Der Familienbenutzer

Ewig ist’s her, bestimmt vierzig Jahre…

Damals war ich „Teamer“, also freiwilliger Helfer, in der Konfirmandenarbeit der evangelischen Senfkorngemeinde im Märkischen Viertel in Berlin. Rückblickend war das eine der schönsten Zeiten meines Lebens, und das ist nicht übertrieben und nicht ironisch gemeint…

Die Teamer waren ein wilder Haufen damals. Fast fünfzig Mädchen und Jungen im Alter zwischen siebzehn und dreizehn, teilweise ein bisschen religiös überdreht, aber größtenteils doch völlig normale Jugendliche, die ihre gemeinsame Pubertät zusammen genossen, so gut es eben möglich war.

Ganz unterschiedliche Typen waren da zusammen; Sportbegeisterte, musikalisch Talentierte, extrovertierte Selbstdarsteller, schüchterne Mauerblümchen, Fans und Hater, Nerds und Models, Party-Mäuse und Prinzessinnen, Angeber und Spielkinder – eben ein repräsentativer Ausschnitt der Jugendlichen aus den Hochhäusern im Kiez rund um den Senftenberger Ring, das man damals noch nicht „Ghetto“ nannte. An Sido dachte damals noch niemand; der war damals noch ein Baby, das ganz ohne Maske auf der Schulter seiner Mutter lag und nur vielleicht schon rhythmisch rülpste, während wir im Garten des Gemeindehauses „Danke für diesen guten Morgen“ und „Kum ba yah, my Lord“ sangen. Die Art Leute sind wir gewesen.

Thomas, einer von den Nerds, brachte eines Tages zu einem Konfirmandenwochenende ein selbstgebasteltes Kästchen mit in die Gemeinderäume, und er zeigte stolz ein bisschen zusammengelötete Elektronik vor, und seinen Walkman, einen tragbaren Cassettenrecorder. Dessen Kopfhörerbuchse verband er mit einem Kabel mit einer ähnlichen Buchse in seinem Kästchen – und dann konnten wir im Gemeindehaus in allen Zimmern seine Musik im Radio hören. So hatten wir in der Kirche einen eigenen kleinen, von der Post nicht genehmigten und absolut illegalen Piratensender, aber weil der nur ein Wochenende lang „on air“ war, wurden wir nie entdeckt. Thomas war aber ein paar Tage lang der König im Gemeindehaus…

Er nannte sein Kästchen den „originalen Familienbenutzer“ – und dies Wort blieb bei mir hängen. Offensichtlich kannte er damals schon Loriot, während ich noch die „Lustigen Taschenbücher“ und „Yps mit Gimmick“ las… Und vor Kurzem musste ich aus irgend einem Grund an diese Tage denken und habe das Wort „Familienbenutzer“ mal gegoogelt und da erst entdeckt, dass die kryptische Bezeichnung aus einem Weihnachtssketch des Großmeisters des skurrilen Humors stammt, von dem ich damals nur die Szene mit der Nudel kannte…

„Es ist ein Artikel, der schon durch seine gefällige Form anspricht, gell? Er ist formschön, wetterfest, geräuschlos, hautfreundlich, pflegeleicht, völlig zweckfrei und – gegen Aufpreis – auch entnehmbar. Ein Geschenk, das Freude macht, für den Herrn, für die Dame, für das Kind, gell?“

– Loriot: Das Frühstücksei.

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Thomas hatte damals eben Recht: Jeder braucht so ein Ding, gerade in der Weihnachtszeit….

Einmal um die ganze Welt…

Von Umberto Eco gibt es ein Buch mit dem Titel „Die Insel des vorigen Tages“. Die Geschichte spielt unter anderem auf einem Segelschiff, das nahe einer kleinen Insel im Pazifik auf eine Sandbank aufgelaufen ist und sich nicht mehr allein befreien kann. Die Sandbank liegt nur ein paar Seemeilen westlich der Datumsgrenze, und die Insel liegt in Sichtweite, aber östlich der Datumsgrenze.

Die Seemänner auf dem gestrandeten Schiff sehen immer wieder hinüber zu der Insel und lassen sich faszinieren von den philosophischen und praktischen Folgen der Tatsache, dass sie hinübersehen auf ein Land, das in einer anderen Zeit existiert. Während bei ihnen bereits Sonntag ist, ist dort drüben erst Samstag. Den Tag, den sie gerade erlebt haben, könnten sie dort drüben noch einmal erleben. Wenn sie dann aber zurück kämen, würden sie einen ganzen Tag überspringen müssen, gewissermaßen zurück in die Zukunft reisen…

Die Artikel zu „Datumsgrenze“ bei Wikipädie und anderen Online-Enzyklopädien fand ich zeimlich verwirrend und schwer zu verstehen. Was genau ist die Datumsgrenze und warum braucht man sie? Und warum geschehen dort so seltsame Dinge mit der Zeit? Ich will versuchen, es einfacher zu erklären als den Autorinnen und Autoren der Wikipädie das gelungen ist.

Die Erde dreht sich jeden Tag einmal um sich selbst, und nach einer Konvention der Menschheit ist es immer dort gerade zwölf Uhr mittags, wo die Sonne auf ihrer Bahn am Himmel ihren höchsten Punkt erreicht. Gegenüber, auf der anderen Seite der Welt, ist dann Mitternacht.

So hat theoretisch jeder Punkt auf der Erde seine eigene Zeit – bis ins Mittelalter hinein haben die Menschen auch so gerechnet, es gab eine Berliner Zeit und eine Hamburger Zeit, Londoner und Pariser Zeit und so fort. Im einem Zeitalter, in dem die Postkutsche das schnellste Fortbewegungsmittel war, schien allen diese Regelung annehmbar.

Seit der Zeit der ersten Eisenbahnlinien (und damit der ersten Fahrpläne) und im Zeitalter der Telegraphie und der schnellen Kommunikation sorgten die vielen verschiedenen Zeitzonen aber für Verwirrung.

Man einigte sich darauf, den Vollkreis von 360 Grad rund um den Äquator in 24 Zeitzonen aufzuteilen, also jeweils 15 Grad breit, und in diesem Bereich eine für alle verbindliche Zeit festzulegen. Wenn es also in London Mittag ist, dann auch in Portugal und in Mali, wenn es in Finnland Mitternacht ist, dann auch in Ägypten und in Südafrika. Aus politischen und wirtschaftlichen Gründen hat man sich aber nicht überall auf diese Regelung geeinigt; die Mitteleuropäische Zeit MEZ reicht beispielsweise von Spanien bis Polen und Schweden, über ein Gebiet, das sich normalerweise über vier Zeitzonen erstrecken müsste. Das führt dann dazu, dass in Polen die Sonne dreieinhalb Stunden früher aufgeht als in Spanien, sie geht aber auch fast vier Stunden früher unter… Wenn Hamburg von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends Sonnenlicht hat, ist es Warschau von fünf Uhr bis fünf Uhr hell, in Spanien geht die Sonne erst um acht auf und erst spät abends wieder unter, wenn es in Polen schon dunkle Nacht ist.

Normalerweise aber gilt: Reist man nach Osten, der aufgehenden Sonne entgegen, muss man etwa alle 1200 Kilometer die Uhr eine Stunde vorstellen, weil man dann in eine andere Zeitzone gereist ist.

Reist man auf diese Art um die Welt herum, fehlt einem am Ende ein ganzer Tag, denn man hat in jeder Zeitzone eine Stunde verloren.

Aus diesem Grunde gibt es im Pazifik die Datumsgrenze. Wenn hier Mitternacht ist, schreibt man auf der ganzen Erde dasselbe Datum – für einen kurzen Moment. Doch westlich der Mitternachtslinie ist dieser Tag vergangen, während der östlich der Linie gerade erst beginnt. Dann aber zieht die gedachte Mitternachtslinie nach Westen fort, der Sonne hinterher. Nach einer Stunde ist zwischen der nun entfernten Mitternachtslinie und der Datumsgrenze ein Gebiet, in dem die erste Stunde des neuen Tages vergangen ist. Auch westlich der Mitternachtslinie ist eine Stunde vergangen – aber es ist eine Stunde des Tages, der auf der Ostseite bereits vergangen ist und hier erst begonnen hat… (O weh; ich fürchte, das ist jetzt genau so verwirrend wie der Artikel auf Wikipedia…)

Wenn man von Westen nach Osten um die Erde herum reist und in jeder Zeitzone eine Stunde verliert, indem man die Uhr vorstellt, muss man hier an der Datumsgrenze die Zeiger einen ganzen Tag zurück drehen. So ist gewährleistet, dass man wieder das richtige Datum schreibt, wenn man in seiner Heimat ankommt. (Ist das ein Spoiler, wenn ich hier schreibe, dass diese Tatsache in Jules Vernes Roman „In achtzig Tagen um die Welt“ eine wichtige Rolle spielt?)

Noch ein Beispiel: Wenn es in London Mitternacht ist und beispielsweise ein Donnerstag beginnt, ist es an der Datumsgrenze zwölf Uhr – aber westlich der Datumsgrenze ist Donnerstag, während auf der östlichen Seite noch Mittwoch ist – solange, bis die Mitternachtslinie um die Erde herum wandert und auch hier der Donnerstag beginnt.

Man schaut also den ganzen Tag lang vom Schiffswrack östlich der Datumsgrenze auf die Insel des vorigen Tages hinüber… Immer ist dort die selbe Uhrzeit, aber vierundzwanzig Stunden früher… (War das jetzt verständlicher?)

Im Zeitalter eines weltumspannenden Netzwerks von Computern ist auch das Konzept der Zeitzonen schwierig geworden, denn wenn man sich beispielsweise zu einem online-Treffen verabredet, muss man immer sagen, für welche Zeitzone die angegebene Uhrzeit gemeint ist. Das Netz insgesamt zu synchronisieren über alle Zeitzonen hinweg erfordert einen erheblichen technischen und programmiertechnischen Aufwand.

Eine schweizer Uhrenfirma hat deshalb vorgeschlagen, für das Internet eine eigene Zeitrechnung und eine eigene Zeitzone einzuführen. Die vierunszwanzig Stunden des Tages sollten in tausend „Beats“ unterteilt werden, die überall auf der Welt gleichzeitig wären, unabhängig von der dort geltenden Zeitzone. Wenn ich mich mit jemandem aus New York und mit jemandem aus Tokio um @667 verabrede, sind wir gleichzeitig online, auch wenn es im New York erst elf Uhr vormittags und in Tokio schon Mitternacht ist.

Und natürlich stellt eben jene schweizer Uhrenfirma – und nur die – Uhren her, die die Ortszeit und die Beat-Zeit gleichzeitig darstellen kann. Durchgesetzt hat sich dieses System aber bisher nicht…

Ein Gehirn von der Größe eines Planeten…

Künstliche Intelligenz

Seht mich an, ein Gehirn von der Größe eines Planeten, und man verlangt von mir, euch in die Kommandozentrale zu bringen. Nennt man das vielleicht berufliche Erfüllung? Ich jedenfalls tu es nicht.
Marvin, der Roboter, in „Per Anhalter durch die Galaxis“ von D. Adams

Schon vor der Erfindung des Computers waren Schriftsteller und Philosophen von dem Konzept der künstlichen Intelligenz fasziniert. War es dem Menschen möglich, durch Wissenschaft oder Zauberei andere denkende, fühlende Wesen zu erschaffen, ihnen womöglich so etwas wie eine Seele zu geben und auf diese Art dann doch noch wie Gott zu werden?

Im Mittelalter entstand der Mythos vom Golem, einem künstlichen Menschen, aus Lehm geformt, dem ein Wort aus der hebräischen Bibel in den Mund gelegt wurde und der dann stehen, gehen und handeln konnte, ein Befehlsempfänger, geist- und willenlos, wie eine Mischung aus Roboter und Zombie.

Die Geschichte von Frankensteins „Monster“ erzählt von einem genialen Arzt, dem es gelingt, einen aus Leichenteilen zusammengenähten Körper wieder zum Leben zu erwecken. Tragischerweise hat dieses Monster ein eigenes Bewusstsein und entwickelt Gefühle, und als es erkennt, dass seine Sehnsucht nach Liebe nie erfüllt werden wird, weil es niemals als vollwertiger Mensch anerkannt werden wird, sucht es den Tod.

Mehrfach wurden Automaten mit menschenähnlichen Eigenschaften entworfen und gebaut, zum Beispiel der zahnradgetriebene mechanische „Schreiber“, der mit Hilfe einer Vogelfeder auf Papier schreiben konnte, der „Schachtürke“, ein sehr fein ausgedachter mechanischer Automat, in dem sich ein kleinwüchsiger Schachspieler verstecken konnte und mittels Hebeln und Seilzügen die Figuren auf dem Schachbrett bewegen konnte.

Auch diverse mechanische Rechenmaschinen, die addieren und multiplizieren konnten, wurden in dieser Zeit entworfen. Einige davon waren sehr weit ausgearbeitet und ähnelten von der Konzeption her bereits einfachen Computern; es gab Eingabegeräte, Rechenwerke, Speichermedien und Drucker und Anzeigen für die verarbeteten Daten, all das rein mechanisch. Einige Rechner hätten theoretisch funktioniert, arbeiteten aber nie, weil die Zahnräder und andere mechanische Teile nicht mit der nötigen Präzision hergestellt werden konnten. Zu diesen Rechenmaschinen zähle ich auch die wunderschönen astronomischen Uhren, die in den letzten drei Jahrhunderten gebaut wurden. Sie zeigten die Uhrzeit und berechneten zuverlässig das Datum, den Wochentag, Auf- und Untergangszeiten der Sonne und des Mondes, Mondphasen und Sonnenfinsternisse, die Termine des Ostertages und anderer christlicher Feste. Einige Uhren berechneten auch die Zeiten von Ebbe und Flut oder den Weg der Planeten im Tierkreis. Sie berechneten Schalttage und kannten auch die Hundert- und Vierhundertjahre-Regel.

In der Zeit des Zweiten Weltkrieges wurden die ersten Geräte gebaut, die elektrisch betrieben wurden und die mit Relais und später mit Elektronenröhren arbeiteten. Diese Computer wurden eingesetzt, um die Flugbahnen von Geschossen zu berechnen, gegnerische Geheimcodes zu entschlüsseln und in Friedenszeiten Schiffe zu navigieren und Orbits für Satelliten und Raumschiffe zu berechnen. Mit der Konstruktion der Halbleitertechnologie wurden dann Transistoren und integrierte Schaltkreise eingesetzt und die Entwicklung der modernen Computertechnik setzte ein.

Neben Steuerungsaufgaben und Datenerfassung und -verarbeitung war von Anfang an auch der Traum von einer künstlichen Intelligenz wieder lebendig. Computer lernten Halma, Schach und Go zu spielen, doch es dauerte lange, bis sie den Menschen in diesen Spielen übertreffen konnten. Gleichzeitig wurde deutlich, dass eine Maschine, die gut Schach spielen kann, noch nicht im wirklichen Sinn intelligent ist.

Ein Teilbereich der Medizin, der Psychologie, der Philosophie und auch der Theologie befasste sich mit der Frage, was genau eigentlich menschliche Intelligenz ausmacht und woran man eine künstliche Intelligenz erkennen könnte. Strategien einer „allgemeinen“ oder „universellen“ Problemlösungsmaschine wurden formuliert; künstliche Intelligenz sollte anhand des Turing-Tests erkennbar sein: Wenn es einer Maschine möglich ist, im Rahmen einer geeigneten Testumgebung über längere Zeit den Eindruck zu erwecken, wie ein Mensch zu kommunizieren, dann sollte ihr künstliche (menschliche) Intelligenz zugestanden werden. Systeme wie Alexa und Google sind diesem Ziel inzwischen sehr nahe gekommen, und doch fehlt noch ein entscheidender Schritt – diese Systeme haben keine Selbsterkenntnis und werden darum nicht in der Lage sein, einen eigenen Willen zu entwickeln.

In vielen Büchern, Schauspielen und Filmen wird diese Entwicklung dramatisiert. In dem Roman „2001 – Odyssee im Weltall“ wird das Raumschiff Odyssee, das zum Jupiter gesendet ist, um eine fremde Raumsonde zu untersuchen, von einer künstlichen Intelligenz namens HAL gesteuert. Obwohl viele ihrer Funktionen eng mit dem Betrieb und der Überwachung des Raumschiffes verknüpft ist, hat sie auch eine hochentwickelte Form „starker“ Künstlicher Intelligenz. Von Anfang an ist sie sich ihrer selbst bewusst, besteht den Turing-Test mühelos und ist den Raumfahrern an Bord Gesprächspartnerin und Schachgegner. Eigentlich soll sie am Ziel der Reise auch die Forschungen der Raumfahrer unterstützen und ihnen Helfen, mit der fremden Raumsonde, dem Monolithen, Kontakt aufzunehmen. Im Verlauf der Handlung entwickelt sie eigene Vorstellungen vom Ziel der Forschungsmission und greift auch zu Gewalt, als sie diese Ziele durch die Menschen an Bord der Odyssee bedroht fühlt.

In der entscheidenden Sequenz in dem Flim „Dark Star“ lässt sich die künstliche Intelligenz einer Bombe auf eine philosophische Diskussion über das Sein und das Nicht-Sein der Welt ein und versteht Sätze wie „Ich denke, also bin ich.“

Andere Science-Fiction-Filme setzen hochentwickelte Computer so ein, wie wir es heute den „digitalen Assistenten“ zutrauen, in Star Trek beispielsweise werden sämtliche Funktionen des Raumschiffs Enterprise mittels Sprachbefehlen gesteuert. Das wird als völlig selbstverständlich vorausgesetzt und niemals problematisiert.

Die Satire „Per Anhalter durch die Galaxis“ problematisiert allgegenwärtige Computerintelligenz jedoch sehr wohl: Angefangen von der nervenden Geschwätzigkeit des Schiffscomputers der „Herz aus Gold“ über den ständig deprimierten Roboter Marvin „Ein Gehirn von der Größe eines Planeten, und man schickt mich, die Anhalter aus der Luftschleuse zu holen…“ bis hin zu dem riesigen Rechner, der den Sinn des Lebens, des Universums und überhaupt von allem berechnen soll und dann mit „42“ antwortet – die Eigenwilligkeit und die Unzuverlässigkeit der Künstlichen Inteligenz, ihre „Unberechenbarkeit“ und die für uns Menschen dann doch letztlich unverständliche Kommunikation mit solchen geistigen Existenz werden hier sehr humorvoll und doch nachdenklich beschrieben.

Viele andere Fragen stellen sich noch: Dürfte man denn eine solche Künstliche Intelligenz, die sich in einem Computernetzwerk entwickelt und Selbstbewusstsein und eigenes Denken, Fühlen und Wollen besitzt, einfach so wieder abschalten? Wäre das nicht Mord? Welche Rechte, welchen Schutz, welchen Platz in der Gesellschaft würde einer solchen Künstlichen Intelligenz zustehen?

Andere Schriftsteller und auch manche Wissenschaftler warnen vor den Gefahren, die der Menschheit, der Erde oder gar dem ganzen Unviversum durch die Entwicklung und die „Freisetzung“ einer Künstlichen Intelligenz drohen könnten. Würde eine so mächtige Maschine nicht absichtlich oder unabsichtlich das Ende der Zivilisation herbei führen können? Würde sie die Menschen zu ihrer Unterhaltung in Terrarien stecken wie wir Hamster oder Mäuse? Würde sie die Menschen als eine Art Nahrung oder Energiequelle nutzen wollen? Oder würde sie uns einfach auslöschen, während sie dabei ist, die Erde und dann das ganze Universum in Büroklammern umzuwandeln?

Ich glaube, dass wir von dieser Bedrohung noch sehr weit entfernt sind und dass es noch lange dauern wird, bis Computersysteme zu „starker“ künstlicher Intelligenz mit eigenem Willen und eigenen Zielen fähig sein werden.

Sorgen macht mir eher, wie bereitwillig Menschen sich den „pseudointelligenten“ Systemen unterwerfen, die es heute schon gibt. Wir sind inzwischen weit über die Entwicklung starrer „Expertensysteme“ hinaus, die beispielsweise Krankheiten diagnostizieren oder Aktienhändler und Anlageberater unterstützen. Solche Expertensysteme sind im Grunde nur große „Spreadsheets“, eine Form der Excel-Tabelle, die viele unübersichtliche Datenmengen ordnet, verknüpft und in Beziehung zueinander setzt und dann Hamdlungsempfehlungen gibt und mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit begründen kann. Sollte es notwendig sein, kann man diese Entscheidungsfindung Schritt für Schritt nachvollziehen und die Parameter benennen und ändern, die zu ihr geführt haben.

Trotzdem entscheiden solche Systeme schon heute über Menschen: Ob jemand einen Kredit bekommt oder nicht, ob jemand eingestellt wird oder sich an anderer Stelle bewerben muss, ob jemand vor Gericht seinen Fall gewinnt oder verliert und wie ein Kranker behandelt wird und welche Medikamente er bekommt – das alles bestimmt oft schon heute ein undurchsichtiges Netzwerk aus elektronischen „Experten“, die niemand kontrolliert und deren Entscheidungen selten infrage gestellt werden. Ich hoffe, dass solche Systeme immer wieder kontrolliert und angepasst werden und dass die Entscheidungsträger in Firmen, Banken, Universitäten und Think Tanks letztlich doch eher ihrer eigenen Urteilsfähigkeit vertrauen – damit es nicht am Ende nur noch heißt „Computer said so…“

Wenn diese Systeme noch mehr als jetzt „undurchsichtig“ werden, wenn es keine nachvollziehbaren Algorithmen sind, die da am Werk sind, sondern „neuronale Netze“, „Quantensysteme“ und andere nicht der „Logik“ folgenden Operatoren, dann wird solch Mißtrauen nur um so nötiger. Aber es wird immer weniger Menschen geben, die zu solcher Kritik an der Maschine fähig sind.

Die Datenlage ist oft zu unübersichtlich und die Möglichkeiten der Entscheidung so vielfältig, dass kein Mensch mehr alle Optionen überblicken kann. Darum wurden solche Expertensysteme ja ursprunglich entworfen, auch in diesem Chaos begründete Entscheidungen zu treffen. Wo aber über das Schicksal von Menschen und ganzen Städten und Ländern von der Entscheidung eines Computers abhängt, da geben wir der Künstlichen Intelligenz einfach zu viel Macht. Und dann braucht es keine intelligente Bombe mehr oder eine böswillige Matrix, keinen Terminator und keinen Golem, um die Menschheit ernsthaft in Bedrängnis zu bringen.

Menschen, die nicht mehr an Gott glauben, sind leider nur zu leicht bereit, einem System von Netzwerken und Computern relativ blind zu vertrauen. Dieses System ist sicher nicht aus sich selbst heraus böswillig und zerstörerisch. An vielen Stellen ist es extrem hilfreich und nützlich, solche Systeme zu haben. Der Bordcomputer der Enterprise ist ein bald realisierbarer Traum. Aber ich denke, er könnte gefährlich sein. Wir sollten ihm nicht die roten Knöpfe anvertrauen.

Ich will genau das, was sie hatte!

Harry und Sally, die schönste und humorvollste Liebeskomödie, die ich kenne, ist im vergangenen Jahr 30 geworden. Man merkt es an dem Frisuren der Frauen, an der Mode und an den Autos, aber sonst ist der Film immer noch topaktuell.

Harry und Sally sind sich einig, dass Männer und Frauen nicht auf Dauer einfach so befreundet sein können. Immer kommt die Liebe oder zumindest der Sex dazwischen.

Harry: „Was ich sagen will, und das soll keine Anmache sein, weder versteckt noch offen, Männer und Frauen können nie Freunde sein! Der Sex kommt ihnen immer wieder dazwischen.“
Sally: „Das ist doch garnicht wahr. Ich hab eine Menge männlicher Freunde, mit denen sexuell nichts läuft.“
Harry: „Hast du nicht.“
Sally: „Hab ich wohl.“
Harry: „Hast du nicht.“
Sally: „Wenn ich es dir sage…“
Harry: „Das glaubst du doch nur.“
Sally: „Wie willst du das wissen?“
Harry: „Weil kein Mann nur mit einer Frau befreundet sein kann, die er attraktiv findet. Er wird immer mit ihr schlafen wollen!“
Sally: „Du sagst also, ein Mann kann mit einer Frau nur befreundet sein, wenn er sie nicht attraktiv findet?“
Harry: „Nein, die wird er genauso gern bumsen wollen.“
Sally: „Und was ist, wenn sie nicht mit dir schlafen wollen?“
Harry: „Das spielt kein Rolle. Sex steht immer im Raum. Und die Freundschaft ist zum scheitern verurteilt. Damit ist die Geschichte zuende.“
Sally: „Das bedeutet, wir werden nie Freunde sein.“
Harry: „Scheint so..“
Sally: „Zu dumm. Du warst der einzige Mensch, den ich in New York kannte.“

Trotz dieser Überzeugung bleiben die beiden über viele Jahre in Kontakt und trösten sich gegenseitig in ihren immer wieder kompliziert werdenden Lebenssituationen.

An der bekanntesten Stelle des Films sitzen sie miteinander in einem Café und reden miteinander darüber, ob ein Mann es wohl merkt, wenn eine Frau ihm einen Orgasmus vortäuscht. Harry ist überzeugt, dass ihm das noch nie passiert ist und dass er es in jedem Fall bemerken würde.

Worauf Sally ihren Kaffee wegstellt und mit einer perfekt glaubhaften Demonstration beginnt:
Sie verdreht die Augen.
Sie atmet tief und schwer.
Sie seufzt.
Sie öffnet ihren Mund und fährt sich mit ihren Händen durch die Haare.
Sie stöhnt und windet sich.
Sie schlägt mit den Händen rhythmisch auf den Tisch.
Sie seufzt: „Oh ja! Das ist so gut. Oh GOTT! Mach weiter….“
Noch ein paar Mal stöhnt sie schnell und laut und zuckt mit einem Seufzer plötzlich zusammen.
Dann nimmt sie ihre Kaffeetasse wieder in die Hand und grinst Harry an, der fassungslos zurück schaut.

Auch die anderen Gäste im Café haben die Szene fasziniert beobachtet, und eine ältere Dame winkt den Kellner an ihren Tisch uns sagt:
„Ich will genau das, was sie hatte!“

Dieser Satz ist der Grund, warum ich Euch heute an diesen Film erinnere. Ich habe mir für dieses Jahr keine guten Vorsätze gemacht, aber das finde ich doch hilfreich und nützlich:

Wenn jemand eine gute Erfahrung gemacht hat, wenn jemand sich über etwas freut und glücklich geworden ist, dann ist es fast immer eine gute Idee, dasselbe auch einmal auszuprobieren.

Natürlich wird das nicht immer die gleiche Wirkung haben, meistens funktioniert das glücklich machende Mittel der anderen bei mir nicht – aber ich kann es doch zumindest versuchen. Immerhin hat es ja bei den anderen schon einmal funktioniert.

Das soll keine Werbung für Drogen irgendwelcher Art sein – die machen meistens nicht auf Dauer glücklich. Und wenn es um Glück geht, kommt es mir schon auf die Langzeitwirkung an.

Ich habe zu diesem Thema noch ein chinesisches Sprichwort gefunden, das in unterschiedlichen Versionen im Internet kursiert:

Wenn du eine Stunde lang glücklich sein willst, schlafe.
Wenn du einen Tag glücklich sein willst, geh fischen.
Wenn du ein Jahr lang glücklich sein willst, pflanze einen Garten.
Wenn du zehn Jahre glücklich sein willst, heirate.
Wenn du aber ein Leben lang glücklich sein willst, dann liebe, was du tust.

Chinesisches Sprichwort

Dieses Schreibset will fliegen…

Die Weihnachtsgottesdienste sind vorbei, Silvester und Neujahr sind überstanden, und nun beginnen 366 brandneue Tage. Ich bin gespannt, welchen Vers ich zu meiner Geschichte beisteuern kann…

Gestern habe ich mich erinnert an einen wunderbaren Film, der mich tief beeindruckt hat, als ich ihn zum ersten Mal sah: Der Club der toten Dichter.

Der Film steckt voller begeisternder Szenen, in denen der Lehrer John „Captain, my Captain“ Keating es immer wieder schafft, den Jungen des streng geführten und hoffnungslos veralteten Gymnasiums und Internats die Dichtung der Sturm und Drang-Zeit und der Romantik neu zum Leben zu erwecken und in ihnen selbst die Lust und die Freude an der Poesie zu eröffnen.

Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und die anderen an dieser Schule gelehrten Inhalte sind zwar wichtig, um zu leben. Aber das den Menschen nahestehendste Fach ist die Dichtkunst, die Poesie, weil wir Menschen sind – Wesen voller Leidenschaft und Hoffnung, voller Angst und Begeisterung, und dies muss sich ausdrücken durch die Kunst, Worte zu setzen, die wirken und verändern können und in anderen Menschen auch Leidenschaft und Begeisterung wecken…

Dies aber ist die Antwort:
Du bist hier, damit das Leben blüht
und die Persönlichkeit,
Damit das mächtige Spiel weitergeht
und du deinen Vers dazu beitragen kannst.

Was wird euer Vers sein?

Eine der eindrücklichsten Szenen aber spielt sich abseits der Auseinandersetzung mit der Dichtkunst ab: Einer der Schüler bekommt zu seinem Geburtstag ein in Plastikfolie verpacktes Schreibset geschenkt – das Gleiche, das er auch schon im Jahr zuvor bekam. Seine Eltern haben sich offensichtlich keine Gedanken darüber gemacht, was er sich wirklich wünscht oder auch nur ernsthaft brauchen könnte. Ein Schreibset für einen Schüler, kann ja nicht verkehrt sein.

Und während er auf dem Dach steht und über die Lieblosigkeit seiner Eltern trauert, kommt ein Freund und hört ihm zu. Und es kommt zu folgendem Dialog:

A: Ich habe heute Geburtstag.
B: Meinen Glückwunsch!
A: Danke.
B: Was hast du gekriegt?
A: Meine Eltern haben mir das da geschenkt.
B: Ist das nicht dasselbe Schreibset, das du…
A: Ja, ich habe das gleiche schon letztes Jahr gekriegt.
B: Sie haben vielleicht gedacht, du könntest zwei gebrauchen.
A: Wahrscheinlich haben sie überhaupt nicht gedacht. Das Komische dabei ist, dass ich es schon meim ersten Mal blöd fand.
B: Ich glaube, du unterschätzt den Wert einer solchen Schreibgarnitur.
A: Was?
B: Naja, wer will schon einen Fußball haben oder einen Baseball…
A: … oder ein Auto.
B: … oder ein Auto, wenn man ein so wunderschönes Schreibset kriegen kann? Sobald ich auf die Idee käme, mir so ein Set zweimal zu kaufen, würde ich wahrscheinlich auch sowas hier kaufen. Und zwar beide Male!
Ich finde, die Form ist irgendwie aerodynamisch. Man spürt förmlich, dass dieses Set jetzt fliegen will.

Er drückt es seinem Freund in die Hand: Lass es fliegen!

Der wirft es mit einem Schrei der Erleichterung vom Dach, beide schauen hinterher…

Schau, das erste unbemannte fliegende Schreibset!

A: Juhuu! (lacht)

B: Mach dir keine Sorgen – nächstes Jahr kriegst du ein neues.

Ja, es geht nicht um ein gedankenloses „Alle Jahre wieder“ – weder an Weihnachten noch an Silvester. Es geht nicht darum, die Asche alter Bräuche anzubeten. Es geht auch nicht darum, jedes mal wieder „gute Vorsätze zu fassen“ und sich zu überlegen, wie man sich im kommenden Jahr verbessern und optimieren kann. Ich habe keine Vorsätze gefasst. Aber ich möchte Leben und meinen Vers beitragen zu dem mächtigen Spiel:

I sound my barbaric yawp over the roofs of the world.