Zeit vergeht, auch wenn niemand hinsieht…

Vielleicht fing es damit an, dass im September die Katze starb. Jahrelang hat sie mich schnurrend begrüßt, wenn ich von der Arbeit nach Hause kam; aber dann schaute sie mich nur noch uninteressiert an und schloss dann gelangweilt die Augen. Ein paar Wochen quälte sie sich zwischen Schlafplatz, Fressnapf und Katzentoilette herum, dann gab die Tierärztin ihr die letzte Spritze.

Nach Hause zu kommen war nicht mehr so schön.

Zeit vergeht, auch wenn niemand hinsieht.

Das Auto war sechzehn Jahre alt und hatte schon viele Kratzer und Beulen. Eine Schraube, die auf dem Weg lag, bohrte sich in den linken Vorderreifen. Die Lichtmaschine gab irgendwann auf; auf dem Armaturenbrett leuchtete ein orangefarbenes Lämpchen. Als auch noch die Servolenkung streikte (rotes Lämpchen), schüttelte der Automechaniker den Kopf. Ich fuhr noch einen Monat mit Vorsicht (provisorisch) und lenkte angestrengt und kraftvoll wie der Fahrer eines 30-Tonners mit Anhänger. Dann verkaufte ich den Wagen für 400 Euro.

Praktisch, dass man wegen einigen hundert Trilliarden Viren sowieso eher im Home-Office arbeiten muss. Wenn es gar nicht anders geht, nutzt man ein Auto vom Carsharing-Dienst.

Im Mai: Urlaub zuhause. Das Hotel in Griechenland hat gar nicht erst geöffnet, die Gäste blieben zu Hause und darum auch das Reinigungspersonal, die Köche und Sommeliers, die Servicekräfte und die Fotografin, die sonst immer am Donnerstagabend alle Gäste portraitiert und dann am Samstag die Bilder zum Kauf anbietet. Auf Facebook veröffentlicht sie Bilder von leeren Stränden.

Es ist wieder schön zu Hause; die Sonne scheint oft durch die Fenster auf die Blätter der Tageszeitung, auf denen steht, dass das Virus jetzt jeden Tag weniger Menschen infiziert. Zum ersten Mal seit einem Jahr essen wir wieder in einem Restaurant. Also – draußen. Vor dem Restaurant. Unter einem Sonnenschirm. Es gibt frisches, kaltes Bier. Die Kohlensäurebläschen glitzern im Licht.

Die Zeit vergeht rasend schnell, niemand sieht hin.

Der Sommer kommt, viele Termine finden wieder statt. Das Leben wird stabiler, härter, aber auch zerbrechlicher. Nur scheinbar berechenbarer. Wieder splittert von Zeit zu Zeit etwas ab und fällt unter den Tisch. Ungewohnte Geräusche, ein leises Klirren wie von winzigen Scherben, schmerzen in den Ohren.

Nachrichten von weit weg fühlen sich an, als kämen sie direkt aus der Nachbarschaft. Überschwemmungen gibt es nicht nur in Indien. Fanatismus in vielen Farben hinterlässt einen irritierenden Eindruck von schlammigem Braun, wie früher im Schulfarbkasten, wenn die Malpasten ineinander laufen. Großbritannien verläßt die Europäische Union, die Soldaten der NATO verlassen Afghanistan, viele Querdenker und Impfgegner verläßt der gesunde Menschenverstand. Meine Frau verlässt sich auf mich.

Man kann es nicht allen recht machen.

Wenn man ein wirklich schlechtes Gewissen hat, nimmt man in drei Wochen fünf Kilogramm ab. Ich kann diese Diät nicht empfehlen.

Der Sommer geht; Termine werden auf Vorrat gemacht. Erntedank, Martinsfest, Lichtertage im Advent, Weihnachtsfeiern. Ob sie wohl wirklich stattfinden, alle diese Hoffnungszeichen in der Zukunft?

Bald wird wieder eine Katze hier einziehen. Sie wird mich erwarten, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme. Ob sie nur gelangweilt schaut oder ob sie mich schnurrend begrüßt, wird die Zeit zeigen. Ich werde hinsehen…

Türen in unserer Kirche…

Ich habe diesen Text vor zehn Jahren für einen „Glaubenskurs“ in meiner früheren Gemeinde geschrieben. Im Kirchenraum gibt es acht Türen; Eingänge und Ausgänge zu sehr unterschiedlichen Räumen und Orten. Wir sind im Kirchenraum umher gegangen und haben die Türen betrachtet. Jede hat ihren ganz eigenen Charakter, eine besondere Aufgabe, einen sehr spezifischen Sinn. So wie wir auch…

Dies ist die Haupt-Eingangs-Tür…

Sie ist groß und schwer, die meisten Leute brauchen beide Hände, um sie zu öffnen.

Sie schützt unsere Kirche, sie trennt und verbindet Außen und Innen.

Wer außen ist, ist „irgendwo“, unterwegs, am anderen Ort, aushäusig, in der Fremde.

Wer innen ist, ist im Haus Gottes, am Versammlungsort der Gemeinde, ist dort, wo die Taufe gefeiert und das Abendmahl geteilt wird.

Wenn wir Gottesdienst feiern, steht diese Tür weit offen.

Die Türklinken sind künstlerisch gestaltet und sehen aus wie Fische, wie das Symbol der ersten Christen für Jesus Christus, den Herrn und Erlöser.

Dies ist die Tür zum Kirchhof…

Sie ist eine Tür durch eine Wand aus Glas, durch die man hindurchsehen kann. Man weiß, was einen auf der anderen Seite erwartet, schon bevor man sie öffnet.

Sie führt aus der Kirche auf den Friedhof, wo die Toten ruhen und wo die Lebenden um die Toten trauern.

Wenn wir Ostern feiern, gehen die Kinder durch diese Tür, um die draußen versteckten Ostereier zu finden.

Manchmal kommen Menschen durch diese Tür in die Kirche, denen der Weg durch den Haupt-Eingang zu anstrengend ist.

Diese Tür ist gleichzeitig der Not-Ausgang, ein Fluchtweg, falls es nötig sein sollte, die Kirche schnell zu verlassen.

Diese Tür führt in die Kapelle…

Sie ist kaputt, manchmal läßt sich das Schloss nicht öffnen. Dann kann man nicht durch diese Tür gehen und muss einen Umweg durch zwei andere Türen nehmen.

Manchmal geht sie aber auch ohne Probleme auf, und wir haben noch nicht herausgefunden, wie man sie dazu „überreden“ kann.

Diese Tür ist unzuverlässig und sorgt immer wieder für Ärger – aber niemand repariert sie.

Hinter dieser Tür liegt der Raum, in dem wir die „Familienkirche“ feiern – sie ist eine Verbindung zwischen zwei verschiedenen Bereichen unserer Gemeinde-Arbeit. Wenn wir feiern, bleibt sie geschlossen, damit wir uns nicht stören

Diese Tür führt in die Kerzenkammer.

Hier werden die Kerzen gelagert, die wir im Gottesdienst anzünden, hier werden die Anzeigetafeln vorbereitet, die die Gemeinde braucht, um die Lieder im Gesangbuch zu finden, die während der Gottesdienste gesungen werden.

Hier sind auch die Sicherungskästen und die Lichtschalter für die Beleuchtung der Kirche.

Dieser Raum ist nicht für die Allgemein-heit bestimmt; hier gehen nur die Menschen hinein, die den Kirchdienst tun.

Der Raum hinter dieser Tür ist unaufgeräumt und schmuddelig.

Wenn wir Weihnachten feiern, werden hier die Kerzen angezündet, die wir an die Ge-meinde verteilen, um zu bezeugen: In ihm ist das Licht Gottes in die Welt gekommen

Dies ist die Tür zum Glockenturm…

Hinter dieser Tür gibt es eine Treppe, die nach oben führt – zur Glockenempore, von wo man die Vater-Unser-Glocke läutet; – und noch weiter hinauf in die Glockenstube, wo die vier großen Glocken hängen, und von wo man dann bis zur Spitze des Kirchturms steigen kann, wo das Kreuz ist – ich kenne aber niemanden, der dort oben schon gewesen ist. Der Weg ist gefährlich.

Hier steht immer jede Menge Kram rum: Eimer, Schaufeln, Schubkarren, Leitern…

Der Raum hinter dieser Tür ist ungemütlich und dreckig.

Diese Tür ist gleichzeitig der Not-Ausgang, ein Fluchtweg, falls es nötig sein sollte, die Kirche schnell zu verlassen.

Diese Tür führt in die Sakristei…

Hier bereiten sich die Liturgen auf den Gottesdienst vor: Sie ziehen sich um, sie beten gemeinsam, sie bereiten die Abendmahls-Geräte vor.

Nach dem Gottesdienst wird hier die Kollekte gezählt; und die Anzahl der Gemeindeglieder, die zum Gottesdienst gekommen sind wird in ein Buch eingetragen – für die Statistik. Unsere Gottesdienste sind eher schlecht besucht.

Meistens ist es unordentlich in diesem Raum; niemand fühlt sich wirklich verantwortlich für Ordnung und Sauberkeit.

Diese Tür ist gleichzeitig der Not-Ausgang, ein Fluchtweg, falls es nötig sein sollte, die Kirche schnell zu verlassen.

Hinter dieser Tür ist die Treppe,

die hinunter in den Keller der Kirche führt.

Dort sind die Toiletten, die man während der Gottesdienste benutzen kann…

Dort ist der Betriebsraum für die Heizung der Kirche.

Dort sind einige Räume, in denen zusätzliche Stühle und die Requisiten für die „besonderen“ Gottesdienste gelagert werden: Krippenspiel, Martinsfest, Erntedank, Osternacht…

Dies ist die Schwingtür, die den Gottesdienst-Raum von dem Vorraum der Kirche trennt.

Man kann sie nicht abschließen.

Sie ist groß und schwer, die meisten Leute brauchen beide Hände, um sie zu öffnen.

Sie quietscht laut, was es immer ein bisschen peinlich macht, wenn jemand zu spät zum Gottesdienst kommt: Die ganze Gemeinde bekommt es mit…

Niemand hat sie in den letzten zwei Jahren geölt. Sie quietscht aber auch, WENN man sie ölt…

Sie schützt den Kirchraum vor Kälte und Wind.

Diese Tür ist gleichzeitig der Not-Ausgang, ein Fluchtweg, falls es nötig sein sollte, die Kirche schnell zu verlassen.

Dreißig Jahre online unterwegs…

Kleine Bilder auf dem Monitor
sind wie Türen hin in unbekannte Welten,
hin zu fremden Menschen und Erinnerungen,
zu ihren Hoffnungen und Träumen.

Sie wecken Neugier,
Lust, einmal zu schauen,
was für Geschichten sich verbergen
hinter einem lächelnden Gesicht.

Oft fand ich: Tagebücher, offen, und für alle klar zu lesen.
Und doch gemeint für Freunde, die sich kennen. Wenn ich sie lese, sind sie mir
Erlebnisse aus einer Welt, die für mich fremd und fern, und doch wie meine.

Von Arbeit, Parties, Liebe, Hass. Doch immer klein und wie gefiltert,
und deutlich mit der Absicht, niemand weh zu tun,
und nicht zu viel von sich zu zeigen.

Ich lese, schmunzle manchmal und vergesse, was ich gelesen und gesehn,
mit mir hat’s nichts zu tun, und ich war nicht gemeint. Lebt wohl.

Oft fand ich: alte Briefe, Zettel, als Lesezeichen in Bücher gesteckt.
Fotos, getrocknete Blumen, auf einer Sommerwiese in den Ferien gepflückt.
Kindheitserinnerungen, Schachteln voll Murmeln und Spielzeugautos.
Musikcassetten, Platten, Liederbücher, Comichefte, Vogelfedern.

Glatte, bunte Kiesel aus dem Bach gepickt vor Jahren.
Püppchen in verstaubten Kleidern. Und das Erstaunen immer wieder:
Ja, sowas hatte ich einst auch.

Selten fand ich: Leben, Phantasie und Kraft, die Lust am Dasein,
glitzernde Gedanken über Gott und Welt. Im Hier und Jetzt genau beobachtet
die tausend Splitter, die zusammen Leben sind, die Fragen wecken auch in mir.

Die Fragen mich nach Geben und nach Nehmen,
nach dem Sinn und Ziel, nach Glauben
nach Gut und Böse und der Welt dazwischen. In ihnen fand ich mich.

Ich fand auch Sehnsucht, sah auch Angst und Trauer.
Ganz selten fand ich Menschen, die ich Freunde nennen könnte,
die fehlten, wären sie nicht da.
Die nahe mir geworden durch Bild und Schrift
und deren Zeilen zu mir sprechen,
auch wenn ich weiß, sie sind nicht nur für mich.

Ihr Bild ist nicht nur eine Tür,
es ist mir Gruß und Freude, die ich gerne wieder seh,
und ich fühl‘ mich geehrt, wenn ich es spüre,
dass auch ich nicht nur ein Name
und nicht nur Zeichen auf dem Bildschirm für sie bin…

Der Familienbenutzer

Ewig ist’s her, bestimmt vierzig Jahre…

Damals war ich „Teamer“, also freiwilliger Helfer, in der Konfirmandenarbeit der evangelischen Senfkorngemeinde im Märkischen Viertel in Berlin. Rückblickend war das eine der schönsten Zeiten meines Lebens, und das ist nicht übertrieben und nicht ironisch gemeint…

Die Teamer waren ein wilder Haufen damals. Fast fünfzig Mädchen und Jungen im Alter zwischen siebzehn und dreizehn, teilweise ein bisschen religiös überdreht, aber größtenteils doch völlig normale Jugendliche, die ihre gemeinsame Pubertät zusammen genossen, so gut es eben möglich war.

Ganz unterschiedliche Typen waren da zusammen; Sportbegeisterte, musikalisch Talentierte, extrovertierte Selbstdarsteller, schüchterne Mauerblümchen, Fans und Hater, Nerds und Models, Party-Mäuse und Prinzessinnen, Angeber und Spielkinder – eben ein repräsentativer Ausschnitt der Jugendlichen aus den Hochhäusern im Kiez rund um den Senftenberger Ring, das man damals noch nicht „Ghetto“ nannte. An Sido dachte damals noch niemand; der war damals noch ein Baby, das ganz ohne Maske auf der Schulter seiner Mutter lag und nur vielleicht schon rhythmisch rülpste, während wir im Garten des Gemeindehauses „Danke für diesen guten Morgen“ und „Kum ba yah, my Lord“ sangen. Die Art Leute sind wir gewesen.

Thomas, einer von den Nerds, brachte eines Tages zu einem Konfirmandenwochenende ein selbstgebasteltes Kästchen mit in die Gemeinderäume, und er zeigte stolz ein bisschen zusammengelötete Elektronik vor, und seinen Walkman, einen tragbaren Cassettenrecorder. Dessen Kopfhörerbuchse verband er mit einem Kabel mit einer ähnlichen Buchse in seinem Kästchen – und dann konnten wir im Gemeindehaus in allen Zimmern seine Musik im Radio hören. So hatten wir in der Kirche einen eigenen kleinen, von der Post nicht genehmigten und absolut illegalen Piratensender, aber weil der nur ein Wochenende lang „on air“ war, wurden wir nie entdeckt. Thomas war aber ein paar Tage lang der König im Gemeindehaus…

Er nannte sein Kästchen den „originalen Familienbenutzer“ – und dies Wort blieb bei mir hängen. Offensichtlich kannte er damals schon Loriot, während ich noch die „Lustigen Taschenbücher“ und „Yps mit Gimmick“ las… Und vor Kurzem musste ich aus irgend einem Grund an diese Tage denken und habe das Wort „Familienbenutzer“ mal gegoogelt und da erst entdeckt, dass die kryptische Bezeichnung aus einem Weihnachtssketch des Großmeisters des skurrilen Humors stammt, von dem ich damals nur die Szene mit der Nudel kannte…

„Es ist ein Artikel, der schon durch seine gefällige Form anspricht, gell? Er ist formschön, wetterfest, geräuschlos, hautfreundlich, pflegeleicht, völlig zweckfrei und – gegen Aufpreis – auch entnehmbar. Ein Geschenk, das Freude macht, für den Herrn, für die Dame, für das Kind, gell?“

– Loriot: Das Frühstücksei.

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Thomas hatte damals eben Recht: Jeder braucht so ein Ding, gerade in der Weihnachtszeit….

Musik zum Anfassen…

Heute früh ist ein Päckchen gekommen. Ich habe mir fünf leere Musikcassetten gekauft. Ich war wirklich erstaunt, dass man die überhaupt noch kaufen kann, aber jetzt liegen sie hier vor mir. Maxell UR C90 Bänder in durchsichtigem Plastik, mit Aufklebern und einem Papp-Einleger, auf dem ich die Musiktitel und die Interpreten der Stücke notieren kann, die ich gleich darauf überspielen werde. Sie waren nicht einmal teuer, kosteten jetzt genau so viel wir damals vor 25 Jahren.

Ein Mixtape mit Weihnachtsliedern aus aller Welt soll es werden, aus Schweden, Norwegen, Island und Finnland vor allem, Lieder, die man im Radio fast nie hört. Ich habe die bei meinem Lieblings-Streaming-Musikanbieter gefunden; aber ich finde es immer noch schön, Musik gewissermaßen in die Hand nehmen zu können.

Am meisten fasziniert bin ich ja nach wie vor von den großen schwarzen Vinyl-Schallplatten. Auf den schwarzglänzenden Spuren kann man den Rhythmus der Musik sogar sehen, wenn man ganz genau hinsah. Auch die großen Bandspulen von Tonbandgeräten haben mich als Kind fasziniert, das Einfädeln des hellbraunen Bandes am Lese- und Löschkopf vorbei über diverse Spulen bis hin zu der leeren Bandspule auf der anderen Seite – es hatte etwas Rituelles, beinahe Magisches – und es machte das Abspielen der Musik zu einem Erlebnis.

Eine Musikcassette einzulegen war schon viel einfacher, praktischer, aber auch ein Verlust an Erlebnisqualität. Immerhin – alle spotteten ein bisschen darüber – den ab und zu auftretenden Bandsalat auseinender zu heddern und dann das Band mit einem Bleistift in der Spule wieder aufzuwickeln – das hatte schon auch was. An der Stelle hat später die Musik beim Hören dann immer etwas „gezittert“, wanderte zwischen den Stereolautsprechern hin und her. Der Rettungsprozess hinterließ hörbare Narben; und ich habe immer etwas ängstlich gehofft, dass sich das Band der Cassette nun nicht noch einmal um die Spulen des Walkmans wickelt… Wenn das Band gerissen war, konnte man die Cassette dann eigentlich wegwerfen…

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Die Cassette hatte schon ein ziemlich „modernes“ Image für mich, immerhin konnte man auch die Computerprogramme und die Daten des C64-Computers auf einer Cassette speichern und wieder laden. „Press PLAY on tape…“ – diese Aufforderung wurde über einige Jahre zum sesam öffne dich in eine Welt voller Wunder.

Dann kam die Zeit der CD, und die in Regenbogenfarben glitzernden Scheiben vertrieben die Singles und die LPs aus den Regalen der Kaufhäuser, die Musikcassetten gab es noch etwas länger, vor allem wegen der Kinderhörspiele. Aber auch damit ging es nun schnell zu Ende.

Ich habe mich gefreut, als ich zum ersten Mal einen MP3-Player bekam und die Musik dann über den Computer auf dieses winzige Ding überspielen konnte. Nun höre ich oft zum Einschlafen Musik über die kleinen Im-Ohr-Kopfhörer, und manchmal auch im Bus; sie sind praktisch und nützlich. Und es gehen trotzdem über zweihundert Musikstücke auf dieses Gerät, das viel kleiner als eine Cassette ist und nie Bandsalat produziert. Ich fing an, Podcasts zu hören und mir Sendungen amerikanischer Radiosender auf dieses Ding zu kopieren. „Wait, wait, don’t tell me…“ und „Grown ups read things they wrote as kids“ von NPR höre ich immer noch regelmäßig.

Nun hören alle – ich auch – Musik vor allem über das Handy. Man muss Musik nicht einmal mehr vom Computer darauf kopieren; wo immer W-Lan ist, ist auch Musik. Und man kommt genau so leicht an Evergreens und Klassiker wie an die Top 100 der Pop-Musik und der Jazz-, Rock- und HipHop-Charts. Und wenn man ein bisschen sucht, findet man bei den Streamingdiensten auch die schrägeren und ungewöhnlicheren Sttücke wie französische Zwölftonmusik auf der Orgel, vokaler Obertongesang aus der Mongolei oder eben isländische Weihnachtslieder.

Die kopiere ich nun gerade per Buetooth und meine Stereoanlage auf die neue Musikcassette, während ich hier schreibe, und damit schließt sich ein Kreis: aus dem Internet heruntergeladene Musik auf dem altmodischen Magnetband, digital und analog Hand in Hand. Das fasziniert mich, und es macht Spaß!

Gedanken zum Fest der deutschen Einheit

Geschichte wird von den Siegern geschrieben. Ob ein Volksaufstand ein heroischer Kampf um die Freiheit war oder ein Putschversuch, hängt ganz davon ab, wer am Ende gewonnen hat. Rebellen oder Widerstandskämpfer, Invasoren oder Befreier, Schutzmacht oder Besatzer – letztlich hängt alles daran, wer am Ende gewonnen hat. Bis dahin ist alles nur Propaganda.

Heute wird in Berlin an vielen Orten an den Fall der Mauer gedacht. Es gibt Dutzende von Festen und Gedenkfeiern, überall erzählen Zeitzeugen von dem, was da vor dreißig Jahren geschehen ist, und die Menschen freuen sich gemeinsam darüber, dass die tödliche Grenze gefallen ist und Familien und Freunde wieder vereint waren.

Auch Kirchenleute sind stolz darauf, dass sie damals eine wichtige Rolle im Zeitgeschehen spielten. Die Gemeinden stellten ihre Räume für Diskussionen und Friedensgebete zur Verfügung, Pastoren und Pfarrer beteiligten sich an runden Tischen und Foren, auf denen über die Zukunft der Republik und über die möglichen Formen zukünftige Einheit diskutiert wurde. Demonstrantinnen und Bürgerrechtler trafen sich an Kirchen und auf Marktplätzen, nicht ohne hohes persönliches Risiko. Sie haben gehofft und geglaubt, dass Gott durch sie wirkt und in die Geschichte eingreift. Vielleicht war es aber das größte Wunder von allen, dass nirgendwo ein nervöser Soldat den Auslöser an seinem Maschinengewehr zog.

Fast überraschend kam dann der Satz, dass die Ausreise nun möglich sei – „unverzüglich, ab sofort“ – und überall in beiden deutschen Staaten wurde improvisiert und und provisorische Fakten geschaffen; und nicht wenige fürchteten, dass schon in wenigern Tagen alles vorbei sein würde, dass die offene Grenze eine kurze wunderbare Episode bleiben würde.

Große Sätze wurden gesagt, einprägsam mit beinahe biblischer Wortgewalt: „Berlin wird leben, und die Mauer wird fallen!“ – „Wir Deutschen sind nun das glücklichste Volk der Erde!“ – „Berlin, nun freue dich!“ – „Wir sind ein Volk!“

Heute ganz besonders, aber wahrscheinlich noch im ganzen kommenden Jahr wird daran erinnert werden, wie die deutsche Teilung überwunden wurde. Und es wird so sein: Der Gewinner schreibt Geschichte, der Sieger der deutschen Einheit bestimmt die Sprache, Vergleiche und Bilder, mit denen diese Geschichte erzählt wird.

Anschluß oder Vereinigung, Beitritt oder Wiedervereinigung – mit den kleinen Worten für das, was zu planen war, fing es an. Und diese wirkten sich aus bis in die tägliche Praxis, in den Alltag der Menschen in Ost und West. Die Treuhand wurde gegründet, viele Betriebe, Kombinate und Produktionsgenossenschaften wurden abgewickelt. Es gab Streit um Häuser und Grundstücke zwischen den Menschen, die Eigentümer waren und denen, die seit Jahrzehnten darauf wohnten. Gebietsreformen und und Flurbereinigungen schufen Unsicherheit und Angst unter den Menschen im Osten, manche fühlten sich an die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg erinnert, als die Russen alles demontierten und abtransportierten und ein Land am Rande des Abgrunds zurückließen.

Viele Menschen im Osten fühlten sich überrumpelt und betrogen, ihrer Jugend beraubt und um ihr Lebenswerk gebracht. Auf einmal sollte alles nicht mehr gelten, was sie in ihrem Leben aufgebat haben? Sollte wirklich nur das Ampelmännchen und der grüne Rechtsabbiegepfeil an den Kreuzungen von dem bleiben, was einmal ihre Heimat war?

Es ist Eins, zurück zu blicken auf eine großartige historische Errungenschaft wie die deutsche Einheit es zweifelsfrei ist; es ist ein Anderes, an so einem Gedenktag nach vorn zu blicken in die Zukunft und zu überlegen, was werden kann und soll. Nach dreißig Jahren ist die Einheit noch immer nicht verwirklicht, immer noch reden wir von Ost und West, immer noch zeigen Wahlergebnisse, Statistiken, Einkommensverhältnisse, Meinungsumfragen deutliche Unterschiede.

Es ist ein abgegriffenes Bild, aber trotzdem leider wahr: Die Mauer in den Köpfen steht nach dreißig Jahren immer noch. Es bleibt noch viel Arbeit zu tun.

Die Einheit, die Freiheit und das geschwisterliche Miteinander im Staat und in der Gesellschaft wird keiner Generation einfach so geschenkt. Jede Generation muss sich Einheit und Freiheit selbst erarbeiten. Sie muss es wollen, sie muss es erarbeiten und sie muss es gegen die Widersacher der Freiheit verteidigen. Sie muss neue Worte und andere Bilder finden, die wahr sind und nicht nur Propaganda. Sie darf sich nicht nur alte Wunden lecken und vergangenes Unrecht betrauern. Sie darf sich nicht einfangen lassen von Populisten, die Angst schüren aus eigennützigen Gründen. Sie darf sich nicht einreden lassen, dass es wieder Zeit ist, neue Grenzen zu ziehen und neue Mauern zu bauen und Fremde nicht länger willkommen zu heißen.

In der Bibel heißt es: Zur Freiheit seid ihr befreit, darum lasst euch nicht wieder einfangen und erneut unter das Joch zwingen! Mit Selbstbewusstsein und gesundem Menschenverstand wollen wir unsere Geschichte erzählen und uns dann umwenden und ebenso selbstbewusst und ebenso vernünftig unsere Zukunft gestalten!

Was kann und muss die Kirche dabei tun? Wir, die acht Gemeinden rund um den Flughafen, wollen Orte sein, an denen man miteinander spricht. Wir wollen helfen, Geschichte mit anderen Augen zu sehen. Die Kirche hat schon immer eine etwas andere Perspektive gehabt; nicht immer zum Vorteil für die Menschen und die Gesellschaft, aber doch immer etwas außerhalb und als Gegenüber von Staat und Regierung. Wir haben nur noch wenig Möglichkeiten und Ressourcen in unseren Orten, aber was wir haben, das teilen wir gern. Wo es nötig ist, werden wir auch protestieren und Widerstand leisten. Wir werden immer für das Leben einstehen, für Frieden und Gerechtigkeit für die Armen und Schwachen. Wir hoffen und glauben, dass Gott durch uns wirkt, wie er es will. Was wir können und was notwendig ist, wollen wir tun. Mit Gottes Hilfe. Amen.

Weihnachtsbaum 56.0

Das ist der Sechsundfünfzigste. Im Januar werde ich sechsundfünfzig Jahre alt werden. Ein Kind bin ich aber irgendwie immer noch, ganz tief innen drin. Darum sind mir Weihnachtsbäume immer noch sehr wichtig, und ich kann mir nicht wirklich vorstellen, das Fest ohne einen schönen Baum zu feiern. Dass ich heute den sechsundfünfzigsten Weihnachtsbaum zu Hause habe, beruht auf einer groben Schätzung, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass meine Eltern auch in dem Jahr, in dem ich geboren wurde, einen Baum geholt haben und ich mit elf Monaten begeistert darunter herumgekrabbelt bin. Auch an den zweiten und dritten Baum kann ich mich nicht mehr wirklich erinnern.

Mit vier – das weiss ich noch so ungefähr – habe ich mit meiner kleinen Schwester ungeduldig vor der Wohnzimmertür gewartet, denn das Wohnzimmer war über Nacht zum Weihnachtszimmer geworden, und bevor das Christkind nicht damit fertig geworden war, den Baum zu schmücken und die Geschenke einzupacken und schön unter dem Baum zu verteilen, durften wir da an diesem Tag nicht rein.

Endlich aber läutete es mit einem silberhellen Glöckchen und verschwand sofort danach spurlos, denn wir schnell wir Kinder in diesem Jahr und bei den folgenden Weihnachtsfeiern in späteren Jahren durch die Tür flitzten – nie war auch nur das kleineste goldene Löckchen von den Haaren des Christkinds oder eine Feder vom Flügelchen irgendeines Engels zu sehen. Aber der wunderbare Baum!

Damals war noch viel Lametta an den Zweigen, was dem Baum sowieso schon ein aufregend schönes silbernes Glitzern gab; dazu hingen viele silberne Kugeln mit funkelndem Schimmerpulver wie mondbestrahlte Äpfel in den Zweigen, und es gab in silberne Folie eingewickelte Kugeln aus Schokolade mit goldenem und silbernem Aluminiumflitter dran, die wir Kinder in den folgenden Tagen so nach und nach vom Baum weg naschen durften.

Echte Wachskerzen hatten wir damals am Baum; die wurden aber immer nur für eine Viertelstunde angezündet, weil sie sehr schnell wegbrannten – und später haten meine Eltern immer Angst, dass vielleicht der ganze Baum wegbrennen könnte, wenn er nämlich schon gut getrocknet war in der Heizungsluft und die Nadeln rascher zu rieseln begannen als der Schnee draußen im Hof – dann wurden die Kerzen gar nicht mehr angezündet. Gleich nach Silvester wurde der Baum sowieso abgeschmückt und lag dann draussen, halb entnadelt und mit ein paar Lamettaresten behängt, die ihn vielleicht noch an bessere Zeiten erinnert haben, bis die Müllabfuhr kam…

Später, als ich so elf Jahre alt war und längst wusste, dass es nicht das Christkind war, das den Baum brachte – das war nämlich noch viel zu klein und lag „still, still, still“ in der Krippe, um von den Eseln und dem Ochsen gewärmt zu werden und sich von Maria „niedersingen“ zu lassen, was seltsamer und irgendwie gewalttätiger klingt, als es gemeint ist, weil sie dadurch ja schließlich „ihre ganze Lieb darbringen“ wollte. Trotzdem wusste ich, dass es noch eine Stelle in der Bibel gab, wo etwas „niedergesungen“ wurde, nämlich die Mauern von Jericho am Anfang der Eroberung des Landes Kanaan… – als ich also elf Jahre alt war und wusste, dass es nicht das Christkind war, das da mit dem silberhellen Glöckchen läutete, bin ich eine Woche vor dem Fest mit meinem Papa den Baum kaufen gegangen.

Wir mussten dazu etwa einen halben Kilometer ins „Zentrum“ laufen, wo auf einem kleinen Marktplatz einige hundert Bäume bereit standen, um von Vätern und Söhnen gekauft zu werden… Papa hatte immer den Ehrgeiz, einen „halben Baum“ zu kaufen, also einen, der von vorne ganz passabel aussah, gerade gewachsen, schöne Äste und frische, grüne Nadeln; aber hinten musste er ganz kahl sein und wenig Äste haben. Diese wenigen Äste schnitt Papa zu Hause dann mit einer kleinen Säge ab, und dann passte der Baum ganz prima in die Ecke zwischen der Balkontür und dem Durchgang in die Küche, und er nahm da nicht so viel Platz weg wie ein normaler „ganzer“ Baum…

Und weil so ein halber Baum, so ein „Krüppel“ ja nicht ganz so viel wert sein konnte wie ein ganzer, wurde immer hart verhandelt; und ich war jedes Jahr wieder ganz stolz auf meinen Vater, wenn er den Weihnachtsbaumverkäufer um zehn Mark heruntergehandelt hatte und wir also auf dem Heimweg, wo wir beide mit viel Kraft und Ausdauer den schweren Krüppel-Baum trugen, noch eben kurz Kakao gekauft haben, um zu Hause mit schöner, heißer Schokolade unseren Erwerb zu „begießen“. Nach einem guten Geschäft macht man das nämlich so.

Mutti hat dann jedesmal gestaunt, wie schön gerade der Baum war und wie gleichmäßig gewachsen, aber es sei ja auch dieses Jahr wieder nur ein halber… Als der Weihnachtsbaum dann aber fertig geschmückt und mit Lametta behängt in seiner Ecke stand, war sie doch wie jedes Jahr wieder froh, dass der Baum nicht so viel Platz wegnimmt und man ihm vorbei immer noch ganz einfach in die Küche gehen kann, ohne die schönen Silberkugeln an den Ästen jedes Mal runter zu werfen.

Heutzutage kommt kein Lametta mehr an den Baum. Meine Frau mag sie eher „in Natur“, mit roten Kugeln und mit weissen Schleifen, ein paar Glitzersternchen und mit elektrischer Lichterkette… „Weniger ist mehr!“ sagt sie. Und der Baum sieht ja auch jedes Mal wunderschön aus. Gerade gewachsen, mit vielen Ästen und frischen grünen Nadeln ganz rundherum, denn in unserem Esszimmer, wo der Baum steht, ist genug Platz. Ich darf den Baum kaufen, auf dem Marktplatz in der Nähe vom Südbahnhof, etwa einen Kilometer vom Haus entfernt – aber ich muss ihn alleine tragen… Da vermisse ich die Kinder, die wir nie gehabt haben, manchmal sehr…

Für die elektrischen Lichterketten, die Kugeln, Sternchen und Goldengelchen in den Zweigen ist dann meine Frau zuständig; ich gehe sowieso besser aus dem Zimmer, wenn sie den Baum schmückt, sonst gibt das nur Streit…

Denn wenn ICH einmal den Baum schmücken würde, dann sähe er ganz so aus wie die Weihnachtsbäume meiner Kinderzeit – mit viel Lametta und silber glitzernden Schokokugeln für die Kinder, also zumindestens für mich…

Der Christbaum ist der schönste Baum

Seit heute steht der neue Weihnachtsbaum in der Kirche. Gerade hat unser Hausmeister zusammen mit den Jungs vom Kirchhof die große Tanne neben dem Altar aufgebaut, und nun sitze ich da, allein in der dunklen Kirche und bestaune diesen schönen Baum.

Noch ist er ganz ungeschmückt, keine Kugeln, keine Kerzen, keine Sterne und keine Engel aus Goldpapier verzieren seine natürliche Schönheit, er steht hier einfach so, als sei er hier gewachsen und wäre schon immer hier in der Kirche zu Hause. Ein feiner Duft wie ein Gruß aus dem Wald durchzieht den Raum, schon allein, weil er einfach nur da ist, verändert dieser Baum die Stimmung im Kirchenraum.

Wenn er festlich geschmückt ist, wird er uns im Gottesdienst an das Paradies erinnern, das für uns nun wieder offen steht, weil Jesus in diese Welt gekommen ist, weil er den Menschen durch seine Liebe und seine Hingabe gezeigt hat, dass sich auch Gott mit Liebe und Leidenschaft auf diese Welt eingelassen hat.

Unser Weihnachtsbaum wird so aussehen, wie man sich Paradiesbäume vorstellt – mit goldenen Äpfeln und bunten, saftigen Lebkuchen verziert, als ob es ein Baum aus dem Schlaraffenland wäre. Kleine Goldengelchen flattern darin von Ast zu Ast und singen mit der weihnachtlichen Gemeinde Ehre sei Gott in der Höhe , und Sterne blühen rot und weiß in ihm wie einst und immer wieder die Rose Isais, die blüht mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht .


Es mag sein, dass die geschmückte Tanne ursprünglich kein christliches Symbol war, dass ihre Wurzeln (sozusagen) in einem alten römischen, keltischen oder germanischen Brauchtum haften. Das stört uns aber nicht; Vieles, das Christen lieb und teuer ist, hat einen anderen, fremden Ursprung und hat dann doch in der Kirche eine Heimat und seine Geschichte gefunden.

Aber so, wie der Baum jetzt noch aussieht, erinnert er mich an das Natürliche und Ursprüngliche, an die schöpferische Kraft Gottes. Der Baum singt auch ganz ohne Schmuck von der Phantasie und der Freundlichkeit dessen, der Himmel und Erde gemacht hat. Das Göttliche ist das Gewöhnliche, und Glaube ereignet sich im Alltag, da, wo wir leben. Und wenn Gott zu uns kommt, da trifft er uns dort, wo wir gerade sind: ungeschmückt, ungeschminkt, nicht feierlich gestimmt – aber er trifft uns da, wo wir zu Hause sind und wo wir wohnen, wo wir unsere Wurzeln haben, in unserer Wirklichkeit.

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt…

Ich hasse Teelichte!

Im Urlaub gönne ich mir etwas Besonderes. Lecker essen in einem guten Restaurant. Feines Porzellan,silbernes Besteck, Stoffservietten, Rosen in der Vase. Mundgeblasene Gläser, in denen der Rotwein leuchtet. Das Essen auf dem Teller lässt die Seele jubeln, es sieht schon wunderbar aus. Und es duftet! Ich ahne, welcher Aufwand hier in der Küche betrieben wird.

Aber eins stört mich: Im kristallenen Kerzenhalter blinkt ein schnödes Teelicht, mit Aluschale, so, wie es sie in jedem Supermarkt und 99cent-Shop gibt.

Wo so ein Licht beim Candle-light-dinner leuchtet, zweifele ich schnell auch an der Qualität des Restaurants. „Was willst Du denn, die sind doch praktisch!“ sagt meine Frau. Richtig. Das ist aber Fertig-Ei aus dem Tetrapack auch. Und Tiefkühlbratlinge sowieso.

Mit Kerzen habe ich seit meiner Grundschulzeit viel Schönes verbunden. In der ersten Klasse durften wir zur Adventszeit eine eigene Kerze mitbringen, und ich kann mich heute noch erinnern, wie aufgeregt ich war, als meine Oma mit mir zu Woolw*rth ging und ich mir einen schönen Kerzenständer aus Messing und eine leuchtendrote Tischkerze dazu aussuchte. Es war ein beinahe heiliger Moment, als die Kerze dann bei der Adventsandacht in der Schule angezündet wurde.

Das tollste an den Geburtstagen meiner Teenie-Zeit war immer das Auspusten der Kerzen am Geburtstagskuchen. Und wenn ich an meine Zeit im Studentenwohnheim zurückdenke, denke ich immer auch an die große, dickbauchige Weinflasche, die ich mit unzähligen Tropfkerzen zu einem bunten Kunstwerk verwandelt habe.

Ich liebe das warme, lebende Licht einer Kerzenflamme, und ich liebe auch den Duft eines ausgepusteten Streichholzes… Ich liebe den Duft des Adventskranzes in der Wohnung und das kleine Ritual, das meine Frau und ich immer einhalten, wenn am Sonntag morgen eine Kerze mehr entzündet wird…

Ich finde es schön, dass es auch in evangelischen Kirchen immer mehr die Möglichkeit gibt, eine Kerze vor einem Altar anzuzünden und zu beten, und wenn ich dann gehe, bleibt meine Kerze da und betet sozusagen weiter…

Teelichte gehören aber ins Stövchen – und sonst nirgendwohin…

Throwback Thursday

Wayback

Seit einiger Zeit ist es üblich geworden, dass Leute am Donnerstag Erinnerungen ins Internet stellen… Heute will ich das auch einmal tun. Ich habe nämlich auf meinem Rechner ein bisschen aufgeräumt und dabei auch ein paar alte Links gelöscht.

Den zur „Wayback Machine“ werde ich aber aufheben. Hinter diesem Link verbirgt sich ein riesiges Archiv von Internetseiten aus dem vergangenen Jahrzehnt. Irgendwo muss irgendjemand unglaublich viele Festplatten übrig gehabt haben und sich gedacht haben: „Hey, ich lade mal eben das ganze Internet runter und speichere das hier ab…“

Das Internet vergisst nichts; das wird einem beim Nutzen der Wayback Machine schnell klar; darum sollte man immer vorsichtig sein, was man der Cloud oder dem Netz anvertraut…

Andererseits bewahrt es auch wundervolle Erinnerungen auf. Das da oben ist ein Ausschnitt aus meinem Blog, das ich ab 2007 bei Blog.De geführt habe – schon damals mit dem Mandelbrot-Fractal, wie man sieht. Ein paar meiner allerliebsten Freundinnen und Freunde habe ich da gefunden. Inzwischen gibt es Blog.De nicht mehr, und die wundervolle Gemeinschaft, die es da gab, hat sich zu wordpress nicht wirklich hinüber retten können.

Nichts ist für immer… Aber über die Entdeckung habe ich mich heute doch sehr gefreut… Jetzt gehe ich mal lesen, was ich vor zehn Jahren so alles geschrieben habe.