Der unsichtbare Gott

In den zehn Geboten ist uns gesagt: „Du sollst dir kein Bild von Gott machen, kein Gleichnis, weder von dem, das oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist. Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!“

Dieses Gebot war ursprünglich als Mahnung gedacht, keine Götterstatuen aufzustellen und in ihnen Gott zu erkennen, wie es in den Ländern um Israel herum üblich war. In Tempeln, auf Marktplätzen und auch überall in den Häusern standen Götterbilder von Zeus oder Hera, Isis und Osiris, Marduk und Belial und wie sie alle hießen. In Israel sollte es solche Bilder nicht geben, denn der Gott der Juden war unsichtbar und frei, nicht gebunden an menschliche Erwartungen, nicht festzuhalten in den Tempeln und Synagogen, nicht berechenbar in Festkalendern und nicht greifbar in Theologien, die die Weisen sich erdacht hatten. Gott ist unfassbar und nicht festgelegt auf das, was Menschen von ihm erwarten…

Aber Gott selbst hat ein Bild von sich gemacht. Was den Menschen verboten ist, hat Gott getan: Er hat gewissermaßen ein Selfie von sich angefertigt. Gleich am Anfang der Bibel, in der Schöpfungsgeschichte, wird erzählt, wie Gott zu sich selbst spricht: „Auf! Lasst uns Menschen schaffen; wir wollen ein Bild machen, dass uns gleicht!“ Und so schuf Gott Adam und Eva, ein Gleichnis seines Spiegelbildes.

In jedem Menschen ist Gott, der Schöpfer, erkennbar. Die kreative Kraft, die Fähigkeit, selbstlos zu lieben, die unbedingte Würde – all das macht den Menschen Gott ähnlich, liegt in der Ebenbildlichkeit begründet. Vor aller Moral, vor allem Leben im Richtigen oder Falschen bleibt das – der Mensch ist ein Bild, vielleicht auch nur ein Schatten Gottes. Das fällt uns leicht, in den Menschen zu sehen, die wir lieben, es gilt aber auch für die, die uns fremd sind oder die wir hassen und für böse halten.

Ganz besonders aber gilt es für Jesus Christus – er ist nicht nur wie Gott, er ist Gott selbst, zu den Menschen gekommen. In ihm hat sich Gott geoffenbart. Der Unsichtbare hat sich sichtbar gemacht; er ist Mensch geworden mitten unter uns Menschen, und er hat unser Schicksal geteilt. Alles, was zum Leben gehört, Geburt und Tod, Leiden und Freude, Hunger und Durst – er hat es erfahren. Ganz Gott war er, und immer auch ganz Mensch. Das ist ein Geheimnis des Glaubens, das größer ist als unsere Vernunft.

Sein Leben ist die Offenbarung des Wesens Gottes: hier zeigt er, wie er eigentlich ist. Bereit, sich herunter zu beugen zu den Geringsten seiner Schöpfung; bereit, mit zu leiden und mit zu tragen; bereit, gnädig und barmherzig zu sein. Er geht den Weg der Liebe bis zur letzten Konsequenz. So war Jesus, so ist Gott!

Meine Hoffnung und mein Gebet ist, dass wir so auch zu Ebenbildern Gottes werden: Nicht im Streben nach Macht, sondern in der Demut. Nicht darin groß zu sein, sondern sich herunter zu halten zu den Geringen. Die eigene Kraft und Stärke in der Liebe zu den Mitmenschen zu finden. Nicht darin, das eigene Leben zu optimieren, sondern es einzusetzen zum Segen für Viele. Freiheit darin zu finden, dass ich selbstlos werde. Mich erfüllen zu lassen von dem Geist Gottes, der dort Vollendung findet, wo ich nur das Schwache, das Gebrochene, das Vorläufige sehen kann.

Das wahre Leben ist wie die Auferstehung von den Toten. Durch die dunkelsten Tage hindurch gehe ich in das Licht. Ich will mich von Jesus führen lassen. Seine leidenschaftliche Liebe bringt ihn ans Kreuz, in den Tod, ins Grab. Auch er hat gebetet, dass Gott ihm „diesen Kelch“ erspart. Aber ohne den Kampf gibt es keinen Sieg. Ohne den Karfreitag gibt es kein Ostern. Das Licht scheint aus der Finsternis, auch wenn sie es nicht begreift.

Party für Eins

Die letzten zwei Tage habe ich mich ziemlich mies gefühlt, Irgendwie krank. Obwohl der Coronatest negativ war, das Fieberthermometer vernünftige 36,8 Grad anzeigte und auch sonst fast alles im grünen Bereich geblieben ist. Vielleicht war es ja nur das Alter. Schließlich werde ich in ein paar Tagen 59 Jahre alt.

Heute habe ich Mittagsschlaf gemacht und danach gebadet. Zum ersten Mal seit einem Jahr. Geduscht wird hier täglich, aber ich wollte mich mal wieder so richtig in heißem Wasser durchweichen lassen, duftenden Schaum um mich herum, dabei Musik hören und Espresso schlürfen.

Dabei kam ich auf die Idee, mal bei meinem Friseur anzurufen, ob er mich heute noch „dazwischen schieben“ kann- und er konnte!

Frisch gestylt habe ich dann Kartoffeln und Gemüse geschnippelt und eine sehr leckere Kartoffelsuppe gekocht.

Und dabei Kindergartenpartymusik gehört. Mein inneres Kind hat gejubelt und begeistert mitgetanzt; und ich fühlte mich so gut wie schon lange nicht mehr…

Aram Sam Sam- traut euch doch auch mal!

Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss…

Heute habe ich den Weihnachtsbaum abgeschmückt und die Krippenfiguren und die Heiligen Drei Könige zurück in den Keller gebracht. Außerdem habe ich den Gefrierschrank abgetaut und sauber gemacht und fast alles wieder eingeräumt. Was schlecht geworden ist, habe ich weg geworfen.

Ich habe noch einmal Kartoffelsalat und Würstchen gemacht, weil die Überreste vom Heiligen Abend auf dem Balkon erfroren sind und nicht mehr geschmeckt haben. Und dabei habe ich mich so auf dieses Resteessen gefreut. Jetzt habe ich Reste für morgen…

Einkaufen war ich und hatte sogar noch Zeit für einen Espresso.

Stimmung: eher unglücklich.

Storytelling

Um unser eigenes Leben zu begreifen, erzählen wir es wie eine Geschichte. Während wir Leben und durch Leid und Freude gehen, erkennen wir Helden und Feiglinge, Bösewichte und Halunken, stolze Ritter, kluge Berater, treue Gefährten, Clowns und Zauberer, und wir erkennen, ob wir gerade Mitspieler in einem Drama oder in einer Komödie sind.

Es ist oft nur eigene Interpretation, eigene Entscheidung, die den Rahmen setzt für das Spiel unseres Lebens. Das eigene Leben wir von Dir erzählt und gestaltet, Du interpretierst, was geschehen ist, und Du erzählst, wie es weiter geht. Immer ist eine unerwartete Wendung möglich.

Der ewige Kalender…

Ein ganz einfacher Mechanismus zeigt an, welcher Tag des Monats auf welchen Wochentag fällt. Entsprechende Tabellen gibt es seit Jahrhunderten, sie werden als „Ewiger Kalender“ bezeichnet. Die einfachsten Exemplare zeigen nur Datum und Wochentag, kompliziertere können auch die christlichen Festtage (vor allem den Ostertermin) oder auch wichtige astronomische Ereignisse berechnen, Planetenkonstellationen, Sonnen- und Mondfinsternisse; diese Berechnungen waren oft erstaunlich genau.

Die „Magoi“, also die „Weisen aus dem Morgenland“, die im Matthäusevangelium erwähnt wurden, waren wahrscheinlich solche Astrologen, die in einer eigenartigen Mischung aus exakter Wissenschaft und traditioneller Sterndeuterei versuchten, solche Listen aufzustellen und aus den vorhergesagten Konstellationen zukünftige Ereignisse in Politik, Wirtschaft und Religion im Voraus zu berechnen – zum Beispiel die Geburt des legendären Messias, des Königs der Juden.

Im Hochmittelalter und bis in moderne Zeit hinein baute man Astrolabien und astronomische Uhren für die Kathedralen der Christenheit, die auf den genannten Tabellen beruhten und wie ein mechanischer Computer diese Rechenergebnisse auf wunderschönen Skalen anzeigten – manche diese Uhren waren unglaublich ausgefeilt und beinhalteten Zahnräder, die sich nur alle vierhundert Jahre einmal um ihre Achse drehten – haben die Menschen, die sie bauten, wirklich geglaubt, dass diese Uhren so lange erhalten bleiben und funktionieren würden?

Schon wenn ich durch die Seiten eines „normalen“ Jahreskalenders blättere, kann ich mir nicht wirklich vorstellen, was mich alles erwartet, während sich diese Seiten mit Leben füllen…

Ich habe für Euch wieder einmal einen Jahreskalender vorbereitet, den Ihr Euch ausdrucken könnt und dann für Eure Terminplanung benutzen könnt, wenn ihr wollt. Ihr findet ihn HIER

Ich wünsche Euch ein gutes Jahr und immer einen Satz kräftiger Batterien und gut gefüllter Akkus im Haus…

Ein Augenblick

Dieser Moment
in dem Nichts geschieht

Das Alte ist vergangen
der Brief ist geschrieben
das Buch bis zum Ende gelesen
das Bild gemalt, eingerahmt und aufgehängt

Das Neue hat noch nicht begonnen
Ich kann mich nicht entscheiden
nicht entschließen, den Herd anzumachen
nicht überwinden, den Müll runter zu bringen

Ich will nicht den Fernseher einschalten
und auch nicht telefonieren.
Niemand wartet auf mich
Keinem habe ich etwas zu geben

Das alte Jahr ist vorüber
das neue Jahr steckt noch in seiner ungeöffneten Verpackung
völlig neu und unbenutzt.

Morgen werde ich die Batterien einlegen
(auf die richtige Polarität achten!)
und es vorsichtig einschalten

Aber heute noch nicht.
Heute bleibe ich ganz für mich.
Einen Augenblick lang, in dem Nichts geschieht.

Bon camino!

Ihr Lieben…

Ein schönes und gesundes Neues Jahr und viele prickelnde Momente und gute Zeiten wünsche ich Euch. Lasst es Euch gut gehen und genießt die Zeit mit Euren Lieben… Möge es besser werden. Ultreia!

Herzlichen Gruß von Richard

Was auch wenige wissen: der Brauch, sich einen „Guten Rutsch“ zu wünschen, kommt aus der jiddischen Sprache. Bei den Juden heißt der Neujahrstag „rosch ha shanah“ (Kopf des Jahres) und so wünschen sie sich „ain gutn rosch“. Daraus wurde dann unser Neujahrsgruß.

Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen…

Gedanken zur Jahreslosung 2022 aus dem Johannesevangelium, Kapitel 6

Ärger gibt es in der Familie… Am Silvestertag wollten alle zusammen feiern, gemeinsam Käsefondue essen, miteinander reden, ein bisschen Monopoly spielen oder „Nilpferd in der Achterbahn“; zusammen wollten sie Glückskekse aufbrechen und Blei gießen, um zwölf Uhr mit Champagner anstoßen und dann die Pfannkuchen essen. Vielleicht noch ein bisschen Feuerwerk anzünden, die paar Raketen und Knallfrösche, die vorletztes Jahr übrig geblieben waren, und dann in das neue Jahr hinein gehen mit Walzermusik und Umarmungen… „Zehn Leute gemeinsam, das ist ja erlaubt, wir sind doch alle zwei- und dreifach geimpft…“, so hieß es in der Einladung.

Aber dann stellt sich heraus, dass Onkel Sven nicht geimpft ist, gegen Corona nicht, nicht mal gegen Grippe, und testen lassen will er sich auch nicht. „Ich mach diesen ganzen Quatsch nicht mit, daran verdient doch nur die Pharmaindustrie, und wer weiß schon, welche Spätfolgen die ganze Impferei hat; hat man ja damals bei Contergan gesehen, was alles passieren kann…“

So kommt es, das Ulrike und Konrad ihren Onkel wieder ausgeladen haben: “Ohne Impfung kommst du uns nicht in die Wohnung. Das ist viel zu gefährlich. Außerdem gehört Oma Edith zu den Risikogruppen, mit ihren 95 Jahren. Dann müssen wir eben Silvester ohne dich feiern…“ – „Wenn Sven nicht kommen darf, komm ich auch nicht!“ schreibt Tante Andrea in den Familienchat, und schon in kurzer Zeit gibt es den dort schönsten Streit.

Marianne bringt sogar die Bibel ins Spiel: „Die Jahreslosung sagt doch schon: ‚Jesus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinaus stoßen…‘ Es ist einfach nicht christlich, Leute aus der eigenen Familie von den Feiern auszuschließen… Wenn die Gemeinschaft schon nicht in der Verwandtschaft funktioniert, was bleibt denn dann überhaupt noch von der ganzen Nächstenliebe?“

Greta schreibt: „Die Jahreslosung ist doch kein Freibrief für egoistische Angsthasen, die ihre Mitmenschen in Gefahr bringen, nur weil sie sich nicht impfen lassen. Die steht in der Bibel, damit Menschen nicht im Mittelmeer ertrinken oder an der Grenze zwischen Belarus und Polen erfrieren! Da an der EU-Grenze werden Menschen abgewiesen, die wirklich in Not und Todesgefahr sind, und keiner tut etwas, um ihnen zu helfen! Über Moria und die anderen Flüchtlingscamps steht nicht einmal mehr was in der Zeitung! Das ganze Abendland verhält sich da so unchristlich, dass es zum Himmel schreit!“

„Letztens hat sogar meine eigene Gemeinde geschrieben, dass nur noch Geimpfte, Genesene oder Getestete in den Gottesdienst kommen dürfen…“ schreibt Marianne in Großbuchstaben, damit man sehen kann, wie erregt sie ist, „Sie haben sogar Leute wieder nach Hause geschickt, die ihren Impfpass nicht dabei hatten! Ich finde das unglaublich; es ist ein Skandal!“

Ulrike antwortet: „Deine Gemeinde will dich und die anderen Leute doch nur schützen! Kannst du dir nicht vorstellen, wie schwer denen diese Entscheidung gefallen sein muß? Die schicken doch ihre Gottesdienstbesucher nicht aus Jux und Dollerei weg, sondern weil sie ihre Gottesdienste nicht zum Spreader-Event machen wollen!“

Sven hat da kein Verständnis: „Letzte Woche haben sie sogar so eine Impf-Aktion in den Gemeinderäumen gemacht! Die lassen sich auch vor den Karren der Industrie spannen, die haben nichts gerafft! Wenn Marianne mir nicht gut zugeredet hätte, wäre ich gleich aus der Kirche ausgetreten!“

Zum Schluss schreibt Greta noch einmal: „Jetzt diskutiert ihr schon wieder nur über Corona, weil Euch das selbst betrifft. Aber die Geflüchteten an den Grenzen, an die denkt ihr wieder mal nicht. Typisch! Weihnachten war das auch schon so. Die fette Gans essen, aber vom Hunger der Menschen auf der Flucht nichts wissen wollen… Heuchler seid ihr!“

Es ist Oma Edith, die sich am Abend vor dem geplanten Fest hinsetzt und einen nach dem anderen in der Familie anruft. Sie liest den Familienchat immer mit, aber das Tippen auf ihrem Handy ist ihr zu mühsam, darum ruft sie lieber an. „Kinder, versündigt euch nicht!“ sagt sie. Sie benutzt oft so altmodische Worte. „Am Ende ist doch wichtig, dass die Familie zusammenhält, dass man sich auch nach einem Streit noch in die Augen sehen kann. Das ist es doch, was Jesus gemeint hat: Er wird keinen wegschicken, der um Vergebung bittet. Und ich glaube, dass er will, dass wir uns auch vergeben in der Familie. Und in der Kirchengemeinde. Und darüber hinaus.

Es ist schwer, zu entscheiden, wer auf der richtigen Seite steht. Jede und jeder von euch hat gute Gründe für die Entscheidung, so oder anders zu handeln.

Am Ende hilft es wohl, nach bestem Wissen und Gewissen das zu tun, was man für richtig hält. Und sich dabei gegenseitig nicht aus den Augen zu verlieren. Miteinander in Kontakt zu bleiben und das Gespräch nicht abbrechen zu lassen, vor allem in der Familie und Kirche. Und einen guten Kompromiss zu finden, wo es möglich ist.

Ulrike und Konrad haben später eine Möglichkeit gefunden, mit der am Ende alle zufrieden sind: Sven und Marianne kommen erst um halb zwölf und treffen sich mit den anderen draußen vor dem Haus. Windgeschützt ist es da und in diesem Jahr sowieso nicht so kalt wie sonst. Da kann man zum Neuen Jahr mit dem Sekt anstoßen, und danach werden die paar Knaller und Raketen angezündet. Umarmungen gibt es keine, aber man kann sich immerhin noch liebevoll in die Augen sehen. Und es gibt eine neue Verabredung zu einem Familientreffen – im Mai, zum Pfingstfest im Garten. Darauf freuen sich alle schon sehr…

Und für Greta wird Geld gesammelt, das sie an Ärzte ohne Grenzen überweisen darf. Gleich im Januar, und bestimmt noch öfter…

Silvester – am Ende ein neuer Anfang…

Am Ende eines Jahres ziehen viele Menschen Bilanz über das vergangene Jahr. Manche tun es vielleicht eher unbewußt; andere setzen sich hin mit Papier und Bleistift und nehmen sich ein paar Stunden Zeit. Sie stellen sich Fragen: Was habe ich in diesem Jahr erreicht? Was bin ich mir selbst, was bin ich anderen schuldig geblieben? Habe ich mich weiterentwickelt, habe ich etwas gelernt? Was kann ich im beginnenden Jahr besser machen?

Für mich gibt es viele solche Fragen. Sie sind etwas ganz Persönliches, darum stellt sich wohl jeder andere. Das Ziel dieser Bilanz ist aber immer das selbe: Wir wollen unsere Wirklichkeit wahrnehmen, nicht einfach so in den Tag hinein leben, sondern aufmerksam sehen, fühlen und erfahren, was die Realität unseres Lebens ist. Darum ist es auch wichtig, wenn wir uns solche Fragen stellen, daß wir ehrlich sind zu uns selbst und uns nichts vormachen.

Besonders, wenn es etwas Negatives zu sagen gäbe, etwas, das mir selbst nicht gefällt, bin ich oft unehrlich zu mir selbst und verdränge die unangenehmen Tatsachen. Damit nehme ich mir aber die Chance, wahrhaftig zu mir selbst zu sein, besser zu werden. Fehler, die ich nicht erkenne oder nicht erkennen will, werden nicht zu lehrreichen Chancen. Erst Einsicht ist der Beginn der Besserung.

Johannes beschreibt in seinem Evangelium, was Jesus zu Menschen sagt, die in ihm den Heiland erkannt haben. „Ihr habt die Wahrheit erkannt. Wenn ihr daran festhaltet, seid ihr in Wahrheit meine Jünger, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ Sie antworten: „Wir sind Juden, wir sind Abrahams Kinder, wir sind noch nie jemandes Knechte gewesen.“

Hier aber, sagt Jesus, irren sie sich. Schon Johannes der Täufer hat den Einwand der Juden „Wir haben Abraham zum Vater!“ nicht gelten lassen. „Ihr macht euch was vor!“ sagt Jesus ihnen. Die Freiheit läßt sich nicht vererben.

Den Juden damals, aber auch uns Christen heute ist gesagt: Freiheit und Wahrheit sind kein Besitz, den man sich irgendwann aneignet und dann beruhigt in einem Tresor oder auf einem Bankkonto liegen lassen kann. Der Glaube kann sich nicht auf zeitlose und unveränderliche Wahrheiten berufen, sogar das Glaubensbekenntnis muß immer wieder neu verstanden, erarbeitet und begriffen werden, damit wir es weiterhin gemeinsam bekennen können.

Wahrheit ist kein Besitz. Deshalb widerspricht Jesus den Juden seiner Zeit, die sich auf angeblich ererbte oder erworbene Rechte Gott gegenüber berufen. Das Bild vom Knecht, der nicht im Haus bleibt, der nicht zur Familie gehört, ist eine Warnung. Daß ihr Nachkommen Abrahams seid, so sagt er es denen im Tempel, ist keine Garantie, dass ihr für immer die Auserwählten Gottes bleibt. Nur der Sohn des Vaters, der legitime Nachkomme, bleibt für alle Zeit.

Und das heißt auch für Christinnen und Christen heute, dass der lebendige Zusammenhang mit Christus und seinem Wort nicht ein Zustand ist, den wir durch Taufe und Konfirmation erreichen wie einen Gesellen- oder Meisterbrief, wie eine Medaille oder einen akademischen Titel. Im Glauben an Jesu Wort „bleiben“ – das ist Bewegung. Jeden Tag neu. Martin Luther in seiner unnachahmlichen Sprache hat es so beschrieben: „Dieses Leben ist nicht eine Frommheit, sondern ein fromm Werden, nicht eine Gesundheit, sondern ein gesund Werden. Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber. Es glüht und glitzt noch nicht alles, es regt sich aber alles.“

Wahrheit ist ein Prozeß, ein Vorgang, ein Weg, alles ist in Bewegung, wie das Leben. Freiheit hat man nicht ein für alle mal. Ohne die dauernde Suche nach Wahrheit gibt es keine Freiheit.