Predigtnachgespräch mit Jesus: Vom reichen Mann und vom armen Lazarus

Bitte zuerst lesen: Lukas 16, 19-31

Ich stelle mir vor, wie Jesus und die Jünger am Abend beisammen sitzen, vielleicht auf dem Dach eines kleinen Hauses am Stadtrand. Es ist still in der Dämmerung, die ersten Sterne funkeln, und alle haben gut gegessen und sind in froher Stimmung bei einem letzten Glas Wein…

Da sagt Matthäus: Jesus, das war aber eine seltsame Geschichte, die du heute erzählt hast… Ich meine, der reiche Mann, er muß doch gut und fromm, tüchtig und Gott wohlgefällig gewesen sein. Darum hat Gott ihn doch sichtbar gesegnet mit allem Guten, was die Welt zu bieten hat.

All unsere Lehrer haben uns gesagt: So wie du handelst, so wird es dir auch ergehen, was immer du tust, fällt auf dich zurück: Gutes bringt Gutes hervor und Schlechtes bringt Böses hervor. Also ist es doch klar, dass der Reiche wegen seiner Güte von Gott gesegnet wurde. Lazarus aber muss ein Sünder gewesen sein, der nicht nach Gott fragt und von dem Herrn verstoßen ist, darum ist er auch arm und trägt die Buße für seine Schuld.

Es gefällt mir nicht, Jesus, dass der Reiche in deiner Geschichte am Ende so schlecht weg kommt. Meine Vorstellung von der Gerechtigkeit Gottes wird da in Frage gestellt. Warum sollte Gott einen Menschen sozusagen sein Leben lang in Sicherheit wiegen und ihm alles Gute geben, so dass er doch denken muss, er sei auf einem guten, ja dem richtigen Weg; und dann, wenn er gestorben ist – zack! – kommt die Keule und alles war plötzlich falsch?!

Später am Abend, als alle sich schon in ihre Decken wickeln, flüstert Petrus Jesus zu: Mir hat deine Geschichte gut gefallen, Meister. Ich fand es schon so oft ungerecht, dass es in der Wirklichkeit oft den Bösen so gut geht und die Gerechten leiden müssen. Ich habe mich geärgert darüber, dass die ehrlichen, guten und fleißigen Leute ihr ganzes Leben lang zu nichts kommen, und die Betrüger, Lügner, Verbrecher und Ausbeuter steinreich sind und fett. Ich habe darum schon an Gott gezweifelt und an der Wahrheit der Schrift. Nun hast du gesagt, dass es bei Gott im Himmel einen Ausgleich geben wird. Dann werden all die Bösen ihre Strafe empfangen und die Armen werden bekommen, was ihnen zusteht: Segen, Reichtum und Herrlichkeit. Das ist gut so. Das tröstet mich.

Jesus flüstert zurück: Meinst du, du hast mich richtig verstanden? Wenn es um das Heil geht, Petrus, ist Reichtum oder Armut nicht wichtig. Die Liebe zu Gott ist wichtig. Ich will dir noch eine Geschichte erzählen: Da waren ein paar Höhlen in den Bergen, in denen eine Gemeinschaft von Mönchen wohnte. Sie waren alle sehr arm und teilten das weinige miteinander, was sie hatten. Von einem einzigen Hühnchen aßen sie alle zusammen einen ganzen Monat lang. Sie beteten und fasteten und gaben den Armen von dem, was sie hatten mehr als alle anderen und feierten Gottesdienst nach einer wunderschönen Ordnung. Sie nannten sich die „Kinder des Lichts“ und taten alles, um so zu leben, wie es Gott gefällt.

In einem Tal in den Bergen aber war eine Stadt, in der viele reiche Leute lebten. Die fragten nicht nach Gott, lebten und genossen ihren Reichtum jeden Tag, sie feierten und waren fröhlich. Allein von dem, was sie wegwarfen, hätten sich die Mönche oben in den Höhlen zehnmal ernähren können, und tatsächlich konnte man oft genug Mönche sehen, die am Stadtrand die Müllhaufen durchwühlten.

Dann aber starben die Mönche und auch die reichen Menschen in der Stadt, und sie erschienen vor dem Richter des letzten Tages. Und die Menschen in der Stadt wurden verurteilt, weil sie ihren Reichtum genossen hatten, ohne nach Gott zu fragen und ohne ihm zu danken. Aber die Mönche wurden auch verurteilt, weil sie nur nach ihrer eigenen Seligkeit getrachtet hatten und die Stadt vor ihrem Kloster nicht einmal bemerkt hatten und keinen Versuch unternahmen, die Menschen in ihr von ihrem falschen Weg zu bekehren. Und doch schenkte Gott allen das Paradies. Sie hatten es nicht verdient, sie bekamen es umsonst. Darum ist es ja ein Geschenk!

Petrus, wer sagt: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn, sag selbst: Wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht?

Der Eltern Segen baut den Kindern Häuser

Früher, wenn zwei Menschen geheiratet haben, dann haben sie vorher um den „Segen“ ihrer Eltern gebeten. Eigentlich bedeutet diese Formulierung: Sie haben gefragt, ob Mutter und Vater es erlauben, dass die beiden sich trauen lassen. Wenn die Eltern zustimmten, konnte das Aufgebot bestellt werden (auch so eine altmodische Formulierung; ich muss demnächst mal nachgucken, was das eigentlich bedeutet) und dann wurde Hochzeit gefeiert.

Bei der Hochzeitszeremonie wird dem Brautpaar der Segen zugesprochen. In der Regel macht das der Pfarrer, aber auch Trauzeugen, Eltern, Geschwister oder die „guten Feen“ können Segenswünsche aussprechen.

Immer aber ist es Gott, der den Segen gibt, den Pfarrerinnen und Pfarrer, Verwandte oder Freunde aussprechen. Viele Leute denken, dass der Segen bedeutet, dass diesem gesegneten Menschen nichts Schlimmes mehr passieren kann, denn er wird von Gott oder einem Schutzengel bewacht und beschützt. Ich glaube das nicht, und ich finde es auch leichtsinnig, wenn Pfarrerinnen oder Pfarrer Menschen in diesem Glauben bestärken. Es ist ein kindlicher Glaube, der zerbrechen wird, wenn es einmal hart kommt, denn auch getaufte Menschen werden Unfälle haben, auf die schiefe Bahn geraten und unglückliche Zeiten erleben. Hat Gott dann sein Versprechen gebrochen?

Das Wort „Segen“, so habe ich es mal gelernt, kommt von dem lateinischen Wort „signare“, das heißt „ein Zeichen setzen“, „bezeichnen“, „mit einem wiedererkennbaren Merkmal versehen“ oder auch einfach „unterschreiben“. Bei Kindertaufen erkläre ich oft, dass es ist wie mit den Limonadenbechern beim Kindergeburtstag: Jedes Kind malt ein kleines Zeichen auf seinen Becher, ein Herzchen, ein Kleeblatt, ein Einhorn oder Darth Vader, und an diesem Bild kann es seinen Becher wiedererkennen, und gleichzeitig wissen alle anderen Kinder, dass dieser Becher nicht ihnen gehört.

So ist es auch, wenn Gott segnet – er macht ein Zeichen an die gesegneten Menschen, das ihm und allen anderen sagt: Dieser Mensch ist ein Mensch Gottes; er gehört zu mir und ich zu ihm.

Gottes Versprechen heißt also nicht „Dir wird nie etwas Unangenehmes oder Schlimmes geschehen!“, sondern „Ich bin immer bei Dir, in guten wie in schweren Zeiten; in hellen wie in dunklen Tagen bin ich an Deiner Seite.“ Das klingt nach nicht viel. Aber wer es glaubt und erlebt hat, der kann bestätigen, dass dieses Versprechen Gottes sehr wertvoll ist.

Urlaubsbuch I

Thomas Harding

Sommerhaus am See.

Fünf Familien und 100 Jahre deutscher Geschichte

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Deutschland vor hundert Jahren: die Welt scheint wieder in Ordnung zu sein: Der Krieg ist vorbei, die politischen Verhältnisse verheißen den Bürgern der Stadt eine gewisse und sichere Zukunft. Hinter der Berliner Stadtgrenze am still gelegenen Groß Glienicker See lässt der jüdische Arzt Alfred Alexander ein Wochenendhaus errichten: Das Haus, das von innen größer wirkt als von außen betrachtet, bietet seiner Familie genug Platz mit seinen vier Zimmern, einer Küche, einem kleinen Raum für das Dienstmädchen und einer von außen zugänglichen Unterkunft für den Fahrer. Viele Wochenenden verbringt die Familie dort mit köstlichem dolce far niente. Die Kinder spielen Tennis und streifen durch den Wald, die Familie genießt das Baden im See und feiert bei Wein und gutem Essen mit Nachbarn und Freunden.

Aber dann dreht sich der Wind: Laute und selbstbewusste Menschen kommen in das Dorf, pöbeln im Wirtshaus, lärmen nachts am Seeufer und sorgen für zunehmende Unruhe in der Nachbarschaft. Sie bedrohen die jüdischen Familien aus der Stadt, Angst macht sich breit, und die ersten Bürger aus Berlin geben ihre Sommerhäuser auf. In der Stadt fühlen sie sich sicherer.

Als das nahe gelegene Rittergut der von Ribbecks an einen nationalsozialistisch eingestellten Nachkommen der Familie Wollank vererbt wird, wird die Situation noch schwieriger für die alt-eingesessene Dorfbevölkerung und die meist jüdischen Eigentümer und Mieter der neuen Sommerhäuser am See. Die Familie Alexander ist eine der letzten, die am Ort bleibt; Alfred Alexander glaubt bis zu seinem Tod, dass die Menschen in der Hauptstadt wieder Vernunft annehmen werden und es nicht zum Äußersten kommen lassen wird. Doch dann kommt er bei einem Autounfall in der Stadt ums Leben…

Die Familie gibt das Haus auf, zieht sich in die Stadt zurück. Dort erleben sie die Pogrome der Nationalsozialisten, den Reichstagsbrand, die Machtergreifung der NSDAP und die sogenannte Reichskristallnacht, in der die Synagogen in der Stadt brennen und Juden mit dem Tod bedroht werden. Die Familie Alexander flüchtet aus der Stadt und zieht ins Exil nach England. Sie werden von den Nationalsozialisten enteignet, und das Sommerhaus am See wird verkauft.

Will Meisel, der später ein bekannter und erfolgreicher Komponist werden sollte, pachtete das Haus und richtete dort ein Musikstudio ein. Um seinen Erfolg nicht zu gefährden, tritt er in die Partei ein und wird Mitläufer in der Bewegung um Adolf Hitler; er arbeitete auch an Propagandafilmen und Propagandamusik mit. Während der Kriegszeit fand er im Sommerhaus in Groß Glienicke mit seiner Familie Zuflucht und konnte vom See aus beobachten, wie die Flugzeuge der Alliierten ihre Bomben auf die Hauptstadt wurfen.

Nach dem Krieg zog er für mehrere Jahre nach Österreich und versuchte danach, bei den Entnazifizierungsbehörden seine Beteiligung an den Machenschaften der Nationalsozialisten klein zu reden und zu verharmlosen. Es dauerte trotzdem einige Jahre, bis er wieder als Verleger in seinem Musikverlag arbeiten durfte, doch dann hatte er mit romantischen Schlagern und populärer Filmmusik wieder große Erfolge. Das Sommerhaus blieb aber für seine Familie verloren, denn die Stadt und das Land wurde geteilt, und Groß Glienicke lag nun im Machtbereich der russischen Besatzer und im Sperrgebiet an der Zonengrenze.

In das Sommerhaus zog eine Nachbarsfamilie, deren Haus durch einen Bombentreffer zerstört wurde; bald darauf mussten sie sich die vier Zimmer mit einer Flüchtlingsfamilie teilen. Wenige Jahre später wurde die Mauer gebaut, die den Hausbewohnern den Zugang zum See unmöglich machte.

Mehr und mehr gewann die sozialistische Regierung Einfluss im Dorf, und wieder teilte sich die Bevölkerung in begeisterte Anhänger, opportunistische Mitläufer und zunehmend verzweifelte Gegner. Die Mitarbeiter der Stasi suchten und fanden Menschen im Ort, die bereit waren, ihre Nachbarn zu überwachen und zu melden, wenn sie zum Beispiel West-Fernsehen sahen oder zu amerikanischer Musik tanzten.

Nach dem Mauerfall wurde das Haus erlassen und verfiel immer mehr; es wurde unbewohnbar und sollte bereits abgerissen werden. Der englische Schriftsteller Thomas Hardy besuchte zusammen mit seiner Großmutter, die als Kind im Haus gewohnt hatte, das Grundstück und das verfallene Haus, und sie beschlossen, es wieder zu errichten und nutzbar zu machen. Zusammen mit vielen Bewohnern des Dorfes Groß Glienicke und mit geschichtsinteressierten Menschen aus der Stadt brachten sie Grundstück und Haus in Ordnung. Sie gründeten einen Verein, der jetzt im Haus eine Gedenkstätte betreibt und vor allem über das Schicksal der jüdischen Opfer der Nationalsozialisten informiert, aber auch die Geschichte des Ortes während der sozialistischen Regierung der DDR thematisiert.

Ich fand das Buch über die Geschichte des Sommerhauses am See sehr inspirierend und interessant. Ich habe einiges über die Situation der Dörfer, in denen ich jetzt arbeite, gelernt, denn in manchen Dingen ist die Geschichte von Groß Glienicke sicher mit der von Orten wie Großziethen, Schönefeld oder Brusendorf vergleichbar. Thomas Hardy schreibt seine Geschichte wunderbar unaufgeregt und unvoreingenommen und bietet mit seiner Chronik über hundert Jahre gerade deshalb einen tiefen Einblick in den Alltag der Menschen in den so unterschiedlichen Epochen der deutschen Geschichte. Ein interessantes, nachdenklich machendes, wunderbares Buch!

Gottesdienst mit Second Screen

Meine Gemeinde ist Jugendlichen gegenüber ziemlich aufgeschlossen. Die Gottesdienstbesucherinnen und -besucher freuen sich darüber, dass ziemlich viele Konfirmandinnen und Konfirmanden am Sonntag in der Kirche sind, und sie singen gerne auch moderne Kirchenlieder mit, beten entsprechend formulierte Gebete gern mit und verstehen auch jugendgemäße Beispiele und Anspielungen in der Predigt. Jedenfalls, solange es nicht zu nerdig wird, aber dann können auch viele von den Teenies nicht mehr mit. „Herr der Ringe“ und „Monty Python’s Flying Circus“ – das ist einfach zu lange her. Und „Game of Thrones“ habe ich nie gesehen.

Was aber auf Widerstand stößt bei den Älteren, ist, wenn die Jugend während des Gottesdienstes auf ihren Handies herum drückt. Ich nehme mal an, dass sie das nicht tun, weil es ihnen zu langweilig im Gottesdienst ist, sondern einfach, weil sie es IMMER tun und gewohnt sind, ständig mit Freundinnen und Freunden im Kontakt zu sein. Dann müssen sie einfach Dinge in ihre Whats-App-Gruppe schreiben wie „Uh, ist da heute heiß hier in der Kirche!“ oder „Kommst Du nachher auch mit an den Döner-Stand?“ So schreiben sie hin und her mit Leuten, die direkt neben ihnen in der Bank sitzen genau so wie mit Leuten, die sie nach dem Gottesdienst treffen wollen.

Ich selber habe mich eine ganze Zeit lang darüber geärgert, denn ich habe gedacht, dass sie so einfach nicht ganz bei der Sache sein können und darum vieles von dem verpassen, was ich vorbereitet habe.Sie sind einfach nicht wirklich da, wenn sie geistig schon das gemeinsame Mittagessen planen. Aber ich könnte mir auch vorstellen, dass eine besondere Chance zu entdecken wäre, wenn man den Gebrauch des zweiten Bildschirms sinnvoll einbindet: Ich mache das ja auch, wenn ich bei der Heute Show mitlese, was andere darüber twittern; und beim ESC habe ich den Laptop neben dem Fernseher stehen gehabt, um Informationen zu den Liedern und den aktuellen Punktestand sehen zu können.

Wie wäre es, wenn es im Gottesdienst eine Webseite mit den Bibeltexten gäbe, mit den Liedern und dem Gottesdienstablauf, Bildern, die zum Gottesdienst passen und Memes, die man teilen kann, wenn man will. Und dann später moderiert man einen Twitterfeed zur Predigt, wo Konfis und Jugendliche sich noch gegenseitig schreiben könnten, was „hängen geblieben“ ist. Vielleicht wird dann noch beim Döner essen der zweite Bildschirm aus dem Gottesdienst beobachtet.

Ich bin mir nicht sicher – wäre das eine Verbesserung, oder würde es das unkonzentrierte Verhalten noch fördern? Stress im Gottesdienst erzeugen? Sollte ich die Konfis doch eher bitten, das Smartphone für eine Stunde einmal auszuschalten, weil Feiertag ist? Und was sage ich den Alten, die
sich gestört fühlen?

Hier war ich mal zu Hause…

Gerade sitze ich in einem Straßenrestaurant in Schöneberg. Es liegt an einer Kreuzung von zwei Nebenstraßen; es fahren viele Radfahrerinnen vorbei, und junge Väter und Mütter schieben ihren Kinderwagen über die ampelgesteuerten Übergänge. Die Stimmung ist entspannt und gemütlich, um mich herum essen und trinken die anderen Gäste und unterhalten sich leise. Mir geht es hier gut, und manchmal vermisse ich diese stillen Stunden am Samstag. Dieses Restaurant ist ein wundervoller Ort für die Predigtvorbereitung…

Ich bin der gute Hirte…

Eine Taufpredigt am „Sonntag des guten Hirten“

Städter haben meist ein sehr romantisches Bild vom Hirten-Dasein im Kopf. Vermittelt durch Heimatfilme und Kinderbücher stellen wir uns einen Hirten so vor: Mit Mantel und Krummstab, begleitet von zwei Hunden, passt er auf ein paar Dutzend Schafe auf, die er alle mit Namen kennt und rufen kann. Sie dürfen auf einer saftig-grünen Wiese in irgendeinem Alpental vor sich hinträumen, knabbern munter an Grashalmen und laufen fröhlich umher, während sich ihre blöckenden Stimmen mit dem Klang ihrer Glöckchen vermischen, und die Hunde umkreisen die Herde und passen auf, dass keins von den weißen vierbeinigen Wollknäueln zu weit wegläuft und in eine komplizierte Situation geraten könnte…

Aber selbst Menschen, die mehr von der modernen Landwirtschaft verstehen und die wissen, dass auf modernen Farmen die Schafe zu Tausenden gehalten werden und die damit verbundenen Prozesse computerunterstützt und mit industrieller Präzision ausgeführt werden müssen, ahnen wohl nicht, dass in vergangenen Zeiten das Dasein des Hirten durchaus auch mit Gefahr für Leib und Leben verbunden war.

Zu biblischen Zeiten nämlich sah das Hirtenleben und auch das der Schafe härter aus: Die Hirten waren meist rauhe Gesellen ohne feste Heimat, herumziehendes Volk, das heute hier und morgen dort Arbeit fand, beinahe noch Nomaden, die von der Dorfgemeinschaft oder von Großgrundbesitzern beauftragt wurden, für kargen Lohn die Schafe und Ziegen zu hüten. Allein oder in kleinen Gruppen taten sie diesen nicht ungefährlichen Dienst, denn wilde Tiere und auch Räuber und Wilderer waren hinter dem Kleinvieh her, das sich schon im nächsten Ort weiter verkaufen ließ. Außerdem gab es häufig Streit und durchaus auch Raufereien um die besten Weideplätze an den Flußauen, die in Israel rar waren, so dass Schafe und Ziegen oft von dem kargen Bewuchs am Rand der Wüste und im Gebirge weiden mussten… Wenn es hart auf hart kam, konnte es durchaus sein, dass die angemieteten Halbnomaden sich aus dem Staub machten und die Schafherde, die ihnen anvertraut war, einfach den Wildtieren oder Viehdieben überliessen.

Neben diesen für kurze Zeit angemieteten Tagelöhnern hat es aber auch Hirten gegeben, die engagierter ihre Arbeit taten – Verwandte des Bauern zumeist, die ein persönliches Interesse am Leben und Überleben der Herde hatten, weil sie zumindest Mit-Eigentümer waren. Am Wohlergehen der Herde hing auch für sie die Frage nach Gewinn und Verlust, nach Wohlstand oder Armut… Da konnte es vorkommen, dass ein „guter Hirte“ im wahrsten Sinne des Wortes sein Leben für die Schafe lassen musste.

In der ganzen Bibel und vielleicht auch darüber hinaus in den Gesellschaften des alten Orients ist der „gute“ Hirte ein Vorbild für Menschen, die Leitungsverantwortung oder Herrschaft über andere Menschen anvertraut bekommen haben. Moses, David, viele der Könige und Fürsten in Israel und Juda wurden als Hirten des Volkes bezeichnet und verstanden sich wohl auch selbst so.

Letztlich aber war es Gott selbst, der Herr und Hirte seines Volkes war. Dieses Bekenntnis der Israeliten hatte durchaus politische Konsequenzen: Alle Herrschaft, sei es nun die des Königs, die der Fürsten, oder auch die der Richter, Priester und Propheten, war immer eine Herrschaft, die sich Gott gegenüber zu verantworten hatte. Machtmissbrauch und Ausbeutung der Untergebenen in Stadt und Land war nicht nur ein Vergehen gegen das Volk, sondern auch und zuerst ein frevelhafter Akt gegen Gott, der solche Dinge nicht auf lange Zeit ungestraft ließ.

Der bekannte Psalm 23 „Vom guten Hirten“ war vor allem ein Glaubensbekenntnis zu diesem Gott, der für die Menschen da ist, sie leitet und führt, sie versorgt und mit Gutem und Barmherzigkeit segnet. Er ist gleichzeitig eine Absage an alles und alle, die sich sonst anmaßen wollen, Herrschaft über das Leben dieser Menschen auszuüben, als ob es Gott nicht gäbe.

Zur Zeit des Nationalsozialismus beschloss die Kirche in Deutschland die Barmer Theologische Erklärung; ein Glaubensbekenntnis, auf das Pfarrerinnen und Pfarrer bis heute bei ihrer Ordination verpflichtet werden. Darin heißt es: Die verschiedenen Ämter der Kirche begründen keine Herrschaft der einen über die anderen, sondern die Ausübung des der ganzen Gemeinde anvertrauten (…) Dienstes. Wir verwerfen die falsche Lehre, als könnte die Kirche sich abseits von diesem Dienst besondere „Führer“ geben und geben lassen. Die Kirche kann und soll auch nicht Teil einer staatlichen Regierung sein, wie auch der Staat nicht die Rolle der Kirche oder ihre Führung übernehmen kann und soll. Ich glaube, dass es in unserer Zeit nötig ist, das ganz deutlich zu wiederholen. Im Evangelischen Gesangbuch kann man unter der Nummer 810 die Barmer Theologischer Erklärung nachlesen. Machen Sie das einmal!

Ich bin nicht der gute Hirte. Auch wenn das Wort „Pastor“ eigentlich Hirte bedeutet. Auch wenn ich weiß, daß Gott mir unsere Gemeinden anvertraut hat, dass ich für sie da sein soll. Zu Petrus hat er gesagt „Weide meine Lämmer!“ – damals, als er den Auferstandenen wieder sah, nach der für Petrus nicht unpeinlichen Frage: „Petrus, hast Du mich lieb?“ Dreimal hatte Petrus Jesus verraten; dreimal fragt der Auferstandene ihn nach seiner Liebe. „Herr, Du weißt alles!“ hatte Petrus geantwortet, „Du weißt auch, dass ich dich liebe!“ Nicht hat er gesagt „Du weißt alles, Du weißt auch, daß ich Dich verraten habe…“ Und Jesus spricht auch nicht davon. Es ist genug, dass Petrus weiß, daß er es weiß, und daß er ihm vergeben und verziehen hat. „Weide meine Lämmer!“

Ist Petrus ein guter Hirte gewesen? Er war ein ganz normaler Mensch, der einen großen Auftrag bekommen hat, der Fehler gemacht hat und versagte, der aber Vieles gut gemacht hat. Auch von ihm wird erzählt, dass er viele Jahre später hingerichtet wurde, wegen seines Glaubens. Der gute Hirte stirbt für seine Schafe.

Bin ich ein guter Hirte? Ich kenne meine Fehler und Schwächen sehr genau. Ich bekenne, ich habe gesündigt in Gedanken, Worten und Werken. Kann ich trotzdem Pfarrer sein, glaubhaft predigen zum Beispiel oder das Abendmahl austeilen, wenn es doch viele Gründe gibt, mich infrage zu stellen?

Manche Menschen in der Kirche haben einen großen Anspruch an Pfarrerinnen und Pfarrer. Sie sollen Vorbild sein, Menschen, an denen man sich orientieren kann, vielleicht sogar Menschen, die das leben, was man selbst nicht schaffen könnte, einfach, damit man einmal sehen kann, das es geht. Das es möglich ist. Das es kein unerfüllbares Ziel ist.

Aber auch Pfarrerinnen und Pfarrer streiten sich zu Hause am Mittagstisch mit ihren Ehepartnern, auch Pfarrer lügen oder mißachten ihre Eltern, auch Pfarrer brechen die zehn Gebote. Sie sind Menschen, und darum sollte den Gemeindegliedern nicht der Mund offen stehen bleiben, wenn ihre „Hirtin“ oder ihr „Hirte“ einen Fehler macht. Wenn sie sagen „Ich habe gesündigt, bitte vergebt mir!“

Ob das Abendmahl oder der Segen am Schluß des Gottesdienstes „gültig“ ist, hat nichts mit der Person der Geistlichen zu tun. Es ist Gott, der segnet; es ist Jesus, der sich gibt im Abendmahl, in Brot und Wein. Und selbst ein sündiger – sprich „normaler“ – Pfarrer ist berufen und bestimmt, zu predigen, zu segnen und das Abendmahl auszuteilen. Wäre es nicht so, gäbe es keine Sakramente in der Kirche. Niemand ist vollkommen.

Ich bin der gute Hirte…

Jesus sagt das. Er ist der gute Hirte. Er kennt seine Schafe mit Namen, und sie folgen ihm. Er führt sie, er sorgt für sie. Er gibt ihnen, was sie zum Leben brauchen. Wasser, Futter, Schutz und einen Raum, an dem sie Leben können. Er ist der gute Hirte.

Wenn wir uns taufen lassen oder wenn wir in der Konfirmation ein eigenes Ja zu unserer Taufe finden, dann bekennen wir, dass Jesus unser Hirte ist. Er füllt unsere Unvollkommenheit aus.

Ich mag diesen Satz: „Vor aller Leistung und trotz aller Schuld sagt Gott Ja zu uns.“ Das ist es, was in der Taufe geschieht. Das ist es, was Gott für uns zum guten Hirten macht. Das ist es, was tröstet, trägt und hilft in guten wie in schweren Zeiten, auch im Schatten des finsteren Tales. Das ist die grüne Weide und das frische Wasser für meine durstige Seele. Das ist das Öl, mit dem er mich salbt. Das ist der gedeckte Tisch, an den ich eingeladen bin, trotz meiner Feinde.

„Vor aller Leistung und trotz aller Schuld sagt Gott Ja zu uns.“ Das ist Jesus so wichtig gewesen, daß er bereit war, dafür in den Tod zu gehen. Der gute Hirte stirbt für seine Schafe. Den hat Gott auferweckt, und er gibt uns, seinen Schafen, das ewige Leben. Gutes und Barmherzigkeit werden mir bleiben mein Leben lang. Und für immer werde ich bleiben, da, wo Gott zu Hause ist.