Seht ihr dieses Licht?

Predigt am 8.12.19
Predigttext: Lukas 21, 25-33: Erhebt eure Häupter, denn der Herr kommt…

Liebe Gemeinde!

Vorspiel: Seht auf und erhebt eure Häupter…

Wenn ich über die Evangelienlesung nachdenke, sie in mir hin und her bewege, sehe ich eine Art modernes Tanztheater vor mir. Gestalten in grauen Gewändern laufen durch eine graue Landschaft, den Kopf gesenkt, den Blick auf dem Boden, keiner achtet auf den anderen, jeder ist mit sich allein. Sie laufen hin und her, ratlos, ruhelos, haltlos.

Doch dann plötzlich – niemand weiß, warum – halten einige inne. Vielleicht hat sich die Musik um eine Nuance verändert, vielleicht ist das kalte Licht um eine Spur goldener geworden – einige halten inne und erheben den Kopf, sie sehen auf und man sieht ihr Gesicht. Aus bloßen Figuren werden Menschen. Aus dem ewiggleichen Grau stehen sie auf und blicken dem entgegen, der da kommt…

Vom Kommen des Menschensohnes

Wahrscheinlich wäre ich nicht gut als Produzent moderner Stücke für das Tanztheater. Aber doch – könnte das ein Bild sein für die Not unserer Zeit? Daß wir halt und ruhelos herumlaufen ohne Sinn und Verstand, nur mit dieser Peitsche im Rücken, daß Stillstand schon gleich Rückschritt ist; daß stehen bleiben Sterben bedeutet? Daß jeder im Grunde mit sich allein ist, sich nicht um den anderen kümmert und nichts von ihm erwartet? Daß die Liebe kalt wird und zu einem fahlen Grau verblaßt? Daß wir so aus Menschen zu Gestalten, zu Figuren werden?

Viel dramatischer ist das Bild, daß die Bibel malt; von dem Jesus gesprochen hat und was die junge Gemeinde unter dem Eindruck der Verfolgung bewahrt hat: Am Ende der Zeit werden Zeichen am Himmel geschehen, selbst die Sonne, der Mond und die Sterne werden aus der Bahn geraten, auf der Erde wird das Meer brausen und die Menschen werden vergehen von Furcht. Dinge und Personen, auf die man sich felsenfest verlassen konnte, werden unsicher werden; Ideen und Ideale, die uns die Welt bedeutet haben, zerfallen zu Staub. Um fragwürdige und schwankende Dinge wird Krieg geführt; und Menschen leiden, hungern und sterben für bedeutungslose Wahnideen. Es ist wie zu Zeiten des Turms von Babel: Das Alphabet zerbricht, alle Bücher und Zeitungen, Plakate und Pamphlete werden unlesbar und sinnlos; keiner versteht mehr den anderen, und es bleibt die wortlose, geistlose, rasende Angst.

Gleichnis vom Feigenbaum

Und genau da sagt Jesus: Wenn dies anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhabt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.Die Zeichen der Zeit interpretieren zu wollen, ist immer ein großes Risiko. Doch wer sie mißachtet, wird unvorbereitet sein… Der Feigenbaum ist in Israel ein sicheres Zeichen für das Kommen des Sommers. Wenn er Blätter treibt, wird der Regen aufhören, die Sonne wird sehr bald heiß, es ist Zeit, Zisternen und Wasserbecken gut zu füllen.

Doch wenn es um die Zeichen geht, die das Ende ankündigen – wer will sie entdecken? Kriege, Hungersnöte, Krankheiten, Erdbeben und Finsternisse hat es seit Jesu Zeiten immer wieder gegeben; Zahlenspiele und Berechnungen haben Menschen in allen Generationen in die Irre geführt. Kühl und gewalttätig sind Menschen in jedem Jahrhundert miteinander umgegangen. Wo sind die Zeichen? Mit dem Ende der Welt und dem Wiederkommen des Christus kann man nicht rechnen. Er wird kommen wie ein Dieb in der Nacht.

Himmel und Erde werden vergehn, aber meine Worte werden nicht vergehen…

Und doch: Es ist Zeit, auf zu sehen. Erhebt eure Häupter, denn eure Erlösung ist nahe! Das Licht des Sternes, der die Geburt Christi gesehen hat, und das Kreuz, das das Zeichen des sieghaften Lammes zeigt; die Taufe, durch die wir neu geboren werden aus Wasser und Geist, und das Abendmahl, durch das wir eins werden mit dem Leib Christi – das sind mir die Zeichen der Erlösung!Jesus hat wie viele seiner Zeitgenossen das Ende und das Kommen schon sehr bald erwartet. Manchmal war das in der Kirche ein Problem, die Hoffnung auf das zweite Kommen des Christus erlahmte, wurde sogar zum Anlaß für Spott. Warum auf etwas warten, was tausendneunhundert Jahre ausgeblieben ist? Doch gab es immer wieder Generationen, die von dieser Hoffnung angefeuert und beflügelt wurde, denen durch Christus der Gedanke an das Ende nicht Angst und Schrecken, sondern Hoffnung bedeutet hat. Was bedeutet es uns? – Wir erwarten im Advent, was durch Gottes Geist wirklich geworden ist. Das Reich Gottes kommt, es ist nahe herbei gekommen, es ist mitten unter euch, sagt Christus.

Wir erheben unsere Häupter und schauen dem entgegen, der da kommt. Wir legen unser Grau nicht ab, wir bleiben mit den Beinen auf diesem Boden. Wir sind in vielem genau so rat- und hilflos wie alle Menschen. Aber wir haben eine Richtung in unserem Leben, die Sinn gibt; wir haben ein Wort, das bleibt, auch wenn alle Alphabete zerbrechen; wir haben ein Ziel, zu dem wir gerufen und berufen sind, auch wenn Himmel und Erde vergehen.

Musik zum Anfassen…

Heute früh ist ein Päckchen gekommen. Ich habe mir fünf leere Musikcassetten gekauft. Ich war wirklich erstaunt, dass man die überhaupt noch kaufen kann, aber jetzt liegen sie hier vor mir. Maxell UR C90 Bänder in durchsichtigem Plastik, mit Aufklebern und einem Papp-Einleger, auf dem ich die Musiktitel und die Interpreten der Stücke notieren kann, die ich gleich darauf überspielen werde. Sie waren nicht einmal teuer, kosteten jetzt genau so viel wir damals vor 25 Jahren.

Ein Mixtape mit Weihnachtsliedern aus aller Welt soll es werden, aus Schweden, Norwegen, Island und Finnland vor allem, Lieder, die man im Radio fast nie hört. Ich habe die bei meinem Lieblings-Streaming-Musikanbieter gefunden; aber ich finde es immer noch schön, Musik gewissermaßen in die Hand nehmen zu können.

Am meisten fasziniert bin ich ja nach wie vor von den großen schwarzen Vinyl-Schallplatten. Auf den schwarzglänzenden Spuren kann man den Rhythmus der Musik sogar sehen, wenn man ganz genau hinsah. Auch die großen Bandspulen von Tonbandgeräten haben mich als Kind fasziniert, das Einfädeln des hellbraunen Bandes am Lese- und Löschkopf vorbei über diverse Spulen bis hin zu der leeren Bandspule auf der anderen Seite – es hatte etwas Rituelles, beinahe Magisches – und es machte das Abspielen der Musik zu einem Erlebnis.

Eine Musikcassette einzulegen war schon viel einfacher, praktischer, aber auch ein Verlust an Erlebnisqualität. Immerhin – alle spotteten ein bisschen darüber – den ab und zu auftretenden Bandsalat auseinender zu heddern und dann das Band mit einem Bleistift in der Spule wieder aufzuwickeln – das hatte schon auch was. An der Stelle hat später die Musik beim Hören dann immer etwas „gezittert“, wanderte zwischen den Stereolautsprechern hin und her. Der Rettungsprozess hinterließ hörbare Narben; und ich habe immer etwas ängstlich gehofft, dass sich das Band der Cassette nun nicht noch einmal um die Spulen des Walkmans wickelt… Wenn das Band gerissen war, konnte man die Cassette dann eigentlich wegwerfen…

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Die Cassette hatte schon ein ziemlich „modernes“ Image für mich, immerhin konnte man auch die Computerprogramme und die Daten des C64-Computers auf einer Cassette speichern und wieder laden. „Press PLAY on tape…“ – diese Aufforderung wurde über einige Jahre zum sesam öffne dich in eine Welt voller Wunder.

Dann kam die Zeit der CD, und die in Regenbogenfarben glitzernden Scheiben vertrieben die Singles und die LPs aus den Regalen der Kaufhäuser, die Musikcassetten gab es noch etwas länger, vor allem wegen der Kinderhörspiele. Aber auch damit ging es nun schnell zu Ende.

Ich habe mich gefreut, als ich zum ersten Mal einen MP3-Player bekam und die Musik dann über den Computer auf dieses winzige Ding überspielen konnte. Nun höre ich oft zum Einschlafen Musik über die kleinen Im-Ohr-Kopfhörer, und manchmal auch im Bus; sie sind praktisch und nützlich. Und es gehen trotzdem über zweihundert Musikstücke auf dieses Gerät, das viel kleiner als eine Cassette ist und nie Bandsalat produziert. Ich fing an, Podcasts zu hören und mir Sendungen amerikanischer Radiosender auf dieses Ding zu kopieren. „Wait, wait, don’t tell me…“ und „Grown ups read things they wrote as kids“ von NPR höre ich immer noch regelmäßig.

Nun hören alle – ich auch – Musik vor allem über das Handy. Man muss Musik nicht einmal mehr vom Computer darauf kopieren; wo immer W-Lan ist, ist auch Musik. Und man kommt genau so leicht an Evergreens und Klassiker wie an die Top 100 der Pop-Musik und der Jazz-, Rock- und HipHop-Charts. Und wenn man ein bisschen sucht, findet man bei den Streamingdiensten auch die schrägeren und ungewöhnlicheren Sttücke wie französische Zwölftonmusik auf der Orgel, vokaler Obertongesang aus der Mongolei oder eben isländische Weihnachtslieder.

Die kopiere ich nun gerade per Buetooth und meine Stereoanlage auf die neue Musikcassette, während ich hier schreibe, und damit schließt sich ein Kreis: aus dem Internet heruntergeladene Musik auf dem altmodischen Magnetband, digital und analog Hand in Hand. Das fasziniert mich, und es macht Spaß!

Torschlusspanik

Die Liebe, des Gesetzes Erfüllung

8 Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. 9 Denn was da gesagt ist (2. Mose 20,13-17): »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst (3. Mose 19,18): »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« 10 Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.

Leben im Licht des anbrechenden Tages

11 Und das tut, weil ihr die Zeit erkannt habt, dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. 12 Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts. 13 Lasst uns ehrbar leben wie am Tage, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Unzucht und Ausschweifung, nicht in Hader und Neid; 14 sondern zieht an den Herrn Jesus Christus und sorgt für den Leib nicht so, dass ihr den Begierden verfallt.

Liebe Gemeinde!

Weihnachten kommt immer so plötzlich. Da hat man kaum den Adventskranz geschmückt, die Lichterketten ans Fenster gemacht, das erste Türchen im Adventskalender geöffnet und den ersten Glühwein getrunken, und zack – schon ist Weihnachten. Vor allem Männer sind immer wieder überrascht, wie schnell die Adventszeit vorüber ist.

Man kann nämlich die christlich geprägte westliche Welt grob in zwei Gruppen einteilen: die einen haben schon zum Herbstbeginn die Weihnachtsgeschenke für die ganze Familie, die Arbeitskollegen und den Freundeskreis eingekauft. Schön verpackt liegen die Geschenke in einem luftdichten Plastikkasten im Keller bereit – mit Schleifen, glitzernden Aufklebern und handgeschriebenen Namensschildchen –, und wenn dann die Kerzen am Baum brennen, werden sie ganz entspannt bereit gelegt, dann kann das Glöckchen klingeln. Sogar zum Schrottwichteln mit den Nachbarn haben diese Leute schon die Päckchen mit den ungeliebtesten Werbegeschenken des vergangenen Jahres drei Tage vorher fertig verpackt.

Die anderen beginnen in der Woche vor Heiligabend wie irre durch Kaufhäuser, Geschenkartikelläden, Flohmärkte und Bahnhofsbuchhandlungen zu flitzen oder sie bestellen Dinge im Internet, in der Hoffnung, dass die Paketdienste nicht gerade in der heißesten Woche des Jahres streiken und die Geschenke rechtzeitig vor dem Fest eintreffen. Manchmal liegen sie dann während der Feiertage im nächsten Postamt bereit und im Briefkasten liegt der Zettel des Paketboten, der leider am 23. Dezember um 14.32 Uhr niemanden in der Wohnung angetroffen hat – klar, da war man ja auch gerade unterwegs, um Gurken, Mayonnaise und Eier für den Kartoffelsalat zu kaufen…

Torschlusspanik. Ich weiß wie es ist, wenn man vergessen hat, rechtzeitig ein Geschenk zu besorgen und dann in der Nacht vor Weihnachten einen gut gemeinten, aber später äußerst ungnädig angenommenen Gutschein im Computer zu designen. Ein Geschenk, das – verbunden mit einem schlechten Gewissen – wirklich nur eine Notlösung sein kann. Denn eigentlich ist ein solches Geschenk eher ein Eingeständnis der eigenen Gedankenlosigkeit als ein gern gegebenes Zeichen von Freundschaft und Zuneigung.

Torschlusspanik kennt aber auch Paulus, und in unserem Predigttext aus dem Römerbrief ist davon die Rede. Die Stunde ist da, schreibt er, die Zeit ist reif. Die Nacht ist vergangen, der Tag bricht an. Jetzt ist es Zeit, aufzustehen vom Schlaf!

Paulus schreibt in seinem Brief an die Römer einige lange theologische Abhandlungen. Über die Gerechtigkeit, die Gott denen schenkt, die an ihn glauben, über die neue Geburt durch den Heiligen Geist, über das Verhältnis von Christen und Juden und viele andere Themen, durch die er sich der Gemeinde in Rom sozusagen als einen belesenen und gelehrten Theologen vorstellt, der Wichtiges und Interessantes zu sagen hat.

Aber jetzt, am Ende seines Briefes, kommt er von der Theorie zu den praktischen Dingen, redet nicht mehr von den Dingen, die die christliche Gemeinde glaubt, sondern von dem, was sie tun soll. Und da wird sein Ton plötzlich dringend, er will die Gemeinde sozusagen wach rütteln: Steh auf! Es ist Zeit! Beeilt euch! Die Stunde ist da. Jetzt muss das Richtige getan werden.

Wenn nicht jetzt, wann dann? Wenn nicht wir, wer sonst? Und wenn nicht hier, wo denn überhaupt? Christen müssen sich zeigen, meint Paulus, erkennbar sein als Kinder des Lichts.

Worin zeigt sich aber das Besondere der Christen? Woran erkennt man sie? Paulus nennt ein Stichwort, dass sich durch alle seine Briefe und auch durch die Evangelien zieht: Liebe. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, dass ihr Liebe untereinander habt; hat Jesus selbst gesagt. Und Paulus schreibt: Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt. Genug geliebt werden, genug lieben, das geht gar nicht. Den letzten Funken Liebe, den letzten Schritt werden wir uns immer schuldig bleiben. Wo aber die Liebe beginnt, da ist das Gesetz Christi erfüllt. Wer Gott liebt und seinen Nächsten wie sich selbst, der hat das Gesetz erfüllt.

Liebe, wie sie im Neuen Testament verstanden wird, ist aber kein romantisches Gefühl, kein erotisches Hingerissen-Sein zu dem einen oder einer anderen, nicht das Herzklopfen der frisch Verliebten, nicht die glühende Sehnsucht…

Liebe, wie die Autoren des Neuen Testamentes sie verstanden, ist vielleicht sogar eher das, was alte Ehepaare miteinander verbindet: die Bereitschaft, Verantwortung füreinander zu übernehmen, sich trotz aller Ecken und Kanten, Trotz aller Schwächen und Eigenheiten anzunehmen, einander zu tragen und ertragen, einander zu helfen und zu unterstützen, und – so wie Jesus es gesagt hat – sich gegenseitig die Last des Lebens abzunehmen. Einer trage die Last des Anderen, heißt es, so werdet ihr Gottes Gebot erfüllen.

Wenn es um das Weihnachtsfest geht, kommt es letztlich nicht auf den Lichterglanz und den Glühwein an, es geht nicht um den Tannenbaum und nicht um die Geschenke. Es geht um die Liebe.

Aus Liebe ist Gott Mensch geworden, einer von uns, hilflos wie ein kleines Kind. Unsere Lasten sind ihm nicht fremd geblieben, er hat sie alle getragen und noch mehr.

Aus Liebe hat Gott uns zu seinen Menschen gemacht, zu solchen, die glauben und getauft sind, zu solchen, über denen der göttliche Name genannt ist, und die die Verheißung haben, dass am Ende nicht der Tod das letzte Wort über sie sprechen wird, sondern dass Gottes unendlich großes Ja! auch ihnen gelten wird.

Aus Liebe dürfen wir seine Kinder sein, als Christen erkennbar durch die ganz praktische Nächstenliebe, die den anderen höher achtet als sich selbst und die darin genau das tut, was Christus selbst tut, der sich hingibt zur Rettung der Welt und zu einer Erlösung für Viele.

Paulus schreibt: So ziehen wir Christus an, so werden wir ihm gleich, so werden wir erkennbar als Menschen, die zu ihm gehören und zu Recht seinen Namen tragen. Mit Leib und Seele, mit Herz und Hirn, mit Hand und Fuß werden wir die Seinen sein.

Paulus rüttelt die Gemeinde wach: Steh auf! Es ist Zeit! Beeilt euch! Die Stunde ist da. Jetzt muss das Richtige getan werden.

Wenn nicht jetzt, wann dann? Wenn nicht wir, wer sonst? Und wenn nicht hier, wo denn überhaupt? Heute ist der Tag, an dem das Wunder beginnt; Christen müssen sich zeigen, meint Paulus, erkennbar sein als Kinder des Lichts.

Paulus hat Torschlusspanik. Es ist höchste Zeit. Damit, Gott und die Welt und seine Menschen zu lieben, werden wir sowieso niemals fertig. Darum lasst uns heute damit beginnen, jetzt gleich, sofort, unverzüglich.

Wie die Liebe praktisch aussieht, wie sie sich im täglichen Leben äußert, das wird so verschieden sein, wie wir Christenmenschen eben sind, wie unser Charakter und unsere Begabungen, unsere Familien, unsere Freundeskreise und unser Leben verschieden sind. Jede und jeder wird tun, was er kann, jeder Mensch an seinem Platz, jeder ein lebendiger Stein an der richtigen Stelle in dem großen wunderschönen Bauwerk, in das Gott uns hinein gelegt hat, als tragende Säule, als schmückende Zier, als schützendes Gewölbe oder stolze Turmspitze: Keiner bleibt ohne Aufgabe, jede hat ihren Wert.

Manche setzen sich für AIDS-Kranke und ihre Angehörigen ein. Manche geben Geld für ein Schiff, das Ertrinkende aus dem Mittelmeer rettet. Manche gehen ins Altenheim und lesen den Menschen dort etwas vor. Andere leiten die Gemeinde im Gemeindekirchenrat und sind bereit, viel Zeit und Energie dafür aufzuwenden. Wieder andere beginnen jeden Tag mit einem Gebet für ihre Kinder und Enkel, für die Kranken und Hungernden in der Welt, für die Mächtigen und die Ohnmächtigen. Und manche ahnen einfach, wann jemand einen Händedruck, eine Umarmung oder ein Lächeln braucht, und geben das liebevoll und ohne Zögern, wie nur sie es können.

Paulus singt das Hohelied der Liebe: Die Liebe Gottes ist Vorbild für unsere Liebe. Sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. Die Liebe hört nicht auf, wenn auch die Weisheit, die Vernunft, das Wissen und die Klugheit der Menschen an ihr Ende kommen. Zuletzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe; diese drei – die Liebe aber ist die Größte unter ihnen.

Weihnachten kommt immer eher, als man denkt. Niemand weiß, wie viel Zeit ihm bleibt. Unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Der Tag ist schon angebrochen; es ist jetzt Zeit, zu zeigen, auf welcher Seite wir stehen. Es ist jetzt Zeit, in den Spuren Jesu zu gehen und das Richtige zu tun: Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses, so ist die Liebe des Gesetzes Erfüllung.

Torschlusspanik ist da nicht nötig, sie hilft auch nicht wirklich weiter. Aber es ist gut, die Zeit zu erkennen: Wenn nicht jetzt, wann dann? Wenn nicht wir, wer sonst? Und wenn nicht hier, wo denn überhaupt? Heute ist der Tag, an dem das Wunder beginnt.

Living next door to Alice…

Heute zieht die Nachbarin aus der Wohnung unter uns aus, eine sehr alte Frau, über die ich fast gar nichts weiß. Ich habe sie oft im Treppenhaus getroffen und wir haben ein paar Worte gewechselt, aber sie ist sehr schwerhörig und das Reden mit ihr ist anstrengend.

Ab und zu ist sie verreist, und darum ist es mir nicht seltsam vorgekommen, dass sie seit ein paar Wochen nicht mehr da ist.

Heute sind Handwerker von einer Entrümpelungsfirma gekommen und haben die Wohnung komplett leer gemacht, Küchenmöbel, Betten, Sofa, Regale, Teppiche und Blumenkästen, alles steht gerade draußen auf der Straße, und ein paar Leute packen einen Möbelwagen damit voll. Ich weiß nicht, ob sie in  ein Altenheim umgezogen ist oder ob sie jetzt tot ist. Aber es berührt mich schon, zu sehen, wie die geschätzten Dinge, die zusammen ein Leben ausgemacht haben, jetzt unsanft in einen Laster gepackt und entsorgt werden.

Ich weiß, dass es meinen Sachen auch einmal so gehen wird. An den meisten Dingen hänge ich ja nicht, aber es macht mich traurig, zu wissen, dass meine gesammelten Briefe, Erinnerungsstücke und Bilder genau so in der Schrottpresse enden werden. Sie sind nur mir wichtig.

Ich hoffe, die alte Dame lebt und fühlt sich wohl in ihrem neuen Zuhause.

Die fünfte Jahreszeit

Was ist das für ein Tag! Heute hat der Karneval begonnen, zumindest im Rheinland; und viele „Narren“ sind schon wieder außer Rand und Band.

Ich mag den Karneval eigentlich gar nicht, aber ich habe diesen Tag immer wieder zum Anlaß genommen, für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in meiner Gemeinde Pfannkuchen zu kaufen. Vielleicht sagt Ihr ja „Berliner“. Oder Krapfen. Sicher gibt es auch noch andere Namen, aber lecker sind die Dinger in jedem Fall.

In meiner neuen Gemeinde arbeitet heute am Montag nur eine kleine „Stammbesetzung“, also kaufe ich die Pfannkuchen heute nur für meine Frau und mich selbst. Aber irgendwie fehlt es mir, das Team mit süßem Fettgebäck zu beglücken. Das war schon so etwas wie ein fester Brauch…

Jetzt bald, in wenigen Minuten, tritt Merkur vor die Sonnenscheibe, von der Erde aus gesehen ist er dann als winzig kleiner schwarzer Fleck auf der Sonne zu sehen. So ein Merkurtransit ist ziemlich selten, er kommt nur so alle zehn bis fünfzehn Jahre einmal vor.

Nun guckt bloß nicht mit den Augen direkt in die Sonne, Ihr könnt blind davon werden! Aber auch mit einer Sonnenfinsternis-Schutzbrille kann man nichts erkennnen, der Merkur ist mit ca. 4000 Kilometern Durchmesser einfach zu klein und zu weit weg, um ihn mit bloßem Auge zu sehen. In der Sternwarte hier in Berlin kann man ihn durch ein Teleskop mit Filter gut erkennen, und die NASA streamt auf ihrer Webseite die Aufnahmen einer Live-Kamera in der Erdumlaufbahn. Hier ist der Link:

Nasa Merkurdurchgang Live-Video

Und heute Nachmittag um 17 Uhr ist Martinstag in meiner Gemeinde, die Kinder werden mit ihren Laternen durch die Straßen ziehen und „Laterne, Laterne, Sonne Mond und Sterne…“ singen. Der Merkur kommt da leider nicht vor…

Gedanken zum Fest der deutschen Einheit

Geschichte wird von den Siegern geschrieben. Ob ein Volksaufstand ein heroischer Kampf um die Freiheit war oder ein Putschversuch, hängt ganz davon ab, wer am Ende gewonnen hat. Rebellen oder Widerstandskämpfer, Invasoren oder Befreier, Schutzmacht oder Besatzer – letztlich hängt alles daran, wer am Ende gewonnen hat. Bis dahin ist alles nur Propaganda.

Heute wird in Berlin an vielen Orten an den Fall der Mauer gedacht. Es gibt Dutzende von Festen und Gedenkfeiern, überall erzählen Zeitzeugen von dem, was da vor dreißig Jahren geschehen ist, und die Menschen freuen sich gemeinsam darüber, dass die tödliche Grenze gefallen ist und Familien und Freunde wieder vereint waren.

Auch Kirchenleute sind stolz darauf, dass sie damals eine wichtige Rolle im Zeitgeschehen spielten. Die Gemeinden stellten ihre Räume für Diskussionen und Friedensgebete zur Verfügung, Pastoren und Pfarrer beteiligten sich an runden Tischen und Foren, auf denen über die Zukunft der Republik und über die möglichen Formen zukünftige Einheit diskutiert wurde. Demonstrantinnen und Bürgerrechtler trafen sich an Kirchen und auf Marktplätzen, nicht ohne hohes persönliches Risiko. Sie haben gehofft und geglaubt, dass Gott durch sie wirkt und in die Geschichte eingreift. Vielleicht war es aber das größte Wunder von allen, dass nirgendwo ein nervöser Soldat den Auslöser an seinem Maschinengewehr zog.

Fast überraschend kam dann der Satz, dass die Ausreise nun möglich sei – „unverzüglich, ab sofort“ – und überall in beiden deutschen Staaten wurde improvisiert und und provisorische Fakten geschaffen; und nicht wenige fürchteten, dass schon in wenigern Tagen alles vorbei sein würde, dass die offene Grenze eine kurze wunderbare Episode bleiben würde.

Große Sätze wurden gesagt, einprägsam mit beinahe biblischer Wortgewalt: „Berlin wird leben, und die Mauer wird fallen!“ – „Wir Deutschen sind nun das glücklichste Volk der Erde!“ – „Berlin, nun freue dich!“ – „Wir sind ein Volk!“

Heute ganz besonders, aber wahrscheinlich noch im ganzen kommenden Jahr wird daran erinnert werden, wie die deutsche Teilung überwunden wurde. Und es wird so sein: Der Gewinner schreibt Geschichte, der Sieger der deutschen Einheit bestimmt die Sprache, Vergleiche und Bilder, mit denen diese Geschichte erzählt wird.

Anschluß oder Vereinigung, Beitritt oder Wiedervereinigung – mit den kleinen Worten für das, was zu planen war, fing es an. Und diese wirkten sich aus bis in die tägliche Praxis, in den Alltag der Menschen in Ost und West. Die Treuhand wurde gegründet, viele Betriebe, Kombinate und Produktionsgenossenschaften wurden abgewickelt. Es gab Streit um Häuser und Grundstücke zwischen den Menschen, die Eigentümer waren und denen, die seit Jahrzehnten darauf wohnten. Gebietsreformen und und Flurbereinigungen schufen Unsicherheit und Angst unter den Menschen im Osten, manche fühlten sich an die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg erinnert, als die Russen alles demontierten und abtransportierten und ein Land am Rande des Abgrunds zurückließen.

Viele Menschen im Osten fühlten sich überrumpelt und betrogen, ihrer Jugend beraubt und um ihr Lebenswerk gebracht. Auf einmal sollte alles nicht mehr gelten, was sie in ihrem Leben aufgebat haben? Sollte wirklich nur das Ampelmännchen und der grüne Rechtsabbiegepfeil an den Kreuzungen von dem bleiben, was einmal ihre Heimat war?

Es ist Eins, zurück zu blicken auf eine großartige historische Errungenschaft wie die deutsche Einheit es zweifelsfrei ist; es ist ein Anderes, an so einem Gedenktag nach vorn zu blicken in die Zukunft und zu überlegen, was werden kann und soll. Nach dreißig Jahren ist die Einheit noch immer nicht verwirklicht, immer noch reden wir von Ost und West, immer noch zeigen Wahlergebnisse, Statistiken, Einkommensverhältnisse, Meinungsumfragen deutliche Unterschiede.

Es ist ein abgegriffenes Bild, aber trotzdem leider wahr: Die Mauer in den Köpfen steht nach dreißig Jahren immer noch. Es bleibt noch viel Arbeit zu tun.

Die Einheit, die Freiheit und das geschwisterliche Miteinander im Staat und in der Gesellschaft wird keiner Generation einfach so geschenkt. Jede Generation muss sich Einheit und Freiheit selbst erarbeiten. Sie muss es wollen, sie muss es erarbeiten und sie muss es gegen die Widersacher der Freiheit verteidigen. Sie muss neue Worte und andere Bilder finden, die wahr sind und nicht nur Propaganda. Sie darf sich nicht nur alte Wunden lecken und vergangenes Unrecht betrauern. Sie darf sich nicht einfangen lassen von Populisten, die Angst schüren aus eigennützigen Gründen. Sie darf sich nicht einreden lassen, dass es wieder Zeit ist, neue Grenzen zu ziehen und neue Mauern zu bauen und Fremde nicht länger willkommen zu heißen.

In der Bibel heißt es: Zur Freiheit seid ihr befreit, darum lasst euch nicht wieder einfangen und erneut unter das Joch zwingen! Mit Selbstbewusstsein und gesundem Menschenverstand wollen wir unsere Geschichte erzählen und uns dann umwenden und ebenso selbstbewusst und ebenso vernünftig unsere Zukunft gestalten!

Was kann und muss die Kirche dabei tun? Wir, die acht Gemeinden rund um den Flughafen, wollen Orte sein, an denen man miteinander spricht. Wir wollen helfen, Geschichte mit anderen Augen zu sehen. Die Kirche hat schon immer eine etwas andere Perspektive gehabt; nicht immer zum Vorteil für die Menschen und die Gesellschaft, aber doch immer etwas außerhalb und als Gegenüber von Staat und Regierung. Wir haben nur noch wenig Möglichkeiten und Ressourcen in unseren Orten, aber was wir haben, das teilen wir gern. Wo es nötig ist, werden wir auch protestieren und Widerstand leisten. Wir werden immer für das Leben einstehen, für Frieden und Gerechtigkeit für die Armen und Schwachen. Wir hoffen und glauben, dass Gott durch uns wirkt, wie er es will. Was wir können und was notwendig ist, wollen wir tun. Mit Gottes Hilfe. Amen.