Die tausend Augen von Sol 3

Der Mensch ist ein Augentier. Netzhaut und Sehnerv sind so eng mit dem Gehirn verbunden, dass sie selbst schon ein Teil davon sind, eine Art „Ausstülpung“ der Grauen Masse in die Augenhöhlen hinein. Und die elektrischen Impulse, die durch das Licht auf der Retina erzeugt werden, reisen durch das ganze Gehirn, werden gefiltert und komprimiert, geordnet und zusammengefasst, bis sich im Innern ein Bild entwickelt von dem, was Außen ist. Vor Urzeiten hat sich der Sehsinn entwickelt, wurde immer weiter optimiert als die effektivste Methode der Primaten, auf lebensbedrohliche Gefahren zu achten und zu reagieren.

Unmengen von Daten werden hier in Sekundenschnelle verarbeitet, Eindrücke produziert, die schnelle, geradezu reflexartige Reaktionen ermöglichen. Natürlich lassen sich auch Augen täuschen, und der menschliche Sehsinn ist nicht der am meisten Entwickelte im Tierreich der Erde, aber er ist der Wichtigste für das Überleben im Alltag gewesen und bis heute geblieben.

Es ist nicht verwunderlich, dass auch die Forschungssatelliten und Raumsonden, mit denen Wissenschaftlerinnen und Astronomen den erdnahen Weltraum und das Sonnensystem erforschen, immer mit Kameras, Teleskopen und anderen Sensoren ausgestattet sind, die in einem bildgebenden Verfahren ausgewertet werden können. Magnetfelder, Temperatur, Strahlung und anderes wird gemessen und in einer Art Karte dargestellt. Am meisten beeindruckend finde ich als Laie die Fotos und Videoaufnahmen, die im Raum zwischen den Planeten und auf fremden Himmelskörpern entstanden sind.

The blue marble

Viele von diesen Fotos sind als Ikonen in das gemeinsame Gedächtnis des interessierten Teils der Menschheit eingegangen: das erste Bild der Erde in ihrer zerbrechlichen Schönheit als „Blue Marble“, das erste Bild von einem Astronauten in seinem Raumanzug, frei schwebend zwischen den Sternen, nur mit einem Kabel verbunden mit dem lebensspendenden Mutterschiff und natürlich das Bild der aufgehenden Erde über dem Horizont einer wüsten, staubigen und trockenen Mondlandschaft, aufgenommen kurz vor der ersten Mondlandung und dem Schritt, der nur ein kleiner für einen Menschen war, aber ein gigantischer für die Menschheit.

A man on the moon

Fünfzig Jahre später hat die Menschheit tausend Kameras ausgesandt, die im ganzen Sonnensystem Aufnahmen machen und Begeisterung und Staunen auslösen. Die Bilder werden im Internet verbreitet und jeder, der es möchte, kann sich ein Bilderbuch oder ein Fotoalbum zusammenstellen mit „Urlaubsbildern“ vom Mond, vom Mars, vom Saturn und vom Pluto und darüber hinaus in die Unendlichkeit…

Die Rover auf dem Mars haben Fotos gesendet, auf denen man einzelne Sandkörner erkennt, fast wirkt es, als ob man auf einer Decke an einem sonnigen Strand liegt und müde vom Lesen den Blick auf den hellgelben und rötlichen Staub richtet – eine Muschelschale wird man hier aber niemals finden.

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Mars-Rover Curiosity

Das vielfältige Muster von Wolkenbändern und Windwirbeln in der Atmosphäre des Jupiter stellt jede Bemühung irdischer Farbkünstler in den Schatten, man könnte eine Lebenszeit damit verbringen, zuzusehen, wie sich hier Chaos und Ordnung auseinander entwickeln, als ob das Prinzip der Schöpfung vom Anfang der Welt hier immer noch wirksam ist.

Streng geometrische Formen zeigen die Bilder der Cassini-Sonden vom Saturn, der den blassen Hintergrund bildet für das Wunder der Ring, über und unter denen die vielen Monde ihre Bahnen ziehen. Immer noch ist nicht wirklich zu verstehen, wie ihre Schwerkraft zu Entstehung und Erhaltung des Ringsystems beiträgt. Einer der Monde, Europa, ist der heißeste Kandidat für außerirdisches Leben im Sonnensystem, denn unter der kilometerdicken Eiskruste des Mondes könnte sich flüssiges Wasser befinden, erwärmt von den Gezeitenkräften, die der Riesenplanet in seiner Nähe bewirkt. Selbst wenn es da nur primitive Protozoen gäbe, könnte dort ein entscheidender Hinweis auf die Herkunft des Lebens auf der Erde zu finden sein.

The final frontier

Bis an die Grenze des Sonnensystems hat die Menschheit ihre fliegenden Augen gesandt. Wir haben das große Herz auf dem Pluto gesehen, die lockeren und löchrigen Eiskrusten in einem Kometenkern fotografiert und auf winzigen Felsen im Asteroidengürtel eine Sonde platziert, die noch in Millionen Jahren die Sonne umkreisen wird.

Unvergessen ist das Bild des „pale blue dot“, des blassen blauen Punktes, das aufgenommen wurde, als die Sonde Voyager das Sonnensystem verließ und die Kameras ein letztes Mal in Richtung Erde ausrichtete. Carl Sagan fand die ergreifenden Worte dazu, als er schrieb: „Dies ist unsere Heimat, dies ist der Ort, an dem alle Menschen gelebt haben, die es jemals gab.“

Schau dir diesen Punkt nochmal an.
Das ist hier. Das ist unsere Heimat.
Das sind wir.
Alle die du liebst, alle die du kennst,

alle von denen du je gehört hast,
alle menschlichen Wesen die es je gab,

haben hier ihr Leben verbracht.
Die Gesamtheit unserer Freuden und Leiden;
tausende von selbstsicheren Religionen,

Ideologien und wirtschaftlichen Glaubenslehren,
alle Jäger und Sammler, alle Helden und Feiglinge,

alle Zivilisations-Schöpfer und -Zerstörer,
alle Könige und Ackersleute,

alle verliebten jungen Pärchen, alle Mütter und Väter,
hoffnungsvollen Kinder, Erfinder und Entdecker,

alle Moral-Gelehrten und alle korrupten Politiker,
alle ›Superstars‹, alle ›absoluten Herrscher‹,
alle Heiligen und Sünder der Geschichte

unserer Art haben hier — auf einem
in den Strahlen der Sonne schwebenden

Staubflöckchen — existiert.

Carl Sagan

Nun ist wieder ein neues Auge gelandet, noch einmal auf dem Mars. Hier wird es nach Wasser und nach Spuren des Lebens suchen. Auch wenn es lang vergangen ist und nur noch vertrocknete Hüllen zu finden sein werden – im besten Fall – könnte es doch ein erster Beweis dafür sein, dass es nicht nur auf der Erde Leben gibt und dass wir nicht allein sind im Universum…

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