Josef und der wunderbare Technicolor-Traummantel – eine Geschichte mit Happy End?

Ich mag Geschichten mit Happy End. Ich gehe gern ins Kino und kann da stundenlang mit den Protagonisten eines Films leiden und zittern, auf Reisen gehen, Abenteuer suchen; ich kann wochenlang mit den Figuren eines spannenden Romans durch das Labyrinth eines verzwickten Kriminalfalles irren oder mit den Helden aus einem Zeichentrickfilm auf fremden Planeten landen, mit Drachen oder Piraten kämpfen – wenn am Ende alles gut ausgeht, die Gerechtigkeit siegt, die Drachen gezähmt sind und die Weltraumfahrer wieder gut zu Hause angekommen, dann geht es mir gut und ich fühle mich wohl. Ich kann das Buch aus der Hand legen, und ich weiß, es ist alles in Ordnung, die Geschichte auserzählt und so zu Ende gebracht, wie es sein muss.

Ich mag Geschichten mit Happy End. Oft gibt es solche Geschichten auch in der Bibel. Selbst nach großen Katastrophen führt Gott alle Beteiligten den richtigen Weg und zu einem guten Ausgang der Geschichte. Noah geht in die Arche mit seiner Familie und den Tieren, die Gott zu ihm geführt hat, dann wird die Tür verschlossen und um die Arche herum geht die Welt unter. Alles Leben ertrinkt in der Flut. Nicht einen einzigen Ast findet der Vogel, den Noah aus der Arche entlässt. Aber dann sinkt die Flut, die Wasser verlaufen sich, und unter einem strahlenden Regenbogen beginnt Gott die Schöpfung neu…

Der Hirtenjunge David wird ein Vertrauter des Königs Saul, singt ihm wunderschöne Worte vor und weckt dem traurigen alten Mann die Lebensgeister neu. Doch als David den Goliath erschlägt, will das Volk ihn zum König machen und Saul vertreibt ihn, wird ein erbitterter Feind. David muss sich mit einer Truppe von Banditen am Rande der Wüste durchs Leben schlagen, Schutzgeld erpressen und mit anderen verlorenen Gestalten um Einfluß kämpfen. Doch als Saul stirbt, ist es David, der an der Stelle des Prinzen Jonathan zum wichtigsten König der Geschichte Israels wird.

Auch Daniel war Berater des Königs von Babylon, bis er in Ungnade fiel und wegen seiner fremden Religion angeklagt wurde. Als frommer Jude war er im babylonischen Königshof am falschen Platz. Er wird in eine Löwengrube geworfen; die hungrigen Tiere sollten ihn fressen und so das „Problem“ aus der Welt schaffen. Doch Gott achtet auf sein Gebet, und die Tiere tun ihm die ganze Nacht nichts an. Am nächsten Tag wird Daniel wieder in sein Amt eingesetzt, und die, die ihn verklagt haben, enden an seiner Stelle bei den Löwen…

Selbst Hiob verliert Haus und Hof, seine Kinder sterben und er selbst wird todkrank, aber am Ende wird ihm alles doppelt erstattet, er lebt noch viele Jahre und stirbt irgendwann reich und zufrieden.

Oft wirken Geschichten, die solch ein gutes Ende haben, unglaubwürdig und sogar ein bisschen kitschig. Viele Menschen mögen Filme oder Romane lieber, die einen offenen Ausgang haben, die die Lesenden oder Zusehenden am Schluss allein lassen mit der Frage: Was meinst Du? Wie geht es jetzt weiter? Wie stellst Du Dir ein gutes Ende dieser Geschichte vor?

Es gibt in der Bibel auch solche Geschichten mit offenem Ende. Jona zum Beispiel sitzt nach allen seinen Abenteuern vor dem Tor der Stadt Ninive und hadert mit sich selbst und klagt Gott an. Seine Predigt hat gewirkt, die Menschen in der Stadt haben sich bekehrt und Buße getan, und Jona ärgert sich darüber, dass Blitz und Schwefel ausbleiben, dass Gott die Menschen in der Stadt begnadigt hat. Nun fühlt er, der Unheilsprophet, sich übergangen und blamiert. Wie wird er sich entscheiden? Wie geht seine Geschichte zu Ende? Wir werden es nie erfahren, aber so ein offenes Ende lädt ein, den Faden aufzunehmen und die Erzählung weiter zu spinnen. Der Vorhang geht zu – und alle Fragen bleiben offen.

Solche Geschichten sind realistischer und glaubwürdiger, weil es ja auch im „echten“ Leben meistens so ist: Oft kann man gar nicht so einfach beurteilen, ob eine Episode, ein Lebensabschnitt, nun gut oder schlecht ausgegangen ist; vieles bleibt zwiespältig und unbestimmt, und ein wirkliches Ende gibt es ja in der Wirklichkeit sowieso nicht, denn bis wir sterben, geht das Leben ja immer weiter. Selbst dann erzählen andere unsere Geschichte weiter und bewerten sie nach ihrem Maßstab.

Woran könnten wir denn erkennen, ob eine Geschichte gut ausgeht? Was macht ein (vorläufiges) Ende zu einem happy end?

In den Märchen ist es einfach: da wird ein großer Goldschatz nach Hause gebracht, der Prinz findet seine Prinzessin, am Ende wird geheiratet, und danach leben sie glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende… Die Kriterien für ein gelungenes Leben sind oft einfach und auch für Kinder nachvollziehbar.

Die Bibel und viele großartige Werke der Weltliteratur differenzieren da mehr: Auch wer arm ist, kann ein gelungenes und zufrieden stellendes Leben finden. Es kommt darauf an, dass es sinnvoll ist, dass es Bedeutung hat, dass es in den großen Rahmen des Ganzen passt.

So wie Josef seine Lebensgeschichte beschreibt, sieht er Gott selbst als eine Art „Autor“ seiner Lebensgeschichte an. Der Mensch sucht sich seinen Weg, aber es ist Gott, der seine Schritte lenkt. „Ihr wolltet es böse mit mir machen, aber Gott gedachte es gut zu machen…“ – „Ihr habt euch Böses ausgerechnet gegen mich, aber Gott hat es zum Guten summiert…“ – „Er wollte tun, was heute Wirklichkeit und deutlich sichtbar wird, nämlich ein großes Volk am Leben erhalten…“

Der Erfolg Josefs zeigt sich nicht nur darin, dass er alle Widrigkeiten überlebt hat und am Ende als zweithöchster Regierungsbeamter über Ägyptens Wirtschaft regiert – es geht ihm darum, dass mit seiner Hilfe Gott selbst ein großes Volk am Leben erhält und nicht dem Hungertode überlässt.

Man könnte ja die Geschichte Josefs auch als eine Verlierergeschichte ansehen: Als Kind noch wird er, der der Liebling seines Vaters, der verträumte Mann in einem bunten Kleid, von seinen neidischen Brüdern als Sklave verkauft. Er wird nach Ägypten gebracht und arbeitet dort in dem Büro des Potiphar. Er hat Glück und steigt auf der Karriereleiter empor, bis ihm die Frau seines Dienstherren eine unschickliche Avance macht. Als er nicht darauf eingeht, wirft sie ihm sexuellen Mißbrauch vor und er wird ins Gefängnis geworfen. Erst nach vielen Jahren kann er sich wieder emporarbeiten und wirkt zuletzt als rechte Hand des Pharao. Es geht auf und ab in seinem Leben, und es ist nicht so einfach, darin eine Erfolgsgeschichte zu sehen.

„Gott aber gedachte, es gut zu machen…“ – Das ist letztlich das Glaubensbekenntnis des Josef. So sieht er selbst sein eigenes Leben an, vom Ende her gesehen erzählt er es als eine Geschichte von der Treue Gottes.

Um unser eigenes Leben zu begreifen, erzählen wir es wie eine Geschichte. Während wir von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr leben und dabei durch Leid und Freude gehen, erkennen wir Helden und Feiglinge, Bösewichte und Halunken, stolze Ritter, kluge Berater, treue Gefährten, Clowns und Zauberer, und wir erkennen, ob wir gerade Mitspieler in einem Drama oder in einer Komödie sind. Wir sehen uns selbst als Gewinner oder als Verlierer, als Menschen, die aus der Treue Gottes leben oder von ihm wieder und wieder geprüft werden. Wir sehen uns als solche, denen das Schicksal entgegen lächelt oder als solche, denen das Universum grollt. Was ist wahr?

Es ist oft nur eigene Interpretation, eigene Entscheidung, die den Rahmen setzt für das Spiel unseres Lebens. Dein eigenes Leben wird von Dir erzählt und gestaltet, Du interpretierst, was geschehen ist, und Du erzählst, wie es weiter geht. Immer ist eine unerwartete Wendung möglich.

Und das gilt nicht nur für Dein eigenes Leben, das gilt auch für die Geschichte unserer Stadt, unserer Kirche, unserer Gemeinde. So, wie wir uns unsere eigene Geschichte erzählen, so werden wir sie wahrnehmen. Unsere Gegenwart und unsere Zukunft wird davon bestimmt, wie wir die Vergangenheit interpretieren. Es ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, die sich auswirkt auf die Grundstimmung unseres Daseins und die Energie, aus der wir leben.

Gläubige Menschen schlagen einen gedanklichen Bogen über die ganze Biblische Geschichte, von der Schöpfung der ersten Menschen an bis hin zur neuen Schöpfung, wenn Gott Himmel und Erde neu macht und all die Tränen seiner Menschen trocknen wird. Gegen alle Widerstände interpretieren sie die Weltgeschichte als ein fortlaufendes Handeln Gottes, das zwar oft nicht zu verstehen, zu begreifen und kaum zu ertragen ist, das aber am Ende doch eine Geschichte des Erbarmens, der Gnade und der Liebe Gottes zu uns Menschen ist.

Eine „Heilsgeschichte“, so sagen die Theologinnen und Theologen, so sagen viele Glaubende, eine Heilsgeschichte ist, was Gott den Menschen und seiner ganzen Schöpfung bereitet. Durch die Sintflut hindurch, durch den Exodus seines heiligen Volkes aus der Gefangenschaft in Ägypten, durch die Zerstreuung über die ganze Erde und unter die Völker der Welt hindurch bis zur endgültigen Erlösung am Ende der Zeit geht seine Geschichte mit den Juden, durch den Tod und die Auferstehung Jesu hat er Leben gebracht für alle Völker der Welt und für die Menschen seines Wohlgefallens…

Auch hier bleibt die Frage – erkennen wir in der Geschichte der Menschheit die Heilsgeschichte Gottes wieder, können wir für uns sie so interpretieren, daraus Kraft und Hoffnung schöpfen trotz aller Fragen und Enttäuschungen unserer Zeit? Können wir glauben, dass hinter dem allen ein Sinn verborgen ist und das Gott der Autor dieser seltsamen und verwirrenden Geschichte ist?Können wir bekennen: „Wir haben Schuld auf Schuld gehäuft und unsere Untaten und Sünden zu den Untaten aller Menschen addiert – aber Gott hat es gut gemacht und eine gute Bilanz gezogen: am Ende wird deutlich werden, das er das Leben und ewigen Frieden ans Licht gebracht hat…“

Am Ende ist alles gut – wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende…“ diesen Spruch kann man auf Frühstücksbrettchen kaufen oder als Wand-Tattoo über sein Wohnzimmersofa kleben – vielleicht atmet dieser Satz sogar ein wenig von dem Glaubensbekenntnis des Josef, das ihm die Kraft gegeben hat, am Ende auch seinen Brüdern zu vergeben.

Ich frage mich, ob man eine solche positive, glaubensgestärkte Interpretation der eigenen Geschichte und der gemeinsamen Geschichte „lernen“ kann, ob man sich entscheiden kann, sie so oder so zu sehen. Psychologen versuchen oft, Menschen dabei zu helfen, ihr Leben anders zu bewerten. „Reframeing“ nennen sie das, als in etwa „dem Leben einen anderen Rahmen geben“. Manchmal ist es ja so, dass das gleiche Gemälde, dasselbe Foto, sehr unterschiedlich wirkt, abhängig davon, ob es wie eine Poster mit Nadeln an eine Rauhfasertapete gepinnt wird, ob es in einem kostbaren barocken Rahmen präsentiert wird oder in einem schlichten modernen Display ausgestellt ist. Der Rahmen macht, dass dasselbe Bild, dasselbe Foto, dasselbe Leben einen ganz unterschiedlichen Eindruck macht.

Können wir so den Rahmen unseres Lebens wirklich selbst wählen? Können wir uns dazu entscheiden, zu glauben, wirklich zu glauben, dass unser Leben und unser Schicksal von Gott umgeben ist, dass er es in seinen Händen hält, dass er der Autor unseres Lebens ist?

Der Apostel Paulus hat in seinem Ersten Brief an die Korinther geschrieben: „Am Ende bleiben Glauben, Hoffnung und Liebe; und die Liebe ist die größte unter ihnen…“ Alle drei sind Geschenke Gottes, die wir uns letztlich nicht selbst erarbeiten können, wir können sie aber üben. Alle drei sind Gaben des Heiligen Geistes, Kräfte, die nicht unsere eigenen sind, in denen wir uns aber üben können. Ein wacher Glaube, eine kraftvolle Hoffnung und eine stete Liebe erkennt im eigenen Leben und in der Geschichte unserer Gemeinschaft die Hand Gottes am Werk und kann am Ende bekennen: „Er hat alles gut gemacht.“

Vom Reden in fremden Sprachen – Von Gott so reden, dass man es verstehen kann…

Wenn wir ein Kind taufen, übernehmen die Eltern und die Paten, aber auch die ganze Gemeinde eine große Verantwortung. Gemeinsam übernehmen wir die Verpflichtung, den Glauben, die Liebe zu Gott, ein christliches Urvertrauen in einem Menschen zu wecken und die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass sich unser neu getauftes Gemeindeglied irgendwann dazu entscheiden kann, selbst Christ zu sein und in und aus diesem Glauben zu leben.

Sicher, wir wissen und verlassen uns darauf, dass es der Heilige Geist selbst ist, der die Menschen zu Gott ruft, der in ihnen den Glauben bewirkt und stärkt – aber er benutzt dazu uns Menschen, fast immer. Wenn wir an unsere eigenes Leben denken, gibt es da fast immer eine Großmutter, die an unserem Bett mit uns gebetet hat, einen Vater, dem es wichtig war, dass vor dem Essen Gott in einem Tischgebet gedankt wird, eine größere Schwester oder eine Freundin, die uns in den Kindergottesdienst begleitet hat…

Vielleicht hat eine Patentante irgendwann gesagt: Du solltest dich jetzt zum Konfirmandenunterricht anmelden, manchmal war es sogar ein Pfarrer, der bei einer Reise zur Vorbereitung auf die Konfirmation Worte gesagt hat, die hängen geblieben sind und weiter gewirkt haben über den Tag hinaus.

Ich weiß, wie schwer es ist, solche Worte zu finden. Als ich achtzehn Jahre alt war, kurz bevor ich mit meinem Studium begann, versuchte ich, einem Freund zu erklären, warum es für mich so wichtig war, an Gott zu glauben. Aber ich spürte damals selbst, wie unglaubwürdig diese Worte waren. Es gab für mich keine Sprache, in der ich glaubhaft erzählen konnte, was ich mit Gott erlebt hatte, welche Hoffnung die Auferstehung Jesu in mir wach hielt, was der Heilige Geist in mir bewirkt. Es klang alles formelhaft, geplappert, abgelesen, es schien nicht wirklich aus meinem eigenen Herzen zu kommen.

Und das hat sich auch im Theologiestudium kaum geändert. Als Pfarrer lernt man uralte Gebete und Glaubensbekenntnisse, diskutiert über Liturgien und Lieder von Menschen, die vor tausend Jahren gelebt haben und erfährt von den theologischen Gedanken und Theorien, über die man sich vor Jahrhunderten gestritten hat. Das alles ist sehr viel spannender, als es klingt; man kann sich mit großer Begeisterung in ein solches Studium stürzen und lernt sehr viel dabei – aber zu einem eigenen Glauben trägt es meist wenig bei, und es gibt meist nicht die Worte, die nötig sind, in einem anderen Menschen wirklichen Glauben zu wecken.

Ich denke, dieses Problem betrifft auch die Kirche als Ganzes, betrifft auch unsere Gemeinden. Wenn man Leute danach fragt, was sie vom Gottesdienst halten, fallen sehr oft die Worte „langweilig“, „uninteressant“, „belanglos“, „veraltet“ – dabei waren die Menschen meistens seit Jahren nicht mehr in der Kirche, tragen nur ein altes Vorurteil weiter.

Manchmal haben sie aber auch wirklich schlechte Erfahrungen in der Kirche gemacht. Wenn selbst ein Kardinal sagt, dass er spürt, dass die Kirche an einem toten Punkt angekommen ist und sich nicht mehr weiter entwickelt, wenn Pfarrerinnen und Pfarrer statt vom Glauben nur noch von Moral und Ethik reden, weil sie denken, das sei leichter zu vermitteln, wenn schon das Wort zum Sonntag in fünf Minuten die Zuhörenden von ihrem Fernseher vertreibt, dann stimmt ziemlich sicher etwas Entscheidendes nicht mehr.

Was haben wir noch zu sagen? Was ist aus der „frohen Botschaft“ geworden, dass keiner mehr sie hören will?

Vielleicht liegt es ja wirklich an der Sprache, die wir sprechen.

Ich liebe die christliche Tradition, ich mag die alten Gebete, ich liebe die Sprache der Lutherbibel, ich kann begeistert in die alten Psalmen und Kirchenlieder einstimmen und die alten ökumenischen Glaubensbekenntnisse mitsprechen. Aber ich weiß, dass das alles sehr viel „Insiderwissen“ voraussetzt und dass Menschen, die nur selten in den Gottesdienst kommen, ziemlich ratlos dabei sitzen, weil sie gar nicht wissen können, was da gepredigt und gesungen wird.

Ich – und wir alle – müssen also lernen, über unseren Glauben so zu reden, dass es auch Menschenskinder verstehen, die nicht in der Kirche zu Hause sind.

Das kann und darf aber nicht bedeuten, dass wir nun alles in einer Art populären Kindersprache formulieren sollten. Dazu ist, was wir glauben, zu komplex, zu gewichtig. Man kann das Glaubensbekenntnis nicht auf drei einfache Sätze eindampfen, oder? Der Glaube an Gott wird immer eine gewisse Anstrengung von Taufkindern, Konfirmanden, Gottesdienstbesuchern, Pfarrerinnen und Lehrern verlangen.

So wie Musiker, Sportler, Handwerker und Künstler lange Zeit brauchen, um Meister zu werden, so brauchen auch Christinnen und Christen eine Zeit lang – oft eine lange Zeit – um geistlich reif zu werden und für sich selbst eine Sprache zu finden, in der sie sagen können, was sie glauben und wie der Glaube ihr Leben verändert.

Wir brauchen klare, wahre Worte. Die Versuchung ist immer groß, sich hinter verschwurbelten Begriffen und unklaren Bildern zu verstecken. Wenn der Pfarrer nichts zu sagen hat, sagt er Sätze wie „Gott ist das Licht“ – kann dann aber nicht sagen, was er eigentlich damit meint. „Gott hat alle Kinder lieb“ singen wir im Kindergottesdienst – aber was ist mit den Kindern, die krank sind oder mit ihren Eltern im Lager für Geflüchtete sitzen? Warum glauben wir trotzdem, dass Gott alle Kinder liebt, wenn manche Kinder so traurig sein müssen?

Nehmen wir die Fragen noch ernst, die „normale“ Menschen sich stellen, wenn sie unsere Gebete und Predigten hören, oder verstecken wir uns hinter einer theologischen oder philosophischen Fachsprache und richten uns in einem kirchlichen Elfenbeinturm ein, wo es sich gemütlich fachsimpeln lässt?

Wir müssen hinsehen, was die Menschen in unserer Zeit bewegt, was die Alten und die Jungen begeistert oder traurig macht, was ihnen den Atem nimmt und ihnen die Tränen in die Augen treibt – erst, wenn wir gelernt haben, ihre Sprache zu sprechen, werden wir auch ihr Herz berühren können.

Wir müssen die Welt sehen, wie sie ist und nicht davon träumen, wie wir sie in unseren Kirchenmauern gerne hätten. Natürlich hätte ich gerne an jedem Sonntag fünfzig Leute hier in unseren Reihen sitzen – aber wie kann das gehen, wenn schon die eigenen Gemeindeglieder die Stunden am Sonntagvormittag brauchen, um die Blumen zu gießen, die Tiere zu versorgen oder den Enkel zu besuchen, der nur dann Zeit hat, weil er auch an allen anderen Tagen der Woche zu beschäftigt ist…

Und wir müssen glaubhafte Worte dafür finden, welche Hoffnung der Glaube in uns weckt. Für uns ist ja der Glaube an Gott nicht nur etwas Zusätzliches, was zu all dem „Normalen“, was unser Leben ausmacht, noch dazu kommt. Für uns ist der Glaube an Gott wie ein Licht, wie ein Sonnenschein, der alles beglänzt und wärmt, was uns in unserem Leben begegnet, und uns hilft, auch mit schweren Zeiten und an dunklen Tagen die Hoffnung nicht zu verlieren.

War das jetzt für Sie ein seltsames Bild in einer unverständlichen Sprache oder konnten Sie verstehen, was ich meine? Es geht uns Christen doch genau wie allen andern Menschen, wir haben Angst, geraten in Not, machen uns Sorgen und fürchten uns – aber wir wissen, dass wir in all dem auf eine besondere Weise nicht allein gelassen sind, weil Gott mit uns durch dick und dünn geht… So, wie das Sonnenlicht uns auch im Winter begleitet, so, wie wir wissen, dass es die Sonne gibt, auch wenn sie gerade hinter dunklen Regenwolken versteckt ist.

Vielleicht ist das letztlich eine Erfahrung, die man nicht wirklich mit Worten vermitteln kann und die nur Menschen verstehen, die selbst schon Ähnliches erlebt haben. Gerade Kinder beobachten viel mehr, was wir tun, als das, was wir sagen. Sie ahmen unser Vorbild nach.

Was wir sagen, muss man uns also auch abspüren können. Was wir glauben, müssen wir auch in dem zeigen, was wir tun. Darin müssen wir nicht einmal perfekt sein, denn wir glauben ja an einen Gott, der unsere Fehler kennt und unsere Schwächen verzeiht – aber gerade darum sollten wir uns auch selbst verzeihen können und so diesen Glauben sichtbar machen.

Denn auch das stimmt ja – wir haben glauben gelernt durch unsere Oma, durch unsere Mutter oder unseren Vater, durch eine Freundin oder vielleicht sogar durch einen Pfarrer – weil diese Menschen nicht nur mit uns geredet haben, sondern weil sie uns vorgelebt haben, was Glauben eigentlich bedeutet.

Durch ihr Vorbild haben sie uns gezeigt, was es bedeutet, Christ zu sein; durch ihr Beispiel haben sie uns Hinweise gegeben, denen wir vielleicht folgen können; und so erst sind ihre Worte zu unseren geworden und so erst wissen wir, was es bedeuten kann, wenn jemand sagt: „Er hat mich bei meinem Namen gerufen, ich bin sein.“ Nur so können wir den Glauben weitergeben an den, der uns versichert „Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt.“

Nachts, wenn alles schläft, sollte es dunkel sein…

Schon immer war ich fasziniert von dem Sternenhimmel über mir. Als kleines Kind habe ich im Sommer stundenlang nachts draußen auf der Wiese gelegen und hinauf geschaut, wo die Sterne glitzern. Ich kannte sie noch nicht mit Namen: großer Bär, kleiner Bär, Kassiopeia, Orion, Adler, Waage, Löwe – all diese Sternzeichen konnte ich noch nicht benennen, und ich konnte die ach so fernen Lichtpunkte nicht von den kleinen Scheibchen der Planeten unterscheiden. Ich war noch ein Kind, und das milde Glitzern dort oben war mir Wunder genug.

Als ich sechs Jahre alt war, durfte ich zum ersten Mal länger aufbleiben, um die erste Mondlandung zu sehen. Als es dann aber eine gefühlte Ewigkeit dauerte und kein Astronaut aus der Mondlandefähre stieg, um „Ein kleiner Schritt für einen Mann…“ zu sagen, musste ich dann doch ins Bett und habe das Jahrtausendereignis um ein paar Stunden verpasst.

Aber mein Interesse war trotzdem entfacht, und gute sechs Jahre lang wollte ich unbedingt Astronaut werden. Ich habe alles gelesen, was man über Raketen, Raumschiffe, Astronauten und Piloten in der Stadtbücherei ausleihen konnte, habe mich für Mathematik, Physik und Astronomie begeistern lassen, in meinem Zimmer hingen selbst gemalte Bilder von allen Planeten. Ich habe sämtliche Filzstifte ruiniert, indem ich Raketen, Satelliten und Raumsonden malte, und Astronauten im Raumanzug bei Wartungsarbeiten im Weltraum. Aber dann wurde doch nichts aus diesem Plan; ich fühlte eine andere Berufung…

Als ich in der Zweiten Gesamtoberschule in Reinickendorf Schüler war, wurde ich Mitglied in der Astronomie-Gruppe, die ein Lehrer für Interessierte anbot. Natürlich konnten wir uns nur ab und zu nachts treffen, darum war das größte Projekt, das wir in diesem Jahr bearbeiteten, eine Sternenkarte mit fast drei Metern Durchmesser. Wir klebten große rote Punkte auf für die hellsten Sterne am Himmel, mittlere gelbe für die meisten anderen Sterne und kleine blaue Punkte für die planetaren und galaktischen Nebel aus dem Messier-Katalog.

Einmal trafen wir uns an einem kalten Wintertag auf der Mülldeponie, die alle nur den „Müllberg“ nannten. Der war aber in dieser Zeit schon schön rekonstruiert und war ein Naherholungsgebiet für die Familien aus dem Märkischen Viertel; man konnte im Winter dort prima Schlitten fahren. Dort bauten wir auf einem schweren Stativ das Cassegrain-Teleskop auf, das die Schule gerade erst bekommen hatte, und bestaunten Jupiter mit seinen Monden und Saturn mit seinen Ringen. Endlich konnte ich die Planeten „in echt“ in einem Okular flimmern sehen und nicht nur auf Fotos in meinen Büchern… Ich habe die Astronomiegruppe verlassen, als ich dort immer mehr wegen meines Glaubens an Gott ausgelacht wurde. Wie man gleichzeitig Naturwissenschaftler sein kann und gleichzeitig an den lebendigen Gott glauben kann – das ist bis heute ein wichtiges Thema für mich, und ich bin noch lang nicht damit fertig.

Schon damals war am Stadtrand die Milchstraße nur sehr selten zu sehen, die Dunstglocke über der Stadt und die „Lichtverschmutzung“ ließ es niemals so dunkel werden, dass das schwache Lichtband sichtbar wurde. Nur wenn wir in den Alpen oder an der Ostsee Urlaub machten, zeigte sich der Himmel in all seiner glitzernden Pracht. Nun suchte ich mit dem Feldstecher in der Hand nachts nach Jupiter und Saturn, nach den Pleijaden und nach dem Andromedanebel…

Ab und zu zog ein heller Lichtpunkt sehr schnell über den Himmel und kam dann an diesem Tag nicht wieder, das war ein Staellit oder eine Raumstation, „Mir“, „Spacelab“ und später dann, besonders hell, die „International Space Station“.

Mit all dem ist es nun fast vorbei. Hier in Lichtenrade, wo ich jetzt wohne, überstahlt das Licht der Stadt auf der einen Seite und die Beleuchtung des Flughafen Schönefeld auf der anderen Seite fast komplett die Sterne, nur die allerhellsten stehen spätabends an einem hellgrauen Himmel: das Sommerdreieck aus Vega, Deneb und Atair; Orion im Winter, Kassiopeia und der große Wagen… Schon der Polarstern ist hier meistens nicht zu sehen. Venus, Mars, Saturn und Jupiter sind jeweils zu ihrer Zeit zu sehen… Aber an die Millionen Sterne der Milchstraße erinnert nichts mehr…

Ich habe gehört, dass in den vergangenen Jahren bis hinunter zu den Breiten, in denen Berlin liegt, Polarlichter vorgekommen sein sollen – aber hier in der Stadt werden sie wohl nicht zu sehen sein – ebensowenig wie die Meteor-Schwärme der Leoniden und Perseiden oder andere lichtschwache Himmelserscheinungen wie die leuchtenden Nachtwolken oder der „Gegenschein“.

Nun lese ich, dass die Firma SpaceEx Tausende von winzigen Satelliten starten und in die Erdumlaufbahn bringen darf, so dass man im Sommer wie im Winter zu jeder Stunde in der Nacht fast 300 Satelliten gleichzeitig am Himmel sehen kann. Sie werden gebraucht, um einen weltweiten Internetzugang zu ermöglichen. Dafür – so meinen die Befürworter des Projekts – sei ein kleiner störender Faktor doch ein sehr kleiner Preis.

Ich staune sehr, dass es einer Firma erlaubt ist, einen so großen Eingriff in die Natur vorzunehmen. Angeblich hat eine amerikanische Behörde der Firma SpaceEx die Raketenstarts und die Nutzung des niedrigen Erdorbits zu diesem Zweck gestattet. Aber ich frage mich, wie sich eine nationale Behörde das Recht herausnehmen kann, eine weltweite „Verschmutzung“ des Himmels zu gestatten. Astronomen haben schon seit Jahren protestiert und bewiesen, dass die Vielzahl der beweglichen Lichtpunkte am Himmel sowohl die Optische- als auch die Radiostronomie sehr stark behindern wird und die Forschung von irdischen Standpunkten aus unmöglich macht. Weder hier bei uns noch in den Anden, weder über den Wüsten in Afrika oder Asien noch über dem ewigen Eis am Nord- und Südpol wird der Himmel unberührt sein. Nur vom Mond aus und von Sonden in der Umlaufbahn um die Sonne herum wird noch echte Forschung möglich sein, die über das hinaus geht, was einem jede Volkssternwarte zeigen kann.

Der Internetzugang über Starlink wird wahrscheinlich sowieso für die meisten Menschen unbezahlbar sein und dazu noch eine Menge Probleme aufwerfen, Datenschutz und Abhörsicherheit betreffend. Die Satelliten kreisen in einer relativ niedrigen Umlaufbahn um die Erde, so dass sie durch den Luftwiderstand jeweils nach fünf bis zehn Jahren so weit abgebremst sind, dass sie verglühen und nur Reste über meist unbewohntem Gebiet abstürzen. So entsteht kein Weltraumschrott, andererseits müssen die Satelliten relativ häufig ersetzt werden, damit das System weiter funktioniert.

Gegen die Lichtverschmutzung und die Nutzung des erdnahen Weltraums für kommerzielle Zwecke haben sich mehrere Initiativen gebildet. Ich nenne hier nur die „Dark-Sky Initiative gegen Lichtverschmutzung“ und die „Paten der Nacht„, die mit ehrenamtlichen Aktivistinnen und Aktivisten ein Problembewusstsein wecken wollen und Initiativen größerer Gruppen ins Leben rufen wollen, zum Beispiel die Earth Night, ein Abend, in dem an vielen Sehenswürdigkeiten weltweit die Beleuchtung abgeschaltet wird, und die Dark Sky Reserve Nationalparks, in denen exzessive Beleuchtung verboten ist und das nächtliche Dunkel ein geschütztes Gut ist.

Geh nicht im Frieden in die gute Nacht…

Do not go gentle into that good night   (Dylan Thomas)

Do not go gentle into that good night,
Old age should burn and rave at close of day;
Rage, rage against the dying of the light. 

Though wise men at their end know dark is right,
Because their words had forked no lightning they
Do not go gentle into that good night. 

Good men, the last wave by, crying how bright
Their frail deeds might have danced in a green bay,
Rage, rage against the dying of the light. 

Wild men who caught and sang the sun in flight,
And learn, too late, they grieved it on its way,
Do not go gentle into that good night. 

Grave men, near death, who see with blinding sight
Blind eyes could blaze like meteors and be gay,
Rage, rage against the dying of the light. 

And you, my father, there on the sad height,
Curse, bless, me now with your fierce tears, I pray.
Do not go gentle into that good night.
Rage, rage against the dying of the light.

Geh nicht im Frieden in diese gute Nacht!

Dylan Thomas, übersetzt von mir…

Geh nicht im Frieden in diese gute Nacht!
Das Alter sollte brennen, rasen wenn der Tag sich neigt,
im Zorn und wütend, kämpfend gegen diese dunkle Macht.

Wenn weisen Menschen auch zu recht das Licht vergeht,
weil ihre Worte niemals Blitze in das Dunkle sandten, auch
sie gehen nicht im Frieden in diese gute Nacht.

Gute Menschen, die zuletzt noch ahnten, mit welcher Kraft
und doch vergeblich ihre Taten tanzten, weinend gehen sie,
im Zorn und wütend, kämpfend gegen diese dunkle Macht.

Wilde Männer zähmten einst im Flug der Sonne Pracht,
zu spät erlernten sie auf ihrem Weg, um ihren Glanz zu trauern,
sie gingen nicht im Frieden in eine gute Nacht.

Die ernsten Menschen, dem Tode nah, die beinah blind ein letztes Mal
die Augen öffnen, gleißend hell und glühend wie ein Meteor, sie gehen auch
im Zorn und wütend, kämpfend gegen diese dunkle Macht.

Und du, mein Vater, dort auf trauriger Höh,
Fluche mir, segne, ich bitte dich, mich auch mit deinen heißen Tränen,
und gehe nicht im Frieden in diese gute Nacht.
Geh hin mit Zorn und wütend, kämpfend gegen diese dunkle Macht!