles, was lebt, geht in der Nacht in einen Zustand der Ruhe und der Erholung. Schlaf ist lebensnotwendig.

Aber – wer schläft, ist in dieser Zeit unaufmerksam und wehrlos. Ich habe einen sehr festen Schlaf, aus dem mich wenig wecken kann. Wenn ich erst einmal schlafe, könnte man mir die Matratze aus dem Bett klauen, ich würde es nicht merken. Und wenn ich wichtige Termine früh am Tag habe, stelle ich mir oft drei oder vier Wecker… Sicher ist sicher.

In der Bibel, im Alten wie im Neuen Testament wird oft darüber geschrieben, dass Menschen schlafen: Der Schlaf scheint eine Zeit zu sein, in der Gott den Menschen besonders nahe ist. Noch im Garten Eden lässt Gott Adam in einen tiefen Schlaf fallen und entnimmt seinem Körper die „Rippe“, aus der er später Eva erschuf. Jakob sieht im Traum die Himmelsleiter und Engel an ihr auf- und absteigen, Josef deutet die Träume von den fetten und den mageren Kühen und kann so eine Hungerkatastrophe in Ägypten verhindern. David träumt von dem Tempel Gottes, den sein Sohn Salomo dann bauen wird – und über noch viele andere Träumer wird in der Bibel berichtet, dass sie im Schlaf oder in ihren Träumen erlebt haben, dass Gott ihnen begegnet, ihnen Aufgaben gibt und ihnen gute Zukunft verheißt und sie segnet.

Die Jünger werden im Neuen Testament dagegen oft gewarnt, dass sie im Schlaf (meistens bildlich gemeint) Entscheidendes verpassen können. Wacht auf! wird ihnen gesagt – immer wieder. Wenn es um die Zeichen der Zeit geht, die sie rechtzeitig erkennen sollen; wenn es um den Widerstand gegen den Tod geht und um die Hoffnung auf das ewige Leben – es ist Sache der Jünger, die Wirklichkeit Gottes zu erkennen und wahrzunehmen, auch gegen den Augenschein, was Gott ihnen bereitet hat: Wach auf, der du schläfst, steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten!

Der Schlaf wird also in der Bibel durchaus zwiespältig gesehen: Einerseits ist die Nacht die Zeit der Offenbarung Gottes – andererseits werden die Jünger zur Wachsamkeit aufgefordert: Christen sind Menschen des Tages, die aufmerksam auf das warten, was ihnen von Gott her gegeben wird. Plötzlich und unerwartet kommt der Tag des Herrn; dann ist es wichtig, hellwach und gut vorbereitet zu sein.

Ist die Kirche vorbereitet auf die Konfrontation mit dem (Un-)Erwarteten? Oder verschläft sie die Zeit, um erschrocken aufzuwachen, wenn es eintrifft?

Über hunderte von Jahren haben Gemeinden weitgehend unbeeindruckt von politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen Gottesdienst gefeiert, gesungen und gebetet, seelsorglich, geistlich und wohl auch politisch geredet und ihre Tradition weitergegeben an die jeweils nächste Generation. Oft ist das „gut gegangen“, doch seit einiger Zeit wurde immer wieder deutlich, dass die Kirche so ihrem Auftrag nicht gerecht wird. Nach den Ereignissen in der Hitlerzeit unter den Nationalsozialisten musste die Kirche bekennen, dass sie – als Ganze – nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben, um den Nazis Widerstand zu leisten. Wohl gab es Einzelne in der Kirche, die nicht der Versuchung erlegen waren, sich anzupassen und mit den Verführern zu laufen, aber insgesammt musste die Kirche ihre Schuld bekennen und um Verzeihung und Vergebung zu bitten.

Auch in der Zeit nach dem Krieg, als wieder von Aufrüstung und atomarer Abschreckungsstrategie die Rede war, als es um die Frage der Geburtenkontrolle und der Abtreibungen ging, als Homosexuelle in Kirche und Gesellschaft ihren Platz einforderteten, als es galt, Stellung zu beziehen zu Kindesmissbrauch und Menschenrechten, haben viele Gemeinden und Kirchen weltweit „verschlafen“: Sie haben das Problem ignoriert oder verharmlost, teilweise auch mit Hass und Gewalt zu lösen versucht.

Nicht immer ist die Unterscheidung einfach, ob man sich in Fragen des Zeitgeistes mit einer gewissen Härte verschließen sollte, um an den Geboten Gottes fest zu halten und darauf zu bestehen, dass dem Menschen nicht alles gut tut und schon gar nicht alles erlaubt ist – oder ob man barmherzig sein sollte und sich gegenseitig in Liebe erträgt im Bewusstsein, dass es letztlich Gott ist, der urteilt und richtet. „Krieg soll nach Gottes willen nicht sein!“ und „Man lässt Menschen nicht ertrinken. Punkt!“ sind Sätze, die den gläubigen Menschen herausfordern. Es gibt ja auch Christinnen und Christen, die die Wiederaufrüstung für richtig halten und die sehr strikt dagegen sind, zu viele Geflüchtete in Deutschland aufzunehmen. Es gibt Gemeinden, die Homosexuelle in ihren Kirchengebäuden nicht heiraten lassen. Sollte Abtreibung erlaubt sein? Kirchen in Irland und Polen streiten bis heute erbittert darüber. Und noch immer sind nicht alle Christinnen und Christen auf der Welt sich darin einig, dass auch Frauen ein geistliches Amt ausüben können sollten.

Andere sagen, dass gerade in diesen Fragen ein klares Wort und mutige Taten der Christinnen und Christen nötig seien, damit Kirche als Ganzes glaubwürdig bleibt. Politische Entscheidungen sollen nicht durch Angst und Engstirnigkeit beeinflusst werden, sondern durch Großzügigkeit und Liebe, durch eine kraftvolle Hoffnung und einen Glauben, der ausstrahlt und die Nähe Gottes nicht nur für möglich hält, sondern davon ausgeht, dass Gott durch uns in die Geschichte eingreift.

In der Bibel stehen sogar Worte, die man so deuten kann, dass all dies theologische Nachdenken nur „vorläufige“ Fragen betrifft. Zuletzt wird aber nur Eines zählen: Wenn Christus wiederkommt am Ende der Zeit – werden wir bereit sein, ihn zu empfangen? Wenn der große Tag des Herrn kommt wie der Dieb in der Nacht – werden wir ihn wachsam und bereit zu unserem Dienst erwarten? Wenn er fragt, ob wir in seinem Namen die Armen gespeist, die Kranken geheilt, die Gefangenen besucht und die Gute nachricht verkündet haben – was werden wir dann antworten können?

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