Josef und der wunderbare Technicolor-Traummantel – eine Geschichte mit Happy End?

Ich mag Geschichten mit Happy End. Ich gehe gern ins Kino und kann da stundenlang mit den Protagonisten eines Films leiden und zittern, auf Reisen gehen, Abenteuer suchen; ich kann wochenlang mit den Figuren eines spannenden Romans durch das Labyrinth eines verzwickten Kriminalfalles irren oder mit den Helden aus einem Zeichentrickfilm auf fremden Planeten landen, mit Drachen oder Piraten kämpfen – wenn am Ende alles gut ausgeht, die Gerechtigkeit siegt, die Drachen gezähmt sind und die Weltraumfahrer wieder gut zu Hause angekommen, dann geht es mir gut und ich fühle mich wohl. Ich kann das Buch aus der Hand legen, und ich weiß, es ist alles in Ordnung, die Geschichte auserzählt und so zu Ende gebracht, wie es sein muss.

Ich mag Geschichten mit Happy End. Oft gibt es solche Geschichten auch in der Bibel. Selbst nach großen Katastrophen führt Gott alle Beteiligten den richtigen Weg und zu einem guten Ausgang der Geschichte. Noah geht in die Arche mit seiner Familie und den Tieren, die Gott zu ihm geführt hat, dann wird die Tür verschlossen und um die Arche herum geht die Welt unter. Alles Leben ertrinkt in der Flut. Nicht einen einzigen Ast findet der Vogel, den Noah aus der Arche entlässt. Aber dann sinkt die Flut, die Wasser verlaufen sich, und unter einem strahlenden Regenbogen beginnt Gott die Schöpfung neu…

Der Hirtenjunge David wird ein Vertrauter des Königs Saul, singt ihm wunderschöne Worte vor und weckt dem traurigen alten Mann die Lebensgeister neu. Doch als David den Goliath erschlägt, will das Volk ihn zum König machen und Saul vertreibt ihn, wird ein erbitterter Feind. David muss sich mit einer Truppe von Banditen am Rande der Wüste durchs Leben schlagen, Schutzgeld erpressen und mit anderen verlorenen Gestalten um Einfluß kämpfen. Doch als Saul stirbt, ist es David, der an der Stelle des Prinzen Jonathan zum wichtigsten König der Geschichte Israels wird.

Auch Daniel war Berater des Königs von Babylon, bis er in Ungnade fiel und wegen seiner fremden Religion angeklagt wurde. Als frommer Jude war er im babylonischen Königshof am falschen Platz. Er wird in eine Löwengrube geworfen; die hungrigen Tiere sollten ihn fressen und so das „Problem“ aus der Welt schaffen. Doch Gott achtet auf sein Gebet, und die Tiere tun ihm die ganze Nacht nichts an. Am nächsten Tag wird Daniel wieder in sein Amt eingesetzt, und die, die ihn verklagt haben, enden an seiner Stelle bei den Löwen…

Selbst Hiob verliert Haus und Hof, seine Kinder sterben und er selbst wird todkrank, aber am Ende wird ihm alles doppelt erstattet, er lebt noch viele Jahre und stirbt irgendwann reich und zufrieden.

Oft wirken Geschichten, die solch ein gutes Ende haben, unglaubwürdig und sogar ein bisschen kitschig. Viele Menschen mögen Filme oder Romane lieber, die einen offenen Ausgang haben, die die Lesenden oder Zusehenden am Schluss allein lassen mit der Frage: Was meinst Du? Wie geht es jetzt weiter? Wie stellst Du Dir ein gutes Ende dieser Geschichte vor?

Es gibt in der Bibel auch solche Geschichten mit offenem Ende. Jona zum Beispiel sitzt nach allen seinen Abenteuern vor dem Tor der Stadt Ninive und hadert mit sich selbst und klagt Gott an. Seine Predigt hat gewirkt, die Menschen in der Stadt haben sich bekehrt und Buße getan, und Jona ärgert sich darüber, dass Blitz und Schwefel ausbleiben, dass Gott die Menschen in der Stadt begnadigt hat. Nun fühlt er, der Unheilsprophet, sich übergangen und blamiert. Wie wird er sich entscheiden? Wie geht seine Geschichte zu Ende? Wir werden es nie erfahren, aber so ein offenes Ende lädt ein, den Faden aufzunehmen und die Erzählung weiter zu spinnen. Der Vorhang geht zu – und alle Fragen bleiben offen.

Solche Geschichten sind realistischer und glaubwürdiger, weil es ja auch im „echten“ Leben meistens so ist: Oft kann man gar nicht so einfach beurteilen, ob eine Episode, ein Lebensabschnitt, nun gut oder schlecht ausgegangen ist; vieles bleibt zwiespältig und unbestimmt, und ein wirkliches Ende gibt es ja in der Wirklichkeit sowieso nicht, denn bis wir sterben, geht das Leben ja immer weiter. Selbst dann erzählen andere unsere Geschichte weiter und bewerten sie nach ihrem Maßstab.

Woran könnten wir denn erkennen, ob eine Geschichte gut ausgeht? Was macht ein (vorläufiges) Ende zu einem happy end?

In den Märchen ist es einfach: da wird ein großer Goldschatz nach Hause gebracht, der Prinz findet seine Prinzessin, am Ende wird geheiratet, und danach leben sie glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende… Die Kriterien für ein gelungenes Leben sind oft einfach und auch für Kinder nachvollziehbar.

Die Bibel und viele großartige Werke der Weltliteratur differenzieren da mehr: Auch wer arm ist, kann ein gelungenes und zufrieden stellendes Leben finden. Es kommt darauf an, dass es sinnvoll ist, dass es Bedeutung hat, dass es in den großen Rahmen des Ganzen passt.

So wie Josef seine Lebensgeschichte beschreibt, sieht er Gott selbst als eine Art „Autor“ seiner Lebensgeschichte an. Der Mensch sucht sich seinen Weg, aber es ist Gott, der seine Schritte lenkt. „Ihr wolltet es böse mit mir machen, aber Gott gedachte es gut zu machen…“ – „Ihr habt euch Böses ausgerechnet gegen mich, aber Gott hat es zum Guten summiert…“ – „Er wollte tun, was heute Wirklichkeit und deutlich sichtbar wird, nämlich ein großes Volk am Leben erhalten…“

Der Erfolg Josefs zeigt sich nicht nur darin, dass er alle Widrigkeiten überlebt hat und am Ende als zweithöchster Regierungsbeamter über Ägyptens Wirtschaft regiert – es geht ihm darum, dass mit seiner Hilfe Gott selbst ein großes Volk am Leben erhält und nicht dem Hungertode überlässt.

Man könnte ja die Geschichte Josefs auch als eine Verlierergeschichte ansehen: Als Kind noch wird er, der der Liebling seines Vaters, der verträumte Mann in einem bunten Kleid, von seinen neidischen Brüdern als Sklave verkauft. Er wird nach Ägypten gebracht und arbeitet dort in dem Büro des Potiphar. Er hat Glück und steigt auf der Karriereleiter empor, bis ihm die Frau seines Dienstherren eine unschickliche Avance macht. Als er nicht darauf eingeht, wirft sie ihm sexuellen Mißbrauch vor und er wird ins Gefängnis geworfen. Erst nach vielen Jahren kann er sich wieder emporarbeiten und wirkt zuletzt als rechte Hand des Pharao. Es geht auf und ab in seinem Leben, und es ist nicht so einfach, darin eine Erfolgsgeschichte zu sehen.

„Gott aber gedachte, es gut zu machen…“ – Das ist letztlich das Glaubensbekenntnis des Josef. So sieht er selbst sein eigenes Leben an, vom Ende her gesehen erzählt er es als eine Geschichte von der Treue Gottes.

Um unser eigenes Leben zu begreifen, erzählen wir es wie eine Geschichte. Während wir von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr leben und dabei durch Leid und Freude gehen, erkennen wir Helden und Feiglinge, Bösewichte und Halunken, stolze Ritter, kluge Berater, treue Gefährten, Clowns und Zauberer, und wir erkennen, ob wir gerade Mitspieler in einem Drama oder in einer Komödie sind. Wir sehen uns selbst als Gewinner oder als Verlierer, als Menschen, die aus der Treue Gottes leben oder von ihm wieder und wieder geprüft werden. Wir sehen uns als solche, denen das Schicksal entgegen lächelt oder als solche, denen das Universum grollt. Was ist wahr?

Es ist oft nur eigene Interpretation, eigene Entscheidung, die den Rahmen setzt für das Spiel unseres Lebens. Dein eigenes Leben wird von Dir erzählt und gestaltet, Du interpretierst, was geschehen ist, und Du erzählst, wie es weiter geht. Immer ist eine unerwartete Wendung möglich.

Und das gilt nicht nur für Dein eigenes Leben, das gilt auch für die Geschichte unserer Stadt, unserer Kirche, unserer Gemeinde. So, wie wir uns unsere eigene Geschichte erzählen, so werden wir sie wahrnehmen. Unsere Gegenwart und unsere Zukunft wird davon bestimmt, wie wir die Vergangenheit interpretieren. Es ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, die sich auswirkt auf die Grundstimmung unseres Daseins und die Energie, aus der wir leben.

Gläubige Menschen schlagen einen gedanklichen Bogen über die ganze Biblische Geschichte, von der Schöpfung der ersten Menschen an bis hin zur neuen Schöpfung, wenn Gott Himmel und Erde neu macht und all die Tränen seiner Menschen trocknen wird. Gegen alle Widerstände interpretieren sie die Weltgeschichte als ein fortlaufendes Handeln Gottes, das zwar oft nicht zu verstehen, zu begreifen und kaum zu ertragen ist, das aber am Ende doch eine Geschichte des Erbarmens, der Gnade und der Liebe Gottes zu uns Menschen ist.

Eine „Heilsgeschichte“, so sagen die Theologinnen und Theologen, so sagen viele Glaubende, eine Heilsgeschichte ist, was Gott den Menschen und seiner ganzen Schöpfung bereitet. Durch die Sintflut hindurch, durch den Exodus seines heiligen Volkes aus der Gefangenschaft in Ägypten, durch die Zerstreuung über die ganze Erde und unter die Völker der Welt hindurch bis zur endgültigen Erlösung am Ende der Zeit geht seine Geschichte mit den Juden, durch den Tod und die Auferstehung Jesu hat er Leben gebracht für alle Völker der Welt und für die Menschen seines Wohlgefallens…

Auch hier bleibt die Frage – erkennen wir in der Geschichte der Menschheit die Heilsgeschichte Gottes wieder, können wir für uns sie so interpretieren, daraus Kraft und Hoffnung schöpfen trotz aller Fragen und Enttäuschungen unserer Zeit? Können wir glauben, dass hinter dem allen ein Sinn verborgen ist und das Gott der Autor dieser seltsamen und verwirrenden Geschichte ist?Können wir bekennen: „Wir haben Schuld auf Schuld gehäuft und unsere Untaten und Sünden zu den Untaten aller Menschen addiert – aber Gott hat es gut gemacht und eine gute Bilanz gezogen: am Ende wird deutlich werden, das er das Leben und ewigen Frieden ans Licht gebracht hat…“

Am Ende ist alles gut – wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende…“ diesen Spruch kann man auf Frühstücksbrettchen kaufen oder als Wand-Tattoo über sein Wohnzimmersofa kleben – vielleicht atmet dieser Satz sogar ein wenig von dem Glaubensbekenntnis des Josef, das ihm die Kraft gegeben hat, am Ende auch seinen Brüdern zu vergeben.

Ich frage mich, ob man eine solche positive, glaubensgestärkte Interpretation der eigenen Geschichte und der gemeinsamen Geschichte „lernen“ kann, ob man sich entscheiden kann, sie so oder so zu sehen. Psychologen versuchen oft, Menschen dabei zu helfen, ihr Leben anders zu bewerten. „Reframeing“ nennen sie das, als in etwa „dem Leben einen anderen Rahmen geben“. Manchmal ist es ja so, dass das gleiche Gemälde, dasselbe Foto, sehr unterschiedlich wirkt, abhängig davon, ob es wie eine Poster mit Nadeln an eine Rauhfasertapete gepinnt wird, ob es in einem kostbaren barocken Rahmen präsentiert wird oder in einem schlichten modernen Display ausgestellt ist. Der Rahmen macht, dass dasselbe Bild, dasselbe Foto, dasselbe Leben einen ganz unterschiedlichen Eindruck macht.

Können wir so den Rahmen unseres Lebens wirklich selbst wählen? Können wir uns dazu entscheiden, zu glauben, wirklich zu glauben, dass unser Leben und unser Schicksal von Gott umgeben ist, dass er es in seinen Händen hält, dass er der Autor unseres Lebens ist?

Der Apostel Paulus hat in seinem Ersten Brief an die Korinther geschrieben: „Am Ende bleiben Glauben, Hoffnung und Liebe; und die Liebe ist die größte unter ihnen…“ Alle drei sind Geschenke Gottes, die wir uns letztlich nicht selbst erarbeiten können, wir können sie aber üben. Alle drei sind Gaben des Heiligen Geistes, Kräfte, die nicht unsere eigenen sind, in denen wir uns aber üben können. Ein wacher Glaube, eine kraftvolle Hoffnung und eine stete Liebe erkennt im eigenen Leben und in der Geschichte unserer Gemeinschaft die Hand Gottes am Werk und kann am Ende bekennen: „Er hat alles gut gemacht.“

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