Was kostet das?

In seiner Jugend war das Christentum eine heißblütige, begeisterte, rebellische, aufmüpfige, ja geradezu revolutionäre und manchmal gar fanatische Bewegung. Nachdem sich die christlichen Gemeinden aus den Versammlungen der Juden in den Synagogen herausgelöst hatten, sich als etwas Eigenes empfanden und sich in eigenen Gemeinden trafen, verloren sie den besonderen Schutz, den das Judentum unter der römischen Besatzung einige Jahrzehnte lang genoss, und sie gerieten zunehmend unter Druck.

Die Christinnen und Christen mussten sich registrieren lassen, Steuern bezahlen, wurden gezwungen, an den religiösen Feiern des Kaiserkultes teilzunehmen und wurden manchmal wie gefährliche Abweichler und Unruhestifter behandelt. Manche steckte man ins Gefängnis, einige wenige wurden zum Tod verurteilt und gekreuzigt oder gesteinigt. Als der römische Kaiser Nero die Christen für den Brand Roms verantwortlich machte, kam es zu ersten Christenverfolgungen. Im zweiten Jahrhundert nach Christus sollte es mehrere blutige Jahre geben, in denen die Christen für alles Mögliche verantwortlich gemacht wurden und in größeren Zahlen in den Tod getrieben wurden, aber davon war im ersten Jahrhundert erst der Anfang zu ahnen.

Je stärker der Druck von Außen wurde, desto mehr wurden die christlichen Gemeinden genau das – verschworene Gemeinschaften, die in den Untergrund abtauchten, sich im Geheimen trafen und ihre Gottesdienste im Kerzenlicht in den Katakomben feierten… Vielleicht war es diese Heimlichkeit, diese Gefahr, die manche junge Leute reizte, gerade diesen Konflikt zu suchen, das Martyrium geradezu anzustreben, den Tod für Gott, für Christus zu suchen und das eigene Leben so zu vollenden. Die meisten Christinnen und Christen werden aber das Opfer dargebracht haben und dem Kaiser gehuldigt haben – sie sind dann später meistens doch von der Kirche wieder aufgenommen worden…

Wer Christ wurde, wurde damals in gewisser Weise ein anderer, neuer Mensch, nicht nur im theologischen, geglaubten Sinn, sondern in der gefühlten Wirklichkeit. In der Taufe bekam er einen neuen Namen, und oft genug verlor er wegen seiner Entscheidung Eltern und Geschwister, Vertraute und Freunde, die dem christlichen Glauben gegenüber skeptisch blieben. Er wurde aus dem, was sein Leben bis dahin getragen hatte, entwurzelt und in einer anderen Gemeinschaft neu eingepflanzt. Die alten Verbindungen rissen ab, und sehr oft geschah das unter großen Schmerzen. Sogar von Jesus selbst wird erzählt, dass seine Familie ihn für fanatisch, verrückt oder zumindest peinlich hielt, und als sie ihn nach Hause holen wollten, sagte er: „Wer ist denn meine Mutter; wer sind meine Brüder? Ihr seid es, die den Weg mit mir geht; ihr seid mir Bruder, Schwester und Mutter!“ Und seine Jünger warnt er: „Die Tochter wird sich mit ihrer Mutter entzweien, der Vater mit seinem Sohn, Kinder werden ihre Eltern verklagen, die schlimmsten Feinde werden in der eigenen Familie sein…“

Der Vertrauen zu Gott, die Nachfolge Christi, den Gehorsam des Glaubens, all das gibt es nicht umsonst. Was Paulus predigte, was Luther geschrieben hat, ist und bleibt richtig, ja, Vergebung und Leben kommen allein durch die Gnade Gottes, sie sind uns geschenkt durch Christus, allein durch den Glauben, ja… Doch das Leben aus dem Glauben kann viel fordern, kann vieles kosten, denn er bedeutet Frieden mit Gott, aber manchmal Streit und Mühe unter den Menschen.

Das Problem, dass ich bei der Vorbereitung meiner Predigten habe, ist oft, dass uns alle unser Glaube nur sehr wenig kostet. Im Gegenteil, wir haben viel Gewinn dadurch. Besonders die Pfarrer, die ja irgendwie von ihren Glauben leben…

Unsere Gemeinden sind lau und lustlos geworden, wir sind wenig bereit, für unseren Glauben zu streiten. Es macht kaum einen Unterschied, ob jemand Christ ist oder nicht. Viele fragen sich, ob man die Kirche überhaupt noch braucht. In anderen Ländern, wo Christen bis heute verfolgt werden, sieht das anders aus: Wer sich dort zur christlichen Gemeinde hält, weiß genau, warum er das tut, denn es gäbe für ihn ganz sicher einfachere Wege, durch das Leben in dieser Welt zu gehen. Unter Lebensgefahr treffen sich dort Menschen zum Gottesdienst, weil er ihnen wichtig ist – bei uns lassen sich viele schon durch schlechtes Wetter davon abhalten, in die Kirche zu gehen… Dort brennt die Kirche für Christus – manchmal leider auch im wörtlichen Sinn.

Sollen wir uns deshalb eine Verfolgungssituation wünschen, damit wir unter diesem Druck ernsthaftere Christen werden? Quatsch! Aber wir könnten erkennen, dass wir auch ohne den Druck und den Zwang von außen aufgefordert sind, und mehr und mehr einzusetzen, unsere Stimme zu erheben und uns als Christen sehen und hören zu lassen für die Sache derer, die unter Druck stehen: Die Armen, die Kranken, die Rechtlosen, die Verfolgten hier und überall auf der Welt. Sie wissen nicht, wo und wie sie sich einsetzen können? Sprechen sie mich an, wir finden zusammen ganz schnell etwas in der Nähe oder in den Kontinenten dieser Erde.

Der allererste Krimi und die Frage „Wer ist schuld?“

Ich mag die altmodischen Krimis, in denen gleich am Anfang eine Leiche gefunden wird und es dann zwei Stunden lang um die Frage geht: Wer war’s?

Da liegt die Baronin Patrizia von Porz mit blutigem Kopf in der Bibliothek, und der findige Kommissar mit seinem klugen Assistenten versammelt alle Verdächtigen in dem großen Salon der Villa; dann werden Spuren gesichert, Zeugen verhört, Indizien gesammelt, bis am Ende klar ist: Es war Fräulein Ming mit der Rohrzange im Wintergarten, die die Baronin um die Ecke gebracht hat…

Die Antwort auf die Frage „Wer hat es getan?“ ist aber nicht unbedingt auch die Antwort auf die Frage: „Wer ist schuld?“ In moderneren Krimis werden manchmal die Täter anfangs auf frischer Tat ertappt, – die Engländer sagen das noch drastischer, sie sagen „he got caught red-handed“, also etwa „Man hat ihn mit blutigen Händen erwischt…“ Es ist von Anfang an klar, wer es war, aber dann muss der Kommissar herausfinden, warum dieser Mord geschehen ist, ob es Hintermänner gibt, was das eigentliche Motiv dieser Tat war und so weiter. Und nicht selten nimmt in diesen Krimis die Handlung eine überraschende Wendung, und man fühlt, dass der Mörder zwar natürlich seine Tat zu verantworten hat, dass die eigentliche Schuld aber bei fiesen Drogenbaronen und gemeinen Mafia-Paten liegt, die verborgen im Hintergrund die Fäden ziehen, ohne sich selbst die Hände schmutzig zu machen.

Und wie sehr befriedigt es unseren Gerechtigkeitssinn, wenn dann auch die wahren Schuldigen am Ende angeklagt und verurteilt werden und ihre verdiente Strafe bekommen…

Die erste Geschichte der Menschen in der Bibel ist ein solcher Krimi: Da fehlt ein Apfel am Baum, und die ersten beiden Menschen verstecken sich vor Gott, weil sie sich nun plötzlich nackt fühlen. Wer war’s? Wer hat die Frucht vom Baum genommen, obwohl es doch so streng verboten war? Gut, wer es war, ist eigentlich klar, es gibt ja nur Adam und Eva… Aber wer ist schuld? Gott fragt zuerst Adam, aber der sucht nach Ausreden: Die Frau, die du mir gegeben hast, sie gab mir von der Frucht… Gott schaut Eva an: Die Schlange hat mich überredet… Die Schlange wird nun gar nicht mehr gefragt, sie wird gleich auf der Stelle verurteilt und bestraft: Von nun an muss sie auf dem Bauch kriechen und Erde fressen… Auch Adam und Eva bekommen ihre Strafe. Der Friede zwischen Gott und den Menschen ist zerstört und das Paradies verloren.

Warum ist die Frage „Wer ist schuld?“ für uns eigentlich immer so wichtig? Wieso ist unser Gerechtigkeitssinn so stark, obwohl wir ihm doch selbst kaum je genügen können? Wem nutzt die Suche nach dem, der „schuldig“ an dem allen ist?

Wir empfinden: Wer einen Schaden verursacht hat, wer etwas zerstört hat, der ist in der Pflicht, den Schaden wieder gut zu machen, Ersatz zu leisten, einen Ausgleich zu schaffen… Damit der Frieden wieder hergestellt wird. Und selbst in Situationen, in denen nichts mehr „repariert“ werden kann, muss durch die Bestrafung des Schuldigen wenigstens eine Art moralischer Ausgleich wieder erreicht werden. Und damit das ermöglicht wird, ist die Frage „Wer ist schuld?“ so wichtig – denn der Schuldige ist für diesen Ausgleich zuerst verantwortlich, er muss mit der Arbeit beginnen, die nötig ist, damit wieder Friede sein kann.

In Südafrika gab es nach dem Ende der Apartheid, nach dem Ende der Rassentrennung eine Kommission für Wahrheit und Versöhnung, die sich zur Aufgabe gesetzt hatte, Opfer und Täter in einen “Dialog” zu bringen und somit eine Grundlage für die Versöhnung der zerstrittenen Bevölkerungsgruppen zu schaffen. Vorrangig hierbei war die Anhörung beziehungsweise die Wahrnehmung des Erlebens des jeweils anderen. Dabei wurde keine politisch oder rassisch motivierte „Vorauswahl“ getroffen, wessen Verbrechen vorrangig von der Kommission behandelt werden sollten. Zum Thema wurde daher ebenso die Gewalt von Weißen (primär von Polizei und Militär) gegenüber Schwarzen, die Gewalt von Schwarzen.

Ich war damals und bin noch heute sehr beeindruckt von dieser Art, Geschichte zu bearbeiten, denn es scheint mir ein sehr christlicher, von Jesus selbst inspirierter Umgang mit der Schuld: Gefragt wird da nicht mehr: Wer ist schuld, wer muss bestraft werden, sondern „Was muss getan werden, damit wir wieder miteinander leben können?“ Es wurde nicht verurteilt, sondern es wurde genau hingesehen, es wurde Schuld bekannt gemacht und verziehen, und dann wurde ein neuer Anfang gewagt.

Das ist es, was ich glaube, was Gott tut: Er besteht nicht darauf, dass wir alle den Himmel nicht verdient haben. Er besteht nicht darauf, dass wir sein Gebot gebrochen haben. Anstatt die Schuld immer weiter von einem auf den anderen zu schieben, hat er sie auf sich genommen:

Wut – ein verbotenes Gefühl?

Einfach mal auf den Tisch hauen – geht das in der Kirche?

Heute war im Gottesdienst eine Bibelstelle zu bedenken, in der es um ein starkes und tiefes Gefühl geht: Wut. Und ich habe wieder einmal lange darüber nachgedacht, wie es mir selbst geht mit meiner Wut.

Ich liebe den Zeichentrickfilm „Alles steht Kopf“. Da wird erzählt und beschrieben, das alle Tiere und Menschen fünf kleine Persönlichkeiten in ihrem Kopf haben, die ihr Verhalten steuern, besonders auch Riley, die Hauptperson in dem Film. Ihre Emotionen und Gefühle werden im Film ganz buchstäblich dargestellt durch kleine Leute, die ein immer größer werdendes Schaltpult mit Tasten, Hebeln, Reglern und Schiebern betätigen. Diese kleinen Personen sind „Freude“, „Trauer“, „Wut“, „Angst“ und „Ekel“. Man kann sich wohl darüber streiten, ob diese fünf wirklich die stärksten und am meisten bestimmenden Gefühle im Leben eines vorpubertierenden Mädchens sind, ob es nicht noch viel mehr wichtige Empfindungen gibt wie Neugier, Neid, Mitleid, Stolz und so weiter; aber darüber will ich jetzt nicht nachdenken. Mit noch mehr personifizierten Emotionen im Gehirn wäre der Film sicher unübersichtlich und konfus geworden. Die fünf handelnden Personen im Gehirn der Hauptfigur reichen für einen interessanten und komplexen Film aus.

„Wut“ ist ein kleiner, knallroter Mann, der sich über alles ärgert, was Riley gegen den Strich geht; und wenn er sich so richtig aufregt, brodelt über seinem Kopf eine explosive, glühende Flamme, ein Feuer, das alle andern erschreckt und in die Ecken vertreibt. Erst später im Film wird deutlich, dass auch er etwas für alle Nützliches beizutragen hat.

Ich bin ein Mensch, der sehr selten wütend wird. Dabei bin ich wahrscheinlich gar nicht besonders geduldig und entspannt; es ist nur so, dass ich es mir meistens nicht erlaube, wütend zu sein. In Situationen, die meine Wut wecken, beiße ich mir auf die Lippen, schlucke viel hinunter und mache das Brennen nachher mit mir selbst aus. Wütend machen mich vor allem Situationen, in der mir oder anderen Ungerechtes angetan wird, besonders dann, wenn ich das Gefühl habe, nichts daran ändern zu können. Aber – wie gesagt – diese Emotion ist in mir sehr selten. Warum?

Ich habe sehr oft die Erfahrung gemacht, dass ich nur größeres Unheil anrichte, wenn ich meiner Wut freien Lauf lasse. Dann sind Menschen beleidigt, reden nicht mehr mit mir, verweigern ihre Mitarbeit, und wenn das Ganze in beruflichen Zusammenhängen passiert, treten sie wielleicht sogar aus der Kirche aus. Darum versuche ich in der Regel, zu vermitteln, diplomatische Wege zu finden, auf denen man einen für alle tragbaren Kompromiss finden kann; und viel zu oft stecke ich selbst zurück, verzichte „um des lieben Friedens willen“, gehe Konflikten aus dem Weg. Ja, ich bin harmoniesüchtig. Und ich bin mir schon lange nicht mehr sicher, ob das gut ist.

Ich habe mir so oft und so lange meine Wut verboten, dass ich anscheinend dieses Gefühl gar nicht mehr erlebe. Statt dessen macht sich im mir oft eine große Hilflosigkeit breit, eine große und manchmal lähmende Traurigkeit, mit der ich dann nur sehr schlecht zurechtkommen kann. Wohin mit der Trauer und der Angst? Bin ich einfach nur feige? Gehe ich den Weg des geringsten Widerstandes?

In meinem Kopf liegt „Wut“ gefesselt in einer Ecke, „Trauer“ und „Angst“ lassen niemanden an das Schaltpult heran und „Freude“ steht ratlos herum und schweigt, weil es ihr die Stimme verschlagen hat. Und manchmal ekelt es mir vor mir selbst.

Es gibt in der Bibel so viele Stellen, die mehr oder weniger sagen, dass Zorn und Wut nichts Gutes sind. „Jeder Mensch sei eifrig im Hören, bedächtig im Reden, noch langsam im Zorn.“ heißt es da beispielsweise. „Zorn und Wut, der Weg auf die dunkle Seite sie sind…“ – diese Weisheit der Jedi-Ritter kann man auch in der Bibel finden, grammatikalisch korrekt. Und die Geschichten, in denen Menschen aus der Bibel wütend werden, gehen in der Regel schlecht aus. So wie es die Eltern schon immer gesagt haben: „Es ist alles nur Spaß und Spiel, bis einer heult…“ Es ist ein oft tödliches Spiel. Kain erschlägt Abel, Moses erschlägt den ägyptischen Sklaventreiber, David und Saul sind jahrelang verfeindet, selbst die wichtigen Propheten Elia und Jona – sie alle haben im Zorn große Fehler gemacht, die sie später sehr bereut haben – bis hin zu Mord und Totschlag.

Andererseits – auch auch von Jesus selbst wird erzählt, dass er zornig wurde, zum Beispiel, als er die Geldwechsler und Händler aus dem Tempel vertrieb. „Zu einem Kaufhaus habt ihr den Tempel gemacht, zu einer Räuberhöhle das Haus meines Vaters!“ rief er in wütendem Zorn und griff sogar zur Peitsche. Und in der hebräischen Bibel steht in beinahe jedem Buch auch, dass Gott ein zorniger und eifersüchtiger Gott ist, der nicht zögert, die Menschen seine Wut fühlen zu lassen. Wie ein wütender Stier wird er beschrieben, schnaubend und mit Schaum vor dem Mund, heißer Dampf strömt ihm aus der Nase, wenn er die Abtrünnigen verflucht – und man fragt sich als Christ, ob man mit einem solchen Gott überhaupt etwas zu tun haben will.

Ich habe erfahren, dass es unterschiedliche Formen von Zorn und Wut gibt – die eine davon entsteht aus einem beleidigten Selbstbewusstsein, sie kämpft um die eigene Ehre, wehrt sich gegen unberechtigte und oft auch gegen berechtige Kritik, die sie als Angriff und Herabsetzung empfindet. Sie brennt, wenn sie nicht bekommt, was sie unbedingt haben will. Es ist eine Wut, die aus der Eifersucht, aus dem Neid, aus der Angst, zu kurz zu kommen, geboren wird. Es ist eine Wut, die zuletzt ganz bei sich bleibt und um die eigene Person kreist. Eine solche Wut richtet schnell Grenzen auf, trennt sich von andern, macht das Zusammenleben schwierig oder unmöglich.

Eine andere Art Wut bleibt auch in ihrer Glut zugänglich. Sie wehrt sich gegen Unrecht, das anderen angetan wird. Wenn Flüchtlinge wochenlang hilflos auf Schiffen im Mittelmeer hungern müssen oder viele Monate unter menschenverachtenden Bedingungen in Lagern auf eine Entscheidung der Regierenden warten müssen, wenn in Ländern, in denen Tausende Corona-Infizierte sterben, die Gefahr ignoriert und gegen besseres Wissen geleugnet wird, wenn Menschen, die für gleiche Rechte für Alle eintreten, unabhängig von Herkunft und Hautfarbe, als Terroristen und Verbrecher tituliert und behandelt werden, dann weckt das eine Wut in mir, die nicht die Trennung und die eigenen Ziele sucht, sondern Gerechtigkeit für viele und gemeinsame Aktionen, verantwortliches Handeln auch in meiner Kirche und in unseren Gemeinden.

Diese Wut wird nicht aus der Angst um die eigene Würde geboren und aus der Sorge um das eigene Glück. Diese Wut ist die Kehrseite der Liebe, der das Schicksal des Anderen nicht gleichgültig ist und die die Sehnsucht der Mitmenschen und ihre Not zu ihrer eigenen macht. Denn Wut und Zorn sind nicht notwendig das Gegenteil der Liebe, sondern die Gleichgültigkeit, die die Anderen aus dem Blick verliert und sie der eigenen Bequemlichkeit opfert. Gleichgültigkeit ist das Ende der Liebe und auch das Ende der Wut, die die Not und das Leid des Anderen im Blick hat.

So ist auch der Zorn Gottes nicht eine Wut, die Beziehungen abbricht und alle Brücken verbrennt, sondern er ist die Kehrseite seiner Liebe, die nicht ertragen kann, dass Menschen sich abwenden und ihre Verantwortung füreinander verleugnen.

Es ist seine Liebe, die letztlich seinen Zorn besänftigt und ihn gnädig stimmt.

Ich möchte mit Ihnen in der Gemeinde darüber nachdenken und diskutieren, wie wir gerade in diesen Tagen unserer Verantwortung gerecht werden können. Denn wir sind nicht Kirche für uns selbst, sondern wir sind Kirche durch die Liebe Gottes, die sich immer wieder den Menschen zuwendet. Darum sind wir als Kirche auch dazu bestimmt, diese Liebe zu verkörpern und in die Tat umzusetzen. In aller Schwachheit und mit ganzer Kraft.

Im Film „Alles steht Kopf“ wird das heiße Feuer von „Wut“ am Ende genutzt, die Glasscheiben zu schmelzen, die „Freude“ und „Trauer“ aus dem Herzen Rileys aussperren. Die Wut hilft ihr, innere Sperren niederzureissen. So kann sie ihre Depression überwinden und wieder zu einem ganzen Menschen werden. Wie können wir zu einer solchen heilsamen Wut in unserer Gemeinde finden?

So langsam wie möglich…

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John Cage war ein amerikanischer Komponist, Maler und Philosoph. Ich kenne von ihm nur zwei Stücke, das Klavierkonzert 4‘33“ von 1952 und das Orgelwerk „As slow as possible“ – „so langsam wie möglich“, das er im Jahr 1987 schrieb.

In dem Klavierstück sitzt der Pianist vier Minuten und dreiunddreißig Sekunden vor dem Flügel und – tut nichts. Man hört nur gelegentliches Seufzen, Husten, Kichern aus dem Publikum. Manche scharren mit den Füßen oder bewegen sich auf ihrem Stuhl. Sonst passiert scheinbar nichts. Die Zeit vergeht. Nach vier Minuten und dreiunddreißig Sekunden verlässt der Pianist seinen Platz, und Applaus brandet auf. Wofür? Warum? Es ist nichts passiert, außer dass Zeit vergangen ist – und doch ist in dieser Zeit so viel geschehen. Die Menschen haben die Stille erlebt und den Klang der Zeit gehört.

Mit dem Vergehen der Zeit hat letztlich auch das Orgelwerk „As slow as possible“ zu tun. Typische Aufführungen dieses Stücks dauern zwischen zwei und sechs Stunden. Aber wie lang könnte eine solche Ausführung wirklich dauern? Wenn man sie bis zum Äußersten treibt?

Im Jahr 1361 wurde in Halberstadt die erste Großorgel der Welt gebaut. Diese Orgel stand im Dom und hatte eine Klaviatur mit zwölf Tönen pro Oktave, wie sie heute noch auf unseren Tasteninstrumenten gebraucht wird. Die Wiege der modernen Musik stand damit in Halberstadt.

Im Jahr 2000 sind 639 Jahre sind seit dem Bau der Orgel vergangen.

Über die Zeit von 639 Jahren soll das Stück von John Cage „so langsam wie möglich“ aufgeführt werden, als längstes Konzert der Welt seit dem 5. September 2001 in Halberstadt in der St.-Burchardi-Kirche. Diese Aufführung soll bis zum 4. September 2640 dauern, also insgesamt 639 Jahre.

Ein Holzgerüst wurde aufgebaut, ein Blasebalg, ein kleiner Elektromotor. Am 5. September 2001 wurde der Motor eingeschaltet, der Motor summte leise und der Orgelwind rauschte aus dem Blasebalg, aber – weil das Stück mit einer Pause beginnt – es war anderthalb Jahre sonst nichts zu hören. Am 5. Februar 2003 wurden die drei ersten Pfeifen eingesetzt, drei Tasten eingebaut und drei Sandsäckchen daran gehängt. Der erste Akkord erklang. 17 Monate lang.

Nach einigen Monaten, manchmal auch erst nach zwei bis sieben (!) Jahren erfolgt in der St.-Burchadi-Kirche der „Tonwechsel“, bei dem jeweils neue Pfeifen und Tasten in die Orgel eingesetzt werden und dann ein neuer Akkord erklingt. Die Kirche ist in diesem Stunden gut gefüllt. Der Tonwechsel ist ein vielbeachtetes Ereignis, über das die Weltpresse berichtet.

Aber auch an anderen Tagen kommen Zuhörerinnen und Zuhörer in die Kirche, beschauen sich die Orgel, die während der Aufführung von ASLAP erst entsteht, und sie wandern durch den Raum, der von dem jeweiligen Akkord erfüllt ist, von dem Klang, der in ihm schwebt und zittert. In jeder Ecke wirkt dieser Klang anders; er kommuniziert mit dem Licht in der Kirche, mit den alten Mauern, mit der abgeplatzten Farbe. Er kommuniziert mit der Einstellung der Konzertbesucher, mit ihrem Puls, ihrem Atem, mit ihrem Zeitgefühl, mit ihrer Geduld. Er lässt sie ihre Vergänglichkeit spüren und auch, dass sie einen Anteil an der Ewigkeit haben.

Die Beteiligten – ob als Zuhörer oder Aufführende – können erleben, wie sie Teil eines Größeren sind. Weit über ihre Lebensspanne hinaus, weit über das hinaus, was man sonst vernünftigerweise planen kann, reicht dieses Projekt. Dabei besteht es nur aus etwas letztlich Ungreifbaren, nur aus dem Klang, aus der Stille, aus der Stimme der Orgelpfeifen, durch die der Wind weht…

In der Kirche können an einem Edelstahlband für jedes Aufführungsjahr Gedenktafeln angebracht werden. Jeder Spender und jede Spendergruppe, die mehr als 1200 EUR spenden, kann sich eine Tafel zuteilen lassen und einen Text vorgeben. Auf den Tafeln stehen sehr unterschiedliche Texte: Manchmal sind es Grüße an die Menschen, die in der Zukunft leben werden. Manche Tafeln erinnern an Grabsteine oder Denkmale, mit denen die Menschen unserer Zeit sich „unsterblich“ machen wollen.

Manche sprechen von der Faszination, die dieses Projekt in ihnen auslöst. Und die Vorstellung, dass in sechs Jahrhunderten Menschen vor diesen Tafeln stehen und diese Texte lesen, macht sie atemlos und ehrfürchtig. In dieser Kirche stehen dann Menschen, die ein für uns unvorstellbares Leben führen und dennoch dieses Orgelprojekt weiterführen und die im Jahr 2640 den letzten Akkord des Werkes hören und dann den Motor – oder das, was ihn dann ersetzt haben wird – abschalten, nach mehr als sechs Jahrhunderten.

Fields of Gold… Sting

You’ll remember me when the west wind moves
Upon the fields of barley
You’ll forget the sun in his jealous sky
As we walk in fields of gold

Du wirst dich an mich erinnern,
Wenn der Westwind über die Gerstenfelder weht.
Du wirst die Sonne in ihrem eifersüchtigen Himmel vergessen,
Während wir durch Felder aus Gold gehen.

So she took her love
For to gaze a while
Upon the fields of barley
In his arms she fell as her hair came down
Among the fields of gold

Also nahm sie ihren Liebsten, um mit ihm
Für ein Weilchen über die Gerstenfelder zu schauen
In seine Arme fiel sie und herab fiel ihr Haar
In den Feldern aus Gold.

Will you stay with me?
Will you be my love?
Upon the fields of barley
We’ll forget the sun in his jealous sky
As we lie in fields of gold

Wirst du bei mir bleiben?
Wirst du immer mein Liebster sein, hier inmitten der Gerstenfelder?
Wir werden die Sonne in ihrem eifersüchtigen Himmel vergessen,
Während wir in Feldern aus Gold liegen.

…und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben…

Über die Chancen von #digitalerKirche in Zeiten von Corona…

Man kann sich wohl darüber streiten, ob Pfingsten wirklich der Geburtstag der Kirche war. Es ist eine schöne und beeindruckende Gründungslegende, die in der Apostelgeschichte des Lukas erzählt wird, ein „Narrativ“ von der Entstehung der ersten christlichen Gemeinschaft in Jerusalem. Aus den verängstigten Jüngern Jesu, die sich im Obergeschoss ihres Hauses im Hinterzimmer versteckten, wurden innerhalb von Stunden begeisterte und leidenschaftlich brennende Missionare des Glaubens an den Auferstandenen, durch den das Heil für alle Menschen gekommen ist. Mehrere tausend Menschen ließen sich nach der ersten Predigt des Petrus taufen, und sofort begann ein reges, organisiertes, von geschwisterlicher Liebe bestimmtes Gemeindeleben.

Gerade in ihrer Anfangszeit war die Gefolgschaft des Wanderpredigers sehr vielgestaltig und von unterschiedlichen Vorstellungen und Ideen über den Gesalbten Gottes geprägt. Die Kirche als einheitliche Glaubensgemeinschaft gab es damals noch gar nicht, hat es eigentlich nie gegeben. Es hat Jahrhunderte gedauert, bis man sich auf gemeinsame Bekenntnisse einigen konnte, und fast jedes formulierte Credo wurde sofort wieder Anlass zu neuem Streit, gegenseitiger Abgrenzung und oftmals auch blutiger Auseinandersetzungen.

Die Kirche hat nicht einen Geburtstag, sondern immer wieder neue Aufbrüche, Erweckungen, Renaissancen und Revolutionen erlebt. Ecclesia est semper reformanda – und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der sie beschützt und der ihr neu das Leben gibt.

Es waren meist Zeiten der Bedrängnis und der Krise, in denen die Kirche sich in ihrer Form neu aufstellen musste und sich auch im Inhalt ihrer Verkündigung neu erfunden hat. Sie hat reagiert auf die Anforderungen und die Ansprüche der Menschen, aus denen sie besteht und die ihr gegenüber standen; sie hat gestritten und kooperiert mit politischen Systemen und hatte Anteil an wirtschaftlichen Beziehungen und Strukturen; sie prägte Kunst und Kultur und ließ sich bis ins Innerste beeinflussen und und verwandeln durch die Mythen und Religionen der Menschen, denen sie während ihrer Ausbreitung über die ganze Welt begegnete. Selbst Kulturen, die sie am Ende zerstörte und vernichtete, leben sozusagen in ihrer – der Kirche – eigenen DNA fort und werden so durch die Jahrhunderte weiter gegeben.

Die Kirche als Ganzes ist immer eine Art lebendiger Organismus gewesen, bereit zu Veränderung, geradezu begierig nach der Teilhabe an der evolutionären Entwicklung des Nachdenkens über Gott, des wachsenden Verständnisses der Welt und des immer wieder neu faszinierenden Gesprächs über den Reichtum verschiedener Formen der Spiritualität.

Einzelne verfasste Kirchen dagegen waren und sind dagegen oft wie gelähmt in ihrem Festhalten an überkommenen Traditionen, erstarrten Formen und längst unzeitgemäßem Machtanspruch. Amtsträger fürchteten um ihren Einfluss, scheuten jede Veränderung, lehnten alles Neue als gegen den „wahren Glauben“ gerichtet ab. Beinahe so, wie auch die Mehrheit der Priester am Tempel in Jerusalem auf die Bemühungen des Jesus von Nazareth reagiert haben, der die Würde des Gottesdienstes gegen die fortschreitende Kommerzialisierung durchsetzen wollte.

Was ist die angemessene Form, Gottesdienst zu feiern? In welcher Gestalt kann die Kirche am besten ihren Auftrag erfüllen, das Wort Gottes zu verkünden und tätige Nächstenliebe zu praktizieren? Diese Frage stand neben den theologischen Fragen nach dem Wesen Gottes in jeder Krise wieder im Zentrum des Streits in der Kirche.

Noch scheint es mir unwahrscheinlich, dass die Corona – Krise allein auch eine solch bleibende Veränderung in der Gestalt der Kirche verursachen könnte, es ist aber möglich, dass sie wie ein Katalysator einen Anlass bildet, eine sowieso anstehende Neuordnung nun relativ schnell zu verwirklichen.

In vielen Gemeinden wurden Gottesdienste in den unterschiedlichsten Formen weiter gefeiert – unter den Bedingungen des von den Behörden erlassenen Versammlungsverbotes. Dieses wurde in den großen Kirchen in Deutschland bisher weitgehend akzeptiert, weil es gut begründet und nachvollziehbar kommuniziert wurde und darum nicht als willkürliche Einschränkung des Grundrechts der freien Religionsausübung empfunden wurde. Pfarrerinnen und Pfarrer entwickelten zusammen mit den anderen Mitarbeitenden in den Gemeinden viele sehr phantasievolle Ideen, wie sie den Kontakt zu den Gemeindegliedern nicht nur halten, sondern womöglich sogar intensivieren und den neuen Bedürfnissen anpassen könnten.

Da gab es Kurzpredigten an einer Wäscheleine am Eingang der Kirchgebäude, die Gemeindeglieder „pflücken“ und mitnehmen konnten. Manche schickten unter dem Stichwort „Gottesdienst gleichzeitig“ Anleitungen für Andachten am Küchentisch, die Familien und Freundeskreise gemeinsam feiern konnten. Mit Podcasts und Videobeiträgen versuchten Pfarrpersonen eine Art „geistlicher Grundversorgung“ zu gewährleisten. Und nach dem Vorbild der Fernsehgottesdienste stellten Gemeinde ihre Feiern auf ihre Homepage oder luden zu Live-Übertragungen auf den plötzlich bekannt gewordenen Plattformen wie Zoom oder Meet ein. Auch in der Arbeit mit Kindern, in der Kirchenmusik und im Zusammenhang mit dem Konfirmandenunterricht gab es sehr spannende digitale Konzepte.

Und das – was niemand wirklich erwartet hätte – mit großem Erfolg: die Zahl der Menschen, die diese Angebote nutzten, überstieg die Zahl derer, die vor der Krise zum Gottesdienst kamen, um das drei-, vier- oder sogar zehnfache.
Und nun fragen sich die Verantwortlichen: Was tun wir „nach Corona“? Können wir es uns leisten, diese digitalen Angebote weiterhin zur Verfügung zu stellen? Können wir es uns leisten, das nicht zu tun? Wer kann ddiese Arbeit mit dem nötigen Qualitätsanspruch ausführen? Wie wird das zu finanzieren sein? Wie können digitale Angebote die bisherige Arbeit in der Gemeinde ergänzen oder sogar ersetzen?

Wirklich überzeugende Ansätze für ein Konzept #digitaleKirche fehlen meiner Ansicht nach noch immer. Denn trotz der interessanten Entwicklung, die in den vergangenen Wochen stattgefunden hat, sind viele Schwachstellen und offene Fragen geblieben: Es sind immer noch vor allem Pfarrerinnen und Pfarrer, hauptamtlich Mitarbeitende, die hier verantwortlich tätig sind. Möglichkeiten, das „Priestertum aller Gläubigen“ wirklich mit Leben zu füllen und die Gemeindeglieder im Gottesdienst und darüber hinaus an der Gemeindearbeit zu beteiligen, wurden noch nicht wirklich entdeckt. Die Kommunikation ist hier immer noch sehr einseitig – auch und seltsamerweise vor allem in den sozialen Medien, die eigentlich eine unkomplizierte Möglichkeit zur Rückmeldung und zur Diskussion bieten. Es reicht einfach nicht aus, ein paar Predigten und das Gemeindeblatt auf die Webseite zu bringen oder Fotos der Pfarrerin beim Friseurbesuch auf Instagram zu posten.

Wo Menschen in der Gemeinde leben, die internetaffin sind und gewohnt sind, das Internet als Teil ihrer Lebenswelt zu akzeptieren und auch zu nutzen, muss kirchliche Öffentlichkeitsarbeit alle möglichen Kanäle anbieten und nutzen – angefangen mit der kurzfristig aktualisierten und einladenden Information über ihre Arbeit (Homepage, Newsletter, Blog und Vlog) über die Möglichkeit einer digitalen Parallelstruktur wie onlineGottesdienste, virtuelle Bibelgruppen, regelmäßige Familienangebote etc. bis hin zu wirklich immersiven Strukturen wie digitalem Fundraising, Crowdfunding und realen Beteiligungsmöglichkeiten on- und offline, second screen im Gottesdienst, Abstimmung und Bewertungen über Angebote der Gemeinde, internetgestütztes BeschwerdeManagement und noch hundert andere Dinge, für die meine Phantasie nicht reicht.

Gleichzeitig dürfen aber auch die Menschen nicht vergessen werden, die nach wie vor das Internet nur zum Bestellen von Büchern und zur Kommunikation mit den Enkeln nutzen und ansonsten zu ängstlich sind, sich in einem sozialen Netzwerk anzumelden. Digitale Kompetenz darf nicht zu einem Ausschlusskriterium der Teilhabe an der Kirchengemeinde werden.

Dem Himmel so nah…

Irgendwo ganz da hinten ist der Flughafen Schönefeld. Dieses Jahr soll er nun doch ganz bestimmt auf jeden Fall und 100pro eröffnet werden. Großes Indianerehrenwort…

Der Himmel über Berlin…

Nördlich von Großziethen liegt die Gropiusstadt. Kein Mensch sagt mehr Trabantensiedlung zu der Wohnanlage, aber ganz unproblematisch lebt es sich dort noch immer nicht. Die Kirche ist allerdings fleißig am Werk, um die Menschen dort zu unterstützen.

Hier kann man, wenn man ganz genau hinguckt, den Ostberliner Fernsehturm sehen. Von hier bis zum Alexanderplatz sind es gut 15 km.

Von Berg zu Berg…

Im Vordergrund liegt Wassmannsdorf, der Hügel im Hintergrund heißt Dörferblick. Dort will ich demnächst auch einmal hin. Von dort soll man einen wunderbaren Blick über den Flughafen haben.

Wir warten aufs Christkind…

Gedanken zum Sonntag Exaudi * 24. Mai 2020

„Ich will alles, ich will alles, und zwar sofort, bevor der letzte Traum in mir zu Staub verdorrt…“ Können Sie sich an den alten Schlager von Gitte Haenning erinnern? Als das Lied 1982, also vor beinahe 40 Jahren, in der Hitparade lief, war es der zeitgemäße sehnsüchtig-entschlossene Text, der im Mund einer jungen Frau das Verlangen ausdrückte, endlich unabhängig, frei und selbstbestimmt zu sein. Die achtziger Jahre waren eine Zeit, in der Frauen begannen, sich zu emanzipieren, die Errungenschaften der 68er-Bewegung kamen im Mainstream an, und das heißt eben auch im Schlagertext.

„Ich will alles, und zwar sofort“ ist aber auch das Lebensgefühl unserer Zeit geworden. Das kann man gut finden oder auch nicht. Ich will hier keine billige Kapitalismuskritik betreiben; ich stelle nur fest, dass es so ist. Alles steht auf Mausklick zur Verfügung und wird schon am nächsten Tag an die Wohnungstür geliefert. Im Restaurant werde ich unruhig, wenn ich länger als eine Viertelstunde auf mein Essen warten muss, und wenn Kinder im Familienchat auf Whatsapp nicht umgehend antworten, fürchten manche Eltern schon, dass ihre Kleinen entführt worden sind. Ob wir an der Bushaltestelle stehen oder an der Supermarktkasse, im Wartezimmer beim Arzt oder im Stau auf der Autobahn – es kann uns gar nicht schnell genug weiter gehen.

Das Warten haben wir verlernt, es ist uns unangenehm geworden, überflüssig. Ist Warten nicht verschwendete Zeit? Vergeudetes Leben? Ich erwische mich selbst immer wieder dabei, dass ich an der Haltestelle oder an der Supermarktkasse das Handy heraushole und irgendetwas hineintippe, anstatt einfach mal den Moment zu genießen, einem Fremden freundlich zuzulächeln oder die Gedanken einmal ruhen zu lassen…

Ich ärgere mich dann über meine Inkonsequenz; ich bin nämlich eigentlich überzeugt, dass etwas Wichtiges verloren geht, wenn wir nicht mehr in der Lage sind, zu warten.

  1. Warten ist Zeit der Vorfreude

Warten ist für mich eine Zeit der Vorfreude. Wenn ich mir etwas Größeres kaufen möchte, ein neues Handy zum Beispiel oder ein Radio fürs Wohnzimmer, dann blättere ich wochenlang in Katalogen, surfe im Internet und streife durch die Elektronikshops, ich vergleiche und lasse mich beraten, weil es einfach so viel Spaß macht und ich mich immer mehr für die bevorstehende Entscheidung begeistern kann. Einfach nur in einen Laden zu gehen und das Erst-Beste zu kaufen ist mir viel zu langweilig und nimmt eine Menge Lebenslust weg.

Für alles gibt es eine richtige Zeit: Ich habe meine Jugend in einem Jahrzehnt verbracht, in dem es noch nicht selbstverständlich war, dass es auch im Winter Erdbeeren gibt und mitten im Sommer Orangen. So hatte jede Jahreszeit ihren besonderen Duft und ihren ganz eigenen Geschmack. Cola gab es nur, wenn jemand Geburtstag hatte. Schokolade nur als Belohnung für eine gute Note auf dem Zeugnis. Für eine neue Schallplatte musste ich vier Wochen mein Taschengeld sparen, aber dafür war sie mir um so wertvoller, wenn ich sie endlich zum ersten Mal auf den Plattenteller meiner kleinen Musikanlage legen konnte. Vorfreude! Wieviel davon wäre mir eintgangen, wenn ich immer alles sofort bekommen hätte!

Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn in die Welt.“ heißt es in der Bibel. Nicht zuletzt deshalb ist mir die Adventszeit so wichtig. Die Türen am glitzernden bunten Kalender, den meine Frau mir in jedem Jahr wieder schenkt, die Kerzen am Adventskranz und der Baum, der auf dem Balkon darauf wartet, geschmückt zu werden und dann im Wohnzimmer festlich zu glänzen – alle die sind Symbole dafür, wie sehr ich darauf warte und hoffe, dass Gott sich zeigt in meinem Leben und in dieser Welt, die ihn so dringend braucht, ihn und seinen Frieden. Die begründete Hoffnung, dass es alle Jahre wieder so ist, dass das Warten aufs Christkind schließlich belohnt wird, ist für mich ein Abbild der begründeten Hoffnung, dass Gott sich am Ende zu denen stellen wird, die darauf vertrauen, dass er seine Versprechen hält: Selig sind, die hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden.

  1. Warten ist ein Zeichen von Reife

Ich will alles, und zwar sofort – das sagen eigentlich nur Kinder. Für Kinder ist es eine harte Prüfung, wenn man ihnen ein Überraschungs-Ei gibt und dann sagt: „Wenn Du eine Viertelstunde wartest, bevor Du es isst, bekommst Du noch ein Zweites…“ In der Werbung kann man dann sehen, wie die Kinder sich dann ablenken wollen, wie sie fast verzweifelt der Versuchung widerstehen, das Ei nur einmal in die Hand nehmen, nur mal schütteln, nur mal dran riechen – und dann meistens doch die Folie abreißen und das verlockende Schokoding aufessen. Auch Erwachsene ticken oft so. Da kauft man lieber Etwas auf Kredit und zahlt dann noch zusätzlich Zinsen, anstatt zu warten, bis man den Kaufpreis gleich ganz auf den Tisch legen kann… Wer Geduld hat, kann oft etwas sparen – und, wie gesagt, die Zeit der Vorfreude genießen.

Ich sehe darin den Sinn der Fastenzeit vor dem Osterfest. Vierzig Tage lang verzichten viele Christinnen und Christen auf liebgewordene Gewohnheiten wie zum Beispiel die Salami auf dem Abendbrot oder das Bier zum Montagskrimi – und zwar nicht nur, weil sie abnehmen wollen oder sich selbst beweisen, dass sie auch noch ohne Alkohol auskommen können. Fasten ist ein Mit-Hinein-Gehen in das, was Jesus getan hat: Verzichten auf Etwas um eines größeren, wichtigeren Ganzen willen.

Das ist bei uns meist eher eine symbolische Handlung, auch wenn der Verzicht mir manchmal ziemlich schwer fällt – Jesus alles aber hat am Ende auf alles verzichtet: „Er, der Gott gleich war, gab alles dahin, entäußerte sich selbst und nahm die Gestalt eines Sklaven an. Er wurde ein Mensch wie wir und erniedrigte sich bis in den Tod, ja, in den schmerzhaften und beschämenden Tod am Kreuz. Vom Tod hat Gott ihn befreit und hat ihm das Leben geschenkt und den ehrenvollen Namen, der höher ist und größer als alles…“ Jesus hat verzichtet und gewartet, bis die Zeit da war, in der er alles wieder bekommen sollte und noch viel mehr, für sich und für uns alle… Selbst in seiner dunkelsten Stunde hat sein Vertrauen nicht aufgehört.

  1. Warten ist ein Beweis des Vertrauens

Warten ist ein Beweis des Vertrauens. Wenn ich Angst habe, wenn ich der Zukunft nicht traue, dann kann und will ich nicht warten. Dann denke ich: „Was man hat, hat man. Und das kann man getrost nach Hause tragen.“

Vielen dauert zum Beispiel die Corona-Zeit schon viel zu lange. Sie wollen sich nicht mehr vertrösten lassen und nicht mehr Geduld und Disziplin aufbringen. Sie wollen in den Urlaub fliegen, im Restaurant essen, im Stadtpark grillen, mit Freunden ins Konzert oder ins Kino gehen. Ich will alles, jetzt, sofort. Und selbst Leute, die es eigentlich besser wissen müssten, können sich diesem Sog nicht ganz entziehen. Weil Gottesdienste im begrenzten und kontrollierbaren Rahmen wieder erlaubt sind, aber Chorproben noch nicht, erklären manche Chorleiter ihre Proben kurzerhand zu Gottesdiensten – und wundern sich dann darüber, wenn es dann plötzlich drei, vier, fünf Kranke unter den Sängerinnen gibt und der komplette Chor für zwei Wochen in Quarantäne muss. Manchen fällt es schwer, sich vorzustellen, dass die Beschränkungen der Versammlungsfreiheit einen Sinn haben und zum Schutz der Gemeinde und der ganzen Bevölkerung dienen und eben nicht nur Willkür und Bevormundung durch die Regierung sind.

Wer nicht vertrauen kann, der kann auch nicht warten. Ich kann jeden Obdachlosen, jeden Geflüchteten, jedes Kind aus prekären Verhältnissen verstehen, der nicht warten kann, bis die Papiere vollständig beieinander liegen und die nötigen Gerichtsbeschlüsse gefasst worden sind und die Einbürgerung oder die Adoption stattfinden kann. Wer so in Not ist, der braucht schnelle Hilfe, auch wenn noch nicht alles in der Ordnung ist. Manchmal ist Geduld ein teurer Luxus, den sich nicht jeder leisten kann. In der Not braucht man möglichst schnell sichere Verhältnisse.

Gläubiges Warten, Hoffen auf Gott dagegen bleibt in Bereich des Vorläufigen, des Unsicheren, im Bereich des Jetzt-Noch-Nicht. Das kann aus Gründen freiwillig geschehen – wie beim Fasten, das kann aber auch in der Natur der Sache begründet liegen – wie bei dem „Lock down“ in der Zeit des Corona-Virus. Manche Dinge brauchen ihre Zeit, nicht nur Tage oder Wochen, sondern Monate. So und so braucht es aber eine feste Zuversicht, dass sich das Warten am Ende lohnen wird.

  1. Warten aufs Christkind

Warten ist ein wichtiger Bestandteil unseres Glaubens. Im Brief an die Hebräer steht; Glauben ist ein festes Vertrauen auf die Versprechen Gottes, ein Sich-Verlassen auf Dinge, die man (noch) nicht sieht. Und Paulus schreibt in seinem Brief an die Gemeinde in Rom: Wie könnte man auf das hoffen, was schon offensichtlich, selbstverständlich und unmittelbar einleuchtend ist? Glaube ist aber in die Zukunft gerichtet und verläßt sich auf das, was erst noch kommen wird. Auf das, was erst noch kommen muss, weil Gott es verheißen hat. Darum warten wir darauf mit Geduld.

In vielen Gleichnissen sagt Jesus zu den Menschen, die ihm zuhören, dass es wichtig ist, nicht das Vertrauen zu verlieren, wenn die Hoffnung warten muss: Das Gleichnis vom Säemann, der geduldig immer wieder auf seinen Acker geht, um auf das Wachsen der Saat zu warten, die Erzählung von den klugen und törichten Jungfrauen, die sich nicht irritieren lassen, wenn der Bräutigam sich verspätet – und die Parabel von den treuen Knechten, die bis in den frühen Morgen warten, um ihren Herrn zu begrüßen – sie alle sind Belege dafür, dass ein erwachsener Glaube warten können muß. Gott kann man nicht bedrängen. Er tut, was er tut, zu seiner Zeit. Das Reich Gottes kommt, wenn Er es will.

Vor seiner Himmelfahrt sagte Jesus zu seinen Jüngern: Ich gehe zurück zu meinem Vater und zu eurem Vater. Ihr werdet mich nicht mehr sehen und werdet, wenn es sein muss, eine kleine Zeit traurig sein. Aber bleibt in Jerusalem und wartet. Ich will euch den Heiligen Geist senden, den tröstenden Beistand, die Kraft aus der Höhe. Sie wird euch in alle Wahrheit leiten.

Diesen Geist haben wir – und auf diesen Geist warten wir. Jede Christin und jeder Christ ist erfüllt mit dem Geist Gottes – ohne ihn hätten wir niemals zum Glauben gefunden. Und doch müssen wir noch wachsen, müssen noch viel lernen, bis er in seiner ganzen Fülle an uns wirken kann. Darauf warten und darauf hoffen wir – Wahrscheinlich unser ganzes Leben lang. Sehnsuchtsvoll und mit Vorfreude…

Gott lässt die Seinen warten – nicht um sie zu quälen, sondern aus Gnade. Auch das schreibt Paulus: Gott selbst hat Geduld. Er lässt seine Glaubenden nicht sinnlos warten, er trödelt auch nicht herum, sondern er läßt den Menschen Zeit, bis möglichst viele sich zu ihm bekehren, bevor dann das Gericht und das Ende kommt.

So ist in gewisser Weise unser ganzes Leben eine Wartezeit auf die Begegnung, auf die Vollendung der Gemeinschaft mit Gott. Es hat jetzt schon begonnen, aber es ist noch nicht sichtbar, was werden soll. Wir sind nach Christi Namen genannt, aber erst am Ende wird offenbar werden, dass wir Gottes Kinder sind, zum Leben berufen nicht nur in dieser Zeit, sondern in Ewigkeit.

Wir werden alles bekommen. Gott hat uns alles versprochen. Wenn auch nicht jetzt, sofort und gleich. Darauf zu warten und zu hoffen – das wird sich lohnen.

Wie man ein Geräusch für mich macht…

Im Mai weckt mich morgens der Gesang der Vögel. Amseln sitzen in den Zweigen des Baumes vor meinem Fenster und begrüßen die aufgehende Sonne. Welch ein schönes Geräusch! Schon allein wegen dieses Morgengrußes liebe ich den Frühling.

Der Hör-Nerv ist eine Abkürzung direkt in die emotionalen Bereiche des Gehirns. Obwohl ich eher ein Augenmensch bin, kann ein Lied, ein Klang, ein Rhythmus mein Gefühlsleben in Sekunden verändern oder unterstützen. Musik beruhigt mich oder beschwingt mich, tröstet und bestärkt, umgibt mich mit einer aufbauenden und inspirierenden Atmosphäre. Schon einzelne Klänge und Geräusche können viel bewirken: das geheimnisvolle Knarren der alten Kirchentüren in meinen Dorfgemeinden, das Knacken in den Dachbalken in der Wohnung, wenn im Sommer die Hitze darauf lastet, das Surren des Lüfters in meinem Laptop; das sind alles vertraute und liebgewordene Geräusche, die mir das Gefühl geben, dass alles so ist, wie es sein muß, die mir Sicherheit vermitteln. Wenn jemand die Kirchentüren ölen würde, dass sie nicht mehr knarzt und quietscht – es würde mir etwas fehlen.

Im Sommer, wenn es so richtig heiß ist und die Glut beinahe fühlbar auf den Feldern und Wiesen, auf den Wäldern und den Dörfern liegt, dann höre ich ein unbeschreibliches Klingen, das irgendwie direkt aus dem blauen Luft zu kommen scheint, als ob das Himmelsgewölbe selbst ertönt wie eine mächtige Glocke, die von allein tönt, ohne angeschlagen zu sein, einen tiefen Klang aus Dutzenden von Obertönen, eine Art Spannung, die den ganzen Raum unter dem Himmel erfüllt. Wenn ich das höre, überkommt mich jedes mal eine unbändige Lust, mich einfach auf eine Wiese zu legen und hinauf in die Wolken zu schauen, bis ich das Gefühl habe, dass in Wirklichkeit ich oben bin und hinunterschaue auf einen riesigen Ozean unter den Wolken, kilometertief.

Angeblich hört eine Mutter selbst im Tiefschlaf die Geräusche ihres Babys und wird sofort wach, wenn etwas Ungewöhnliches geschieht. Ich kann mir das gut vorstellen, seit mir einmal etwas Ähnliches passiert ist: Ich wohnte noch in Schöneberg an der Hauptstraße, in einer eher ruhigen Ecke neben dem Friedhof. Ein paar Straßenecken weiter wurde ein elektrischer Baukran aufgestellt. Als alles auf der Baustelle bereit war, begannen täglich morgens um halb sechs die Arbeiten, und der Kran bewegte sich, seine Motoren surrten leise und Relais klickten vernehmlich, wenn Stromkreise geschlossen oder geöffnet werden. Ich war von diesen Geräuschen total irritiert und immer sofort wach. War in der Wohnung noch irgend etwas eingeschaltet? Lief der Computer noch? War die Katze über die Fernbedienung gelaufen und hatte versehentlich den Fernseher angemacht?

Den ganzen Tag über hat mich dieses Surren und Klicken extrem nervös gemacht, obwohl es objektiv sehr leise war, meine Frau hat es erst bemerkt, als ich ihr davon erzählte…

Tanzt in den Mai

Seit einer kleinen Ewigkeit habe ich nach solcher Musik gesucht: die schönsten Lieder aus dem Kirchengesangbuch in einer modernen jazzigen Version, die Rhythmus in die Beine bringt.

Da kann man beim Abwaschen tanzen, man kann die Musik abends vom Balkon spielen und sich inspirieren lassen, während man Blogeinträge schreibt.

Kostproben gibt es hier