Chess for Fun and Chess for Blood

Mein Vater hat mir das Schachspiel beigebracht, als ich acht Jahre alt war. Zumindest hat er mir erklärt, wie man die Figuren zieht. Die Trippelschritte der Bauern, immer ein Feld weiter nach oben auf die andere Seite, nur am Anfang dürfen sie gleich über zwei Felder hüpfen. Die energischen Züge der Türme, nach hinten und nach vorne, nach links und nach rechts. Die verschlagenen Wege der Läufer, schräg über das ganze Feld, immer bleiben sie auf der selben Farbe. Die kuriosen Winkelzüge der Pferdchen, sie können sogar über andere Figuren springen, um überraschend Bauern oder Figuren zu schlagen. Die machtvolle Dame, auf die man immer gut aufpassen muss. Damals hat man dem Gegenüber noch gardez! gesagt, wenn man seine Dame angriff, ähnlich wie man mau! sagen musste, wenn man die vorletzte Karte ablegt. Und der König war die wichtigste Figur, auch wenn der eigentlich gar nichts konnte, immer nur ein Feld weiter in jede Richtung…

Mein Vater hat eine Ausbildung zun Tischler gemacht, und ich habe immer wieder sein Gesellenstück bewundert: Ein herrliches Schachbrett aus hellem und dunklem Holz, umrahmt mit Intarsien, feinen Einlegearbeiten. Das Holz war mit einer schützenden Glasplatte bedeckt, auf der man die Figuren hin und her schieben konnte. Wenn das Brett auf unserem Wohnzimmertisch lag, glänzte das Holz im Licht der Lampe und schien von innen her zu leuchten. Dies Schachbrett war das schönste, das ich jemals gesehen habe, und mein Vater war zu Recht sehr stolz darauf.

Ich betrachtete oft begeistert diese schöne Arbeit und wollte unbedingt auch dieses komplizierte Spiel lernen, das man darauf spielt.

Nach dem Umzug nach Braunschweig fand ich in einem kleinen Park in der Nähe ein großes Schachbrett aus weißen und roten Steinfliesen. Manchmal standen große Schachfiguren aus Plastik darauf, hohl und trotzdem ziemlich schwer, und höher als die Schäferhunde, die ihre alten Damen an ihren Leinen auf dem Gehweg in der Nähe vorbei zerrten. Wenn keine Erwachsenen da waren, spielten meine Schwester und ich dort, und gemeinsam schoben wir die roten und weißen Figuren über die Fliesen, ohne Plan und Ziel, nur aus Spaß.

Irgendwann erbarmte sich einer der Schachspieler und erklärte uns, was eine Eröffnung ist, dass man die Figuren nicht einfach irgendwo hin stellt, wo noch ein Platz frei ist und was „Schach matt“ eigentlich genau bedeutet. Nach einem halben Jahr habe ich dort im Park zum ersten Mal eine Partie gewonnen (oder man hat mich gewinnen lassen) und so machte das Spiel auf ein Mal noch sehr viel mehr Spaß.

Wieder ein paar Jahre später – wir wohnten jetzt in Berlin – organisierte einer der Lehrer an meiner Grundschule eine Schach-AG. Nach dem Schulschluss um halb zwei blieb ein Teil der Klasse zusammen, um auf einem großen Brett an der Wand die ersten Geheimnisse von Strategie und Taktik zu lernen. Wir lernten Endspiele, zum Beispiel wie man nur mit einem Bauern und dem König gegen den gegnerischen König gewinnt, oder wie man Remis hält, wenn der Andere einen Fehler macht. Ich lernte, was eine Bauernkette ist, was Zugzwang bedeutet und wie der berüchtigte „Schäferzug“ funktioniert. Zum ersten Mal spielte ich „richtiges“ Schach.

In der Oberstufe der Gesamtschule war keine Zeit mehr für Schach. Ich besuchte eine Astronomie-Gruppe und arbeitete mit anderen an Kunstprojekten im Fotolabor der Schule, ansonsten war ich an drei Tagen in der Woche in der Kirche aktiv.

Erst viele Jahre später, da war ich schon Student, fand ich wieder Freude an dem Spiel. Meine Freundin, mit der ich drei Jahre zusammen gewesen war, hat mich am Silvesterabend 1985 verlassen. Ich habe tagelang geweint, habe zwei Wochen kaum etwas gegessen und drei Monate mit Gott, dem Schicksal und dem Universum gehadert.

Dann habe ich zu mir selbst gesagt, daß die Trauer nichts nutzt und ich wieder unter Menschen muss. Ich trat in den Verein der Freunde der Wilhelm-Foerster-Sternwarte ein – und in den Schachverein „Schwarzer Springer Schmargendorf“, der sich aber nicht in Schmargendorf traf, sondern im Keller einer Villa in Berlin-Zehlendorf. Der Gründer und Leiter des Vereins hatte dort zwei Räume zum Vereinslokal ausgebaut: auf zwölf einfachen Tischen lagen ebenso viele Schachbretter bereit, an denen wir trainieren konnten, und es gab eine kleine Bar, wo man Bier oder Limonade trinken durfte und wo wir heiße Wiener oder Knackwürste mit Brot und Senf kaufen konnten.

Harald Hübner war ein Unikum, aber mit Leidenschaft begeistert für das Schachspiel. Er war es, der die vielen seltsamen Typen, die sich zweimal in der Woche in seinem Keller trafen, motivieren und zusammenhalten konnte. Ich hoffe, dass er noch lebt und dass es ihm gut geht. Auf seine ganz besondere Art ist er ein großer Menschenfreund, wie man sie selten findet… Für uns Klötzchenschieber wie auch für die erfolgreichen Kämpfer hat er sein Haus und sein Herz geöffnet.

Dort habe ich zweieinhalb Jahre meine Dienstagabende und meine Freitagabende verbracht. Meistens waren da so zwanzig ältere Männer zusammen, dazu drei, vier Jugendliche wie ich, und ab und zu waren auch ein paar Frauen dabei, aber eher unregelmäßig. Der Verein war eher klein, aber es gab fünf Mannschaften, die in den verschiedenen Klassen der Berliner Liga mitspielten. Nach einiger Zeit kam ich in die fünfte Mannschaft, die in der D-Liga spielte, also die Schwächste mit den Spielern, die noch ziemlich am Anfang standen. Immerhin habe ich da aber am ersten Brett gespielt und oft auch gewonnen.

An den Trainingsabenden haben wir entspannt zusammen gesessen und Holz hin und her geschoben, Partien im Schnellschach mit einer Viertelstunde auf der Uhr und Blitzpartien mit drei Minuten für jeden Spieler. Hinterher haben wir beim Bier die Partien analysiert, und die anderen zeigten mir, wo ich „gepatzt“ hatte und wo es bessere Züge gegeben hätte.

Die Spieler aus der ersten und der zweiten Mannschaft, die in der A-Liga mitspielen und auch im die Berliner Meisterschaft kämpften, schüttelten über uns nur die Köpfe. Wir spielten nur aus Freude am Spiel, genossen das Zusammensein, die Neckereien und die dummen Witze, die wir machten. Sie aber spielten für den Kampf, um des Gewinnens willen, und waren ziemlich verbissen bei der Sache. Sie spielten mit blutigem Ernst.

Die Schachfreunde waren schon ein komischer Haufen, vor allem alte Männer, die es genossen, abends mal aus ihrer Wohnung fliehen zu können und unter Leute zu kommen. Manche spielten schon ihr Leben lang, Manche erst seit Monaten. Manche waren eher schweigsam, aber die meisten alberten gerne und machten immer wieder die gleichen Sprüche, die ich bis heute im Ohr habe. Manchmal wurden die Gespräche aber auch tiefgehend und ernst, dann war das Schachspiel plötzlich Nebensache und es ging darum, einen Freund zu trösten oder seinen Sorgen zuzuhören…

Verliebt habe ich mich im Verein auch einmal, aber nur kurz, in eine junge Frau, Brigitte. Mir hat gefallen, wie fröhlich und selbstbewusst sie war. Sie war Mitglied in einem Tanzverein, hat auch bei Wettkämpfen getanzt. Einmal bin ich dabei gewesen und habe ihr zugesehen. Sie war gut, aber Wettkampftanzen finde ich irgendwie seltsam. Man tanzt doch miteinander und nicht gegeneinander. In den Schachverein hat sie nur einmal hinein geschnuppert.

Die Wettkämpfe der Berliner Liga fanden immer am Sonntagmorgen statt. Die sechs Spieler der fünften Mannschaft spielten immer abwechselnd in Zehlendorf und in der nächsten Woche bei dem gegnerischen Verein, in Wilmersdorf oder Wedding, in Tempelhof oder Neukölln. Die Spiele dauerten lang, jeder Spieler hatte zwei Stunden auf der Uhr für die ersten vierzig Züge und dann jeweils eine halbe für die nächsten zwanzig. In der D-Liga haben wir diese Zeit zwar nie ausgenutzt, aber es war oft schon drei oder vier Uhr nachmittags, wenn ich nach Hause kam.

Ich bin dann 1990 aus dem Verein ausgetreten, weil ich am Sonntag lieber in die Kirche gehen wollte. Und zum Training zu gehen ohne irgendwann auch im Wettkampf zu spielen – das war ja auch nicht so wirklich sinnvoll.

Inzwischen habe ich mehrere Computerprogramme, mit denen ich Schach spiele, aber es ist wirklich nicht das selbe, wie gegen Menschen zu spielen. Nicht nur, weil die Witze und die dummen Sprüche fehlen. Computerprogramme spielen kalt und logisch, und wenn man sie so einstellt, dass man überhaupt noch eine Chance gegen sie hat, bauen sie völlig unmotiviert absurde Fehler ein, die ein Mensch nie machen würde. Das macht keinen Spaß. Es fühlt sich demütigend an, als ob der Rechner einen aus Mitleid gewinnen ließe, so wie mich mein Vater auf dem Rasenschach im Park in Braunschweig gewinnen ließ…

Vor kurzem habe ich mich bei lichess.com angemeldet. Das ist der Treffpunkt für eine internationale Gemeinschaft von Schachfreunden, die wirklich kostenlos und ohne Verpflichtung ist. Man kann gegen Spieler aus der ganzen Welt antreten, normale Partien spielen oder auch Schnellschach, Blitz oder sogar Bullet-Schach spielen. Das ist sehr beliebt auf der Plattform, obwohl das meiner Meinung nach mit Schach nicht mehr viel zu tun zu tun hat, wenn jeder Spieler nur 60 Sekunden für die ganze Partie hat.

Man kann an Turnieren teilnehmen oder mit Freunden trainieren, Partien analysieren oder Schachrätsel lösen. Sogar virtuelle Schachclubs kann man da gründen. Hättet Ihr Lust?

Es ist schön, zu wissen, dass da am anderen Ende der Leitung auch ein Mensch sitzt, der sich voll Herzklopfen dem Kopf zerbricht über die kraftvollen Züge der Türme, die schrägen Wege der Läufer und die unerwarteten Hüpfer der Springer. Der seinen König schützen will, bis beim Gegner die Uhr abläuft oder wirklich ein schönes und kunstvolles Matt gelingt. Und selbst wenn man verliert, kann man noch ein paar Minuten chatten mit einer Spielerin oder einem Spieler aus einem fernen Land.

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