Musik zum Anfassen

ICH kaufe lieber CD’s als die Musik aus dem Internet zu laden… Selbst, wenn ich dabei eine Menge Geld sparen könnte. Ich hab irgendwie immer noch Horror davor, dass meine Festplatte abschmiert und dann meine ganze Musiksammlung über’n Jordan ist.

Ich hab‘ halt gerne etwas für mein Geld, was ich anfassen und mit mir rumtragen kann. Bunte Bilder von den Sängerinnen und Sängern. Und was Rundes, Silbernes in einem Jewel-Case. Noch lieber sind mir eigentlich Langspielplatten. Diese großen schwarzen Scheiben in den wundervoll bebilderten Hüllen, mit dem seltsamen Glanz und diesem ganz eigenen, besonderen Geruch – die gehörten einfach zum Soundtrack meiner Jugend, zu John Denver, Cat Stevens, zu den Beatles, zu Electric Light Orchestra.

Ich fand schon Compact-Cassetten irgendwie zu virtuell. Auf den LP’s konnte man die Musik SEHEN… Vielleicht hat das ja was mit dem Alter zu tun. Früher hab ich immer gegrinst über die Leute, die in die Bank gehen und sich das Geld von ihrem Sparkonto vorzeigen lassen, damit sie sicher sein können, dass es noch da ist. Heute will ich wenigstens meine Musik immer anfassen können…

Hier in Berlin gab es früher auf RIAS II die Sendung „Schlager der Woche“ mit dem coolen Lord Knut; der hat zwar auch gern auf die Lieder gequatscht, manchmal sogar mitten rein, aber zwei Lieder hat er in jeder Sendung Cassettenrecorder-freundlich präsentiert, er hat sogar vorher runtergezählt 3 – 2 – 1 … und dann konnte man Aufnahme drücken; und am Schluss hat er noch ganze zwei Sekunden die Klappe gehalten, damit man die Aufnahme wieder stoppen konnte – und dann hatte man das Lied dann ohne Reinreden auf Band, wie es sich gehört… Ich glaube, er hat das für die Leute in der DDR gemacht, die sonst kaum Chancen hatten, an diese Platten ranzukommen.

Mixtapes für meine Liebsten hab ich auch zusammengestellt. Ganz liebevoll ausgesucht und natürlich immer mit einer „geheimen“ verliebten Botschaft dabei. Genauso wichtig waren aber die aufwendig selbstgemalten Cover und die Listen mit den Liedern – ich hab sogar mit der Stopuhr die Zeiten gemessen, damit ich die Länge der einzelnen Songs ganz „profimäßig“ dazu schreiben konnte…

Mir hat sich die Reihenfolge der Musik auf meinen Cassetten so eingeprägt, dass es mich bis heute irritiert, wenn nach einem bestimmten Musikstück nicht ein ganz bestimmtes anderes folgt… Zum Beispiel gehört nach „Angie“ bei mir unbedingt „House of the Raising Sun“…

Wunderbar war auch, dass ich eine zeitlang ein großes Spulentonbandgerät mein eigen nennen durfte – ich hatte es auf dem Sperrmüll gefunden und konnte es reparieren, es hatte nur einen mechanischen Fehler gehabt… Die Bänder da am Tonkopf vorbei einzufädeln und an die leere Spule zu wickeln, das hatte etwas Feierliches an sich. Und dann konnte man wirklich drei Stunden Musik hören, ohne noch mal etwas auf- oder einlegen zu müssen…

Ein Grammophon hab ich nie besessen, aber ich finde diese großen Trichter unheimlich schön… Vielleicht… irgendwann… Meine nostalgischen Anfälle haben eigentlich nichts mit Weihnachten zu tun, dass es mir jetzt gerade öfter so geht, liegt, glaube ich, eher daran, dass ich nun schon fast sechzig bin und es einfach so viel schöne Vergangenheit gibt, an die ich mich erinnern kann. Wenn ich die Zeit dazu habe, versinke ich manchmal minutenlang in ein Kopfkino von vergangenen Erlebnissen aus meiner Jugendzeit – ich trauere ihr nicht nach, aber ich erinnere mich gern. Und manchmal muss ich mich ermahnen, auch genau so freudig in die Zukunft zu blicken…

Musik im Advent = …und das macht deine Liebe mit mir.

Manchmal bin ich beeindruckt von dem Mut anderer Menschen. Ich kann es mir beispielsweise nicht vorstellen, alle Absicherungen einfach hinter mir zu lassen und auf eine Reise zu gehen, mir das tägliche Brot unterwegs zu verdienen und mich auf mein Glück – beziehungsweise auf Gott – zu verlassen.

Jesus hat seinen Jüngern gesagt: „Die Füchse haben Gruben und die Vögel haben ihre Nester, aber des Menschen Sohn hat nichts, wo er abends sein Haupt niederlegen kann…“ Morgens nicht wissen, wo man abends schlafen wird – das ist einerseits der ultimative, nicht mehr zu übertreffende Hintergrund für Freiheit, Unabhängigkeit und wohl auch Gottvertrauen, andererseits aber auch für Verletztlichkeit und Gefahr. Wer keinen Rückzugsort hat, keine Höhle, in die er sich zurück ziehen kann, ist allen Bedrohungen des Lebens schutzlos ausgeliefert.

Manche Menschen ziehen die Freiheit und die Unabhängigkeit vor – anderen ist ihre relative Sicherheit wichtiger und sie sind bereit, dafür Opfer zu bringen und Zeit und Geld dafür zu investieren, dass sie nicht plötzlich von Krisen überrascht werden.

Die Musik der Singer/Songwriterin Cora Rose habe ich vor zehn Jahren eher zufällig entdeckt. Ich war damals auf der Plattform thesixtynine.com unterwegs, die es jetzt leider nicht mehr gibt. Dort konnte man tausende begabter Musikerinnen und Musiker hören, die ihre Lieder kostenlos veröffentlichten, in der Hoffnung, dass die Besucher und Besucherinnen dieser Webseite ihre Platten kaufen und ihre Konzerte besuchen. Fast alle waren noch relativ unbekannt, aber ich fand ihre Musik deutlich besser als so manche, die man für teures Geld in den großen Konzerthallen in Deutschland hören kann. Die Stimme von Cora Rose hat mich berührt, und die Texte erzählten schon damals von der Sehnsucht nach Freiheit, von dem Wagnis der Liebe und von dem Kampf, den man führen muss, wenn man nicht von den Umständen des Lebens eingeengt und fremdbestimmt sein will.

Vor ungefähr 15 Monaten kaufte Cora Rose zusammen mit José Luis Vílchez einen alten amerikanischen Schulbus. Sie bauten ihn für ihre Zwecke komplett um, damit sie darin wohnen und arbeiten können – es gibt jetzt ein Atelier, ein Tonstudio, einen kleinen Seminarraum und eine Küche nebst Schlafzimmer in diesem Bus. Der Bus wurde von außen bunt bemalt in dem unverwechselbaren Stil, in dem José Luis Vílchez auch seine Wandmalereien anfertigt. Ein Blog, eine Webseite und die üblichen Sozialen Medien wurden mit Informationen gefüttert, und dann ging es los:

Vier (und mehr) Jahre lang wollen die Sängerin und der Kunstmaler in dem Bus leben und durch 23 Länder reisen, in Nord- und Südamerika zahllose Kommunen besuchen und besonders in wenig entwickelten Gegenden einen künstlerischen Impuls setzen, indem sie die trostlosen Mauern bemalen, verwitterte Tore und Türen in Gemälde verwandeln und Zäune und Absperrungen zu Treffpunkten und Denkmalen veredeln. Cora und José beziehen dabei immer Anwohnerinnen und Anwohner ein, besonders Kinder und Jugendliche. Sie wollen ihr Projekt zu einer gemeinsamen Aktion aller Beteiligten machen, so dass der Prozess auch weiter wirkt, wenn der Bus mit den Beiden schon wieder Hunderte von Meilen weit weg ist. Malkurse und Gesangsworkshops, Konzerte und vor allem die gemeinsam ausgeführten Wandmalereien hinterlassen einen bleibenden Eindruck.

Cora und José schreiben auf ihrer Webseite: „Wir wollen Kunst schaffen und uns dabei berausfordern und inspirieren lassen durch die unterschiedlichen Kulturen, Lebensumstände und Erfahrungen der Menschen in zwei Kontinenten zwischen Kanada und Feuerland.

Wir tun das, weil wir wissen,
dass Kunst mächtig und kraftvoll ist.

Cora Rose und José Luis Vilchez

Wir nutzen die Künste, um die Stärke in unserer Vielfalt zu veranschaulichen und unsere gemeinsame Zugehörigkeit zur Menschheit zu betonen. Wir glauben, dass dies heute besonders wichtig ist, in einer Zeit, in der so viele den Wert der Vielfalt in der Gesellschaft aus den Augen verlieren. Unsere Arbeit schöpft direkt aus der Auseinandersetzung mit neuen Sehenswürdigkeiten, neuen Menschen und dem Erleben der verschiedenen Realitäten, die Menschen auf der ganzen Welt leben.

Wir glauben auch, dass jeder Zugang zu den Künsten verdient, also bieten wir kostenlose Kunstprogramme in Gemeinschaften an, die sie am dringendsten brauchen.

Ich bin beeindruckt von dem Mut und der Hingabe dieser beiden Menschen, die ein halbes Jahrzehnt ihres Lebens diesem wunderbaren Projekt widmen, um der Welt etwas von dem zurück zu geben, was sie als Privileg empfinden und ihnen ihre künstlerische Kraft erst möglich macht.

Wer möchte, kann Cora und José unterstützen, indem er CDs oder Postkarten in ihrem Online-Shop kauft oder sie bei Patreon finanziert. Ich habe eine von Coras Platten gekauft, sie wurde sehr schnell geliefert, sehr liebevoll in einem handdekorierten Umschlag mit Autogramm und einem persönlichen Gruß von Cora.

Im Advent höre ich besonders gern Coras Liebeslied „Thats what your love ist doing to me…“ Es ist ziemlich sicher nicht so gemeint, aber wenn ich mitsinge – und das tue ich oft, besonders wenn ich allein im Auto fahre – dann singe ich es als ein Dankgebet an Gott, dessen Liebe mich umgibt und mich im Leben hält, die das Beste in mir wachrufen will und mir die Kraft gibt, in schweren Zeiten zu bestehen.

Gold, Weihrauch und Möhren – in der Weihnachtsbäckerei mit den Herdmanns

Eine Geschichte für den Kindergottesdienst in der Adventszeit

Sie sind die schlimmsten Kinder der Welt – mindestens die Nachbarn glauben das. Und das selbe glauben auch die Leute aus der Kirche. Und ihre Mitschüler sowieso. Die Herdmann-Kinder machen überall nur Unfug und Quatsch, sie kokeln mit Feuer und klauen, wenn es niemand sieht, und sie machen Dinge kaputt – absichtlich! – und manchmal sind sie auch richtig gemein. Die Herdmanns haben überhaupt keine Ahnung vom Keksebacken. Und von Weihnachten auch nicht. Aber in der Weihnachtszeit gibt es einige Wunder und so manche Überraschung…

Die Kinder in der Schule jedenfalls freuten sich schon das ganze Jahr auf das Krippenspiel. Dann war die Kirche immer ganz festlich geschmückt, überall brannten Kerzen, und am tannen-duftenden Weihnachtsbaum in der Kirche funkelten und glitzerten die roten und goldenen Kugeln in ihrem Licht.

Aber dann passierte es auf einmal, dass in diesem Jahr alle Hauptrollen im Krippenspiel von den Herdmann-Kindern besetzt waren, Eugenia war die Maria, Ralf war der Josef, und die kleine Hedwig war der Verkündigungsengel, weil – darin waren sie sich alle einig – Hedwig die lauteste und schrillste Stimme von allen Kindern in der Schule hatte… Die drei Weisen aus dem Morgenland waren auch alles Herdmann-Kinder, und für die anderen bleiben nur noch die Nebenrollen übrig: Hirten und Schafe, römische Soldaten, und die Engel, die neben und hinter dem Verkündigungsengel standen und dann „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ singen sollten, wenn Hedwig- also der Verkündigungsengel – ihren Satz gesagt hatte.

Alle dachten, dass dieser Weihnachtsgottesdienst der Schlimmste aller Zeiten werden würde. Trotzdem wollte der alte Leonard alle Kinder,  die beim Krippenspiel mitmachten – auch die Herdmanns – zum Keksebacken einladen. Der alte Leonard und seine Tochter Christine machten das jedes Jahr wieder,  eine Weihnachtsbäckerei für die Krippenspielkinder, und die Kekse schmeckten beim alten Leonard am allerbesten. Meine Schwester machte überhaupt nur wegen Leonards Keksen immer wieder beim Krippenspiel mit, zum achten Mal! Das Buch mit den Rezepten für Leonards Kekse war schon über hundert Jahre alt. Er hatte es von seiner Oma geschenkt bekommen,  als er noch ein junger Mann war,  und jetzt war er schon fast achtzig. Dass in diesem Jahr die Herdmanns alle Hauptrollen beim Krippenspiel spielten, war für ihn kein Grund,  etwas an dieser Tradition zu ändern. „Ich habe den Krieg überlebt“,  sagte er, „da werde ich auch mit den Herdmanns irgendwie klarkommen.“

Wie das beim Krippenspiel zuging und was bei den Proben alles passierte, könnt ihr in einem anderen Buch nachlesen. Ich will euch heute erzählen, wie es kam, dass es in diesem Jahr zum ersten Mal keine Kekse bei Leonard gab, sondern einen Kuchen. Und auch den Kuchen gab es eigentlich nicht, der wurde nämlich verschenkt, und meine Schwester musste hungrig nach Hause kommen. Das war nämlich so:

„Wir müssen Kekse backen, ganz viele, mindestens zehn Bleche!“ sagte der alte Leonard. „Drei Bleche mit Keksen können wir gleich heute aufessen. Drei Bleche bekommen die Frauen aus dem Frauenkreis, wenn sie sich am vierten Advent zum Kaffeekränzchen treffen. Eins bekommt der Pfarrer. Und die Kekse von den letzten drei Blechen kommen in den Sack, den die drei Weisen zum Christkind in den Stall bringen. Das Christkind verteilt sie dann nach dem Weihnachtsgottesdienst am Ausgang an die Leute, die sie mit nach Hause nehmen und unter ihrem Weihnachtsbaum essen…“

Es wartete also eine Menge Arbeit in der Weihnachtsbäckerei. Leonard und seine Tochter hatten schon alle Zutaten bereit gestellt, Mehl, Milch, Zucker und zwei Paletten Eier,  Backpulver und Kokosraspel, Schokoladensplitter und kleine Zuckerkugeln, mit denen sie die Kekse verzieren konnten. Dazu gab es eine ganze Reihe kleiner Dosen,  auf denen Namen standen,  die die Herdmanns noch nie gehört hatten: Kardamom und Muskatnuss, Anis und Ingwer, Vanille und Zimt. Es klang fast wie Zauberei. „Was ist das denn?“ fragte Hedwig neugierig. „Das sind exotische Gewürze, die braucht man nur für die Weihnachtsbäckerei.“ sagte Leonard. „Warum?“ wollte Hedwig wissen. „Der Geschmack ist dann etwas ganz besonderes, die Gewürze erinnern an die Weisen aus dem Morgenland. Wo sie hergekommen sind,  werden auch diese Gewürze gemacht. „

Am Anfang ging irgendwie alles schief, denn die Herdmann-Kinder hatten noch nie vorher gebacken. Klaus warf die Eier mitsamt der Schale in das Mehl, Eugenia staubte mit dem Puderzucker alle anderen Kinder voll, dass sie weiße Haare hatten und aussahen wie ihre eigene Großmutter… Ralf hatte so viel Dreck unter den Fingernägeln, dass er sich fünf Mal die Hände waschen musste, bis Christine ihm erlaubte, den Teig zu kneten. Und Hedwig hatte schon ein halbes Döschen von den Zuckerkugeln in ihren Mund gesteckt, anstatt damit die Kekse zu schmücken, bevor meine Schwester es bemerkte und laut zu Schreien begann.

Es wie ein Wunder, dass nach einer Stunde trotz allem zehn Bleche mit rohen Keksen bereit waren, in den Ofen geschoben zu werden. Zur Feier dieser Heldentaten gab es Limonade für alle, und die Kinder tranken sie durstig in sich hinein, außer Ralf, der es für eine gute Idee hielt, die Limonade über Hedwig zu gießen. „Vielleicht wächst sie so ein bisschen schneller…“ sagte er.

Als die Kekse dann endlich im Ofen waren und einen schönen Duft nach Mandeln, nach Vanille und Schokolade und nach exotischen Gewürzen verbreiteten, fingen die Kinder an, sich zu langweilen. Die Jungen begannen, meine Schwester und Hedwig an den Haaren zu ziehen, und die Mädchen quiekten laut und ärgerten sich, und dann versuchten die Jungen, noch lauter zu quieken als die Mädchen. Christine, die Tochter von dem alten Leonard, schaute die Jungen böse an, aber das nutzte nichts. Die Herdmann-Kinder waren steinhart, die störte sogar ein Eintrag im Klassenbuch nicht, wenn sie in der Schule rumtobten, und Christines böse Blicke beeindruckten sie nicht im geringsten.

Nach einer Weile tobten alle Kinder in der Küche herum, kitzelten sich gegenseitig und Leonard und Christine hatten alle Hände voll zu tun, um zu verhindern, dass die Herdmannkinder mit Eiern oder Mandeln herumwarfen. Erst, als Christine ein Buch mit gruseligen Geschichten aus dem Schrank holte und eine Geschichte über Monster, Geister und Skelette vorlas, beruhgten sich die Kinder und hörten angestrengt und ruhig zu. Und so kam es, das die Kekse im Ofen verbrannten, weil keiner aufgepasst und rechtzeitig zur Uhr geguckt hatte. Wie schade! Alle Kinder probierten die verbrannten Kekse, aber sie schmeckten fürchterlich, auch wenn man vorher so viel wie möglich von der verbrannten Schicht abkratzte. Und nicht einmal die Herdmanns mochten sie essen. Dabei waren sie wieder einmal Schuld an dem ganzen Schlamassel… Wenn sie nicht so einen Krach gemacht hätten…

„Aber der Jesus kann doch sowieso nicht nur verbrannte Kekse zum Geburtstag bekommen! Der braucht einen richtigen Kuchen! Mit Zuckerguss und Perlen! Und Kerzen oben drauf!“ schrie Eugenia. „Und mit Gold, Weihrauch und Möhren!“ rief Hedwig dazwischen.

„Gut, dann machen wir Kuchen statt der Kekse, und Möhren auf den Kuchen, kleine Möhrchen aus Marzipan…“ sagte der alte Leonard. „Und meine Oma hatte da glaube ich sogar ein Rezept für einen Kuchenteig mit Möhren, echten frischen Möhren!“ Meine Schwester verzog angeekelt das Gesicht… „Mohrrüben im Kuchen? Und das soll dann schmecken?“ „Ja,“ sagte Leonard, „Du wirst sehen! Kleingeraspelt und mit viel Puderzucker passen die ganz herrlich zu süßer Glasur und lockerem Kuchenteig…“

Und so wurde es beschlossen, das es für das Christkind eine Möhrentorte geben sollte, mit goldfarbenen Kerzen, weißen Zuckerkugeln und Marzipanmöhrchen, die fast wie echte aussahen.

Während Christine weiter aus dem Gruselbuch vorlas und so die Herdmanns ein bisschen ablenkte, rührte der alte Leonard schnell den Kuchenteig zusammen, schüttete eine ordentliche Portion geriebene Möhren hinein und füllte alles in eine runde Kuchenform. Als der Kuchen fertig gebacken war, bestrich meine Schwester ihn mit Zuckerguss, und die Herdmann-Kinder verzierten ihn mit Marzipan-Möhrchen und mit den restlichen Zuckerkugeln.

Er sah richtig gut aus, der Kuchen, und die Kinder waren sehr stolz auf das, was sie zusammen geschafft hatten. Leonard sagte: „Das habt ihr toll gemacht. Nun bringt den Kuchen rüber ins Pfarrhaus, der Pfarrer stellt ihn dann morgen in die Kirche. Und dann geht nach Hause. Christine und ich räumen hier noch ein bisschen auf.“

Es sah tatsächlich schlimm aus in der Küche. Alle Kinder zogen sich ihre Mäntel an, verabschiedeten sich und gingen hinter Eugenia nach draußen. Sie trug den Kuchen vorsichtig in beiden Händen…

Als sie draußen auf der Straße waren, sagte Klaus: „Wollen wir den Kuchen nicht erstmal unsern Eltern zeigen? Die glauben uns sonst nie, dass wir so was Tolles gebacken haben.“ – „Au ja, das machen wir! “ sagten die anderen Herdmann-Kinder, und obwohl die anderen und meine Schwester laut protestierten, ging es am Pfarrhaus vorbei in die Siedlung, wo die Herdmanns wohnten.

Hedwig war vor allen anderen an ihrem Haus und schrie, dass man es in der ganzen Siedlung hören konnte: „He, Mama, komm mal gucken. Wir haben einen Riesenkuchen mit Gold, Weihrauch und Möhren…“ Sie war ganz aufgeregt. „Und mit erotischen Gewürzen!“ schrie sie begeistert.

Nicht nur Frau Herdmann kam, um sich den Kuchen anzusehen, sondern alle anderen Nachbarn aus dem Haus auch. Sogar Sulman und sein Vater. Diese Familie war erst vor kurzem in das Haus eingezogen, vorher hatten sie drei Jahre in einem Flüchtlingsheim gewohnt. Sie sahen den Kuchen mit großen Augen an, und irgendwie sahen sie ganz traurig aus. „So einen Kuchen haben wir immer zuhause gegessen,“ sagte Sulmans Vater, „aber nun schon drei Jahre nichts. Erst Krieg, dann Flucht, dann arm.“

Dann hatte Hedwig eine großartige Idee. Die Herdmann-Kinder flüsterten kurz miteinander und dann sagte Klaus zu Sulman: „Wir schenken Euch den Kuchen. Ihr müsst Euch endlich mal wieder wie zuhause fühlen. Drei Jahre in einem fremden Land, das hält doch kein Schwein aus.“

Ihr hättet sehen müssen, wie da die Augen von Sulman und seinem Vater geleuchtet haben. Und ihr hättet dabei sein müssen, wie Sulmans Vater den Kuchen mit einem großen Messer teilte und alle Nachbarn etwas abbekommen haben. Ihr hättet erleben müssen, wie da auf einmal Musik war und wie die Frau Klause von unterm Dach Tee brachte und wie Herr Palczinski seine Weihnachtskekse aus einer großen bunten Kiste holte und sie verteilte, und wie der Hausmeister die Kerzen an dem geschmückten Baum im Vorgarten anzündete, obwohl doch noch gar nicht Weihnachten war.

Obwohl, irgendwie war doch schon Weihnachten, da draußen in der Dezemberkälte vor dem Haus, in dem die Herdmanns wohnen, die schlimmste Familie der Welt. Alle feierten miteinander, als ob jemand Geburtstag hätte, jemand, der ein Herz für die Menschen hat, besonders für die Armen, die sich nicht einmal selbst einen Kuchen backen können.

Am nächsten Tag gingen die Herdmann-Kinder zu dem alten Leonard, um ihm zu erzählen, dass der schöne Kuchen es nicht bis ins Pfarrhaus geschafft hatte, weil irgendwie jemand ihn schon vorher aufgegessen hatte. Als Leonard die ganze Geschichte gehört hatte, fing er laut an zu lachen. Und dann ging er in die Küche und rührte mit den letzten Eiern und mit Mehl und Milch noch einmal einen Teig an.

„Ich glaube,“ sagte Eugenia vorsichtig, „dem Jesus hätte es ganz gut gefallen, dass wir den Kuchen verschenkt haben. Der war doch immer dafür, dass man den Armen hilft und denen, die krank sind und allein und so…“ – „Bestimmt hätte er dem Sulman auch alles gegeben, was er hatte, das ganze Gold, und den Weihrauch, und die Möhren…“ sagte Klaus. „Aber eine einzige hätte er bestimmt behalten und selber gegessen!“ sagte Hedwig. „Das glaube ich auch,“ sagte Leonard, „wahrscheinlich hätten sie zusammen gegessen und gemeinsam gefeiert. Weil Weihnachten doch ein Fest ist, das man nur zusammen feiern kann…“

„Aber wenn wir jetzt die ganze Möhrentorte verschenkt haben,  was bringen wir dann dem Jesuskind mit?“ fragte Eugenia. Einen Moment lang schauten sich die Herdmann-Kinder entsetzt an. Daran hatte niemand gedacht.. Das war der Moment,  in dem Klaus die geniale Idee mit dem Schinken hatte. Aber das ist eine andere Geschichte,  und die ist schon in einem anderen Buch aufgeschrieben worden…

Mäusekino

Was 14 Jahre ausmachen!

Unser neues Auto ist wieder ein Nissan  Micra. Der dritte kleine rote Flitzer inzwischen. Wir waren mit den Autos sehr zufrieden, warum also sollten wir woanders suchen?

Wir haben jedesmal ein neues Auto gekauft und es dann behalten, bis es anfing, auseinander zu fallen. Das war und ist meine Vorstellung von Nachhaltigkeit – nicht jedes zweite Jahr ein neues Auto zu kaufen und das alte weiter zu geben, sondern sich mit einem Gefährt vertraut zu machen,  eine Art Beziehung zu entwickeln und dann dabei zu bleiben,  bis es nicht mehr anders geht.

Auch bei Computern und Handys habe ich das so gehalten, mein Arbeits-Laptop ist jetzt 8 Jahre alt, da läuft noch Windows 7 als Betriebssystem (natürlich mit modernem Antivirusprogramm und Firewall, mit Maske und Abstand.)

Das neue Auto ist also in gewissem Sinne dasselbe, die wichtigen Knöpfe und Hebel sind an der selben Stelle und das meiste fühlt sich ganz ähnlich an. Aber viel ist auch ganz anders und erst einmal sehr faszinierend:

Es gibt jetzt einen Bordcomputer, der anzeigt, wie energiesparend ich fahre, wie lange der Treibstoff noch reicht, wie hoch die durchschnittliche Geschwindigkeit ist und wieviel Druck auf den Reifen ist. Wirklich! Das Ding misst den Reifendruck während der Fahrt!

Auch das Autoradio ist inzwischen eher eine Multimedia-Anlage, die Sender in UKW, DAB und Streamingdienste übers Handy empfangen kann. Dann kann man es auch noch als Freisprechgerät zum Telefonieren während der Fahrt nutzen.

Das Mäusekino in Aktion…

Zwischen Drehzahlmesser und Tacho leuchtet dabei die ganze Zeit das Mäusekino, in dem man den Computer am Werk sieht… In kleinen Animationen sieht man, ob eine Tür offen ist, ob man sich angeschnallt hat, ob man zu schnell fährt oder ob man in einen anderen Gang schalten sollte. Ich gucke da immer wieder hin und muss lernen, mich nicht von dem Geflimmer vom Straßenverkehr ablenken zu lassen.

Ansonsten glaube ich aber, dass das Reisen mit dem neuen roten Flitzer sehr viel Spaß machen wird…

Dreieinhalb mal um die Welt…

Gestern habe ich unser altes Auto verkauft. Nach vierzehn Jahren wäre der Wagen nicht mehr durch den TÜV gekommen, und so nach und nach ging immer mehr kaputt: Dichtungen, Stoßdämpfer, Beleuchtung und vor allem die Servolenkung – der kleine Flitzer war wirklich alt geworden und humpelte mehr oder weniger nur noch durch die Gegend. Ich hätte mehr als 3000 Euro für alle Reperaturen bezahlen müssen und dann hätte ich trotzdem nicht die Sicherheit gehabt, dass nicht in ein paar Monaten noch etwas Fatales geschieht und ich mich dann doch von dem Auto trennen muß.

Ich habe mir vorgenommen, mich nie mehr als unvermeidlich an materielle Dinge zu binden: „Haben, als hätte man nicht“ ist ein biblisches Prinzip, das einem eine Menge Schmerzen erspart. Über einen heruntergefallenen Teller kann ich nicht weinen, selbst, wenn er Teil unseres Hochzeitsgeschirrs war, eine zerrissene Hose oder ein zerbrochenes Fenster macht mir nicht viel aus. Die Ausnahme war für mich immer mein Laptop, weil ich mit ihm meine vielen Erlebnisse im Internet und auch den Kontakt zu einigen meiner besten Freundinnen und Freunde verbinde. Und eine Ausnahme ist, wie ich jetzt merke, auch unser Auto.

Ist es nicht etwas komisch, eine Art Nachruf für ein Auto zu schreiben? Ich mache das jetzt trotzdem.

Als wir vor 14 Jahren das Auto ausgesucht haben, wollten wir unbedingt eins mit Klimaanlage haben. Wir waren in diesem Jahr mit dem Auto in der Toskana und es war fürchterlich heiß in Italien. Wir haben unfassbar geschwitzt während der Fahrt. Während der Suche nach dem neuen Auto haben wir uns dann in einen convertible verliebt, ein Auto, bei dem auf Knopfdruck das Dach in den Kofferraum hinein fuhr. Dann konnte man in einem Cabrio spazieren fahren.

Ich weiß noch, wie aufregend das war, den Sommerwind im Gesicht zu spüren und zu sehen, wie die Haare meiner Frau im Wind flogen. Im Alltag war es allerdings weniger praktisch, denn meistens war irgendwelcher Kram im Kofferraum, und dann konnte man das Dach nicht öffnen. Auch im Urlaub sind wir selten offen gefahren, weil es auf der Autobahn zu laut war.

Viele Erinnerungen sind mit diesem Auto verbunden: wir haben mit diesem Auto MayadieKatze vom Züchter abgeholt und mit demselben Auto 14 Jahre später zum Tierarzt gebracht, der sie dann einschläfern musste. Wir haben Urlaub gemacht im Schwarzwald und an der Ostsee, an der Nordseeküste und bei Freunden in Trier.

Auch den Umzug von Schöneberg nach Lichtenrade haben wir mit diesem Auto organisiert; während unsere Wohnung gebaut wurde, bin ich die Strecke fast täglich gefahren. Und seit fünf Jahren fahre ich damit jede Woche um den Flughafen Schönefeld herum, um meine Gemeinden zu besuchen.

Nach all der Zeit kenne ich jedes Geräusch, jedes Klappern, jedes Quietschen, das in diesem Auto vorkommt. Wir hatten ein Gefühl füreinander. Es war Vertrautheit, wir konnten uns aufeinander verlassen. Und die vielen Beulen und Kratzer machten den roten Flitzer erst wirklich sympathisch.

Auch das neue Auto ist wunderschön, es hat zwar ein festes Dach, dafür aber vier Türen. Und der Kofferraum ist größer. Es wird aber eine Weile dauern bis wir uns aneinander gewöhnt haben. Und ich habe jetzt immer Angst, in den schönen neuen Lack den ersten Kratzer rein zu machen. Das ging mir aber mit dem Auto, dass ich jetzt verkaufe, am Anfang genauso.

Der Autohändler sagte mir, dass der Wagen jetzt ein bisschen aufgemotzt wird und dann wohl nach Osteuropa verkauft. Ich hoffe, wer immer ihn jetzt bekommt, wird gut und sicher darin fahren.

Mich hat er dreieinhalb Mal um die Welt gebracht. Vielleicht schafft er ja auch noch eine vierte Runde. Mach’s gut du kleiner Flitzer…

Musik im Advent = Angelo Branduardi

Seit ich verheiratet bin und den Advent gemeinsam mit meiner Frau feiere, gehört Musik von Angelo Branduardi dazu. Obwohl sie ja gar nicht wirklich adventlich oder weihnachtlich ist. Wir haben sie trotzdem „alle Jahre wieder“ gehört…

Angelo Branduardi ist in diesem Jahr 70 Jahre alt geworden. Er tritt aber nach wie vor auf, arbeitet an vielen Veröffentlichungen und widmete sich unter dem Titel „Futuro antico“ einer Art Bestandsaufnahme italienischer Volks- und Festmusik aus der Zeit der Ranaissance und des Barock. Er steht in der Tradition der alten italienischen Troubadore und wurde in Deutschland in den achtziger Jahren durch sein Lied „Cogli la prima mela“ bekannt und beliebt. Auch „La pulche d’Acqua“ werden viele von Euch im Ohr haben.

Angelo Branduardi

Einer ist der Tod, nichts weiter, nichts mehr. Zwei sind die Ochsen im Gespann. Drei Teile hat die Welt, und vier Steine hatte Merlin, um die Schwerter der Helden zu schärfen. Fünf sind die Alter des Lebens und sechs sind die Kräuter im Kessel. Sieben Tage, sieben Nächte hat die Woche. Acht Feuer werden entzündet im Mai und neun Mädchen tanzen im Mondlicht um den Brunnen. Zehn Schiffe zogen in den Krieg, aber von 300 Kriegern kehrten nur elf zurück. Zwölf Monate gibt es, zwölf Zeichen gab uns der Himmel. Dieser Krieg wird der letzte sein. Einer ist der Tod, nichts weiter, mehr nicht…

Auf dem Markt hat mir mein Vater für zwei Pfennige eine kleine Maus gekauft… So fangen Geschichten an; ganz unscheinbar. Aber dann frisst die Katze die Mäuse, und der Hund beißt die Katze, und der Stock verprügelt den Hund… Am Ende kommt sogar der Todesengel in diesem Lied vor, und keiner kommt ungeschoren davon…

Bereue nicht, nimm dir den ersten Apfel! Bleib stolz. Hinterfrage dich nie. Drücke ihn fest an Dich. Tanze dein Leben. Dein Freund wird dich anlächeln. Und glücklich sein, wenn er geht…

Der Kalender der Maya verkündet den Anfang einer neuen Welt. Und die Musik von Angela Branduardi führt die Zuhörenden dort hinein.

Von Zeit zu Zeit und immer wieder…

Warum existiert die Welt? Und warum gerade jetzt?

Von Zeit zu Zeit und immer wieder einmal frage ich mich, warum ich gerade jetzt lebe und nicht … sagen wir, hundert Jahre später, oder im Mittelalter, oder auch erst in einer Milliarde Jahren. Dieses Universum besteht seit 18 Milliarden Jahren, die Erde existiert seit viereinhalb Milliarden Jahren. Seit etwa 60 000 Jahren gibt es intelligente und sich ihrer selbst bewusste Menschen auf der Erde – warum bin ich jetzt hier, 1963 nach Christus geboren – und hoffentlich atme, denke und lebe ich noch dreißig Jahre mehr, bevor ich aus dieser Welt gehe und man meinen Leib begräbt.

Noch extremer wird die Frage, warum es die Menschheit als Ganzes gerade jetzt gibt. In den vier Milliarden der Erde könnten schon mehrfach intelligente Wesen, technisch versierte Spezies, vielleicht sogar raumfahrende Zivilisationen entstanden und wieder vergangen sein, die vielleicht nur wenige hundertausend Jahre existierten, bevor das Werden und Vergehen der Gebirge und der Ozeane und das Driften der Kontinente alle Spuren verwischten oder unkenntlich machten. Warum gibt es uns gerade jetzt?

Einige statistische Erklärungen könnten den Zeitraum eingrenzen: Im Universum ist nicht zu jeder Zeit Leben, wie wir es kennen, möglich oder wahrscheinlich. Das Leben und noch mehr die Entwicklung von Intelligenz ist an Materie gebunden: Stoffwechsel, Wachstum, Energieumsatz und Reproduktion sind nach unserem Verständnis Eigenschaften, die notwendig sind, damit man von Leben sprechen kann. All das setzt voraus, dass es neben Wasserstoff und Helium auch schwerere Elemente im Universum gibt, Materie, die der Astrophysiker alle “Metalle” nennt, obwohl auch Sauerstoff, Kohlenstoff und Stickstoff dazu gehören und auch die ganzen anderen Elemente…

Solche Metalle gibt es erst, nachdem die zweite Generation Sterne im Universum entstanden ist. Die schweren Elemente entstehen im Universum nur, wenn ein sehr massereicher Stern als Supernova explodiert und im Zeitraum von nur wenigen Minuten in ihrem Kern die Elemente produziert, die schwerer sind als der Atomkern des Eisenatoms. Auch wenn zwei Neutronensterne zusammenstoßen, werden aus ihrem Inneren die schweren Elemente freigesetzt. Die ganze Erde, alles in ihr, was schwerer ist als Eisen, ist buchstäblich Sternenstaub, war bereits einmal Teil eines anderen Sterns, der in einem unvorstellbaren Blitz seine Materie ins All verströmte…
Schwere, massereiche Sterne leben paradoxerweise viel kürzer als leichte, die mit einem milden Glühen über mehrere Dutzend Jahrmilliarden strahlen können, während die heißen, schweren Sterne schon nach einigen hundert Millionen ihren “Treibstoff” verbrannt haben. Dann erzeugen sie in einer gewaltigen Katastrophe eine stellare Gaswolke, die sich über viele Lichtjahre ausbreitet, während in ihrer Mitte ein Neutronenstern oder ein Schwarzes Loch zurückbleibt, ein letzter Rest eines einst strahlenden Riesen.

Bevor dies geschah, konnte im Universum kein Leben existieren. Und es gibt wohl auch ein zeitliches Ende für die Möglichkeit, das Leben im Universum existiert: Spätestens, wenn die Elementarteilchen zerfallen und keine Atomkerne existieren können, weil es keine Neutronen und Protonen mehr gibt, wenn nur noch Schwarze Löcher und Dunkle Materie im Universum existieren, wird es kein Leben mehr geben im Universum, weil die dafür notwendigen Bausteine verschwunden sind.

Trotzdem bleibt die Frage: Warum existiert gerade jetzt 18,5 Milliarden Jahre nach der Entstehung des Universums, Leben in unserer Galaxie? Gibt es solches Leben gleichzeitig auch auf anderen Planeten, die um andere Sterne kreisen? Und wird es vielleicht in Zukunft noch viel mehr Lebendiges im Weltall geben, wenn Sterne der dritten und vierten Generation existieren und die Menge an schweren Elementen in den interstellaren Gaswolken steigt?

Zurück auf die Erde: Auch hier könnte man sagen, die Wahrscheinlichkeit für meine (und Deine) Existenz ist gerade jetzt am Höchsten: Es gibt beinahe acht Milliarden Menschen auf der Welt. Diese acht Milliarden leben alle gleichzeitig, jetzt. Weil die Zahl der Menschen exponentiell wächst, gibt es jetzt mehr Menschen als je zuvor auf dem Planeten. Vor hundert Jahren lebte gerade eine Milliarde Menschen auf der Welt. Zur Zeit Luthers waren es weniger als 500 Millionen. Und zur Zeit Jesu, also in der beginnenden Bronzezeit, teilte er sich diese Welt mit weniger als 50 Millionen Menschen. Als Ninive starb und Atlantis in den Fluten versank, gab es weniger als zehn Millionen, und während der vielen Jahrtausende vor Beginn der schriftlichen Überlieferung der Geschichte, von denen wir nur durch verlassene Feuerstellen und Reste von Keramiktöpfen an ehemaligen Siedlungen wissen, gab es vermutlich nur ein bis zwei Millionen Menschen auf der ganzen Welt…

Alle Menschen, die vor 1900 n. Chr. geboren wurden, sind zusammen zahlenmäßig weniger als wir, die wir heute den Planeten bevölkern. Wir waren noch nie so viele. Darum ist allein die statistische Wahrscheinlichkeit höher, jetzt zu leben, als die Chance, hundert oder tausend Jahre früher zu leben.

Trotzdem erklärt das nicht den Einzelfall, also Dich oder mich.

Und unerklärt bleibt auch – wenn die Welt durch einen Urknall entstand, sich aus einer Singularität entfaltet hat – warum geschah das gerade dann? Warum nicht früher oder später? Diese Frage macht wohl keinen Sinn, denn die Zeit entstand ja erst mit dem Universum, ein “Früher” ist also ein sinnloser Begriff. Ebenso wie das “Später”. Trotzdem bleibt die Frage nach der Ursache der Welt, wenn man so will, die Frage nach dem “ersten Beweger”, nach dem “zureichenden Grund” für alles, was existiert. Eine Ursache des Urknalls innerhalb des Universums kann es nicht geben, denn dies entstand ja gerade erst in diesem Moment. Warum also ist da Etwas, und nicht vielmehr Nichts? Und wenn nicht jetzt, wann dann?

Sankt Nikolaus und das große Schiff

Ich hab Hunger, Mama!“ sagte Aristo. Schon seit einer Woche hatte er nichts mehr zu Essen bekommen. Brot, Käse, Wurst und Butter – es war nichts mehr da, alles hatten sie längst aufgegessen. Zuletzt war da nur noch Graupensuppe, aber inzwischen waren auch die Graupen alle, und es gab gar nichts mehr. „Nicht einmal mehr Würmer!“ sagte Stephanus, sein älterer Bruder, der immer noch Kraft hatte, zu spotten und dumme Witze zu machen. Aristo fing dann immer an zu weinen. Wenn es nicht einmal mehr Würmer oder Käfer gab, dann würden sie bestimmt bald verhungern, Stephanus und Livia, seine Schwester, und Mama und Papa und er, Aristo, am Ende auch. Die Eltern machten immer ein ganz sorgenvolles Gesicht; niemand lachte mehr im Haus, und gesungen wurde auch schon lange nicht mehr. Nicht nur Aristo und seiner Familie ging es so schlecht; alle in seiner Straße hatten Hunger, und in der Nachbarstraße und in allen anderen Straßen in Myra war es genau so. Nicht einmal der Bischof, so sagte es seine Mutter, nicht einmal der Bischof hatte noch etwas zu Essen auf seinem Teller, wenn er nach den Gottesdiensten im Dom wieder nach Hause kam.

Das Wetter war einfach zu schlecht in Myra und in der ganzen Gegend Kleinasien. Zwar war es warm und die Sonne schien jeden Tag, und eigentlich war das gut, denn die Kinder konnten draußen spielen, sich verstecken und sich gegenseitig fangen; und das Meer war ja nicht weit weg, so dass sie auch baden konnten, schwimmen und tauchen; aber die Pflanzen auf dem Land waren alle vertrocknet und auch die Tiere waren verhungert, weil sie nichts zu fressen fanden. Es war eine Dürre, die alle Pflanzen und Tiere sterben ließ, es war einfach zu wenig Wasser da, und das Wasser aus dem Meer konnte man nicht nehmen, um den Tieren zu trinken zu geben und die Felder damit zu bewässern, denn es war zu salzig. Klebulon, der Bauer, hatte eines seiner Felder mit dem Salzwasser bewässert, und alle Pflanzen waren eingegangen, und wo sie gestanden hatten, war jetzt nur noch eine Wüste. Aber inzwischen waren alle anderen Felder und Äcker auch so trocken und staubig und leer wie die Wüste.

Nicht überall war Hungersnot. Oben im Norden, in Griechenland, hatten sie genug Wasser, weil das Eis und der Schnee hoch in den Bergen schmolz und als Wasser hinunter in die Täler strömte, und die Sonne ließ Weizen, Gerste, Hafer und Roggen wachsen wie im Paradies, und sie hatten Schafe und Ziegen da oben und sogar Rinder… Sie hatten so viel davon, dass sie es sogar verkaufen konnten. Jeden Tag brachen große Segelschiffe aus dem Hafen in Thessaloniki auf, bis unter das Deck voll mit Weizen und Fässern voller Öl und Wein und Oliven und Zucker und Honig. Die Schiffe fuhren nach Israel und nach Ägypten, wo es reiche Kaufleute gab, die viel Geld für diese Köstlichkeiten bezahlten…

Die Leute in Myra aber waren arm, sie konnten gar nichts bezahlen, und darum fuhren die Schiffe fast immer vorbei an ihrer Stadt. Wenn man sich draußen an die Hafenmole stellte und über das Meer hinaus schaute, konnte man manchmal die Segel dieser Schiffe sehen. Stephanus hatte ganz aufgeregt davon erzählt; er ging oft an den Hafen und hatte es selbst gesehen: Weiß und leuchtend zogen die Segel am Horizont entlang, bis sie in der Ferne verschwanden. Die Leute auf dem Schiff wussten nichts von dem Hunger der Frauen, Männer und Kinder in Myra.

Aber eines Tages ankerte ein großes Segelschiff im Hafen von Myra. Irgendetwas war auf dem Schiff kaputt gegangen, und die Seeleute konnten nicht weiter segeln, solange es nicht repariert war. Stephanus und Aristo liefen mit ihrer Schwester an den Hafen, gleich als sie davon hörten. Sie sahen Männer, die große Bretter durch den Hafen trugen und dort auf einen Stapel legten, das Schiff stand groß und stolz am Kai, die Segel gerefft und ordentlich zusammengebunden, und hob und senkte sich mit den Wellen. Sehr tief lag es im Wasser, man konnte sehen, dass es voll beladen war. Viele Kinder aus Myra waren auch da und schauten mit großen Augen hungrig und hoffnungsvoll auf das Schiff, aber die großen Kräne bewegten sich nicht, die Luken waren verschlossen und blieben es auch, nicht ein einziger Sack Mehl, nicht ein einziges Fass Öl wurde an Land gebracht.

Neben dem großen Gebäude, in dem die Hafenmeisterei arbeitete, stand ein Mann, ganz in weiße Gewänder gehüllt und mit einem zusammengewickelten Tuch auf dem Kopf. Er sah vornehm aus und war bestimmt sehr reich, er hatte einen dicken Bauch und einen vollen, eindrucksvollen pechschwarzen Bart, bestimmt hatte er noch nie im Leben gehungert. Aber jetzt sah er wütend aus, und seine dunklen Augen blitzten. „Nein, ich kann nichts von meiner Ladung hier abladen, nicht einen einzigen Sack. Auch die Amphoren und die Fässer sind alle abgezählt. Wenn auch nur eins fehlt, werde ich in Kairo wegen Diebstahls verurteilt. Die Kaufleute werden denken, ich sei ein Lügner und Betrüger, und ich werde nie wieder Handelsware über das Meer fahren. Wahrscheinlich würde ich sogar in das Gefängnis kommen. Es geht einfach nicht!“ Um den Mann herum standen Frauen und Männer aus Myra und weinten, jammerten und bettelten; aber der Kapitän – denn das war er, der Kapitän des großen Schiffes – aber der Kapitän ließ nicht mit sich reden. Obwohl er selber reich und vornehm war, hatte er Angst vor den mächtigen Kaufleuten Ägyptens.

Zuletzt aber kam der Bischof, Nikolaus von Myra. Klein war er, seine Haare und sein Bart waren grau und dunkelbraun war seine Haut, und das Alter und der Hunger hatten viele Falten und Runzeln in sein Gesicht gezeichnet. Seine schwarzen Augen leuchteten unter dicken Brauen hervor. Er war in ein einfaches graubraunes Tuch gehüllt und hatte eine schwarze Kappe auf dem Kopf. Er sah aus wie ein ganz gewöhnlicher Bauer oder Fischer aus dem Ort, er hätte auch Ziegenhirte sein können. Aber er hatte seinen Bischofsstab dabei, aus hellem Holz geschnitzt und mit einem weißen Fisch aus Elfenbein verziert. Ehrfurchtsvoll machten die Leute aus Myra für ihn Platz, als er auf den Kapitän zuging. Aristo und seine Geschwister standen still am Rand und versuchten, zu verstehen, was da besprochen wurde.

Der Bischof sagte zu dem Kapitän: „Ich bitte dich um Christi willen! Gib uns einen Teil deiner Ladung, damit wir zu essen haben! Die Frauen und Männer hungern hier seit Wochen, und die Kinder werden sterben, wenn sie nicht bald wieder etwas Nahrhaftes bekommen. Es geht zu Ende mit unserer Stadt – die Dürre wird der Tod sein für Myra!“ Aber auch vor dem Bischof Nikolaus änderte der Kapitän seine Meinung nicht. So, wie er vorher zu den Männern und Frauen gesagt hatte, antwortete er auch jetzt. „Ich kann dir und den deinen nichts geben. Wenn auch nur eine einzige Kiste fehlt, wenn ich in Kairo ankomme, wird man mich entlassen. Ich werde mein Schiff verlieren, meine Mannschaft, meinen Beruf und meine Ehre. Ich kann dir nichts geben.“

Mit diesen Worten wandte er sich ab und drehte dem Bischof den Rücken zu. Der aber sank auf seine Knie und betete: „Gott, unser Vater im Himmel, und Jesus Christus, unser Herr, Gott gleich und mit ihm in Ewigkeit verehrt und gepriesen, erbarme dich über uns. Sieh unsere Not und unser Elend, unseren Hunger und unseren Durst. Ohne dich, Gott, sind wir nichts; machtlos und schwach sind deine Geschöpfe, denn ohne deine Liebe und ohne deine Barmherzigkeit leben wir nicht einen einzigen Tag. Jeder Atemzug, den wir tun, ist ein Geisthauch von dir. Darum bitte ich dich, Gott: Zeige heute deine Kraft in unserer Mitte, wende das Herz derer, die von dir nichts wissen und deine Macht nicht kennen. Nimm denen die Angst, die nur auf ihr eigenes Vermögen vertrauen, und ermutige die, die der Verzweiflung nahe sind.“

Eine Zeit lang war es ganz still auf dem Platz vor der Hafenmeisterei. Alle Menschen hatten dem Gebet des Bischofs zugehört. Nun warteten sie darauf, ob etwas geschehen würde. Der Bischof kniete lange, mit geschlossenen Augen, und auch der Kapitän rührte sich nicht.

Dann richtete sich Bischof Nikolaus wieder auf und sagte zu dem Kapitän: „Ich verspreche dir: Wenn du uns jetzt und hier etwas gibst von dem, was dein Schiff transportiert – es wird nichts fehlen, wenn du in Kairo ankommst. Kein Sack, kein Fass, keine Amphore und keine Kiste wird dir fehlen. Es wird alles da sein, was die Kaufleute und Handelspartner von dir fordern. Ich verspreche dir das im Namen Jesu Christi und im Namen des Gottes, dem ich diene. Ich bin Nikolaus, der Bischof von Myra. Ich bitte dich!“

Ohne ein Wort ging der Kapitän zu seinem Schiff. Er nahm ein Stück Kohle aus einem Eimer, der dort stand, und machte damit einen schwarzen Strich in der Höhe der Wasserlinie an den Rumpf des Schiffes, genau dort, wo die Wellen des Hafenbeckens an das Holz schlugen. Dann stieg er die Leiter zum Oberdeck empor und gab dort einige Befehle an die Seeleute, die dort warteten. Nach kurzer Zeit setzte sich der Kran in Bewegung, und aus dem Schiff wurden einige Paletten mit Säcken voller Weizen, Roggen und Gerste abgeladen, dazu auch eine ganze Menge Fässer mit Öl und sogar eine Amphore mit Wein. Viel war es nicht, aber man konnte doch deutlich sehen, dass das große Schiff ein Stück leichter geworden war, der schwarze Strich aus Kohle lag jetzt eine gute Hand breit über dem Wasser.

Der Kapitän kam wieder herab zu den Menschen, die jetzt laut jubelten und ihm dankbar zuwinkten. Der Kapitän aber schaute mit finsterem Blick auf den Kohlestrich, der unmissverständlich zeigte, dass nun das Schiff leichter war und ein Teil der Ladung fehlte. Dann sah er Bischof Nikolaus ins Gesicht und murmelte: „Du hast mir etwas versprochen…“

Während das Schiff in Ordnung gebracht wurde und der Stapel mit dem Holzbrettern am Kai immer kleiner, verteilte Bischof Nikolaus Öl und Getreide an die Bewohner der Stadt. Heute würde es einen Grund zum Feiern geben, denn heute würden sie alle satt werden. Es blieben sogar einige Säcke Getreide übrig. Nikolaus gab sie dem Bauern Klebulon, Er sollte die Körner auf seinen Feldern aussäen, nur nicht auf dem, das er mit Meerwasser versalzt hatte.

Am Abend gab es ein Fest in der Stadt, auch am Hafen brannten Feuer. Die Leute hatten die Körner zu Mehl gemahlen, aus Mehl und Öl Brot gebacken, Nun sollte es ein Festessen geben. Nikolaus lud auch die Matrosen und Arbeiter von dem großen Schiff ein, aber niemand kam; auch der Kapitän nicht. Der lag in seiner Kajüte und konnte nicht schlafen, denn er machte sich Sorgen. In einer Woche wurde sein Schiff mit der ganzen Ladung in Kairo erwartet…

Am nächsten Morgen wurden die Segel gesetzt und ein kräftiger Wind blies das Schiff aus dem Hafen hinaus aufs Meer. Und am Tag darauf kam der Regen, der die Dürre beendete. Schwere Tropfen prasselten auf das Hafenpflaster, wo Bischof Nikolaus gebetet hatte, auf die staubigen Straßen, in denen Aristo und Stephanus und Livia mit ihren Freundinnen und Freunden spielten. Die Tropfen prasselten auch auf die Felder des Bauern Klebulon, wo in einigen Wochen grüne Pflänzchen ihre Blätter aus der Ackerkrume schieben würden. Und – schon ziemlich weit entfernt – prasselten die Tropfen auch auf das große Handelsschiff des Kapitäns aus Thessaloniki. Das Holz wurde nass, die Segel hingen feucht und schwer am Mast, und das Schiff sank tiefer in den Meeresspiegel. Es regnete vier Tage und drei Nächte. Als das Schiff nach einer Woche in den Hafen von Kairo lief, war der Kohlestrich wieder genau an der Wasserlinie, wo die Wellen gegen das Holz des Schiffes schlugen, genau da, wo der Kapitän sie im Hafen von Myra auf den Rumpf gezeichnet hatte…