Glauben so viel wie ein Senfkorn

In dieser Woche fällt es mir schwer, gute Gedanken für meine Sonntagspredigt zu finden. Vorgeschlagen als Predigttext ist dieser Satz von Jesus, in dem er sagt: „Wenn du Glauben hast so viel wie ein Senfkorn, kannst du zu diesem Berg sprechen: Erhebe dich und stürze dich ins Meer, und er würde es tun…“

Viele Leute haben mir in Seelsorgegesprächen erzählt, dass ihnen dieser Satz sehr zu Herzen gegangen ist, aber zuletzt dann doch nicht hilfreich war: Sie haben sich so sehr etwas gewünscht, verzweifelt um etwas gebetet, haben sich „angestrengt“, einen starken Glauben zu haben, haben Gott tagelang um Hilfe angefleht – aber dann hat Gott ihre Gebete doch ignoriert, und es ist das Gegenteil eingetreten von dem, was sie sich erhofft haben. Und nun machen sie sich Vorwürfe, weil sie nicht kräftig genug geglaubt haben, nicht glühend genug gebetet, nicht brennend genug gehofft…

Mit tun die armen Menschen unglaublich leid, die sich selbst verurteilen; die von sich sagen: „Wenn ich nur mehr geglaubt hätte, wäre nur mein Gottvertrauen groß genug, dann wäre mein Mann nicht gestorben, würde mein Kind keine Drogen nehmen, wäre ich nicht arbeitslos, wäre unser Haus nicht abgebrannt…“

Als ob Glauben eine Art Leistungssport wäre, etwas, bei dem man sich nur kräftig üben und sich anstrengen muss, damit er funktioniert! Selbst die Jünger sind zu Jesus gekommen und haben ihn gebeten: „Stärke unseren Glauben!“

Mich erinnert dieses Bild vom „senfkorngroßen Glauben“ an die spitzfindig-scholastische Frage, wieviele Engel auf einer Nadelspitze tanzen könnten… Ist denn das „Senfkorn“ die angemessene Maßeinheit für die Glaubensgewissheit, zu der wir ermuntert werden bzw. die „gefordert“ ist? Geht es um Volumen oder Gewicht? Wie kann man die Größe des Glaubens messen? Wie viel Glaube ist nötig für ein Senfkorn? Kann man mit doppelt so großem Glauben dann ZWEI Berge versetzen?

Im neuen Testament wird das Senfkorn einige Male erwähnt, jedes mal wird es als Beispiel genannt, weil es so klein ist, „der Kleinste aller Samen“, und doch eine ziemlich große Pflanze daraus wachsen kann, ein „Baum, in dessen Zweigen die Vögel des Himmels wohnen“. Vielleicht geht es ja darum, dass selbst ein kleiner Glaube wirklich große Veränderungen bewirken kann… Vielleicht soll verständlich gemacht werden, dass es hier auf Größe, Kraft und Intensität gar nicht ankommt, sondern auf geduldiges Warten, bis etwas gewachsen ist, bis es Zeit hatte, groß zu werden.

Ich denke, dass Glaube gar nicht ein Für-Wahr-Halten von Dingen ist, die man letztlich nicht beweisen kann. Ich denke, dass Glaube keine Einstellung ist, die wir produzieren können, die eine eigene „Leistung“ wäre. Ich denke, dass der Glaube an Gott selbst schon ein Geschenk Gottes ist, etwas, das der Heilige Geist in uns bewirkt.

Ich stelle mir vor, dass „Glauben“ einfach bedeutet, dass ich Gott mehr zutraue, als ich mir ohne Gott vorstellen könnte. Ohne Gott rechne ich nur mit meinen eigenen, bescheidenen Möglichkeiten. Als Beispiel denke ich mir, ich müsste eine Wohnung in einem alten Haus einrichten. Meine Möglichkeiten wären, Möbel zu kaufen, Teppiche auszurollen, Bilder aufzuhängen; das, was man halt normalerweise so tut. Glaube an Gott eröffnet ein völlig neues Gebiet: Ich könnte ja auch Mauern durchbrechen, Türen und Fenster einbauen, wo bisher keine waren, zusätzliche Zimmer anbauen… Ich könnte sogar ein ganzes neues Haus um das alte herum bauen, so dass die Wohnung, die bisher mein Zuhause war, nur noch ein kleiner Teil eines ganzen Schlosses ist…

Entdecke die Möglichkeiten: Wenn Gott in das Leben eingreift, kann sich alles ändern – im Bild gesprochen: dann können ganze Berge ins Rutschen kommen: ein ganzer Lebensplan kann sich ändern – Beruf, Wohnort, Beziehungen – alles kann neu und anders werden. Die Maßstäbe ändern sich, die Möglichkeiten sind unbegrenzt. Die Geschichten der Menschen in der Bibel sind Beispiele dafür.

Aber – will ich das überhaupt? Wenn Gottes Segen darin besteht, dass er mich aus gewohnten Bahnen heraus reißt – will ich dann so gesegnet sein?

Vielleicht heißt Glaube, Gott die Zeit zu lassen, die er braucht – und mir die Zeit zu lassen, die ich brauche – um mich zu verändern und neu zu werden.

Ein Gedanke zu “Glauben so viel wie ein Senfkorn

  1. Tevje, der Milchmann aus Anatevka, betet: „… Gewiß, wir sind dein auserwähltes Volk, aber – könntest du nicht ab und zu mal ein anderes Volk auswählen?“ Und ein Freund aus Studientagen meinte: Wenn Gott uns strafen will, erfüllt er unsere Gebete. (Er meinte damit: Gott gibt uns aus Liebe das, was wir brauchen – nicht, was wir erbitten, obwohl es nicht nötig ist.)

    Ich glaube, Tevje hat etwas erkannt: das Ding mit Gott ist manchmal ganz schön anstrengend.

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