Trauerfeier in B.

Gestern hatte ich – zum ersten Mal seit langer Zeit wieder – eine richtige Dorfbeerdigung. Fast hundert Leute drängten sich auf dem kleinen Friedhof in B., um eine Kapelle herum, in der gerade mal dreißig Leute Platz hätten, wenn wir nicht auch noch die Corona-Regeln einhalten müssten.

So saßen nur sechzehn Leute aus dem engsten Familienkreis hier zusammen, außerdem der Organist, ein alter Mann, der schon oft die Tasten an dem ausgeleierten Harmonium verfehlte, und der Bestatter. Und natürlich ich.

Draußen standen die anderen, die gekommen waren, um dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen: Am auffälligsten war eine Gruppe von Feuerwehrleuten, die in Uniform gekommen waren und ihre silbernen Helme in ihren weißen Handschuhen hielten. Seit seinen Kindertagen gehörte er zur Freiwilligen Feuerwehr; ohne seinen Einsatz würde es diese Einheit wohl gar nicht mehr geben. Einge Gemeindekirchenratsmitglieder waren auch gekommen, der Tote war zwanzig Jahre lang auch im Kirchenvorstand gewesen. Und auch einige Vertreter aus dem Gemeinderatsamt in Mittenwalde kamen mit einem Kranz aus roten Rosen, denn dort hatte er auch viele Jahre mit gearbeitet, eine Zeit lang sogar als Bürgermeister.

Die meisten Anwesenden waren aber dankbare Nachbarn und Freunde, die mit ihm ihr Leben geteilt haben. In ihrer Jugendzeit haben sie den Nationalsozialisten widerstanden (zumindest sagen das jetzt alle…) und ängstlich zugesehen, wie die Bomber der Aliierten über das Dorf in die Stadt flogen, die nachts am Horizont dunkelrot glühte. Manch einer warf seine Bombe auch schon hier draußen ab, denn es gab ein Flak-Geschütz in der Nähe, dessen Sperrfeuer die Engländer gern vermieden.

In den Jahrzehnten des realexistierenden Sozialismus haben sie sich im Dorf gegenseitig in allen Schwierigkeiten der Zeit ausgeholfen, sei es mit einer Autobatterie für den Traktor, sei es mit einer guten Summe West-Geld, wenn es mal wieder irgend etwas nur im Intershop zu kaufen gab. Man strich sich gegenseitig die Häuser mit weißer Farbe und kratzte dem Nachbarn das Moos von den Dachschindeln. Holz, Kohle, Ziegel und anderes wurde da eingesetzt, wo es gebraucht wurde, und selten ging dafür ein Geldschein von Hand zu Hand. Man kannte sich im Dorf und jeder wusste, was der andere gerade braucht.

Und gemeinsam haben sie legendäre Feste im Ort organisiert: Erntedankumzüge gab es, „so wie früher“, mit blumengeschmückten Wagen, die von Ochsen gezogen wurden und später dann von Traktoren, durch den ganzen Ort zum Festplatz an der Kirche, wo es dann Bier gab und Kümmelschnaps und Likör für die Frauen… Die Dorfjugend hat im Winter die silbernen Kugeln vom Weihnachtsbaum geklaut und sie am Neujahrstag dem Pfarrer vor die Tür gelegt. Auf den Dorfteichen konnte man zusammen Schlittschuh laufen und irgend jemand teilte immer ein paar Thermosflaschen Glühwein oder Grog mit den anderen, wenn die Kälte all zu bissig durch die Handschuhe drang. Zu Ostern gab es bunte Eier und Kuchen in Menge, Kaffee aus den Paketen, die Freunde aus dem Westen geschickt hatten, und Kringel und Kugeln aus im Fett gebackenen Quark, manchmal mit viel Zucker, manchmal herzhaft mit Speck und Gewürzen.

Der Grund und Boden, ein Heimatgefühl verband sie alle miteinander: die reichen Familien, denen die Felder und die Höfe gehörten, und die eher Armen, die in den Tagelöhnerhäusern wohnten und auf den Feldern säten und die Ernte einbrachten, den Müller und den Bäcker mit den Lehrlingen und Gehilfen, den Lehrer, der in der Volksschule alle Kinder zwischen fünf und zwölf Jahren gemeinsam unterrichtete und den Pfarrer, mit dem der Lehrer jeden zweiten Abend ein Bier trinken ging, bis irgendwann der Wirt starb und die Gastwirtschaft ihre Türen für immer schloss.

Seit Jahrhunderten lebt die Familie des Verstorbenen hier im Ort, und eine neue Generation ist herangewachsen und führt Haus und Hof gewissenhaft und gekonnt fort. Beruhigt und dankbar konnte der Verstorbene das Heft an seine Erben weiter geben. In der Einfahrt zum Hof steht ein Findling, ein großer Stein, der hier schon seit der Eiszeit liegt. Man hat dort die Daten eingraviert, die man auch in der Dorfchronik nachlesen kann – seit 450 Jahren ist die Familie hier ansässig. Der Pfarrer dagegen ist erst seit fünf Jahren am Ort…

Nach der Trauerfeier gab es auf dem Hof Kaffee und Kuchen, belegte Brote mit Wurst, Käse und Hackepeter, alle Gäste der Familie saßen an schön gedeckten Tischen und redeten wild durcheinander und es wurde auch schon wieder gelacht; und zwischen den Erwachsenen mit grauen oder schwarzen Mänteln huschten die Kinder herum und spielten Fangen, während die Teenies in den Ecken standen und auf ihren Mobiltelefonen herum drückten. Wird die nächste Generation auch noch hier bleiben und die Tradition aufrecht erhalten?    

Geheimnis des Glaubens

Gott, der Vater; Gott, der Sohn und Gott, der Heilige Geist. Drei, und doch eins. Ein Gott, und doch irgendwie drei. Geheimnisvoll ist das und nicht wirklich zu verstehen.

So viele Bilder haben wir uns ausgedacht, um uns an das Geheimnis der Dreieinigkeit anzunähern, aber sie alle verfehlen das, worauf es ankommt. Viele Erklärungsversuche sind in der Geschichte der Kirche erarbeitet worden, um die göttliche Wahrheit zu begreifen, aber sie ist immer noch für uns verborgen.

Ist es so, dass Gott, der Vater, der Schöpfer des Universums ist, dass Gott, der Sohn, die Welt erlöst und dass Gott, der Heilige Geist für die Gegenwart Gottes in der Kirche steht? Falsch ist das nicht, aber das Werk Gottes ist nicht in ein zuerst, danach und jetzt teilbar – es ist immer ganz Gott, der tätig ist in Schöpfung, Heilung und Heiligung… Die Trinität steht nicht für eine Art zeitliche Abfolge im Wesen Gottes, und einen geteilten Gott können wir uns nicht denken.

Ist es so, dass Gott so ist wie Wasser, das fest als Eis, flüssig als Regen und gasförmig als Dampf erscheint? Ja, vielen Menschen liegt diese Vorstellung sehr nah, aber die Bekenntnisse der Kirche beschreiben das Wesen Gottes so: Es ist unterschiedlich im Vater, im Sohn und im Geist – und ist doch immer gleich, unvermischt, aber untrennbar verbunden… Gottes Wirken ist immer das Wirken der ganzen Gottheit.

Ist es so, dass die Dreieinigkeit von verschiedenen Aspekten Gottes spricht, hinter denen unterschiedliche Erfahrungen stehen, so wie in dem Gleichnis vom Elefanten, den die blinden Wissenden nie ganz begreifen, weil der eine den Rüssel betastet, der andere den Elefantenfuß und der dritte den dürren kurzen Schwanz? Wohl bleibt auch den christlichen Menschen, Forschern, Mystikern und Betern das wahre Wesen Gottes unbegreiflich und verborgen – aber das liegt wohl nicht an der Dreieinigkeit…

In meinem Studium habe ich das Nachdenken über das Wesen der Dreieinigkeit irgendwann aufgegeben. Es ist nicht zu begreifen, und es ist viel leichter zu sagen, was sie nicht ist, als zu sagen, was sie ist. Jeder Versuch, hier etwas zu erklären, stellt sich früher oder später selbst ins Abseits…

Gott als Dreieiniger, als Vater, Sohn und Geist, will nicht verstanden und erklärt werden – er will angebetet und verherrlicht werden, und so wendet er sich den Glaubenden in seiner ganzen Fülle zu.

Das Quanten-Tele-Chronoskop

„Komm!“, sagte Professor Zwiffels und drückte entschlossen auf die Klinke der eisernen Tür. „Ich werde es Dir zeigen.“ Als er die Tür öffnete, gab es ein zischendes Geräusch, und ein leiser Windhauch strömte den beiden entgegen, wehte ihnen die Haare aus dem Gesicht. Zögernd folgte Anna dem Professor in einen großen, runden Raum.

Ihre Augen brauchten eine Weile, bis sie sich an das dämmrige Licht gewöhnt hatten, aber dann erkannte sie, dass sich über ihr eine große, metallene Kuppel wölbte. Sie sah nicht aus wie die bemalten Kuppeln, die Anna aus den Kirchen kannte, sondern schlicht und irgendwie – technischer. Hier und da waren Zahnräder zu erkennen, die mit Antriebsketten aus kleinen schwarzen Kettengliedern verbunden waren, und dort am unteren Rand, wo die Kuppel in die Seitenwände des Raumes überging, waren große Räder wie von Eisenbahnwagen, die auf einer Schiene rollen konnten. Anscheinend ließ sich die Kuppel über dem Raum drehen so wie der obere Teil einer Windmühle.

In der Mitte des Raumes stand eine Maschine, die aussah wie eine gigantische Stimmgabel mit zwei Zinken, und zwischen den Zinken hing ein großes Rohr in einem drehbaren Gestell, wie eine Kanone auf ihrer Lafette. „Mit diesem Ding kannst Du in die Vergangenheit sehen.“ sagte Professor Zwiffels, „Du kannst Planeten, Sterne und ganze Galaxien sehen, aber nicht so, wie sie jetzt aussehen, sondern wie sie vor langer Zeit ausgesehen haben, Du kannst sogar zurück sehen bis zu dem Moment, in dem die Weltgeschichte begonnen hat…“

„Ist das eine Zeitmaschine?“ fragte Anna. Dieses Gerät unter der Kuppel sah zwar seltsam genug aus, aber eine Zeitmaschine hatte sie sich doch erheblich komplizierter vorgestellt, und – hm, nun ja, futuristischer, nicht aus Zahnrädern, Kanonenrohren, schweren Gewichten und dicken Fahrradketten zusammengesetzt.

„Nein“, sagte der Professor, „das ist mein Quanten-Tele-Chronoskop. Es ist schon über hundert Jahre alt, und eigentlich ist es nur ein besonders großes Fernrohr. Es macht mir nur Spaß, einen interessanten Namen dafür zu haben, mit dem ich die Touristen beeindrucken kann. Aber du kannst wirklich in die Vergangenheit damit sehen.“

„Uiih!“ staunte Anna und machte große Augen… „Wie funktioniert es denn? Bestimmt ist das ein großes Geheimnis. Hat der, der es erfunden hat, den Nobelpreis dafür bekommen?“

„Nein, als das Fernrohr erfunden wurde, gab es den Nobelpreis noch gar nicht. Es ist aber auch kein wirklich großes Geheimnis dabei; in jeder Stadtbücherei findest Du ein Buch, in dem steht, wie Du ein solches Fernrohr bauen kannst und wie es funktioniert. Es besteht aus einem großen Spiegel und ein paar Linsen aus Glas; der Rest ist nur, hm, Verzierung… Und – Du kannst mit jedem Fernrohr in die Vergangenheit sehen, aber das macht sich nicht jeder klar.“

„Eigentlich blickst Du immer, mit jedem Augenblick, in die Vergangenheit, denn – wohin Du auch guckst – das Licht braucht einen winzigen Sekundenbruchteil, um von dort in Deine Augen zu kommen. Denn Lichtstrahlen sind zwar unglaublich, geradezu wahnsinnig schnell – aber eben nicht unendlich schnell.

Lichtstrahlen fliegen 300 000 Kilometer in jeder Sekunde. Schneller als alles andere, was es gibt. Wenn Du zum Beispiel beim Wandern eine Bergspitze siehst, die noch drei Kilometer weg ist (Du würdest wohl eine knappe Stunde bis dahin brauchen…), dann braucht das Licht von dieser Bergspitze in deine Augen eine hunderttausendstel Sekunde. Du siehst also die Bergspitze nicht so, wie sie jetzt ist, sondern so, wie sie vor einer hunderttausendstel Sekunde war. Natürlich hat sie sich in dieser Zeit nicht sehr verändert, darum merkst Du es nicht.“

Der Professor drückte ein paar Knöpfe auf einem Schaltpult, ein kleines rotes Licht leuchtete auf, und irgendwo surrte es leise. Über Anna und dem Professor öffnete sich die Kuppel einen Spalt breit, und sie konnte Sterne am Nachthimmel erkennen, kleine flimmernde Lichtpunkte, die zu ihr herunter blinzelten.

Dann sagte er: „Im Weltall, wo die Entfernungen viel größer sind als auf der Erde, könnte man solche Dinge viel deutlicher wahrnehmen. Wenn zum Beispiel jemand jetzt, in diesem Moment, die Sonne ausknipsen würde wie eine Glühbirne, dann würden wir fast acht Minuten lang gar nichts davon merken, denn so lange braucht das Licht von der Sonne zur Erde. Erst nach acht Minuten würde es plötzlich dunkel und kalt. Wenn Du draußen zur Sonne siehst, siehst Du also die Sonne nicht so, wie sie jetzt ist, sondern, wie sie vor acht Minuten war.“

„Um den Planeten Jupiter kreisen eine ganze Menge Monde, die vier größten davon hat man gleich mit dem allerersten Fernrohr entdeckt, schon vor Jahrhunderten.“ erklärte der Professor. „Und man hat sie genau erforscht. Man kennt ihre Größe, ihr Gewicht und die Zeit, die sie brauchen, um um den Planten Jupiter herum zu kreisen. Immer wieder treten sie in den Schatten des Planeten ein, dann werden sie von der Erde aus unsichtbar, aber man kann genau ausrechnen, wann sie wieder erscheinen werden. Als man diese Rechnungen überprüfen wollte, stellte man fest, das irgendetwas nicht stimmte: Man hatte die ersten Messungen im Sommer gemacht, und als man im Winter danach die Messungen noch einmal überprüfte, gingen die Jupitermonde eine Viertelstunde nach. Sie traten später in den Schatten des Planeten ein, als sollten, und kamen auch entsprechend später wieder in das Licht.“

„Die Wissenschaftler wunderten sich darüber und konnten diese Ungenauigkeit nicht erklären. Als sie ein paar Monate später noch einmal nachmessen konnten, stimmte auf einmal alles wieder…“

„Es war ein sehr heller Kopf, dem auffiel, dass in diesem Sommer die Erde auf ihrer Umlaufbahn auf der selben Seite der Sonne stand wie der Planet Jupiter, im Winter stand sie auf der anderen Seite, also ein paar hundert Millionen Kilometer weiter vom Planeten Jupiter entfernt. Und das Licht, das vom Planeten Jupiter und seinen Monden zur Erde kam, brauchte darum auch ungefähr eine Viertelstunde länger für die Strecke.

Das war das erste Mal, das man wirklich beweisen konnte, dass das Licht nicht unendlich schnell ist. Wenn es den Nobelpreis damals schon gegeben hätte: Olaf Römer, so hieß der Mann mit dem hellen Kopf, hätte ihn sicher verdient…“

Während der Professor sprach, hatte er das Quanten-Tele-Chronoskop auf das Sternbild Orion ausgerichtet. Anna kannte es gut, sie hatte es schon oft am Winterhimmel gesehen, es war auffällig und leicht zu finden: zwei helle Sterne „oben“, drei helle Sterne in einer Reihe „darunter“, und ganz „unten“ noch einmal zwei helle Sterne. Das Ganze sah ein bisschen so aus wie eine riesige Eieruhr, oder wie ein Kerl mit breiten Schultern, der stolz und breitbeinig zwischen den Sternen stand. Unter seinem Gürtel aus drei Sternen konnte Anna so ein rötliches Geflimmer erkennen, das nicht wie ein Stern aussah, aber sie konnte sich nie denken, was es sonst sein sollte.

Als sie nun durch das Fernrohr sah, erkannte sie leuchtende, rote Wolken, fast wie die zwei Flügel eines Schmetterlings, ein paar dunkle Schleier davor und einige helle Sterne. „Die Sterne, die Du da siehst, sind ganz neu, gerade erst entstanden. Sie sind noch keine hunderttausend Jahre alt. Für Dich und mich ist das zwar eine Menge Zeit, aber nicht für einen Stern. Das da sind noch richtige Babies, die ihr ganzes Sternen-Leben noch vor sich haben.“

„Das Licht braucht von dort, wo dieser Sternennebel ist, bis hierher zu uns tausend dreihundert und fünfzig Jahre. Vielleicht sind in diesen tausend Jahren, in denen die Lichtstrahlen durch das dunkle Weltall geflogen sind, dort drüben noch ein paar neue Sterne entstanden, die wir nur darum nicht sehen, weil ihr Licht noch gar nicht hier angekommen ist. Wir könnten auch sagen: Wir sehen in die Vergangenheit und sehen den Orionnebel so, wie er vor 1350 Jahren war. Das ist genau dasselbe, nur mit anderen Worten gesagt.“

Wieder schwenkte Professor Zwiffels das Quanten-Tele-Chronoskop unter der dunklen Kuppel herum. Jetzt zeigte es in Richtung einiger eher unscheinbarer Sterne in der Nähe des großen Himmels-W, das, wie Anna wusste, Kassiopeia hieß. Als sie hindurch sah, erkannte sie einen nebligen Fleck, wie eine Mandel geformt… „Das ist kein Nebel, keine Gaswolke mit ein paar Sternen, wie der Orionnebel, den Du gerade gesehen hast.“,sagte Professor Zwiffels, und seine Stimme klang beinahe ehrfürchtig, als ob er über etwas Heiliges reden würde. „Das ist eine Galaxie, eine andere Milchstraße, so wie unsere eigene auch. Eine riesige flache Scheibe aus hundert Milliarden Sternen. Es gibt dort mehr Sterne, als es Menschen auf der Welt gibt.“

„Hier im Fernrohr kannst Du nur den hellen Kern dieser Scheibe sehen, dort stehen die Sterne so dicht zusammen, dass man keine einzelnen Sterne mehr erkennen kann. Die Andromeda-Galaxie ist aber viel größer als dieser Kern, sie hat um den Kern herum Spiral-Arme aus Sternen und Staub, aber sie sind nicht so hell, dass Du sie in meinem Teleskop sehen könntest. Das Licht von dort, das jetzt gerade in deine Augen fällt, war mehr als zwei Millionen Jahre unterwegs!“

„Wenn dort jemand leben würde, der ein Super-Quanten-Teleskop hätte, das so fantastisch wäre, dass er unsere Erde darin erkennen könnte, der würde jetzt sehen, wie hier die allerersten Australopithecus-Menschen von den Bäumen klettern, und wie sie vielleicht gerade das Feuer entdecken oder das Rad erfinden…“

„Sehr viel weiter kannst Du mit diesem Teleskop nicht in die Vergangenheit sehen, das Licht von Sternen oder Galaxien, die noch weiter weg sind, ist für unsere Augen zu schwach. Wir sehen ja immer nur das Licht, das gerade jetzt hier ankommt. Ich kann aber einen Fotoapparat hier unten an das Fernrohr montieren, dann kann ich ein Foto machen, das die ganze Nacht lang belichtet wird, das sozusagen die Lichtstrahlen von vielen Stunden in einem Bild sammelt. Auf so einem Foto werden dann Sterne sichtbar, die noch nie ein Mensch mit eigenen Augen gesehen hat.“

Anna konnte etwas wie Sehnsucht in den Augen des Professors entdecken. Reiselust, Fernweh. Bestimmt hatte er sich schon oft heimlich ein Raumschiff gewünscht, mit dem er schnell wie ein Gedanke, wie ein Traum zu diesen fernen Sternen reisen konnte, um die Leute zu treffen, die dort wohnen, und die Wunder in ihrem Teil des Weltalls zu erforschen…

„Es gibt auch ein Teleskop, das im Weltall in einer Umlaufbahn um die Erde kreist und dort Fotos macht. Weil es dort keine Luft gibt und das Teleskop nicht erst durch die Atmosphäre in das Weltall sehen muss, werden die Bilder sehr viel schärfer und man kann sehr viel deutlicher Dinge erkennen, Planeten, Sterne, ferne Galaxien…

„Einmal hat man das Teleskop auf eine dunkle Stelle am Himmel gerichtet, wo es scheinbar gar nichts zu sehen gab, und hat zwei Wochen lang das Licht gesammelt: Dann waren hunderte von Galaxien auf dem Bild zu erkennen, die mehr als 10 Milliarden Lichtjahre von der Erde entfernt (und 10 Milliarden Jahre in unserer Vergangenheit) sind. Man vermutet, dass man einige von aller-ersten Galaxien überhaupt fotografiert hat, die damals im Weltall entstanden sind. Vorher gab es keine Galaxien, und das Weltall sah ganz anders aus als heute. Aber das ist eine andere Geschichte, die werde ich Dir später mal erzählen.“

Professor Zwiffels sah auf seine Uhr… „Du musst wirklich dringend ins Bett jetzt, meine Dame,“ sagte er, „sonst kriegen wir mächtig Ärger mit Deiner Mutter… Die ist mir zwei Wochen lang böse, wenn ich Dich jetzt nicht nach Hause bringe…“

Später, als Anna im Bett lag, schwirrte ihr ein bisschen der Kopf, diese Zahlen waren geradezu unvorstellbar groß. Millionen, Milliarden, alles das bedeutete ihr jetzt noch nichts.

Aber eins würde sie niemals wieder vergessen: Wie sie in dieser Nacht den Kern des Andromedanebels gesehen hatte, der in der Mitte des runden Bildes im Quanten-Tele-Chronoskops tanzte wie eine Fata Morgana, diesen kleinen leuchtenden Fleck, der in Wirklichkeit das vereinte, gesammelte Licht von unzähligen Sonnen war, die ihr über einen Abgrund aus Trizilionen Kilometer dunklen Raumes zuzwinkerten…

*innen und *aussen

Jeder Mensch, der etwas schreibt, jede Autorin und jeder Schriftsteller muss sich heutzutage entscheiden: Willst du irgend eine Art der inklusiven Sprache nutzen – und wenn ja, welche? – oder schreibst du wie früher in Worten, bei denen sich Frauen „mit gemeint“ fühlen sollen?

Ich schreibe nicht nur hier in meinem Blog. Ich bin Pfarrer, und das heißt, dass Worte mein Beruf sind. Ich lebe von geschriebenen und gesprochenen Worten; und darum gebe ich mir sehr viel Mühe, mit Sprache geschickt und verantwortungsvoll umzugehen. Dazu gehört auch, sich darüber Gedanken zu machen, welche Worte Menschen nicht ausschließen oder „unsichtbar“ machen.

Ich weiß gar nicht mehr, wann das Bestreben begann, mit besonderen neuen Formen des schriftlichen Ausdrucks die inklusive Sprache ins Bewusstsein der Sprechenden und Lesenden zu bringen. Gefühlt schon zu meiner Studentenzeit wurde das Binnen-I propagiert, so dass man StudentInnen schrieb und „Studentinnen und Studenten“ sprach.

Wenig später kam auch der Doppelpunkt mitten im Wort auf, Reporter:innen und Journalist:innen haben diese Form gern verwendet.

Der E-Mail-Ästhetik ist wahrscheinlich die Form mit Unterstrich geschuldet, User_innen und Programmierer_innen konnten so ihre political correctness beweisen.

Die Parodie der „feminispräch“ entstand ungefähr zu jener Zeit, als „PC“ begann, zum Selbstzweck zu werden… Googelt das mal!

2007 erschien die Bibel in „gerechter Sprache“ und viele Theologinnen und Theologen waren begeistert. Endlich gab es eine Übertragung der Bibel in eine Sprache, die Frauen nicht nur „mit meint“, sie nicht länger ausgrenzt, die auch die Behinderten, sozial Benachteiligten in ihrer Wortwahl wertschätzend achtet und die Diskriminierung von Juden vermeidet. Sogar in der Übersetzung des Namens Gottes ging diese Bibel neue Wege: wo Luther den Namen Gottes durchweg mit „der HERR“ übersetzte (und durch die Großschreibung deutlich machte, dass hier im Urtext das Tetragrammaton steht, also die vier Buchstaben des Gottesnamens JHWH), schlagen die Übersetzerinnen eine große Vielfalt vor – vorwiegend weibliche Formen wie „die Gnädige“, „die Barmherzige“, „die Weise“. Oft lässt sie den Namen auch einfach unübersetzt und liest die hebräischen Namen, wie sie in den Synagogen verwendet werden: „haSchem“, „Elohim“, „Schechinah“, oder „der Name“. Ähnlich machte es auch Luther, indem er Worte wie Elohim oder Zebaoth unübersetzt ließ, auch Halleluja und Amen werden ja kaum noch als Worte einer fremden Sprache empfunden.

Formulierungen, die antisemitisch gedeutet werden können, werden anders übertragen, und wo Völker oder Volksgruppen diffamiert werden könnten, werden Worte verwendet, die solche Interpretationen ausschließen.

Gut gemeint, aber schlecht gemacht. Diese Bibel liest sich an vielen Stellen wie übelstes Amtsdeutsch, weil sie anstößige Worte um jeden Preis vermeiden will und stattdessen einen komplizierten Eiertanz um sie herum aufführt. Und die Vielfalt in der Wahl der Namen Gottes erzeugt eine Irritation, die so von den Autorinnen und Autoren der biblischen Schrift nicht beabsichtigt war. Das Anliegen, inklusive und feministische Intentionen in den Bibeltext hinein zu tragen, überlagert die eigentliche Botschaft, die hier vermittelt werden soll.

Ich denke, dass diese Übersetzung ganz gegen ihre eigentliche Absicht sehr wohl ausgrenzt und insofern „ungerecht“ ist – denn sie setzt an vielen Stellen sehr viel theologische Bildung voraus, ist ohne intensive Beschäftigung mit anderen Übertragungen eigentlich nicht zu verstehen. Für den Gottesdienst ist sie meiner Ansicht nach total ungeeignet.

Gut – manche Kritikpunkte könnte man auch gegen die Lutherbibel richten – auch sie ist oft schwer zu verstehen und irritiert durch die altmodische Sprache. Aber sie ist dichter am Urtext, irritiert nicht durch Verfremdung und trägt keine sachfremden Anliegen in den Text hinein. Außerdem ist sie Teil der evangelischen Kulturgeschichte und genießt darum eine Art Denkmalschutz. Im Gottesdienst verwende ich sie gern; und wenn sie einmal gar zu schwer verständlich ist, lese ich aus der Basis-Bibel oder aus dem „Genfer Neuen Testament“, zwei modernen Übersetzungen, die auch wissenschaftlichen Anforderungen genügen.

Die vorerst letzten beiden Versuche für neue inklusive Formen in der Sprache sind das Gender-Sternchen, das als Gender-Gap gesprochen wird, wie man jetzt im Radio und im ZDF immer öfter hören kann. Vor allem in Schiften, die im universitären Kontext umlaufen, gibt es Bezeichnungen mit X, also zum Beispiel „Professx“ – keine Ahnung, wie das ausgesprochen werden soll. In diesen Formen sollen nicht nur männliche und weibliche Menschen angesprochen werden, sondern auch Trans- und Nichtbinäre Menschen, also Menschen, die sich weder dem einen noch dem anderen Geschlecht zuordnen können.

Ich kann verstehen, dass es auch diesen Menschen wichtig ist, nicht einfach „mitgemeint“ zu sein, aber ich fürchte, wenn ich diese Formen im Gemeindebrief oder in der Predigt verwendete, dass ich die Mehrheit meiner Gemeindeglieder damit verlieren würde – gerade auch die Frauen. Denn die Frauen in meiner Gemeinde sind selbstbewusst genug, dass sie nicht mit kompliziert verdrehten Formen der Sprache angesprochen werden müssen. Darum lasse ich es bei den vertrauten Formen und sage „Christinnen und Christen“ und „Liebe Schwestern und Brüder…“