Jesus Christus – Wunderkind?

Gedanken zu Lukas 2, 41ff

Jesus ist gerade zwölf Jahre alt geworden. Endlich ist er alt genug, die jährliche Pilgerfahrt nach Jerusalem mit zu machen. Aus Nazareth war eine ganze Karawane von Pilgern aufgebrochen, einige waren zum ersten mal dabei wie Jesus selbst, andere waren schon fünfzig mal in der Stadt gewesen und kannten sich in den Dörfern auf dem Weg gut aus. Zum ersten Mal kommt Jesus in die große Stadt, er sieht zum ersten Mal die Menschenmassen, die großen Gebäude, die beeindruckenden Schutzmauern um die Stadt herum. Er bestaunt den Königspalast und die Burg der Römer hoch über der Stadt, und natürlich vor allem den Tempel Gottes, des Allerhöchsten.

Eine Lust für die Augen sind die mit Zedernholz getäfelten Wände, die mit Gold und Edelsteinen verzierten Tore, der mit geometrischen Mustern gepflasterte Hof und die mit Blumen geschmückten Altäre, auf denen den ganzen Tag die Opfergaben der frommen Pilger brennen und einen köstlichen Geruch verbreiten…

Beeindruckend und erhaben sehen die Priester aus in ihren liturgischen Gewändern, ihren goldenen und mit Edelsteinen besetzten Brustschilden, mit den farbigen und mit goldfarbenen Schnüren umwundenen Kappen. Aber für Jesus ist das Schönste die Musik – den ganzen Tag lang erklingen Harfen und Zimbeln und begleiten den Psalmengesang der Priester, und im Tor singen die Pilger, die mit Palmzweigen in der Hand das Heiligtum betreten, das Ziel ihrer langen Reise, und es erklingen große Pauken und kleine Silberzimbeln…

Drei Tage lang wandert Jesus mit leuchtenden Augen an der Seite seiner Eltern durch die Stadt, vielleicht ein bisschen verwirrt und beunruhigt: So viele Menschen hat er noch nie in einer Straße, auf einem Platz, in einem Hof gesehen – alle Bewohnerinnen und Bewohner Nazareths zusammen hätten allein im äußeren Vorhof des Tempels Platz gefunden, und das eigentliche Haus Gottes war noch einmal so groß. Vor der prachtvollen Türe stand der große Opferaltar, rechts und links zwei große, siebenarmige Leuchter und davor die große runde Schale, das ewige Meer, in dem ein Nilpferd hätte baden können, wenn sich einmal eins nach Jerusalem verlaufen würde…

Immer öfter reißt sich Jesus von der Hand seines Vaters los, um aufgeregt in der Menschenmenge zu verschwinden. Minuten später kommt er zurück und berichtet atemlos von einem Wunder, das er entdeckt hat: da, eine Banane von einem Händler aus dem Osten, einen Granatapfel mit hundert feuerroten Kernen, so süß und so saftig. Ein Brot mit einer scharfen Paste aus Sesam und Honig mit Chili, schon der Duft lässt einem das Wasser im Mund zusammen laufen. Ein Schreiber malt Worte auf Pergament, in der schwungvollen Schrift der Hebräer, mit den harten und eckigen Buchstaben der römischen Besatzer, mit der kleinen Zeichensprache der Griechen, die die Kaufleute und die Philosophen benutzen, er kennt sogar die Bilderschrift der Ägypter, die Jesus in seiner Kindheit so oft gesehen hatte: Vögel, Schlangen, Wasserwellen, Schilfrohr und anderes, was die Menschen aus diesem fernen Land als ihre Sprache lesen können…

Am Tag der Abreise können Josef und Maria Jesus nicht finden. Wahrscheinlich ist er schon mit den anderen Jugendlichen aus Nazareth vor gegangen, dachten sie, als sie sich selbst auf den Weg machten. Aber als sie Mittags Rast in einem kleinen Dorf machten, war er auch nicht bei den Verwandten und Freunden zu finden. Sie fragten auch die übrigen Nachbarn, den Lehrer aus der Synagoge, den Gesellen aus Josefs Werkstatt – niemand hatte Jesus gesehen.

Da kehrten sie um und gingen zurück in die Hauptstadt und suchten ihn dort. Aber finde einmal eine Nadel im Heuhaufen! Die Stadt war immer noch überfüllt mit Pilgern und Soldaten, mit Händlern und Kaufleuten, mit Touristen und fremden Menschen aus aller Welt. Maria und Josef suchen ihn den ganzen Abend und bis spät in die Nacht, laufen über Märkte und durch die engen Gassen, fragen die Musikanten und die Wasserverkäufer, schauen in Hinterhöfe und unter die Treppen, aber nirgends ist er zu finden, keiner hat etwas von ihm gehört. Ihr Sohn bleibt verschwunden.

Schließlich suchen sie einen Schlafplatz für sich in der Pilgerherberge; aber schon vor Sonnenaufgang suchen sie am nächsten Tag weiter. Den ganzen Tag, überall. Sie fragen Pilger und Kameltreiber, die Bäckerinnen auf dem Markt und die Schreiber an der Mauer des Tempelvorhofs. Schließlich sprechen sie sogar die römischen Soldaten an, aber es nutzt nichts. Voller Sorge übernachten sie noch einmal in der Herberge.

Erst am dritten Tag finden sie ihn, im dritten Hof des Tempels. Da sitzt er, inmitten einer Gruppe von Pharisäern und den Theologen der Thorah-Schule des Tempels und diskutiert mit ihnen über einen Bibelvers, so, als ob es die normalste Sache der Welt wäre. Die gelehrten und erfahrenen Männer sind verblüfft über seine Verständigkeit und beeindruckt von seinen tiefgehenden Fragen.

Er sieht Dinge in einer ganz neuen Art und hat Ideen und Gedanken abseits der eingetretenen Pfade, auf denen ihr Geist seit Jahrzehnten, nein – eigentlich seit Jahrhunderten – immer wieder gegangen ist. Er denkt anders und hat anderes zu sagen als sie, die die Tradition kennen, aber oft nicht viel Eigenes sagen können.

Maria stürzt sich auf ihren Sohn und überschüttet ihn mit einer Flut aus Vorwürfen und mütterlicher Erleichterung. Wo warst Du die ganze Zeit? Hast Du nicht einmal daran gedacht, dass wir uns Sorgen machen? Wir haben gedacht, Du bist entführt, verletzt, gestorben! Dein Vater und ich, wir haben unsere Seelen zerrissen bei der Suche nach Dir!

Und dann folgt diese Antwort von Jesus: Warum habt ihr mich gesucht? Habt ihr euch nicht selbst sagen können, dass ich hier sein muss – im Haus meines Vaters? Dort, wo man über sein Wort nachsinnt Tag und Nacht, wo man seine Weisheit hört und seine Wahrheit erfahren kann?!

An dieser Stelle bricht der Evangelist Lukas die Erzählung ab. Zusammenfassend wird nur noch gesagt, dass Jesus mit seinen Eltern nach Hause zurück ging und ihnen dort ein braver und gehorsamer Sohn war. Er blieb neugierig und lernte viel, und die Nachbarn und die Menschen in der Stadt mochten ihn gern. Seine Eltern konnten stolz auf ihn sein.

Warum steht diese Geschichte in der Bibel? Was soll den gläubigen Leserinnen und Lesern hier vor Augen gemalt werden? Worauf kommt es hier an?

Am Beginn seines Evangeliums erzählt Lukas Geschichten, die beweisen sollen, dass sich in Jesus wirklich Gott selbst geoffenbart hat. In Jesus ist Gott in die Welt gekommen. Darum berichtet Lukas von der wunderbaren Geburt in der Herberge von Betlehem, der Stadt Davids. Darum berichtet er von den Engeln, die über den Hirten singen mitten in der dunklen Nacht, von ihren fassungslosen Gesichtern, die das Kind in der Krippe bestaunen. Ja, dieser Mensch ist wirklich der Heiland und von Gott Gesandte, der von den Propheten versprochene Messias, der Israel und mit ihm alle Völker erlösen wird.

Lukas betreibt Theologie, indem er erzählt. Und darum erkennen wir, dass es ihm nicht darum geht, Jesus als eine Art Wunderkind darzustellen, als eine Art theologischen Mozart, der schon mit zwölf die erfahrenen Lehrer verblüfft und übertrifft. Es geht ihm nicht (nur) darum, zu erzählen, dass Jesus wie auch Maria und Josef ganz genau auf die jüdischen Bräuche und Regeln geachtet haben und brav und angepasst nach den biblischen Geboten lebten.

Jesus – so erzählt Lukas – kennt die Schrift, er kann das Gesetz und die Propheten verstehen und ganz unerhört neu auslegen, nicht weil er mehr weiß als die Schriftgelehrten, sondern weil er selbst es ist, von dem die Propheten geredet haben, weil das Gesetz durch ihn erfüllt werden soll.

Weihnachten ist nicht vorbei. Auch in der Zeit „zwischen den Jahren“ zeigt sich immer wieder, dass Gott in die Welt gekommen ist. Das „Christkind“ ist nicht in der Krippe geblieben, er wurde erwachsen. Und er begann, selbst seine vertrautesten Mitmenschen zu überraschen. Das ganze Jahr, Ihr ganzes Leben ist die Zeit, in der Gott zu Ihnen kommt, in der der Geist Gottes Sie berührt und – wenn Sie es zulassen – alles überraschend verändern kann.

Weihnachten ist nicht „ausgefallen“, es war nur anders. Und – gleich ob Sie einen der wenigen Gottesdienste, die noch in den Kirchen stattfanden, besucht haben oder an einem Computer oder vor einem Fernsehschirm mitgefeiert und mitgesungen haben – im Glauben können Sie erfahren, dass Gott an ihrer Seite ist in guten wie in schlechten Zeiten, dass er selbst sich Ihnen zum Geschenk gemacht hat. Gott ist da!

Vieles war anders an Weihnachten, das Meiste überraschend, Manches hat weh getan und wurde schmerzlich vermisst. Uns hat nicht nur die Gemeinschaft in unseren Kirchen gefehlt, nicht nur das gemeinsame Singen und Beten. Uns hat die Ungezwungenheit gefehlt, die Unbeschwertheit, das fröhliche Lachen. Fast jeder von uns kennt inzwischen jemanden, der Corona hatte oder gerade jetzt damit kämpft. Schon wenn jemand im Supermarkt hustet, bekommt der sofort misstrauische und ängstliche Blicke zu sehen. Und manche fragen sich, was die Spätfolgen der Epidemie für unsere Wirtschaft und unsere Kirche sein werden, welche Folgen sie für unser Lebensgefühl, unseren Glauben, für unsere Kinder und für unsere Demokratie haben wird.

Ich stelle mir nicht die Frage, ob Gott Corona gewollt hat und frage mich auch nicht, warum er nichts gegen diese Krankheit tut. Leiden und Krankheiten und sogar der Tod sind Teil unseres Lebens, teil unserer Welt. Aber ich staune darüber, dass Gott in diese Welt gekommen ist, dass er sich hinein begeben hat in diese Geschichte, die so oft zeigt, dass Leben immer bedroht ist. Er ist nicht „im Himmel“ geblieben und sieht sich die Geschichte seiner Menschheit teilnahmslos an. Er schiebt uns nicht aus der Ferne hin und her wie ein Schach-spieler die Figuren auf dem Brett. Er ist hineingeboren in die Mitte der Mensch-heit; er ist nun einer von uns. Was wir leiden, leidet er auch.

Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich mitten unter Euch bin, da, wo mein Vater ist? – So könnte Jesus zu denen sprechen, die gefragt haben, warum Gott sich so versteckt, wo er bleibt, warum er nicht eingreift und mit Macht Dinge ändert. Es gibt Grund zur Hoffnung. Nicht nur, weil jetzt erste Menschen geimpft werden. Dies ist ein Triumph der Wissenschaft, dass es jetzt möglich ist, Menschen vor diesen neuartigen Viren zu schützen. Es ist aber – so sehe ich es – der Segen Gottes, dass sich Glaube, Hoffnung und Liebe gerade in dieser schweren Zeit bewähren, dass wir aufeinander achten und uns nicht gegenseitig im Stich lassen. Trotz der nötigen Kontaktbeschränkungen sind wir eine Gemeinschaft geblieben – im Segen verbunden.

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