Entscheidung im Zelt – Predigt am Volkstrauertag 2021

1 Denn wir wissen: Wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel. 2 Denn darum seufzen wir auch und sehnen uns danach, dass wir mit unserer Behausung, die vom Himmel ist, überkleidet werden, 3weil wir dann bekleidet und nicht nackt befunden werden.

4 Denn solange wir in dieser Hütte sind, seufzen wir und sind beschwert, weil wir lieber nicht entkleidet, sondern überkleidet werden wollen, damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben. 5 Der uns aber dazu bereitet hat, das ist Gott, der uns als Unterpfand den Geist gegeben hat.

6 So sind wir denn allezeit getrost und wissen: Solange wir im Leibe wohnen, weilen wir fern von dem Herrn; 7 denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen. 8 Wir sind aber getrost und begehren sehr, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem Herrn.

9 Darum setzen wir auch unsre Ehre darein, ob wir daheim sind oder in der Fremde, dass wir ihm wohlgefallen. 10 Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, auf dass ein jeder empfange nach dem, was er getan hat im Leib, es sei gut oder böse.

Gnade sei mit uns und Friede von Gott, unserem Vater,
und dem Herrn Jesus Christus.

Er segne an uns Reden und Hören!

Amen!

Zelten

Wer ein Zelt hat, ist hier noch gut dran. An der Grenze nach Polen sitzen sie im Dreck, im Regen und in der Kälte. Die Zukunft ist ungewiss, niemand weiß, wann er weiter ziehen darf, ob überhaupt, und ob es ein Land gibt, das ihn aufnehmen wird, ihm einen Platz in einem Heim zuweisen wird, vielleicht sogar eine Wohnung, ein Land, in dem er eine Arbeitserlaubnis erhalten wird, ein Land, in dem er nicht Angst haben muss, wieder abgeschoben zu werden, ein Land, das ihm Heimat werden könnte. Hier an der Grenze zwischen Weißrussland und Polen, an der Grenze zur Europäischen Union, ist alles möglich. Vielleicht geht es morgen weiter in den Westen, vielleicht landet er zusammengeschlagen mit gebrochenen Knochen in irgendeinem Lazarett. Wie gesagt: Wer ein Zelt hat, ist noch gut dran.

Nichts ist sicher: woher die nächste Mahlzeit kommt, wo man seine Kleidung waschen und trocknen kann, woher man Medikamente und Verbandszeug für Kranke und Verletzte bekommt, ob die Soldaten und die Schleuser, denen man heute viel Geld gezahlt hat, sich morgen noch daran erinnern wollen und wirklich irgendwo zwischen Büschen versteckt ein kleines Tor sich auftut, durch das man in die Freiheit wandern kann, hinein nach Polen und vielleicht weiter nach Deutschland, das so viele wunderbar beschrieben haben wie das gelobte Land…

Heimat

Wir verbinden mit dem Gedanken an das Leben in einem Zelt fröhliche Jugenderinnerungen. Nächte am Lagerfeuer, Gesänge zur Gitarre, Konfirmandenfahrten oder Camping im Urlaub mit der Familie. Ein See ist in der Nähe, in dem man Baden kann. Es ist sommerlich warm am Tag, und sollte es Nachts mal kalt werden, kann man sich in den dicken wärmenden Schlafsack wickeln und einen Kakao trinken, den ein Freund oder jemand aus der Familie auf dem Campingkocher heiß gemacht hat. Zwischen dem Sternenhimmel und der Nasenspitze ist nur eine dünne Zeltplane, man kann die Vögel singen hören und den Wind in den Zweigen rauschen. Selbst, wenn es regnet, ist das Prasseln der Tropfen auf der imprägnierten Leinwand nicht mehr als ein beruhigendes, geradezu einschläferndes Geräusch.

Im schlimmsten Fall könnte man ja die Zelte abbrechen, Planen, Stangen, Heringe und Luftmatratzen im Auto verstauen und nach Hause fahren, wo eine beheizbare Wohnung und ein warmes und trockenes Bett wartet. Wenn wir zelten waren, war das für uns wie eine Pause von der Zivilisation, ein Urlaub aus der Sesshaftigkeit in Mauern aus Beton, Backsteinen oder Stahl, ein erholsamer, kurzer, begrenter Urlaub, aus dem man jederzeit wieder zurück kehren kann, sollte es die Not erfordern…

Kleidung

Es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung… Das sagen die Menschen gern, die an der Nordsee Urlaub machen. Dort ist das Wetter gern unbeständig und launisch, man muss auf alles vorbereitet sein. „Zwiebelprinzip“ haben wir das immer genannt, wenn man sich durch An- und Ausziehen der Kleidung an das aktuelle Wetter anpassen kann – T-Shirt, Pulli, Sweater, Windjacke und Gummimantel sind dabei, und wenn die Wolken den Himmel bedecken und die ersten Tropfen fallen, waren wir vorbereitet… Wer geht schon mit einem Regenschirm auf Wanderschaft…

Eine Jugendgruppe aus einer Partnergemeinde des Kirchenkreises Schöneberg hat vor einigen Jahren ein Experiment gewagt: Sie haben einen Monat lang in ihrem Ort im südlichen England wie Obdachlose gelebt. Vier Wochen lang haben sie während der Sommerferien in Lumpen um den Brunnen auf dem Markt herum gesessen, in Pappkartons geschlafen, von dem gelebt, was die Leute ihnen geschenkt haben. Die Polizei war eingeweiht, darum wurden sie nicht wie andere Obdachlose von diesem Ort vertrieben; und einmal am Tag durften sie im Pfarrhaus neben der Kirche heiß duschen und sich eine Stunde aufwärmen. Dann aber hieß es wieder: hinaus auf die Straße, zu den Menschen, die sie empört anschauten und tuschelten: So viele junge Leute! Haben die nichts Besseres zu tun, als hier rumzusitzen und zu betteln? Können die nicht arbeiten gehen, jung und kräftig, wie sie sind? Zu meiner Zeit hätte es das nicht gegeben, da wäre längst die Polizei gekommen und hätte sie bei ihren Eltern abgegeben oder dahin gebracht, wo solches Pack hingehört…

Die Jugendlichen haben hinterher berichtet: Das Schlimmste war, dass uns die Leute angesehen haben, als hätten wir keine Ehre, keine Würde. Wer so unangepasst herumsitzt wie ein Bettler oder eine Obdachlose, der kann keine Achtung mehr erwarten, der hat der Gesellschaft nichts zu geben, der ist es nicht einmal mehr wert, dass man ihm in die Augen schaut. Selbst die Leute, die uns ein Brot gegeben haben oder eine Limo hingestellt haben, haben uns kaum einmal angeschaut. Das war auf Dauer unerträglich… Das war richtig schlimm! Gegen die kalten Blicke der Mitmenschen hilft auch die warme Kleidung nach dem Zwiebelprinzip nichts.

Keine bleibende Stadt…

Paulus hat mit seinem Bild vom Zelten wohl eher an die Flüchtlinge als an Campingtouristen gedacht, mehr an die Obdachlosen als an die, die nach vier Wochen erschöpft und müde, aber um eine wichtige erfahrung reicher in ihre Elternhäuser zurück kehren konnten…

Für die Menschen, denen das Leben ohne ein festes Dach über dem Kopf kein Experiment oder Abenteuer ist, bleibt keine Wahl und keine Alternative: sie müssen in ihren Zelten oder Wellblechbaracken ausharren oder sogar unter dem freien Himmel wohnen, allen rauhen Wettern ausgesetzt und ein ungewisses Schicksal vor sich. „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die Zukünftige suchen wir…“ – das sagen nicht Menschen, die auf dem Weg sind in einen erholsamen Urlaub; das sagen Flüchtende, die im Elend sind und eine Heimat suchen, in der sie leben und zu sich selbst kommen können.

Genau so, schreibt er, sind wir in der Welt. Wir sind hier nicht zu Hause. Wir sind nur auf der Durchreise. Unser Leben ist nur eine Pilgerfahrt, unser Leib ist nur wie ein Zelt, bestenfalls eine Hütte, eine armselige Behausung, in der der Wind durch die Ritzen pfeift und die Kälte in jeden Winkel dringt.

Hier haben wir keine bleibende Stadt, dies ist nicht unsere Heimat. Kein Ort, an dem man gerne wohnt, keine Heimat auf Dauer, nirgends. Unsere Sehnsucht ist nicht auf ein Ziel in dieser Welt gerichtet, denn – so schön der Weg auch ist – zuhause sind wir in dem Bau, den Gott errichtet hat, in dem Haus des Vaters, das nicht von Menschenhänden erbaut ist. Selbst die prächtigste Villa, der schönste Palast ist nur wie ein fadenscheiniges, abgenutztes Kleid, eine zerrissene Jeans, Lumpen, die nur notdürftig davon ablenken können, dass wir eigentlich nackt sind.

Vor Gott sind wir alle gleich. Und im Sterben gibt es keinen Unterschied. Bettler sind wir, das ist wahr! Wenn wir unseren letzten Atemzug tun, teilt jeder von uns die gleiche Not und stellt sich die selben Fragen…

Werde ich bestehen vor seinem Richterstuhl? Werde ich in seine Augen sehen können, ohne vor Scham und Schuldbewusstsein zu erröten, verzweifelt, weil ich weiß, dass ich das Ziel meines Lebens verfehlt habe? Können wir uns darauf verlassen, dass an unserem Ende „das Sterbliche verschlungen wird vom Leben“, so wie Paulus es beschreibt – und nicht das Leben dahinwelkt im Tod?

Ehre

Die Menschenwürde, die Ehre, die wir einander erweisen sollen, hängt nicht an der Bekleidung, ob wir Talar oder Robe, Uniform oder Blaumann tragen oder die Lumpen der Bettler und Landstreicher. Die Menschenwürde häbgt nicht an dem Haus, in dem wir wohnen, sei es eine große Villa mit Garten oder ein 500 Jahre altes Bauernhaus, sei es eine Neubauwohnung, verkehsgünstig gelegen und umweltschonender Zentralheizung oder eben ein Zelt oder ein Container in einer improvisierten Siedlung für Geflüchtete. Die Menschenwürde hängt nicht daran, wieviel jemand im Portemonnaie hat oder auf dem Konto, ob er an der Universität studierte oder alles, was er weiß, von seinen Eltern gelernt hat…

Die Würde eines Menschen besteht darin, dass er nach dem Bild Gottes geschaffen ist; er ist ihm ähnlicher als sein eigener Schatten. Im Gesicht des Obdachlosen und des Geflüchteten erkennen wir genau so die Würde, die Ehre und den Herrlichkeit Gottes wieder wir im Gesicht des Pfarrers, des Polizisten, der Ärztin und des Bürgermeisters…

Würde, Ehre und Herrlichkeit kommen da her, dass wir Menschen nach dem Willen Gottes sind – und wo immer wir uns auf unserer Reise durch die Welt gerade bewegen, ist er an unserer Seite. Laßt uns niemals vergessen, dass das für alle Menschen gilt! Sie kennen die Geschichte von der obdachlosen Frau und der Rose? Wenn wir helfen wollen, lasst uns nie aus dem Blick verlieren, dass wir das Gegenüber eines Menschen ist, der genau so ist wie wir selbst; ein Bild Gottes…

Wohlgefallen

„Wir setzen unsere Ehre darein, dass wir ihm wohl gefallen.“ Weil wir wissen, dass alle Menschen Ehre und Würde darin haben, dass sie nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind, geht es nun darum, dieser Ehre entsprechend zu leben. Zu werden, was wir sind und schon immer waren. Das zu tun, was unserem Wesen und seinem Willen entspricht, nämlich unserem Wesen als Ebenbilder Gottes, als Geschwister unseres Bruders Jesus Christus. So zu leben, dass wir unserem Spiegelbild gerade und frei in die Augen sehen können. So zu leben, dass wir am Ende ihm in die Augen sehen können. Und sei es nur mit Augen voller Dankbarkeit, weil er uns alle unsere Schuld vergibt.

Offenbar

Am Ende spricht Paulus vom Gericht Christi, vor dem wir alle unterschiedslos erscheinen müssen, vor dem am Ende jedes Menschen Leben offenbar wird. Als ob dieses Leben eine Art Prüfung wäre, ein Test, ein Gutachten, an dem sich entscheidet, ob und wie wir unserer Würde entsprechend gelebt und gehandelt haben. Aber Paulus macht Mut – wir müssen dieses Gericht nicht fürchten. Im Gegenteil: er kann es scheinbar kaum erwarten, dieses Leben, seine „Hütte“, zu verlassen, um endlich! endlich! dort anzukommen, wo all seine Mühe belohnt wird und er den Siegespreis bekommen wird, wo ihm gesagt wird: „Geh ein zu deines Herrn Freude!“…

Gerichtet

„Was ihr an den Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan!“ sagt Christus im Weltgericht, so wie der Evangelist es beschreibt. Ob wir Jesus die Ehre geben, entscheidet sich nicht nur hier in der Kirche. Es entscheidet sich an den Grenzen der EU nach Weißrussland, an den Häfen zu den Fluten des Mittelmeers hin, auf der Balkan-Route, wo immer Menschen in verzweifelter Not nach einer neuen Heimat suchen. Es entscheidet sich in den Konferenzen und Sitzungen, wo Mächtige und Delegierte über die Zukunft ganzer Völker entscheiden. Und es entscheidet sich auf den Straßen unserer Stadt, daran, ob wir Obdachlosen und Geflüchteten, Bettlern und Bittstellern in die Augen sehen – und Christus in ihnen erkennen und in ihm uns selbst…

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