A night under the influence

Wenn ich nicht einschlafen kann, stecke ich mir die Earpods von meinem Handy in die Ohren und höre Musik. Gestern war es wieder einmal soweit. Ich war so wütend  – aus Gründen  – dass ich mich eingestöpselt habe, die Playlist „zurück in die 70er“ eingestellt habe und mich in die Teeny-Parties an meiner Grundschule geträumt habe. So wie es bei den Phantasiereisen in fast jedem Meditations-Podcast gemacht wird, stellte ich mir alles ganz bunt und bildlich vor und floh in meiner Imagination aus dieser komplizierten Gegenwart in eine Vergangenheit, die  – ehrlich gesagt – auch nicht viel weniger kompliziert war.

Irgendwann bin ich dann doch eingeschlafen, die Musik in meinen Ohren lief aber weiter und drang in meinen Schlaf und beeinflusste meine Träume…

…Ich war auf einem Abenteuerspielplatz, ein paar Minuten Fußweg die Straße runter von der Wohnung meiner Eltern. Die Kinder und Jugendlichen aus dem Viertel trafen sich da zum Spielen und um zusammen herumzuhängen. Man konnte sich Sägen, Hämmer und Nägel ausleihen und aus Holzbalken und Brettern, die da lagen, Hütten, Autos oder Flugzeuge bauen. Manchmal rückte der Materialwart auch eine Dose Farbe raus und man konnte sein Gebäude bunt bemalen. Danach konnte man in der Regel die Klamotten,  in denen man gekommen war, eigentlich nur noch weg werfen: das eigentliche Abenteuer im Zusammenhang mit dem Abenteuerspielplatz war fast immer, dreckig, müde und glücklich wieder zu Hause anzukommen.

In meinem Traum gab es dort auch eine Hütte,  in der es Comichefte und Bücher für die Leserinnen unter den Kindern gab… Ich bin dort hin gegangen und fand ein ziemlich zerlesenes Buch über die Geschichte Berlins und seiner Spielplätze…

Seltsam, wie detailliert meine Träume manchmal sind, ich habe viele Seiten aus dem Buch noch vor Augen: Fotos von den Studentendemonstrationen am Ku-Damm, Protest-Gottesdienste in einer Kirche in Kreuzberg, Hausbesetzungen, Friedensmärsche gegen Atomwaffen, und dazu Texte und Reportagen von Leuten, die alles das miterlebt hatten, die mit ihren Berichten auf ihre Weise protestierten gegen Wasserwerfer und Tränengas und was damals die Gesellschaft gegen den rebellischen Freiheitsdrang der Jugend aufgefahren hat…

Ich selbst bin nie so politisch engagiert gewesen, war nur zweimal auf Demonstrationen gewesen und bin dabei immer schon wieder gegangen, bevor es eng und brenzlig wurde. In Wirklichkeit saß ich damals mit den Konfirmanden aus meiner Kirchengemeinde im Garten oder im Strandbad und wir diskutierten über Petrus, Paulus und den Heiligen Geist… Aber die Musik wirkte in diesen Traum hinein und klang nach Sommer, Rock und der Sehnsucht nach einer besseren Welt.

Jetzt bin ich wieder wach und kann nicht weiter schlafen… Ich denke nach über das, was war, als ich fünfzehn war und eigentlich dauernd unglücklich verliebt, als ich ungefähr so gut tanzen konnte wie ein Zaunpfahl und mich die Mädchen ungefähr genau so interessiert angeschaut haben wie die Rauhfasertapete an der Wand. Wir hatten Angst vor der Invasion der russischen Armee und vor dem radioaktiven Staub aus Tschernobyl. Und als ich fünfundzwanzig war, war ich sehr glücklich verliebt, hatte Angst vor dem Waldsterben und vor dem Atomkrieg. Aber die Musik war gut, und wir haben Parties gefeiert und nachts am Lagerfeuer zur Gitarre gesungen.

Diese Zeit ist in meiner Erinnerung ein bunter Mischmasch aus Liedern und Gesprächen, aus Radtouren und Waldspaziergängen, Geburtstagsfeiern und Ferienjobs, Gottesdiensten und Zeltlagern, Schulunterricht und Kinobesuchen, Fernsehserien und Stadtbüchereien geblieben…

An was werden sich die Kinder und Jugendlichen erinnern, die heute zu Hause lernen sollen und immer nur eine Freundin oder nur einen Freund besuchen dürfen?

In ein paar Stunden soll ich in einem Familiengottesdienst eine Predigt halten. Ich habe mir vorgenommen, über die Geduld zu sprechen, dass manche Dinge ihre Zeit brauchen, bis sie wachsen können und reif werden, dass das Leben kaputt geht, wenn man ihm nicht den Raum lässt, den es braucht. Dabei kann ich die Sehnsucht und die Ungeduld der Kinder so gut verstehen, und auch die Not der Eltern, die sich jeden Tag sorgen um ihre Gesundheit und die Masken und den Abstand und ob es gut ist, Schule und Kindergarten offen zu halten.

Ein Jahr ohne Kino und Konzert, ohne Knutschen und Tanzen, in dem es schon ein Abenteuer ist, gemeinsam Eis essen zu gehen – es muss so schwer sein, in diesen Monaten ein Kind zu sein.

An welche Musik werden sie sich in vierzig Jahren erinnern, wohin werden sie sich träumen, wenn Traurigkeit und Wut in ihnen brennt?

Frühlingsanfang

Am 1. März ist Frühlingsanfang. Schon nach den ersten sonnigen und wärmeren Tagen schauen die Schneeglöckchen und die Krokusse aus der Erde; weiß und lila stehen sie auf den noch müde aussehenden Wiesen, denen die Lust auf Schnee so langsam vergeht.

Immer früher geht die Sonne auf, und abends bleibt es länger hell. Ich habe nicht mehr das Gefühl, dass es dauernd dunkel ist, wenn ich morgens zur Arbeit fahre und abends zurück komme. Es ist zwar meistens noch zu kalt, um ohne Mantel herum zu laufen, aber der Schal und die Handschuhe können im Schrank bleiben, bis sie im November wieder gebraucht werden.

Ganz deutlich spüre ich, dass etwas in der Luft liegt – etwas Neues fängt an, es steht schon in den Startlöchern: das Leben erwacht aus einem langen Schlaf. Die Vögel kehren aus dem Süden zurück, Gänse und Kraniche ziehen in Formationen nach Norden, und bald werden die Störche wieder da sein und ihre Nester ausbessern. Ungeduldig treiben die Bäume grüne Knospen, in denen die Blätter schon vom Sommer träumen, während der kalte Nachtwind noch die letzten vertrockneten Blätter vom vergangenen Jahr aus den Zweigen zupft.

Die Kinder aus dem Nebenhaus, die vor zwei Wochen noch ihre Schneemänner gebaut haben, spielen jetzt wieder an der Sandkiste, und ihr fröhliches Lachen glitzert zwischen den Bäumen hin und her wie silbernes Geflitter. Ihre Mütter sitzen auf der Bank daneben und lesen lächelnd in illustrierten Zeitschriften mit vielfarbigen Seiten. Dazu zwitschern die Spatzen im Busch hinter dem Spielplatz, froh darüber, dass sie wieder Gesellschaft haben.

Mit schwungvollerem Schritt gehen Menschen zum Einkaufen, sie machen wieder Pläne. Trotz der Masken sehe ich fröhliche Gesichter. Einige von ihnen werden sich bald verlieben – wer jetzt allein ist, wird‘s nicht lange bleiben…

Herr, es ist Zeit. Der Winter war sehr lang.
Ich habe Sehnsucht nach dem neuen Leben,
das wie Musik noch eben in der Luft erklang.

Schenk mir die Hoffnung, die mir Atem gibt,
nach langer Dunkelheit gib mir zurück das Licht,
gib mir den Glauben, der die Angst zerbricht
der mich vertrauen läßt, dass jemand noch mich liebt.

Wer jetzt allein ist, wird’s nicht lange bleiben.
Schon bald schlägt schneller jedes müde Herz.
Die Sonne leuchtet heller, es wird März.
Ein Liebesblick wird deine Traurigkeit vertreiben
Und nur Vergangenheit ist dann der Seelenschmerz…

von mir…

Die tausend Augen von Sol 3

Der Mensch ist ein Augentier. Netzhaut und Sehnerv sind so eng mit dem Gehirn verbunden, dass sie selbst schon ein Teil davon sind, eine Art „Ausstülpung“ der Grauen Masse in die Augenhöhlen hinein. Und die elektrischen Impulse, die durch das Licht auf der Retina erzeugt werden, reisen durch das ganze Gehirn, werden gefiltert und komprimiert, geordnet und zusammengefasst, bis sich im Innern ein Bild entwickelt von dem, was Außen ist. Vor Urzeiten hat sich der Sehsinn entwickelt, wurde immer weiter optimiert als die effektivste Methode der Primaten, auf lebensbedrohliche Gefahren zu achten und zu reagieren.

Unmengen von Daten werden hier in Sekundenschnelle verarbeitet, Eindrücke produziert, die schnelle, geradezu reflexartige Reaktionen ermöglichen. Natürlich lassen sich auch Augen täuschen, und der menschliche Sehsinn ist nicht der am meisten Entwickelte im Tierreich der Erde, aber er ist der Wichtigste für das Überleben im Alltag gewesen und bis heute geblieben.

Es ist nicht verwunderlich, dass auch die Forschungssatelliten und Raumsonden, mit denen Wissenschaftlerinnen und Astronomen den erdnahen Weltraum und das Sonnensystem erforschen, immer mit Kameras, Teleskopen und anderen Sensoren ausgestattet sind, die in einem bildgebenden Verfahren ausgewertet werden können. Magnetfelder, Temperatur, Strahlung und anderes wird gemessen und in einer Art Karte dargestellt. Am meisten beeindruckend finde ich als Laie die Fotos und Videoaufnahmen, die im Raum zwischen den Planeten und auf fremden Himmelskörpern entstanden sind.

The blue marble

Viele von diesen Fotos sind als Ikonen in das gemeinsame Gedächtnis des interessierten Teils der Menschheit eingegangen: das erste Bild der Erde in ihrer zerbrechlichen Schönheit als „Blue Marble“, das erste Bild von einem Astronauten in seinem Raumanzug, frei schwebend zwischen den Sternen, nur mit einem Kabel verbunden mit dem lebensspendenden Mutterschiff und natürlich das Bild der aufgehenden Erde über dem Horizont einer wüsten, staubigen und trockenen Mondlandschaft, aufgenommen kurz vor der ersten Mondlandung und dem Schritt, der nur ein kleiner für einen Menschen war, aber ein gigantischer für die Menschheit.

A man on the moon

Fünfzig Jahre später hat die Menschheit tausend Kameras ausgesandt, die im ganzen Sonnensystem Aufnahmen machen und Begeisterung und Staunen auslösen. Die Bilder werden im Internet verbreitet und jeder, der es möchte, kann sich ein Bilderbuch oder ein Fotoalbum zusammenstellen mit „Urlaubsbildern“ vom Mond, vom Mars, vom Saturn und vom Pluto und darüber hinaus in die Unendlichkeit…

Die Rover auf dem Mars haben Fotos gesendet, auf denen man einzelne Sandkörner erkennt, fast wirkt es, als ob man auf einer Decke an einem sonnigen Strand liegt und müde vom Lesen den Blick auf den hellgelben und rötlichen Staub richtet – eine Muschelschale wird man hier aber niemals finden.

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Mars-Rover Curiosity

Das vielfältige Muster von Wolkenbändern und Windwirbeln in der Atmosphäre des Jupiter stellt jede Bemühung irdischer Farbkünstler in den Schatten, man könnte eine Lebenszeit damit verbringen, zuzusehen, wie sich hier Chaos und Ordnung auseinander entwickeln, als ob das Prinzip der Schöpfung vom Anfang der Welt hier immer noch wirksam ist.

Streng geometrische Formen zeigen die Bilder der Cassini-Sonden vom Saturn, der den blassen Hintergrund bildet für das Wunder der Ring, über und unter denen die vielen Monde ihre Bahnen ziehen. Immer noch ist nicht wirklich zu verstehen, wie ihre Schwerkraft zu Entstehung und Erhaltung des Ringsystems beiträgt. Einer der Monde, Europa, ist der heißeste Kandidat für außerirdisches Leben im Sonnensystem, denn unter der kilometerdicken Eiskruste des Mondes könnte sich flüssiges Wasser befinden, erwärmt von den Gezeitenkräften, die der Riesenplanet in seiner Nähe bewirkt. Selbst wenn es da nur primitive Protozoen gäbe, könnte dort ein entscheidender Hinweis auf die Herkunft des Lebens auf der Erde zu finden sein.

The final frontier

Bis an die Grenze des Sonnensystems hat die Menschheit ihre fliegenden Augen gesandt. Wir haben das große Herz auf dem Pluto gesehen, die lockeren und löchrigen Eiskrusten in einem Kometenkern fotografiert und auf winzigen Felsen im Asteroidengürtel eine Sonde platziert, die noch in Millionen Jahren die Sonne umkreisen wird.

Unvergessen ist das Bild des „pale blue dot“, des blassen blauen Punktes, das aufgenommen wurde, als die Sonde Voyager das Sonnensystem verließ und die Kameras ein letztes Mal in Richtung Erde ausrichtete. Carl Sagan fand die ergreifenden Worte dazu, als er schrieb: „Dies ist unsere Heimat, dies ist der Ort, an dem alle Menschen gelebt haben, die es jemals gab.“

Schau dir diesen Punkt nochmal an.
Das ist hier. Das ist unsere Heimat.
Das sind wir.
Alle die du liebst, alle die du kennst,

alle von denen du je gehört hast,
alle menschlichen Wesen die es je gab,

haben hier ihr Leben verbracht.
Die Gesamtheit unserer Freuden und Leiden;
tausende von selbstsicheren Religionen,

Ideologien und wirtschaftlichen Glaubenslehren,
alle Jäger und Sammler, alle Helden und Feiglinge,

alle Zivilisations-Schöpfer und -Zerstörer,
alle Könige und Ackersleute,

alle verliebten jungen Pärchen, alle Mütter und Väter,
hoffnungsvollen Kinder, Erfinder und Entdecker,

alle Moral-Gelehrten und alle korrupten Politiker,
alle ›Superstars‹, alle ›absoluten Herrscher‹,
alle Heiligen und Sünder der Geschichte

unserer Art haben hier — auf einem
in den Strahlen der Sonne schwebenden

Staubflöckchen — existiert.

Carl Sagan

Nun ist wieder ein neues Auge gelandet, noch einmal auf dem Mars. Hier wird es nach Wasser und nach Spuren des Lebens suchen. Auch wenn es lang vergangen ist und nur noch vertrocknete Hüllen zu finden sein werden – im besten Fall – könnte es doch ein erster Beweis dafür sein, dass es nicht nur auf der Erde Leben gibt und dass wir nicht allein sind im Universum…

Wortschnecke / Rätsel in der Fastenzeit

Um dieses Rätsel zu lösen, druckst Du Dir am besten das folgende PDF aus.

In die Wortschnecke müssen 26 Begriffe eingetragen werden, angefangen bei dem Pfeil links oben. Jedes Wort beginnt mit dem letzten Buchstaben des vorangehenden Wortes, dieser beiden Worten gemeinsame Buchstabe darf in die Schnecke nur einmal geschrieben werden, also BEISPIELUFTSCHLOSS, nicht BEISPIELLUFTSCHLOSS.

Viel Spaß und viel Geduld!

Ruft am Sonntag zum Gottesdienst (12 Buchstaben)
Musik ohne Instrumente (6 Buchstaben)
Hier stand das Kreuz Jesu (8 Buchstaben)
Was Jesus und seine Jünger abends aßen, essen wir am Vormittag (9 Buchstaben)
Theologe aus Mallorca, geboren 1232 n. Chr. (Ich bin schon …. und lall (4 Buchstaben))

„Letzter Mann“ auf dem Fußballfeld (6 Buchstaben)
Macht meistens die Musik zum Gottesdienst (5 Buchstaben)
Zieht einen ganzen Zug und ist dabei so kurz (3 Buchstaben)
Hier schlägt die Glocke, hier tickt die Uhr (9 Buchstaben)
Nicht ganz rosa, nicht ganz pink – im Drucker, bei der Telekom (7 Buchstaben)

Wann fängt die Fastenzeit an? (14 Buchstaben)
Wenn man im Rätsel nicht weiter kommt, ist man dankbar für das (7 Buchstaben)
Scharf wie ein Messer, aber viel größer (7 Buchstaben)
Gottesgelehrter? (8 Buchstaben)
…. dies, dann das (4 Buchstaben)

Dreieckiges Musikinstrument (8 Buchstaben)
Dort steht das Regal – rückwärts (5 Buchstaben)
was ….. ist, muss auch ….. bleiben (5 Buchstaben)
An den hat Paulus zwei Briefe geschrieben (9 Buchstaben)
Man legt’s in die Erde, dann wächst die Pflanze (5 Buchstaben)

Wo Jesus die meiste Zeit lebte (8 Buchstaben)
Darauf passt der Schäfer auf (5 Buchstaben)
Tuff, tuff, tuff, die ……… da fährt der Zug ab (9 Buchstaben)
Maus, Hamster und alles, was einen Faden abbeisst (8 Buchstaben)
Wettreiten der Cowboys (5 Buchstaben)

viele Großmütter bringen dich in die Mitte (4 Buchstaben)

Mit dem Navi durch die Fastenzeit…

„Wir müssen unbedingt abnehmen…“ sagt mein Navi zu mir. „Ich passe schon in keine meiner Hosen mehr, und wenn wir in den Urlaub fahren, möchte ich nicht aussehen wie Meister Propper im Bikini!“ Komischerweise sagt mein Navi immer, wenn es ums Abnehmen geht, „wir“. Dabei habe ich mit dem „ich“ eigentlich kein Problem; aber ich habe gelernt, dass es eine typisch weibliche Idee ist, dass es beim Abnehmen nie nur um eine Person, sondern immer um mehrere geht. Frauen gehen ja auch nie allein (ohne ihre Freundin) auf die Toilette. Und sie machen allein (ohne ihren Ehemann) keine Diät. Abnehmen im Singular geht gar nicht, sonst ist man als Ehemann schnell single, zumindest vorübergehend. Abnehmen ist ein Wort, das es für Frauen nur im Plurale tantum gibt, wie „Eltern“ oder „Geschwister“ oder auch „Ferien“ und „Masern“.

„Die Fastenzeit ist doch eine prima Chance, mal ein paar Kilo abzunehmen…“ säuselt sie; und erhebt dabei auch gleich die moralische Keule: „Du musst doch als Pfarrer Vorbild sein für Deine Gemeinde… Schau dich doch mal an, Du passt ja nicht einmal mehr in deinen Talar, und der ist Größe XXXL!“

Ich bin mir nicht ganz sicher, wie es um die Ernährungsgewohnheiten meiner Gemeinde in und außerhalb der Fastenzeiten steht, aber eins weiß ich: Ich würde niemals irgendeines meiner „Schäfchen“ als dick bezeichnen. Vorbilder, was das Essen angeht, brauchen sie gewiss nicht. Es gibt da Vegetarier und Veganer, Leute, die während der Fastenzeit eine Schokoladen-Diät machen und andere, die sich nachweislich seit Jahren nur von Meeresalgen ernähren, manche essen einmal die Woche bei McDoof und andere nur in den Ratsstuben – aber nicht ein Einziger von ihnen entwickelt da einen missionarischen Eifer, wenn es um die individuellen Essgewohnheiten geht, und jeder lässt die anderen nach ihrer Façon satt und selig werden… Deshalb gibt es in meiner Gemeinde auch vergleichsweise wenig Leute mit latenten oder manifestierten Essstörungen; und ich beobachte das ziemlich genau.

Aber mein Navi ist überzeugt, dass mir zehn Kilo weniger ausgesprochen gut zu Gesicht stehen würden; und überhaupt heißt bei Ihr „Wir müssen abnehmen…“ immer „Mach endlich mal was gegen Deinen Bierbauch!“ Sie versucht gar nicht erst, mich zu missionieren, sie wirbt und schmeichelt nicht, sie geht einfach davon aus, dass ihr ausgeklügeltes Diätsystem ein Angebot ist, dass ich gar nicht ablehnen kann

Wenn ich aber jetzt Ja zu ihrem „Fastenprojekt“ sage, interpretiert mein Navi das als Versprechen, dass ich für die nächsten sieben Wochen meine ernährungstechnologische Selbstbestimmung komplett an sie delegiere. Als erstes macht sie dann nämlich einen Plan…

Der Fitness-Guru, den sie verehrt, behauptet in diesem Jahr, dass es gesund ist, die täglich „erlaubten“ Kalorien, Fette, und Kohlehydrate auf fünf Mahlzeiten am Tag zu verteilen. Letztes Jahr hat er noch behauptet, am Besten sei es, überhaupt nur morgens etwas zu essen und dann den Rest des Tages gar nichts mehr; aber dieses Jahr ist wieder alles anders; man muss ja neue Bücher schreiben und verkaufen können. Es gibt also in diesem Jahr in der Fastenzeit ein erstes und ein zweites Frühstück, einen Mittagshappen und eine Zwischenmahlzeit am Nachmittag und dann noch eine herzhafte Vesper am Abend.

Soweit klingt das ja gar nicht schlecht; aber um meine Not zu verstehen, muss man wissen, dass die „erlaubte“ Dosis beim Frühstück beim Frühstück ein halbes Brötchen mit einem Löffel Kräuterquark ist. Dazu gibt es Kräutertee. Keine Butter, keine Marmelade, kein Ei, und schon gar nicht Nutella. Aber es gibt ja noch das zweite Frühstück? – Nichts da, das besteht aus einem kleinen Glas Orangensaft mit einem Spritzer Möhrensaft darin, damit es nicht zu lecker schmeckt. Und das ist schon alles. Mittag? Ein paar Weintrauben und eine halbe Birne. Nachmittags? Ein paar Löffel Joghurt mit einem bisschen Honig. Nur abends gibt’s richtiges Essen: ein kleines Schnitzel – unpaniert – mit geschmacklosen Schwarzwurzeln und einer fettarmen Bechamelsoße…

Das ist der erste Tag, und die nächsten vierzig geht es dann ungefähr in der selben Preisklasse weiter. Jeden Tag nicht mehr als 1400 bis 1600 Kalorien… So nimmt man ab und bleibt glücklich und gesund dabei. Sagt der Guru, der breit grinsend von der Rückseite seines Kochbuchs auf einen verzweifelnden Ehe-Menschen schaut… Der ist wahrscheinlich vor allem glücklich über die Tantiemen, die er als Schriftsteller bekommt; mit diesem Geld kann er dann in seine Lieblingspizzeria gehen und… Oh, ich mag gar nicht daran denken!

Das Fasten plant mein Navi ganz akribisch und schreibt mir dann gleich die zu diesem Speiseplan passenden Einkaufslisten. Denn wenn an irgendeinem Tag ein Rest bleibt, weil wir für das Essen nur eine halbe Packung Spinat brauchen, dann gibt es spätestens zwei Tage danach wieder Spinat, sonst wird der ja schlecht, und Reste weg zu werfen, das ist ja so ziemlich das Gegenteil der Idee des Fastens. Alles soll genutzt und verbraucht werden.

Wehe also, ich schleiche mich in der Nacht mit knurrendem Magen an den Kühlschrank und „sündige“ mit einer oder zwei Scheiben von der fettarmen Mortadella – dann merkt sie das am nächsten Tag sofort und jammert „Aber die Wurst wird doch am Freitag für den Birnen-Käse-Toast gebraucht! Du hast ja mal wieder GAR KEINE Selbstbeherrschung! Kannst du dich denn nicht einmal wenigstens zusammenreißen?“ Ich meine ja: Wenn Gott nicht gewollt hätte, dass man nachts was aus dem Kühlschrank nascht, warum hat er dann eine Lampe darin eingebaut?

Systemrelevant?

In den Jahren, in denen ich als Teamer im Konfirmandenunterricht mitgearbeitet habe, waren dort Argumentations- und Diskutierspiele beliebt und berüchtigt: allen voran das „NASA-Spiel“. Die Konfirmandengruppe sollte sich vorstellen, sie sei während einer Mondmission mit ihrem Shuttle abgestürzt. Das Raumfahrzeug ist nicht mehr einsatzbereit und verliert Luft, das Funkgerät ist tot, bis zur rettenden Mondbasis sind zweihundert Kilometer Wegstrecke zu überwinden. Fünfzehn mehr oder weniger nützliche Gegenstände können die Havarierten bergen. Da sind ein paar Flaschen mit Sauerstoff, Streichhölzer und eine Taschenlampe, ein langes Stück Seil, eine Pistole und andere Dinge. Was ist nun absolut wichtig und lebensnotwendig, was ist brauchbar und nützlich und was ist völlig unnötig?

Ich kann mich erinnern, dass in den meisten Gruppen die Konfirmandinnen und Konfirmanden leidenschaftlich und engagiert über dieses Thema diskutiert haben und dass manchmal sogar noch nach der Unterrichtsstunde weiter gestritten wurde. Natürlich ist Sauerstoff die wichtigste Ressource, aber ob man eher die Taschenlampe dabei haben sollte oder doch eher einen großen Spiegel, darüber lässt sich trefflich streiten .

Ähnlich erscheinen mir die aktuellen Gespräche um die Frage, was in dieser Zeit systemrelevant ist…

Überhaupt: schon dieses Wort ist eine Zumutung. Jeder führt es jetzt im Mund und trägt es in Zoom-Konferenzen, Talkshows, Zeitungskolumnen und Podcasts; und jeder tut so, als wäre völlig klar, was gemeint ist. Systemrelevant ist, was für die Allgemeinheit überlebenswichtig ist. Für NASA-Astronauten ist Treibstoff, Sauerstoff, Lebenserhaltung und Navigation systemrelevant. Ohne die grundlegenden Ressourcen wäre die Expedition nach der Katastrophe am Ende.

Aber wenn es um die Covid-Pandemie geht – was ist dann überlebenswichtig? Welches System muss da gerettet werden? Vonn welcher Allgemeinheit wird da geredet? Und nach welchen Kriterien werden die zur Verfügung stehenden oder noch zu findenden Ressourcen bewertet? Welches Ziel muss erreicht werden, damit das grundlegende Problem gelöst ist?

Das Wort „systemrelevant“ kommt ursprünglich aus einem ganz anderen, ganz bestimmten Zusammenhang; zuerst verwendet wurde es 2009 in Berichten über die Bankenkrise nach dem Platzen der Immobilienblase. Manche Banken und Zusammenschlüsse waren zu groß und zu wichtig, um zu zerbrechen oder Pleite zu gehen – wenn sie nicht überleben, könnten ihr Wegfall die ganze Volkswirtschaft destabilisieren und eine Inflation auslösen. „Too big to fail“ war damals der Slogan, mit dem milliardenschwere Subventionen für die Bankenkonsortien gerechtfertigt wurden.

Wenn im Zusammenhang mit Covid von der Systemrelevanz von Berufsgruppen, wirtschaftlichen Angeboten und gesellschaftlichen Strukturen geredet wird, ist deren Wert und die Wichtigkeit oft nicht wirklich klar ersichtlich. Emotionale und ideologische Wertmaßstäbe überlagern die Einschätzungen von Wissenschaftlern, Ökonomen, Sozialwissenschaftlern; und Politikerinnen und Politikerinnen lassen sich oft von sachfremden und unangemessenen Vorstellungen leiten. Neben die Wahrheit der Ärzte und Virologen tritt die „gefühlte“ Wahrheit der Hotelbesitzer, Restaurantchefs, Konzernleitungen und Künstlerinnen und Künstler. Und natürlich auch die der „Bevölkerung“, die sich an die Empfehlungen der Wissenschaft und die Vorschriften der Politik halten sollen und nur mit Tränen in den Augen auf Kino und Friseurbesuche verzichtet.

Auch hier ist das Gefühl oft weit von einer nachvollziehbaren und messbaren Wirklichkeit entfernt – ich verstehe immer noch nicht, warum so viele Menschen am Beginn der Pandemie ausgerechnet Klopapier gehortet haben – und nicht Batterien, USB-Sticks oder Luftfilter…

Ich verstehe, dass viel über Kindergärten und Schulen gesprochen und auf allen Ebenen darum gerungen wird, wann und wie die Kinderbetreuung geregelt wird – Kinder sind in einer bedenklichen Situation. Sie brauchen Kontakt zu Gleichaltrigen, brauchen Anregung und Herausforderung, die Chance, etwas zu lernen, sich zu entwickeln und geistig wie mental zu wachsen. Monate und Jahre mit einer Beschränkung ihrer sozialen Kontakte zu leben hindert sie in einer natürlichen Entwicklung und erzeugen nicht mehr zu füllende Lücken in ihrem Lebenslauf. Eine verlorene Jugendzeit lässt sich nicht nachholen. (Dies betrifft aber die Kinder von Geflüchteten, Menschen in prekären Lebenssituationen und in schwierigen sozialen Verhältnissen schon seit vielen Jahren…).

Zu oft geht es aber vor allem darum, dass ihre Eltern möglichst schnell wieder an ihre Arbeit gehen können – ob die Betreuung der Kinder die nötige Qualität hat, mit den besonderen Belastungen der Pandemie sinnvoll umzugehen, ist oft nur zweitrangig. Hauptsache, Mama kann wieder an der Kasse stehen und Papa am Fließband.

Und: Nicht nur Schulen, Büros und Fließbänder sind Systemrelevant – Kunst und Kultur wird sträflich vernachlässigt, nicht nur das „kohlenstoffliche“ Live-Programm in Kinosälen und Opernhäusern, sondern auch in den Massenmedien. Bis auf eine daueraufgeregte Berieselung mit Katastrophenmeldungen findet nur wenig Nachdenkliches im Fernsehen oder im Radio statt, dass sich mit Chancen und Risiken der Verwandlung unserer Gesellschaft auseinandersetzt. Es gibt keine Vorbilder, keine Leitfiguren und keine Personen in einer spannenden Serie, mit denen man sich identifizieren kann, – die reißerischen Dramen über die gesellschaftlichen Folgen einer Virusinfektion oder den Zusammenbruch der grundlegenden Infrastruktur eines Landes im Zusammenhang mit einer Pandemie stammen noch aus dem vorigen Jahrzehnt. Statt dessen such Deutschland immer noch nach dem nächsten Supermodel und überlegt, wer als Nächstes aus dem Dschungelcamp fliegt.

Und die Kirche? Nirgends wird gefragt, ob Gottesdienst, Seelsorge, Hausbesuche von Pfarrerinnen oder Priestern systemrelevant sind und auf ihre Weise zu einer stabileren Grundverfassung der deutschen Psyche beitragen könnten…

Pfarrerinnen und Pfarrer, Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädagogen haben oft jahrelange Erfahrung im Umgang mit trauernden, bedrückten und verunsicherten Menschen, helfen in Extremsituationen und geben Beistand in schweren Belastungen. Sie helfen Menschen, sich mit dem Tod von Verwandten und mit ihrer eigenenSchwäche und Sterblichkeit auseinander zu setzen. Viele haben sogar eine spezielle Ausbildung zur Seelsorge und „Intervention in Krisensituationen“, wie sie auch Rettungswagenfahrerinnen und die Teams des Katastrophenschutzes haben. Und oft haben Geistliche Worte, die aufbauen und motivieren, Worte, die mehr sind als Durchhalteparolen. Dieser „Schatz“ an Kompetenz in der Kirche wird zur Zeit größtenteils nicht genutzt und liegt brach.

Ich verstehe auch die „ganz normalen“ Sonntagsgottesdienste als Orte der Seelsorge. Zwar haben viele Menschen immer noch das Vorurteil, Gottesdienste seien langweilig und dem Gestern verhaftet – das sagen aber meistens Leute, die schon seit zehn Jahren nicht mehr selbst an einem Gottesdienst teilgenommen haben. Ich selbst erlebe viele Gottesdienste in der Kirche, die zeitgemäß, interessant, problemorientiert, wichtig und aufbauend sind. Musik, Gesang, Liturgie, Verkündigung und vor allem die Gemeinschaft mit anderen Gottesdienstbesucherinnen und -besuchern bilden hier eine Mischung, die gerade jetzt für Viele eine hilfreiche Anregung und Stütze sein könnte.

Die Gottesdienste meiner Kolleginnen und Kollegen im Fernsehen, auf den bekannten Seiten im Internet oder auch in den Kirchengemeinden, die sich die Mühe geben, Andacht und Verkündigung im Netz zu veröffentlichen, sind für mich eine faszinierende Möglichkeit, die Vielfalt zu erleben, die gerade jetzt möglich wird und in der Kirche begeistert praktiziert. Kein Einzelner kann alles, aber gemeinsam können wir sehr viel. Und ich habe erlebt, das Pfarrerinnen und Pfarrer sich auch gegenseitig helfen und unterstützen, wenn sie in Schwierigkeiten geraten – denn auch sie werden in der Krise manchmal depressiv und krank. Da tut es gut, wenn jemand weiß, dass in der Gemeinschaft für ihn gebetet wird.