Marginalien und andere Randerscheinungen…

Eins der schönsten Weihnachtsgeschenke, das ich jemals bekommen habe, war ein selbstgeschriebenes Buch. Als ich gerade volljährig geworden war, hat eine Freundin aus der Kirchengemeinde dieses Wunderbuch für mich geschrieben. Sie hatte Kurzgeschichten, Gedichte, Witze und Märchen gesammelt und mit der Hand in ein großes Notizbuch abgeschrieben – 52 Seiten!!! – und am Rand dann mit Buntstiften Bilder von Blumen, Tieren und Landschaften dazu gemalt, es war ein richtiges, kleines Kunstwerk. Dieses Buch habe ich geliebt.

Weil ich selbst fast nur noch auf dem Computer schreibe, ist für mich ein mit der Hand geschriebener Text, ein Brief, ein solches Buch etwas ganz Besonderes, beinahe so wie eine Umarmung von dem, der mir geschrieben hat. Durch dieses Buch bin ich immer noch mit meiner alten Freundin verbunden, auch wenn ich sie seit dreißig Jahren nicht mehr gesehen habe.

Ein besonderes Erlebnis war es für mich, ein fünfhundert Jahre altes Buch in der Hand zu halten, in dem an den Rändern der Seiten handgeschriebene Bemerkungen eines Gelehrten aus der Reformationszeit zu lesen waren… Während meiner Studienzeit in Tübingen habe ich dieses Buch ein paar Stunden lang lesen dürfen, ich musste dabei weiße Leinenhandschuhe tragen und einen Mundschutz… Das Buch selbst war gedruckt, in großen, tiefschwarzen Lettern, mit Blei gedruckt und nach einem halben Jahrtausend noch auf dem rauen Papier fühlbar, aber die Randbemerkungen in zierlichen Buchstaben hatte eine geübte und geschickte Hand mit einer sehr feinen Feder und schwarzer Tinte dazugesetzt.

Und auf einmal habe ich mich in diese Zeit geträumt, die so lange vergangen ist, in der noch niemand an Computeroder Elektrizität dachte, an Lichtsatz oder Siebdruck; eine Zeit, in der Demokratie nur etwas war, das man vor sehr langer Zeit in Griechenland ausprobiert hatte, und in der das Wort der Kirche die unhinterfragbare Wahrheit war – und ich habe daran gedacht, dass dieser Mann, der diese Randbemerkungen schrieb, einer der ersten Menschen in Deutschland war, der mit seinen Gedanken eine Veränderung in Gang setzte, die am Ende zur Aufklärung und zur Moderne führte…

Dieses Buch hat er zuerst in der Hand gehabt, und Hunderte Männer und Frauen nach ihm, und nun war ich der vorerst Letzte in dieser Reihe… Durch so ein Buch weht der Wind der Jahrhunderte, der Atem der Geschichte…“

Marginalien” nennt man solche Randbemerkungen. In alten Büchern findet man sie oft nachträglich ergänzt, sie sind Spuren eines Lesers, der für seine Nachfolger deutlich machen will, dass er eine abweichende Meinung hat, dass er – nach vielen Jahren weiterer Forschung – mehr und Besseres weiß, der vielleicht auch einfach nur in ein – freilich recht einseitiges – Gespräch mit den späteren Benutzern dieses Buches treten will: “Das habe ich mir dabei gedacht; und ich glaube, Du könntest es interessant finden…” (Leider reagieren die meisten Bibliothekare heutzutage sehr ungehalten, wenn man solche Notizen auf den Rand eines der kostbaren Bibliotheksbücher schreibt…

Ich habe aber schon manchmal kleine Zettel mit ein paar kurzen Sätzen darauf in Büchern aus der Stadtbücherei liegen gelassen – in der Hoffnung, dass ein anderer Leser siezur Kenntnis nimmt…)

Marginalien werden aber auch – besonders in wissenschaftlichen Büchern, zum Beispiel in Bibelausgaben, diefür das theologische Studium gedacht sind – gleich beim Drucken auf der Seite platziert; ähnlich wie Fußnoten und in den Text geschaltete Rahmen und Kästchen. Sie enthalten Informationen, die den im Haupttext dargestellten Gedankengang sinnvoll ergänzen (zum Beispiel Hinweise auf andere sinnverwandte Bibelstellen, auf hilfreiche Forschungsergebnisse der Religionsgeschichte oder auf interessante Textvariantenin anderen Bibelübersetzungen). Manchmal sind die Randbemerkungen in solchen Büchern interessanter und wichtiger als der eigentlicheText. Sie erklären nicht nur Dinge, die im Haupttext missverständlich oder unklar bleiben, sondern zeigen auch, wie spätere Generationen diesen Text verstanden haben und wie sie von ihm beeinflusst wurden.

Es ist überhaupt immer sehr hilfreich, die Randerscheinungen und Marginalien zu beachten. Auch auf Parties haben die “Mauerblümchen” oft die spannenderen Geschichten zu erzählen…

2 Gedanken zu “Marginalien und andere Randerscheinungen…

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