Seid barmherzig…

Seid barmherzig, wie auch Euer Vater barmherzig ist.  Lukas 6, 36 *

Jahreslosung 2021 *

Gute Vorsätze

Viele Leute haben sich im vergangenen Jahr eine Smartwatch zu Weihnachten geschenkt. Das ist eigentlich ein winziger Computer, den man am Handgelenk trägt und der die Zeit anzeigt. Aber nicht nur das: Mit dem Handy über Bluetooth verbunden, zeigt er die letzten Emails und Nachrichten an, die man bekommen hat, und es vibriert, wenn jemand anruft. Er zählt mit, wie viele Schritte man am Tag tut, er kontrolliert den Herzschlag und zeichnet auf, ob man einen entspannten und erholsamen Schlaf hatte oder sich ruhelos im Bett hin und her gewälzt hat.

Die teureren Geräte können sogar den Blutdruck messen (keine Ahnung, wie das genau funktioniert) und erkennen Herzrhythmusstörungen und warnen dann, man sollte doch mal besser zum Arzt gehen. Sie können das Auto aufschließen, an Termine erinnern, mit Siri oder Alexa verbinden und einen durch die Großstadt ins nächste Kino navigieren…

Diese kleinen Geräte stehen in der Liste der beliebtesten Weihnachtsgeschenke ganz weit oben. Aber warum braucht man so etwas am Handgelenk, wenn man sowieso das Handy in der Hosentasche hat?

Da könnte es mehrere Antworten darauf geben: Erst einmal sehen die Dinge am Handgelenk fast immer richtig toll aus. Die Designer haben sich wirklich Mühe gegeben, so eine Smartwatch macht was her. Man konnte damit eine Zeit lang richtig schön angeben, aber seit ein paar Monaten gibt es auch bei Aldi solche Uhren für nur 50 Euro, da ist der Angeberfaktor nicht mehr so groß. Aber es ist immer noch ein schönes Spielzeug. Man hat immer etwas, an dem man herumfummeln und auf dem man herumdrücken kann. Es gehört wohl zur menschlichen – oder mindestens zur männlichen – Natur, dass man immer etwas zum Spielen braucht, früher war es der Rosenkranz oder die Zigarettenkippe, jetzt ist es das Handy oder eben die Smartwatch.

Für andere Leute ist so ein Schrittzähler und Fitnesscomputer am Handgelenk auch eine Art Herausforderung. Wer – so wie ich – körperlich eher etwas träge ist, kann sich zum Beispiel vornehmen, am Tag mindestens 10 000 Schritte zu tun.  Die Uhr zeigt dann an, wie viel Prozent des Tagesziels man schon erreicht hat. Und wenn man zu lang auf dem Sofa sitzt und liest oder fernsieht, summt sie kurz, und auf dem Bildschirm steht „Beweg Dich mal wieder!“

Für die ganz Mutigen gibt es sogar Websites, auf denen man in eine Art Wettbewerb treten kann; da kann  man seine Daten in eine weltweite Rangliste eingeben und sich dann darüber freuen, dass man in seiner Community mehr Schritte gemacht hat als 85,3 Prozent der anderen Teilnehmer. Manch einen motiviert so etwas. Und so ein bisschen Ehrgeiz ist ja auch gesund. Solange es nicht zur Sucht wird….

Auch das gibt es nämlich. Sich selbst zu optimieren, immer besser zu werden, immer schlanker, immer kräftiger, immer athletischer – das hat schon manchen Mann und so manche Frau in die Magersucht und andere Abhängigkeiten getrieben. Wer immer besser sein will, muss sich fragen, was denn eigentlich die Kriterien, der Maßstab für das Gute und das Bessere ist.

Wer so eine Smartwatch hat, tut sich meist nicht schwer mit den guten Vorsätzen für das neue Jahr. Sich mehr bewegen, abnehmen, früher Schlafen gehen, mehr Gemüse essen und weniger Fleisch, insgesamt gesünder leben – das nehmen sich viele vor, und es ist viel leichter gesagt als getan. Nun kann man wenigstens sehen, ob man sein selbst gestecktes Ziel erreicht hat. Dann piept die Uhr fröhlich, und man kann seinen Freunden stolz den hoch gestreckten Daumen zeigen. Gut gemacht!

Zehn Gebote

Vielleicht gibt es ja sogar auch in der Kirchengemeinde so etwas wie einen sanften Druck hin zu einer „Selbstoptimierung“? Gibt es Leute, die sich vorgenommen haben, in diesem Jahr öfter zum Gottesdienst zu kommen? Regelmäßiger zu beten? Öfter in der Bibel zu lesen? Gesangbuchlieder oder Psalmen auswendig zu lernen? Überhaupt ein besserer Christ zu sein? Wenn es einen Punktezähler für Frömmigkeit gäbe – würden Sie einen tragen?

Was sind denn eigentlich die Kriterien für „gutes Christsein“?

Manch einem fallen da die zehn Gebote ein. Wenn es um die Frage nach christlichen Werten geht, werden sie oft zitiert: Du sollst den Feiertag heiligen, Vater und Mutter ehren, die Ehe nicht brechen, nicht lügen, stehlen oder betrügen, du sollst nicht neidisch sein und zufrieden sein mit dem, was Du Dir erarbeitet hast.

Ist es das schon? „Tue das, und Du wirst leben!“? Jesus selber sagt das einem jungen Mann, der ihn nach dem Weg in das Reich Gottes fragt. Und er sagt noch dazu: „Willst Du vollkommen sein, so verkaufe alles, was Du hast, und gib das Geld den Armen. Dann komm und folge mir nach.“ Auch in dem Zusammenhang, in dem die Jahreslosung im Lukasevangelium steht, werden solche harten Forderungen aufgestellt: Liebt Eure Feinde. Haltet auch die andere Wange hin, wenn euch jemand schlägt. Wenn einer dir den Mantel klaut, gib ihm dein Portemonnaie gleich noch dazu. Wenn ihr etwas verleiht, fordert es nicht zurück. Verurteilt niemanden, dann werdet ihr auch nicht verurteilt. Und gebt dem, der euch um etwas bittet, gern, großzügig und reichlich, ohne eine Gegenleistung zu erwarten.

So radikal konnte Jesus sein. Kein Wunder, dass sich der junge Mann, der ihn nach den Weg des Lebens gefragt hatte, enttäuscht abwendet. Aber wenn gutes Christsein so schwer ist, wer kann den dann überhaupt in den Himmel kommen? Viel leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr! Was werden wir tun?

Kompromisslosigkeit

Glaubwürdiges Christsein beginnt da, wo das Doppelgebot der Liebe gilt: „Du sollst Gott lieben mit ganzem Herzen, mit deinem ganzen Denken, Fühlen und Wollen – und Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst.“ Darin liegt das ganze Gesetz, das ist alles, was Gott will – so sagt es Jesus selbst.

Du sollst Gott alles bestimmen lassen und nicht selbst Gott sein wollen an der Stelle Gottes – so schreibt es Luther und mit ihm viele andere Theologinnen und Theologen. Was dies in der Praxis, im Alltag bedeutet, ist trotzdem nicht leicht auszumachen, und es gibt viele Situationen, in denen der Weg nicht klar ist und wir nicht wirklich einen freien Willen haben.

Im Zusammenhang der Texte um die Jahreslosung geht es um den Umgang mit dem Geld – ist es denn wirklich möglich, da ganz los zu lassen, wie es die Autoren des Lukasevangeliums fordern? Wir sind ja eingebunden in Systeme, tragen Verantwortung für Familienmitglieder, Gebäude, Fahrzeuge, Mitmenschen und für die Gesellschaft. Nicht jeder kann zum Bettelmönch oder zum Einsiedler werden, und sogar die haben nur überleben können, weil sie von einer funktionierenden Gemeinschaft aufgefangen und mitgetragen und unterhalten wurden. So war es für einzelne möglich, gewissermaßen stellvertretend für alle, kompromisslos zu leben und auf Geld zu verzichten – sie konnten sich auf die Gnade Gottes verlassen und darauf, dass die Bauern aus der Umgebung sie ernährten und die Landesfürsten ihre Gebäude und Reisekosten und so weiter finanzierten.

Bis heute ist es so, dass die Kirche weitgehend von den Kirchensteuern finanziert wird, die ihre Mitglieder zahlen – auch jene, die nie in den Gottesdiensten oder in den Gruppen und Kreisen der Gemeinden auftauchen – und darüber hinaus von staatlichen Stellen unterstützt, die die soziale und diakonische Arbeit der Kirche schätzen; den Dienst, der sonst von der Gesellschaft übernommen werden müsste.

So wird die Kirche und so ist jeder einzelne glaubende Mensch aber Teil eines Systems, das einerseits Gutes bewirkt und andererseits äußerst kritisch zu sehen ist, weil es auf Prinzipien beruhen kann, die nicht christlich, moralisch zweifelhaft und manchmal auch lebensfeindlich sind. Die Sünde, die Gottesferne, die Ichbezogenheit dieses Systems färbt sozusagen auf die Kirche und die einzelnen Gläubigen in ihr ab – dem kann niemand sich entziehen, solange er „in der Welt“ ist.

Ähnliches gilt für Probleme, die mit der „Bewahrung der Schöpfung“, mit den Menschenrechten und mit der Frage nach globaler Gerechtigkeit zu tun haben.

Zweierlei Maß

Es gibt in der Kirche Gruppen, die in manchen Fragen kompromisslos sind und in ihnen den status confessionis sehen, als den Punkt, an dem sich entscheidet, ob jemand zu Gott gehört oder nicht. „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein!“ hieß es in den Siebziger Jahren, als es um die Stationierung von Atomwaffen in Deutschland ging. „Man lässt niemanden ertrinken! Punkt!“ wurde im Abschlussgottesdienst des letzten Kirchentages gepredigt, und so richtig dieser Satz ist, verwehren sich die meisten Staaten im christlichen Abendland gegen die Aufnahme von Flüchtlingen aus Syrien, Jemen und Nordafrika und rechtfertigen mit zweifelhaften Gründen ihre moralische Bankrotterklärung. Da ist dann doch wieder jedermann sich selbst der Nächste.

In vielen Fragen ist sich auch die weltweite Kirche nicht einig, sie versagt sogar bei ganz internen Fragen wie der gemeinsamen Abendmahlsfeier und der gegenseitigen Anerkennung der „Priesterweihe“ bzw. der Ordination, die vor allem dann Problematisch gesehen wird, wenn auch Frauen Bischöfin oder Pfarrerin werden können. Die Frage nach der Anerkennung von Homosexuellen ist hier noch ausgeklammert und der Status zwischengeschlechtlich lebender Menschen nicht einmal erwähnt.

Groß im Gerede ist auch der Umgang mit Menschen innerhalb der Kirche, die Schutzbefohlene sexuell, emotional oder auch in einer Art kranken Spiritualität ausgebeutet und missbraucht haben. Zwar gibt es inzwischen in allen Kirchen inzwischen Beauftragte und Krisenstäbe, die diese Fälle aufklären und „bearbeiten“ sollen, aber es geht schleppend und unendlich mühsam voran, und ein gerechtes und vorurteilsloses Verfahren ist oft nicht gewährleistet – Täter haben kaum schwerwiegende Konsequenzen zu fürchten, für die Opfer gibt es kaum eine glaubhafte Entschuldigung und keinen Ausgleich, der mehr ist als eine erneute Beleidigung und Kränkung…

Genug der Beispiele! Es gibt wohl kein richtiges Leben im Falschen! Manchmal kommt es mir so vor, als ob es auch hier eine Art Angeberfaktor gibt: Moralisch einwandfreies Verhalten ist ein hoher Wert, der nicht einfach zu halten ist; und wer sich angestrengt hat, der fühlt sich leicht im Recht, ein wenig von oben herab auf die zu blicken, die nicht so konsequent sind wie man selbst: Die, die sich immer irgendwie durch das Leben schummeln, die Raucher, die Alkoholabhängigen, kleine und große Kriminelle – man ist froh, dass man nicht so ist, hütet sich aber sehr, das laut zu sagen: Man kennt schließlich die Geschichte von dem Pharisäer und dem Zöllner im Tempel und man weiß, dass Bescheidenheit ja auch eine wichtige Tugend ist. Aber besser als die anderen fühle ich mich eben doch, das hebt ja auch das Selbstbewusstsein.

Unfehlbar

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist! – So heißt es im Lukasevangelium. Kompromisslose Frömmigkeit, gesetzliches Denken in der Kirche führt in eine Art Sackgasse. Jesus ermuntert seine Jünger, der Gnade Gottes zu vertrauen. „Wir liegen vor Dir mit unserem Gebet und vertrauen nicht auf unsere eigene Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.“ So heißt es in den Psalmen. Letztlich ist dies wohl die einzige Art, die uns bleibt, in Wahrheit Gott Gott sein zu lassen und nicht selbst Gott sein zu wollen. Denn das „richtige Leben“ können wir uns nicht erarbeiten und nicht erkämpfen.

Es kommt darauf an, die Gnade Gottes anzunehmen und als Begnadigte auch unseren Mitmenschen gegenüber gnädig zu sein.

Mir gefällt ein Satz, den leider kein christlicher Theologe geschrieben hat, sondern der aus der Feder des Dalai Lama stammt: „Die Welt braucht keine erfolgreichen Menschen mehr. Die Welt braucht dringend Friedensstifter, Heiler, Erneuerer, Geschichtenerzähler und Liebende aller Arten. Er braucht Menschen, die gut an in ihren Plätzen leben; Menschen mit Zivilcourage, bereit, sich dafür einzusetzen, die Welt lebenswert und menschlich zu gestalten.“

Barmherzigkeit ist eine Form der Liebe. Du bist verantwortlich für das, was sich Dir anvertraut hat, was Gott Dir anvertraut hat.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s