Sehnsucht nach dem Licht

Nun werden die Tage wieder länger.

Der Winter hat gerade erst angefangen, da ist mir das kalte naßgraue Wetter schon zuwider, und daß es immer erst gegen zehn richtig hell und um vier schon wieder dunkel wird, das schlägt mir wirklich aufs Gemüt.

Ich habe Sehnsucht nach dem Licht. Es wird mir leichter fallen, morgens aufzustehen, ich werde nicht ganz so viel Kaffee brauchen, um endlich in Fahrt zu kommen, und ich werde bessere Laune haben und mehr Freude bei der Arbeit. Wenn es hell ist, geht es mir einfach besser.

Ich weiß, daß es an ein paar ganz einfachen astronomischen Tatsachen liegt, daß im Winter die Tage so kurz sind. Die Achse, um die sich die Erde dreht, steht nicht gerade auf der Ebene, in der die Erde ihre Bahn um die Sonne zieht. Darum fallen die Sonnenstrahlen im Winter auf der Nordhalbkugel der Erde schräger ein, sie haben weniger Kraft. Die Sonne steigt nicht so hoch über den Horizont. Darum geht sie später auf und früher unter. Man kann das genau berechnen, auf die Sekunde. Aber seit der Wintersonnenwende ändert sich dieses Verhältnis wieder. Es wird noch eine ganze Weile kalt draußen bleiben, aber die Tage werden wieder länger, jeden Morgen geht die Sonne jetzt ein bißchen früher auf.

Licht ist lebensnotwendig. Diese Erfahrung ist so allgemein bekannt, daß das Licht zu einem Urbild, zu einer Metapher für die Sehnsucht der Menschen nach Sinn, Heilung und Erlösung geworden ist. Daß wir endlich Ordnung in unser Leben bekommen, daß wir die alten Fehler nicht immer wieder machen, daß etwas in uns – nein, daß wir ganz als Menschen neu und besser werden – ist das nicht der Antrieb zu den ungezählten „guten Vorsätzen“, die wir uns an Silvester vornehmen? Daß wir uns endlich einen Ruck geben und aus unserer Trägheit aufwachen, daß wir mit einer mutigen Anstrengung unsere Selbstsucht überwinden und etwas für andere tun – wie oft haben wir uns das geschworen, und dann blieb doch alles in den eingefahrenen Gleisen und in den gewohnten Grenzen! Daß es Licht werde in und bei uns, das ist – in einem Wort – unsere Sehnsucht!

Die Sehnsucht nach dem Licht – vielleicht war es diese Sehnsucht, die die Weisen, die Sterndeuter aus dem Morgenland dazu trieb, dem Stern zu folgen. Wir wissen so wenig über sie: nicht ihre Namen, nicht ihre Herkunft, wir wissen nicht genau, was sie eigentlich gesehen haben, und wir wissen nicht einmal, wie viele sie waren: alle Antworten auf diese Fragen hat spätere Tradition erfunden. Sie haben im Osten einen Stern gesehen, der ihnen sagte, daß im Lande der Juden ein neuer König geboren war. Nun waren sie gekommen, ihm zu verehren.

Astronomie, die Sternkunde, und Astrologie, die Sterndeuterei, waren damals nicht unterschieden. Die Babylonier haben sowohl mit der im heutigen Sinn wissenschaftlichen Forschung als auch mit Horoskopen und der Auslegung der Tierkreiszeichen gearbeitet. Nach dem Gesetz des Mose war den Juden das verboten, die Sterne nach der Zukunft und den Zeichen der Zeit zu befragen war ein Eingriff in die Vollmacht Gottes, die Sterne anzubeten war Abgötterei. Es war aber ein Stern in der Nacht, der in ihnen die Sehnsucht nach dem Licht weckte, der sie aufbrechen läßt und über alle Grenzen gehen.

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