Am Morgen danach in Bethlehem…

Die heilige Nacht ist vorbei. Am Horizont wird es langsam hell; das Morgengrauen legt sich über die kleine Stadt Bethlehem. Langsam wird es unruhig in der überfüllten Herberge. Die Gäste wachen auf, strecken sich müde, denken an den Tag, der kommt. Mürrische Blicke. Irgendwo schreit ein Säugling. Schreit laut und verlangend. Auch Josef wird wach. Diese Nacht war viel zu kurz. Der Säugling schreit. Und plötzlich wird Josef klar: dort schreit sein Sohn. Geboren in dieser Nacht. Ganz neu auf der Welt.

Müde steht er auf und schaut in die Krippe. Dann liegt es, das Kindlein, auf Heu und auf Stroh. Josef summt leise vor sich hin. Rot und runzelig sieht er aus, sein Sohn. Die kleinen Hände zu Fäusten geballt. In einem vor Anstrengung roten Gesicht glühen seine tiefdunklen Augen. Weit offen steht der Mund, der Kleine schreit, was die Lunge her gibt. Josef weckt Maria auf. Hier kann er nicht helfen. Und während Maria den Kleinen an die Brust legt, schaut er seine Familie liebevoll an. Was für eine wunderbare Frau! Was für ein süßes Baby! Seine Familie.

„War das eine Nacht!“ sagt Maria. „Ich kann gar nicht glauben, dass das alles wirklich passiert ist. Die Geburt am Abend, und wie hilfreich hier alle waren. Die Frau des Gastwirts, die die Hebamme gerufen hat; total fremde Leute haben uns Tücher und Windeln und alles, was man sonst noch braucht, einfach so geschenkt. Und nach einer lauten, schmerzhaften und blutigen Stunde war da ein neuer Mensch auf der Welt…“

„Und dann waren plötzlich die Rufe von draußen zu hören.“ sagt Josef. „Ein Stern war am Himmel erschienen, ein Feuerball, ein helles Licht, als ob der Himmel kurz zerrissen war und das Licht aus der Ewigkeit, aus den Sphären Gottes in die Dunkelheit leuchtete. Wir hatten andere Sorgen, aber die ganze Herberge summte vor Erregung, die Leute diskutierten, was dieses Licht wohl zu bedeuten hätte.“

Und Maria erinnert sich: „Keine halbe Stunde später, um Mitternacht, waren da plötzlich die Hirten. Stammelnd haben sie erzählt, von dem Licht und dem Gesang in der Nacht, von Engeln und Boten von Gott. „Fürchtet Euch nicht,“ haben sie gesagt, die Engel, „der Heiland ist geboren. Er bringt Frieden auf die Erde und für alle Menschen das Wohlgefallen Gottes.“ Welche Begeisterung hat in ihren Gesichtern geleuchtet, und welche Freude!“

„Es war doch sehr seltsam,“ sagt Josef. „Für mich fühlte es sich so an, als seien wir gar nicht gemeint. Du und ich, wir sind doch kein Teil der alten Geschichten. Wir sind einfache Leute. Handwerker aus Nazareth. Durch uns wird keine Prophezeihung wahr.“ – „Aber sie waren überzeugt, die Hirten. Sie haben etwas Besonderes in unsrem Kind gesehen, etwas, das wir noch nicht erkennen konnten…“ Maria Stimme klang auf einmal unsicher, nachdenklich.

„Du konntest danach lange nicht einschlafen…“ sagt Josef. „Ja,“ antwortet Maria, „ich musste über die Worte noch lange grübeln, von denen die Hirten erzählt haben… Sie haben mich erinnert an eine Begegnung vor einigen Monaten. Damals habe ich auch einen Engel getroffen. „Fürchte Dich nicht, Maria…“ hat er gesagt. „Der Herr ist mit Dir. Du wirst schwanger sein und einen Sohn gebären. Gott ist Hilfe, das ist sein Name. Er wird der Sohn des Höchsten sein, Frieden mit Gott. Allen Menschen Gnade und Erbarmen. Gott ist da und wird niemals wieder fern sein… Siehe da, Gott selbst ist bei den Menschen!“

War das jetzt war geworden? Das kleine Kind an ihrer Brust – konnte es ein, dass er der war, von dem die Engel geredet hatten? Waren die Hirten nicht getäuscht worden? War Gott wirklich Mensch geworden?

Was hatte der Engel gesagt: „Groß wird er sein, und Sohn des Höchsten genannt werden. Viele wird er aufrichten, stärken und ermutigen, er wird Menschen inspirieren und über sich selbst hinaus wachsen lassen. Aber viele werden sich über ihn ärgern und im Zwiespalt zugrunde gehen.“?

Maria schaut das winzig kleine Menschenkind da in der Krippe an. Er schläft jetzt, satt und für eine Stunde zufrieden. Wie kann man an ein so kleines Menschenkind so hohe Erwartungen stellen? Der Messias, der König, der Erlöser soll er sein? Die Propheten aus der Zeit der Alten überschlagen sich ja beinahe mit ihren großen Worten: Er soll den Frieden bringen, das Reich Gottes kommt in ihm zur Welt… „Ich mache mir Sorgen…“ sagt Maria. „Vielleicht ist das alles zu viel für einen Menschen. Vielleicht ist das alles zu schwer, eine Nummer zu groß für unseren Sohn.“

„Was ist den das?!“ fragt Josef plötzlich. Sie haben es beide bisher übersehen, die gedankenvollen Eltern. Aber da liegt es, neben der Krippe. Ein kleines Lamm, weiß wie der Schnee, und so flauschig wie nichts sonst auf der Welt. Die Hirten müssen es vergessen haben, als sie staunend um die Krippe herum standen. Vielleicht hatten sie es auch absichtlich da gelassen, als Geschenk. „Gottes Lamm!“ flüstert Maria. „Das ist es, was er uns anvertraut hat. Seinen Sohn. Das Lamm, das die Schuld der Welt trägt.“

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