Ein Quantum Trost…

„Heile, heile Gänschen, das Kätzchen hat ein Schwänzchen; heile, heile Mausespeck, in hundert Jahrn ist alles weg… „

Mit diesem Vers hat mich meine Mutter getröstet, damals, als ich fünf Jahre alt war – und dieser Vers hat immer gewirkt. Ob ich mir den Finger eingeklemmt hatte oder mir ein Knie blutig gestoßen, ob mich eine Wespe gestochen hatte oder ob ich vom Fahrrad gefallen war – eine sanfte Hand und diese weisen Worte beruhigten mich immer und konnten alle Tränen trocknen.

Anders wurde das, als ich fünfzehn wurde und zum Beispiel ersten Liebeskummer erlebte. Keine guten Worte und auch nicht mein Lieblingsessen auf dem Mittagstisch konnten da die Schmerzen lindern, die ein zerbrochenes Herz gefühlt. Aber auch da hat die Zeit Wunden geheilt, und es hat nicht hundert Jahre gedauert, bis „alles weg“ war.

Hundert Jahre sind eine lange Zeit,  und wirklich ist dann fast jede Wunde verheilt, jeder Fehler verziehen und jede Sünde vergeben. Was aber, wenn es nicht so ist?

Noch die Urenkel einer Generation, die in einem schweren Krieg gelebt hat, werden beeinflusst durch das Trauma, das ihre Urgroßeltern erlitten haben. Das hat die Psychologie seit Jahrzehnten immer wieder erforscht und regelmäßig wieder bestätigt gefunden. Auch Menschen, die selbst keinen Krieg kennen und sich kaum noch erinnern können an die Geschichten, die von den alten Vorfahren erzählt wurden, spüren diffuse Ängste, verhalten sich konfliktscheu und übervorsichtig oder auch übertrieben aggressiv, leiden unter Alpträumen und werden häufiger depressiv.

Die Bevölkerung ganzer Länder leidet heute darunter, dass ihre Heimat einmal Kolonie eines europäischen Landes war; dass ihre Vorfahren in die Sklaverei weg geführt wurden, die Natur zerstört und die Rohstoffquellen ausgebeutet wurden, gewachsene politische und soziale Strukturen vernichtet wurden. Viele ehemalige Kolonien sind nach ihrer „Befreiung“ und dem Abzug der Kolonialherren in Armut, Korruption und Kriminalität abgesunken, wurden lange von skrupellosen Diktatoren unterdrückt, jahrelanger Bürgerkrieg und dauernde Bandenkriminalität verhindern wirtschaftlichen Aufstieg, einen wirklichen Strukturwandel, und halten die Gesellschaft dieser Länder bis heute in Abhängigkeit von ihren früheren Besatzern…

Der Klimawandel begann schon mit der großflächigen Industrialisierung, mit der Abholzung ganzer Wälder, mit dem Verbrauch eines großen Teils des fossilen Brennstoffs, der über Jahrmillionen angesammelt und in einem einzigen Jahrhundert verbrannt wurde. Die Veränderung begann langsam und schleichend, kann aber inzwischen nicht mehr ignoriert werden. Die Erderwärmung beschleunigt sich immer mehr, und niemand kann noch ernsthaft bezweifeln, dass wir es mit den Folgen menschlichen Handelns zu tun haben.

Noch viele kommende Generationen werden mit den Schäden und Katastrophen zu tun haben, die durch das Nicht-Wissen der Menschen im neunzehnten Jahrhundert verursacht und durch die Gier und die Ignoranz der Menschen im zwanzigsten Jahrhundert zu den Enkeln und Urenkeln weiter gegeben wurden.

In hundert Jahren ist eben nicht alles weg, da helfen alle Gänschen und noch so viel Mausespeck nicht. Die Generation „fridays for future“ lässt sich nicht so leicht vertrösten und fordert wirkliche Veränderung und Unkehr von offensichtlich falschen Wegen… Die Verbrechen der kolonialen Vergangenheit lassen sich nicht mit der halbherzigen Zahlung von Entwicklungshilfe wiedergutmachen. Und die Folgen des Krieges bleiben auch, wenn nach vielen Jahrzehnten Regierungen der einstmals verfeindeten Länder vertrauensvoll zusammenarbeiten und die wirtschaftliche Kooperation ehemaliger Gegner allen Beteiligten Reichtum und Wohlstand beschert. Erst durch wirkliche Vergebung kann ein echter Heilungsprozess beginnen.

Es ist kein Zufall, das in diesem Zusammenhang religiös geprägte Sprache verwendet wird: Umkehr von den falschen Wegen ist genau das, was gemeint ist, wenn in der Bibel von Buße geredet wird. Und falsches Handeln in einem strukturell menschenverachtenden und egoistischen System nennt die Bibel mit einem Wort: Sünde!

Hier macht sich meiner Ansicht nach die religiöse Komponente der Menschheitsgeschichte bemerkbar: das Zusammenleben und Zusammenarbeiten der Menschen, Krieg und Frieden, Tod und Leben waren schon immer Gott zugeordnet, waren Dinge, die mit religiösen Gesetzen, Vorschriften und Tabus belegt sind.

Und immer schon haben Menschen die Erfahrung gemacht, dass sie nur auf Kosten von anderen Leben leben können, dass sie für Ernährung, Komfort, Kultur und individuellen wie gemeinschaftlichen Fortbestand mehr aus der Natur entnehmen müssen, als sie zurückgeben können. Die Wenigsten machen sich Gedanken darüber, aber die Klügsten klagen: ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen aus diesem Leibe des Todes?

„Wir sind Sünder, das ist wahr!“ soll Martin Luther noch auf seinem Totenbett geschrieben haben. Wir sind ein Teil dieser Strukturen, ein Rädchen in dem Getriebe einer Maschine, die es uns unmöglich macht, ganz und gar dem Willen Gottes entsprechend zu leben. Wir leben gegen besseres Wissen so, dass wir uns, unseren Mitmenschen und unseren Nachkommen schaden.

Auch angesichts des Krieges in der Ukraine wird uns bewusst, wie hilflos wir oft auch in entscheidenden Fragen sind. Unsere Politiker sitzen wochenlang zusammen und können sich doch nicht entscheiden, ob sie das Risiko eingehen, in den Krieg einzugreifen. Die Armee liefert Waffen an die Soldaten des Landes, das erbarmungslos überfallen wurde, und weiß doch, dass durch ihren Einsatz den Krieg nur verlängert wird.

Und wir spenden Babywindeln und Kinderkleidung, veranstalten Konzerte und sammeln Geld für die geflüchteten Frauen und Kinder, die bei uns Unterkunft suchen, während ihre Männer in der Ukraine kämpfen.

Und sehnsüchtig suchen wir nach Erlösung, nach Trost, wenigstens nach einem kleinen Grund für Zuversicht und Hoffnung. Ein Quantum Trost, an dem wir erkennen, dass das Leben trotz allem sinnvoll ist und wert, gelebt zu werden. Ein Stück Selbstvertrauen, damit wir glauben können, das Richtige zu tun.

Das kann kein billiger Trost, keine Vertröstung sein. Dies ist ein Trost, der etwas kostet. Gott selbst ist in die Welt gekommen, um zu zeigen, dass Veränderung möglich ist. Jesus Christus ist das fleischgewordene Zeichen seiner Liebe. Gottes Liebe ist offenbar geworden zu einer Zeit, in der die Welt noch nicht bereit dafür war. Er ist erschienen, als wir noch Sünder waren.

Ohne Bedingung und trotz aller Schuld wendet er sich uns zu. Von Vertrauen und Liebe hat er gesprochen, seine Wunder hat er aus dem Geist der Barmherzigkeit und der Menschlichkeit getan. Dafür, dass das Göttliche im Menschlichen erscheint und das Menschliche in Gott offenbar wird, war er bereit, ans Kreuz zu gehen. Damit der Tod am Ende nicht recht behält, ist er auferstanden.

Laetare – dieser Sonntag in der Mitte der Fastenzeit ist ein kleines Osterfest, ein Vorschein auf das, was kommen soll. Im Grunde ist ein jeder Sonntag eine solche Unterbrechung des Alltags, ein Osterfest in jeder Woche, in dem wir bekennen: Christus ist auferstanden von den Toten! Tod, wo ist nun dein Stachel? Hölle, wo ist nun dein Sieg?

Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch Christus!

Und überall, wo Menschen für das Leben einstehen, im Singen und Beten, im Helfen und Spenden, in der Gastfreundschaft und in der Nächstenliebe, da wird es Ostern in unserer Mitte, da endet der Hass, da gibt es Grund zur Hoffnung, da siegt das Leben.

Time is not on my side…

Heute wird ein wirbeliger Tag. Zuerst muss ich mit Mickie/Oelek zum Arzt. Der hat irgendwas in seine Pfote rein getreten und die ist ganz dick geschwollen und er humpelt in der Gegend rum.

Dann kommt ein Handwerker und macht ein Dutzend Kleinigkeiten in der Wohnung, die ich nicht selbst machen kann. Abends ist ein Benefizkonzert in der Kirche und vorher mache ich noch einen Geburtstagsbesuch bei Hanjo, einem Mitarbeiter in der Gemeinde.

Und die Predigt ist auch noch nicht fertig… Die Nacht wird kurz, nicht nur wegen der Zeitumstellung. Eine Stunde vor…

Rassismus IST unser Problem!

Nirgendwo im Grundgesetz steht, wie deutsche Menschen auszusehen haben…

Am Montag war „Welttag gegen Rassismus„. Viele Kirchengemeinden, Vereine, Aktionsgruppen und Medienschaffende haben in Berlin und Umgebung an diesem Tag besondere Veranstaltungen durchgeführt, um darauf aufmerksam zu machen, dass Menschen mit „anderer“ Hautfarbe, fremdländischer Herkunft und unterschiedlichem kulturellen Hintergrund in Deutschland noch immer heftig benachteiligt werden, mit Vorurteilen zu kämpfen haben und sogar verbal und körperlich angegriffen werden…

Das Problembewusstsein dafür ist in einem Großteil der „weißen“ Bevölkerung, die sich immer noch als der „Normalfall“ empfindet, nur sehr schwach entwickelt, dabei reichen eine halbe Stunde Surfen im Internet oder Blättern in Tageszeitungen aus, um festzustellen, wie viel wirklich Schlimmes in unserer Mitte geschieht: und zwar nicht im letzten Jahrhundert, sondern jetzt; nicht nur in der Generation unserer Großeltern, sondern hier und heute im Jahr 2022.

Leider sind es oft auch Menschen, die es eigentlich gut meinen, die solchen unterschwelligen Rassismus leben und in anderen befördern. Ich erinnere mich an eine ältere Dame aus einer Kirchengemeinde, die sich für Kinder aus Tansania und Kenia eingesetzt hat und dabei sicher viel Gutes getan hat – aber sie fand nichts dabei, die Kinder als „meine kleinen Schokokinder“ zu bezeichnen. Schwarze Haut, afrikanische Frisuren mit geflochtenen und perlenverzierten Zöpfen werden als exotisch und erotisch empfunden. Arabisch oder slawisch aussehenden jungen Männern begegnet fast jede und jedermann mit einer gewissen Vorsicht – mir passiert das jedenfalls immer wieder und dann ärgere ich mich selbst über meine Vorurteile. Schwarze Kinder mit großen, strahlenden Augen und krausen Haaren empfinden viele Menschen in Deutschland als besonders „niedlich“ und denken sich nichts Böses dabei, wenn sie sie ungefragt (!) über den Kopf streicheln…

Das ist nicht grundsätzlich verschieden von der Attitüde, die Vermieter, Arbeitgeber, Polizistinnen und Polizisten gegenüber fremdländisch aussehenden Menschen an den Tag legen… Es ist für Menschen, die das noch nie erlebt haben, kaum vorstellbar, welche Schwierigkeiten man zum Beispiel bei einer Fahrkartenkontrolle bekommen kann, wie kompliziert ein Kreditantrag ist, welch demütigende Blicke man sogar in der Kirchengemeinde zugeworfen bekommt, wenn man nicht der allgemein anerkannten äußeren Erscheinung entspricht.

Ich merke, dass es auch mir fast unmöglich ist, aus diesem Verhaltens- und Denkmuster auszubrechen. Wo nicht negative Vorurteile das Handeln beeinflussen, sind es oft eben positive Vorurteile, die sich genauso ausgrenzend auswirken können: es ist eben auch nicht wahr, dass schwarze Männer alle besonders schnell und ausdauernd laufen können, dass alle schwarzen Frauen unglaublich toll Gospelmusik singen können, und was es sonst noch alles an Vorurteilen gibt.

Gerade die Menschen, die mir immer wieder versichern wollen „Ich sehe keine Hautfarbe, für mich sind alle Menschen gleich…“ machen oft deutliche Unterschiede und legen Menschen auf ihre Stereotypen fest.

Das Einzige, was hilft, ist wohl das: dass ich mir diese Problematik selbst immer wieder bewusst mache und meine eigenen unterschwelligen Reaktionsmuster beobachte und dagegen steuere… Und solange das Problem besteht und Texte wie diesen hier nötig macht, ist es auch in unserer Mitte noch nicht vom Tisch…

Die wundervolle Jana Pareigis hat für die Deutsche Welle eine kurze Dokumentation zusammengestellt, in der sie verschiedene schwarze Menschen in Deutschland trifft und über ihre Wirkung auf die Gesellschaft interviewt. Die ganze Problematik des Alltagsrassismus wird in diesen 45 Minuten deutlich.

…und davon muss man schweigen.

Da sprechen wir nicht drüber!

Die Krankenkassen haben festgestellt, dass Fälle von Burn out, Depression und andere Formen der pathologischen Niedergeschlagenheit in Deutschland seit vielen Jahren zunehmen. Beinahe die Hälfte der Krankentage in den letzten Jahren gehen auf die eine oder andere Ursache zurück. Nicht erst seit dem Beginn des Krieges, den Putins Armee in der Ukraine begonnen hat, nicht erst seit Corona zeigt sich eine große Überforderung in unserer Gesellschaft, unter der mehr und mehr Menschen zusammenbrechen.

Es ist nicht „nur“ Müdigkeit, nicht „nur“ Traurigkeit, wenn mehr und mehr Menschen morgens nicht mehr aus dem Bett kommen, wenn ein paar Telefonanrufe sich anfühlen wie ein zwölf-Stunden-Arbeitstag und man nicht einmal den Mut oder die Kraft aufbringt, die Tür auf zu machen, wenn der Lieferdienst die Pizza bringt. Es ist nicht nur eine Phase, wenn die Gefühle aus der Seele verschwinden und man sich über nichts mehr freuen kann, Traurigkeit nur noch ein dumpfes Hintergrundgeräusch ist, wenn Zorn in Angst ertrinkt, weil doch eh alles keinen Sinn mehr hat…

Da sprechen wir aber nicht drüber.

Nicht einmal die Betroffenen selbst sprechen davon, denn man kommt bei Freunden und Arbeitskollegen schlecht an, wenn man zugibt, dass man in psychologischer Behandlung ist. Wer sich ein Bein bricht, kann einen dicken Gipsverband vorzeigen, wer eine fette Bronchitis hat und sich die Seele aus dem Hals hustet, kann auf Verständnis und Mitleid hoffen und bekommt Karten, Salbeitee und gute Genesungswünsche. Aber wer wegen Depression zum Arzt geht, muss sich Sätze anhören wie „Dann reiß dich doch mal zusammen!“, „Geh doch öfter an die Sonne und in die frische Luft!“ und dar Klassiker: „Ich war auch mal so traurig, aber nach ein paar Tagen sah das Leben schon wieder ganz anders aus.“

Darum sprechen wir nicht darüber.

Wer nicht funktioniert wie die anderen, wer nicht pünktlich, leistungsfähig und effizient ist, wird schnell als faul oder unfähig abgestempelt. Die Menschen, die von Depression betroffen sind, sind oft sogar selbst ihre eigenen schärfsten Kritiker, sie machen sich Vorwürfe, weil Kolleginnen und Kollegen ihre Arbeit übernehmen müssen, Fehltage ausgleichen und weil es ja auch schlecht für’s Geschäft und für die Reputation ist, wenn ein Auftrag nicht pünktlich erledigt wird oder Deadlines nicht eingehalten wurden. Dann suchen sich die Kunden beim nächsten Mal einen anderen Drucker, einen anderen Zahnarzt oder kaufen bei einem anderen Bäcker. Und wenn es um beruflichen Aufstieg geht, werden andere vorgezogen. Also beißen wir die Zähne zusammen, übergehen die Warnsignale des eigenen Körpers und der eigenen Seele und arbeiten weiter bis zum Nervenzusammenbruch.

Aber bis dahin sprechen wir nicht darüber….

Kostbarkeiten aus meinen Kirchen – der Engel der Gertraud Möhwald

Den beiden Restauratorinnen ist es nicht leicht gefallen, sich von der Engelsfigur wieder zu trennen. Während der „Behandlung“ hatten sie viele schöne Stunden gemeinsam und haben sich kennen und lieben gelernt…

Heute ist sie zurück gekehrt – nach mehr als drei Jahren in der Werkstatt! Eines Morgens vor beinahe vier Jahren lag der Selchower Engel zerbrochen auf dem Steinfußboden der Kirche. Und viele Gemeindeglieder waren traurig, vermissten den Engels-Leuchter, der 45 Jahre lang während der Gottesdienste in der Kirche strahlte. Eine Selchower Bewohnerin, Mitglied im Gemeindekirchenrat und unermüdliche Förderin der kirchlichen Arbeit in dem kleinen Ort, setzte sich für die Reperatur des Leuchters ein. Bruchstücke und Scherben wurden in eine Werkstatt gebracht und in vielen Stunden Handarbeit wieder zusammen gesetzt. Spenden wurden gesammelt. Über drei Jahre hinweg sammelte sich die benötigte Summe an – und dann, als alles schon für die Rückkehr des Engels bereit war, warf jemand Unbekanntes einen Stein durch das Fenster der Werkstatt und traf – ausgerechnet! – unseren Engel. So waren noch einmal ein paar Dutzend Stunden Arbeit nötig, und die Menschen der Kirchengemeinde Selchow – ungeduldig und voller Vorfreude – mussten noch ein paar Wochen länger warten.

Aber jetzt ist unser Engel wieder da, und am kommenden Sonntag, am 13. März 2022 werden wir ihn (oder sie?) feierlich in unserem Gottesdienst begrüßen und zum ersten Mal wieder die drei Kerzen entzünden, damit sie für uns – und zur größeren Ehre Gottes – in unserer Kirche leuchten.

Seit dem Erntedankfest 1974 stand die große Leuchterfigur der Hallenser Keramikerin Gertraud Möhwald rechts neben dem Altar. Pfarrer J. Riebesel – damals Gemeindepfarrer im Sprengel – hatte sich dafür engagiert und konnte die schon recht berühmte Künstlerin für dieses Werk gewinnen.

Der künstlerische Weg von Gertraud Möhwald, die zuerst bei Gustav Weidanz in Halle Bildhauerei studierte und nach der Geburt von drei Kindern das Studium in der Keramik wieder aufnahm, verlief vom keramischen Gebrauchsgefäß zur figürlichen Plastik, dorthin also, wo sie als junge Künstlerin eigentlich begonnen hatte.

Der freie gestalterische Umgang mit dem Material Ton, der die Keramik international aus dem Bereich des Kunsthandwerkes in die freie Plastik führte, wurde in der DDR wesentlich von Gertraud Möhwald geprägt.
Im Unterschied zur internationalen Entwicklung verlief der Weg Gertraud Möhwalds aber nicht vom Gefäß hin zur völlig freien Form, sondern zu figürlicher Plastik. Quelle

Gertraud Möhwald hat ihre künstlerische Arbeit mit Gefäßkeramik begonnen. Allerdings ist ihr Umgang mit den Formen von Anfang an freier und lebendiger als es in der strengen, auf Funktionalität basierenden Tradition des Kunsthandwerks üblich war. Als Bildhauerin hat sie einen anderen Blick und interessiert sich vor allem für die Beziehung von Form und Raum. Tradition ist für sie ein lebendiger Prozess, der nicht erstarren darf. Frühzeitig beschreitet sie einen unorthodoxen Weg: Sie verformt und zerschneidet ihre Gefäße, baut und montiert Drehteile und Platten, formte den Ton plastisch, fügt Brennstützen, Papier oder Textilien hinzu, und stellt damit den Gebrauch und Zweck eines Gefäßes immer radikaler in Frage. Ihre Gefäße werden zu Objekten. In den 1970 Jahren wendet Gertraud Möhwald sich dann der freien, keramischen Plastik zu und findet in der Assemblagetechnik – die Verwendung von eingesetzten Porzellanscherben und anderen nicht keramischen Materialien – einen neuen, ihren eigenen Weg.

Gertraud Möhwald wurde 1929 in Dresden geboren und starb vor fast genau zwanzig Jahren am 20. Dezember 2002 in Halle an den Folgen eines Verkehrsunfalls. Seitdem werden ihre Werke immer wieder in Ausstellungen gezeigt, vor allem in Kunsthallen in ganz Deutschland, aber auch in Toronto, wo es eine wachsende Gemeinde von Bewunderern gibt. Quelle

Nun steht die Selchower Engelsfigur – erneuert, gereinigt und liebevoll wieder hergerichtet – auf der linken Seite unserer Kirche und blickt über das Taufbecken hinweg auf die kleine Gemeinde, die sich da einmal im Monat zum Gottesdienst sammelt.

Schuttabladeplatz?!

Schuttabladeplatz Kirche?

Vielleicht ist Ihnen in den vergangenen Tagen einmal unser Schaukasten vor der Kirche aufgefallen: Altes, zerknülltes Papier liegt darin, leere Flaschen, Krimskrams und Müll. Vielleicht haben Sie sich geärgert über diese Unordnung; vielleicht haben Sie sich gefragt: Können die in der Gemeinde sich nicht ein bißchen mehr Mühe geben mit ihrem Schaukasten?

Ich hoffe, daß Sie sich die Zeit genommen haben, etwas genauer hin zu sehen. Dann haben Sie bemerken können, daß sich die kleine Arbeitsgruppe, die sich um diesen Schaukasten kümmert, sehr wohl etwas dabei gedacht hat: Über dem ganzen Müllhaufen hängt noch ein Plakat: „Schuttabladeplatz Kirche?“ Zwei Worte – ein Fragezeichen: Ist die Kirche ein Ort, an dem man seinen Müll los wird, den man zuschütten kann mit Ramsch und Abfall?

Seitdem die „Geisterbahn“ wieder offen ist, ärgern wir uns wieder öfter über leere Bierflaschen, Pizzakartons und anderen Kram, den manche Leute auf unserem Gelände „vergessen“. Noch schlimmer, weil gefährlicher, sind Nadeln und Spritzen, die unsere Kindergartenmitarbeiterinnen schon auf dem Gemeindegelände gefunden haben. Alle unsere Mitarbeiter achten jetzt darauf, damit wir die Gefahr möglichst klein halten können; und ich bin außerdem sehr froh über jedes Gemeindeglied, das nach seinem Besuch auf dem Kirchhof nicht einfach so nach Hause geht, sondern zum Beispiel mal eine dieser leeren Bierflaschen mitnimmt und in den Müllcontainer wirft.

Aber nicht um diese Sorte Müll soll es heute gehen. Laßt uns auf den Predigttext hören, er steht im Lukasevangelium im 22. Kapitel:

Schwach in Versuchungen: Von den Grenzen des freien Willens

Wir werden von Lukas mitgenommen in den Raum, in dem Jesus mit seinen Jüngern das letzte Abendmahl gegessen hat. Das Essen ist vorbei, alle sind satt, man redet noch ein bißchen miteinander, bevor man in die Nacht auseinander geht. Leider sind es keine angenehmen Gespräche: Jesus redet gerade ein ernstes Wort mit Simon, genannt Petrus, dem ersten der Jünger: Simon, Simon, siehe, der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebeten, daß dein Glaube nicht aufhöre. Und wenn du dereinst dich bekehrst, so stärke deine Brüder. Er aber sprach zu ihm: Herr, ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen. Er aber sprach: Petrus, ich sage dir: Der Hahn wird heute nicht krähen, ehe du dreimal geleugnet hast, daß du mich kennst.

Ich kann mich so gut hineinversetzen in diesen Petrus! Er meint es so gut und so ehrlich, obwohl er sich hoffnungslos überschätzt. Er liebt Jesus, er liebt ihn mehr als alles in der Welt; und wenn die Gefahr kommt, Unruhe, Angst, Gefängnis – : „Natürlich werde ich zu Dir halten, Jesus!“ Seine Begeisterung, seine Leidenschaft macht ihn verwegen: „Auch in den Tod würde ich mit dir gehen!“

Aber Jesus warnt ihn still: „Du weißt noch nichts von der Versuchung, noch nichts von der Schwachheit des Gewissens in der Not… Du würdest mich dreimal verleugnen, noch bevor der Hahn kräht…“

Es gibt Situationen, die man sich vorher nicht vorstellen kann. Man hat keinerlei Erfahrungen, und wie man in einer solchen Situation reagiert, kann man bestenfalls ahnen. Was ich tue, wenn in der Nacht ein Einbrecher in meiner Wohnung steht, weiß ich erst dann, wenn ich ihn vor mir sehe. Wie ich reagieren würde, wenn ich fünf Millionen Mark gewinne, weiß ich erst, wenn das Geld auf meinem Konto ist. Und was mit mir geschieht, wenn mein Glaube auf die allerhärteste Probe gestellt wird, weiß ich erst, wenn so ein Christenhasser mit der Maschinenpistole auf mich zielt. Ich kann es nicht vorher wissen, auch wenn ich es mir hundertmal vorstelle und in bunten bzw. schrecklichen Farben ausmale.

Simon, Simon, siehe, der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen. Jesus weiß von den Versuchungen, die auf seine Gemeinde zu kommen. Und bis zur Zeit des Evangelisten Lukas sind schon viele hundert Christen zu Märtyrern geworden, für ihren Glauben an Jesus in den Tod gegangen.

Wie klein sind dagegen die Lasten, die uns aufgelegt sind! Und doch – auch in unseren Versuchungen geht es um Alles oder Nichts. Unser Glaube wird täglich auf die Probe gestellt. Wir fragen: Wieso tut Gott nichts, wenn ich schon nicht mehr weiß, was ich essen kann und was nicht? Wozu da noch ein Tischgebet? Wir fragen: Wieso sollte ich mich vor Arbeitskollegen lächerlich machen, wenn die nach meinem Glauben fragen? Wieso nicht auch am Sonntag arbeiten? Wir fragen: Wieso soll ich mich immer wieder über die Kirche ärgern, die in Kleinkrämerei und Vereinsmeierei erstarrt? Meine Mitarbeit ist da doch gar nicht gefragt! Wir fragen: Wieso soll ich in diese langweiligen Gottesdienste gehen, sonntags früh zu nachtschlafender Zeit? Beten kann ich doch auch im Wald!

Simon, Simon, siehe, der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen. Viele fallen durch den Rost, sie sind Spreu, nicht Weizen. Die Versuchungen sind zu mächtig, der Zweifel so nagend und die Furcht so groß. Zu klein ist unser Glaube, zu schwach unser guter Wille, zu kraftlos unser Mut. Wenn die Stimme des Anklägers laut wird, lautet das Urteil: Schuldig! Verloren! Aus und vorbei!

Gott ist treu…

Für Petrus war es die Nacht der langen Messer, in der er schwach wurde. Jesus haben sie gefangengenommen, er schleicht sich hinterher in den Palast des Herodes. Er sieht, wie sie ihn verurteilen, wie sie ihn schlagen, verspotten, mit der Dornenkrone krönen. Dann wird er, Petrus, erkannt. Die Stunde der Wahrheit ist da: „Du gehörst doch auch zu Jesus!“ Petrus sagt: „Ich weiß gar nicht, was du sagst.“ – „Doch, du bist einer von denen!“ – „Laß mich in Ruhe, ich bin´s nicht!“ – „Deine Sprache verrät dich, du kommst aus Galiläa, wie er!“ – „Ich kenne ihn nicht!“ Dreimal hat Petrus Jesus verleugnet, da krähte einmal der Hahn.

Zerbrochen ist die stolze Hoffnung, enttäuscht ist das Selbstvertrauen, zerstoben der Mut, übrig bleibt ein Häuflein Elend. Petrus weint, und in seinem Kopf hört er die Stimme des Anklägers: „Er hat den verraten, den er geliebt hat. Er ist schuldig, verloren…“ Was bleibt Petrus noch?

Auch hier kann ich Petrus gut verstehen. Ich habe mich in Situationen manövriert, in der ich Menschen, die ich doch liebe, schwer verletzt habe. Ich habe Vertrauen mißbraucht und Liebe enttäuscht. Manches wird nie wieder so, wie es mal war. Damals habe ich alles verloren geglaubt.

Wo ich an Menschen schuldig geworden bin, da bin ich auch an Gott schuldig. Wo ich hier von rechten Weg abgewichen bin, da habe ich auch Gott verfehlt. Aber wie Petrus durfte ich auch erleben: Wo wir untreu sind, da ist Gott doch treu, und er erbarmt sich wieder mit großer Güte.

Was zählt dann noch die Stimme des Anklägers, was zählt selbst das schlechte Gewissen, wenn Christus zu mir sagt: Dir ist vergeben und die Schuld verziehen!

Wenn du dich bekehrst Stärke deine Brüder…

Zu Petrus sagt Jesus: Ich aber habe für dich gebeten, daß dein Glaube nicht aufhöre. Trotz des Verrates an seiner Überzeugung kann und will Jesus mit Petrus weiter leben, er betet und bittet sogar für ihn. Schon bevor Petrus seinen Fehler macht, verspricht Jesus ihm: „Ich lasse dich nicht fallen; ich habe dich berufen und für meine Sache in den Dienst genommen; das gilt und bleibt bestehen.“ Ausgerechnet der Versager wird so zum Vorbild, denn er bekommt eine neue Chance und einen neuen Auftrag.

Die Kirche besteht aus Menschen wie Petrus, aus Menschen wie mir, aus Menschen wie dir. Wir sind nicht perfekt. Wir sind nicht vollkommen. Wir sind Heilige, denn Heilige sind Menschen, die aus der Gnade Gottes leben und durch sie geheiligt sind; Sünder, denen Gott vergeben hat; Gerechte, die wissen, daß nur Gottes Gnade sie gerecht gemacht hat.

Stärke deine Brüder! Diesen neuen Auftrag bekommt Petrus von Jesus. Wenn Du dich bekehrst, wenn du die Versuchung kennst und die Niederlage und die Trauer und die Verzweiflung, und wenn du dann doch neu angesprochen bist durch Gottes Güte – dann stärke deine Brüder! Es ist so tröstlich, zu sehen, daß Jesus gerade den Versager Petrus brauchen kann und will. Unversucht, ungeprüft ist er stolz und selbstsicher, aber als ein Mensch, der die Versuchung kennt, kann er andere stärken, ihnen helfen und tragen…

In einer anderen Predigt zu diesem Text habe ich folgenden Satz gelesen, der das genau trifft, was mir wichtig geworden ist: „Aus der Gnade leben heißt auch, nicht unter Ganzheitszwängen stehen zu müssen, Fragment bleiben zu können. Ich spreche nicht von Halbherzigkeit. Aber für das halbe Herz, wo das ganze nicht möglich ist.“

Schuldabladeplatz Kirche!

Am Schluß noch einmal zurück zu unserem Schaukasten: Wir haben gehört: Die Kirche ist kein Schuttabladeplatz, aber ein Schuldabladeplatz. Wir können Schuld bekennen, Sünden beichten und Gott um Vergebung bitten. Gerade die Passionszeit ist als Bußzeit vor Ostern eine Zeit, in der wir uns auf die Verwirklichung der Gnade Gottes, auf die Auferstehung Christi einstellen. Und wir dürfen die feste Zuversicht haben, daß uns vergeben wird, daß Gott uns auch weiterhin haben und brauchen will und daß wir nun gerade erst recht aneinander gewiesen sind: Wenn ihr euch bekehrt habt, stärkt eure Geschwister.

Aschermittwoch 2022

Gestern haben wir in der Kirchengemeinde Aschermittwoch gefeiert. Normalerweise ist das ein Bußgottesdienst, mit dem wir die Fastenzeit beginnen und die Aktion 7 Wochen ohne starten. In diesem Jahr war aber natürlich die Fürbitte gegen den Krieg in der Ukraine und das Gedenken an die Verstorbenen in allen Kriegen der Mittelpunkt unserer Feier. Wir waren nur wenige Gemeindeglieder in der Dorfkirche von Großziethen, aber es war trotzdem eine intensive und bedächtige Gedenkfeier.

Im Kreuz ist Leben! Kann uns das auch dieses Jahr trösten?

Heute früh gab es schon wieder schlechte Nachrichten vom Krieg im Radio. Ich habe aufgehört, mehrmals am Tag die Nachrichten zu hören und schaue nur noch morgens auf Twitter nach, was passiert ist, und höre abends die Nachrichten im Fernsehen. Es ist schon sehr seltsam: während ich das Abendessen koche und den Tisch decke, die Katzen füttere und darauf warte, dass meine Frau von der Arbeit kommt, höre ich davon, wie in anderen Ländern Häuser verbrennen, Städte in Asche versinken und Menschen sterben. Ich höre, dass inzwischen mehrere hunderttausend auf der Flucht sind. Das wird auch unser Leben hier in Deutschland sehr verändern.

Ich hoffe, dass die Menschen hier Größe zeigen und bereit sind, so zu helfen, wie es nötig ist.