Der Familienbenutzer

Ewig ist’s her, bestimmt vierzig Jahre…

Damals war ich „Teamer“, also freiwilliger Helfer, in der Konfirmandenarbeit der evangelischen Senfkorngemeinde im Märkischen Viertel in Berlin. Rückblickend war das eine der schönsten Zeiten meines Lebens, und das ist nicht übertrieben und nicht ironisch gemeint…

Die Teamer waren ein wilder Haufen damals. Fast fünfzig Mädchen und Jungen im Alter zwischen siebzehn und dreizehn, teilweise ein bisschen religiös überdreht, aber größtenteils doch völlig normale Jugendliche, die ihre gemeinsame Pubertät zusammen genossen, so gut es eben möglich war.

Ganz unterschiedliche Typen waren da zusammen; Sportbegeisterte, musikalisch Talentierte, extrovertierte Selbstdarsteller, schüchterne Mauerblümchen, Fans und Hater, Nerds und Models, Party-Mäuse und Prinzessinnen, Angeber und Spielkinder – eben ein repräsentativer Ausschnitt der Jugendlichen aus den Hochhäusern im Kiez rund um den Senftenberger Ring, das man damals noch nicht „Ghetto“ nannte. An Sido dachte damals noch niemand; der war damals noch ein Baby, das ganz ohne Maske auf der Schulter seiner Mutter lag und nur vielleicht schon rhythmisch rülpste, während wir im Garten des Gemeindehauses „Danke für diesen guten Morgen“ und „Kum ba yah, my Lord“ sangen. Die Art Leute sind wir gewesen.

Thomas, einer von den Nerds, brachte eines Tages zu einem Konfirmandenwochenende ein selbstgebasteltes Kästchen mit in die Gemeinderäume, und er zeigte stolz ein bisschen zusammengelötete Elektronik vor, und seinen Walkman, einen tragbaren Cassettenrecorder. Dessen Kopfhörerbuchse verband er mit einem Kabel mit einer ähnlichen Buchse in seinem Kästchen – und dann konnten wir im Gemeindehaus in allen Zimmern seine Musik im Radio hören. So hatten wir in der Kirche einen eigenen kleinen, von der Post nicht genehmigten und absolut illegalen Piratensender, aber weil der nur ein Wochenende lang „on air“ war, wurden wir nie entdeckt. Thomas war aber ein paar Tage lang der König im Gemeindehaus…

Er nannte sein Kästchen den „originalen Familienbenutzer“ – und dies Wort blieb bei mir hängen. Offensichtlich kannte er damals schon Loriot, während ich noch die „Lustigen Taschenbücher“ und „Yps mit Gimmick“ las… Und vor Kurzem musste ich aus irgend einem Grund an diese Tage denken und habe das Wort „Familienbenutzer“ mal gegoogelt und da erst entdeckt, dass die kryptische Bezeichnung aus einem Weihnachtssketch des Großmeisters des skurrilen Humors stammt, von dem ich damals nur die Szene mit der Nudel kannte…

„Es ist ein Artikel, der schon durch seine gefällige Form anspricht, gell? Er ist formschön, wetterfest, geräuschlos, hautfreundlich, pflegeleicht, völlig zweckfrei und – gegen Aufpreis – auch entnehmbar. Ein Geschenk, das Freude macht, für den Herrn, für die Dame, für das Kind, gell?“

– Loriot: Das Frühstücksei.

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Thomas hatte damals eben Recht: Jeder braucht so ein Ding, gerade in der Weihnachtszeit….

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