Nachts, wenn alles schläft, sollte es dunkel sein…

Schon immer war ich fasziniert von dem Sternenhimmel über mir. Als kleines Kind habe ich im Sommer stundenlang nachts draußen auf der Wiese gelegen und hinauf geschaut, wo die Sterne glitzern. Ich kannte sie noch nicht mit Namen: großer Bär, kleiner Bär, Kassiopeia, Orion, Adler, Waage, Löwe – all diese Sternzeichen konnte ich noch nicht benennen, und ich konnte die ach so fernen Lichtpunkte nicht von den kleinen Scheibchen der Planeten unterscheiden. Ich war noch ein Kind, und das milde Glitzern dort oben war mir Wunder genug.

Als ich sechs Jahre alt war, durfte ich zum ersten Mal länger aufbleiben, um die erste Mondlandung zu sehen. Als es dann aber eine gefühlte Ewigkeit dauerte und kein Astronaut aus der Mondlandefähre stieg, um „Ein kleiner Schritt für einen Mann…“ zu sagen, musste ich dann doch ins Bett und habe das Jahrtausendereignis um ein paar Stunden verpasst.

Aber mein Interesse war trotzdem entfacht, und gute sechs Jahre lang wollte ich unbedingt Astronaut werden. Ich habe alles gelesen, was man über Raketen, Raumschiffe, Astronauten und Piloten in der Stadtbücherei ausleihen konnte, habe mich für Mathematik, Physik und Astronomie begeistern lassen, in meinem Zimmer hingen selbst gemalte Bilder von allen Planeten. Ich habe sämtliche Filzstifte ruiniert, indem ich Raketen, Satelliten und Raumsonden malte, und Astronauten im Raumanzug bei Wartungsarbeiten im Weltraum. Aber dann wurde doch nichts aus diesem Plan; ich fühlte eine andere Berufung…

Als ich in der Zweiten Gesamtoberschule in Reinickendorf Schüler war, wurde ich Mitglied in der Astronomie-Gruppe, die ein Lehrer für Interessierte anbot. Natürlich konnten wir uns nur ab und zu nachts treffen, darum war das größte Projekt, das wir in diesem Jahr bearbeiteten, eine Sternenkarte mit fast drei Metern Durchmesser. Wir klebten große rote Punkte auf für die hellsten Sterne am Himmel, mittlere gelbe für die meisten anderen Sterne und kleine blaue Punkte für die planetaren und galaktischen Nebel aus dem Messier-Katalog.

Einmal trafen wir uns an einem kalten Wintertag auf der Mülldeponie, die alle nur den „Müllberg“ nannten. Der war aber in dieser Zeit schon schön rekonstruiert und war ein Naherholungsgebiet für die Familien aus dem Märkischen Viertel; man konnte im Winter dort prima Schlitten fahren. Dort bauten wir auf einem schweren Stativ das Cassegrain-Teleskop auf, das die Schule gerade erst bekommen hatte, und bestaunten Jupiter mit seinen Monden und Saturn mit seinen Ringen. Endlich konnte ich die Planeten „in echt“ in einem Okular flimmern sehen und nicht nur auf Fotos in meinen Büchern… Ich habe die Astronomiegruppe verlassen, als ich dort immer mehr wegen meines Glaubens an Gott ausgelacht wurde. Wie man gleichzeitig Naturwissenschaftler sein kann und gleichzeitig an den lebendigen Gott glauben kann – das ist bis heute ein wichtiges Thema für mich, und ich bin noch lang nicht damit fertig.

Schon damals war am Stadtrand die Milchstraße nur sehr selten zu sehen, die Dunstglocke über der Stadt und die „Lichtverschmutzung“ ließ es niemals so dunkel werden, dass das schwache Lichtband sichtbar wurde. Nur wenn wir in den Alpen oder an der Ostsee Urlaub machten, zeigte sich der Himmel in all seiner glitzernden Pracht. Nun suchte ich mit dem Feldstecher in der Hand nachts nach Jupiter und Saturn, nach den Pleijaden und nach dem Andromedanebel…

Ab und zu zog ein heller Lichtpunkt sehr schnell über den Himmel und kam dann an diesem Tag nicht wieder, das war ein Staellit oder eine Raumstation, „Mir“, „Spacelab“ und später dann, besonders hell, die „International Space Station“.

Mit all dem ist es nun fast vorbei. Hier in Lichtenrade, wo ich jetzt wohne, überstahlt das Licht der Stadt auf der einen Seite und die Beleuchtung des Flughafen Schönefeld auf der anderen Seite fast komplett die Sterne, nur die allerhellsten stehen spätabends an einem hellgrauen Himmel: das Sommerdreieck aus Vega, Deneb und Atair; Orion im Winter, Kassiopeia und der große Wagen… Schon der Polarstern ist hier meistens nicht zu sehen. Venus, Mars, Saturn und Jupiter sind jeweils zu ihrer Zeit zu sehen… Aber an die Millionen Sterne der Milchstraße erinnert nichts mehr…

Ich habe gehört, dass in den vergangenen Jahren bis hinunter zu den Breiten, in denen Berlin liegt, Polarlichter vorgekommen sein sollen – aber hier in der Stadt werden sie wohl nicht zu sehen sein – ebensowenig wie die Meteor-Schwärme der Leoniden und Perseiden oder andere lichtschwache Himmelserscheinungen wie die leuchtenden Nachtwolken oder der „Gegenschein“.

Nun lese ich, dass die Firma SpaceEx Tausende von winzigen Satelliten starten und in die Erdumlaufbahn bringen darf, so dass man im Sommer wie im Winter zu jeder Stunde in der Nacht fast 300 Satelliten gleichzeitig am Himmel sehen kann. Sie werden gebraucht, um einen weltweiten Internetzugang zu ermöglichen. Dafür – so meinen die Befürworter des Projekts – sei ein kleiner störender Faktor doch ein sehr kleiner Preis.

Ich staune sehr, dass es einer Firma erlaubt ist, einen so großen Eingriff in die Natur vorzunehmen. Angeblich hat eine amerikanische Behörde der Firma SpaceEx die Raketenstarts und die Nutzung des niedrigen Erdorbits zu diesem Zweck gestattet. Aber ich frage mich, wie sich eine nationale Behörde das Recht herausnehmen kann, eine weltweite „Verschmutzung“ des Himmels zu gestatten. Astronomen haben schon seit Jahren protestiert und bewiesen, dass die Vielzahl der beweglichen Lichtpunkte am Himmel sowohl die Optische- als auch die Radiostronomie sehr stark behindern wird und die Forschung von irdischen Standpunkten aus unmöglich macht. Weder hier bei uns noch in den Anden, weder über den Wüsten in Afrika oder Asien noch über dem ewigen Eis am Nord- und Südpol wird der Himmel unberührt sein. Nur vom Mond aus und von Sonden in der Umlaufbahn um die Sonne herum wird noch echte Forschung möglich sein, die über das hinaus geht, was einem jede Volkssternwarte zeigen kann.

Der Internetzugang über Starlink wird wahrscheinlich sowieso für die meisten Menschen unbezahlbar sein und dazu noch eine Menge Probleme aufwerfen, Datenschutz und Abhörsicherheit betreffend. Die Satelliten kreisen in einer relativ niedrigen Umlaufbahn um die Erde, so dass sie durch den Luftwiderstand jeweils nach fünf bis zehn Jahren so weit abgebremst sind, dass sie verglühen und nur Reste über meist unbewohntem Gebiet abstürzen. So entsteht kein Weltraumschrott, andererseits müssen die Satelliten relativ häufig ersetzt werden, damit das System weiter funktioniert.

Gegen die Lichtverschmutzung und die Nutzung des erdnahen Weltraums für kommerzielle Zwecke haben sich mehrere Initiativen gebildet. Ich nenne hier nur die „Dark-Sky Initiative gegen Lichtverschmutzung“ und die „Paten der Nacht„, die mit ehrenamtlichen Aktivistinnen und Aktivisten ein Problembewusstsein wecken wollen und Initiativen größerer Gruppen ins Leben rufen wollen, zum Beispiel die Earth Night, ein Abend, in dem an vielen Sehenswürdigkeiten weltweit die Beleuchtung abgeschaltet wird, und die Dark Sky Reserve Nationalparks, in denen exzessive Beleuchtung verboten ist und das nächtliche Dunkel ein geschütztes Gut ist.

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