Sprachlos…

Kaum macht man den Mund auf, kommt Sprache raus. Alles muss irgendwie kommentiert werden; wenn ich nicht meine Meinung zu irgendwas gesagt habe, ist das ja nicht wirklich wahr, ist das ja nicht wirklich, weil – ich habe ja noch nichts dazu gesagt. Selbst, wenn ich meinen Mund halte, geht das Gerede in meinem Kopf weiter, zusammen mit dem Vorwurf meines Gehirns an sich selbst: Warum sagst Du jetzt nichts, warum bloggst Du nicht darüber, warum twitterst Du nicht mal, wenigstens ein halbes Dutzend Worte?!… Es ist eigentlich nie wirklich still. Es ist wie mit den hundert Affen, die endlos auf Schreibmaschinen herum hacken, bis endlich mal so etwas wie ein Sonett von Shakespeare dabei heraus kommt, oder wenigstens ein Gedicht wie von Ernst Jandl, der DADA das ja nicht so ernst genommen hat mit der Rechtschreibung. Ich mag Jandl, der die Chuzpe hatte, diese Gedichte als große Kunst anzubieten und der damit erfolgreich war. Hinterher denkt man immer, ach Gott ja, sowas hätte mir auch einfallen können, einfallen, hinein in meinen Kopf, oder wenigstens darauf fallen wie meine Finger hier auf die Tastatur, oder wenigstens auffallen wie letztens beim Lesen der Fernsehzeitschrift, wo mir zufallig aufgefallen war, dass in dem Wiener Schauspielhaus ein Stück aufgeführt worden war, nach Motiven und Texten von Jandl, mit Musik und Bühnenbild und wortgewaltigem Sprachwitz, und dann hab ich das im Fernsehen angeschaut (aus der Ferne), und ich war angemessen beeindruckt und fand es gut, wobei ich es schade fand, das Ernst Jandl jetzt schon tot ist, denn bestimmt hätte ihm selber die Inszenierung seiner Texte auch gefallen, so wie mir. Konkrete Poesie, so nennt man das wohl, wenn es bei einem Gedicht immer weniger auf die Worte ankommt und immer mehr auf die Form, den Klang, das Bild, wenn beispielsweise wichtiger ist, wo ein Wort auf dem Blatt Papier steht und wie groß und in welcher Schriftart als welches Wort da steht und was es sagen soll. Da hört in gewisser Weise das Gerede auf und es fängt das Gegucke an: Ist es schön, ist es gut, ist es wahr, was da auf einem Blatt Papier steht? Bei manchen Zeitungen und vor allem auch bei manchen Beiträgen im Internet habe ich ja das Gefühl, es wäre schöner, besser und wahrer, wenn da einfach gar nichts stünde. Wittgenstein, der weithin überschätzte Philosoph hat ja am Ende das zum Thema Sprache gesagt: „Worüber man nicht sprechen kann, davon muss man schweigen!“ Und da hat er ja mal recht gehabt, am Ende war er doch ein ganz Großer. Wo mir persönlich oft die Sprache weg bleibt, ist, wenn ich über Gott reden soll. Die hundert Affen in meinem Kopf toben wütend herum – AUSGERECHNET wenn es wichtig wird, fehlen mir die Worte. Der Rest ist Schweigen.

3 Gedanken zu “Sprachlos…

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