Gibt es Grund zur Angst? Greta Thunberg und die Folgen der Rede vor dem Weltklimagipfel

Letztes Jahr haben mich die Konfirmanden angesprochen und mich gefragt: Denken Sie auch, dass in zwanzig Jahren das Klima bei uns so sehr verändert sein wird, dass man hier nicht mehr wohnen kann? Ich habe einen Moment nachgedacht und überlegt, was wohl hinter dieser Frage stecken könnte.

Ich kenne diese Angst von früher. Vor dreißig Jahren war es die Angst vor einem Atomkrieg, die mich so sehr belastete, dass ich oft stundenlang nicht einschlafen konnte. Wir haben in der Schule einen Film gesehen, in dem sehr plastische dargestellt wurde, was geschehen würde, wenn eine Atombombe auf London fallen würde. Hunderttausend Menschen sofort tot, das Stadtzentrum eine qualmende und radioaktiv verseuchte Wüste, Millionen Menschen würden an den Spätfolgen sterben.

Was mir aber am meisten Angst gemacht hat, ist eine Szene, in der ein Mädchen in einem Garten steht und staunend diese Rakete beguckt, die einen weißen Strich über den makellos blauen Himmel zieht – und im nächsten Moment brennt ihr der Atomblitz die Augen aus, und sie schreit…

Diese emotionale Szene hat mich mehr berührt als all die Zahlen und Fakten, die sonst noch in dem Film vorkamen.

Später war es dann die Furcht vor dem Waldsterben, die durch die Medien geisterte. In den Illustrierten waren Bilder zu sehen von einst bewaldeten Hügeln, auf denen nur noch kahle Stämme standen, vertrocknete Auen, die ein paar Jahre zuvor noch grün und lebensfrisch gewesen sind. Und es gab immer wieder die Mahnung, dass es in ein paar Jahrzehnten keine Wälder mehr in Deutschland geben würde, alles abgeholzt für kurzfristigen Profit oder vergangen in den immer heißeren Sommern, in den immer trockeneren Wintern.

Und nun waren es die Konfirmandinnen und Konfirmanden, die mit dieser so vertrauten Zukunftsangst zu mir kamen; und ich habe einfach aus dem Bauch heraus geantwortet. Ich wollte beruhigen, ohne sie billig zu vertrösten. Ich kenne die Fakten nicht mehr als jeder andere Erwachsene auch, habe lange kein seriöses Werk über die aktuellen Entwicklungen gelesen. Ich habe gesagt: Ja, ich denke, das sich das Weltklima ändert und das es schwieriger wird, sich entsprechend zu verhalten, die Umwelt zu schützen und an ihrer Bewahrung zu arbeiten – aber ich denke nicht, dass schon in zehn oder zwanzig Jahren Berlin und Brandenburg unbewohnbar sein werden. Haltet die Augen offen, tut, was vernünftig ist, dann wird es schon gut gehen.

Und dann kam Greta Thunberg, und mit ihr kam das Thema Klimawandel zurück in die Massenmedien. Zuerst ging das Bild um die Welt, wie sie da ganz allein mit ihrem Pappschild auf der Straße saß: Schulstreik für das Klima. „Ich will, dass ihr beunruhigt seid!“ rief sie den Mächtigen in Europa zu; „denn das Haus brennt!“ – „Es ist keine Zeit mehr, zu diskutieren und schöne Reden zu halten, es ist Zeit, etwas zu tun!“ Schon bald taten es ihr Hunderte von jungen Leuten in aller Welt nach; sie gingen aus Protest am Freitag nicht mehr in die Schule. „Fridays for Future“ war geboren, eine Bewegung breitete sich rasch aus.

In den Medien und in den sozialen Netzwerken wurde gestritten, verehrt, bewundert, verhöhnt, beschimpft, vergöttert und verteufelt. Die junge Frau war innerhalb von Wochen zu einem Weltstar geworden, wahrscheinlich ist sie jetzt schon einer der bekanntesten und umstrittensten Menschen dieses Jahrzehnts. Alles wurde beredet und bewertet: Ihre Frisur und ihr Gesichtsausdruck, die Art, wie sie sprach und wie sie sich kleidete, ihr Autismus und immer wieder die Frage, ob man sie bewundert oder hasst, ab man sie leiden kann oder unausstehlich findet.

Vielen jungen Menschen war ihr Anliegen, die Welt zum Umdenken zu bewegen, ebenfalls wichtig, auch sie traten am Freitag in den Schulstreik und versammelten sich zu Demonstrationen. Greta Thunberg wurde zum Vorbild, die Mädchen flochten sich Zöpfe und malten Pappschilder, aber auf der Straße saßen sie nicht länger allein…

Haben Sie die Rede von Greta Thunberg noch im Ohr? „Was ist Dein Anliegen? Was hast Du den Mächtigen dieser Welt zu sagen?“ wurde sie auf dem Weltklimagipfel gefragt. Und sie antwortete zuerst: „Ich will euch sagen: Wir werden euch genau beobachten.“ Und dann begann sie mit einer sehr emotionalen Rede, die mich ähnlich beeindruckt hat wie die Szene aus dem Film damals vor vierzig Jahren: „Das ist alles so falsch! Ich sollte gar nicht hier stehen, ich sollte in die Schule gehen, drüben, auf der anderen Seite des Ozeans! Ihr nehmt mir meine Kindheit! Ihr nehmt mir die Welt, in der ich und meine Kinder leben sollen. Wie könnt ihr es wagen!“„Diese Welt steht am Rande eines Massenaussterbens, und ihr streitet euch um Verschmutzungsrechte und diskutiert über Obergrenzen für die Erhöhung der Temperatur auf dem Planeten, ihr schließt Verträge, die ihr schon nach Wochen eurer Profitgier opfert! Und ihr erzählt uns wieder und wieder das Märchen vom unbegrenzten Wachstum der Märkte und der Wirtschaft! Wie könnt ihr es wagen!“ Dann zählt sie auch Fakten und wissenschaftliche Daten auf, um ihre Argumente zu untermauern. Sie berichtet von den weltweiten Demonstrationen von Jugendlichen, die endlich eine Änderung fordern und endet dann mit dem Aufruf: „Die Welt ist erwacht! Veränderung wird kommen, so oder so. Ob ihr wollt oder nicht!“

Greta Thunberg bekam viel Applaus für diese Rede, erzielte auch den einen oder anderen Lacherfolg. Rhetorisch war die kurze Ansprache großartig gemacht. Sie steht für mich neben Reden wie „Ich habe einen Traum…“ oder anderen historisch bedeutsamen Äusserungen, die über ihr Jahrzehnt hinaus gewirkt haben. Die Mächtigen, denen Greta Thunberg ins Gewissen reden wollte, schmunzelten und klatschten freundlich lächelnd. Hatte sie nicht Recht, eigentlich, die zornige junge Frau?

Überhört wurde die Trauer und der Zorn hinter dem Satz: „Die Augen aller zukünftigen Generationen sehen euch an. Wenn ihr euch entscheidet, hier zu versagen, nichts für uns zu tun, werden wir euch niemals vergeben!“

Bald danach ging man aber zum Tagesgeschäft über, sprach über Zahlen und Fakten, diskutierte über Verschmutzungsrechte, beschloss neue Obergrenzen für die Erhöhung der Temperatur auf dem Planeten und vereinbarte Verträge zum Wachstum der Wirtschaft und der Märkte. Und eine Frau mit 28 Jahren Erfahrung in der Politik kritisierte öffentlich eine Frau, die gerade 16 Jahre alt ist, dass sie nicht konkretere und praktikablere Vorschläge gemacht hat…

Mich ärgert zunehmend die Berichterstattung über Greta Thunberg in den Medien. Das fängt schon damit an, dass fast jede Zeitung, jeder Fernseh- oder Radiosender und auch fast jeder Kommentar im Internet sie einfach „Greta“ nennt – als wäre sie eine Achtjährige, die gerade erst dem Kindergarten entkommen ist. Und in beinahe jedem Artikel wird über ihre Zöpfe geschrieben oder darüber, dass sie Autistin ist – als ob man ihre Argumente dann weniger ernst nehmen müsste! Ich bin mit sechzehn Jahren an der Schule von den Lehrern mit „Sie“ angesprochen worden. Und ich denke, dass auch eine Frau aus Schweden dieses Recht hat, auch das Recht dazu, mit Respekt angesprochen zu werden, auch und gerade wenn sie es wagt, in so jungem Alter sich der Weltöffentlichkeit zu stellen.

Weiter werden stereotyp Formeln wiederholt wie „Greta lehrt die Mächtigen das Fürchten“ oder „Sie liest den Politikerinnen und Politikern die Leviten.“ Das stimmt einfach nicht. Sie droht nicht mit Aufruhr oder Gewalt – sie sagt nur, dass viele Kinder und Jugendliche weiter die Schule am Freitag bestreiken werden, bis ihr Anliegen wirklich gehört wurde. Sie verbreitet nicht Angst, sondern sie legt die beängstigenden Tatsachen auf den Konferenztisch: „Ja, ich will, dass ihr in Panik geratet, denn wir leben in einem Haus, das brennt!“ Nicht sie oder was sie sagt, ist zu fürchten. Angst macht mir aber die Tatsache, dass weiterhin ihre Rede und die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung von Politik und Wirtschaft ignoriert oder geleugnet werden.

Und Greta Thunberg schwingt sich nicht zur Richterin über Politik und Wirtschaft auf, wenn sie sagt: „Wir“ – und damit meint sie wohl die Kinder und Jugendlichen, die sich in der Bewegung „Fridays for Future“ engagieren – „Wir werden Euch genau beobachten!“ Dies ist ja, anders formuliert, eine der Grundlagen der Demokratie, dass Bürgerinnen und Bürger das Handeln der Politiker beobachten und entsprechend reagieren – mit Demonstrationen, Streik und anderen öffentlichen Meinungsäußerungen und nicht zuletzt dereinst an der Wahlurne. Dass auch Kinder und Jugendliche dies tun, dienoch nicht wählen dürfen, halte ich grundsätzlich für richtig und gut. So können sie sich von Anfang an eine begründete Meinung bilden und ihren Standpunkt auch selbst vertreten.

Drittens ist es auch einfach nicht wahr, wenn die Bewegung Fridays for Future mit einer Art Sekte verglichen wird und Greta Thunberg immer wieder als „Prophetin“ oder „Erlöserin“ oder ähnlich beschrieben wird. In ihren Reden und Ansprachen zitiert sie immer wieder Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung, die für die nahe Zukunft signifikante Veränderungen an Natur und Umwelt voraussagen – aber sie ist keine „Unheilsprophetin“ im Stil einer Kassandra oder eines Amos und beruft sich nie auf besondere, übernatürliche oder göttliche Eingebungen. Was sie sagt, kann jeder in veröffentlichten wissenschaftlichen Studien nachlesen.

Eines aber hat sie mit den alttestamentlichen Propheten wirklich gemein: Sie will bewirken, dass Menschen umdenken und ihr Verhalten, ihre Gewohnheiten ändern. Nicht „Buße“ in einem religiösen oder moralischen Sinn ist gefordert, sondern einfach der Wille, den erkannten Notwendigkeiten entsprechend zu leben und uns so zu verhalten, dass die absehbaren katastrophalen Folgen unseres Tuns nicht in diesem oder im nächsten Jahrhundert eintreten.

Greta Thunbergs Argument dafür ist einfach – wenn wir uns nicht einschränken, anders leben, die Natur schützen, dann wird diese Welt schon bald nicht mehr die sein, die wir kennen. Dann wird das Leben auf ihr sehr viel schwerer werden. Vielleicht wird die Welt sogar für Menschen unbewohnbar. Was wir gewohnt sind, was die Menschen in den verschiedenen Kulturen der Erde über Jahrhunderte aufgebaut haben – es wird nicht mehr funktionieren. Weil die Veränderungen zu gewaltig, zu einschneidend sein werden, als das das „gewohnte“ Leben weiterhin möglich ist.

„Die Welt ist erwacht! Veränderung wird kommen, so oder so. Ob ihr wollt oder nicht!“ Die Jugend der Welt fordert Veränderung des Verhaltens der Wirtschaft und der Politik und ist bereit, auch selbst anders zu leben. Die Veränderung wird kommen, ob es uns gefällt oder nicht. Weil wir entweder freiwillig umdenken und anders leben – oder weil die Veränderung des Klimas und der Umwelt dazu zwingen werden.

Wie hoch ist der Himmel?

In der Bibel, im ersten Buch Mose, wird erzählt, dass die Menschen in Babylon versuchten, einen Turm zu bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reicht. Mit der Kunst der Architekten und Ingenieure, der Baumeister und Ziegelformer wollten sie sich dem Wohnort Gottes nähern, ihn verstehen und ergründen können.

Die Verfasser des Ersten Buch Moses erzählen, dass Gott sich tief hinunterbeugen muss, um diesen Turm zu sehen und sich über das seltsame Vorhaben der Menschen zu wundern. Lächerlich ist, was sie planen, und doch scheint es Gott zu stören.

Schon einmal hatte der Hochmut und die Selbstsucht seines Geschöpfes einen Keil zwischen Gott und die Menschen getrieben; scheinbar ging es nur um die Frucht vom Baum der Erkenntnis, herrlich anzusehen, süß und eine Lust für den Gaumen. Doch in Wirklichkeit sind die Menschen der Versuchung erlegen, Gott gleich zu sein, sich eigene Gesetze und Regeln zu geben, selbst zu erkennen, was Gut und Böse ist.

Photo by Edvin Richardson on Pexels.com

Nun also wollen sie einen Turm bauen, der bis in den Himmel reicht, sie wollen die Sphäre Gottes erobern. Sie wollen sich einen Namen machen, der ewig bleibt, ein Zeichen setzen für die Ewigkeit. Sie wollen letztlich wieder einmal sein wie Gott! Um dieses Vorhaben zunichte zu machen, verwirrt Gott die Sprache der Menschen, so daß plötzlich keiner den anderen mehr verstehen konnte.

Wahrscheinlich ist diese Geschichte inspiriert worden durch den Anblick des Zikkurat, der Stufenpyramide im heiligen Bereich der Stadt Babylon. Auf der obersten Stufe befand sich ein Altar für das Opfer und die Anbetung des Heiligen, in einem Raum, der vielleicht der „Himmel“ genannt wurde. So wäre der Turm von Babylon tatsächlich ein Gebäude gewesen, an dessen Spitze sich der Himmel befand. Aber das ist nur eine Vermutung.

Später in der Bibel wird erzählt, wie Jakob auf der Flucht vor seinem Bruder Esau irgendwo in der Wüste von der Nacht überrascht wird. Im Windschatten eines großen Steines übernachtet er und träumt von der Himmelsleiter: Eine Leiter zwischen Himmel und Erde, an der die göttlichen Boten auf und nieder steigen. Ganz oben steht Gott selbst und segnet Jakob, der am unteren Ende der Leiter schläft, er verheißt ihm Lebenskraft und Zukunft und eine zahlreiche Nachkommenschaft, und er gibt ihm eine Weltgeschichtliche Bedeutung: In dir sollen gesegnet sein alle Völker der Erde.

Ihr Völker der Welt, schaut auf diesen Ort! Hier in Lus, wo Jakob schlief, ist das Haus Gottes und die Pforte des Himmels. Beth-El, Haus Gottes, soll dieser Ort in Zukunft heißen. Nicht der Hochmut der Menschen, sondern die Barmherzigkeit Gottes hat diesen Abgrund überwunden, der den Himmel von der Erde trennt. Kein Turm, der hinaufsteigt, sondern eine Leiter, die sich herabsenkt, zeigt den richtigen Weg – Gott kommt zu den Menschen mit Barmherzigkeit und Segen.

Noch immer versuchen Menschen, den Himmel zu berühren. Flugzeuge zeichnen weiße Striche zwischen die Wolken am Himmel, Satelliten zeigen sich am Abend und am Morgen als schnell dahinziehende Lichtpunkte zwischen den Sternen. Raumsonden haben alle Planeten des Sonnensystems erkundet, einige sind sogar auf dem Weg, den Einflußbereich der Sonne zu verlassen. Wir Menschen nennen das stolz „Raumfahrt“ und haben doch nur eine Ahnung gewonnen von den unendlichen Weiten, die noch nie zuvor ein Mensch gesehen hat. Was sind ein paar Milliarden Kilometer angesichts der Tiefen des Universums.

Es ist immer noch die Neugier, das Wissen-Wollen, der Forscherdrang der Menschen, die diesen Vorstoß in den Himmel antreibt. Vielleicht auch die Sehnsucht, sich einen Namen zu machen, an den man sich in Tausend Jahren noch erinnern wird. Und sicher auch immer noch das Streben nach „göttlicher“ Macht, die sich die Natur unterwirft und dienstbar macht.

Selbstverständlich sind uns heute weltweite Echtzeit-Kommunikation, GPS-navigiertes Fahren, Überwachung von Truppenbewegungen und Umweltschäden aus dem All und demnächst auch selbstlenkende Busse, Schiffe und Erntemaschinen – alles Dinge, die ohne Satelliten und Teleskopen in der Erdumlaufbahn nicht möglich wären. Alles auf der Erde und selbst der erdnahe Weltraum wird „smart“ und nützt dem Lebenshunger der Menschheit. Vielleicht wird es sogar irgendwann den „Fahrstuhl ins Weltall“ geben, der bisher nur in der Phantasie von science fiction Autoren existiert, einen Aufzug in die geostationäre Umlaufbahn und darüber hinaus.

Doch wie die Menschen in Babylon stoßen auch wir an Grenzen. Die Ressourcen der Erde sind übermäßig beansprucht, der Planet wird ohne Rücksicht ausgebeutet, und es ist nicht mehr zu übersehen, dass es so auf Dauer nicht weiter gehen kann, dass es jetzt schon höchste Zeit ist, diesen Raubbau zu beenden. Manche sagen „Die Natur schlägt zurück, die Erde wehrt sich“ – doch ich bin überzeugt, dass wir es einfach mit den Folgen unseres Handelns zu tun haben, mit den Folgen unseres Eingreifens in ein überaus kompliziertes Netzwerk, das nun aus dem Gleichgewicht gerät und vielleicht einem tipping point, einem Kipppunkt entgegengeht, von dem es kein zurück mehr gibt. Das Leben auf der Erde wird auch dann weitergehen, es hat sich schon an größere Veränderungen angepasst – es geht weiter, nur vielleicht ohne den Menschen.

Wenn die Menschheit so mächtig ist, dass sie sein kann „wie Gott“, dass sie so wirkmächtig in das Ökosystem eingreifen kann, dass man dieses Erdzeitalter einmal das „Anthropozän“ nennen wird – dann übernimmt sie auch die Verwantwortung für die Biosphäre, für den ganzen Planeten, dessen Schicksal sie nun in Händen hat. Sind wir dazu reif? Haben wir das Wissen, diese Welt noch vor dem Kippen zu bewahren? Vielleicht müssen wir noch mehr essen vom Baum der Erkenntnis, dass wir begreifen, welche Folgen unser Handeln hat. Damit nicht die kommenden Generationen unseren Namen verfluchen. Möge Gott uns gnädig sein.

Der Bruderkuss

Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer. Eine harte Grenze zwischen den beiden Teilen Deutschlands wurde Geschichte. Über Jahrzehnte hatte sie Freunde getrennt, Familien auseinander gerissen, den Menschen die Freiheit genommen. An der deutsch-deutschen Grenze sind Menschen getötet worden. Das war seit diesem geschichtsträchtigen Tag vorbei.

Auch andere Grenzen Deutschlands, die viel Leid über die Menschen gebracht haben, sind im Lauf der Zeit unwichtiger und durchlässiger geworden. Es ist das Verdienst von Politikerinnen und Politikern aus ganz Europa, dass für viele Menschen die Grenzen in Europa kaum noch spürbar sind. Die wirtschaftliche, politische und kulturelle Zusammenarbeit innerhalb der Staaten des Kontinents sind uns fast selbstverständlich geworden. Sie sind es aber nicht, sondern müssen immer wieder neu erarbeitet und erstritten und verteidigt werden.

Im September waren die Pfarrerinnen und Pfarrer des Kirchenkreises Neukölln auf einer Studienreise nach Straßburg in Frankreich. Auch dort im Elsass ist man sich der Bedeutung der Grenzen in Europa sehr bewusst. Im Laufe der Jahrhunderte hat dieses Gebiet mehrmals die Seiten wechseln müssen, gehörte abwechselnd zu Deutschland oder Frankreich; und jeder Wechsel war mit großem Leiden für die dort wohnenden Menschen verbunden: Viele mussten fliehen und ihren Geburtsort verlassen, andere wurden nun plötzlich von ihren Nachbarn beschimpft und misshandelt,weil sie der “falschen” Volksgruppe angehörten.

Die wechselvolle Geschichte dieses Landstrichs war ein Grund für die Entscheidung, wichtige Organisationen der Europäischen Gemeinschaft in Straßburg anzusiedeln: unter anderen den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, das Parlament der Europäischen Union und den Europäischen Rat. Mehr als sechstausend Menschen arbeiten hier für ein friedliches Zusammenleben in den Staaten Europas. Sie beschließen Gesetze, beschließen und kontrollieren den Haushalt und wählen bzw. berufen die Mitglieder der wichtigsten europäischen Kommissionen.

Skulptur „Begegnung“ an der Brücke zwischen Straßburg und Kehl

In Straßburg weiß man zu würdigen, wie kostbar der Frieden in Europa ist; wie wunderbar es ist, dass man miteinander verhandelt, statt aufeinander zu schießen. Die Förderung der Demokratie und der Schutz der Menschenrechte sind die wichtigsten Aufgaben dieser europäischen Organisationen.Es ist unglaublich schwierig, die Bedürfnisse und Wünsche der Menschen Europas, deren Staaten für so unterschiedliche Kulturen und so verschiedene Traditionen stehen, miteinander in einer sinnvollen Weise zu verbinden. Manche Beschlüsse, Gesetze und Verordnungen erscheinen dadurchoft unnötig kompliziert zu sein und manchmal bis zur Absurdität verklausuliert, doch sie sind immer das Ergebnis eines harten Ringens um einen tragfähigen Kompromiss – und oft genug wirklich hilfreich und sinnvoll.

Am Rhein an der ehemaligen Grenze, die nun durch eine vierfache Brücke überwunden werden kann, steht eine Skulptur, die „Begegnung“. Aus jeder Himmelsrichtung wirkt sie unterscheidlich. Wenn man betrachtend um sie herum geht, wirkt sie wie zwei kämpfende Menschen, wie zwei Männer, die sich gegenseitig halten und Kraft geben, sich gegenseitig ermutigen, und – mit Blick auf die Brücke – sich liebevoll küssen. Was für ein starkes Symbol!

Die Pfarrerinnen und Pfarrer aus dem Kirchenkreis Neukölln haben viel über die Arbeit am Frieden in Europa gelernt in den fünf Tagen, die der Konvent in Straßburg verbringen konnte.

Neben der Wertschätzung für die politische Arbeit trat auch die Achtung für die Arbeit des Lutherischen Weltbundes, dessen Institut für Ökumenische Forschung sie in Straßburg besucht haben: in einer schönen Villa, bis unter die Decke voll gestellt mit Büchern, Briefen, Dokumenten und anderem Archivmaterial aus tausend Jahren Kirchengeschichte. Theologinnen und Theologen, Priester und Professoren, kirchenleitende und forschende Menschen aus der ganzen Welt sind hier ein und aus gegangen und haben wichtige Vereinbarungen unter den Lutherischen Kirchen erarbeitet, die heute das Zusammenleben der evangelischen Kirchen prägen und die ökumenische Zusammenarbeit der ganzen Christenheit fördern. Auch durch diese Arbeit wurden Grenzen überwunden – Grenzen, die zwischen Christinnen und Christen verschiedener Konfessionen bestanden und so ihr Glaubenszeugnis schwächten und ihre Predigt unglaubwürdig machten.

Suchen, was verbindet“ und sehen, wie man „von den Stärken der anderen lernen“ kann – das ist die Aufgabe des ökumenischen Dialogs, dessen Akteure früher zu sehr auf das Trennende, eben auf die Grenzen des Möglichen, geschaut haben. Nun geht Kirche neue Wege – und wird so ab und zu sogar ein Vorbild für die Zusammenarbeit der Staaten in Europa…

In der Kirche von Arundel (Gedanken zum Brexit 2)

Zwei Tage später sind wir dann nach Arundel gefahren. Das größte Kirchengebäude in dieser Stadt ist eine Doppelkirche, praktisch zwei Kirchen, die im rechten Winkel direkt nebeneinander stehen und eine Wand teilen. In dieser Wand gibt es eine Tür, durch die man von der einen Kirche in die andere gehen konnte. Oder vielmehr: nicht gehen konnte. Denn die eine Kirche wird von den Anglikanern genutzt, die andere von der römisch-katholischen Kirche, die in England über Jahrhunderte ein sehr kompliziertes Verhältnis zu einander hatten, um es vorsichtig zu sagen. Sie wollten auch in Arundel nichts miteinander zu tun haben, und darum blieb diese Tür geschlossen. Für mehr als 160 Jahre.

Der Dean erzählte uns, dass erst ein paar Wochen vor unserem Besuch diese Tür feierlich wieder geöffnet wurde und dass bei einem ökumenischen Gottesdienst zum ersten Mal in diesem Jahrhundert wieder Menschen durch diese Tür gingen. Dann zwinkerte er lustig mit den Augen und sagte: „Ganz stimmt das ja nicht. Am Vormittag des großen Tages hat der Hausmeister der Kirche diese Túr geöffnet, um zu sehen, dass sie nach so langer Zeit überhaupt noch funktionierte, und als er sie sauber machen wollte, blieb sie ein paar Minuten unbewacht. Da ging ein alltes Muttchen etwas verträumt und verwundert aus der katholischen Kirche in die anglikanische, und als der Hausmeister ihr dann erklärte, dass sie nun also die erste Person war, die nach 167 Jahren durch diese Tür ging, war siebsehr erschrocken und es war ihr überaus peinlich.

Aber was passiert war, war nun mal geschehen, und so hat nun diese alte Frau Geschichte geschrieben. So wächst zusammen, was zusammen gehört.

Arubdel lohnt einen Abstecher sehr, wer in London einen Nachmittag Zeit hat und der Großstadt entfliehen will, sollte nach Arundel fahren, die mittelalterlichen Gebäude anschauen und vor allem in die Doppelkirche über dem Ort besichtigen. Und in Arundel gibt es die beiden buttered scones, die ich in England pobiert habe.

Als wir wieder in Chichester bei unseren Gastgebern angekommen waren, erzählte uns der Dean der Jubiläums-Kathedrale, dass er einmal bei dem Dean von Arundel eingeladen war und mit ihm ziemlich reichlich von dem guten französischen Cidre gekostet hatte. Abends fuhr er mit seiner Frau Richtung Heimat, wurde aber noch auf der Hauptstraße im Ort von der Polizei angehalten. Der Polizist fragte ihn: Wo fahren sie denn hin? Er antwortete: Thzum Pfharrrhouse nach Arrroundell! Oh, sagte der freundliche Polizist, da müssen Sie aber genau anders herum fahren. Es ist gar nicht weit. Fahren Sie vorsichtig. – Der Dean wendete und fuhr zurück. Da fragte ihn seine Frau: Warum sagst du, dass wir noch Arundel wollen, obwohl wir doch in Wirklichkeit nach Chichester gefahren sind? – Da antwortete der Dean: Der Polizist war eh schon misstrauisch. Wenn ich gesagt hätte: „Wir fahren nnnach Tschi-tschi-tschüssestärrr!“, dann hätte er mich blasen lassen und wir hätten jetzt jede Menge Ärger am Hals.

Der Dean und seine Frau haben an diesem Tag vernünftigerweise bei ihrem Amtskollegen in Arundel übernachtet.

Ich liebe England (Gedanken zum Brexit 1)

Vor einem Jahr hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass Großbritannien nun tatsächlich aus der EU austreten wird. Das Land hat in seiner großartigen Geschichte so viel dazu beigetragen, dass der europäische Staatenbund zu dem wurde, was er heute ist. Natürlich, sie waren schon immer etwas Besonderes, sie hatten immer ihren Spleen, die Briten, aber warum sollte ihnen das nicht erlaubt sein, was jedes andere Land sich auch von Zeit zu Zeit leistet: exzentrisch zu sein und die eine oder andere Marotte zu haben. Großbritannien wird mir fehlen; vor allem England; denn ich liebe es.

Meine erste Flugreise brachte mich nach London Heathrow. Damals war ich gerade 15 Jahre alt. Ich war durch einen privat organisierten Schüleraustausch eingeladen, zwei Wochen bei Thorsten Rettich und seiner Familie in Market Harborough, zwei Stunden Autofahrt nördlich von London, zu verbringen.

Es waren interessante und sehr schöne Tage. Die Familie ist wundervoll, sehr gastfreundlich, die Spontaneität und der Humor haben mich sofort begeistert. Wahrscheinlich ist es auch in England nicht so ganz üblich, dass die ganze Familie, die eigentlich schon fest geschlafen hat, um 2 Uhr früh noch einmal aufsteht und in die Stadt fährt, weil man sich einig geworden ist, dass man jetzt unbedingt eine große Portion fish and chips essen muss.

Ich erinnere mich noch gut an einen Besuch in der methodistischen Kirche dort am Ort. Die Leute feierten ein Gemeindefest an diesem Tag, es gab (ungelogen!) gekochtes Wildschwein in Pefferminzsoße für alle. Und während es allen gut schmeckte, ging der Koch mit einem großen Fleischerbeil durch die Tischreihen und sagte drohend, dass niemand einen Rest übrig lassen sollte, das Abwaschen sei sonst solch eine schmutzige Angelegenheit.

Wir haben alle viel gelacht in dieser Zeit, sogar noch am letzten Tag, als wir alle in einem kleinen Auto zurück nach Heathrow fuhren und die Beatles-Songs im Autoradio miteinander gesungen haben. All you need is love.

Meine erste „eigene“ Kirchengemeinde hatte eine Partnerschaft mit einer Gemeinde aus Chichester, einem kleinen und sehr traditionsreichen Ort südlich von London. Ich bin mehrmals dort gewesen und durfte in einem klitzekleinen Pfarrhaus übernachten, das haargenau so aussah wie die Häuschen auf den kitschigen Postern mit Elfen und Gnomen, die in diesem Jahrzehnt so beliebt waren.

Als Pfarrer der Partnergemeinde wurde ich von einem Gemeindeglied zum anderen weitergereicht und oftmals auch zum Essen eingeladen. Ich habe sehr viele liebe und interessante Leute kennengelernt. Am eindrucksvollsten war die Begegnung mit einem alten Mann, der während des zweiten Weltkriegs Flieger in einem Bombergeschwader war. Nach dem Essen begann er, etwas schüchtern herumzudrucksen, er hatte offenbar etwas auf dem Herzen. Nach einiger Zeit, nach vielen aufmunternden Worten von mir und bei einem Glas Sherry erzählte er mir, dass seine Einheit damals Braunschweig bombardiert hatte. Er sah die Stadt brennen und hatte seitdem fast jeden Tag ein schlechtes Gewissen. Er wusste, dass er Leid und Tod über die Menschen gebracht hatte. Und unter Tränen sagte er: „Wir waren doch eigentlich die Guten; wir mussten doch etwas gegen die Nazis tun; aber dies hat sich hinterher so falsch angefühlt…“

Ich hatte dann sehr stark den Eindruck, dass er mich um Verzeihung bitten wollte, mich, den deutschen Pastor, der damals noch gar nicht am Leben war. Wir haben noch sehr lange gesprochen und auch gemeinsam gebetet. 70 Jahre musste er warten, bis er einmal so sein Herz ausschütten konnte. Ich hoffe, er ist jetzt ein bisschen geheilt von seinem Trauma. Nicht einmal dem Militärpsychologen hatte er seine Schuldgefühle anvertrauen können.

Ein paar Jahre später war ich eingeladen zur 900. Jahresfeier der Kathedrale in Chichester. Ich war Teil einer achtköpfigen Delegation aus Berlin, und wir bekamen Ehrenplätze vorn im Chogestühl, wo man eine exzellente Aussicht über die Kirche hatte. Es war wirklich ein historisches Ereignis, und very british. Wenn eine Organisation Tradition gut zelebrieren kann, dann ist es die anglikanische Kirche. Das wurde schon beim Introitus, bei dem feierlichen Einzug der am Gottesdienst beteiligen Personen, deutlich.

In einer langen Reihe zogen ein: ein Diakon mit dem Vortragekreuz, acht Ministranten, zwei Diakone mit Kerzen und danach die Jungen von der Choralschola. Dann: noch ein Diakon mit einem zweiten Vortragekreuz, vier Ministranten und dann die Lehrer, Professoren und geistliche Leiter der Kathedralschule und der Universität. Und danach: Vortragekreuz, Ministranten und die Geistlichen aus den nahen und ferneren Nachbargemeinden. Schließlich Ehrengäste aus Politik und Wirtschaft. (Es gibt tatsächlich einen Sheriff von Nottingham, und er sieht umwerfend aus in seiner Uniform, prachtvoll bis an die Grenze des Lächerlichen, aber so würdevoll und mit einem selbstironischem Ernst ist er eingezogen, und genau das ist britischer Humor! ) Dann kamen Vertreterinnen und Vertreter des lokalen Landadels, und zuletzt, nach Vortragekreuz und mehr Ministranten der Erzbischof von Canterbury, der in der anglikanischen Kirche der zweite Mann nach der Queen ist und für den Commonwealth in etwa dem Papst entspricht.

Ungefähr 150 Personen sind da eingezogen, und dann fing der Gottesdienst erst an. Die Liturgie war festlich, aber nicht pompös, und ich war des Öfteren zu Tränen gerührt. Ich habe Theologie studiert und habe damals schon mehr als zehn Jahre lang als Pfarrer gearbeitet, aber in diesem Gottesdienst habe ich wohl zum ersten Mal gefühlt, wie Liturgie eigentlich gemeint ist, wie emotional, wie erhebend, wie begeisternd gerade die traditionelle Liturgie sein kann.

Nach dem Gottesdienst gab es ein einfaches Abendessen für die Ehrengäste, zu dem auch die Berliner Delegation eingeladen war. Ich konnte ein paar Worte mit dem Erzbischof wechseln, beim Essen saß ich neben dem Dean der Kirche von Arundel, den ich als einen sehr bescheidenen und herzlichen Menschen erlebt habe. Er hat mir viele interessante Geschichten erzählt und die Delegation nach Arundel eingeladen.

Zum Monatsspruch im Oktober

Manche Menschen kommen gern in den Gottesdienst, ärgern sich dann aber über die Kollektensammlung. Im Gottesdienst soll es doch um schöne, erbauliche, den Glauben stärkende Dinge gehen, aber dann spielt auf einmal doch wieder das schnöde Geld eine wichtige Rolle.

Die Kirche hat doch nun wirklich genug Geld, mag manch einer denken, sie bekommt doch schon die Kirchensteuer, Kirchgeld, Zuschüsse vom Staat, und auch die evangelischen KiTas und Schulen erheben noch Beiträge und Gebühren. Muss dann auch noch in jedem Gottesdienst Kollekte gesammelt werden, fast immer sogar zweifach?

Schon immer war das „Opfer“, wie die Spende im Gottesdienst auch manchmal genannt wird, ein wichtiger Bestandteil der Liturgie. Die Kollekte gehörte ursprünglich zur Abendmahlsliturgie. Zusammen mit Brot und Wein brachten Christinnen und Christen auch Geld zum Altar, als ein „Opfer“, mit dem auf das Opfer Christi geantwortet wird. In Brot und Wein erleben die in der Kirche versammelten Glaubenden die leibliche Gegenwart Christi, und auch durch das Geld wird Christus zahllosen Bedürftigen zum Helfer und zur Rettung aus der Not, nicht nur in der eigenen Gemeinde.

Durch den Bibelvers, der für den Oktober als Monatsspruch ausgewählt wurde, erfahren wir, dass schon in vorchristlicher Zeit das Teilen als ein guter Dienst an Gott gesehen wurde. Tobit, der Vater von Tobias, gibt diesen Rat auf dem Sterbebett an seinen Sohn weiter. Wer gerne gibt und gegenüber dem Bedürftigen großzügig ist, kann sich der Zuneigung Gottes gewiß sein, denn „einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.“ So wird der alte Vater als besonders frommer und verdienter Mann dargestellt.

Im apokryphen Buch Tobit geht der Erzähler sogar so weit, dass er behauptet, dass Gott dem großzügigen Spender ganz gewiss Glück und Segen geben wird, Gesundheit und Erfolg. Es wird ein Tun – Ergehens – Zusammenhang postuliert, der mich beinahe an die Lehre vom guten und vom schlechten Karma erinnert. Ich glaube aber nicht, dass der Verfasser des Buches sagen wollte, man könnte sich den Segen Gottes erkaufen oder sich mit Geld die Früchte eines guten und frommen Lebens erwerben. Ich denke, das dieser Gedanke eher dem entspricht, was Jesus gesagt hat: Ein guter Baum bringt gute Frucht, und ein frommer Mensch bringt Gutes aus seinem Reichtum hervor, um viele zu speisen.

Um diese Freigebigkeit zu leben, muss man nicht unbedingt reich sein, denn es heißt ja: „Wie es dir möglich ist: Aus dem Vollen schöpfend – gib davon Almosen! Wenn dir wenig möglich ist, fürchte dich nicht, aus dem Wenigen Almosen zu geben!“

Ich sehe die Sammlung der Kollekte im Gottesdienst in einem engen Zusammenhang mit dem Glaubensbekenntnis. Wer bereit ist, zu teilen und etwas von dem abzugeben, was Gott ihm an materiellen Gut geschenkt hat, der bekennt dadurch auch den Glauben daran, dass auch am nächsten Tag wieder genug da sein wird, um für sich und seine Familie zu sorgen, der bekennt, dass die Güte Gottes beständig bleibt und sein Erbarmen jeden morgen neu.

In gewisser Weise wird so jeder Sonntag zu einem Erntedankfest. Wir bringen unsere Gaben zum Altar Gottes und bekennen, dass alles, was wir sind und haben, auch das Geld, das wir verdienen und erarbeitet haben, letztlich seine Gaben und sein Geschenk sind. Wir dürfen nur weitergeben, um ihm mit unseren Gaben zu danken.

Kollekte ist eine freiwillige Gabe, wie auch die Teilnahme am Abendmahl freiwillig ist. Sie ist aber eine wichtige Möglichkeit, das geistliche Leben der Gemeinde zu fördern und am diakonischen Wirken der Kirche teilzunehmen. Kollekte ist kein Trinkgeld für Pfarrerin oder den Pfarrer. Sie ist aber gelebte Gemeinschaft in der weltweiten Kirche. Sie ist hilfreich für alle.