Make me cry – Jacob Collier

In every sea there’s a mouth of a river
Where waterfall riches flow down
Why do they cry?
No one knows why

In every mouth there’s a word of forgiveness
That melts all the ice to the ground
Why do you sigh?
I don’t know why

Why does the sky fall down
Like pouring rain?
To let it flow again

Gonna make you feel alright
Take your dreams, keep them out of sight
Wanna make you come alive
Close your eyes, keep you warm at night

So come a little closer to me
So many things I want you to see
My darling


In every laugh is the sorrow
Of all of the tears that you’ve held for so long
Would you make me cry?
Oh, let me run dry

In every tear are the eyes of a father
And mother that brought you to see
Sing lullaby
As you say goodnight

Why do the stars look down
And feel no shame
When they are all the same?

Gonna set your mind alight
Keep you close to me and hold you tight
Wanna keep you burning bright
Take your words, shine them like a light

So come a little closer to me
So many things I want you to see
My darling

In every soul is the need to grow older
To speed up the passing of time
I don’t know why
But it makes me cry

Make Me Cry / Jacob Collier
https://open.spotify.com/track/4Y6VEDkRSpbn8Wt8x18RHh

Übersetzung von mir…

Jeder Fluss hat eine Mündung,
Wo Wasserfälle reichlich fließen in die See
Warum sie weinen?
Niemand weiß es…

Jeder Mund kennt Worte von Vergebung
Sie schmelzen Eis, das Menschen frostig trennt
Warum seufzst du ?
Ich weiß es nicht…

Warum fällt der Himmel nieder
Wozu fällt Regen?
Damit es wieder fließt.

Er wird dich wieder glücklich machen
Dir deine Ängste nehmen, dass du sie nicht mehr siehst.
Er will dich wieder leben lassen
Deine Augen schließen, trösten in der Nacht

Komm ein Stück näher her zu mir
Ich möchte dir so vieles zeigen
Meine Liebste…

Hinter jedem Lächeln steht die Trauer
Die Tränen, die du schon lange unterdrückst.
Bringst du mich zum Weinen
Bis die Tränen wieder trocknen von allein?

In jeder Träne sind die Augen eines Vaters,
Und einer Mutter, die für dich am Abend
Ein Wiegenlied gesungen
Ein Lied für eine gute Nacht…

Warum sehen die Sterne auf dich herab
Und doch schämt sich keiner
Obwohl sie alle völlig gleich sind?

Komm ein Stück näher her zu mir
Ich möchte dir so vieles zeigen
Meine Liebste…

Entzünde deine Phantasie
Bleib bei mir, halte mich ganz fest.
Brenne hell, und jedes Wort
Von dir soll leuchten, strahlend wie die Sterne dort.

Jede lebendige Seele wird irgendeinmal alt,
Die Zeit vergeht und immer schneller
vergehen unsre Tage,
Und ich weiß nicht, warum.
Aber ich weine, weine, weine…

Der wahre Jacob und der echte Jesus

Um das Jahr 1700 begann in Deutschland das Zeitalter der Aufklärung. In den Universitäten gab es grundlegende Veränderungen. Theologen, die die Arbeit an ihrer Fakultät als Königsdisziplin der Wissenschaften angesehen hatten und die anderen artes liberales als dienstbare Knechte in der Forschung um das Wesen Gottes und seiner Schöpfung angesehen hatten, erlebten nun auf einmal, dass ihr Selbstverständnis nicht mehr automatisch als gerechtfertigt angesehen wurde. Im beginnenden Zeitalter der Vernunft galt nur noch das als Wissenschaft, was sich rational erklären ließ, was zählbar, wiederholbar, überprüfbar war. Und das war die Theologie nun einmal von Natur aus nicht.

Dies betraf zuerst und vor allem das Wissen über die Bibel – Grundlage der Theologie, des Gottesdienstes und des Glaubens überhaupt. Bisher hatte man sie meist als inspiriertes Wort Gottes angesehen – unfehlbar, nicht hinterfragbar, letzte Autorität in (fast) allen Fragen des Lebens. Nun begann man sie als literarisches Werk wie andere Dokumente der Geschichte anzusehen und mit den selben Werkzeugen der literarischen Kritik zu analysieren. Theorien zur Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte der Texte wurden aufgestellt, und man ging jetzt davon aus, dass Männer – und waren es auch heilige Männer – aus ihrer eigenen Erfahrung und mit eigenen Absichten für die Menschen in ihrer jeweils zeitgenössischen Gegenwart geschrieben haben.

Über Jahrhunderte und Jahrtausende wurden Geschichten weitererzählt, Briefe und Chroniken abgeschrieben und Predigten vervielfältigt, die wichtigsten Schriften wurden in einem Kanon gesammelt und in den Gemeinden in den verschiedenen Gegenden der christlichen Welt von Generation zu Generation weitergegeben. In allen biblischen Texten waren Spuren dieses Prozesses zu erkennen.

Und es erhob sich die Frage – wer hat eigentlich die verschiedenen Texte geschrieben? Wer waren Moses, David, Salomo gewesen? Und – was an den Berichten über das Leben Jesu war exakter Bericht, und was war fromme Legende?

Nach einigen Jahrzehnten wagten sich Theologen an die Leben-Jesu-Forschung, um herauszufinden, was von dem historischen, dem wirklich einmal unter den Menschen in Israel gelebt habenden Jesus noch in den Evangelien zu erkennen war…

Überwiegend war es aber so, dass alle an dieser Forschung beteiligten Männer (es waren fast nur Männer) in den überlieferten Texten Jesus so zu erkennen glaubten, wie sie ihn gern sehen wollten: als gelehrten Wanderrabbi, als extremistisch gesinnten Zeloten, als vom Geist geführten Spirituellen, als politischen Aufrührer und als religiös motivierten Sozialreformer. Vielleicht lag es auch an der noch nicht sehr tiefgehenden archäologischen Forschung, an fehlendem Wissen über das Leben, Denken, Glauben und Philosophieren in diesem Teil des Römischen Reiches, dass fast alle Wissenschaftler, die diesen Versuch wagten, den historischen Jesus zu entdecken, immer nur sich selbst im Spiegel fanden. Dies geschah immer wieder bis in die jüngste Zeit, in der Vertreterinnen der feministischen Theologie in Jesus den „ersten neuen Mann“ erkannt haben wollten, während Vertreter der Hippie-Bewegung in ihm einen Schamanen entdeckten, der bestimmt vor seinem öffentlichen Auftreten in Indien studiert haben musste und deshalb so charismatisch auftreten konnte und auch in der Lege war, die Heilungswunder zu wirken, die seinen Ruhm begründeten…

Eine Zeit lang wollte man vor allem in den Sätzen der Evangelisten wahre Worte Jesu erkennen, die nicht auch im Umfeld der spätjüdischen Lehre seiner Zeit zu hören und zu lesen gewesen waren, die nicht im Hellenismus oder auch im Religionsmischmasch der römischen Soldaten geglaubt wurden, so als sei er absolut originell in splendid isolation zu seinen Erkenntnissen und Glaubensüberzeugungen gekommen. Ein wenig später kam man ins andere Extrem und hielt gerade die Worte für genuin jesuanisch, die man damals auch in den Synagogen und im Tempel hätte hören können, in den Schulen der Essener oder den Wandelhallen der Pharisäer.

Ich selbst halte es für wahrscheinlich, dass er im Umfeld der religiösen Überzeugungen seiner Zeit aufwuchs und vieles gelernt und vertreten hat, was die „Ältesten“ in den Synagogen in Nazareth und Umgebung lehrten und verkündeten. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, das er mehrere Jahre in der Schule der Essener zugebracht hat und sich vielleicht auch für einige Monate der radikalen Bewegung der Zeloten angeschlossen hatte.

Aber bald begann er, eigene Ideen zu entwickeln und „zu predigen, nicht wie die Schriftgelehrten und Pharisäer“ – er wuchs auch über die Lehren Johannes, des Täufers hinaus, die er wohl lange selbst vertreten hatte. Einige Jünger des Johannes vollzogen diese Wandlung mit und gehörten mit zu den ersten Nachfolgern Jesu. Zwischendurch machte Jesus immer wieder Erfahrungen, die dazu führten, dass er sich mehr und mehr radikalisierte. Aber anders als Judas und Simon Zelotes wollte er keinen gewaltsamen Umsturz der politischen und religiösen Verhältnisse. „Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen,“ Diesen Satz halte ich für echt aus dem Mund Jesu. Ihm ging es vor allem um eine Reform des Gottesdienstes und der Politik am Tempel: „Dies soll ein Haus des Gebetes sein, ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht!“

Gegen Ende seines Lebens – er war gerade erst etwa 33 Jahre alt, wusste aber um die Gefahr, in der er sich befand – verband er sein Schicksal mit den Geschehnissen in der religiösen Szene Jerusalems. „Brecht diesen Tempel ab, und ich werde ihn in drei Tagen wieder aufbauen!“ Ein radikaler Satz von einem Menschen, der von sich selbst sagte: „Der Eifer um dein Haus hat mich gefressen.“

Unsicher bin ich mir bei der Frage, ob Jesus sich selbst als Gottes Sohn verstanden hat, ob er sich für den Messias hielt…

Darüber zu schreiben fehlt mir jetzt aber die Zeit; ich hoffe ich komme morgen dazu.

Vielleicht seid Ihr ja dann wieder dabei…

Hatte Jesus Latschen an?

Mit dieser Frage haben meine Konfirmandinnen mich einmal sehr überrascht. Ich fand sie so spannend,  dass ich mein vorbereitetes Stundenkonzept über den Haufen geworfen habe  und mit ihnen zusammen geforscht habe, wie die Menschen zur Zeit Jesu in Israel und Palästina gelebt haben.

Über den „historischen Jesus“ wissen wir erstaunlich wenig. Außer der Bibel selbst gibt es keine zeitgenössischen Berichte über seine Geburt, sein Leben und seinen Tod. Es ist sehr wahrscheinlich,  dass er nicht „mitten im kalten Winter wohl zu der halben Nacht“ geboren wurde. Vielleicht war er der Sohn des Zimmermanns Josef und einer jungen Frau von vierzehn oder fünfzehn Jahren namens Maria. Es ist wahrscheinlich,  dass er in Nazareth geboren und aufgewachsen ist,  von einer Volkszählung in jenen Jahren, angeordnet von dem Kaiser Augustus, ist in römischen Geschichtsbücher und Archiven nichts zu finden. Wenn tatsächlich „alle Welt geschätzt wurde“ müsste es ja eigentlich auch in Aufzeichnungen aus Athen, Rom, Korinth oder anderen größeren Städten erwähnt werden.

Einen Besuch der weisen Sterndeuter aus dem Morgenland gab es ziemlich sicher nicht, auch der Kindermord in Bethlehem ist Legende, obwohl dem Vasallenkönig Herodes eine solche Tat durchaus zuzutrauen war. Maria und Josef mussten nicht vor den römischen Soldaten nach Ägypten fliehen.

Es gab zur Zeit Jesu ein ganze Reihe Wanderprediger, die mit einer Schar von Jüngern durch das Land zogen und mit ihrer Predigt und ihren Wundertaten Aufmerksamkeit erregten. Manche haben auch von sich selbst behauptet,  der erwartete Messias,  der gesalbte Fürsprecher Gottes bei den Menschen zu sein. Die Erwartung,  dass die alten Weissagungen der Propheten sich noch in dieser Generation erfüllen werden,  war in diesen Jahrzehnten stärker als jemals zuvor,  vielleicht angeheizt durch die Willkür der römischen Behörden und der oft grausamen Bedrückung durch die Soldaten und Steuereintreiber.

Die Kleidung der einfachen Leute in den Städten und Dörfern in Israel war ziemlich schmucklos, pragmatisch und zweckmäßig. Leinene oder wollene Tücher wurden zu Überwürfen zusammen genäht, in Mode war auch die Toga nach griechischem Stil, und wenn es in den Nächten kalt wurde,  zog man ein festeres, dickeres Tuch wie einen Schal oder eine Stola über dem Gewand an.

Und ja – Jesuslatschen trugen damals fast alle Menschen, eine Art Sandalen, ein festes Stück Leder, das mit Riemen oder Bändern unter die Fußsohlen gebunden wurde.

Warum werden in der Bibel aber so viele Geschichten über Jesus erzählt,  die so vermutlich nie geschehen sind? Wollen die Evangelisten ihre Leserinnen und Leser belügen?

Matthäus und Lukas schreiben ihre Evangelien nicht zuerst als eine Chronik über das Leben des Jesus von Nazareth, sondern sie schreiben eine Art Predigt, ein Glaubensbekenntnis in Form von Legenden, Erzählungen, Geschichten über den, der für sie der Mensch gewordene Gott ist. Die Weissagung der alten Propheten waren ihnen dabei eine Art Grundriss, eine Blaupause, nach der sie ihre Berichte strukturierten und ausformulierten. Weil nach dem Ausspruch des Propheten Micha der Messias aus Bethlehem in Juda kommen wird, wurde die Geburt des Jesus dort hin verlegt.Weil er als Heilsbringer für alle Menschen der Erde verkündet werden soll, wird erzählt, dass Vertreter der Völker der Welt bei seiner Geburt Geschenke und ehrerbietenden Tribut bringen.

Was wollte Jesus wirklich? Was hat er selbst gepredigt und getan und was haben später seine Nachfolgerinnen und Nachfolger über ihn gesagt und in seinen Lebensbericht geschrieben?

Hat er sich selbst als Sohn Gottes verstanden und wollte er so etwas wie eine Kirche gründen? Die Antworten auf diese Fragen werden innerhalb der Theologie im Bereich Leben-Jesu-Forschung gesucht. Seit drei Jahrhunderten versuchen Theologen hinter den biblischen Schriften den historischen Jesus zu erkennen.

Wenn ich die Zeit dazu finde, werde ich morgen mehr darüber schreiben. Habt einen schönen Tag!

Was wünscht Du Dir wirklich?

Vor einiger Zeit gab es in meinem Streaming-Programm eine amerikanische Serie mit dem Namen „Lucifer“. Ganz kurz gesagt ging es darun, dass der Teufel keine Lust mehr hatte, über die Hölle zu herrschen und als Mensch auf die Erde kam, als Lucifer Morningstar, Besitzer eines mondänen Nachtclubs, talentiert und verführerisch und mit mancherlei übernatürlichen Begabungen.

Über kurz oder lang verliebt er sich in die anfangs eher unscheinbare Polizistin Cloë, und damit beginnt eine spannende Geschichte, die sich erfolgreich und unterhaltsam über viele Staffeln hin zieht, ohne langweilig zu werden. Aber über den Verlauf der Story will ich hier gar nichts sagen; ich erzähle davon, weil eine der besonderen Begabungen des Teufels in dieser Fernsehserie ist, Menschen dazu zu bringen, über ihre verborgenen Wünsche und Hoffnungen zu sprechen, und so Gedanken ans Licht zu bringen, die den jeweils Angesprochenen selbst nicht klar waren…

In ziemlich beeindruckenden Szenen wird immer wieder gezeigt, wie Lucifer einem Menschen direkt in die Augen sieht und fragt: „Was wünscht du dir wirklich?“ und der dann zögerlich oder begeistert, wütend oder verträumt antwortet. Niedrige Begierden, Rachsucht und Gier kommen da zu Wort, aber auch Selbstlosigkeit, der Wunsch, zu helfen und zu schützen, Sehnsucht nach Liebe oder der tiefe Wunsch, einfach gesehen und ernstgenommen zu werden.

Und nach den Episoden habe ich mich immer wieder selbst besonnen: Wenn der Teufel oder ein Engel oder sonst jemand so fragen würde „Was wünscht du dir wirklich?“ – wie würde ich antworten?

Viele Wünsche, die mir in den Sinn kommen, sind eigentlich nur ‚vorletzte‘ Ziele, die zwar viel über mich aussagen: Ich möchte eine interessante und sinnvolle Arbeit ausüben, die nicht nur ein „Job“ ist, sondern ein Beruf, der meiner Berufung entspricht. Ich möchte mit meiner Frau eine gute und erfüllende Ehe führen, in der wir miteinander Reden und Lachen können, gemeinsame Ziele verwirklichen können und zusammen auch etwas Gutes tun können für die Menschen um uns herum. Ich möchte Freunde, Kollegen, Familie um mich haben, die mich sehen und verstehen, die mich akzeptieren, wie ich bin und mich zu einem besseren Menschen machen…

Aber wenn jetzt ein kleines Kind käme und hartnäckig immer wieder fragen würde „Warum???“ – dann würde ich wohl bald nicht mehr antworten können. Was ist das, auf das es wirklich ankommt? Was steckt hinter all den vorletzten Wünschen? Was wünsche ich mir wirklich?

Hier wird es sehr persönlich… Ich glaube, dass mein größter Wunsch ist, ohne Angst leben zu können. Wer mich nicht sehr gut kennt, ahnt gar nicht, wie oft ich Angst habe. Ich habe keine Angststörungen oder Ähnliches, fast nie überfällt mich die Angst unbarmherzig und raubt mit den Atem, ich sitze nicht wimmernd unter dem Tisch. Es ist mehr so ein ständiges Gefühl, nicht genug zu sein, meine liebsten Menscchen enttäuscht zu haben, Konflikte konstruiert zu haben, die sich nicht mehr auflösen lassen. Ich habe Angst davor, andere Leute unglücklich gemacht zu haben oder daran schuld zu sein, dass sie ihre Lebensziele verfehlen.

Mir geht es sehr gut: Ich habe den besten Beruf der Welt, ich habe ein Dach über dem Kopf, das zum Teil sogar mir gehört, ich habe eine Frau, von der ich glauben kann, dass sie mich liebt… Wenn es etwas zu beklagen gibt, geschieht das auf sehr hohem Niveau. Und doch…

Ich bin schon seit Kindertagen ein sehr harmoniesüchtiger Mensch, mit Streit und Ärger kann ich gar nicht gut umgehen. Aus Konflikten, die mich selber betreffen, ziehe ich mich fast immer angstvoll zurück – selbst wenn ich dabei Fehler mache, die kaum wieder gut zu machen sind. Flucht aus der Verantwortung, sogar Lügen… Weil es im Moment der einfachere, der einzige Weg zu sein scheint.

Und es ist diese Angst, die irgendwie immer da ist. Ich habe inzwischen erfahren, dass viele Leute diese Angst auch kennen, so wie ich sie fühle, oder ganz ähnlich. Aber fast niemand traut sich, darüber zu sprechen, weil wir es gewohnt sind, immer stark sein zu müssen, immer die feste, unzerstörbare, nicht gebrochene Seite unserer Persönlichkeit zeigen zu müssen – weil wir fürchten, sonst als untauglich angesehen zu werden, nicht in der Lage, ein ernstzunehmender Ehemann, ein guter Pfarrer, eine liebevolle Mutter, ein erfolgreicher Lehrer oder eine inspirierende Chefin zu sein.

Mir ist gesagt worden, dass es nicht meine Aufgabe ist, zuerst die Erwartungen anderer Menschen zu erfüllen; ich weiß, dass ich andere Menschen ebenso wenig glücklich machen kann wie sie mich glücklich machen können – für sein Lebensglück ist letztlich ja jeder selbst verantwortlich.

Aber ich kann das nicht glauben, denn erstens ist das meiner Meinung nach der Sinn einer Ehe, einer Familie, eines Freundeskreises, dass man sich gegenseitig hilft, ein bisschen glücklicher durchs Leben zu gehen. Wozu sonst all der Aufwand?

Und zweitens beruhigen mich diese Ratschläge, so richtig sie sind, nicht ein Stück. Mir bleibt trotzdem immer die Angst, versagt zu haben und nicht hilfreich genug gewesen zu sein.

Vielleicht ist es diese Angst, die Luther angetrieben hat, so streitbar und selbstbewusst er größtenteils auch war. Aber die Frage „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“, diese Frage sagt mir, dass er auch Selbstzweifel und Angst hatte. Es ist sehr wahrscheinlich, dass er wirklich im Alter Schwermütig und depressiv wurde.

Ich bin erwachsen. Ich weiß, dass man nicht leben kann, ohne andere Menschen zu enttäuschen, sogar die, die man am liebsten hat und die einem sehr nahe stehen. Ich weiß, dass auch Pfarrer hier immer wieder schuldig machen. Ich hoffe sehr dass Gott auch diese Schuld vergeben wird.

Aber die Angst, dieses nagende Gefühl bleibt doch immer noch. Ich bin weniger gnädig mit mir als Gott es ist. Was wünsche ich mir wirklich? Ein gemeinsames Leben mit meinen Lieben ohne diese Angst…

Meine Geburtstagsgeschenke…

Im Weltraum schwebt der Roboter,

Und schaut hinunter auf die Erd‘.

Er schwebt mal hin und schwebt mal her,

Und fragt sich: Wieviel ist die Welt noch wert?

Hab ich hier noch genügend Geld

In meinem Ledergeldgebeuteldings

Zu kaufen all die ganze Pracht

Bevor der Mensch kaputt sie macht.

Er schaut nach rechts und schaut nach links

Doch seine Frage bleibt ungehört…

Nur keinen Streit vermeiden…

Wo immer Menschen eng zusammen leben, arbeiten und wohnen, gibt es Streit. Je näher man sich steht, desto mehr kommt man sich in die Quere, desto öfter gibt es Grund für Missverständnisse und Meinungsunterschiede und um so schneller verletzt man sich gegenseitig, obwohl man das gar nicht will. Wenn mir bei der Vorbereitung einer Trauerfeier die Kinder der Verstorbenen sagen „Meine Eltern haben sich nie gestritten!“, dann denke ich mir nur: Sie haben es klug verstanden, ihren Streit vor den Kindern zu verbergen.

In Familien und auch in Kirchengemeinden gibt es immer Streit – das ist normal und wichtig. Vielleicht ist es erst der Streit, der uns wachrüttelt und zwingt, an der Beziehung zu arbeiten. Man kann sich nach einem Streit nicht länger vor machen, es sei doch im Grunde alles in Ordnung und man könne doch so weiter machen wir immer; es hat ja bisher gut geklappt.

Monatsspruch Februar 2022

Zürnet ihr, so sündiget nicht;
lasst die Sonne nicht
über eurem Zorn untergehen

Epheserbrief 4, 6

Durch Streit lernen alle Beteiligten dazu, die Gemeinschaft wird gestärkt und gefestigt – sei es nun in einer Ehe oder eben in einer Kirchengemeinde. Jedenfalls gilt das, wenn man sich nur so weit streitet, dass man sich danach noch in die Augen sehen kann…

Viele Gemeinschaften haben sich darum Rituale einfallen lassen, die im Notfall den Schaden begrenzen – zum Beispiel die Gewohnheit, sich immer freundlich zu verabschieden, bevor man sich auf den Weg zur Arbeit macht. Ich winke meiner Frau jeden Morgen vom Fenster aus zu, auch wenn sich über dem Frühstückstisch noch dunkle Wolken zusammenzogen. In meiner letzten Gemeinde haben die Pfarrer jeden Freitag zusammen gebetet, selbst wenn es heftige Meinungsverschiedenheiten gab. Das gemeinsame Gebet hat uns immer verbunden.

Einen Streit nicht in den nächsten Tag mit zu nehmen, wie es der Apostel Paulus den Christinnen und Christen in Ephesus empfiehlt, ist ein guter Ratschlag. Über Nacht kann man noch einmal in Ruhe nachdenken oder die Gedanken einmal ruhen und reifen lassen… Am nächsten Morgen weiß man manchmal nicht mehr, worum es in diesem Streit überhaupt ging – oder man kann Dinge nun in einem ganz andern Licht sehen.

Noch einen zweiten Rat hat Paulus für die Epheser: Betet füreinander! Einem Menschen, für den ich regelmäßig bete, einer Person, von der ich viel weiß, weil ich sie immer wieder in meinem Gebet vor Gott bringe, kann ich nicht wirklich lange böse sein. Selbst den Streit kann ich dann mit meinem Gott besprechen und werde dann oft erleben, dass ich erkenne, wie viel ich selbst zur getrübten Stimmung zwischen uns beigetragen habe.

„Seid wachsam!“ mahnt Paulus. Streit fängt oft klein an, nährt über Wochen eine schwelende Flamme und kann dann plötzlich mit verheerender Kraft ausbrechen – wobei schon ein bisschen Achtsamkeit, Mitgefühl und Verständnis zur rechten Zeit größere Katastrophen hätte verhindern können.

Selbst im großen Streit zwischen Teilen der sozialen Gesellschaft, im politischen Gemeinwesen kann diese Achtsamkeit nutzen: Solange wir im Anderen immer noch den Menschen erkennen und achten, haben Terrorismus, Hass und Gewalt keine Chance.

Erst, wo man im Gegenüber den Menschen nicht mehr sehen will, wo man mit hasserfüllten Worten und Vergleichen alle Brücken verbrennt, wo Herz und Seele quasi abgeschaltet und verhärtet werden, da ist die Gemeinschaft zerbrochen. Solang man aber noch für einander beten kann, wird dies nicht geschehen.

Streit mit Gott: Können wir uns das vorstellen? Ist die Idee, daß wir sündig geworden sind, nur ein Gedanke für Generationen, die noch an einer überkommenden Theologie festhalten? Die Frage, die Martin Luther und mit ihm viele andere Theologinnen und Theolgen der Reformationszeit fast in Verzweiflung stürzte – „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? – ist das noch unsere Frage? Ich denke ja – wir haben nur andere Bilder und andere Worte für dasselbe Problem…

Wir reden nicht mehr von Sünde, aber uns plagt oft ein schlechtes Gewissen. Wir reden nicht mehr vom Zorn Gottes, fürchten aber um so mehr die Folgen unseres Handelns, das anderen Menschen schadet, ihre Menschenrechte beschneidet, Natur und Umwelt zerstört und über kurz oder lang auf uns selbst zurück fallen wird.

Der Ursprung des Unglücks und der Katastrophen ist dann nicht mehr das „Karma“ oder der „Zorn Gottes“, auch nicht die Strafe des „Universums“ oder eines anderen „höheren Wesens“. Schon im Kindergarten haben wir ja gelernt: Wer etwas verschmutzt hat, muss selbst aufräumen; wer etwas zerstört, muss dafür sorgen, dass es repariert wird. Wenn aber nun der Schaden so groß ist, dass wir ihn nicht mehr selbst in Ordnung bringen können, wenn die Wunden, die wir anderen schlugen, so tief sitzen, dass sie nicht mehr heilen wollen, was dann?

Für Menschen, die an Gott glauben, ist er selbst derjenige, der Dinge wieder in Ordnung bringt. Er ist es, der heilt und vergibt, der zerstörte Gemeinschaft wieder her stellt.

Was Maria von Magdala gesehen und gehört hat, ist letztlich die Auferstehung zum Leben durch Jesus Christus. Er hat das Heil zurück gebracht, den Frieden mit Gott erneuert und restauriert. Der Tod hat kein Recht mehr und unsere Schuld ist vergeben – obwohl der Anspruch Gottes bleibt, dass wir umdenken, einen neuen Weg gehen und nicht in der Sünde bleiben. „Wer an mich glaubt, der bleibt nicht in der Finsternis, sondern wird im Licht des Lebens wandeln.“ Dies ist die eine Aufgabe, die sich jedem Christenmenschen – gerade in österlicher Freude – immer wieder neu stellt.

Monatsspruch April 2022

Ich habe den Herrn gesehen.
Und sie berichtete,
was er zu ihr gesagt hatte.

Johannesevangelium 20, 18

Mit hoffnungsvollen Grüßen

Ihr Pfarrer Richard Horn

Der unsichtbare Gott

In den zehn Geboten ist uns gesagt: „Du sollst dir kein Bild von Gott machen, kein Gleichnis, weder von dem, das oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist. Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!“

Dieses Gebot war ursprünglich als Mahnung gedacht, keine Götterstatuen aufzustellen und in ihnen Gott zu erkennen, wie es in den Ländern um Israel herum üblich war. In Tempeln, auf Marktplätzen und auch überall in den Häusern standen Götterbilder von Zeus oder Hera, Isis und Osiris, Marduk und Belial und wie sie alle hießen. In Israel sollte es solche Bilder nicht geben, denn der Gott der Juden war unsichtbar und frei, nicht gebunden an menschliche Erwartungen, nicht festzuhalten in den Tempeln und Synagogen, nicht berechenbar in Festkalendern und nicht greifbar in Theologien, die die Weisen sich erdacht hatten. Gott ist unfassbar und nicht festgelegt auf das, was Menschen von ihm erwarten…

Aber Gott selbst hat ein Bild von sich gemacht. Was den Menschen verboten ist, hat Gott getan: Er hat gewissermaßen ein Selfie von sich angefertigt. Gleich am Anfang der Bibel, in der Schöpfungsgeschichte, wird erzählt, wie Gott zu sich selbst spricht: „Auf! Lasst uns Menschen schaffen; wir wollen ein Bild machen, dass uns gleicht!“ Und so schuf Gott Adam und Eva, ein Gleichnis seines Spiegelbildes.

In jedem Menschen ist Gott, der Schöpfer, erkennbar. Die kreative Kraft, die Fähigkeit, selbstlos zu lieben, die unbedingte Würde – all das macht den Menschen Gott ähnlich, liegt in der Ebenbildlichkeit begründet. Vor aller Moral, vor allem Leben im Richtigen oder Falschen bleibt das – der Mensch ist ein Bild, vielleicht auch nur ein Schatten Gottes. Das fällt uns leicht, in den Menschen zu sehen, die wir lieben, es gilt aber auch für die, die uns fremd sind oder die wir hassen und für böse halten.

Ganz besonders aber gilt es für Jesus Christus – er ist nicht nur wie Gott, er ist Gott selbst, zu den Menschen gekommen. In ihm hat sich Gott geoffenbart. Der Unsichtbare hat sich sichtbar gemacht; er ist Mensch geworden mitten unter uns Menschen, und er hat unser Schicksal geteilt. Alles, was zum Leben gehört, Geburt und Tod, Leiden und Freude, Hunger und Durst – er hat es erfahren. Ganz Gott war er, und immer auch ganz Mensch. Das ist ein Geheimnis des Glaubens, das größer ist als unsere Vernunft.

Sein Leben ist die Offenbarung des Wesens Gottes: hier zeigt er, wie er eigentlich ist. Bereit, sich herunter zu beugen zu den Geringsten seiner Schöpfung; bereit, mit zu leiden und mit zu tragen; bereit, gnädig und barmherzig zu sein. Er geht den Weg der Liebe bis zur letzten Konsequenz. So war Jesus, so ist Gott!

Meine Hoffnung und mein Gebet ist, dass wir so auch zu Ebenbildern Gottes werden: Nicht im Streben nach Macht, sondern in der Demut. Nicht darin groß zu sein, sondern sich herunter zu halten zu den Geringen. Die eigene Kraft und Stärke in der Liebe zu den Mitmenschen zu finden. Nicht darin, das eigene Leben zu optimieren, sondern es einzusetzen zum Segen für Viele. Freiheit darin zu finden, dass ich selbstlos werde. Mich erfüllen zu lassen von dem Geist Gottes, der dort Vollendung findet, wo ich nur das Schwache, das Gebrochene, das Vorläufige sehen kann.

Das wahre Leben ist wie die Auferstehung von den Toten. Durch die dunkelsten Tage hindurch gehe ich in das Licht. Ich will mich von Jesus führen lassen. Seine leidenschaftliche Liebe bringt ihn ans Kreuz, in den Tod, ins Grab. Auch er hat gebetet, dass Gott ihm „diesen Kelch“ erspart. Aber ohne den Kampf gibt es keinen Sieg. Ohne den Karfreitag gibt es kein Ostern. Das Licht scheint aus der Finsternis, auch wenn sie es nicht begreift.

Party für Eins

Die letzten zwei Tage habe ich mich ziemlich mies gefühlt, Irgendwie krank. Obwohl der Coronatest negativ war, das Fieberthermometer vernünftige 36,8 Grad anzeigte und auch sonst fast alles im grünen Bereich geblieben ist. Vielleicht war es ja nur das Alter. Schließlich werde ich in ein paar Tagen 59 Jahre alt.

Heute habe ich Mittagsschlaf gemacht und danach gebadet. Zum ersten Mal seit einem Jahr. Geduscht wird hier täglich, aber ich wollte mich mal wieder so richtig in heißem Wasser durchweichen lassen, duftenden Schaum um mich herum, dabei Musik hören und Espresso schlürfen.

Dabei kam ich auf die Idee, mal bei meinem Friseur anzurufen, ob er mich heute noch „dazwischen schieben“ kann- und er konnte!

Frisch gestylt habe ich dann Kartoffeln und Gemüse geschnippelt und eine sehr leckere Kartoffelsuppe gekocht.

Und dabei Kindergartenpartymusik gehört. Mein inneres Kind hat gejubelt und begeistert mitgetanzt; und ich fühlte mich so gut wie schon lange nicht mehr…

Aram Sam Sam- traut euch doch auch mal!

Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss…

Heute habe ich den Weihnachtsbaum abgeschmückt und die Krippenfiguren und die Heiligen Drei Könige zurück in den Keller gebracht. Außerdem habe ich den Gefrierschrank abgetaut und sauber gemacht und fast alles wieder eingeräumt. Was schlecht geworden ist, habe ich weg geworfen.

Ich habe noch einmal Kartoffelsalat und Würstchen gemacht, weil die Überreste vom Heiligen Abend auf dem Balkon erfroren sind und nicht mehr geschmeckt haben. Und dabei habe ich mich so auf dieses Resteessen gefreut. Jetzt habe ich Reste für morgen…

Einkaufen war ich und hatte sogar noch Zeit für einen Espresso.

Stimmung: eher unglücklich.

Storytelling

Um unser eigenes Leben zu begreifen, erzählen wir es wie eine Geschichte. Während wir Leben und durch Leid und Freude gehen, erkennen wir Helden und Feiglinge, Bösewichte und Halunken, stolze Ritter, kluge Berater, treue Gefährten, Clowns und Zauberer, und wir erkennen, ob wir gerade Mitspieler in einem Drama oder in einer Komödie sind.

Es ist oft nur eigene Interpretation, eigene Entscheidung, die den Rahmen setzt für das Spiel unseres Lebens. Das eigene Leben wir von Dir erzählt und gestaltet, Du interpretierst, was geschehen ist, und Du erzählst, wie es weiter geht. Immer ist eine unerwartete Wendung möglich.