Begeistert…

Vor einiger Zeit habe ich Urlaub in Ostfriesland gemacht und dort eine alte Windmühle besichtigt. Fast zweihundert Jahre lang stand sie dort, weithin sichtbar, ein Wahrzeichen für die Region hinter dem Deich. Sie war restauriert und als Museum wiedereröffnet worden, und ich konnte dort sehen, wie dort auf traditionelle Weise gemahlen wurde. Am meisten fasziniert hat mich aber die Technik: Ein riesiges Flügelrad wurde von dem schwachen Wind bewegt und trieb mannshohe Zahnräder aus Holz an. In einem Getriebe wurde aus der langsamen Bewegung der Flügelradachse die schnelle Rotation der Hauptachse, die den schweren Mühlstein antrieb. Im dritten Stock der Mühle schüttete man das Korn in einen Trichter, von dort fiel es in den zweiten Stock, dort wurde es zwischen den zwei schweren Mühlsteinen gemahlen; und in der Etage darunter wurde es verpackt und konnte dann im Erdgeschoß verladen werden.

Wer diese alten Zahnräder gesehen hat, die baumdicken Achsen, auf denen sie sich drehen, der bekommt eine Ahnung von der Kraft des Windes. In dem alten Gebälk knarrte und knirschte es, aber als ich wieder draußen stand, war es nicht einmal besonders windig. Schon ein mäßiger Wind reicht aus, um die Mühle anzutreiben, und wenn der Wind zu stark wird, muß man sie abstellen, damit sie nicht kaputt geht.

Aber ohne den Wind geht nichts.

So ist auch die Kirche. Beeindruckend ist sie mit ihrer zweitausendjährigen Geschichte. Prachtvoll stehen die Bauten im Zentrum der großen Städte, vertraut und geliebt in jedem Dorf. Über Jahrhunderte haben Menschen in ihnen gebetet und Gottesdienste gefeiert. Gold und Marmor glänzt und strahlt an ihren Altären, kunstvolle Figuren illustrieren die biblischen Geschichten, lichtvolle Fenster zeigen die Gesichter von Moses, Elias, Petrus und Johannes, von Jesus, Maria und Josef und oft auch von Gott selbst. Obwohl in der Bibel steht: „Du sollst Dir kein Bild machen…“ Und über all das hinaus klingt in der Kirche strahlend die Orgel, singt mit der Gemeinde von der Herrlichkeit Gottes, klagt mit den Trauernden um ihre Toten, freut sich mit den Getauften über neu begonnenes Leben und hofft mit den Verheirateten auf den Beginn einer gesegneten Ehe…

Wer diese prächtigen Gebäude sieht, die Kuppeln und Bögen, die stolzen Türme und die goldumglänzten Altäre, der spürt etwas von der Kraft des Glaubens. Zehntausend Menschen haben gearbeitet, haben Kraft, Zeit und nicht zuletzt Geld gegeben, um diese Pracht möglich zu machen. Gemeindeglieder, Touristinnen und Touristen, Neugierige aus der Nachbarschaft treffen sich dort regelmäßig zum Gottesdienst. Und an Weihnachten und Ostern muss vier mal am Tag gefeiert werden, weil die Kirche dann bis zum letzten Platz gefüllt ist.

Aber ohne Gottes Geist geht nichts.

Von dem Stolz und dem Selbstbewusstsein des Petrus ist nur ein Rest geblieben. Als Fischer, als Kapitän seines Bootes war er eine geachtete Respektsperson. Lange Zeit war er auch unter den Jüngern des Jesus von Nazareth eine Art Anführer. Natürlich folgten sie alle ihrem Meister Jesus, aber wenn es etwas zu sagen gab,  sprach Petrus gerne für sie alle. Oft traf er wichtige Entscheidungen,  und er war der Erste, der das Glaubensbekenntnis aussprach, das später zum Bekenntnis der ganzen Kirche wurde: Du bist der Christus, der von Gott gesandte König, der Erlöser der Welt. Aber dann, als Jesus gefangen genommen wurde, als Leib und Leben in Gefahr kamen, wollte Petrus Jesus nicht einmal mehr kennen. Er verleugnete ihn, sagte sich los von dem, dem seine ganze Liebe gehörte. Später hat er diesen Fehler bitter bereut. Und Jesus verzieh ihm, gab ihm sogar neue, große und ehrenvolle Aufgaben in der noch jungen Gemeinde.

Aber Petrus war noch nicht wieder der selbe. Mit den anderen Jüngern blieb er versteckt, ängstlich, abwartend. Obwohl ihm der Auferstandene begegnet ist, bleibt er in der Vergangenheit, hält sich fest an dem Gewohnten, dem Erwartbaren, an dem Menschenmöglichen. Er ging zurück in sein altes Leben, zu dem Boot, zu den Netzen, zu den anderen Fischern am See Genezareth. Als hätte er die Predigt Jesu, als hätte er wunderbaren Worte an ihn nie gehört.

Ohne das Band der Liebe, ohne den Glauben an Gott, ohne das ständig wachsende Vertrauen geht nichts.

Ich bin nicht genug, denke ich oft. Ich bin überfordert mit den Aufgaben, die ich zu erfüllen habe, werde den Erwartungen nicht gerecht, die andere an mich stellen. Schlimmer noch – ich erwarte selbst mehr von mir. Ich bin unzufrieden mit mir selbst und glaube, dass ich immer wieder Menschen enttäusche, vor allem die, die mir besonders wichtig sind, deren Meinung für mich zählt, die mir eng verbunden sind und die ich liebe…

Irgendetwas flüstert mir ein: Du bist nicht genug. Auf Dich kann man sich nicht verlassen. Was du tust, ist nutzlos. Am Ende bleibt nichts. Es ist doch alles sinnlos, ein Haschen nach Wind… Selbst Gott kann nichts mit dir anfangen…

Wie Petrus würde ich mich am liebsten verstecken. Würde am liebsten in der Kirche nette Versammlung abhalten, Volksmusik machen, Bilder malen, Dinge tun, die niemanden aus der Ruhe bringen und die man gemeinsam genießen kann.

Ich wäre gern wie die alte Windmühle: in denkmalgeschützter Stille die Zeit überdauernd, nur ab und zu für die Touristen die Flügel in den Wind drehen und zeigen, dass sich die alten Mühlsteine noch bewegen können und dass sie sehr wohl noch Nützliches bewirken könnten… Wenn sich der Wind hebt, wenn der Geist Gottes weht, wenn seine Kraft die Kirchengemeinde in Bewegung setzt…

Aber gerade der Wind, der Geist Gottes sagt mir: Du irrst Dich. Du bist wertvoll, Du bist geliebt. Hör, wie der göttliche Wind flüstert: Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen, Du gehörst zu mir.

Und auch das sagt der Geist Gottes: Du wirst gebraucht, du hast eine Aufgabe: Gott hat Dir Deine Begabungen und Deine Talente nicht dafür gegeben, dass Du sie versteckst. Du bist begabt, Du hast etwas gelernt, Du bist gefüllt mit der Fähigkeit, Gutes zu tun. Hör, wie der göttliche Wind ruft: Mach dich auf, setze die Segel, breite die Flügel aus, zeig, was Du kannst!

Erst als der Heilige Geist ausgegossen wurde, wurde Petrus der Fels, auf den Jesus seine Kirche bauen konnte. Erst dann konnte er seine Angst überwinden und vor den Menschen in Jerusalem von der Auferstehung Jesu sprechen. Erst dann konnte er ein Hirte für die Schafe Gottes sein, wie Jesus es ihm aufgetragen hatte.

In der Bibel wird der Heilige Geist Gottes oft mit dem Wind verglichen. „Niemand weiß, woher er kommt und wohin er geht, man hört aber sein Sausen. So ist auch jeder, der vom Geist Gottes bewegt wird.“ sagt Jesus. Niemand weiß, was kommt in dieser schwierigen, komplizierten, so oft orientierungslosen und unübersichtlichen Zeit. Aber was immer kommt, mein Platz ist mitten drin. Da, wo ich ich gebraucht werde. Und zu mir sagt Christus: „Ich bin bei dir alle Tage bis an der Welt Ende…“

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