Wort der Woche – segensreich

In frommen Kreisen und in der Kirche wünscht man sich zum Neuen Jahr Gottes Segen… Hm. Tja. Bedenkenswert. Was genau bedeutet denn das Wort „Segen“? Geht es nur darum, im kommenden Jahr Glück zu haben? Glücklich zu sein? Vor bösen Dingen bewahrt zu bleiben?

Für mich hat das Wort Segen immer etwas mit Gott zu tun. Ich hab in der Schule mal gelernt, dass das Wort Segnen mit dem Wort Zeichen zusammen hängt. Es kommt von dem lateinischen Wort Signum, das bedeutet Zeichen, oder auch Signal. Die Römischen Heere hatten immer diesen Stab mit einem goldenen Adler oder einem anderen Zeichen dabei, eine Standarte, damit sich die Soldaten bei ihren Schlachten besser orientieren konnten, wo sich denn jetzt die eigenen Leute gerade sammeln und wo der Feind anrückt. Dieses Feldzeichen heißt Signum.

Den Kindern vom Kindergottesdienst erkläre ich das immer mit dem Hinweis auf die Becher beim Kindergeburtstag – da malt man ein Zeichen dran, damit man wiedererkennen kann: Das ist mein Becher, daraus hat außer mir niemand sonst getrunken… Ein solches Zeichen ist, glaube ich, der Segen Gottes auch.

Wer gesegnet ist, der trägt das Zeichen Gottes. Und das bedeutet, der gehört zu ihm. Zu Gott. Manche verstehen dann so ein Segenszeichen als eine Art Schutz: Für viele Menschen ist das ein Grund, ihre Kinder taufen zu lassen. Wenn ich zu Gott gehöre und sogar sein Name irgendwie auf mir steht, dann wird er mich ja wohl besonders gut behandeln. Immerhin gehen die meisten Leute ja auch mit den eigenen Sachen sorgfältiger und vorsichtiger um als mit den Sachen, die allen gehören und um die sich darum niemand so richtig kümmert, wie zum Beispiel mit den Büchern aus der Stadtbücherei. Eigene Bücher und Bücher von Freunden behandeln die meisten Leute besser als Bücher von Leuten, die sie gar nicht kennen…

Gesegnet sein heißt aber oft genug gerade nicht, dass es einem immer gut geht und dass man Grund hat, glücklich und zufrieden zu sein. In der Bibel haben gerade die gesegneten Leute das anstrengendste und aufreibendste Leben, das man sich vorstellen kann. Die Leute, die in Ruhe und Frieden eine Tischlerei oder eine Wurstfabrik betreiben, nennt man normalerweise nicht gesegnet…

Mit Kindern „gesegnet“ nennt man eine Frau, die drei oder mehr davon hat, und was das in Wirklichkeit heißt, kann Euch jedes Mitglied einer kinderreichen Familie erzählen. Und die Leute, die in der Bibel „Gesegnete“ genannt werden, sind immer irgendwie Leute, die aus der eigenen Mitte gerückt sind, Exzentrische, Verrückte. Sie werden zum Beispiel im Ausland angeklagt und dann doch irgendwie gerettet; sie verlieren Hab und Gut und bekommen es erst nach anstrengenden Jahren zurück, sie müssen alles, was sie lieben, zurücklassen und in der Fremde noch einmal neu anfangen und ihr Leben aufbauen.

Wenn ihnen das gelingt und sie nicht unterwegs von Löwen oderRiesenfischen gefressen werden, nennt man sie gesegnet und erkennt in ihrem Leben das Zeichen Gottes…

In China soll das Wort ein böser Fluch sein: „Mögest Du in interessanten Zeiten leben!“ – in den Geschichten,die in der Bibel erzählt sind, leben die Gesegneten immer in interessanten Zeiten…

Für mich selbst denke ich: Segen ist so etwas wie eine Zusatzbatterie für das Leben – im Guten und auch im Schlechten wird es dadurch intensiver und kräftiger, lebensstärker – aber Segen bedeutet nicht, dass alles einfach und „richtiger“ ist…

Euch allen wünsche ich: Seid gesegnet! Lebt intensiv! Seid mutig, aber nicht leichtsinnig. Und sucht das Glänzende in jedem Jahr.

2 Gedanken zu “Wort der Woche – segensreich

  1. Mann, bin ich heute ungeschickt. In Anatevka betet Tevje: „Herr, ich weiß, daß wir dein auserwähltes Volk sind. Aber wäre es nicht möglich, daß du ab und an für einen kurzen Moment ein anderes Volk auserwählst?“
    Viel Gutes wünsche ich.

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