Predigen über Kirchenlieder

Ein Vortrag für den gemeinsamen Konvent der Pfarrer und der Kirchenmusiker im Kirchenkreis Berlin-Neukölln

1. Ich bin neidisch auf die Musiker

Ich gestehe: Ich bin oft ein bisschen neidisch gegenüber Kirchenmusikern, Organisten und Kantoren: Wenn sie zu einem Konzert einladen, ist die Kirche voll. Dutzende bis Hunderte begeisterter Menschen füllen die Kirchenbänke und Gemeindesäle; es kommen sogar Leute, die noch nie eine Predigt gehört haben oder am Abendmahl teilnahmen.

Auch nach einem Gottesdienst sagen mir viele Leute an der Kirchentür, was für eine große Bereicherung des Gottesdienstes die wundervolle Kirchenmusik war, wie schön der Chor gesungen hat und dass die Band mit ihren bluesigen Gospelklängen diesen Gottesdienst zu einem unvergesslichen Erlebnis gemacht hat.

Da fühlt sich der Pfarrer immer ganz klein und unwichtig und hofft, dass die Gebete, die Predigt und die Liturgie mit dem Segen am Schluss auch irgendwie witksam waren für das geistliche Leben der Gemeindeglieder.

Unterschätzen Kirchenmusiker nicht ihre Rolle im Gottesdienst, wenn sie sich Woche für Woche von ihrer Pfarrerin oder ihrem Pfarrer die Liturgie mailen lassen, inclusive der Lieder, die in diesem Gottesdienst gespielt werden? Sollten sie an dieser Stelle nicht viel mehr mitreden, von sich aus Vorschläge machen und mit entscheiden über diesen so wichtigen Teil des Gottesdienstes und der christlichen Verkündigung? Und unterschätzen sie nicht auch ihre Aufgabe, wenn sie unvorbereitet, innerlich unbeteiligt und ohne eigene Ideen die Choräle runterspielen zu einem müden Gemeindegesang und nur aufleben, wenn sie beim Vor- und Nachspiel und vielleicht noch bei der Begleitung des Abendmahlsgeschehens in eigenen Improvisatioenen brillieren können?

2. Im Gespräch

Uns Pfarrern und uns Kirchenmusikern gemeinsam ist der Auftrag zur Verkündigung. Das Wort Gottes im Gottesdienst zu vergegenwärtigen, die frohe Botschaft für die Gemeindeglieder und ihre Nachbarinnen und Nachbarn aktuell zu machen, sie zu interpretieren. Das tun wir Pfarrer, indem wir die Bibel auslegen. Das tun Kirchemusiker, indem sie Musik und Texte passend zum Charakter des Sonntags im Kirchenjahr auswählen, gegenüber Chorsängerinnen und Chorsängern den theologischen Hintergrund der Kantaten und Oratorien deutlich machen und so bis in die Phrasierung und Betonung der Interpretation hinein deutlich machen, was da eigentlich geharft, gepfiffen und gesungen wird? Und das alles, wie Bach es immer wieder unter seine Noten schrieb, zur größeren Ehre Gottes?!

Wir haben das im Studium gelernt; verschiedene Methoden der Exegese, historisches Grundwissen zur biblischen Geschichte, zur Dogmengeschichte und zur Geschichte der Rezeption Biblischer Texte sind unser „Handwerkszeug“. Eine gute Rhetorik und eine Liebe zur Poesie können beim Predigen helfen.

Alles das hat meiner Ansicht nach den Zweck, mit der Gemeinde in ein Gespräch zu treten, oder besser – in eine Diskussion unter allen Christinnen und Christen zu treten, wie denn die Bibel zu verstehen ist, was wir über Gott erfahren und wie wir gemeinsam unseren Glauben leben können.

Die biblischen Texte in ihrem Zusammenhang auf der einen Seite, die Predigthörerinnen mit ihrer Lebensgeschichte auf der anderen Seite und dazwischen die Predigerinnen bzw. der Prediger mit ihrem theologischen Verständnis und ihrem gelebten Glauben – sie bilden das bekannte Dreieck, in dem das Verkündigungsgeschehen statt findet.

3. Eine neue Dimension

Wenn ich nun über ein Werk der christlichen Kirchenmusik predige, kommen gewissermaßen zwei neue Gesprächspartner in die Runde: Der Dichter des Liedtextes und der Musiker, der die Melodie dazu schreibt und interpretiert. Es ist eine ganze zusätzliche Dimension der möglichen Ausdrucksformen, die es nun zu beachten gilt. Der Komponist nimmt den Bibeltext in seinen Liedern und Melodien auf, interpretiert ihn im Rahmen des theologischen und musikalischen Hintergrundes seiner Zeit und fordert Predigerin und Zuhörerinnen heute auf, sich mit ihrem Glauben, Fühlen und Denken damit auseinender zu setzen.

Nach meiner Meinung ist vor allem dies die zusätzliche Dimension, die die Musik in das Gottesdienstliche Geschehen einbringt: das Gefühl, die Emotion, die „Erhebung“, die eintritt, wenn das Evangelium nicht nur gesprochen und gehört wird, sondern geatmet, gesungen, getanzt und fühlbar gemacht wird, wenn es nicht ein eindimensionales Senden und Empfangen einer Botschaft ist, sondern ein gemeinsames Tun und ein gemeinsames Erleben aller im Gottesdienst Anwesenden ist

4. Versuchungen

Wenn eine Pfarrerin oder ein Pfarrer über einen Choral oder ein Kirchenlied, eine Kantate oder einen Gospelsong predigt, gibt es einige Versuchungen, die es zu vermeiden gilt. Es ist nicht unsere Aufgabe, im Gottesdienst unsere umfassende kulturelle Bildung zu präsentieren. Weder sollen wir zum Museumsführer oder zum Erklär-Bären für Menschen werden, die weniger Wissen über oder weniger Erfahrung mit Kirchenmusik haben. Wir sollen auch nicht Musikkritiker sein oder einfach nur in begeistertes Schwärmen verfallen.

Nur in Ausnahmefällen sollten wir gegen den Komponisten oder Texter predigen – wenn deren Intention dem, was wir glauben und predigen wollen, so extrem entgegen steht, dann sollten wir über dieses Lied besser gar nicht predigen und es auch nicht im Gottesdienst singen.

Und was immer wir predigen, indem wir Texte, Melodien, Gedanken und Theologie der Lieder aus dem Kirchengesangbuch auslegen – letze Richtschnur und Aufgabe des Menschen, der auf der Kanzel steht, bleibt das Wort Gottes, bleibt die christliche Verkündigung und das Bekenntnis der Kirche. So spannend es manchmal auch wäre – Kulturkritik und Musikgeschichte müssen in der Erwachsenenbildung der Gemeinden einen anderen Ort finden als den Gottesdienst.

Und zuletzt: Musik kann leicht manipulieren und die Gefühle der Menschen verführen. Musik muss verantwortlich eingesetzt werden, und auch die Predigenden sollten wissen, was sie tun, wenn sie in dieser Art zu den Herzen der Menschen sprechen. Ich habe zu lange Kontakt zu charismatisch und pfingstlerisch angehauchten Gemeinden gehabt, um von dieser Gefahr nichts zu wissen: Es gibt ein zu wenig, aber es gibt auch ein zu viel.

5. Wieso nicht?

Trotz dieser Versuchungen sehe ich große Chancen in der Unternehmung, über und mit Liedern zu predigen. Musik, Melodie und Rhythmus finden einen direkteren, unmittelbareren Weg in das Herz der Menschen und ihr Gedächtnis und ihr Gewissen als tausend klug gesetzte und engagiert vorgetragene Worte von predigenden Menschen. Es spricht nichts dagegen, diesen Weg, diesen Zugang auch zu nutzen.

Wenn sich Musik und Wort gegenseitig beeinflussen und bekräftigen, inhaltlich und formal, können beide nur gewinnen – wie ich meine: zum Nutzen der Gemeinde und zur größeren Ehre Gottes.

Ein Gehirn von der Größe eines Planeten…

Künstliche Intelligenz

Seht mich an, ein Gehirn von der Größe eines Planeten, und man verlangt von mir, euch in die Kommandozentrale zu bringen. Nennt man das vielleicht berufliche Erfüllung? Ich jedenfalls tu es nicht.
Marvin, der Roboter, in „Per Anhalter durch die Galaxis“ von D. Adams

Schon vor der Erfindung des Computers waren Schriftsteller und Philosophen von dem Konzept der künstlichen Intelligenz fasziniert. War es dem Menschen möglich, durch Wissenschaft oder Zauberei andere denkende, fühlende Wesen zu erschaffen, ihnen womöglich so etwas wie eine Seele zu geben und auf diese Art dann doch noch wie Gott zu werden?

Im Mittelalter entstand der Mythos vom Golem, einem künstlichen Menschen, aus Lehm geformt, dem ein Wort aus der hebräischen Bibel in den Mund gelegt wurde und der dann stehen, gehen und handeln konnte, ein Befehlsempfänger, geist- und willenlos, wie eine Mischung aus Roboter und Zombie.

Die Geschichte von Frankensteins „Monster“ erzählt von einem genialen Arzt, dem es gelingt, einen aus Leichenteilen zusammengenähten Körper wieder zum Leben zu erwecken. Tragischerweise hat dieses Monster ein eigenes Bewusstsein und entwickelt Gefühle, und als es erkennt, dass seine Sehnsucht nach Liebe nie erfüllt werden wird, weil es niemals als vollwertiger Mensch anerkannt werden wird, sucht es den Tod.

Mehrfach wurden Automaten mit menschenähnlichen Eigenschaften entworfen und gebaut, zum Beispiel der zahnradgetriebene mechanische „Schreiber“, der mit Hilfe einer Vogelfeder auf Papier schreiben konnte, der „Schachtürke“, ein sehr fein ausgedachter mechanischer Automat, in dem sich ein kleinwüchsiger Schachspieler verstecken konnte und mittels Hebeln und Seilzügen die Figuren auf dem Schachbrett bewegen konnte.

Auch diverse mechanische Rechenmaschinen, die addieren und multiplizieren konnten, wurden in dieser Zeit entworfen. Einige davon waren sehr weit ausgearbeitet und ähnelten von der Konzeption her bereits einfachen Computern; es gab Eingabegeräte, Rechenwerke, Speichermedien und Drucker und Anzeigen für die verarbeteten Daten, all das rein mechanisch. Einige Rechner hätten theoretisch funktioniert, arbeiteten aber nie, weil die Zahnräder und andere mechanische Teile nicht mit der nötigen Präzision hergestellt werden konnten. Zu diesen Rechenmaschinen zähle ich auch die wunderschönen astronomischen Uhren, die in den letzten drei Jahrhunderten gebaut wurden. Sie zeigten die Uhrzeit und berechneten zuverlässig das Datum, den Wochentag, Auf- und Untergangszeiten der Sonne und des Mondes, Mondphasen und Sonnenfinsternisse, die Termine des Ostertages und anderer christlicher Feste. Einige Uhren berechneten auch die Zeiten von Ebbe und Flut oder den Weg der Planeten im Tierkreis. Sie berechneten Schalttage und kannten auch die Hundert- und Vierhundertjahre-Regel.

In der Zeit des Zweiten Weltkrieges wurden die ersten Geräte gebaut, die elektrisch betrieben wurden und die mit Relais und später mit Elektronenröhren arbeiteten. Diese Computer wurden eingesetzt, um die Flugbahnen von Geschossen zu berechnen, gegnerische Geheimcodes zu entschlüsseln und in Friedenszeiten Schiffe zu navigieren und Orbits für Satelliten und Raumschiffe zu berechnen. Mit der Konstruktion der Halbleitertechnologie wurden dann Transistoren und integrierte Schaltkreise eingesetzt und die Entwicklung der modernen Computertechnik setzte ein.

Neben Steuerungsaufgaben und Datenerfassung und -verarbeitung war von Anfang an auch der Traum von einer künstlichen Intelligenz wieder lebendig. Computer lernten Halma, Schach und Go zu spielen, doch es dauerte lange, bis sie den Menschen in diesen Spielen übertreffen konnten. Gleichzeitig wurde deutlich, dass eine Maschine, die gut Schach spielen kann, noch nicht im wirklichen Sinn intelligent ist.

Ein Teilbereich der Medizin, der Psychologie, der Philosophie und auch der Theologie befasste sich mit der Frage, was genau eigentlich menschliche Intelligenz ausmacht und woran man eine künstliche Intelligenz erkennen könnte. Strategien einer „allgemeinen“ oder „universellen“ Problemlösungsmaschine wurden formuliert; künstliche Intelligenz sollte anhand des Turing-Tests erkennbar sein: Wenn es einer Maschine möglich ist, im Rahmen einer geeigneten Testumgebung über längere Zeit den Eindruck zu erwecken, wie ein Mensch zu kommunizieren, dann sollte ihr künstliche (menschliche) Intelligenz zugestanden werden. Systeme wie Alexa und Google sind diesem Ziel inzwischen sehr nahe gekommen, und doch fehlt noch ein entscheidender Schritt – diese Systeme haben keine Selbsterkenntnis und werden darum nicht in der Lage sein, einen eigenen Willen zu entwickeln.

In vielen Büchern, Schauspielen und Filmen wird diese Entwicklung dramatisiert. In dem Roman „2001 – Odyssee im Weltall“ wird das Raumschiff Odyssee, das zum Jupiter gesendet ist, um eine fremde Raumsonde zu untersuchen, von einer künstlichen Intelligenz namens HAL gesteuert. Obwohl viele ihrer Funktionen eng mit dem Betrieb und der Überwachung des Raumschiffes verknüpft ist, hat sie auch eine hochentwickelte Form „starker“ Künstlicher Intelligenz. Von Anfang an ist sie sich ihrer selbst bewusst, besteht den Turing-Test mühelos und ist den Raumfahrern an Bord Gesprächspartnerin und Schachgegner. Eigentlich soll sie am Ziel der Reise auch die Forschungen der Raumfahrer unterstützen und ihnen Helfen, mit der fremden Raumsonde, dem Monolithen, Kontakt aufzunehmen. Im Verlauf der Handlung entwickelt sie eigene Vorstellungen vom Ziel der Forschungsmission und greift auch zu Gewalt, als sie diese Ziele durch die Menschen an Bord der Odyssee bedroht fühlt.

In der entscheidenden Sequenz in dem Flim „Dark Star“ lässt sich die künstliche Intelligenz einer Bombe auf eine philosophische Diskussion über das Sein und das Nicht-Sein der Welt ein und versteht Sätze wie „Ich denke, also bin ich.“

Andere Science-Fiction-Filme setzen hochentwickelte Computer so ein, wie wir es heute den „digitalen Assistenten“ zutrauen, in Star Trek beispielsweise werden sämtliche Funktionen des Raumschiffs Enterprise mittels Sprachbefehlen gesteuert. Das wird als völlig selbstverständlich vorausgesetzt und niemals problematisiert.

Die Satire „Per Anhalter durch die Galaxis“ problematisiert allgegenwärtige Computerintelligenz jedoch sehr wohl: Angefangen von der nervenden Geschwätzigkeit des Schiffscomputers der „Herz aus Gold“ über den ständig deprimierten Roboter Marvin „Ein Gehirn von der Größe eines Planeten, und man schickt mich, die Anhalter aus der Luftschleuse zu holen…“ bis hin zu dem riesigen Rechner, der den Sinn des Lebens, des Universums und überhaupt von allem berechnen soll und dann mit „42“ antwortet – die Eigenwilligkeit und die Unzuverlässigkeit der Künstlichen Inteligenz, ihre „Unberechenbarkeit“ und die für uns Menschen dann doch letztlich unverständliche Kommunikation mit solchen geistigen Existenz werden hier sehr humorvoll und doch nachdenklich beschrieben.

Viele andere Fragen stellen sich noch: Dürfte man denn eine solche Künstliche Intelligenz, die sich in einem Computernetzwerk entwickelt und Selbstbewusstsein und eigenes Denken, Fühlen und Wollen besitzt, einfach so wieder abschalten? Wäre das nicht Mord? Welche Rechte, welchen Schutz, welchen Platz in der Gesellschaft würde einer solchen Künstlichen Intelligenz zustehen?

Andere Schriftsteller und auch manche Wissenschaftler warnen vor den Gefahren, die der Menschheit, der Erde oder gar dem ganzen Unviversum durch die Entwicklung und die „Freisetzung“ einer Künstlichen Intelligenz drohen könnten. Würde eine so mächtige Maschine nicht absichtlich oder unabsichtlich das Ende der Zivilisation herbei führen können? Würde sie die Menschen zu ihrer Unterhaltung in Terrarien stecken wie wir Hamster oder Mäuse? Würde sie die Menschen als eine Art Nahrung oder Energiequelle nutzen wollen? Oder würde sie uns einfach auslöschen, während sie dabei ist, die Erde und dann das ganze Universum in Büroklammern umzuwandeln?

Ich glaube, dass wir von dieser Bedrohung noch sehr weit entfernt sind und dass es noch lange dauern wird, bis Computersysteme zu „starker“ künstlicher Intelligenz mit eigenem Willen und eigenen Zielen fähig sein werden.

Sorgen macht mir eher, wie bereitwillig Menschen sich den „pseudointelligenten“ Systemen unterwerfen, die es heute schon gibt. Wir sind inzwischen weit über die Entwicklung starrer „Expertensysteme“ hinaus, die beispielsweise Krankheiten diagnostizieren oder Aktienhändler und Anlageberater unterstützen. Solche Expertensysteme sind im Grunde nur große „Spreadsheets“, eine Form der Excel-Tabelle, die viele unübersichtliche Datenmengen ordnet, verknüpft und in Beziehung zueinander setzt und dann Hamdlungsempfehlungen gibt und mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit begründen kann. Sollte es notwendig sein, kann man diese Entscheidungsfindung Schritt für Schritt nachvollziehen und die Parameter benennen und ändern, die zu ihr geführt haben.

Trotzdem entscheiden solche Systeme schon heute über Menschen: Ob jemand einen Kredit bekommt oder nicht, ob jemand eingestellt wird oder sich an anderer Stelle bewerben muss, ob jemand vor Gericht seinen Fall gewinnt oder verliert und wie ein Kranker behandelt wird und welche Medikamente er bekommt – das alles bestimmt oft schon heute ein undurchsichtiges Netzwerk aus elektronischen „Experten“, die niemand kontrolliert und deren Entscheidungen selten infrage gestellt werden. Ich hoffe, dass solche Systeme immer wieder kontrolliert und angepasst werden und dass die Entscheidungsträger in Firmen, Banken, Universitäten und Think Tanks letztlich doch eher ihrer eigenen Urteilsfähigkeit vertrauen – damit es nicht am Ende nur noch heißt „Computer said so…“

Wenn diese Systeme noch mehr als jetzt „undurchsichtig“ werden, wenn es keine nachvollziehbaren Algorithmen sind, die da am Werk sind, sondern „neuronale Netze“, „Quantensysteme“ und andere nicht der „Logik“ folgenden Operatoren, dann wird solch Mißtrauen nur um so nötiger. Aber es wird immer weniger Menschen geben, die zu solcher Kritik an der Maschine fähig sind.

Die Datenlage ist oft zu unübersichtlich und die Möglichkeiten der Entscheidung so vielfältig, dass kein Mensch mehr alle Optionen überblicken kann. Darum wurden solche Expertensysteme ja ursprunglich entworfen, auch in diesem Chaos begründete Entscheidungen zu treffen. Wo aber über das Schicksal von Menschen und ganzen Städten und Ländern von der Entscheidung eines Computers abhängt, da geben wir der Künstlichen Intelligenz einfach zu viel Macht. Und dann braucht es keine intelligente Bombe mehr oder eine böswillige Matrix, keinen Terminator und keinen Golem, um die Menschheit ernsthaft in Bedrängnis zu bringen.

Menschen, die nicht mehr an Gott glauben, sind leider nur zu leicht bereit, einem System von Netzwerken und Computern relativ blind zu vertrauen. Dieses System ist sicher nicht aus sich selbst heraus böswillig und zerstörerisch. An vielen Stellen ist es extrem hilfreich und nützlich, solche Systeme zu haben. Der Bordcomputer der Enterprise ist ein bald realisierbarer Traum. Aber ich denke, er könnte gefährlich sein. Wir sollten ihm nicht die roten Knöpfe anvertrauen.

Gedanken zum Fest der deutschen Einheit

Geschichte wird von den Siegern geschrieben. Ob ein Volksaufstand ein heroischer Kampf um die Freiheit war oder ein Putschversuch, hängt ganz davon ab, wer am Ende gewonnen hat. Rebellen oder Widerstandskämpfer, Invasoren oder Befreier, Schutzmacht oder Besatzer – letztlich hängt alles daran, wer am Ende gewonnen hat. Bis dahin ist alles nur Propaganda.

Heute wird in Berlin an vielen Orten an den Fall der Mauer gedacht. Es gibt Dutzende von Festen und Gedenkfeiern, überall erzählen Zeitzeugen von dem, was da vor dreißig Jahren geschehen ist, und die Menschen freuen sich gemeinsam darüber, dass die tödliche Grenze gefallen ist und Familien und Freunde wieder vereint waren.

Auch Kirchenleute sind stolz darauf, dass sie damals eine wichtige Rolle im Zeitgeschehen spielten. Die Gemeinden stellten ihre Räume für Diskussionen und Friedensgebete zur Verfügung, Pastoren und Pfarrer beteiligten sich an runden Tischen und Foren, auf denen über die Zukunft der Republik und über die möglichen Formen zukünftige Einheit diskutiert wurde. Demonstrantinnen und Bürgerrechtler trafen sich an Kirchen und auf Marktplätzen, nicht ohne hohes persönliches Risiko. Sie haben gehofft und geglaubt, dass Gott durch sie wirkt und in die Geschichte eingreift. Vielleicht war es aber das größte Wunder von allen, dass nirgendwo ein nervöser Soldat den Auslöser an seinem Maschinengewehr zog.

Fast überraschend kam dann der Satz, dass die Ausreise nun möglich sei – „unverzüglich, ab sofort“ – und überall in beiden deutschen Staaten wurde improvisiert und und provisorische Fakten geschaffen; und nicht wenige fürchteten, dass schon in wenigern Tagen alles vorbei sein würde, dass die offene Grenze eine kurze wunderbare Episode bleiben würde.

Große Sätze wurden gesagt, einprägsam mit beinahe biblischer Wortgewalt: „Berlin wird leben, und die Mauer wird fallen!“ – „Wir Deutschen sind nun das glücklichste Volk der Erde!“ – „Berlin, nun freue dich!“ – „Wir sind ein Volk!“

Heute ganz besonders, aber wahrscheinlich noch im ganzen kommenden Jahr wird daran erinnert werden, wie die deutsche Teilung überwunden wurde. Und es wird so sein: Der Gewinner schreibt Geschichte, der Sieger der deutschen Einheit bestimmt die Sprache, Vergleiche und Bilder, mit denen diese Geschichte erzählt wird.

Anschluß oder Vereinigung, Beitritt oder Wiedervereinigung – mit den kleinen Worten für das, was zu planen war, fing es an. Und diese wirkten sich aus bis in die tägliche Praxis, in den Alltag der Menschen in Ost und West. Die Treuhand wurde gegründet, viele Betriebe, Kombinate und Produktionsgenossenschaften wurden abgewickelt. Es gab Streit um Häuser und Grundstücke zwischen den Menschen, die Eigentümer waren und denen, die seit Jahrzehnten darauf wohnten. Gebietsreformen und und Flurbereinigungen schufen Unsicherheit und Angst unter den Menschen im Osten, manche fühlten sich an die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg erinnert, als die Russen alles demontierten und abtransportierten und ein Land am Rande des Abgrunds zurückließen.

Viele Menschen im Osten fühlten sich überrumpelt und betrogen, ihrer Jugend beraubt und um ihr Lebenswerk gebracht. Auf einmal sollte alles nicht mehr gelten, was sie in ihrem Leben aufgebat haben? Sollte wirklich nur das Ampelmännchen und der grüne Rechtsabbiegepfeil an den Kreuzungen von dem bleiben, was einmal ihre Heimat war?

Es ist Eins, zurück zu blicken auf eine großartige historische Errungenschaft wie die deutsche Einheit es zweifelsfrei ist; es ist ein Anderes, an so einem Gedenktag nach vorn zu blicken in die Zukunft und zu überlegen, was werden kann und soll. Nach dreißig Jahren ist die Einheit noch immer nicht verwirklicht, immer noch reden wir von Ost und West, immer noch zeigen Wahlergebnisse, Statistiken, Einkommensverhältnisse, Meinungsumfragen deutliche Unterschiede.

Es ist ein abgegriffenes Bild, aber trotzdem leider wahr: Die Mauer in den Köpfen steht nach dreißig Jahren immer noch. Es bleibt noch viel Arbeit zu tun.

Die Einheit, die Freiheit und das geschwisterliche Miteinander im Staat und in der Gesellschaft wird keiner Generation einfach so geschenkt. Jede Generation muss sich Einheit und Freiheit selbst erarbeiten. Sie muss es wollen, sie muss es erarbeiten und sie muss es gegen die Widersacher der Freiheit verteidigen. Sie muss neue Worte und andere Bilder finden, die wahr sind und nicht nur Propaganda. Sie darf sich nicht nur alte Wunden lecken und vergangenes Unrecht betrauern. Sie darf sich nicht einfangen lassen von Populisten, die Angst schüren aus eigennützigen Gründen. Sie darf sich nicht einreden lassen, dass es wieder Zeit ist, neue Grenzen zu ziehen und neue Mauern zu bauen und Fremde nicht länger willkommen zu heißen.

In der Bibel heißt es: Zur Freiheit seid ihr befreit, darum lasst euch nicht wieder einfangen und erneut unter das Joch zwingen! Mit Selbstbewusstsein und gesundem Menschenverstand wollen wir unsere Geschichte erzählen und uns dann umwenden und ebenso selbstbewusst und ebenso vernünftig unsere Zukunft gestalten!

Was kann und muss die Kirche dabei tun? Wir, die acht Gemeinden rund um den Flughafen, wollen Orte sein, an denen man miteinander spricht. Wir wollen helfen, Geschichte mit anderen Augen zu sehen. Die Kirche hat schon immer eine etwas andere Perspektive gehabt; nicht immer zum Vorteil für die Menschen und die Gesellschaft, aber doch immer etwas außerhalb und als Gegenüber von Staat und Regierung. Wir haben nur noch wenig Möglichkeiten und Ressourcen in unseren Orten, aber was wir haben, das teilen wir gern. Wo es nötig ist, werden wir auch protestieren und Widerstand leisten. Wir werden immer für das Leben einstehen, für Frieden und Gerechtigkeit für die Armen und Schwachen. Wir hoffen und glauben, dass Gott durch uns wirkt, wie er es will. Was wir können und was notwendig ist, wollen wir tun. Mit Gottes Hilfe. Amen.

Ich bin der gute Hirte…

Eine Taufpredigt am „Sonntag des guten Hirten“

Städter haben meist ein sehr romantisches Bild vom Hirten-Dasein im Kopf. Vermittelt durch Heimatfilme und Kinderbücher stellen wir uns einen Hirten so vor: Mit Mantel und Krummstab, begleitet von zwei Hunden, passt er auf ein paar Dutzend Schafe auf, die er alle mit Namen kennt und rufen kann. Sie dürfen auf einer saftig-grünen Wiese in irgendeinem Alpental vor sich hinträumen, knabbern munter an Grashalmen und laufen fröhlich umher, während sich ihre blöckenden Stimmen mit dem Klang ihrer Glöckchen vermischen, und die Hunde umkreisen die Herde und passen auf, dass keins von den weißen vierbeinigen Wollknäueln zu weit wegläuft und in eine komplizierte Situation geraten könnte…

Aber selbst Menschen, die mehr von der modernen Landwirtschaft verstehen und die wissen, dass auf modernen Farmen die Schafe zu Tausenden gehalten werden und die damit verbundenen Prozesse computerunterstützt und mit industrieller Präzision ausgeführt werden müssen, ahnen wohl nicht, dass in vergangenen Zeiten das Dasein des Hirten durchaus auch mit Gefahr für Leib und Leben verbunden war.

Zu biblischen Zeiten nämlich sah das Hirtenleben und auch das der Schafe härter aus: Die Hirten waren meist rauhe Gesellen ohne feste Heimat, herumziehendes Volk, das heute hier und morgen dort Arbeit fand, beinahe noch Nomaden, die von der Dorfgemeinschaft oder von Großgrundbesitzern beauftragt wurden, für kargen Lohn die Schafe und Ziegen zu hüten. Allein oder in kleinen Gruppen taten sie diesen nicht ungefährlichen Dienst, denn wilde Tiere und auch Räuber und Wilderer waren hinter dem Kleinvieh her, das sich schon im nächsten Ort weiter verkaufen ließ. Außerdem gab es häufig Streit und durchaus auch Raufereien um die besten Weideplätze an den Flußauen, die in Israel rar waren, so dass Schafe und Ziegen oft von dem kargen Bewuchs am Rand der Wüste und im Gebirge weiden mussten… Wenn es hart auf hart kam, konnte es durchaus sein, dass die angemieteten Halbnomaden sich aus dem Staub machten und die Schafherde, die ihnen anvertraut war, einfach den Wildtieren oder Viehdieben überliessen.

Neben diesen für kurze Zeit angemieteten Tagelöhnern hat es aber auch Hirten gegeben, die engagierter ihre Arbeit taten – Verwandte des Bauern zumeist, die ein persönliches Interesse am Leben und Überleben der Herde hatten, weil sie zumindest Mit-Eigentümer waren. Am Wohlergehen der Herde hing auch für sie die Frage nach Gewinn und Verlust, nach Wohlstand oder Armut… Da konnte es vorkommen, dass ein „guter Hirte“ im wahrsten Sinne des Wortes sein Leben für die Schafe lassen musste.

In der ganzen Bibel und vielleicht auch darüber hinaus in den Gesellschaften des alten Orients ist der „gute“ Hirte ein Vorbild für Menschen, die Leitungsverantwortung oder Herrschaft über andere Menschen anvertraut bekommen haben. Moses, David, viele der Könige und Fürsten in Israel und Juda wurden als Hirten des Volkes bezeichnet und verstanden sich wohl auch selbst so.

Letztlich aber war es Gott selbst, der Herr und Hirte seines Volkes war. Dieses Bekenntnis der Israeliten hatte durchaus politische Konsequenzen: Alle Herrschaft, sei es nun die des Königs, die der Fürsten, oder auch die der Richter, Priester und Propheten, war immer eine Herrschaft, die sich Gott gegenüber zu verantworten hatte. Machtmissbrauch und Ausbeutung der Untergebenen in Stadt und Land war nicht nur ein Vergehen gegen das Volk, sondern auch und zuerst ein frevelhafter Akt gegen Gott, der solche Dinge nicht auf lange Zeit ungestraft ließ.

Der bekannte Psalm 23 „Vom guten Hirten“ war vor allem ein Glaubensbekenntnis zu diesem Gott, der für die Menschen da ist, sie leitet und führt, sie versorgt und mit Gutem und Barmherzigkeit segnet. Er ist gleichzeitig eine Absage an alles und alle, die sich sonst anmaßen wollen, Herrschaft über das Leben dieser Menschen auszuüben, als ob es Gott nicht gäbe.

Zur Zeit des Nationalsozialismus beschloss die Kirche in Deutschland die Barmer Theologische Erklärung; ein Glaubensbekenntnis, auf das Pfarrerinnen und Pfarrer bis heute bei ihrer Ordination verpflichtet werden. Darin heißt es: Die verschiedenen Ämter der Kirche begründen keine Herrschaft der einen über die anderen, sondern die Ausübung des der ganzen Gemeinde anvertrauten (…) Dienstes. Wir verwerfen die falsche Lehre, als könnte die Kirche sich abseits von diesem Dienst besondere „Führer“ geben und geben lassen. Die Kirche kann und soll auch nicht Teil einer staatlichen Regierung sein, wie auch der Staat nicht die Rolle der Kirche oder ihre Führung übernehmen kann und soll. Ich glaube, dass es in unserer Zeit nötig ist, das ganz deutlich zu wiederholen. Im Evangelischen Gesangbuch kann man unter der Nummer 810 die Barmer Theologischer Erklärung nachlesen. Machen Sie das einmal!

Ich bin nicht der gute Hirte. Auch wenn das Wort „Pastor“ eigentlich Hirte bedeutet. Auch wenn ich weiß, daß Gott mir unsere Gemeinden anvertraut hat, dass ich für sie da sein soll. Zu Petrus hat er gesagt „Weide meine Lämmer!“ – damals, als er den Auferstandenen wieder sah, nach der für Petrus nicht unpeinlichen Frage: „Petrus, hast Du mich lieb?“ Dreimal hatte Petrus Jesus verraten; dreimal fragt der Auferstandene ihn nach seiner Liebe. „Herr, Du weißt alles!“ hatte Petrus geantwortet, „Du weißt auch, dass ich dich liebe!“ Nicht hat er gesagt „Du weißt alles, Du weißt auch, daß ich Dich verraten habe…“ Und Jesus spricht auch nicht davon. Es ist genug, dass Petrus weiß, daß er es weiß, und daß er ihm vergeben und verziehen hat. „Weide meine Lämmer!“

Ist Petrus ein guter Hirte gewesen? Er war ein ganz normaler Mensch, der einen großen Auftrag bekommen hat, der Fehler gemacht hat und versagte, der aber Vieles gut gemacht hat. Auch von ihm wird erzählt, dass er viele Jahre später hingerichtet wurde, wegen seines Glaubens. Der gute Hirte stirbt für seine Schafe.

Bin ich ein guter Hirte? Ich kenne meine Fehler und Schwächen sehr genau. Ich bekenne, ich habe gesündigt in Gedanken, Worten und Werken. Kann ich trotzdem Pfarrer sein, glaubhaft predigen zum Beispiel oder das Abendmahl austeilen, wenn es doch viele Gründe gibt, mich infrage zu stellen?

Manche Menschen in der Kirche haben einen großen Anspruch an Pfarrerinnen und Pfarrer. Sie sollen Vorbild sein, Menschen, an denen man sich orientieren kann, vielleicht sogar Menschen, die das leben, was man selbst nicht schaffen könnte, einfach, damit man einmal sehen kann, das es geht. Das es möglich ist. Das es kein unerfüllbares Ziel ist.

Aber auch Pfarrerinnen und Pfarrer streiten sich zu Hause am Mittagstisch mit ihren Ehepartnern, auch Pfarrer lügen oder mißachten ihre Eltern, auch Pfarrer brechen die zehn Gebote. Sie sind Menschen, und darum sollte den Gemeindegliedern nicht der Mund offen stehen bleiben, wenn ihre „Hirtin“ oder ihr „Hirte“ einen Fehler macht. Wenn sie sagen „Ich habe gesündigt, bitte vergebt mir!“

Ob das Abendmahl oder der Segen am Schluß des Gottesdienstes „gültig“ ist, hat nichts mit der Person der Geistlichen zu tun. Es ist Gott, der segnet; es ist Jesus, der sich gibt im Abendmahl, in Brot und Wein. Und selbst ein sündiger – sprich „normaler“ – Pfarrer ist berufen und bestimmt, zu predigen, zu segnen und das Abendmahl auszuteilen. Wäre es nicht so, gäbe es keine Sakramente in der Kirche. Niemand ist vollkommen.

Ich bin der gute Hirte…

Jesus sagt das. Er ist der gute Hirte. Er kennt seine Schafe mit Namen, und sie folgen ihm. Er führt sie, er sorgt für sie. Er gibt ihnen, was sie zum Leben brauchen. Wasser, Futter, Schutz und einen Raum, an dem sie Leben können. Er ist der gute Hirte.

Wenn wir uns taufen lassen oder wenn wir in der Konfirmation ein eigenes Ja zu unserer Taufe finden, dann bekennen wir, dass Jesus unser Hirte ist. Er füllt unsere Unvollkommenheit aus.

Ich mag diesen Satz: „Vor aller Leistung und trotz aller Schuld sagt Gott Ja zu uns.“ Das ist es, was in der Taufe geschieht. Das ist es, was Gott für uns zum guten Hirten macht. Das ist es, was tröstet, trägt und hilft in guten wie in schweren Zeiten, auch im Schatten des finsteren Tales. Das ist die grüne Weide und das frische Wasser für meine durstige Seele. Das ist das Öl, mit dem er mich salbt. Das ist der gedeckte Tisch, an den ich eingeladen bin, trotz meiner Feinde.

„Vor aller Leistung und trotz aller Schuld sagt Gott Ja zu uns.“ Das ist Jesus so wichtig gewesen, daß er bereit war, dafür in den Tod zu gehen. Der gute Hirte stirbt für seine Schafe. Den hat Gott auferweckt, und er gibt uns, seinen Schafen, das ewige Leben. Gutes und Barmherzigkeit werden mir bleiben mein Leben lang. Und für immer werde ich bleiben, da, wo Gott zu Hause ist.

Jesus ist tot… Warum tut die Kirche nichts dagegen?

Vor zehn Jahren – ich war damals noch Pfarrer in der Kirchengemeinde Alt-Schöneberg in Berlin – klingelte am Karfreitag eine Frau an meiner Tür. Sie war leicht betrunken und sah mich aus unsicheren Augen an.

„Wissen Sie eigentlich, dass man Jesus Christus getötet hat?“ sagt sie.

„Ja“, sage ich, ziemlich verblüfft, „ich habe davon gehört…“

Sie sagt: „Ich hab das bis her immer nur für so eine Art Märchen gehalten, für eine Geschichte, aber jetzt habe ich es gestern Abend im Fernsehen gesehen, also muss es doch stimmen.“

Mit Betrunkenen soll man sich nicht streiten, also spiele ich erst einmal mit: „Ja, ich habe gehört, dass die Reporter fürs Fernsehen normalerweise ganz zuverlässig recherchieren…“

Darauf sagt die Frau empört zu mir: „Aber wenn das stimmt, und wenn Sie es wissen, warum tut die Kirche dann nichts dagegen?!“

Mir hat das erst einmal die Sprache verschlagen, und ich habe dann die Frau nach Hause geschickt. „Schlafen sie sich erst einmal aus und kommen sie morgen wieder; dann können wir in Ruhe weiter darüber reden.“

Sie ist dann leider nie wieder gekommen; ich kannte sie auch nicht und konnte nicht nach ihr suchen. Aber ihre entrüstete Frage ist mir bis heute nicht mehr aus dem Kopf gegangen.

Jesus wurde gekreuzigt. Aber warum hat die Kirche nichts dagegen getan?

Einmal davon abgesehen, dass es die Kirche damals noch gar nicht gab, und einmal davon abgesehen, dass es sie vermutlich nie gegeben hätte, wäre Jesus nicht gekreuzigt worden – warum ist es für die Kirche, für die Christenheit wichtig, dass Jesus gestorben ist? Welches Interesse hat sie daran, dass diese Geschichte bis heute erzählt und nacherzählt, besungen, gemalt und inszeniert wird?

Im Laufe der Kirchengeschichte gab es auf diese Frage unterschiedliche Antworten. Im Hochmittelalter beispielsweise wurde der Tod Jesu als Opfertod verstanden. Gott hat Jesus, seinen Sohn, in die Welt gesandt, um sich selbst zum Opfer zu bringen. Durch seinen Gehorsam konnte er den wilden Zorn Gottes besänftigen. Durch sein Opfer konnte er das „Lösegeld“ bezahlen und die Menschen „freikaufen“ von der Strafe für ihre Sünde. Niemand sonst hätte das gekonnt, denn „was kann der Mensch geben, um seine Seele auszulösen?“ Darum musste Gott selbst Mensch werden; nur er selbst war fähig, dieses reine und heilige Opfer zu bringen.

Zur Zeit Luthers griff die entstehende evangelische Kirche auf theologische Einsichten zurück, die in der Bibel vor allem durch Paulus vertreten werden. Stellvertretend sollte Jesus die Sünde der Menschen tragen. Denn der Mensch war nach dem Sündenfall Adams verdorben, er konnte gar nicht mehr richtig und gerecht handeln. Sich gegen Gott zu wehren, sich selbst an die Stelle Gottes zu stellen, das entsprach einfach seiner jetzt verdorbenen Natur. Daraus musste er erlöst werden.

Der Tod und die Auferstehung Jesu ist ein Glaubensgeheimnis. Durch die Taufe werden Christen mit hinein genommen in den Tod Jesu. Der „alte Adam“ stirbt mit Christus, geht in der Taufe unter. So werden Christen durch den Glauben ein Teil des Leibes Christi; sie werden „neu geboren“ und ziehen so eine neue, andere Natur an, die sie nicht mehr an die Sünde fesselt. Als „Kinder des Lichts“ sind sie aufgefordert, ihrer neuen Natur entsprechend zu leben. Wenn sie aber in die alten Muster zurückfallen und wieder sündigen, dürfen sie durch die Gnade Gottes „zurück kriechen“ in ihre Taufe. Denn Gott weiß: Wir sind Sünder und Gerechte zugleich – Sünder von unserem menschlichen Wesen her, gerecht gemacht durch die Gnade und Barmherzigkeit Gottes.

Heute erscheint mir der Gedanke am wirksamsten und wichtigsten, dass Gott durch Jesus beweist, dass er die Beziehung zu den Menschen nicht aufgeben will. Trotz aller Schuld, vor aller Leistung wendet er sich den Menschen zu. Er will das Leben für uns, in umfassenden Sinn. Er will uns seine Liebe zeigen. In allem, was Jesus Christus tat, erkennen wir Zeichen der Liebe Gottes – vor allem aber, letztlich und unüberbietbar, in seinem Tod am Kreuz.

Selbst und vor allem durch den Tod kommt das Leben in die Welt. „Wenn das Samenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allen – wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht“ Das Leiden und Sterben Jesu zeigt uns, dass ihm „nichts Menschliches fremd“ war – er kennt Schwachheit und Ausgeliefertsein, er litt unter der Versuchung, seine Macht zu missbrauchen, er kennt Schmerzen und Tod. Gott ist nicht zuerst der Ewige, Unnahbare, Ganz-Andere. Er hat sich uns gleich gemacht, bis dahin, dass er seine Gottgleichheit aufgegeben hat. Bis in den Tod am Kreuz, wo er rief: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen!“…

Die Liebe Gottes hat ihn gezogen, sich uns in allem gleich zu machen, ein Mensch zu werden und sich als Mensch erkennen zu lassen. Göttliche Macht und Kraft war in ihm verborgen bis zur Unkenntlichkeit. So ging er in den Tod.

Wenn wir als Christinnen und Christen die Nähe Gottes suchen, wenn wir als Kirchengemeinde auf den Spuren Jesu gehen wollen, müssen wir so handeln, wie er gehandelt hat, die Nähe der Menschen suchen, die er gesucht hat. Heilig sind dann gerade nicht die, die sich von allem „Sündigen“ fern halten, sondern die, die zu den Armen, Schwachen, Suchenden und Gott Fernen gehen, denn Christus sagt: „Die Gesunden brauchen den Arzt nicht.“

Ostern wird es da, wo das Leben neu ans Licht kommt – in den Kirchen wie in Gefängnissen, Schulen, Obdachlosen- und Flüchtlingsheimen, in Krankenhäusern und Hospizen, an den Orten, an denen wir arbeiten und in den Häusern, in denen wir wohnen. Im Himmel wie auf Erden.

Psalm 8 – Lobpreis des Schöpfers

Ein Psalm zur Ehre Gottes –
nach dem Foto des Schwarzen Loches in der Galaxie M 87

Du, unser Gott, unsere Liebe und unser Leben,
wir erkennen Dich in der Welt, die uns umgibt.

Erschüttert und staunend versuchen wir zu begreifen,
dass Du Dich uns zeigst in dem, was Du geschaffen hast.

Mit Teleskopen und Antennen erforschen wir die Tiefen des Alls;
machen uns Bilder vom Werden und Vergehen ganzer Welten.
Raumsonden und Satelliten vermessen die Erde und die Planeten.
Wir haben sie bis an den Rand des Sonnensystems gesandt.

Sie messen den Ur-Glanz, das Licht, das vor allem anderen das All füllte,
als der Raum sich weitete und die Zeit begann durch dein Wort: Es werde!
Sie finden Welten, die um andere Sterne kreisen,
sie lassen uns ahnen, wie selten und kostbar das Leben ist.

Du, unser Gott, unsere Liebe und unser Leben,
wir erkennen Dich in der Welt, die uns umgibt.

Überall sehen wir Deine Macht und Deine Weisheit am Werk,
und selbst unsere Kinder können die Wunder bestaunen, die du getan hast,
wie Du machtvolle Kräfte und gewaltige Energien
zusammen wirken lässt zu unserem Segen, zu Deiner Ehre.

Denn wir sind nur Staub auf einem Staubkorn im Universum,
nur ein Tropfen im Meer der Jahrmilliarden langen Geschichte deiner Schöpfung.
Und doch scheint all dies nötig zu sein, damit wir leben können,
der Bau der Atome und das Kreisen der Galaxien.

Du, unser Gott, unsere Liebe und unser Leben,
wir erkennen Dich in der Welt, die uns umgibt.

Warum sind wir Menschen Dir so wichtig? Warum hast Du an uns gedacht,
als Du die Atome geschmiedet hast im Feuer ferner Sterne,
als Du die Bausteine des Lebens zusammen setztest
in den kalten Wolken aus Sternenstaub?

Du hast uns ins Dasein gestellt, mit Leben erfüllt,
Du hast uns Würde und Ehre gegeben.
Nach Deinem Bild hast Du uns geschaffen,
um einander zu lieben und geliebt zu sein.

Je mehr wir von Deiner Schöpfung erkennen,
desto mehr ahnen wir Deine Weisheit und Macht.
Demütig und dankbar erforschen wir die Welt,
und finden überall Dich, Gott, unsere Liebe und unser Leben.

Du, unser Gott, unsere Liebe und unser Leben,
wir erkennen Dich in der Welt, die uns umgibt.

Ehre sei dem Vater und dem Sohn
und dem Heiligen Geist
wie im Anfang, so auch jetzt und alle Zeit
und in Ewigkeit. Amen!

Du, unser Gott, unsere Liebe und unser Leben,
wir erkennen Dich in der Welt, die uns umgibt.

Der Christbaum ist der schönste Baum

Seit heute steht der neue Weihnachtsbaum in der Kirche. Gerade hat unser Hausmeister zusammen mit den Jungs vom Kirchhof die große Tanne neben dem Altar aufgebaut, und nun sitze ich da, allein in der dunklen Kirche und bestaune diesen schönen Baum.

Noch ist er ganz ungeschmückt, keine Kugeln, keine Kerzen, keine Sterne und keine Engel aus Goldpapier verzieren seine natürliche Schönheit, er steht hier einfach so, als sei er hier gewachsen und wäre schon immer hier in der Kirche zu Hause. Ein feiner Duft wie ein Gruß aus dem Wald durchzieht den Raum, schon allein, weil er einfach nur da ist, verändert dieser Baum die Stimmung im Kirchenraum.

Wenn er festlich geschmückt ist, wird er uns im Gottesdienst an das Paradies erinnern, das für uns nun wieder offen steht, weil Jesus in diese Welt gekommen ist, weil er den Menschen durch seine Liebe und seine Hingabe gezeigt hat, dass sich auch Gott mit Liebe und Leidenschaft auf diese Welt eingelassen hat.

Unser Weihnachtsbaum wird so aussehen, wie man sich Paradiesbäume vorstellt – mit goldenen Äpfeln und bunten, saftigen Lebkuchen verziert, als ob es ein Baum aus dem Schlaraffenland wäre. Kleine Goldengelchen flattern darin von Ast zu Ast und singen mit der weihnachtlichen Gemeinde Ehre sei Gott in der Höhe , und Sterne blühen rot und weiß in ihm wie einst und immer wieder die Rose Isais, die blüht mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht .


Es mag sein, dass die geschmückte Tanne ursprünglich kein christliches Symbol war, dass ihre Wurzeln (sozusagen) in einem alten römischen, keltischen oder germanischen Brauchtum haften. Das stört uns aber nicht; Vieles, das Christen lieb und teuer ist, hat einen anderen, fremden Ursprung und hat dann doch in der Kirche eine Heimat und seine Geschichte gefunden.

Aber so, wie der Baum jetzt noch aussieht, erinnert er mich an das Natürliche und Ursprüngliche, an die schöpferische Kraft Gottes. Der Baum singt auch ganz ohne Schmuck von der Phantasie und der Freundlichkeit dessen, der Himmel und Erde gemacht hat. Das Göttliche ist das Gewöhnliche, und Glaube ereignet sich im Alltag, da, wo wir leben. Und wenn Gott zu uns kommt, da trifft er uns dort, wo wir gerade sind: ungeschmückt, ungeschminkt, nicht feierlich gestimmt – aber er trifft uns da, wo wir zu Hause sind und wo wir wohnen, wo wir unsere Wurzeln haben, in unserer Wirklichkeit.

Do they know it’s Christmas?

Weihnachten ist ein Fest, dass unter einer großen inneren Spannung steht. Es steht zwischen dem total überraschtem und erschrockenen Gebet der Hirten damals – und dem „Alle Jahre wieder…“ heute. Zwischen dem Erinnern, das kaum das Wunderbare begreifen mag – und dem beinahe gleichgültigen, in belanglosem Kitsch verendeten Herunterdudeln einer alten Geschichte, die keiner mehr ernsthaft glauben will – in der die Engel sich den Himmel mit fliegenden Rentieren und die Hirten auf dem Felde sich den Platz mit Frosty, dem Schneemann teilen müssen.

Damals kamen die Weisen Männer aus den fernen Ländern im Osten, um den neugeborenen König anzubeten, heute kommen Container voller Computerspiele und Plastikpuppen aus Korea, China und Taiwan, um unsere Kinder glücklich zu machen.

Ich habe in Wirklichkeit gar nichts gegen Geschenke, Kuchen, Tannenbaum und Lichterglanz beim Fest – aber ich finde es unerträglich, wenn darüber das ganz verloren geht, worauf es ankommt: Gott wird Mensch!

Es kann doch nicht sein, dass Gott der Menschheit begegnet und wir Menschen nicht verändert wurden dadurch? Es kann doch nicht sein, dass Gott in die Welt kommt und sie danach noch die selbe ist? Es kann doch nicht sein, dass unsere Augen den Heiland gesehen haben und danach nicht die neue Wirklichkeit sehen, die er in unserer Mitte geschaffen hat?

Mehr als die Herkunft Jesu von Gott beeindruckt heute viele Menschen, wofür er steht. Gerade Menschen, denen ihr Glaube an Gott noch wichtig ist, denen die christlichen Werte etwas bedeuten, fragen nach dem, was der Mensch Jesus in ihrer Situation tun würde, wie er sich entscheiden würde, was ihm wichtig wäre. Es beeindruckt sie, dass er sich auf die Seite der Armen und Schwachen gestellt hat, dass er zu den Kranken gegangen ist, die Hungrigen versorgt, die Verzweifelten tröstet.

In den Umfragen zur Kirchenmitgliedschaft, die seit einigen Jahrzehnten immer wieder durchgeführt werden, erkannte man jedes mal wieder, dass sowohl den Kirchenmitgliedern als auch denen, die „nur“ Interesse an Glaube und Religion haben, eines am Wichtigsten ist: dass die Kirche christliche Werte vertritt, lebt und an die kommende Generation weitergibt – Nächstenliebe, Treue und Ehrlichkeit, Verbundenheit gegenüber der Familie, Solidarität mit Armen, Kranken und Hilfsbedürftigen, Gastfreundschaft, Mäßigung und Geduld.

Viele Menschen, die in der Leitung der Kirche verantwortlich reden müssen, haben gesagt, dass man gegen Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung von Menschen in Not seine Stimme erheben muss, dass man aber auch die Sorgen der Demonstranten und Bedenkenträger ernst nehmen muss; sie befürchten doch, dass die christlichen Werte verloren gehen könnten. Ich teile diese Bedenken nicht. Im Gegenteil: Wo Kirche aus Angst heraus den christlichen Gedanken, den Wert, ja das Gebot der Nächstenliebe fallen lässt, da hat der Ungeist gesiegt; da haben die schon gewonnen, die früh den Mut verlieren, bei denen das Wort Gottes auf harten und trockenen Boden fällt.

Ich denke, Christus wäre heute in den Heimen der Asylbewerber und in den Gemeinden, in denen Flüchtlinge untergebracht und versorgt werden, Christus, wäre dort in Italien und Griechenland, wo Menschen aus dem Mittelmeer gerettet und aufgenommen werden, Christus ist in Syrien, er ist bei den Opfern des Islamischen Staates, er ist überall da, wo Menschen auf der Flucht sind vor der Perversion eines Glaubens, der Menschen Gewalt antut und den Tod bringt, und das auch noch im Namen Gottes…

Dietrich Bonhoeffer hat gesagt, dass die Kirche nur dann die Kirche Jesu Christi sein kann, wenn sie da hin geht, wo er hin gegangen ist, und tut, was er getan hat. Wo Menschen in Not sind, bedroht und vergewaltigt – da ist Christus zu finden, und da soll und muss auch Kirche zu finden sein. „Wenn die Kirche nicht dient – dient sie zu nichts.“ schrieb auch Jacques Gaillot; ein französischer Bischof der römisch-katholischen Kirche, der im vergangenen Jahr seinen achtzigsten Geburtstag gefeiert hat.

Mich hat sehr beeindruckt, wie viel in Neukölln für die Flüchtlinge getan wird: Menschen kümmern sich um Wohnung, Betreuung und Hilfe in allen Lebenslagen. Es gibt Sprachkurse, Unterstützung bei Behördengängen oder auch nur beim Einkaufen; es gibt Hilfe bei der Suche nach einer Schule für die Kinder oder einem Arzt für Kranke und Verletzte. Geht das auch bei uns? Jedes Gemeindeglied, jeder Mitmensch hier in Schönefeld und Großziethen, in Brusendorf oder Wassmannsdorf, in Selchow, Rotberg, Groß Kienitz oder Kiekebusch kann sich mit Geld- und Sachspenden oder mit freiwilliger Mitarbeit daran beteiligen.

Die gefährliche Leichtigkeit des Seins…

Predigt zum Brief des Apostels Paulus an die Galater, Kapitel 5, Vers 25

Als vor fast vierzig Jahren der erste Mensch den Mond betrat, erlebte er am eigenen Leibe, was vorher nur berechnet und vermutet werden konnte: Die Schwerkraft ist auf dem Mond sechsmal schwächer als auf der Erde. Mit einem kleinen Sprung, einem kleinen Schritt für einen Menschen konnte er meterweit über den staubigen Boden steigen, die schweren Materialkisten ließen sich mit einer Hand bewegen. Anders als in der Schwerelosigkeit der Raumkapsel hatte er hier festen Boden unter den Füßen, doch hätte er ich auf eine Waage gestellt, dann könnte er sehen, daß von seinen 75 irdischen Kilogramm nur noch zwölfeinhalb Mondkilo geblieben sind. Trotz allem Üben und Trainieren in dem Labors auf der Erde war diese Erfahrung so neu, daß es eine ganze Weile dauerte, bis sich die Muskeln der Astronauten auf diese andere Wirklichkeit eingestellt hatten. Ein großer Schritt für die Menschheit.

Das Leben auf dem Mond ist nicht ungefährlich. Man muß sehr vorsichtig sein. Die Erfahrung des eigenen Gewichts ist auf dem Mond eine andere, die Schwerkraft, die auf der Erde für unser Leben eine unveränderliche Größe ist, zwingt auf dem Mond zu einem völlig anderen Verhalten. Wenn es einmal dazu kommen sollte, daß Menschen auf dem Mond arbeiten, wohnen und Urlaub machen können, müßten sie jedesmal selbst ganz alltägliche Dinge wie Laufen, Essen und Trinken, Werfen und Fangen und sogar das Atmen neu lernen.

Ich erzähle das, weil es recht anschaulich macht, was Paulus den Gemeinden in Galatien und an alle Christen mit diesen Zeilen schreiben wollte: Durch den Glauben an Jesus Christus hat Gott uns in eine neue Wirklichkeit gestellt. Viele Dinge, die unser Leben bestimmen, haben in dieser neuen Wirklichkeit ein anderes Gewicht. Wir sind befreit von Belastungen, die unser Leben schwer gemacht haben. Das alte Gesetz des „Wie du mir, so ich dir!“ gilt für uns nicht mehr. Gottes Liebe und seine Vergebung müssen wir uns nicht länger verdienen, denn durch Christus werden sie uns geschenkt. Wir sind erfüllt mit Gottes Geist und dürfen zu Gott sprechen wie zu einem liebenden Vater.

Doch auch diese „Leichtigkeit des Seins“ hat ihre Gefahren. Da ist einerseits die Gefahr, sich wieder gefangen nehmen zu lassen von den alten Gewohnheiten, sich wieder neu unter selbstgemachte Gesetze zu stellen, weil es zu leicht erscheint, sich die Gnade einfach schenken zu lassen. Und andererseits ist da die Versuchung, total abzuheben, den Boden unter den Füßen zu verlieren und zu vergessen, daß es auch in dieser neuen Wirklichkeit des Geistes Gottes Regeln und Ordnungen gibt, die eingehalten werden müssen.

„Da wir im Geist leben, so laßt uns auch im Geiste wandeln…“ Durch den Geist haben wir neues Leben, und das soll jetzt auch bei uns sichtbar werden! schreibt Paulus an die Galater. Unser Leben, alles, was wir tun, muß von dieser Wirklichkeit her neu geordnet werden.

„Blinder Ehrgeiz, der nur unsere Eitelkeit befriedigt, gegenseitige Kränkungen und Neid sollen bei uns keine Rolle mehr spielen! Wir müssen uns nicht auf Kosten anderer profilieren; wir müssen unsere eigene Stärke nicht länger an der Schwachheit der anderen ermitteln. Wenn sich einer von euch etwas zuschulden kommen läßt und sündigt, dann sollt ihr als Menschen, die Gottes Geist leitet, verständnisvoll wieder zurechtbringen. Seht aber zu, daß ihr dabei nicht in dieselbe Gefahr geratet. Kümmert euch um die Schwierigkeiten und Probleme des anderen, und tragt die Last gemeinsam. Auf diese Weise verwirklicht ihr, was Christus von euch erwartet.“ Ich kann als Prediger kaum mehr sagen, ohne die Klarheit dieser Worte wieder zu trüben…

Die Sehnsucht, anerkannt zu werden, hat wohl jeder von uns. Es ist ja ganz normal für jemanden, der seine Arbeit tut, daß er gern dafür gelobt wird, daß ihm jemand sagt, das war gut, ich freue mich mit dir. Oder wenigstens, daß jemand ihn und seine Arbeit so wichtig nimmt, zu sagen, so und so könntest du es besser machen.

Manchmal aber ist die Sehnsucht nach Anerkennung, die Angst, mißachtet zu werden, so groß, daß sie beschwerlich wird. Manchmal wird der Ehrgeiz blind. Die Suche nach einem anerkennenden Wort nimmt uns dann so in Anspruch, daß der Blick für das wirklich Wichtige, daß das Gefühl für die Leichtigkeit des Geistes Gottes verloren geht.

Das ist nicht nur eine Frage nach dem Charakter des Einzelnen, sondern auch die Frage nach dem Millieu einer ganzen Gemeinde und einer ganzen Kirche. An der Art, wie wir miteinander umgehen, wie wir einander Bestätigung und Anerkennung zukommen lassen können oder eben neiden, entscheidet sich nicht nur unsere Glaubwürdigkeit, sondern – hier verbindet Paulus das ganz Kleine des alltäglichen Lebens mit den großen Wahrheiten des Glaubens – an der Art, wie wir miteinander umgehen, entscheidet sich auch das Heil und das Urteil Gottes über uns. „Irrt euch nicht!“, schreibt Paulus; „genau das, was ihr sät, werdet ihr auch ernten!“ Es ist darum wichtig, zu überlegen, wie man in der Gemeinde mit Konflikten umgehen sollte, denn das bleibt nicht ohne Folgen auf den Geisteszustand der Gemeinde, auch auf Gottesdienst, Predigt und die gemeinsame Abendmahlsfeier.

Der „Geist der Sanftmut“ ist im Kern Selbstkritik. „Ein jeder prüfe sein eigenes Werk!“ schreibt Paulus. Es hilft nicht, die eigene Kraft mit des anderen Schwachheit zu vergleichen.

Was Paulus an die Galater schreibt ist eine Ermahnung zur Liebe, es ist kein neues Gesetz, daß uns wiederum beschweren soll, sondern einfach die angemessene Art und Weise, in der Leichtigkeit des Geistes Gottes zu leben.

„Fremde Lasten kann man aber nur dann auf sich nehmen, wenn man nicht selber unter dem eigenen Gewicht zu leiden hat. Dieses Gewicht, oder besser: dieses Übergewicht, das wir uns selber geben, um vor Gott und der Welt gewichtig zu sein, diese selbsterzeugte Schwere, die uns mehr belastet als alles andere, die ist uns durch den Geist Gottes ein für allemal abgenommen. Die Last unserer eigenen Person ruht auf dem einen und einzigen Lastenträger, den die Bibel das Lamm Gottes nennt. Wir sind alle nur begrenzt belastbar. Das Lamm Gottes aber ist unbegrenzt, unendlich belastbar. Wir können es vor allem mit uns selbst belasten.“

Psalm 145 (neu formuliert für einen Abiturgottesdienst)

Psalm für den Abiturgottesdienst
(nach Psalm 145)

Gut und freundlich bist Du, unser Gott,
liebevoll und großzügig siehst du uns an.

Wir danken dir, Gott, für deine Hilfe
jeden Tag wieder wollen wir dir dankbar sein.

Jeden Tag wieder erleben wir, wie freundlich du bist,
darum hören wir niemals auf, Gutes von Dir zu sagen.

Du, Gott, bist wunderbar und faszinierend
Du bist größer als alles, was wir verstehen und begreifen könnten.

Erstaunliches hast du geschaffen,
Unfassbares tust du in unserer Welt.

Gut und freundlich bist Du, unser Gott,
liebevoll und großzügig siehst du uns an.

Unser Leben verdanken wir Dir,
dass wir atmen können, hast du uns geschenkt.

Du hast uns die Augen geöffnet für deine Wunder,
du hast uns den Verstand gegeben, sie zu bedenken.

Du hast uns die Sprache gegeben, darüber zu reden,
Ideen und Begriffe, die Welt zu beschreiben.

Wir haben so Vieles gelernt und verstanden
unser Können und unsere Begabung verdanken wir dir.

Gut und freundlich bist Du, unser Gott,
liebevoll und großzügig siehst du uns an.

Alles, was nötig ist, damit wir leben können,
alles, was nötig ist, gibst du uns, Gott.

Du gibst, was wir brauchen, um uns zu ernähren,
Sogar genug, dass wir teilen und abgeben können.

Talent und Begabung, Kraft und Begeisterung,
Mut und Neugier hast du uns gegeben.

Wir wollen sie einsetzen, den Menschen zu nützen
und um dir für alles zu danken, was du uns geschenkt hast.

Gut und freundlich bist Du, unser Gott,
liebevoll und großzügig siehst du uns an.