Zeit vergeht, auch wenn niemand hinsieht…

Vielleicht fing es damit an, dass im September die Katze starb. Jahrelang hat sie mich schnurrend begrüßt, wenn ich von der Arbeit nach Hause kam; aber dann schaute sie mich nur noch uninteressiert an und schloss dann gelangweilt die Augen. Ein paar Wochen quälte sie sich zwischen Schlafplatz, Fressnapf und Katzentoilette herum, dann gab die Tierärztin ihr die letzte Spritze.

Nach Hause zu kommen war nicht mehr so schön.

Zeit vergeht, auch wenn niemand hinsieht.

Das Auto war sechzehn Jahre alt und hatte schon viele Kratzer und Beulen. Eine Schraube, die auf dem Weg lag, bohrte sich in den linken Vorderreifen. Die Lichtmaschine gab irgendwann auf; auf dem Armaturenbrett leuchtete ein orangefarbenes Lämpchen. Als auch noch die Servolenkung streikte (rotes Lämpchen), schüttelte der Automechaniker den Kopf. Ich fuhr noch einen Monat mit Vorsicht (provisorisch) und lenkte angestrengt und kraftvoll wie der Fahrer eines 30-Tonners mit Anhänger. Dann verkaufte ich den Wagen für 400 Euro.

Praktisch, dass man wegen einigen hundert Trilliarden Viren sowieso eher im Home-Office arbeiten muss. Wenn es gar nicht anders geht, nutzt man ein Auto vom Carsharing-Dienst.

Im Mai: Urlaub zuhause. Das Hotel in Griechenland hat gar nicht erst geöffnet, die Gäste blieben zu Hause und darum auch das Reinigungspersonal, die Köche und Sommeliers, die Servicekräfte und die Fotografin, die sonst immer am Donnerstagabend alle Gäste portraitiert und dann am Samstag die Bilder zum Kauf anbietet. Auf Facebook veröffentlicht sie Bilder von leeren Stränden.

Es ist wieder schön zu Hause; die Sonne scheint oft durch die Fenster auf die Blätter der Tageszeitung, auf denen steht, dass das Virus jetzt jeden Tag weniger Menschen infiziert. Zum ersten Mal seit einem Jahr essen wir wieder in einem Restaurant. Also – draußen. Vor dem Restaurant. Unter einem Sonnenschirm. Es gibt frisches, kaltes Bier. Die Kohlensäurebläschen glitzern im Licht.

Die Zeit vergeht rasend schnell, niemand sieht hin.

Der Sommer kommt, viele Termine finden wieder statt. Das Leben wird stabiler, härter, aber auch zerbrechlicher. Nur scheinbar berechenbarer. Wieder splittert von Zeit zu Zeit etwas ab und fällt unter den Tisch. Ungewohnte Geräusche, ein leises Klirren wie von winzigen Scherben, schmerzen in den Ohren.

Nachrichten von weit weg fühlen sich an, als kämen sie direkt aus der Nachbarschaft. Überschwemmungen gibt es nicht nur in Indien. Fanatismus in vielen Farben hinterlässt einen irritierenden Eindruck von schlammigem Braun, wie früher im Schulfarbkasten, wenn die Malpasten ineinander laufen. Großbritannien verläßt die Europäische Union, die Soldaten der NATO verlassen Afghanistan, viele Querdenker und Impfgegner verläßt der gesunde Menschenverstand. Meine Frau verlässt sich auf mich.

Man kann es nicht allen recht machen.

Wenn man ein wirklich schlechtes Gewissen hat, nimmt man in drei Wochen fünf Kilogramm ab. Ich kann diese Diät nicht empfehlen.

Der Sommer geht; Termine werden auf Vorrat gemacht. Erntedank, Martinsfest, Lichtertage im Advent, Weihnachtsfeiern. Ob sie wohl wirklich stattfinden, alle diese Hoffnungszeichen in der Zukunft?

Bald wird wieder eine Katze hier einziehen. Sie wird mich erwarten, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme. Ob sie nur gelangweilt schaut oder ob sie mich schnurrend begrüßt, wird die Zeit zeigen. Ich werde hinsehen…

Türen in unserer Kirche…

Ich habe diesen Text vor zehn Jahren für einen „Glaubenskurs“ in meiner früheren Gemeinde geschrieben. Im Kirchenraum gibt es acht Türen; Eingänge und Ausgänge zu sehr unterschiedlichen Räumen und Orten. Wir sind im Kirchenraum umher gegangen und haben die Türen betrachtet. Jede hat ihren ganz eigenen Charakter, eine besondere Aufgabe, einen sehr spezifischen Sinn. So wie wir auch…

Dies ist die Haupt-Eingangs-Tür…

Sie ist groß und schwer, die meisten Leute brauchen beide Hände, um sie zu öffnen.

Sie schützt unsere Kirche, sie trennt und verbindet Außen und Innen.

Wer außen ist, ist „irgendwo“, unterwegs, am anderen Ort, aushäusig, in der Fremde.

Wer innen ist, ist im Haus Gottes, am Versammlungsort der Gemeinde, ist dort, wo die Taufe gefeiert und das Abendmahl geteilt wird.

Wenn wir Gottesdienst feiern, steht diese Tür weit offen.

Die Türklinken sind künstlerisch gestaltet und sehen aus wie Fische, wie das Symbol der ersten Christen für Jesus Christus, den Herrn und Erlöser.

Dies ist die Tür zum Kirchhof…

Sie ist eine Tür durch eine Wand aus Glas, durch die man hindurchsehen kann. Man weiß, was einen auf der anderen Seite erwartet, schon bevor man sie öffnet.

Sie führt aus der Kirche auf den Friedhof, wo die Toten ruhen und wo die Lebenden um die Toten trauern.

Wenn wir Ostern feiern, gehen die Kinder durch diese Tür, um die draußen versteckten Ostereier zu finden.

Manchmal kommen Menschen durch diese Tür in die Kirche, denen der Weg durch den Haupt-Eingang zu anstrengend ist.

Diese Tür ist gleichzeitig der Not-Ausgang, ein Fluchtweg, falls es nötig sein sollte, die Kirche schnell zu verlassen.

Diese Tür führt in die Kapelle…

Sie ist kaputt, manchmal läßt sich das Schloss nicht öffnen. Dann kann man nicht durch diese Tür gehen und muss einen Umweg durch zwei andere Türen nehmen.

Manchmal geht sie aber auch ohne Probleme auf, und wir haben noch nicht herausgefunden, wie man sie dazu „überreden“ kann.

Diese Tür ist unzuverlässig und sorgt immer wieder für Ärger – aber niemand repariert sie.

Hinter dieser Tür liegt der Raum, in dem wir die „Familienkirche“ feiern – sie ist eine Verbindung zwischen zwei verschiedenen Bereichen unserer Gemeinde-Arbeit. Wenn wir feiern, bleibt sie geschlossen, damit wir uns nicht stören

Diese Tür führt in die Kerzenkammer.

Hier werden die Kerzen gelagert, die wir im Gottesdienst anzünden, hier werden die Anzeigetafeln vorbereitet, die die Gemeinde braucht, um die Lieder im Gesangbuch zu finden, die während der Gottesdienste gesungen werden.

Hier sind auch die Sicherungskästen und die Lichtschalter für die Beleuchtung der Kirche.

Dieser Raum ist nicht für die Allgemein-heit bestimmt; hier gehen nur die Menschen hinein, die den Kirchdienst tun.

Der Raum hinter dieser Tür ist unaufgeräumt und schmuddelig.

Wenn wir Weihnachten feiern, werden hier die Kerzen angezündet, die wir an die Ge-meinde verteilen, um zu bezeugen: In ihm ist das Licht Gottes in die Welt gekommen

Dies ist die Tür zum Glockenturm…

Hinter dieser Tür gibt es eine Treppe, die nach oben führt – zur Glockenempore, von wo man die Vater-Unser-Glocke läutet; – und noch weiter hinauf in die Glockenstube, wo die vier großen Glocken hängen, und von wo man dann bis zur Spitze des Kirchturms steigen kann, wo das Kreuz ist – ich kenne aber niemanden, der dort oben schon gewesen ist. Der Weg ist gefährlich.

Hier steht immer jede Menge Kram rum: Eimer, Schaufeln, Schubkarren, Leitern…

Der Raum hinter dieser Tür ist ungemütlich und dreckig.

Diese Tür ist gleichzeitig der Not-Ausgang, ein Fluchtweg, falls es nötig sein sollte, die Kirche schnell zu verlassen.

Diese Tür führt in die Sakristei…

Hier bereiten sich die Liturgen auf den Gottesdienst vor: Sie ziehen sich um, sie beten gemeinsam, sie bereiten die Abendmahls-Geräte vor.

Nach dem Gottesdienst wird hier die Kollekte gezählt; und die Anzahl der Gemeindeglieder, die zum Gottesdienst gekommen sind wird in ein Buch eingetragen – für die Statistik. Unsere Gottesdienste sind eher schlecht besucht.

Meistens ist es unordentlich in diesem Raum; niemand fühlt sich wirklich verantwortlich für Ordnung und Sauberkeit.

Diese Tür ist gleichzeitig der Not-Ausgang, ein Fluchtweg, falls es nötig sein sollte, die Kirche schnell zu verlassen.

Hinter dieser Tür ist die Treppe,

die hinunter in den Keller der Kirche führt.

Dort sind die Toiletten, die man während der Gottesdienste benutzen kann…

Dort ist der Betriebsraum für die Heizung der Kirche.

Dort sind einige Räume, in denen zusätzliche Stühle und die Requisiten für die „besonderen“ Gottesdienste gelagert werden: Krippenspiel, Martinsfest, Erntedank, Osternacht…

Dies ist die Schwingtür, die den Gottesdienst-Raum von dem Vorraum der Kirche trennt.

Man kann sie nicht abschließen.

Sie ist groß und schwer, die meisten Leute brauchen beide Hände, um sie zu öffnen.

Sie quietscht laut, was es immer ein bisschen peinlich macht, wenn jemand zu spät zum Gottesdienst kommt: Die ganze Gemeinde bekommt es mit…

Niemand hat sie in den letzten zwei Jahren geölt. Sie quietscht aber auch, WENN man sie ölt…

Sie schützt den Kirchraum vor Kälte und Wind.

Diese Tür ist gleichzeitig der Not-Ausgang, ein Fluchtweg, falls es nötig sein sollte, die Kirche schnell zu verlassen.

Josef und der wunderbare Technicolor-Traummantel – eine Geschichte mit Happy End?

Ich mag Geschichten mit Happy End. Ich gehe gern ins Kino und kann da stundenlang mit den Protagonisten eines Films leiden und zittern, auf Reisen gehen, Abenteuer suchen; ich kann wochenlang mit den Figuren eines spannenden Romans durch das Labyrinth eines verzwickten Kriminalfalles irren oder mit den Helden aus einem Zeichentrickfilm auf fremden Planeten landen, mit Drachen oder Piraten kämpfen – wenn am Ende alles gut ausgeht, die Gerechtigkeit siegt, die Drachen gezähmt sind und die Weltraumfahrer wieder gut zu Hause angekommen, dann geht es mir gut und ich fühle mich wohl. Ich kann das Buch aus der Hand legen, und ich weiß, es ist alles in Ordnung, die Geschichte auserzählt und so zu Ende gebracht, wie es sein muss.

Ich mag Geschichten mit Happy End. Oft gibt es solche Geschichten auch in der Bibel. Selbst nach großen Katastrophen führt Gott alle Beteiligten den richtigen Weg und zu einem guten Ausgang der Geschichte. Noah geht in die Arche mit seiner Familie und den Tieren, die Gott zu ihm geführt hat, dann wird die Tür verschlossen und um die Arche herum geht die Welt unter. Alles Leben ertrinkt in der Flut. Nicht einen einzigen Ast findet der Vogel, den Noah aus der Arche entlässt. Aber dann sinkt die Flut, die Wasser verlaufen sich, und unter einem strahlenden Regenbogen beginnt Gott die Schöpfung neu…

Der Hirtenjunge David wird ein Vertrauter des Königs Saul, singt ihm wunderschöne Worte vor und weckt dem traurigen alten Mann die Lebensgeister neu. Doch als David den Goliath erschlägt, will das Volk ihn zum König machen und Saul vertreibt ihn, wird ein erbitterter Feind. David muss sich mit einer Truppe von Banditen am Rande der Wüste durchs Leben schlagen, Schutzgeld erpressen und mit anderen verlorenen Gestalten um Einfluß kämpfen. Doch als Saul stirbt, ist es David, der an der Stelle des Prinzen Jonathan zum wichtigsten König der Geschichte Israels wird.

Auch Daniel war Berater des Königs von Babylon, bis er in Ungnade fiel und wegen seiner fremden Religion angeklagt wurde. Als frommer Jude war er im babylonischen Königshof am falschen Platz. Er wird in eine Löwengrube geworfen; die hungrigen Tiere sollten ihn fressen und so das „Problem“ aus der Welt schaffen. Doch Gott achtet auf sein Gebet, und die Tiere tun ihm die ganze Nacht nichts an. Am nächsten Tag wird Daniel wieder in sein Amt eingesetzt, und die, die ihn verklagt haben, enden an seiner Stelle bei den Löwen…

Selbst Hiob verliert Haus und Hof, seine Kinder sterben und er selbst wird todkrank, aber am Ende wird ihm alles doppelt erstattet, er lebt noch viele Jahre und stirbt irgendwann reich und zufrieden.

Oft wirken Geschichten, die solch ein gutes Ende haben, unglaubwürdig und sogar ein bisschen kitschig. Viele Menschen mögen Filme oder Romane lieber, die einen offenen Ausgang haben, die die Lesenden oder Zusehenden am Schluss allein lassen mit der Frage: Was meinst Du? Wie geht es jetzt weiter? Wie stellst Du Dir ein gutes Ende dieser Geschichte vor?

Es gibt in der Bibel auch solche Geschichten mit offenem Ende. Jona zum Beispiel sitzt nach allen seinen Abenteuern vor dem Tor der Stadt Ninive und hadert mit sich selbst und klagt Gott an. Seine Predigt hat gewirkt, die Menschen in der Stadt haben sich bekehrt und Buße getan, und Jona ärgert sich darüber, dass Blitz und Schwefel ausbleiben, dass Gott die Menschen in der Stadt begnadigt hat. Nun fühlt er, der Unheilsprophet, sich übergangen und blamiert. Wie wird er sich entscheiden? Wie geht seine Geschichte zu Ende? Wir werden es nie erfahren, aber so ein offenes Ende lädt ein, den Faden aufzunehmen und die Erzählung weiter zu spinnen. Der Vorhang geht zu – und alle Fragen bleiben offen.

Solche Geschichten sind realistischer und glaubwürdiger, weil es ja auch im „echten“ Leben meistens so ist: Oft kann man gar nicht so einfach beurteilen, ob eine Episode, ein Lebensabschnitt, nun gut oder schlecht ausgegangen ist; vieles bleibt zwiespältig und unbestimmt, und ein wirkliches Ende gibt es ja in der Wirklichkeit sowieso nicht, denn bis wir sterben, geht das Leben ja immer weiter. Selbst dann erzählen andere unsere Geschichte weiter und bewerten sie nach ihrem Maßstab.

Woran könnten wir denn erkennen, ob eine Geschichte gut ausgeht? Was macht ein (vorläufiges) Ende zu einem happy end?

In den Märchen ist es einfach: da wird ein großer Goldschatz nach Hause gebracht, der Prinz findet seine Prinzessin, am Ende wird geheiratet, und danach leben sie glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende… Die Kriterien für ein gelungenes Leben sind oft einfach und auch für Kinder nachvollziehbar.

Die Bibel und viele großartige Werke der Weltliteratur differenzieren da mehr: Auch wer arm ist, kann ein gelungenes und zufrieden stellendes Leben finden. Es kommt darauf an, dass es sinnvoll ist, dass es Bedeutung hat, dass es in den großen Rahmen des Ganzen passt.

So wie Josef seine Lebensgeschichte beschreibt, sieht er Gott selbst als eine Art „Autor“ seiner Lebensgeschichte an. Der Mensch sucht sich seinen Weg, aber es ist Gott, der seine Schritte lenkt. „Ihr wolltet es böse mit mir machen, aber Gott gedachte es gut zu machen…“ – „Ihr habt euch Böses ausgerechnet gegen mich, aber Gott hat es zum Guten summiert…“ – „Er wollte tun, was heute Wirklichkeit und deutlich sichtbar wird, nämlich ein großes Volk am Leben erhalten…“

Der Erfolg Josefs zeigt sich nicht nur darin, dass er alle Widrigkeiten überlebt hat und am Ende als zweithöchster Regierungsbeamter über Ägyptens Wirtschaft regiert – es geht ihm darum, dass mit seiner Hilfe Gott selbst ein großes Volk am Leben erhält und nicht dem Hungertode überlässt.

Man könnte ja die Geschichte Josefs auch als eine Verlierergeschichte ansehen: Als Kind noch wird er, der der Liebling seines Vaters, der verträumte Mann in einem bunten Kleid, von seinen neidischen Brüdern als Sklave verkauft. Er wird nach Ägypten gebracht und arbeitet dort in dem Büro des Potiphar. Er hat Glück und steigt auf der Karriereleiter empor, bis ihm die Frau seines Dienstherren eine unschickliche Avance macht. Als er nicht darauf eingeht, wirft sie ihm sexuellen Mißbrauch vor und er wird ins Gefängnis geworfen. Erst nach vielen Jahren kann er sich wieder emporarbeiten und wirkt zuletzt als rechte Hand des Pharao. Es geht auf und ab in seinem Leben, und es ist nicht so einfach, darin eine Erfolgsgeschichte zu sehen.

„Gott aber gedachte, es gut zu machen…“ – Das ist letztlich das Glaubensbekenntnis des Josef. So sieht er selbst sein eigenes Leben an, vom Ende her gesehen erzählt er es als eine Geschichte von der Treue Gottes.

Um unser eigenes Leben zu begreifen, erzählen wir es wie eine Geschichte. Während wir von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr leben und dabei durch Leid und Freude gehen, erkennen wir Helden und Feiglinge, Bösewichte und Halunken, stolze Ritter, kluge Berater, treue Gefährten, Clowns und Zauberer, und wir erkennen, ob wir gerade Mitspieler in einem Drama oder in einer Komödie sind. Wir sehen uns selbst als Gewinner oder als Verlierer, als Menschen, die aus der Treue Gottes leben oder von ihm wieder und wieder geprüft werden. Wir sehen uns als solche, denen das Schicksal entgegen lächelt oder als solche, denen das Universum grollt. Was ist wahr?

Es ist oft nur eigene Interpretation, eigene Entscheidung, die den Rahmen setzt für das Spiel unseres Lebens. Dein eigenes Leben wird von Dir erzählt und gestaltet, Du interpretierst, was geschehen ist, und Du erzählst, wie es weiter geht. Immer ist eine unerwartete Wendung möglich.

Und das gilt nicht nur für Dein eigenes Leben, das gilt auch für die Geschichte unserer Stadt, unserer Kirche, unserer Gemeinde. So, wie wir uns unsere eigene Geschichte erzählen, so werden wir sie wahrnehmen. Unsere Gegenwart und unsere Zukunft wird davon bestimmt, wie wir die Vergangenheit interpretieren. Es ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, die sich auswirkt auf die Grundstimmung unseres Daseins und die Energie, aus der wir leben.

Gläubige Menschen schlagen einen gedanklichen Bogen über die ganze Biblische Geschichte, von der Schöpfung der ersten Menschen an bis hin zur neuen Schöpfung, wenn Gott Himmel und Erde neu macht und all die Tränen seiner Menschen trocknen wird. Gegen alle Widerstände interpretieren sie die Weltgeschichte als ein fortlaufendes Handeln Gottes, das zwar oft nicht zu verstehen, zu begreifen und kaum zu ertragen ist, das aber am Ende doch eine Geschichte des Erbarmens, der Gnade und der Liebe Gottes zu uns Menschen ist.

Eine „Heilsgeschichte“, so sagen die Theologinnen und Theologen, so sagen viele Glaubende, eine Heilsgeschichte ist, was Gott den Menschen und seiner ganzen Schöpfung bereitet. Durch die Sintflut hindurch, durch den Exodus seines heiligen Volkes aus der Gefangenschaft in Ägypten, durch die Zerstreuung über die ganze Erde und unter die Völker der Welt hindurch bis zur endgültigen Erlösung am Ende der Zeit geht seine Geschichte mit den Juden, durch den Tod und die Auferstehung Jesu hat er Leben gebracht für alle Völker der Welt und für die Menschen seines Wohlgefallens…

Auch hier bleibt die Frage – erkennen wir in der Geschichte der Menschheit die Heilsgeschichte Gottes wieder, können wir für uns sie so interpretieren, daraus Kraft und Hoffnung schöpfen trotz aller Fragen und Enttäuschungen unserer Zeit? Können wir glauben, dass hinter dem allen ein Sinn verborgen ist und das Gott der Autor dieser seltsamen und verwirrenden Geschichte ist?Können wir bekennen: „Wir haben Schuld auf Schuld gehäuft und unsere Untaten und Sünden zu den Untaten aller Menschen addiert – aber Gott hat es gut gemacht und eine gute Bilanz gezogen: am Ende wird deutlich werden, das er das Leben und ewigen Frieden ans Licht gebracht hat…“

Am Ende ist alles gut – wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende…“ diesen Spruch kann man auf Frühstücksbrettchen kaufen oder als Wand-Tattoo über sein Wohnzimmersofa kleben – vielleicht atmet dieser Satz sogar ein wenig von dem Glaubensbekenntnis des Josef, das ihm die Kraft gegeben hat, am Ende auch seinen Brüdern zu vergeben.

Ich frage mich, ob man eine solche positive, glaubensgestärkte Interpretation der eigenen Geschichte und der gemeinsamen Geschichte „lernen“ kann, ob man sich entscheiden kann, sie so oder so zu sehen. Psychologen versuchen oft, Menschen dabei zu helfen, ihr Leben anders zu bewerten. „Reframeing“ nennen sie das, als in etwa „dem Leben einen anderen Rahmen geben“. Manchmal ist es ja so, dass das gleiche Gemälde, dasselbe Foto, sehr unterschiedlich wirkt, abhängig davon, ob es wie eine Poster mit Nadeln an eine Rauhfasertapete gepinnt wird, ob es in einem kostbaren barocken Rahmen präsentiert wird oder in einem schlichten modernen Display ausgestellt ist. Der Rahmen macht, dass dasselbe Bild, dasselbe Foto, dasselbe Leben einen ganz unterschiedlichen Eindruck macht.

Können wir so den Rahmen unseres Lebens wirklich selbst wählen? Können wir uns dazu entscheiden, zu glauben, wirklich zu glauben, dass unser Leben und unser Schicksal von Gott umgeben ist, dass er es in seinen Händen hält, dass er der Autor unseres Lebens ist?

Der Apostel Paulus hat in seinem Ersten Brief an die Korinther geschrieben: „Am Ende bleiben Glauben, Hoffnung und Liebe; und die Liebe ist die größte unter ihnen…“ Alle drei sind Geschenke Gottes, die wir uns letztlich nicht selbst erarbeiten können, wir können sie aber üben. Alle drei sind Gaben des Heiligen Geistes, Kräfte, die nicht unsere eigenen sind, in denen wir uns aber üben können. Ein wacher Glaube, eine kraftvolle Hoffnung und eine stete Liebe erkennt im eigenen Leben und in der Geschichte unserer Gemeinschaft die Hand Gottes am Werk und kann am Ende bekennen: „Er hat alles gut gemacht.“

Vom Reden in fremden Sprachen – Von Gott so reden, dass man es verstehen kann…

Wenn wir ein Kind taufen, übernehmen die Eltern und die Paten, aber auch die ganze Gemeinde eine große Verantwortung. Gemeinsam übernehmen wir die Verpflichtung, den Glauben, die Liebe zu Gott, ein christliches Urvertrauen in einem Menschen zu wecken und die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass sich unser neu getauftes Gemeindeglied irgendwann dazu entscheiden kann, selbst Christ zu sein und in und aus diesem Glauben zu leben.

Sicher, wir wissen und verlassen uns darauf, dass es der Heilige Geist selbst ist, der die Menschen zu Gott ruft, der in ihnen den Glauben bewirkt und stärkt – aber er benutzt dazu uns Menschen, fast immer. Wenn wir an unsere eigenes Leben denken, gibt es da fast immer eine Großmutter, die an unserem Bett mit uns gebetet hat, einen Vater, dem es wichtig war, dass vor dem Essen Gott in einem Tischgebet gedankt wird, eine größere Schwester oder eine Freundin, die uns in den Kindergottesdienst begleitet hat…

Vielleicht hat eine Patentante irgendwann gesagt: Du solltest dich jetzt zum Konfirmandenunterricht anmelden, manchmal war es sogar ein Pfarrer, der bei einer Reise zur Vorbereitung auf die Konfirmation Worte gesagt hat, die hängen geblieben sind und weiter gewirkt haben über den Tag hinaus.

Ich weiß, wie schwer es ist, solche Worte zu finden. Als ich achtzehn Jahre alt war, kurz bevor ich mit meinem Studium begann, versuchte ich, einem Freund zu erklären, warum es für mich so wichtig war, an Gott zu glauben. Aber ich spürte damals selbst, wie unglaubwürdig diese Worte waren. Es gab für mich keine Sprache, in der ich glaubhaft erzählen konnte, was ich mit Gott erlebt hatte, welche Hoffnung die Auferstehung Jesu in mir wach hielt, was der Heilige Geist in mir bewirkt. Es klang alles formelhaft, geplappert, abgelesen, es schien nicht wirklich aus meinem eigenen Herzen zu kommen.

Und das hat sich auch im Theologiestudium kaum geändert. Als Pfarrer lernt man uralte Gebete und Glaubensbekenntnisse, diskutiert über Liturgien und Lieder von Menschen, die vor tausend Jahren gelebt haben und erfährt von den theologischen Gedanken und Theorien, über die man sich vor Jahrhunderten gestritten hat. Das alles ist sehr viel spannender, als es klingt; man kann sich mit großer Begeisterung in ein solches Studium stürzen und lernt sehr viel dabei – aber zu einem eigenen Glauben trägt es meist wenig bei, und es gibt meist nicht die Worte, die nötig sind, in einem anderen Menschen wirklichen Glauben zu wecken.

Ich denke, dieses Problem betrifft auch die Kirche als Ganzes, betrifft auch unsere Gemeinden. Wenn man Leute danach fragt, was sie vom Gottesdienst halten, fallen sehr oft die Worte „langweilig“, „uninteressant“, „belanglos“, „veraltet“ – dabei waren die Menschen meistens seit Jahren nicht mehr in der Kirche, tragen nur ein altes Vorurteil weiter.

Manchmal haben sie aber auch wirklich schlechte Erfahrungen in der Kirche gemacht. Wenn selbst ein Kardinal sagt, dass er spürt, dass die Kirche an einem toten Punkt angekommen ist und sich nicht mehr weiter entwickelt, wenn Pfarrerinnen und Pfarrer statt vom Glauben nur noch von Moral und Ethik reden, weil sie denken, das sei leichter zu vermitteln, wenn schon das Wort zum Sonntag in fünf Minuten die Zuhörenden von ihrem Fernseher vertreibt, dann stimmt ziemlich sicher etwas Entscheidendes nicht mehr.

Was haben wir noch zu sagen? Was ist aus der „frohen Botschaft“ geworden, dass keiner mehr sie hören will?

Vielleicht liegt es ja wirklich an der Sprache, die wir sprechen.

Ich liebe die christliche Tradition, ich mag die alten Gebete, ich liebe die Sprache der Lutherbibel, ich kann begeistert in die alten Psalmen und Kirchenlieder einstimmen und die alten ökumenischen Glaubensbekenntnisse mitsprechen. Aber ich weiß, dass das alles sehr viel „Insiderwissen“ voraussetzt und dass Menschen, die nur selten in den Gottesdienst kommen, ziemlich ratlos dabei sitzen, weil sie gar nicht wissen können, was da gepredigt und gesungen wird.

Ich – und wir alle – müssen also lernen, über unseren Glauben so zu reden, dass es auch Menschenskinder verstehen, die nicht in der Kirche zu Hause sind.

Das kann und darf aber nicht bedeuten, dass wir nun alles in einer Art populären Kindersprache formulieren sollten. Dazu ist, was wir glauben, zu komplex, zu gewichtig. Man kann das Glaubensbekenntnis nicht auf drei einfache Sätze eindampfen, oder? Der Glaube an Gott wird immer eine gewisse Anstrengung von Taufkindern, Konfirmanden, Gottesdienstbesuchern, Pfarrerinnen und Lehrern verlangen.

So wie Musiker, Sportler, Handwerker und Künstler lange Zeit brauchen, um Meister zu werden, so brauchen auch Christinnen und Christen eine Zeit lang – oft eine lange Zeit – um geistlich reif zu werden und für sich selbst eine Sprache zu finden, in der sie sagen können, was sie glauben und wie der Glaube ihr Leben verändert.

Wir brauchen klare, wahre Worte. Die Versuchung ist immer groß, sich hinter verschwurbelten Begriffen und unklaren Bildern zu verstecken. Wenn der Pfarrer nichts zu sagen hat, sagt er Sätze wie „Gott ist das Licht“ – kann dann aber nicht sagen, was er eigentlich damit meint. „Gott hat alle Kinder lieb“ singen wir im Kindergottesdienst – aber was ist mit den Kindern, die krank sind oder mit ihren Eltern im Lager für Geflüchtete sitzen? Warum glauben wir trotzdem, dass Gott alle Kinder liebt, wenn manche Kinder so traurig sein müssen?

Nehmen wir die Fragen noch ernst, die „normale“ Menschen sich stellen, wenn sie unsere Gebete und Predigten hören, oder verstecken wir uns hinter einer theologischen oder philosophischen Fachsprache und richten uns in einem kirchlichen Elfenbeinturm ein, wo es sich gemütlich fachsimpeln lässt?

Wir müssen hinsehen, was die Menschen in unserer Zeit bewegt, was die Alten und die Jungen begeistert oder traurig macht, was ihnen den Atem nimmt und ihnen die Tränen in die Augen treibt – erst, wenn wir gelernt haben, ihre Sprache zu sprechen, werden wir auch ihr Herz berühren können.

Wir müssen die Welt sehen, wie sie ist und nicht davon träumen, wie wir sie in unseren Kirchenmauern gerne hätten. Natürlich hätte ich gerne an jedem Sonntag fünfzig Leute hier in unseren Reihen sitzen – aber wie kann das gehen, wenn schon die eigenen Gemeindeglieder die Stunden am Sonntagvormittag brauchen, um die Blumen zu gießen, die Tiere zu versorgen oder den Enkel zu besuchen, der nur dann Zeit hat, weil er auch an allen anderen Tagen der Woche zu beschäftigt ist…

Und wir müssen glaubhafte Worte dafür finden, welche Hoffnung der Glaube in uns weckt. Für uns ist ja der Glaube an Gott nicht nur etwas Zusätzliches, was zu all dem „Normalen“, was unser Leben ausmacht, noch dazu kommt. Für uns ist der Glaube an Gott wie ein Licht, wie ein Sonnenschein, der alles beglänzt und wärmt, was uns in unserem Leben begegnet, und uns hilft, auch mit schweren Zeiten und an dunklen Tagen die Hoffnung nicht zu verlieren.

War das jetzt für Sie ein seltsames Bild in einer unverständlichen Sprache oder konnten Sie verstehen, was ich meine? Es geht uns Christen doch genau wie allen andern Menschen, wir haben Angst, geraten in Not, machen uns Sorgen und fürchten uns – aber wir wissen, dass wir in all dem auf eine besondere Weise nicht allein gelassen sind, weil Gott mit uns durch dick und dünn geht… So, wie das Sonnenlicht uns auch im Winter begleitet, so, wie wir wissen, dass es die Sonne gibt, auch wenn sie gerade hinter dunklen Regenwolken versteckt ist.

Vielleicht ist das letztlich eine Erfahrung, die man nicht wirklich mit Worten vermitteln kann und die nur Menschen verstehen, die selbst schon Ähnliches erlebt haben. Gerade Kinder beobachten viel mehr, was wir tun, als das, was wir sagen. Sie ahmen unser Vorbild nach.

Was wir sagen, muss man uns also auch abspüren können. Was wir glauben, müssen wir auch in dem zeigen, was wir tun. Darin müssen wir nicht einmal perfekt sein, denn wir glauben ja an einen Gott, der unsere Fehler kennt und unsere Schwächen verzeiht – aber gerade darum sollten wir uns auch selbst verzeihen können und so diesen Glauben sichtbar machen.

Denn auch das stimmt ja – wir haben glauben gelernt durch unsere Oma, durch unsere Mutter oder unseren Vater, durch eine Freundin oder vielleicht sogar durch einen Pfarrer – weil diese Menschen nicht nur mit uns geredet haben, sondern weil sie uns vorgelebt haben, was Glauben eigentlich bedeutet.

Durch ihr Vorbild haben sie uns gezeigt, was es bedeutet, Christ zu sein; durch ihr Beispiel haben sie uns Hinweise gegeben, denen wir vielleicht folgen können; und so erst sind ihre Worte zu unseren geworden und so erst wissen wir, was es bedeuten kann, wenn jemand sagt: „Er hat mich bei meinem Namen gerufen, ich bin sein.“ Nur so können wir den Glauben weitergeben an den, der uns versichert „Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt.“

Ein Augenblick Gott

Gott kann man nicht sehen

Wie schön wäre es, wenn man Gott sehen könnte; wenigstens für einen Moment, für einen Augenblick. Wenn man sehen könnte, wo er ist und was er gerade macht. Wenn wir sicher sein könnten: Er ist da, ganz in unserer Nähe. Er hat uns nicht vergessen, er ist nicht weit weg. Trotz allem, was uns traurig macht, müde, wütend; trotz allem, was uns und andere Menschen verletzt und traumatisiert, trotz allem, was uns hilflos macht – Gott ist da, ganz nah. So, wie eine Mutter bei ihren Kindern ist, sie trösten und umarmen kann, wenn die Tränchen kullern. Gott ist da. Wir könnten ihn ja sehen. Immer, wenn wir ihn brauchen.

Wie schön wäre es, wenn man Gott sehen könnte; ein Leben lang wissen dürfte, er ist da! Kein Zweifel würde uns mehr belasten; in jeder Not wüssten wir, wohin wir uns wenden könnten. Gemeinsam könnten wir das Abenteuer des Lebens bestehen und uns immer auf der sicheren Seite wissen. Denn Gott ist da, das Ziel unseres Lebens haben wir klar vor Augen – wie könnten wir uns dann verirren? Wie sicher könnten wir uns fühlen, wie frei von Angst und Sorge wäre unser Dasein!

Wir glauben an das, was man nicht sieht

Wie schön wäre es, wenn man Gott sehen könnte. Wäre das schön? Wenn wir immer wüssten, wo er ist, wüssten wir ja auch, wo er nicht ist. Wenn wir sehen könnten, was er gerade tut, wüssten wir ja auch, was er gerade nicht tut. Und wir würden ahnen, wie viele Menschen in diesem Moment verlassen und einsam sind, weil Gott beschäftigt ist – wenn er hier ist und wir ihn sehen könnten, wäre er in diesem Moment nicht im Flüchtlingslager auf Lesbos in Griechenland, er wäre nicht in den zerstörten Häusern und bei den hungernden Kindern im Jemen, er wäre nicht in den Schlafzimmern der besorgten Menschen, die wegen Corona um ihren Arbeitsplatz fürchten und er wäre nicht auf den Intensivstationen, wo Ärztinnen und Ärzte um jedes Leben kämpfen. Er wäre hier und nirgends sonst.

Gott wäre beschränkt und begrenzt auf meinen Horizont. Nichts Undenkbares, nichts Unfassbares würde geschehen. Was meine Phantasie sich nicht erdenken könnte, würde Gott auch nicht tun. Und schon gar nicht wäre er überraschend, faszinierend, verstörend, finster oder schrecklich. Ihm würde alles fehlen,  was ihn heilig macht… Er wäre zwar menschlich und nah, aber nicht mehr göttlich. Er wäre nur so wie mein imaginärer Freund, der mich durch manche schwere Tage meiner Kindheit begleitet hat.

Was keines Menschen Auge je gesehen…

Wir verkünden Euch, was keines Menschen Auge je gesehen hat, schreibt Paulus. Gott ist so ganz anders, als alles, was wir uns vorstellen können. Gott ist nicht von dieser Welt. Unbegreiflich ist er für unsere Hände und auch für alles andere, was Hände hat. Unsichtbar ist er für alle Augen dieser Erde, auch für hochauflösende Kameras und Superzeitlupen. Keiner unserer Sinne hat ihn erfasst. Was keines Menschen Auge je gesehen, das verkünden wir euch! schreibt Paulus.

Predigerinnen und Pastoren scheinen das zur Zeit manchmal zu vergessen, dass Gott immer ganz anders ist, als wir uns das denken und als wir es gern hätten. Ja, er ist gut und gnädig,  aber in seiner Güte und Barmherzigkeit ist er uns auch fremd und fern. Er ist treu und verlässlich wie der gute Hirte, aber er ist auch fordernd und streng wie der Weingärtner, der die Reben beschneidet, die keine Frucht bringen, der auch die Mauern des Weinbergs niederreißen lässt,  wenn die Trauben immer wieder sauer werden und die Ernte verworfen werden muss.

Und andererseits ist er uns gerade in seiner unfassbaren Verborgenheit nah. Immer,  wenn ich denke, dass ich Gott gar nicht mehr verstehe,  drängt er sich gewissermaßen auf, überrascht mit Zärtlichkeit und Liebe,  sieht mich an und sagt zu mir „Du“ wie ein vertrauter Freund.

Ein Blick von oben und ein Blick von unten

Wie sollten wir denn auch glauben, was wir gesehen haben? Was wir sicher wissen, das müssen wir nicht mehr glauben. Was wir gesehen haben, bleibt für uns greifbar, verstehbar, mitteilbar. Wenn der Glaube aus dem Sehen kommt, könnten wir ihn anderen erklären, wir könnten sie mit vernünftigen Argumenten überzeugen, dass sie Gott vertrauen müssen. Glaube aber, so schreibt es der Verfasser des Briefs an die „Hebräer“, ist ein festes Vertrauen auf das, was wir nicht sehen…

Denn auch unsere Augen lassen sich täuschen – sehr leicht sogar. Jesus hat seine Jünger gewarnt: Wenn jemand euch sagt: „Hier ist Gott!“ oder „Da ist er!“, „Dort könnt ihr ihn sehen!“ oder „Kommt hier her!“ – glaubt ihnen nicht, geht auch nicht hin, sie wollen euch verführen. Gott ist wie ein Blitz am Himmel, von allen Enden der Erde aus sichtbar. Er wird sich euch zeigen, und ihr werdet es wissen.

Nicht von oben her, nicht aus eigener Kraft erkennen wir Gott. Alle wissenschaftliche Forschung, auch die Theologie, selbst Meditation und Gebet und alle geistlichen Übungen verfehlen Gott, wenn sie versuchen, ihn sich auf ihre Art verfügbar und greifbar zu machen. Wer hochmütig einen Turm baut, dessen Spitze bis an den Himmel reicht, findet über den Wolken nur Leere, bis seine Sprache und sein Denken sich verwirrt und für alle anderen Menschen unverstehbar wird. Auch so wahrt Gott sein Geheimnis.

Nur in Demut, gewissermaßen von unten her, lässt Gott sich erkennen. Diese Position kann man aber nicht suchen, nicht absichtlich herbei führen. In die Wüste des Lebens findet man nicht selbst hinein – wer würde das schon wollen? In die Wüste des Lebens wird man geführt. Dort aber ist Gott nicht fern, dessen Wesen es ist, dass er sich hinunter beugt zu den Geringen und der die ansieht, die dem Tod nahe sind.

Der Mensch sieht, was vor Augen ist

Was uns zur Verfügung steht, was wir sehen und begreifen, einplanen und verwalten können, das ist nicht Gott. Gott ist, was uns fremd ist, was unerwartet kommt. Gott ist, was überrascht und nicht geplant werden kann. Gott ist uns fern und manchmal überraschend nah.

Moses soll Gott gesehen haben, so steht es in der Bibel. Er hat ihn gesehen – von Angesicht zu Angesicht, wie ein Freund einen anderen ansieht. Adam soll Gott gesehen haben, seinen Schöpfer, und auch Eva natürlich, damals im Paradies. Aber sonst hat niemand ihn jemals gesehen. Er hat sich immer verborgen – in Rauchsäulen aus Wolken und Feuer, in blendendem Licht und finsterster Dunkelheit. Größer als Galaxien und winziger als die Bruchstücke der Atome, fern von dieser Welt und verborgen in ihrer innersten Mitte, wo unsere Meßgeräte und Sensoren ihn niemals finden werden. Gott hat sich versteckt. Niemand hat Gott je gesehen, außer dem Sohn Gottes selbst.

Ein Augenblick Gott

Von Abraham, dem Stammvater Israels, wird erzählt,  dass er zwei Söhne hatte: Ismael, geboren von Hagar, der Sklavin seiner Frau, und Isaak, den Sohn von Sara, seiner Ehefrau. Nach einigen spannungsvollen Jahren sieht Abraham sich genötigt,  Hagar und seinen Erstgeborenen zu verstoßen. In der Wüste finden die Sklavin und ihr Sohn eine kleine Oase, einen Brunnen. Dort hat sie eine Begegnung mit Gott. Er verspricht ihr, dass sie – wie Abraham – viele Nachkommen haben wird, dass sie – wie Sara – die Urahnin eines großen Volkes sein wird. So soll sie Anteil haben an dem Segen Gottes, den er auf Abraham gelegt hat. Was genau zwischen ihr und dem Herrn der Welt geschah, wird ihr Geheimnis bleiben; aber hinterher bekennt sie: an diesem Ort hat der HERR  mich gesehen.

Du bist ein Gott der mich sieht

Du bist ein Gott, der mich anschaut… Auch Abraham selbst hat diese Erfahrung gemacht. Er, der die Sklavin seiner Frau und ihren Sohn in die Wüste geschickt, wurde von Gott aufgefordert, auf dem Berg Horeb seinen Sohn zu opfern. Schon war das Holz für das Brandopfer aufgeschichtet, bereit für die zündende Fackel, schon lag Isaak gefesselt auf dem Holz, schon war das Messer in Abrahams Hand – da rief Gott ihm zu: „Tu ihm nichts! Ich habe Dich gesehen!“

„Dies ist der Berg,  an dem der Herr sieht…“ So sprach Abraham, und so hat man diesen Berg noch Jahrhunderte später genannt.

Wie sehr sich die Geschichten gleichen! Hagar am Brunnen, Abraham auf einem Berg – beide werden in letzter Sekunde gesehen und gerettet. Der „Gott, der sieht“ hat eingegriffen.

Wichtiger als die Sehnsucht, Gott zu sehen, ist die Gewissheit, dass Gott die Menschen sieht. Denn Gott sieht nicht nur, was vor Augen ist, er sieht das Herz an. Er sieht vor allem auf die Menschen, die in Not und Verzweiflung sind wie Hagar. Er sieht auf die Menschen in der Wüste ihres Lebens wie Jakob, der vor seinem Bruder flüchten musste. Er sieht auf Menschen wie Hiob, die an einem Punkt angekommen sind, wo sie buchstäblich in der Asche sitzen und ihre Wunden aufkratzen…

Wenn Gott sieht, heißt das nicht nur, dass Gott einen Menschen erblickt. Die hebräische Vokabel ra’ah „sehen“ ist wie auch im Lateinischen, im Englischen und im Deutschen eng verwandt mit den Worten providere und to provide, also „voraussehen“ und „versehen“, also mit „vorbereiten und versorgen“. Der „Gott, der sieht“ ist der Gott, der versorgt, der sich darum kümmert, dass das Nötige vorhanden ist – ein Widder, der an der Stelle Isaaks geopfert wird, Wasser für den Sohn der Hagar, ein großartiger Segen für den flüchtenden Jakob, Brot und Wasser für den Propheten Elia und die Witwe von Sarepta, Zukunft und Hoffnung für Hiob, der seinen Glauben nicht aufgibt trotz aller Not.

Nichts zu sehen…

Jesus hat gesagt: „Wer mich sieht, der sieht auch den Vater.“ Gott hat durch ihn den Menschen gezeigt, wie er ist. In ihm ist er selbst zu den Menschen gekommen. Aber auch in dieser letzten Offenbarung war er noch verborgen und verhüllt. „Wir haben ihn gesehen,“ so heißt es in einem Psalm, „aber da war nichts, das man gern sieht; kein Glanz und keine Herrlichkeit, nichts Erhabenes und nichts Schönes. Zerschlagen und vernichtet war er, ein gebrochener Mensch…

Erst unter dem Kreuz hat ihn der Hauptmann der römischen Soldaten erkannt und konnte sehen, wer er in Wahrheit war: „Ja, wirklich – dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen…

Im Gekreuzigten hat Gott sich verborgen; und die Menschen, die nur sehen, was offen vor Augen ist, haben ihn nicht erkannt. Sie haben göttliche Macht und himmlischen Glanz an ihm gesucht – und so konnten sie nicht wahrnehmen, dass das Leben hier im Tod gesiegt, dass die Hoffnung sich in der Verzweiflung vollendet hat. Im Gegenteil des Erwartbaren hat Gott sich versteckt. Was keines Menschen Auge je gesehen, das hat Gott denen vorbereitet (providere!), die ihn lieben.

Durch den Horizont geschaut…

In einem Kalender mit Geschichten aus der christlichen Mission stand ein Bericht – wenn es nicht wahr ist, so ist’s doch gut erfunden – über ein Ehepaar, die als Missionare nach Papua-Neuguinea gezogen sind, um dort eine medizinische Versorgung aufzubauen. Zugleich hatten sie den Auftrag, die Bibel in die Landessprache zu übersetzen. Nach einiger Zeit bekam das Ehepaar ihr erstes Kind. Natürlich freuten sie sich sehr darüber. Ebenso die Einheimischen, die dieses kleine weiße Baby bestaunten.

Doch dann erkrankte das Kind und starb schließlich an einer Infektion. Voller Trauer zimmerte der Vater mit eigenen Händen den Sarg für sein Kind und beerdigte es im Dorf. Die Einwohner schauten ihm zu, beobachteten alles ganz genau. Schließlich fragte einer von ihnen den Vater: „Dein Sohn ist gestorben. Werdet ihr jetzt weggehen?“ Auf die Antwort des Vaters, sie würden bestimmt in dem Ort bleiben antwortete dann der Mann: „Aber dann werdet ihr vielleicht auch noch krank werden und sterben!“ „Da machen wir uns keine Sorge. Wir sind in Gottes Hand, genau wie unser Kind.“

Diese Haltung ließ den Einheimischen nicht los. Er dachte lange nach und sagte schließlich: „Was seid ihr Christen doch für seltsame Menschen! Ihr fürchtet den Tod nicht, und ihr könnt durch den Horizont sehen!“ Dabei fiel dem Missionar ein, dass er schon lange versucht hatte, das Wort „Hoffnung“ in die Papua-Sprache zu übersetzen, die den Begriff nicht kennt. Jetzt hatte er ihn gefunden. Hoffnung bedeutet, ‚durch den Horizont sehen‘.

Du bist ein Gott, der mich anschaut!“ In diesem Glaubensbekenntnis ist das Vertrauen formuliert, dass Gott gerade in schweren Zeiten da sein wird. Er ist es, der durch den Horizont schaut, auch durch den letzten, der der Tod ist. Das Weizenkorn, das nicht in die Erde fällt, bleibt allein. Wenn es ausgesät wird und „stirbt“, bringt es viel Frucht. So kommt das Leben durch den Tod hindurch ans Licht. So hat Hoffnung einen festen Grund.

Systemrelevant?

In den Jahren, in denen ich als Teamer im Konfirmandenunterricht mitgearbeitet habe, waren dort Argumentations- und Diskutierspiele beliebt und berüchtigt: allen voran das „NASA-Spiel“. Die Konfirmandengruppe sollte sich vorstellen, sie sei während einer Mondmission mit ihrem Shuttle abgestürzt. Das Raumfahrzeug ist nicht mehr einsatzbereit und verliert Luft, das Funkgerät ist tot, bis zur rettenden Mondbasis sind zweihundert Kilometer Wegstrecke zu überwinden. Fünfzehn mehr oder weniger nützliche Gegenstände können die Havarierten bergen. Da sind ein paar Flaschen mit Sauerstoff, Streichhölzer und eine Taschenlampe, ein langes Stück Seil, eine Pistole und andere Dinge. Was ist nun absolut wichtig und lebensnotwendig, was ist brauchbar und nützlich und was ist völlig unnötig?

Ich kann mich erinnern, dass in den meisten Gruppen die Konfirmandinnen und Konfirmanden leidenschaftlich und engagiert über dieses Thema diskutiert haben und dass manchmal sogar noch nach der Unterrichtsstunde weiter gestritten wurde. Natürlich ist Sauerstoff die wichtigste Ressource, aber ob man eher die Taschenlampe dabei haben sollte oder doch eher einen großen Spiegel, darüber lässt sich trefflich streiten .

Ähnlich erscheinen mir die aktuellen Gespräche um die Frage, was in dieser Zeit systemrelevant ist…

Überhaupt: schon dieses Wort ist eine Zumutung. Jeder führt es jetzt im Mund und trägt es in Zoom-Konferenzen, Talkshows, Zeitungskolumnen und Podcasts; und jeder tut so, als wäre völlig klar, was gemeint ist. Systemrelevant ist, was für die Allgemeinheit überlebenswichtig ist. Für NASA-Astronauten ist Treibstoff, Sauerstoff, Lebenserhaltung und Navigation systemrelevant. Ohne die grundlegenden Ressourcen wäre die Expedition nach der Katastrophe am Ende.

Aber wenn es um die Covid-Pandemie geht – was ist dann überlebenswichtig? Welches System muss da gerettet werden? Vonn welcher Allgemeinheit wird da geredet? Und nach welchen Kriterien werden die zur Verfügung stehenden oder noch zu findenden Ressourcen bewertet? Welches Ziel muss erreicht werden, damit das grundlegende Problem gelöst ist?

Das Wort „systemrelevant“ kommt ursprünglich aus einem ganz anderen, ganz bestimmten Zusammenhang; zuerst verwendet wurde es 2009 in Berichten über die Bankenkrise nach dem Platzen der Immobilienblase. Manche Banken und Zusammenschlüsse waren zu groß und zu wichtig, um zu zerbrechen oder Pleite zu gehen – wenn sie nicht überleben, könnten ihr Wegfall die ganze Volkswirtschaft destabilisieren und eine Inflation auslösen. „Too big to fail“ war damals der Slogan, mit dem milliardenschwere Subventionen für die Bankenkonsortien gerechtfertigt wurden.

Wenn im Zusammenhang mit Covid von der Systemrelevanz von Berufsgruppen, wirtschaftlichen Angeboten und gesellschaftlichen Strukturen geredet wird, ist deren Wert und die Wichtigkeit oft nicht wirklich klar ersichtlich. Emotionale und ideologische Wertmaßstäbe überlagern die Einschätzungen von Wissenschaftlern, Ökonomen, Sozialwissenschaftlern; und Politikerinnen und Politikerinnen lassen sich oft von sachfremden und unangemessenen Vorstellungen leiten. Neben die Wahrheit der Ärzte und Virologen tritt die „gefühlte“ Wahrheit der Hotelbesitzer, Restaurantchefs, Konzernleitungen und Künstlerinnen und Künstler. Und natürlich auch die der „Bevölkerung“, die sich an die Empfehlungen der Wissenschaft und die Vorschriften der Politik halten sollen und nur mit Tränen in den Augen auf Kino und Friseurbesuche verzichtet.

Auch hier ist das Gefühl oft weit von einer nachvollziehbaren und messbaren Wirklichkeit entfernt – ich verstehe immer noch nicht, warum so viele Menschen am Beginn der Pandemie ausgerechnet Klopapier gehortet haben – und nicht Batterien, USB-Sticks oder Luftfilter…

Ich verstehe, dass viel über Kindergärten und Schulen gesprochen und auf allen Ebenen darum gerungen wird, wann und wie die Kinderbetreuung geregelt wird – Kinder sind in einer bedenklichen Situation. Sie brauchen Kontakt zu Gleichaltrigen, brauchen Anregung und Herausforderung, die Chance, etwas zu lernen, sich zu entwickeln und geistig wie mental zu wachsen. Monate und Jahre mit einer Beschränkung ihrer sozialen Kontakte zu leben hindert sie in einer natürlichen Entwicklung und erzeugen nicht mehr zu füllende Lücken in ihrem Lebenslauf. Eine verlorene Jugendzeit lässt sich nicht nachholen. (Dies betrifft aber die Kinder von Geflüchteten, Menschen in prekären Lebenssituationen und in schwierigen sozialen Verhältnissen schon seit vielen Jahren…).

Zu oft geht es aber vor allem darum, dass ihre Eltern möglichst schnell wieder an ihre Arbeit gehen können – ob die Betreuung der Kinder die nötige Qualität hat, mit den besonderen Belastungen der Pandemie sinnvoll umzugehen, ist oft nur zweitrangig. Hauptsache, Mama kann wieder an der Kasse stehen und Papa am Fließband.

Und: Nicht nur Schulen, Büros und Fließbänder sind Systemrelevant – Kunst und Kultur wird sträflich vernachlässigt, nicht nur das „kohlenstoffliche“ Live-Programm in Kinosälen und Opernhäusern, sondern auch in den Massenmedien. Bis auf eine daueraufgeregte Berieselung mit Katastrophenmeldungen findet nur wenig Nachdenkliches im Fernsehen oder im Radio statt, dass sich mit Chancen und Risiken der Verwandlung unserer Gesellschaft auseinandersetzt. Es gibt keine Vorbilder, keine Leitfiguren und keine Personen in einer spannenden Serie, mit denen man sich identifizieren kann, – die reißerischen Dramen über die gesellschaftlichen Folgen einer Virusinfektion oder den Zusammenbruch der grundlegenden Infrastruktur eines Landes im Zusammenhang mit einer Pandemie stammen noch aus dem vorigen Jahrzehnt. Statt dessen such Deutschland immer noch nach dem nächsten Supermodel und überlegt, wer als Nächstes aus dem Dschungelcamp fliegt.

Und die Kirche? Nirgends wird gefragt, ob Gottesdienst, Seelsorge, Hausbesuche von Pfarrerinnen oder Priestern systemrelevant sind und auf ihre Weise zu einer stabileren Grundverfassung der deutschen Psyche beitragen könnten…

Pfarrerinnen und Pfarrer, Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädagogen haben oft jahrelange Erfahrung im Umgang mit trauernden, bedrückten und verunsicherten Menschen, helfen in Extremsituationen und geben Beistand in schweren Belastungen. Sie helfen Menschen, sich mit dem Tod von Verwandten und mit ihrer eigenenSchwäche und Sterblichkeit auseinander zu setzen. Viele haben sogar eine spezielle Ausbildung zur Seelsorge und „Intervention in Krisensituationen“, wie sie auch Rettungswagenfahrerinnen und die Teams des Katastrophenschutzes haben. Und oft haben Geistliche Worte, die aufbauen und motivieren, Worte, die mehr sind als Durchhalteparolen. Dieser „Schatz“ an Kompetenz in der Kirche wird zur Zeit größtenteils nicht genutzt und liegt brach.

Ich verstehe auch die „ganz normalen“ Sonntagsgottesdienste als Orte der Seelsorge. Zwar haben viele Menschen immer noch das Vorurteil, Gottesdienste seien langweilig und dem Gestern verhaftet – das sagen aber meistens Leute, die schon seit zehn Jahren nicht mehr selbst an einem Gottesdienst teilgenommen haben. Ich selbst erlebe viele Gottesdienste in der Kirche, die zeitgemäß, interessant, problemorientiert, wichtig und aufbauend sind. Musik, Gesang, Liturgie, Verkündigung und vor allem die Gemeinschaft mit anderen Gottesdienstbesucherinnen und -besuchern bilden hier eine Mischung, die gerade jetzt für Viele eine hilfreiche Anregung und Stütze sein könnte.

Die Gottesdienste meiner Kolleginnen und Kollegen im Fernsehen, auf den bekannten Seiten im Internet oder auch in den Kirchengemeinden, die sich die Mühe geben, Andacht und Verkündigung im Netz zu veröffentlichen, sind für mich eine faszinierende Möglichkeit, die Vielfalt zu erleben, die gerade jetzt möglich wird und in der Kirche begeistert praktiziert. Kein Einzelner kann alles, aber gemeinsam können wir sehr viel. Und ich habe erlebt, das Pfarrerinnen und Pfarrer sich auch gegenseitig helfen und unterstützen, wenn sie in Schwierigkeiten geraten – denn auch sie werden in der Krise manchmal depressiv und krank. Da tut es gut, wenn jemand weiß, dass in der Gemeinschaft für ihn gebetet wird.

Wort der Woche – segensreich

In frommen Kreisen und in der Kirche wünscht man sich zum Neuen Jahr Gottes Segen… Hm. Tja. Bedenkenswert. Was genau bedeutet denn das Wort „Segen“? Geht es nur darum, im kommenden Jahr Glück zu haben? Glücklich zu sein? Vor bösen Dingen bewahrt zu bleiben?

Für mich hat das Wort Segen immer etwas mit Gott zu tun. Ich hab in der Schule mal gelernt, dass das Wort Segnen mit dem Wort Zeichen zusammen hängt. Es kommt von dem lateinischen Wort Signum, das bedeutet Zeichen, oder auch Signal. Die Römischen Heere hatten immer diesen Stab mit einem goldenen Adler oder einem anderen Zeichen dabei, eine Standarte, damit sich die Soldaten bei ihren Schlachten besser orientieren konnten, wo sich denn jetzt die eigenen Leute gerade sammeln und wo der Feind anrückt. Dieses Feldzeichen heißt Signum.

Den Kindern vom Kindergottesdienst erkläre ich das immer mit dem Hinweis auf die Becher beim Kindergeburtstag – da malt man ein Zeichen dran, damit man wiedererkennen kann: Das ist mein Becher, daraus hat außer mir niemand sonst getrunken… Ein solches Zeichen ist, glaube ich, der Segen Gottes auch.

Wer gesegnet ist, der trägt das Zeichen Gottes. Und das bedeutet, der gehört zu ihm. Zu Gott. Manche verstehen dann so ein Segenszeichen als eine Art Schutz: Für viele Menschen ist das ein Grund, ihre Kinder taufen zu lassen. Wenn ich zu Gott gehöre und sogar sein Name irgendwie auf mir steht, dann wird er mich ja wohl besonders gut behandeln. Immerhin gehen die meisten Leute ja auch mit den eigenen Sachen sorgfältiger und vorsichtiger um als mit den Sachen, die allen gehören und um die sich darum niemand so richtig kümmert, wie zum Beispiel mit den Büchern aus der Stadtbücherei. Eigene Bücher und Bücher von Freunden behandeln die meisten Leute besser als Bücher von Leuten, die sie gar nicht kennen…

Gesegnet sein heißt aber oft genug gerade nicht, dass es einem immer gut geht und dass man Grund hat, glücklich und zufrieden zu sein. In der Bibel haben gerade die gesegneten Leute das anstrengendste und aufreibendste Leben, das man sich vorstellen kann. Die Leute, die in Ruhe und Frieden eine Tischlerei oder eine Wurstfabrik betreiben, nennt man normalerweise nicht gesegnet…

Mit Kindern „gesegnet“ nennt man eine Frau, die drei oder mehr davon hat, und was das in Wirklichkeit heißt, kann Euch jedes Mitglied einer kinderreichen Familie erzählen. Und die Leute, die in der Bibel „Gesegnete“ genannt werden, sind immer irgendwie Leute, die aus der eigenen Mitte gerückt sind, Exzentrische, Verrückte. Sie werden zum Beispiel im Ausland angeklagt und dann doch irgendwie gerettet; sie verlieren Hab und Gut und bekommen es erst nach anstrengenden Jahren zurück, sie müssen alles, was sie lieben, zurücklassen und in der Fremde noch einmal neu anfangen und ihr Leben aufbauen.

Wenn ihnen das gelingt und sie nicht unterwegs von Löwen oderRiesenfischen gefressen werden, nennt man sie gesegnet und erkennt in ihrem Leben das Zeichen Gottes…

In China soll das Wort ein böser Fluch sein: „Mögest Du in interessanten Zeiten leben!“ – in den Geschichten,die in der Bibel erzählt sind, leben die Gesegneten immer in interessanten Zeiten…

Für mich selbst denke ich: Segen ist so etwas wie eine Zusatzbatterie für das Leben – im Guten und auch im Schlechten wird es dadurch intensiver und kräftiger, lebensstärker – aber Segen bedeutet nicht, dass alles einfach und „richtiger“ ist…

Euch allen wünsche ich: Seid gesegnet! Lebt intensiv! Seid mutig, aber nicht leichtsinnig. Und sucht das Glänzende in jedem Jahr.

Von Zeit zu Zeit und immer wieder…

Warum existiert die Welt? Und warum gerade jetzt?

Von Zeit zu Zeit und immer wieder einmal frage ich mich, warum ich gerade jetzt lebe und nicht … sagen wir, hundert Jahre später, oder im Mittelalter, oder auch erst in einer Milliarde Jahren. Dieses Universum besteht seit 18 Milliarden Jahren, die Erde existiert seit viereinhalb Milliarden Jahren. Seit etwa 60 000 Jahren gibt es intelligente und sich ihrer selbst bewusste Menschen auf der Erde – warum bin ich jetzt hier, 1963 nach Christus geboren – und hoffentlich atme, denke und lebe ich noch dreißig Jahre mehr, bevor ich aus dieser Welt gehe und man meinen Leib begräbt.

Noch extremer wird die Frage, warum es die Menschheit als Ganzes gerade jetzt gibt. In den vier Milliarden der Erde könnten schon mehrfach intelligente Wesen, technisch versierte Spezies, vielleicht sogar raumfahrende Zivilisationen entstanden und wieder vergangen sein, die vielleicht nur wenige hundertausend Jahre existierten, bevor das Werden und Vergehen der Gebirge und der Ozeane und das Driften der Kontinente alle Spuren verwischten oder unkenntlich machten. Warum gibt es uns gerade jetzt?

Einige statistische Erklärungen könnten den Zeitraum eingrenzen: Im Universum ist nicht zu jeder Zeit Leben, wie wir es kennen, möglich oder wahrscheinlich. Das Leben und noch mehr die Entwicklung von Intelligenz ist an Materie gebunden: Stoffwechsel, Wachstum, Energieumsatz und Reproduktion sind nach unserem Verständnis Eigenschaften, die notwendig sind, damit man von Leben sprechen kann. All das setzt voraus, dass es neben Wasserstoff und Helium auch schwerere Elemente im Universum gibt, Materie, die der Astrophysiker alle “Metalle” nennt, obwohl auch Sauerstoff, Kohlenstoff und Stickstoff dazu gehören und auch die ganzen anderen Elemente…

Solche Metalle gibt es erst, nachdem die zweite Generation Sterne im Universum entstanden ist. Die schweren Elemente entstehen im Universum nur, wenn ein sehr massereicher Stern als Supernova explodiert und im Zeitraum von nur wenigen Minuten in ihrem Kern die Elemente produziert, die schwerer sind als der Atomkern des Eisenatoms. Auch wenn zwei Neutronensterne zusammenstoßen, werden aus ihrem Inneren die schweren Elemente freigesetzt. Die ganze Erde, alles in ihr, was schwerer ist als Eisen, ist buchstäblich Sternenstaub, war bereits einmal Teil eines anderen Sterns, der in einem unvorstellbaren Blitz seine Materie ins All verströmte…
Schwere, massereiche Sterne leben paradoxerweise viel kürzer als leichte, die mit einem milden Glühen über mehrere Dutzend Jahrmilliarden strahlen können, während die heißen, schweren Sterne schon nach einigen hundert Millionen ihren “Treibstoff” verbrannt haben. Dann erzeugen sie in einer gewaltigen Katastrophe eine stellare Gaswolke, die sich über viele Lichtjahre ausbreitet, während in ihrer Mitte ein Neutronenstern oder ein Schwarzes Loch zurückbleibt, ein letzter Rest eines einst strahlenden Riesen.

Bevor dies geschah, konnte im Universum kein Leben existieren. Und es gibt wohl auch ein zeitliches Ende für die Möglichkeit, das Leben im Universum existiert: Spätestens, wenn die Elementarteilchen zerfallen und keine Atomkerne existieren können, weil es keine Neutronen und Protonen mehr gibt, wenn nur noch Schwarze Löcher und Dunkle Materie im Universum existieren, wird es kein Leben mehr geben im Universum, weil die dafür notwendigen Bausteine verschwunden sind.

Trotzdem bleibt die Frage: Warum existiert gerade jetzt 18,5 Milliarden Jahre nach der Entstehung des Universums, Leben in unserer Galaxie? Gibt es solches Leben gleichzeitig auch auf anderen Planeten, die um andere Sterne kreisen? Und wird es vielleicht in Zukunft noch viel mehr Lebendiges im Weltall geben, wenn Sterne der dritten und vierten Generation existieren und die Menge an schweren Elementen in den interstellaren Gaswolken steigt?

Zurück auf die Erde: Auch hier könnte man sagen, die Wahrscheinlichkeit für meine (und Deine) Existenz ist gerade jetzt am Höchsten: Es gibt beinahe acht Milliarden Menschen auf der Welt. Diese acht Milliarden leben alle gleichzeitig, jetzt. Weil die Zahl der Menschen exponentiell wächst, gibt es jetzt mehr Menschen als je zuvor auf dem Planeten. Vor hundert Jahren lebte gerade eine Milliarde Menschen auf der Welt. Zur Zeit Luthers waren es weniger als 500 Millionen. Und zur Zeit Jesu, also in der beginnenden Bronzezeit, teilte er sich diese Welt mit weniger als 50 Millionen Menschen. Als Ninive starb und Atlantis in den Fluten versank, gab es weniger als zehn Millionen, und während der vielen Jahrtausende vor Beginn der schriftlichen Überlieferung der Geschichte, von denen wir nur durch verlassene Feuerstellen und Reste von Keramiktöpfen an ehemaligen Siedlungen wissen, gab es vermutlich nur ein bis zwei Millionen Menschen auf der ganzen Welt…

Alle Menschen, die vor 1900 n. Chr. geboren wurden, sind zusammen zahlenmäßig weniger als wir, die wir heute den Planeten bevölkern. Wir waren noch nie so viele. Darum ist allein die statistische Wahrscheinlichkeit höher, jetzt zu leben, als die Chance, hundert oder tausend Jahre früher zu leben.

Trotzdem erklärt das nicht den Einzelfall, also Dich oder mich.

Und unerklärt bleibt auch – wenn die Welt durch einen Urknall entstand, sich aus einer Singularität entfaltet hat – warum geschah das gerade dann? Warum nicht früher oder später? Diese Frage macht wohl keinen Sinn, denn die Zeit entstand ja erst mit dem Universum, ein “Früher” ist also ein sinnloser Begriff. Ebenso wie das “Später”. Trotzdem bleibt die Frage nach der Ursache der Welt, wenn man so will, die Frage nach dem “ersten Beweger”, nach dem “zureichenden Grund” für alles, was existiert. Eine Ursache des Urknalls innerhalb des Universums kann es nicht geben, denn dies entstand ja gerade erst in diesem Moment. Warum also ist da Etwas, und nicht vielmehr Nichts? Und wenn nicht jetzt, wann dann?

Predigen über Kirchenlieder

Ein Vortrag für den gemeinsamen Konvent der Pfarrer und der Kirchenmusiker im Kirchenkreis Berlin-Neukölln

1. Ich bin neidisch auf die Musiker

Ich gestehe: Ich bin oft ein bisschen neidisch gegenüber Kirchenmusikern, Organisten und Kantoren: Wenn sie zu einem Konzert einladen, ist die Kirche voll. Dutzende bis Hunderte begeisterter Menschen füllen die Kirchenbänke und Gemeindesäle; es kommen sogar Leute, die noch nie eine Predigt gehört haben oder am Abendmahl teilnahmen.

Auch nach einem Gottesdienst sagen mir viele Leute an der Kirchentür, was für eine große Bereicherung des Gottesdienstes die wundervolle Kirchenmusik war, wie schön der Chor gesungen hat und dass die Band mit ihren bluesigen Gospelklängen diesen Gottesdienst zu einem unvergesslichen Erlebnis gemacht hat.

Da fühlt sich der Pfarrer immer ganz klein und unwichtig und hofft, dass die Gebete, die Predigt und die Liturgie mit dem Segen am Schluss auch irgendwie witksam waren für das geistliche Leben der Gemeindeglieder.

Unterschätzen Kirchenmusiker nicht ihre Rolle im Gottesdienst, wenn sie sich Woche für Woche von ihrer Pfarrerin oder ihrem Pfarrer die Liturgie mailen lassen, inclusive der Lieder, die in diesem Gottesdienst gespielt werden? Sollten sie an dieser Stelle nicht viel mehr mitreden, von sich aus Vorschläge machen und mit entscheiden über diesen so wichtigen Teil des Gottesdienstes und der christlichen Verkündigung? Und unterschätzen sie nicht auch ihre Aufgabe, wenn sie unvorbereitet, innerlich unbeteiligt und ohne eigene Ideen die Choräle runterspielen zu einem müden Gemeindegesang und nur aufleben, wenn sie beim Vor- und Nachspiel und vielleicht noch bei der Begleitung des Abendmahlsgeschehens in eigenen Improvisatioenen brillieren können?

2. Im Gespräch

Uns Pfarrern und uns Kirchenmusikern gemeinsam ist der Auftrag zur Verkündigung. Das Wort Gottes im Gottesdienst zu vergegenwärtigen, die frohe Botschaft für die Gemeindeglieder und ihre Nachbarinnen und Nachbarn aktuell zu machen, sie zu interpretieren. Das tun wir Pfarrer, indem wir die Bibel auslegen. Das tun Kirchemusiker, indem sie Musik und Texte passend zum Charakter des Sonntags im Kirchenjahr auswählen, gegenüber Chorsängerinnen und Chorsängern den theologischen Hintergrund der Kantaten und Oratorien deutlich machen und so bis in die Phrasierung und Betonung der Interpretation hinein deutlich machen, was da eigentlich geharft, gepfiffen und gesungen wird? Und das alles, wie Bach es immer wieder unter seine Noten schrieb, zur größeren Ehre Gottes?!

Wir haben das im Studium gelernt; verschiedene Methoden der Exegese, historisches Grundwissen zur biblischen Geschichte, zur Dogmengeschichte und zur Geschichte der Rezeption Biblischer Texte sind unser „Handwerkszeug“. Eine gute Rhetorik und eine Liebe zur Poesie können beim Predigen helfen.

Alles das hat meiner Ansicht nach den Zweck, mit der Gemeinde in ein Gespräch zu treten, oder besser – in eine Diskussion unter allen Christinnen und Christen zu treten, wie denn die Bibel zu verstehen ist, was wir über Gott erfahren und wie wir gemeinsam unseren Glauben leben können.

Die biblischen Texte in ihrem Zusammenhang auf der einen Seite, die Predigthörerinnen mit ihrer Lebensgeschichte auf der anderen Seite und dazwischen die Predigerinnen bzw. der Prediger mit ihrem theologischen Verständnis und ihrem gelebten Glauben – sie bilden das bekannte Dreieck, in dem das Verkündigungsgeschehen statt findet.

3. Eine neue Dimension

Wenn ich nun über ein Werk der christlichen Kirchenmusik predige, kommen gewissermaßen zwei neue Gesprächspartner in die Runde: Der Dichter des Liedtextes und der Musiker, der die Melodie dazu schreibt und interpretiert. Es ist eine ganze zusätzliche Dimension der möglichen Ausdrucksformen, die es nun zu beachten gilt. Der Komponist nimmt den Bibeltext in seinen Liedern und Melodien auf, interpretiert ihn im Rahmen des theologischen und musikalischen Hintergrundes seiner Zeit und fordert Predigerin und Zuhörerinnen heute auf, sich mit ihrem Glauben, Fühlen und Denken damit auseinender zu setzen.

Nach meiner Meinung ist vor allem dies die zusätzliche Dimension, die die Musik in das Gottesdienstliche Geschehen einbringt: das Gefühl, die Emotion, die „Erhebung“, die eintritt, wenn das Evangelium nicht nur gesprochen und gehört wird, sondern geatmet, gesungen, getanzt und fühlbar gemacht wird, wenn es nicht ein eindimensionales Senden und Empfangen einer Botschaft ist, sondern ein gemeinsames Tun und ein gemeinsames Erleben aller im Gottesdienst Anwesenden ist

4. Versuchungen

Wenn eine Pfarrerin oder ein Pfarrer über einen Choral oder ein Kirchenlied, eine Kantate oder einen Gospelsong predigt, gibt es einige Versuchungen, die es zu vermeiden gilt. Es ist nicht unsere Aufgabe, im Gottesdienst unsere umfassende kulturelle Bildung zu präsentieren. Weder sollen wir zum Museumsführer oder zum Erklär-Bären für Menschen werden, die weniger Wissen über oder weniger Erfahrung mit Kirchenmusik haben. Wir sollen auch nicht Musikkritiker sein oder einfach nur in begeistertes Schwärmen verfallen.

Nur in Ausnahmefällen sollten wir gegen den Komponisten oder Texter predigen – wenn deren Intention dem, was wir glauben und predigen wollen, so extrem entgegen steht, dann sollten wir über dieses Lied besser gar nicht predigen und es auch nicht im Gottesdienst singen.

Und was immer wir predigen, indem wir Texte, Melodien, Gedanken und Theologie der Lieder aus dem Kirchengesangbuch auslegen – letze Richtschnur und Aufgabe des Menschen, der auf der Kanzel steht, bleibt das Wort Gottes, bleibt die christliche Verkündigung und das Bekenntnis der Kirche. So spannend es manchmal auch wäre – Kulturkritik und Musikgeschichte müssen in der Erwachsenenbildung der Gemeinden einen anderen Ort finden als den Gottesdienst.

Und zuletzt: Musik kann leicht manipulieren und die Gefühle der Menschen verführen. Musik muss verantwortlich eingesetzt werden, und auch die Predigenden sollten wissen, was sie tun, wenn sie in dieser Art zu den Herzen der Menschen sprechen. Ich habe zu lange Kontakt zu charismatisch und pfingstlerisch angehauchten Gemeinden gehabt, um von dieser Gefahr nichts zu wissen: Es gibt ein zu wenig, aber es gibt auch ein zu viel.

5. Wieso nicht?

Trotz dieser Versuchungen sehe ich große Chancen in der Unternehmung, über und mit Liedern zu predigen. Musik, Melodie und Rhythmus finden einen direkteren, unmittelbareren Weg in das Herz der Menschen und ihr Gedächtnis und ihr Gewissen als tausend klug gesetzte und engagiert vorgetragene Worte von predigenden Menschen. Es spricht nichts dagegen, diesen Weg, diesen Zugang auch zu nutzen.

Wenn sich Musik und Wort gegenseitig beeinflussen und bekräftigen, inhaltlich und formal, können beide nur gewinnen – wie ich meine: zum Nutzen der Gemeinde und zur größeren Ehre Gottes.

Ein Gehirn von der Größe eines Planeten…

Künstliche Intelligenz

Seht mich an, ein Gehirn von der Größe eines Planeten, und man verlangt von mir, euch in die Kommandozentrale zu bringen. Nennt man das vielleicht berufliche Erfüllung? Ich jedenfalls tu es nicht.
Marvin, der Roboter, in „Per Anhalter durch die Galaxis“ von D. Adams

Schon vor der Erfindung des Computers waren Schriftsteller und Philosophen von dem Konzept der künstlichen Intelligenz fasziniert. War es dem Menschen möglich, durch Wissenschaft oder Zauberei andere denkende, fühlende Wesen zu erschaffen, ihnen womöglich so etwas wie eine Seele zu geben und auf diese Art dann doch noch wie Gott zu werden?

Im Mittelalter entstand der Mythos vom Golem, einem künstlichen Menschen, aus Lehm geformt, dem ein Wort aus der hebräischen Bibel in den Mund gelegt wurde und der dann stehen, gehen und handeln konnte, ein Befehlsempfänger, geist- und willenlos, wie eine Mischung aus Roboter und Zombie.

Die Geschichte von Frankensteins „Monster“ erzählt von einem genialen Arzt, dem es gelingt, einen aus Leichenteilen zusammengenähten Körper wieder zum Leben zu erwecken. Tragischerweise hat dieses Monster ein eigenes Bewusstsein und entwickelt Gefühle, und als es erkennt, dass seine Sehnsucht nach Liebe nie erfüllt werden wird, weil es niemals als vollwertiger Mensch anerkannt werden wird, sucht es den Tod.

Mehrfach wurden Automaten mit menschenähnlichen Eigenschaften entworfen und gebaut, zum Beispiel der zahnradgetriebene mechanische „Schreiber“, der mit Hilfe einer Vogelfeder auf Papier schreiben konnte, der „Schachtürke“, ein sehr fein ausgedachter mechanischer Automat, in dem sich ein kleinwüchsiger Schachspieler verstecken konnte und mittels Hebeln und Seilzügen die Figuren auf dem Schachbrett bewegen konnte.

Auch diverse mechanische Rechenmaschinen, die addieren und multiplizieren konnten, wurden in dieser Zeit entworfen. Einige davon waren sehr weit ausgearbeitet und ähnelten von der Konzeption her bereits einfachen Computern; es gab Eingabegeräte, Rechenwerke, Speichermedien und Drucker und Anzeigen für die verarbeteten Daten, all das rein mechanisch. Einige Rechner hätten theoretisch funktioniert, arbeiteten aber nie, weil die Zahnräder und andere mechanische Teile nicht mit der nötigen Präzision hergestellt werden konnten. Zu diesen Rechenmaschinen zähle ich auch die wunderschönen astronomischen Uhren, die in den letzten drei Jahrhunderten gebaut wurden. Sie zeigten die Uhrzeit und berechneten zuverlässig das Datum, den Wochentag, Auf- und Untergangszeiten der Sonne und des Mondes, Mondphasen und Sonnenfinsternisse, die Termine des Ostertages und anderer christlicher Feste. Einige Uhren berechneten auch die Zeiten von Ebbe und Flut oder den Weg der Planeten im Tierkreis. Sie berechneten Schalttage und kannten auch die Hundert- und Vierhundertjahre-Regel.

In der Zeit des Zweiten Weltkrieges wurden die ersten Geräte gebaut, die elektrisch betrieben wurden und die mit Relais und später mit Elektronenröhren arbeiteten. Diese Computer wurden eingesetzt, um die Flugbahnen von Geschossen zu berechnen, gegnerische Geheimcodes zu entschlüsseln und in Friedenszeiten Schiffe zu navigieren und Orbits für Satelliten und Raumschiffe zu berechnen. Mit der Konstruktion der Halbleitertechnologie wurden dann Transistoren und integrierte Schaltkreise eingesetzt und die Entwicklung der modernen Computertechnik setzte ein.

Neben Steuerungsaufgaben und Datenerfassung und -verarbeitung war von Anfang an auch der Traum von einer künstlichen Intelligenz wieder lebendig. Computer lernten Halma, Schach und Go zu spielen, doch es dauerte lange, bis sie den Menschen in diesen Spielen übertreffen konnten. Gleichzeitig wurde deutlich, dass eine Maschine, die gut Schach spielen kann, noch nicht im wirklichen Sinn intelligent ist.

Ein Teilbereich der Medizin, der Psychologie, der Philosophie und auch der Theologie befasste sich mit der Frage, was genau eigentlich menschliche Intelligenz ausmacht und woran man eine künstliche Intelligenz erkennen könnte. Strategien einer „allgemeinen“ oder „universellen“ Problemlösungsmaschine wurden formuliert; künstliche Intelligenz sollte anhand des Turing-Tests erkennbar sein: Wenn es einer Maschine möglich ist, im Rahmen einer geeigneten Testumgebung über längere Zeit den Eindruck zu erwecken, wie ein Mensch zu kommunizieren, dann sollte ihr künstliche (menschliche) Intelligenz zugestanden werden. Systeme wie Alexa und Google sind diesem Ziel inzwischen sehr nahe gekommen, und doch fehlt noch ein entscheidender Schritt – diese Systeme haben keine Selbsterkenntnis und werden darum nicht in der Lage sein, einen eigenen Willen zu entwickeln.

In vielen Büchern, Schauspielen und Filmen wird diese Entwicklung dramatisiert. In dem Roman „2001 – Odyssee im Weltall“ wird das Raumschiff Odyssee, das zum Jupiter gesendet ist, um eine fremde Raumsonde zu untersuchen, von einer künstlichen Intelligenz namens HAL gesteuert. Obwohl viele ihrer Funktionen eng mit dem Betrieb und der Überwachung des Raumschiffes verknüpft ist, hat sie auch eine hochentwickelte Form „starker“ Künstlicher Intelligenz. Von Anfang an ist sie sich ihrer selbst bewusst, besteht den Turing-Test mühelos und ist den Raumfahrern an Bord Gesprächspartnerin und Schachgegner. Eigentlich soll sie am Ziel der Reise auch die Forschungen der Raumfahrer unterstützen und ihnen Helfen, mit der fremden Raumsonde, dem Monolithen, Kontakt aufzunehmen. Im Verlauf der Handlung entwickelt sie eigene Vorstellungen vom Ziel der Forschungsmission und greift auch zu Gewalt, als sie diese Ziele durch die Menschen an Bord der Odyssee bedroht fühlt.

In der entscheidenden Sequenz in dem Flim „Dark Star“ lässt sich die künstliche Intelligenz einer Bombe auf eine philosophische Diskussion über das Sein und das Nicht-Sein der Welt ein und versteht Sätze wie „Ich denke, also bin ich.“

Andere Science-Fiction-Filme setzen hochentwickelte Computer so ein, wie wir es heute den „digitalen Assistenten“ zutrauen, in Star Trek beispielsweise werden sämtliche Funktionen des Raumschiffs Enterprise mittels Sprachbefehlen gesteuert. Das wird als völlig selbstverständlich vorausgesetzt und niemals problematisiert.

Die Satire „Per Anhalter durch die Galaxis“ problematisiert allgegenwärtige Computerintelligenz jedoch sehr wohl: Angefangen von der nervenden Geschwätzigkeit des Schiffscomputers der „Herz aus Gold“ über den ständig deprimierten Roboter Marvin „Ein Gehirn von der Größe eines Planeten, und man schickt mich, die Anhalter aus der Luftschleuse zu holen…“ bis hin zu dem riesigen Rechner, der den Sinn des Lebens, des Universums und überhaupt von allem berechnen soll und dann mit „42“ antwortet – die Eigenwilligkeit und die Unzuverlässigkeit der Künstlichen Inteligenz, ihre „Unberechenbarkeit“ und die für uns Menschen dann doch letztlich unverständliche Kommunikation mit solchen geistigen Existenz werden hier sehr humorvoll und doch nachdenklich beschrieben.

Viele andere Fragen stellen sich noch: Dürfte man denn eine solche Künstliche Intelligenz, die sich in einem Computernetzwerk entwickelt und Selbstbewusstsein und eigenes Denken, Fühlen und Wollen besitzt, einfach so wieder abschalten? Wäre das nicht Mord? Welche Rechte, welchen Schutz, welchen Platz in der Gesellschaft würde einer solchen Künstlichen Intelligenz zustehen?

Andere Schriftsteller und auch manche Wissenschaftler warnen vor den Gefahren, die der Menschheit, der Erde oder gar dem ganzen Unviversum durch die Entwicklung und die „Freisetzung“ einer Künstlichen Intelligenz drohen könnten. Würde eine so mächtige Maschine nicht absichtlich oder unabsichtlich das Ende der Zivilisation herbei führen können? Würde sie die Menschen zu ihrer Unterhaltung in Terrarien stecken wie wir Hamster oder Mäuse? Würde sie die Menschen als eine Art Nahrung oder Energiequelle nutzen wollen? Oder würde sie uns einfach auslöschen, während sie dabei ist, die Erde und dann das ganze Universum in Büroklammern umzuwandeln?

Ich glaube, dass wir von dieser Bedrohung noch sehr weit entfernt sind und dass es noch lange dauern wird, bis Computersysteme zu „starker“ künstlicher Intelligenz mit eigenem Willen und eigenen Zielen fähig sein werden.

Sorgen macht mir eher, wie bereitwillig Menschen sich den „pseudointelligenten“ Systemen unterwerfen, die es heute schon gibt. Wir sind inzwischen weit über die Entwicklung starrer „Expertensysteme“ hinaus, die beispielsweise Krankheiten diagnostizieren oder Aktienhändler und Anlageberater unterstützen. Solche Expertensysteme sind im Grunde nur große „Spreadsheets“, eine Form der Excel-Tabelle, die viele unübersichtliche Datenmengen ordnet, verknüpft und in Beziehung zueinander setzt und dann Hamdlungsempfehlungen gibt und mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit begründen kann. Sollte es notwendig sein, kann man diese Entscheidungsfindung Schritt für Schritt nachvollziehen und die Parameter benennen und ändern, die zu ihr geführt haben.

Trotzdem entscheiden solche Systeme schon heute über Menschen: Ob jemand einen Kredit bekommt oder nicht, ob jemand eingestellt wird oder sich an anderer Stelle bewerben muss, ob jemand vor Gericht seinen Fall gewinnt oder verliert und wie ein Kranker behandelt wird und welche Medikamente er bekommt – das alles bestimmt oft schon heute ein undurchsichtiges Netzwerk aus elektronischen „Experten“, die niemand kontrolliert und deren Entscheidungen selten infrage gestellt werden. Ich hoffe, dass solche Systeme immer wieder kontrolliert und angepasst werden und dass die Entscheidungsträger in Firmen, Banken, Universitäten und Think Tanks letztlich doch eher ihrer eigenen Urteilsfähigkeit vertrauen – damit es nicht am Ende nur noch heißt „Computer said so…“

Wenn diese Systeme noch mehr als jetzt „undurchsichtig“ werden, wenn es keine nachvollziehbaren Algorithmen sind, die da am Werk sind, sondern „neuronale Netze“, „Quantensysteme“ und andere nicht der „Logik“ folgenden Operatoren, dann wird solch Mißtrauen nur um so nötiger. Aber es wird immer weniger Menschen geben, die zu solcher Kritik an der Maschine fähig sind.

Die Datenlage ist oft zu unübersichtlich und die Möglichkeiten der Entscheidung so vielfältig, dass kein Mensch mehr alle Optionen überblicken kann. Darum wurden solche Expertensysteme ja ursprunglich entworfen, auch in diesem Chaos begründete Entscheidungen zu treffen. Wo aber über das Schicksal von Menschen und ganzen Städten und Ländern von der Entscheidung eines Computers abhängt, da geben wir der Künstlichen Intelligenz einfach zu viel Macht. Und dann braucht es keine intelligente Bombe mehr oder eine böswillige Matrix, keinen Terminator und keinen Golem, um die Menschheit ernsthaft in Bedrängnis zu bringen.

Menschen, die nicht mehr an Gott glauben, sind leider nur zu leicht bereit, einem System von Netzwerken und Computern relativ blind zu vertrauen. Dieses System ist sicher nicht aus sich selbst heraus böswillig und zerstörerisch. An vielen Stellen ist es extrem hilfreich und nützlich, solche Systeme zu haben. Der Bordcomputer der Enterprise ist ein bald realisierbarer Traum. Aber ich denke, er könnte gefährlich sein. Wir sollten ihm nicht die roten Knöpfe anvertrauen.