Wort der Woche – segensreich

In frommen Kreisen und in der Kirche wünscht man sich zum Neuen Jahr Gottes Segen… Hm. Tja. Bedenkenswert. Was genau bedeutet denn das Wort „Segen“? Geht es nur darum, im kommenden Jahr Glück zu haben? Glücklich zu sein? Vor bösen Dingen bewahrt zu bleiben?

Für mich hat das Wort Segen immer etwas mit Gott zu tun. Ich hab in der Schule mal gelernt, dass das Wort Segnen mit dem Wort Zeichen zusammen hängt. Es kommt von dem lateinischen Wort Signum, das bedeutet Zeichen, oder auch Signal. Die Römischen Heere hatten immer diesen Stab mit einem goldenen Adler oder einem anderen Zeichen dabei, eine Standarte, damit sich die Soldaten bei ihren Schlachten besser orientieren konnten, wo sich denn jetzt die eigenen Leute gerade sammeln und wo der Feind anrückt. Dieses Feldzeichen heißt Signum.

Den Kindern vom Kindergottesdienst erkläre ich das immer mit dem Hinweis auf die Becher beim Kindergeburtstag – da malt man ein Zeichen dran, damit man wiedererkennen kann: Das ist mein Becher, daraus hat außer mir niemand sonst getrunken… Ein solches Zeichen ist, glaube ich, der Segen Gottes auch.

Wer gesegnet ist, der trägt das Zeichen Gottes. Und das bedeutet, der gehört zu ihm. Zu Gott. Manche verstehen dann so ein Segenszeichen als eine Art Schutz: Für viele Menschen ist das ein Grund, ihre Kinder taufen zu lassen. Wenn ich zu Gott gehöre und sogar sein Name irgendwie auf mir steht, dann wird er mich ja wohl besonders gut behandeln. Immerhin gehen die meisten Leute ja auch mit den eigenen Sachen sorgfältiger und vorsichtiger um als mit den Sachen, die allen gehören und um die sich darum niemand so richtig kümmert, wie zum Beispiel mit den Büchern aus der Stadtbücherei. Eigene Bücher und Bücher von Freunden behandeln die meisten Leute besser als Bücher von Leuten, die sie gar nicht kennen…

Gesegnet sein heißt aber oft genug gerade nicht, dass es einem immer gut geht und dass man Grund hat, glücklich und zufrieden zu sein. In der Bibel haben gerade die gesegneten Leute das anstrengendste und aufreibendste Leben, das man sich vorstellen kann. Die Leute, die in Ruhe und Frieden eine Tischlerei oder eine Wurstfabrik betreiben, nennt man normalerweise nicht gesegnet…

Mit Kindern „gesegnet“ nennt man eine Frau, die drei oder mehr davon hat, und was das in Wirklichkeit heißt, kann Euch jedes Mitglied einer kinderreichen Familie erzählen. Und die Leute, die in der Bibel „Gesegnete“ genannt werden, sind immer irgendwie Leute, die aus der eigenen Mitte gerückt sind, Exzentrische, Verrückte. Sie werden zum Beispiel im Ausland angeklagt und dann doch irgendwie gerettet; sie verlieren Hab und Gut und bekommen es erst nach anstrengenden Jahren zurück, sie müssen alles, was sie lieben, zurücklassen und in der Fremde noch einmal neu anfangen und ihr Leben aufbauen.

Wenn ihnen das gelingt und sie nicht unterwegs von Löwen oderRiesenfischen gefressen werden, nennt man sie gesegnet und erkennt in ihrem Leben das Zeichen Gottes…

In China soll das Wort ein böser Fluch sein: „Mögest Du in interessanten Zeiten leben!“ – in den Geschichten,die in der Bibel erzählt sind, leben die Gesegneten immer in interessanten Zeiten…

Für mich selbst denke ich: Segen ist so etwas wie eine Zusatzbatterie für das Leben – im Guten und auch im Schlechten wird es dadurch intensiver und kräftiger, lebensstärker – aber Segen bedeutet nicht, dass alles einfach und „richtiger“ ist…

Euch allen wünsche ich: Seid gesegnet! Lebt intensiv! Seid mutig, aber nicht leichtsinnig. Und sucht das Glänzende in jedem Jahr.

Jesus Christus – Wunderkind?

Gedanken zu Lukas 2, 41ff

Jesus ist gerade zwölf Jahre alt geworden. Endlich ist er alt genug, die jährliche Pilgerfahrt nach Jerusalem mit zu machen. Aus Nazareth war eine ganze Karawane von Pilgern aufgebrochen, einige waren zum ersten mal dabei wie Jesus selbst, andere waren schon fünfzig mal in der Stadt gewesen und kannten sich in den Dörfern auf dem Weg gut aus. Zum ersten Mal kommt Jesus in die große Stadt, er sieht zum ersten Mal die Menschenmassen, die großen Gebäude, die beeindruckenden Schutzmauern um die Stadt herum. Er bestaunt den Königspalast und die Burg der Römer hoch über der Stadt, und natürlich vor allem den Tempel Gottes, des Allerhöchsten.

Eine Lust für die Augen sind die mit Zedernholz getäfelten Wände, die mit Gold und Edelsteinen verzierten Tore, der mit geometrischen Mustern gepflasterte Hof und die mit Blumen geschmückten Altäre, auf denen den ganzen Tag die Opfergaben der frommen Pilger brennen und einen köstlichen Geruch verbreiten…

Beeindruckend und erhaben sehen die Priester aus in ihren liturgischen Gewändern, ihren goldenen und mit Edelsteinen besetzten Brustschilden, mit den farbigen und mit goldfarbenen Schnüren umwundenen Kappen. Aber für Jesus ist das Schönste die Musik – den ganzen Tag lang erklingen Harfen und Zimbeln und begleiten den Psalmengesang der Priester, und im Tor singen die Pilger, die mit Palmzweigen in der Hand das Heiligtum betreten, das Ziel ihrer langen Reise, und es erklingen große Pauken und kleine Silberzimbeln…

Drei Tage lang wandert Jesus mit leuchtenden Augen an der Seite seiner Eltern durch die Stadt, vielleicht ein bisschen verwirrt und beunruhigt: So viele Menschen hat er noch nie in einer Straße, auf einem Platz, in einem Hof gesehen – alle Bewohnerinnen und Bewohner Nazareths zusammen hätten allein im äußeren Vorhof des Tempels Platz gefunden, und das eigentliche Haus Gottes war noch einmal so groß. Vor der prachtvollen Türe stand der große Opferaltar, rechts und links zwei große, siebenarmige Leuchter und davor die große runde Schale, das ewige Meer, in dem ein Nilpferd hätte baden können, wenn sich einmal eins nach Jerusalem verlaufen würde…

Immer öfter reißt sich Jesus von der Hand seines Vaters los, um aufgeregt in der Menschenmenge zu verschwinden. Minuten später kommt er zurück und berichtet atemlos von einem Wunder, das er entdeckt hat: da, eine Banane von einem Händler aus dem Osten, einen Granatapfel mit hundert feuerroten Kernen, so süß und so saftig. Ein Brot mit einer scharfen Paste aus Sesam und Honig mit Chili, schon der Duft lässt einem das Wasser im Mund zusammen laufen. Ein Schreiber malt Worte auf Pergament, in der schwungvollen Schrift der Hebräer, mit den harten und eckigen Buchstaben der römischen Besatzer, mit der kleinen Zeichensprache der Griechen, die die Kaufleute und die Philosophen benutzen, er kennt sogar die Bilderschrift der Ägypter, die Jesus in seiner Kindheit so oft gesehen hatte: Vögel, Schlangen, Wasserwellen, Schilfrohr und anderes, was die Menschen aus diesem fernen Land als ihre Sprache lesen können…

Am Tag der Abreise können Josef und Maria Jesus nicht finden. Wahrscheinlich ist er schon mit den anderen Jugendlichen aus Nazareth vor gegangen, dachten sie, als sie sich selbst auf den Weg machten. Aber als sie Mittags Rast in einem kleinen Dorf machten, war er auch nicht bei den Verwandten und Freunden zu finden. Sie fragten auch die übrigen Nachbarn, den Lehrer aus der Synagoge, den Gesellen aus Josefs Werkstatt – niemand hatte Jesus gesehen.

Da kehrten sie um und gingen zurück in die Hauptstadt und suchten ihn dort. Aber finde einmal eine Nadel im Heuhaufen! Die Stadt war immer noch überfüllt mit Pilgern und Soldaten, mit Händlern und Kaufleuten, mit Touristen und fremden Menschen aus aller Welt. Maria und Josef suchen ihn den ganzen Abend und bis spät in die Nacht, laufen über Märkte und durch die engen Gassen, fragen die Musikanten und die Wasserverkäufer, schauen in Hinterhöfe und unter die Treppen, aber nirgends ist er zu finden, keiner hat etwas von ihm gehört. Ihr Sohn bleibt verschwunden.

Schließlich suchen sie einen Schlafplatz für sich in der Pilgerherberge; aber schon vor Sonnenaufgang suchen sie am nächsten Tag weiter. Den ganzen Tag, überall. Sie fragen Pilger und Kameltreiber, die Bäckerinnen auf dem Markt und die Schreiber an der Mauer des Tempelvorhofs. Schließlich sprechen sie sogar die römischen Soldaten an, aber es nutzt nichts. Voller Sorge übernachten sie noch einmal in der Herberge.

Erst am dritten Tag finden sie ihn, im dritten Hof des Tempels. Da sitzt er, inmitten einer Gruppe von Pharisäern und den Theologen der Thorah-Schule des Tempels und diskutiert mit ihnen über einen Bibelvers, so, als ob es die normalste Sache der Welt wäre. Die gelehrten und erfahrenen Männer sind verblüfft über seine Verständigkeit und beeindruckt von seinen tiefgehenden Fragen.

Er sieht Dinge in einer ganz neuen Art und hat Ideen und Gedanken abseits der eingetretenen Pfade, auf denen ihr Geist seit Jahrzehnten, nein – eigentlich seit Jahrhunderten – immer wieder gegangen ist. Er denkt anders und hat anderes zu sagen als sie, die die Tradition kennen, aber oft nicht viel Eigenes sagen können.

Maria stürzt sich auf ihren Sohn und überschüttet ihn mit einer Flut aus Vorwürfen und mütterlicher Erleichterung. Wo warst Du die ganze Zeit? Hast Du nicht einmal daran gedacht, dass wir uns Sorgen machen? Wir haben gedacht, Du bist entführt, verletzt, gestorben! Dein Vater und ich, wir haben unsere Seelen zerrissen bei der Suche nach Dir!

Und dann folgt diese Antwort von Jesus: Warum habt ihr mich gesucht? Habt ihr euch nicht selbst sagen können, dass ich hier sein muss – im Haus meines Vaters? Dort, wo man über sein Wort nachsinnt Tag und Nacht, wo man seine Weisheit hört und seine Wahrheit erfahren kann?!

An dieser Stelle bricht der Evangelist Lukas die Erzählung ab. Zusammenfassend wird nur noch gesagt, dass Jesus mit seinen Eltern nach Hause zurück ging und ihnen dort ein braver und gehorsamer Sohn war. Er blieb neugierig und lernte viel, und die Nachbarn und die Menschen in der Stadt mochten ihn gern. Seine Eltern konnten stolz auf ihn sein.

Warum steht diese Geschichte in der Bibel? Was soll den gläubigen Leserinnen und Lesern hier vor Augen gemalt werden? Worauf kommt es hier an?

Am Beginn seines Evangeliums erzählt Lukas Geschichten, die beweisen sollen, dass sich in Jesus wirklich Gott selbst geoffenbart hat. In Jesus ist Gott in die Welt gekommen. Darum berichtet Lukas von der wunderbaren Geburt in der Herberge von Betlehem, der Stadt Davids. Darum berichtet er von den Engeln, die über den Hirten singen mitten in der dunklen Nacht, von ihren fassungslosen Gesichtern, die das Kind in der Krippe bestaunen. Ja, dieser Mensch ist wirklich der Heiland und von Gott Gesandte, der von den Propheten versprochene Messias, der Israel und mit ihm alle Völker erlösen wird.

Lukas betreibt Theologie, indem er erzählt. Und darum erkennen wir, dass es ihm nicht darum geht, Jesus als eine Art Wunderkind darzustellen, als eine Art theologischen Mozart, der schon mit zwölf die erfahrenen Lehrer verblüfft und übertrifft. Es geht ihm nicht (nur) darum, zu erzählen, dass Jesus wie auch Maria und Josef ganz genau auf die jüdischen Bräuche und Regeln geachtet haben und brav und angepasst nach den biblischen Geboten lebten.

Jesus – so erzählt Lukas – kennt die Schrift, er kann das Gesetz und die Propheten verstehen und ganz unerhört neu auslegen, nicht weil er mehr weiß als die Schriftgelehrten, sondern weil er selbst es ist, von dem die Propheten geredet haben, weil das Gesetz durch ihn erfüllt werden soll.

Weihnachten ist nicht vorbei. Auch in der Zeit „zwischen den Jahren“ zeigt sich immer wieder, dass Gott in die Welt gekommen ist. Das „Christkind“ ist nicht in der Krippe geblieben, er wurde erwachsen. Und er begann, selbst seine vertrautesten Mitmenschen zu überraschen. Das ganze Jahr, Ihr ganzes Leben ist die Zeit, in der Gott zu Ihnen kommt, in der der Geist Gottes Sie berührt und – wenn Sie es zulassen – alles überraschend verändern kann.

Weihnachten ist nicht „ausgefallen“, es war nur anders. Und – gleich ob Sie einen der wenigen Gottesdienste, die noch in den Kirchen stattfanden, besucht haben oder an einem Computer oder vor einem Fernsehschirm mitgefeiert und mitgesungen haben – im Glauben können Sie erfahren, dass Gott an ihrer Seite ist in guten wie in schlechten Zeiten, dass er selbst sich Ihnen zum Geschenk gemacht hat. Gott ist da!

Vieles war anders an Weihnachten, das Meiste überraschend, Manches hat weh getan und wurde schmerzlich vermisst. Uns hat nicht nur die Gemeinschaft in unseren Kirchen gefehlt, nicht nur das gemeinsame Singen und Beten. Uns hat die Ungezwungenheit gefehlt, die Unbeschwertheit, das fröhliche Lachen. Fast jeder von uns kennt inzwischen jemanden, der Corona hatte oder gerade jetzt damit kämpft. Schon wenn jemand im Supermarkt hustet, bekommt der sofort misstrauische und ängstliche Blicke zu sehen. Und manche fragen sich, was die Spätfolgen der Epidemie für unsere Wirtschaft und unsere Kirche sein werden, welche Folgen sie für unser Lebensgefühl, unseren Glauben, für unsere Kinder und für unsere Demokratie haben wird.

Ich stelle mir nicht die Frage, ob Gott Corona gewollt hat und frage mich auch nicht, warum er nichts gegen diese Krankheit tut. Leiden und Krankheiten und sogar der Tod sind Teil unseres Lebens, teil unserer Welt. Aber ich staune darüber, dass Gott in diese Welt gekommen ist, dass er sich hinein begeben hat in diese Geschichte, die so oft zeigt, dass Leben immer bedroht ist. Er ist nicht „im Himmel“ geblieben und sieht sich die Geschichte seiner Menschheit teilnahmslos an. Er schiebt uns nicht aus der Ferne hin und her wie ein Schach-spieler die Figuren auf dem Brett. Er ist hineingeboren in die Mitte der Mensch-heit; er ist nun einer von uns. Was wir leiden, leidet er auch.

Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich mitten unter Euch bin, da, wo mein Vater ist? – So könnte Jesus zu denen sprechen, die gefragt haben, warum Gott sich so versteckt, wo er bleibt, warum er nicht eingreift und mit Macht Dinge ändert. Es gibt Grund zur Hoffnung. Nicht nur, weil jetzt erste Menschen geimpft werden. Dies ist ein Triumph der Wissenschaft, dass es jetzt möglich ist, Menschen vor diesen neuartigen Viren zu schützen. Es ist aber – so sehe ich es – der Segen Gottes, dass sich Glaube, Hoffnung und Liebe gerade in dieser schweren Zeit bewähren, dass wir aufeinander achten und uns nicht gegenseitig im Stich lassen. Trotz der nötigen Kontaktbeschränkungen sind wir eine Gemeinschaft geblieben – im Segen verbunden.

Dreißig Jahre online unterwegs…

Kleine Bilder auf dem Monitor
sind wie Türen hin in unbekannte Welten,
hin zu fremden Menschen und Erinnerungen,
zu ihren Hoffnungen und Träumen.

Sie wecken Neugier,
Lust, einmal zu schauen,
was für Geschichten sich verbergen
hinter einem lächelnden Gesicht.

Oft fand ich: Tagebücher, offen, und für alle klar zu lesen.
Und doch gemeint für Freunde, die sich kennen. Wenn ich sie lese, sind sie mir
Erlebnisse aus einer Welt, die für mich fremd und fern, und doch wie meine.

Von Arbeit, Parties, Liebe, Hass. Doch immer klein und wie gefiltert,
und deutlich mit der Absicht, niemand weh zu tun,
und nicht zu viel von sich zu zeigen.

Ich lese, schmunzle manchmal und vergesse, was ich gelesen und gesehn,
mit mir hat’s nichts zu tun, und ich war nicht gemeint. Lebt wohl.

Oft fand ich: alte Briefe, Zettel, als Lesezeichen in Bücher gesteckt.
Fotos, getrocknete Blumen, auf einer Sommerwiese in den Ferien gepflückt.
Kindheitserinnerungen, Schachteln voll Murmeln und Spielzeugautos.
Musikcassetten, Platten, Liederbücher, Comichefte, Vogelfedern.

Glatte, bunte Kiesel aus dem Bach gepickt vor Jahren.
Püppchen in verstaubten Kleidern. Und das Erstaunen immer wieder:
Ja, sowas hatte ich einst auch.

Selten fand ich: Leben, Phantasie und Kraft, die Lust am Dasein,
glitzernde Gedanken über Gott und Welt. Im Hier und Jetzt genau beobachtet
die tausend Splitter, die zusammen Leben sind, die Fragen wecken auch in mir.

Die Fragen mich nach Geben und nach Nehmen,
nach dem Sinn und Ziel, nach Glauben
nach Gut und Böse und der Welt dazwischen. In ihnen fand ich mich.

Ich fand auch Sehnsucht, sah auch Angst und Trauer.
Ganz selten fand ich Menschen, die ich Freunde nennen könnte,
die fehlten, wären sie nicht da.
Die nahe mir geworden durch Bild und Schrift
und deren Zeilen zu mir sprechen,
auch wenn ich weiß, sie sind nicht nur für mich.

Ihr Bild ist nicht nur eine Tür,
es ist mir Gruß und Freude, die ich gerne wieder seh,
und ich fühl‘ mich geehrt, wenn ich es spüre,
dass auch ich nicht nur ein Name
und nicht nur Zeichen auf dem Bildschirm für sie bin…

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel…

Ich bin erleichtert. Das Weihnachtsfest war so,wie ich es mir gewünscht habe. Am Heiligen Abend habe ich vier Gottesdienste in vier verschiedenen Kirchen gefeiert – Präsenzgottesdienste, wie es jetzt heißt; also Gottesdienste, bei denen sowohl der Pfarrer als auch die Gemeinde in der Kirche anwesend sind. In Waßmannsdorf und in Kiekebusch waren wir jeweils sieben Personen, dazu der Kirchenmusiker und ich. In der Kirche von Selchow waren insgesamt vierzehn Gottesdienstteilnehmer, aber durch die liebevolle und verantwortungsbewusste Vorbereitung der Ehrenamtlichen im Ort konnten auch hier unsere Hygieneregeln ohne Probleme eingehalten werden. In Groß Kienitz trafen sich ungefähr dreißig Leute draußen vor der Kirche,  mit Kerzen in der Hand oder noch einmal mit der Laterne vom Martinstag, um sich „Frohe Weihnachten“ zu wünschen. In Brusendorf und Rotberg hatte ich eine zuverlässige Vertreterin. Ich denke,  dass auch dort alles in der Ordnung und angemessen verlaufen ist,  jedenfalls habe ich bisher nichts anderes gehört.

Traurig gemacht hat mich, dass wir nicht gemeinsam singen konnten. Ich liebe die Weihnachtslieder so sehr und hätte gern wenigstens „Stille Nacht“ und „O du fröhliche“ gesungen,  aber die Empfehlungen des Gesundheitsamtes haben sogar davon abgeraten. Also haben wir schweigend die Melodien von der Orgel gehört  und in Gedanken mitgesungen. Irgendwie habe ich aber so gerade besonders deutlich gespürt, worauf wir in diesem Jahr alles verzichtet haben. Außerdem gab es in den kleinen Andachten noch einen Psalm, ein Gebet und natürlich die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium. Es war schön,  die lieben Gesichter wieder zu sehen und sich zu überzeugen, dass alle noch gesund und munter sind. 

Die Kirchen waren überall schön und festlich geschmückt, die Ehrenamtlichen und die Gemeindekirchenräte, die das alles vorbereitet haben, waren großartig. In Waßmannsdorf stand ein großes Gesteck mit Amaryllis und Tannenzweigen, darin eine Lichterkette und ein paar Strohsterne, außerdem stand dort noch der Adventskranz mit vier großen roten Kerzen. In Kiekebusch stand ein kleiner Weihnachtsbaum mit roten Kugeln und ein bisschen Lametta-Schmuck, dazu eine große Weihnachts-Pyramide mit den Hirten, den Königen, vielen Engeln und einer schönen Krippenszene. Und in Selchow steht ein wunderschöner großer Baum, und an jedem „erlaubten“ Platz in der Kirche stand ein Kerzenlicht auf der Bank, das die Gottesdienstbesucher am Ende mit nach Hause nehmen konnten.

Zu Hause war es in diesem Jahr sehr ruhig,  es gab natürlich Kartoffelsalat und Würstchen,  zur Bescherung bekam ich eine schöne Aktentasche aus duftendem Leder und meine Schwester hat einen Flasche mit einem weihnachtlichen Raumduft geschickt, ein ganz unerwartetes Geschenk, über das ich mich sehr gefreut habe.  Danke,  Schwesterherz. Jetzt riecht es hier nach Apfel und Zimt…

Danach haben meine Frau und ich den Gottesdienst meines Kollegen gesehen, der aus der Kirche in Schönefeld durch das Internet gestreamt wurde. Einen Christnachts-Gottesdienst gab es dieses Jahr nicht, aber ich möchte wenigstens einmal in der Weihnachtszeit auch selbst bepredigt werden…

Am ersten Feiertag war ich in der Kirche in Schönefeld und habe dort den Gottesdienst über Zoom gefeiert. Ich stand noch nicht oft so vor der Kamera; es ist wirklich ein seltsames Gefühl, so in eine leere Kirche hinein zu sprechen.  Es haben auch  nur zwölf Leute zugesehen und mitgebetet. Bei den Zoom-Gottesdiensten, die wir im Mai gefeiert haben,  waren wir teilweise über hundert Zuschauer,  aber da war ja auch noch alles neu und aufregend und interessant. Jetzt haben die Leute vielleicht lieber den Gottesdienst im Fernsehen geschaut.

Nun habe ich erst am 3. Januar wieder Gottesdienst. Die Zeit bis dahin werde ich nutzen,  in Ruhe das neue Gemeindeblatt auf den Weg zu bringen,  konzentriert einen neuen Geburtstagsbrief zu schreiben und entspannt die Webseite der Gemeinde aufzuräumen. Nach dem Neujahrsfest kommen die Statistikbögen aus dem Konsistorium und anderer Bürokram, dann ist es sowieso wieder vorbei mit der Ruhe.

Am Morgen danach in Bethlehem…

Die heilige Nacht ist vorbei. Am Horizont wird es langsam hell; das Morgengrauen legt sich über die kleine Stadt Bethlehem. Langsam wird es unruhig in der überfüllten Herberge. Die Gäste wachen auf, strecken sich müde, denken an den Tag, der kommt. Mürrische Blicke. Irgendwo schreit ein Säugling. Schreit laut und verlangend. Auch Josef wird wach. Diese Nacht war viel zu kurz. Der Säugling schreit. Und plötzlich wird Josef klar: dort schreit sein Sohn. Geboren in dieser Nacht. Ganz neu auf der Welt.

Müde steht er auf und schaut in die Krippe. Dann liegt es, das Kindlein, auf Heu und auf Stroh. Josef summt leise vor sich hin. Rot und runzelig sieht er aus, sein Sohn. Die kleinen Hände zu Fäusten geballt. In einem vor Anstrengung roten Gesicht glühen seine tiefdunklen Augen. Weit offen steht der Mund, der Kleine schreit, was die Lunge her gibt. Josef weckt Maria auf. Hier kann er nicht helfen. Und während Maria den Kleinen an die Brust legt, schaut er seine Familie liebevoll an. Was für eine wunderbare Frau! Was für ein süßes Baby! Seine Familie.

„War das eine Nacht!“ sagt Maria. „Ich kann gar nicht glauben, dass das alles wirklich passiert ist. Die Geburt am Abend, und wie hilfreich hier alle waren. Die Frau des Gastwirts, die die Hebamme gerufen hat; total fremde Leute haben uns Tücher und Windeln und alles, was man sonst noch braucht, einfach so geschenkt. Und nach einer lauten, schmerzhaften und blutigen Stunde war da ein neuer Mensch auf der Welt…“

„Und dann waren plötzlich die Rufe von draußen zu hören.“ sagt Josef. „Ein Stern war am Himmel erschienen, ein Feuerball, ein helles Licht, als ob der Himmel kurz zerrissen war und das Licht aus der Ewigkeit, aus den Sphären Gottes in die Dunkelheit leuchtete. Wir hatten andere Sorgen, aber die ganze Herberge summte vor Erregung, die Leute diskutierten, was dieses Licht wohl zu bedeuten hätte.“

Und Maria erinnert sich: „Keine halbe Stunde später, um Mitternacht, waren da plötzlich die Hirten. Stammelnd haben sie erzählt, von dem Licht und dem Gesang in der Nacht, von Engeln und Boten von Gott. „Fürchtet Euch nicht,“ haben sie gesagt, die Engel, „der Heiland ist geboren. Er bringt Frieden auf die Erde und für alle Menschen das Wohlgefallen Gottes.“ Welche Begeisterung hat in ihren Gesichtern geleuchtet, und welche Freude!“

„Es war doch sehr seltsam,“ sagt Josef. „Für mich fühlte es sich so an, als seien wir gar nicht gemeint. Du und ich, wir sind doch kein Teil der alten Geschichten. Wir sind einfache Leute. Handwerker aus Nazareth. Durch uns wird keine Prophezeihung wahr.“ – „Aber sie waren überzeugt, die Hirten. Sie haben etwas Besonderes in unsrem Kind gesehen, etwas, das wir noch nicht erkennen konnten…“ Maria Stimme klang auf einmal unsicher, nachdenklich.

„Du konntest danach lange nicht einschlafen…“ sagt Josef. „Ja,“ antwortet Maria, „ich musste über die Worte noch lange grübeln, von denen die Hirten erzählt haben… Sie haben mich erinnert an eine Begegnung vor einigen Monaten. Damals habe ich auch einen Engel getroffen. „Fürchte Dich nicht, Maria…“ hat er gesagt. „Der Herr ist mit Dir. Du wirst schwanger sein und einen Sohn gebären. Gott ist Hilfe, das ist sein Name. Er wird der Sohn des Höchsten sein, Frieden mit Gott. Allen Menschen Gnade und Erbarmen. Gott ist da und wird niemals wieder fern sein… Siehe da, Gott selbst ist bei den Menschen!“

War das jetzt war geworden? Das kleine Kind an ihrer Brust – konnte es ein, dass er der war, von dem die Engel geredet hatten? Waren die Hirten nicht getäuscht worden? War Gott wirklich Mensch geworden?

Was hatte der Engel gesagt: „Groß wird er sein, und Sohn des Höchsten genannt werden. Viele wird er aufrichten, stärken und ermutigen, er wird Menschen inspirieren und über sich selbst hinaus wachsen lassen. Aber viele werden sich über ihn ärgern und im Zwiespalt zugrunde gehen.“?

Maria schaut das winzig kleine Menschenkind da in der Krippe an. Er schläft jetzt, satt und für eine Stunde zufrieden. Wie kann man an ein so kleines Menschenkind so hohe Erwartungen stellen? Der Messias, der König, der Erlöser soll er sein? Die Propheten aus der Zeit der Alten überschlagen sich ja beinahe mit ihren großen Worten: Er soll den Frieden bringen, das Reich Gottes kommt in ihm zur Welt… „Ich mache mir Sorgen…“ sagt Maria. „Vielleicht ist das alles zu viel für einen Menschen. Vielleicht ist das alles zu schwer, eine Nummer zu groß für unseren Sohn.“

„Was ist den das?!“ fragt Josef plötzlich. Sie haben es beide bisher übersehen, die gedankenvollen Eltern. Aber da liegt es, neben der Krippe. Ein kleines Lamm, weiß wie der Schnee, und so flauschig wie nichts sonst auf der Welt. Die Hirten müssen es vergessen haben, als sie staunend um die Krippe herum standen. Vielleicht hatten sie es auch absichtlich da gelassen, als Geschenk. „Gottes Lamm!“ flüstert Maria. „Das ist es, was er uns anvertraut hat. Seinen Sohn. Das Lamm, das die Schuld der Welt trägt.“

Gesegnetes Fest und alles Gute für Euch…

Dieser Baum steht in der Kirche in Schönefeld

Heiligabend – heute Abend ist es soweit. In ein paar Stunden bündeln sich die Hoffnung und die Vorfreude der vergangenen Wochen, Tränen und Traurigkeit, Stille Freude oder sogar Begeisterung, Erwartungen werden erfüllt oder enttäuscht. An einem Abend wie diesem erlebt man das Leben konzentriert, und was lang geplant und vorbereitet wurde – jetzt soll es wahr werden.

Von der Kirche erwarten viele Menschen heute Trost – sogar Pfarrerinnen und Pfarrer selbst suchen Zuflucht und Sinn für sich selbst in diesem großen Raum, den das Weihnachtsfest für Glauben, Hoffnung und Liebe öffnet.

Was schon immer war, soll wieder werden: Gott wendet sich den Menschen zu, er sieht uns an mit Liebe, mit verzeihender Barmherzigkeit, er wird einer von uns, damit wir für immer Hoffnung haben, eins von den Seinen zu sein.

Ich bitte und bete, dass die Gottesdienste weltweit heute gesegnet werden – dass niemand sich dort ansteckt, dass viele berührt werden von seinem Geist und seiner Kraft, und dass das Wunder geschieht, auch wenn man vor dem Fernsehgerät oder am Laptop feiert.

Ich grüße Euch alle, die Ihr hier lest, und wünsche Euch das Licht in der Nacht, die Lieder der Engel, die Sehnsucht der Weisen, den Glauben der Hirten, den Mut der Maria und die Treue des Josef , ein bisschen Stallgeruch, wo immer ihr feiert und vor allem, dass Er zu Euch kommt, der Gott-Held, der Ewig-Vater, der Friede-Fürst…

Euer Richard

Der Familienbenutzer

Ewig ist’s her, bestimmt vierzig Jahre…

Damals war ich „Teamer“, also freiwilliger Helfer, in der Konfirmandenarbeit der evangelischen Senfkorngemeinde im Märkischen Viertel in Berlin. Rückblickend war das eine der schönsten Zeiten meines Lebens, und das ist nicht übertrieben und nicht ironisch gemeint…

Die Teamer waren ein wilder Haufen damals. Fast fünfzig Mädchen und Jungen im Alter zwischen siebzehn und dreizehn, teilweise ein bisschen religiös überdreht, aber größtenteils doch völlig normale Jugendliche, die ihre gemeinsame Pubertät zusammen genossen, so gut es eben möglich war.

Ganz unterschiedliche Typen waren da zusammen; Sportbegeisterte, musikalisch Talentierte, extrovertierte Selbstdarsteller, schüchterne Mauerblümchen, Fans und Hater, Nerds und Models, Party-Mäuse und Prinzessinnen, Angeber und Spielkinder – eben ein repräsentativer Ausschnitt der Jugendlichen aus den Hochhäusern im Kiez rund um den Senftenberger Ring, das man damals noch nicht „Ghetto“ nannte. An Sido dachte damals noch niemand; der war damals noch ein Baby, das ganz ohne Maske auf der Schulter seiner Mutter lag und nur vielleicht schon rhythmisch rülpste, während wir im Garten des Gemeindehauses „Danke für diesen guten Morgen“ und „Kum ba yah, my Lord“ sangen. Die Art Leute sind wir gewesen.

Thomas, einer von den Nerds, brachte eines Tages zu einem Konfirmandenwochenende ein selbstgebasteltes Kästchen mit in die Gemeinderäume, und er zeigte stolz ein bisschen zusammengelötete Elektronik vor, und seinen Walkman, einen tragbaren Cassettenrecorder. Dessen Kopfhörerbuchse verband er mit einem Kabel mit einer ähnlichen Buchse in seinem Kästchen – und dann konnten wir im Gemeindehaus in allen Zimmern seine Musik im Radio hören. So hatten wir in der Kirche einen eigenen kleinen, von der Post nicht genehmigten und absolut illegalen Piratensender, aber weil der nur ein Wochenende lang „on air“ war, wurden wir nie entdeckt. Thomas war aber ein paar Tage lang der König im Gemeindehaus…

Er nannte sein Kästchen den „originalen Familienbenutzer“ – und dies Wort blieb bei mir hängen. Offensichtlich kannte er damals schon Loriot, während ich noch die „Lustigen Taschenbücher“ und „Yps mit Gimmick“ las… Und vor Kurzem musste ich aus irgend einem Grund an diese Tage denken und habe das Wort „Familienbenutzer“ mal gegoogelt und da erst entdeckt, dass die kryptische Bezeichnung aus einem Weihnachtssketch des Großmeisters des skurrilen Humors stammt, von dem ich damals nur die Szene mit der Nudel kannte…

„Es ist ein Artikel, der schon durch seine gefällige Form anspricht, gell? Er ist formschön, wetterfest, geräuschlos, hautfreundlich, pflegeleicht, völlig zweckfrei und – gegen Aufpreis – auch entnehmbar. Ein Geschenk, das Freude macht, für den Herrn, für die Dame, für das Kind, gell?“

– Loriot: Das Frühstücksei.

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Thomas hatte damals eben Recht: Jeder braucht so ein Ding, gerade in der Weihnachtszeit….

Musik im Advent = Dolly Parton

Vierter Advent…

Nach der Begeisterung über die unbekannten Form des schwedischen Festgesangs, über die schon länger vertrauten Balladen von Angelo Branduadi und nicht zuletzt über die faszinierende Musik von der amerikanischen Singer/Songwriterin Cora Rose ist der vierte Teil der Adventszeit die Gelegenheit, endlich in Weihnachtsstimmung zu kommen.

Natürlich weiß ich, dass es an Weihnachten um ganz andere Dinge geht – eigentlich -, aber ab dem vierten Advent gehört für mich auch Kitsch und Kram dazu. Zelebrieren wir Tannenzweige und rote Schleifen in der Wohnung, Kerzenlicht und glitzernden Lametta-Schmuck, Lichterketten am Fenster und endlich auch die Weihnachtskrippe auf dem Bord neben der Vase mit der Amaryllis.

Mandarinen und Datteln, Walnüsse und Mandelkekse stehen in einer schönen Schale auf dem Tisch, und ein kleines Stoffsäckchen mit Nelken und Anis verbreitet weihnachtlichen Duft.

Und nun ist es Zeit für diese besondere Musik, die man sich zu keiner anderen Jahreszeit freiwillig anhören würde, die aber jetzt unbedingt sein muss: Weihnachtslieder.

Natürlich gehören bei Pfarrers die ganz alten Klassiker dazu: „Es ist ein Ros‘ entsprungen“; „Maria durch ein Dornfeld ging“; „Kommet, ihr Hirten“ – das ganze Gesangbuch, aber noch nicht „Stille Nacht“, das heben wir uns auf für den Heiligabend, und auch der Weihnachtsbaum muss noch so lange auf dem Balkon warten.

Als ich noch bei meinen Eltern wohnte, nahm mein Vater eine Musikcassette auf mit den Liedern, die Lord Knut in seiner Sendung Evergreens a gogo spielte, die deutschen Weihnachtsevergreens, die wir alle aus unserer Kindheit kennen. Ich habe inzwischen eine Kopie von dieser CD bekommen…

Und nun singt bei mir zu Hause Wencke Myrrhe: „Morgen, Kinder, wird was geben“ (und Lord Knut flüstert dazwischen „Mitsingen!“); Roy Black singt „Weihnachten, Weihnachten bin ich zu Haus“. Bei „Stille Nacht“ muss ich immer grinsen, weil meine Mutter und ich uns jedes Mal wieder über den „Owie lacht“-Witz amüsiert haben. „Zwei Spuren im Schnee führn herab aus weiter Höh'“ – und das Lied von dem rotnasigen Rentier ist natürlich auch auf dem Band. Und bei „Sankt Niklas war ein Seemann“ bekomme ich bis heute Gänsebraten. Ora pro nobis!

Für euch habe ich das Video einer Sendung mit Dolly Parton hier hinein kopiert. Dieses Stück Kultur aus den achtziger Jahren zeigt sehr deutlich die Stimmung, die mich in den letzten Tagen der Adventszeit überkommt. Dann bin ich plötzlich wieder Kind, die Augen leuchten, das Herz schlägt schneller und die Seele ist voller Vorfreude: vier Mal werden wir noch wach, heissa, dann ist Weihnachtstag!

Habt Ihr auch schon so eine Playlist für den Heiligabend vorbereitet? Was gehört für euch unbedingt darauf? Und denkt Ihr auch, dass Dolly Parton fast ein bisschen wie Donald Druck klingt, wenn sie zwischen ihren Liedern von alten Familiengeschichten erzählt?

Maria – eine feministische Heilige?

In der Advents- und Weihnachtszeit spielen in der christlichen Tradition Frauen eine große Rolle. Da ist zuerst die heilige Barbara von Nikomedien, deren Gedenktag am 4. Dezember begangen wird; am 13. Dezember feiert man den Tag der Lucia von Syrakus. An den Weihnachtstagen selbst spielt natürlich Maria die Hauptrolle, die junge Frau, die Jesus von Nazareth geboren hat.

Die Namensgeberin des Barbaratages ist eine junge Frau, die Ende des 3. Jahrhunderts in Nikomedien, dem heutigen Izmir in der Türkei, gelebt haben soll. Klug und schön soll die junge Frau gewesen sein, die gegen den Willen ihres Vaters zum Christentum konvertierte.

Häufig soll sie sich mit einer Gruppe von Christen getroffen haben, um von diesen mehr über ihren Glauben zu erfahren. Als ihr Vater Dioscuros davon erfuhr, sperrte er Barbara in einen Turm, um sie von diesen Treffen fernzuhalten. Letztendlich soll sie von ihrem eigenen Vater getötet worden sein. Dioscuros wiederum wurde daraufhin, so sagen es einige Legenden, von einem Blitz erschlagen.

Aufgrund dieser Erzählungen wird Barbara bereits seit Jahrhunderten als Märtyrerin verehrt. Sie gilt als Schutzpatronin für Bergleute, aber auch als Helferin gegen Blitz- und Feuergefahr und ist daher Patronin für Berufsgruppen, die mit Feuer zu tun haben.

Ein ganz besonderer Tag in Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland, aber auch im nördlichen Schleswig-Holstein ist der 13. Dezember. Dann wird das Luciafest, der Tag der Lichterkönigin, gefeiert. Es ist der Gedenktag der heiligen Lucia, der vor der gregorianischen Kalenderreform der kürzeste Tag des Jahres war und an dem bis 1752 die Wintersonnenwende gefeiert wurde.

Eine Grabinschrift um 400 in der Katakombe San Giovanni in Syrakus und ihre Erwähnung in allen Martyrologien lassen es als sicher erscheinen, dass sie gelebt hat. Um 600 gab es bereits Luciaklöster in Syrakus und Rom.

Die frühesten Beschreibungen ihres Martyriums sind aus dem 5. oder 6. Jahrhundert erhalten und wurden mit zahlreichen Wundern ausgeschmückt. Nach diesen Quellen war Lucia die Tochter eines reichen römischen Bürgers von Syrakus, der jedoch früh starb. Ihre Mutter Eutychia wollte sie verheiraten, doch Lucia hatte die Jungfräulichkeit um Christi willen gelobt und schob die Verlobung hinaus. Als ihre Mutter schwer krank wurde, unternahm Lucia mit ihr eine Wallfahrt zum Grab der heiligen Agatha in Catania. Dort wurde die Mutter von den Leiden des Blutflusses geheilt und stimmte dem Gelübde der Tochter, ein Leben als Jungfrau zu führen, zu.

Doch Lucias zurückgewiesener Bräutigam klagte sie als Christin an. Der Richter Paschasius wollte sie in einem Ochsengespann in ein Bordell bringen lassen. Doch das Ochsengespann konnte den Wagen mit Lucia nicht fortbewegen, ebensowenig wie 1000 Männer, die es versuchten.

Nach verschiedenen Martern und Wundern wurde Lucia schließlich mit einem Schwertstich in den Hals getötet. Anderen Überlieferungen zufolge wurden ihr die Augen herausgerissen.

Marias Geschichte wird in den ersten beiden Kapiteln des Lukasevangeliums erzählt: Ein Engel kündigt der jungen Frau an, dass sie ein Kind bekommen würde, das „Sohn des Höchsten“ genannt würde. Maria war verlobt, hatte aber noch nie mit einem Mann geschlafen. Der Engel bezeichnete dann das Kind, das in Maria heranwachsen würde, als eine Folge des Wirkens des Heiligen Geistes.

„Siehe, ich bin des Herrn Magd. Mir geschehe, wie du gesagt hast…“ entgegnet Maria am Ende der Erscheinung dem Engel. So willigt sie ein, den ihr von Gott zugedachten Part in der Heilsgeschichte der Menschheit zu übernehmen. Durch sie wird der Heiland der Welt geboren, sie wird die „Gottesgebärerin“.

In allen diesen Geschichten geht es letztlich auch um Macht und um die Sexualität bzw. das Potential der Frauen, Kinder zu gebären und eigene Entscheidungen über ihr Leben zu treffen.

Weil eine Frau Kinder zur Welt bringen kann, hat sie Anteil an der Wirkung von Gottes eigener Schöpfungskraft. Ich glaube, dass dies der Grund ist, warum in beinahe allen Religionen Ehe, Sexualität und Geburt durch göttliche Gebote streng geregelt werden. Fast überall auf der Welt gibt es Vorschriften und Gesetze, die auf religiösen Vorstellungen gründen. Mutterschaft einerseits wie auch Keuschheit und Jungfräulichkeit andererseits werden als ein hohes moralisches Gut angesehen.

Oft wurden diese Gebote und Regeln aber von Männern formuliert und werden auch von Männern meist sogar gewaltsam durchgesetzt. Die Kirche hat in dieser Hinsicht durch viele Jahrhunderte eine eher unrühmliche Rolle gespielt und einen großen Teil dazu beigetragen, dass Frauen unterdrückt, fremdbestimmt und diskriminiert wurden und werden.

Maria scheint mit ihrem Satz „Ich bin die Magd des Herrn.“ in diese traditionelle Rolle einzuwilligen. Sie gibt sich hin, vollständig mit ihrem ganzen Leben, um Gott zu dienen. Ihr Leib und ihre Fruchtbarkeit „leiht“ sie Gott, damit er durch sie den Erlöser in diese Welt bringen kann.

Es könnte aber sein, dass gerade dieser Satz als ein Aufbegehren, als tätiger Widerstand gegen eine ihr von der Tradition aufgezwungene Rolle zu verstehen ist – sie ist eben nicht die Dienerin ihres Mannes (bzw. ihres Verlobten), sie entspricht darin nicht den ihr entgegengebrachten Erwartungen und begibt sich damit in eine gefährliche und angreifbare Position. Aber sie emanzipiert sich, das heißt, sie nimmt ihr Schicksal aus der Hand ihrer Familie und ihres Verlobten in die eigene Hand und entscheidet selbst über ihr Leben.

Es ist eine Frage der Betonung: „Mir geschehe, wie Du gesagt hast!“ entgegnete sie dem Engel und entscheidet sich so, dem Willen Gottes zu gehorchen und nicht dem gesellschaftlich vorgegebenen Weg zu folgen. Nicht, was Josef oder ihre Eltern oder die Tradition erwartet, soll gelten, sondern was Du, Gott, sagst, das soll mir geschehen.

Darin gleicht sie den ihr nachfolgenden Frauen Barbara und Lucia und vielen anderen Frauen der katholischen Tradition. Sie werden in den Legenden zwar immer als gehorsame, keusche, brave Frauen dargestellt, doch wer zwischen den Zeilen liest, erkennt dort starke, selbstbewusste, bisweilen eigenwillige Personen, die mutig und zielstrebig gegen den Zeitgeist stehen. Sie entscheiden sich selbst, an Christus zu glauben und diesem Glauben entsprechend zu handeln, indem sie über ihr Vermögen, ihre Lebensentscheidungen und nicht zuletzt auch über ihren Körper und ihre Fruchtbarkeit selbst entscheiden.

Unter dem Logo Maria 2.0 haben sich in den vergangenen Jahren Frauen vor allem aus der Römisch-Katholischen Kirche zusammengetan, um über die Zukunft der Kirche und die Rolle der Frauen darin nachzudenken und auch für eine Veränderung ihrer Situation zu streiten. Trotz der manchmal für sie unerträglichen Situation wollen sie in der Kirche bleiben und sie von innen her erneuern, anstatt zu konvertieren oder auszutreten. Auch in der Evangelischen Kirche gibt es ähnliche Bewegungen.

Mit einem offenen Brief an Papst Franziskus und einem „Kirchenstreik“ im Mai 2019 hat die Bewegung Maria 2.0 größere Aufmerksamkeit in den Medien und in der Kirche selbst gefunden. Die Frauen fordern gleiche Rechte in der Kirche, auch das Recht, als ordinierte Amtsperson das Wort Gottes in der Kirche zu verkündigen.

Auch unter dem Slogan „Maria feminista“ regt sich Widerstand und neues Denken in der Kirche. Schon 2018 erschien auf dem Blog y-nachten.de eine kurze Gegenüberstellung der verschiedenen Ansichten über die Mutter Jesu mit einem versöhnlichen und Gesprächsbereitschaft signalisierenden Abschluss.
Unter anderem heißt es auf der Webseite:


„Maria als Symbol der Befreiung zu sehen ist der Vorschlag einiger feministischer Theologinnen wie Catharina J. M. Halkes. Grundannahme ist, dass Maria als starkes weibliches Symbol frauenbefreiend wirken könnte, dies aber bisher nicht konnte, weil sie in männlich einseitiger Weise verkündet worden sei. Diese Entwürfe einer Mariologie erinnern an das, was neutestamentlich überliefert ist: In der lukanischen Erzählung ist Maria die Frau, die selbstbewusst in das Vorhaben Gottes einwilligt und anfängt ein revolutionäres Lied zu singen, welches nicht nur — wie in der verkürzten römischen Darstellung — aus dem Lobpreis Gottes besteht, sondern damit beginnt und eine Zeit ankündigt, in welcher denen, die Unrecht und Unterdrückung ausgesetzt sind, Recht und Gerechtigkeit zuteilwerden wird. Revolutionäre Worte im Mund einer jungen Frau zu einer Zeit, die patriarchal und hierarchisch geprägt war.

Eine weitere Variante, die in der evangelischen Theologie weit verbreitet ist, versteht Maria als Freundin im Glauben. Gerade mit ihren Zweifeln, mit den Höhen und Tiefen ihrer Nachfolge kann sie für alle Christinnen eben eine Freundin im Glauben sein — im Glauben an den, der Mensch wurde, um für alle unabhängig von ihrem Geschlecht Freundin zu sein. Der entscheidende Punkt ist, dass dieser Entwurf endgültig damit bricht, dass ein wie auch immer bestimmtes Marienbild normativ für das Frauenbild gelten soll. Die Wirklichkeit der Geschlechtervielfalt wird berücksichtigt und der Weg ist frei für eine gendersensible Mariologie.“