Ein Gehirn von der Größe eines Planeten…

Künstliche Intelligenz

Seht mich an, ein Gehirn von der Größe eines Planeten, und man verlangt von mir, euch in die Kommandozentrale zu bringen. Nennt man das vielleicht berufliche Erfüllung? Ich jedenfalls tu es nicht.
Marvin, der Roboter, in „Per Anhalter durch die Galaxis“ von D. Adams

Schon vor der Erfindung des Computers waren Schriftsteller und Philosophen von dem Konzept der künstlichen Intelligenz fasziniert. War es dem Menschen möglich, durch Wissenschaft oder Zauberei andere denkende, fühlende Wesen zu erschaffen, ihnen womöglich so etwas wie eine Seele zu geben und auf diese Art dann doch noch wie Gott zu werden?

Im Mittelalter entstand der Mythos vom Golem, einem künstlichen Menschen, aus Lehm geformt, dem ein Wort aus der hebräischen Bibel in den Mund gelegt wurde und der dann stehen, gehen und handeln konnte, ein Befehlsempfänger, geist- und willenlos, wie eine Mischung aus Roboter und Zombie.

Die Geschichte von Frankensteins „Monster“ erzählt von einem genialen Arzt, dem es gelingt, einen aus Leichenteilen zusammengenähten Körper wieder zum Leben zu erwecken. Tragischerweise hat dieses Monster ein eigenes Bewusstsein und entwickelt Gefühle, und als es erkennt, dass seine Sehnsucht nach Liebe nie erfüllt werden wird, weil es niemals als vollwertiger Mensch anerkannt werden wird, sucht es den Tod.

Mehrfach wurden Automaten mit menschenähnlichen Eigenschaften entworfen und gebaut, zum Beispiel der zahnradgetriebene mechanische „Schreiber“, der mit Hilfe einer Vogelfeder auf Papier schreiben konnte, der „Schachtürke“, ein sehr fein ausgedachter mechanischer Automat, in dem sich ein kleinwüchsiger Schachspieler verstecken konnte und mittels Hebeln und Seilzügen die Figuren auf dem Schachbrett bewegen konnte.

Auch diverse mechanische Rechenmaschinen, die addieren und multiplizieren konnten, wurden in dieser Zeit entworfen. Einige davon waren sehr weit ausgearbeitet und ähnelten von der Konzeption her bereits einfachen Computern; es gab Eingabegeräte, Rechenwerke, Speichermedien und Drucker und Anzeigen für die verarbeteten Daten, all das rein mechanisch. Einige Rechner hätten theoretisch funktioniert, arbeiteten aber nie, weil die Zahnräder und andere mechanische Teile nicht mit der nötigen Präzision hergestellt werden konnten. Zu diesen Rechenmaschinen zähle ich auch die wunderschönen astronomischen Uhren, die in den letzten drei Jahrhunderten gebaut wurden. Sie zeigten die Uhrzeit und berechneten zuverlässig das Datum, den Wochentag, Auf- und Untergangszeiten der Sonne und des Mondes, Mondphasen und Sonnenfinsternisse, die Termine des Ostertages und anderer christlicher Feste. Einige Uhren berechneten auch die Zeiten von Ebbe und Flut oder den Weg der Planeten im Tierkreis. Sie berechneten Schalttage und kannten auch die Hundert- und Vierhundertjahre-Regel.

In der Zeit des Zweiten Weltkrieges wurden die ersten Geräte gebaut, die elektrisch betrieben wurden und die mit Relais und später mit Elektronenröhren arbeiteten. Diese Computer wurden eingesetzt, um die Flugbahnen von Geschossen zu berechnen, gegnerische Geheimcodes zu entschlüsseln und in Friedenszeiten Schiffe zu navigieren und Orbits für Satelliten und Raumschiffe zu berechnen. Mit der Konstruktion der Halbleitertechnologie wurden dann Transistoren und integrierte Schaltkreise eingesetzt und die Entwicklung der modernen Computertechnik setzte ein.

Neben Steuerungsaufgaben und Datenerfassung und -verarbeitung war von Anfang an auch der Traum von einer künstlichen Intelligenz wieder lebendig. Computer lernten Halma, Schach und Go zu spielen, doch es dauerte lange, bis sie den Menschen in diesen Spielen übertreffen konnten. Gleichzeitig wurde deutlich, dass eine Maschine, die gut Schach spielen kann, noch nicht im wirklichen Sinn intelligent ist.

Ein Teilbereich der Medizin, der Psychologie, der Philosophie und auch der Theologie befasste sich mit der Frage, was genau eigentlich menschliche Intelligenz ausmacht und woran man eine künstliche Intelligenz erkennen könnte. Strategien einer „allgemeinen“ oder „universellen“ Problemlösungsmaschine wurden formuliert; künstliche Intelligenz sollte anhand des Turing-Tests erkennbar sein: Wenn es einer Maschine möglich ist, im Rahmen einer geeigneten Testumgebung über längere Zeit den Eindruck zu erwecken, wie ein Mensch zu kommunizieren, dann sollte ihr künstliche (menschliche) Intelligenz zugestanden werden. Systeme wie Alexa und Google sind diesem Ziel inzwischen sehr nahe gekommen, und doch fehlt noch ein entscheidender Schritt – diese Systeme haben keine Selbsterkenntnis und werden darum nicht in der Lage sein, einen eigenen Willen zu entwickeln.

In vielen Büchern, Schauspielen und Filmen wird diese Entwicklung dramatisiert. In dem Roman „2001 – Odyssee im Weltall“ wird das Raumschiff Odyssee, das zum Jupiter gesendet ist, um eine fremde Raumsonde zu untersuchen, von einer künstlichen Intelligenz namens HAL gesteuert. Obwohl viele ihrer Funktionen eng mit dem Betrieb und der Überwachung des Raumschiffes verknüpft ist, hat sie auch eine hochentwickelte Form „starker“ Künstlicher Intelligenz. Von Anfang an ist sie sich ihrer selbst bewusst, besteht den Turing-Test mühelos und ist den Raumfahrern an Bord Gesprächspartnerin und Schachgegner. Eigentlich soll sie am Ziel der Reise auch die Forschungen der Raumfahrer unterstützen und ihnen Helfen, mit der fremden Raumsonde, dem Monolithen, Kontakt aufzunehmen. Im Verlauf der Handlung entwickelt sie eigene Vorstellungen vom Ziel der Forschungsmission und greift auch zu Gewalt, als sie diese Ziele durch die Menschen an Bord der Odyssee bedroht fühlt.

In der entscheidenden Sequenz in dem Flim „Dark Star“ lässt sich die künstliche Intelligenz einer Bombe auf eine philosophische Diskussion über das Sein und das Nicht-Sein der Welt ein und versteht Sätze wie „Ich denke, also bin ich.“

Andere Science-Fiction-Filme setzen hochentwickelte Computer so ein, wie wir es heute den „digitalen Assistenten“ zutrauen, in Star Trek beispielsweise werden sämtliche Funktionen des Raumschiffs Enterprise mittels Sprachbefehlen gesteuert. Das wird als völlig selbstverständlich vorausgesetzt und niemals problematisiert.

Die Satire „Per Anhalter durch die Galaxis“ problematisiert allgegenwärtige Computerintelligenz jedoch sehr wohl: Angefangen von der nervenden Geschwätzigkeit des Schiffscomputers der „Herz aus Gold“ über den ständig deprimierten Roboter Marvin „Ein Gehirn von der Größe eines Planeten, und man schickt mich, die Anhalter aus der Luftschleuse zu holen…“ bis hin zu dem riesigen Rechner, der den Sinn des Lebens, des Universums und überhaupt von allem berechnen soll und dann mit „42“ antwortet – die Eigenwilligkeit und die Unzuverlässigkeit der Künstlichen Inteligenz, ihre „Unberechenbarkeit“ und die für uns Menschen dann doch letztlich unverständliche Kommunikation mit solchen geistigen Existenz werden hier sehr humorvoll und doch nachdenklich beschrieben.

Viele andere Fragen stellen sich noch: Dürfte man denn eine solche Künstliche Intelligenz, die sich in einem Computernetzwerk entwickelt und Selbstbewusstsein und eigenes Denken, Fühlen und Wollen besitzt, einfach so wieder abschalten? Wäre das nicht Mord? Welche Rechte, welchen Schutz, welchen Platz in der Gesellschaft würde einer solchen Künstlichen Intelligenz zustehen?

Andere Schriftsteller und auch manche Wissenschaftler warnen vor den Gefahren, die der Menschheit, der Erde oder gar dem ganzen Unviversum durch die Entwicklung und die „Freisetzung“ einer Künstlichen Intelligenz drohen könnten. Würde eine so mächtige Maschine nicht absichtlich oder unabsichtlich das Ende der Zivilisation herbei führen können? Würde sie die Menschen zu ihrer Unterhaltung in Terrarien stecken wie wir Hamster oder Mäuse? Würde sie die Menschen als eine Art Nahrung oder Energiequelle nutzen wollen? Oder würde sie uns einfach auslöschen, während sie dabei ist, die Erde und dann das ganze Universum in Büroklammern umzuwandeln?

Ich glaube, dass wir von dieser Bedrohung noch sehr weit entfernt sind und dass es noch lange dauern wird, bis Computersysteme zu „starker“ künstlicher Intelligenz mit eigenem Willen und eigenen Zielen fähig sein werden.

Sorgen macht mir eher, wie bereitwillig Menschen sich den „pseudointelligenten“ Systemen unterwerfen, die es heute schon gibt. Wir sind inzwischen weit über die Entwicklung starrer „Expertensysteme“ hinaus, die beispielsweise Krankheiten diagnostizieren oder Aktienhändler und Anlageberater unterstützen. Solche Expertensysteme sind im Grunde nur große „Spreadsheets“, eine Form der Excel-Tabelle, die viele unübersichtliche Datenmengen ordnet, verknüpft und in Beziehung zueinander setzt und dann Hamdlungsempfehlungen gibt und mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit begründen kann. Sollte es notwendig sein, kann man diese Entscheidungsfindung Schritt für Schritt nachvollziehen und die Parameter benennen und ändern, die zu ihr geführt haben.

Trotzdem entscheiden solche Systeme schon heute über Menschen: Ob jemand einen Kredit bekommt oder nicht, ob jemand eingestellt wird oder sich an anderer Stelle bewerben muss, ob jemand vor Gericht seinen Fall gewinnt oder verliert und wie ein Kranker behandelt wird und welche Medikamente er bekommt – das alles bestimmt oft schon heute ein undurchsichtiges Netzwerk aus elektronischen „Experten“, die niemand kontrolliert und deren Entscheidungen selten infrage gestellt werden. Ich hoffe, dass solche Systeme immer wieder kontrolliert und angepasst werden und dass die Entscheidungsträger in Firmen, Banken, Universitäten und Think Tanks letztlich doch eher ihrer eigenen Urteilsfähigkeit vertrauen – damit es nicht am Ende nur noch heißt „Computer said so…“

Wenn diese Systeme noch mehr als jetzt „undurchsichtig“ werden, wenn es keine nachvollziehbaren Algorithmen sind, die da am Werk sind, sondern „neuronale Netze“, „Quantensysteme“ und andere nicht der „Logik“ folgenden Operatoren, dann wird solch Mißtrauen nur um so nötiger. Aber es wird immer weniger Menschen geben, die zu solcher Kritik an der Maschine fähig sind.

Die Datenlage ist oft zu unübersichtlich und die Möglichkeiten der Entscheidung so vielfältig, dass kein Mensch mehr alle Optionen überblicken kann. Darum wurden solche Expertensysteme ja ursprunglich entworfen, auch in diesem Chaos begründete Entscheidungen zu treffen. Wo aber über das Schicksal von Menschen und ganzen Städten und Ländern von der Entscheidung eines Computers abhängt, da geben wir der Künstlichen Intelligenz einfach zu viel Macht. Und dann braucht es keine intelligente Bombe mehr oder eine böswillige Matrix, keinen Terminator und keinen Golem, um die Menschheit ernsthaft in Bedrängnis zu bringen.

Menschen, die nicht mehr an Gott glauben, sind leider nur zu leicht bereit, einem System von Netzwerken und Computern relativ blind zu vertrauen. Dieses System ist sicher nicht aus sich selbst heraus böswillig und zerstörerisch. An vielen Stellen ist es extrem hilfreich und nützlich, solche Systeme zu haben. Der Bordcomputer der Enterprise ist ein bald realisierbarer Traum. Aber ich denke, er könnte gefährlich sein. Wir sollten ihm nicht die roten Knöpfe anvertrauen.

Ich will genau das, was sie hatte!

Harry und Sally, die schönste und humorvollste Liebeskomödie, die ich kenne, ist im vergangenen Jahr 30 geworden. Man merkt es an dem Frisuren der Frauen, an der Mode und an den Autos, aber sonst ist der Film immer noch topaktuell.

Harry und Sally sind sich einig, dass Männer und Frauen nicht auf Dauer einfach so befreundet sein können. Immer kommt die Liebe oder zumindest der Sex dazwischen.

Harry: „Was ich sagen will, und das soll keine Anmache sein, weder versteckt noch offen, Männer und Frauen können nie Freunde sein! Der Sex kommt ihnen immer wieder dazwischen.“
Sally: „Das ist doch garnicht wahr. Ich hab eine Menge männlicher Freunde, mit denen sexuell nichts läuft.“
Harry: „Hast du nicht.“
Sally: „Hab ich wohl.“
Harry: „Hast du nicht.“
Sally: „Wenn ich es dir sage…“
Harry: „Das glaubst du doch nur.“
Sally: „Wie willst du das wissen?“
Harry: „Weil kein Mann nur mit einer Frau befreundet sein kann, die er attraktiv findet. Er wird immer mit ihr schlafen wollen!“
Sally: „Du sagst also, ein Mann kann mit einer Frau nur befreundet sein, wenn er sie nicht attraktiv findet?“
Harry: „Nein, die wird er genauso gern bumsen wollen.“
Sally: „Und was ist, wenn sie nicht mit dir schlafen wollen?“
Harry: „Das spielt kein Rolle. Sex steht immer im Raum. Und die Freundschaft ist zum scheitern verurteilt. Damit ist die Geschichte zuende.“
Sally: „Das bedeutet, wir werden nie Freunde sein.“
Harry: „Scheint so..“
Sally: „Zu dumm. Du warst der einzige Mensch, den ich in New York kannte.“

Trotz dieser Überzeugung bleiben die beiden über viele Jahre in Kontakt und trösten sich gegenseitig in ihren immer wieder kompliziert werdenden Lebenssituationen.

An der bekanntesten Stelle des Films sitzen sie miteinander in einem Café und reden miteinander darüber, ob ein Mann es wohl merkt, wenn eine Frau ihm einen Orgasmus vortäuscht. Harry ist überzeugt, dass ihm das noch nie passiert ist und dass er es in jedem Fall bemerken würde.

Worauf Sally ihren Kaffee wegstellt und mit einer perfekt glaubhaften Demonstration beginnt:
Sie verdreht die Augen.
Sie atmet tief und schwer.
Sie seufzt.
Sie öffnet ihren Mund und fährt sich mit ihren Händen durch die Haare.
Sie stöhnt und windet sich.
Sie schlägt mit den Händen rhythmisch auf den Tisch.
Sie seufzt: „Oh ja! Das ist so gut. Oh GOTT! Mach weiter….“
Noch ein paar Mal stöhnt sie schnell und laut und zuckt mit einem Seufzer plötzlich zusammen.
Dann nimmt sie ihre Kaffeetasse wieder in die Hand und grinst Harry an, der fassungslos zurück schaut.

Auch die anderen Gäste im Café haben die Szene fasziniert beobachtet, und eine ältere Dame winkt den Kellner an ihren Tisch uns sagt:
„Ich will genau das, was sie hatte!“

Dieser Satz ist der Grund, warum ich Euch heute an diesen Film erinnere. Ich habe mir für dieses Jahr keine guten Vorsätze gemacht, aber das finde ich doch hilfreich und nützlich:

Wenn jemand eine gute Erfahrung gemacht hat, wenn jemand sich über etwas freut und glücklich geworden ist, dann ist es fast immer eine gute Idee, dasselbe auch einmal auszuprobieren.

Natürlich wird das nicht immer die gleiche Wirkung haben, meistens funktioniert das glücklich machende Mittel der anderen bei mir nicht – aber ich kann es doch zumindest versuchen. Immerhin hat es ja bei den anderen schon einmal funktioniert.

Das soll keine Werbung für Drogen irgendwelcher Art sein – die machen meistens nicht auf Dauer glücklich. Und wenn es um Glück geht, kommt es mir schon auf die Langzeitwirkung an.

Ich habe zu diesem Thema noch ein chinesisches Sprichwort gefunden, das in unterschiedlichen Versionen im Internet kursiert:

Wenn du eine Stunde lang glücklich sein willst, schlafe.
Wenn du einen Tag glücklich sein willst, geh fischen.
Wenn du ein Jahr lang glücklich sein willst, pflanze einen Garten.
Wenn du zehn Jahre glücklich sein willst, heirate.
Wenn du aber ein Leben lang glücklich sein willst, dann liebe, was du tust.

Chinesisches Sprichwort

Dieses Schreibset will fliegen…

Die Weihnachtsgottesdienste sind vorbei, Silvester und Neujahr sind überstanden, und nun beginnen 366 brandneue Tage. Ich bin gespannt, welchen Vers ich zu meiner Geschichte beisteuern kann…

Gestern habe ich mich erinnert an einen wunderbaren Film, der mich tief beeindruckt hat, als ich ihn zum ersten Mal sah: Der Club der toten Dichter.

Der Film steckt voller begeisternder Szenen, in denen der Lehrer John „Captain, my Captain“ Keating es immer wieder schafft, den Jungen des streng geführten und hoffnungslos veralteten Gymnasiums und Internats die Dichtung der Sturm und Drang-Zeit und der Romantik neu zum Leben zu erwecken und in ihnen selbst die Lust und die Freude an der Poesie zu eröffnen.

Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und die anderen an dieser Schule gelehrten Inhalte sind zwar wichtig, um zu leben. Aber das den Menschen nahestehendste Fach ist die Dichtkunst, die Poesie, weil wir Menschen sind – Wesen voller Leidenschaft und Hoffnung, voller Angst und Begeisterung, und dies muss sich ausdrücken durch die Kunst, Worte zu setzen, die wirken und verändern können und in anderen Menschen auch Leidenschaft und Begeisterung wecken…

Dies aber ist die Antwort:
Du bist hier, damit das Leben blüht
und die Persönlichkeit,
Damit das mächtige Spiel weitergeht
und du deinen Vers dazu beitragen kannst.

Was wird euer Vers sein?

Eine der eindrücklichsten Szenen aber spielt sich abseits der Auseinandersetzung mit der Dichtkunst ab: Einer der Schüler bekommt zu seinem Geburtstag ein in Plastikfolie verpacktes Schreibset geschenkt – das Gleiche, das er auch schon im Jahr zuvor bekam. Seine Eltern haben sich offensichtlich keine Gedanken darüber gemacht, was er sich wirklich wünscht oder auch nur ernsthaft brauchen könnte. Ein Schreibset für einen Schüler, kann ja nicht verkehrt sein.

Und während er auf dem Dach steht und über die Lieblosigkeit seiner Eltern trauert, kommt ein Freund und hört ihm zu. Und es kommt zu folgendem Dialog:

A: Ich habe heute Geburtstag.
B: Meinen Glückwunsch!
A: Danke.
B: Was hast du gekriegt?
A: Meine Eltern haben mir das da geschenkt.
B: Ist das nicht dasselbe Schreibset, das du…
A: Ja, ich habe das gleiche schon letztes Jahr gekriegt.
B: Sie haben vielleicht gedacht, du könntest zwei gebrauchen.
A: Wahrscheinlich haben sie überhaupt nicht gedacht. Das Komische dabei ist, dass ich es schon meim ersten Mal blöd fand.
B: Ich glaube, du unterschätzt den Wert einer solchen Schreibgarnitur.
A: Was?
B: Naja, wer will schon einen Fußball haben oder einen Baseball…
A: … oder ein Auto.
B: … oder ein Auto, wenn man ein so wunderschönes Schreibset kriegen kann? Sobald ich auf die Idee käme, mir so ein Set zweimal zu kaufen, würde ich wahrscheinlich auch sowas hier kaufen. Und zwar beide Male!
Ich finde, die Form ist irgendwie aerodynamisch. Man spürt förmlich, dass dieses Set jetzt fliegen will.

Er drückt es seinem Freund in die Hand: Lass es fliegen!

Der wirft es mit einem Schrei der Erleichterung vom Dach, beide schauen hinterher…

Schau, das erste unbemannte fliegende Schreibset!

A: Juhuu! (lacht)

B: Mach dir keine Sorgen – nächstes Jahr kriegst du ein neues.

Ja, es geht nicht um ein gedankenloses „Alle Jahre wieder“ – weder an Weihnachten noch an Silvester. Es geht nicht darum, die Asche alter Bräuche anzubeten. Es geht auch nicht darum, jedes mal wieder „gute Vorsätze zu fassen“ und sich zu überlegen, wie man sich im kommenden Jahr verbessern und optimieren kann. Ich habe keine Vorsätze gefasst. Aber ich möchte Leben und meinen Vers beitragen zu dem mächtigen Spiel:

I sound my barbaric yawp over the roofs of the world.