Zeit vergeht, auch wenn niemand hinsieht…

Vielleicht fing es damit an, dass im September die Katze starb. Jahrelang hat sie mich schnurrend begrüßt, wenn ich von der Arbeit nach Hause kam; aber dann schaute sie mich nur noch uninteressiert an und schloss dann gelangweilt die Augen. Ein paar Wochen quälte sie sich zwischen Schlafplatz, Fressnapf und Katzentoilette herum, dann gab die Tierärztin ihr die letzte Spritze.

Nach Hause zu kommen war nicht mehr so schön.

Zeit vergeht, auch wenn niemand hinsieht.

Das Auto war sechzehn Jahre alt und hatte schon viele Kratzer und Beulen. Eine Schraube, die auf dem Weg lag, bohrte sich in den linken Vorderreifen. Die Lichtmaschine gab irgendwann auf; auf dem Armaturenbrett leuchtete ein orangefarbenes Lämpchen. Als auch noch die Servolenkung streikte (rotes Lämpchen), schüttelte der Automechaniker den Kopf. Ich fuhr noch einen Monat mit Vorsicht (provisorisch) und lenkte angestrengt und kraftvoll wie der Fahrer eines 30-Tonners mit Anhänger. Dann verkaufte ich den Wagen für 400 Euro.

Praktisch, dass man wegen einigen hundert Trilliarden Viren sowieso eher im Home-Office arbeiten muss. Wenn es gar nicht anders geht, nutzt man ein Auto vom Carsharing-Dienst.

Im Mai: Urlaub zuhause. Das Hotel in Griechenland hat gar nicht erst geöffnet, die Gäste blieben zu Hause und darum auch das Reinigungspersonal, die Köche und Sommeliers, die Servicekräfte und die Fotografin, die sonst immer am Donnerstagabend alle Gäste portraitiert und dann am Samstag die Bilder zum Kauf anbietet. Auf Facebook veröffentlicht sie Bilder von leeren Stränden.

Es ist wieder schön zu Hause; die Sonne scheint oft durch die Fenster auf die Blätter der Tageszeitung, auf denen steht, dass das Virus jetzt jeden Tag weniger Menschen infiziert. Zum ersten Mal seit einem Jahr essen wir wieder in einem Restaurant. Also – draußen. Vor dem Restaurant. Unter einem Sonnenschirm. Es gibt frisches, kaltes Bier. Die Kohlensäurebläschen glitzern im Licht.

Die Zeit vergeht rasend schnell, niemand sieht hin.

Der Sommer kommt, viele Termine finden wieder statt. Das Leben wird stabiler, härter, aber auch zerbrechlicher. Nur scheinbar berechenbarer. Wieder splittert von Zeit zu Zeit etwas ab und fällt unter den Tisch. Ungewohnte Geräusche, ein leises Klirren wie von winzigen Scherben, schmerzen in den Ohren.

Nachrichten von weit weg fühlen sich an, als kämen sie direkt aus der Nachbarschaft. Überschwemmungen gibt es nicht nur in Indien. Fanatismus in vielen Farben hinterlässt einen irritierenden Eindruck von schlammigem Braun, wie früher im Schulfarbkasten, wenn die Malpasten ineinander laufen. Großbritannien verläßt die Europäische Union, die Soldaten der NATO verlassen Afghanistan, viele Querdenker und Impfgegner verläßt der gesunde Menschenverstand. Meine Frau verlässt sich auf mich.

Man kann es nicht allen recht machen.

Wenn man ein wirklich schlechtes Gewissen hat, nimmt man in drei Wochen fünf Kilogramm ab. Ich kann diese Diät nicht empfehlen.

Der Sommer geht; Termine werden auf Vorrat gemacht. Erntedank, Martinsfest, Lichtertage im Advent, Weihnachtsfeiern. Ob sie wohl wirklich stattfinden, alle diese Hoffnungszeichen in der Zukunft?

Bald wird wieder eine Katze hier einziehen. Sie wird mich erwarten, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme. Ob sie nur gelangweilt schaut oder ob sie mich schnurrend begrüßt, wird die Zeit zeigen. Ich werde hinsehen…

4 Gedanken zu “Zeit vergeht, auch wenn niemand hinsieht…

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