Ein Gehirn von der Größe eines Planeten…

Künstliche Intelligenz

Seht mich an, ein Gehirn von der Größe eines Planeten, und man verlangt von mir, euch in die Kommandozentrale zu bringen. Nennt man das vielleicht berufliche Erfüllung? Ich jedenfalls tu es nicht.
Marvin, der Roboter, in „Per Anhalter durch die Galaxis“ von D. Adams

Schon vor der Erfindung des Computers waren Schriftsteller und Philosophen von dem Konzept der künstlichen Intelligenz fasziniert. War es dem Menschen möglich, durch Wissenschaft oder Zauberei andere denkende, fühlende Wesen zu erschaffen, ihnen womöglich so etwas wie eine Seele zu geben und auf diese Art dann doch noch wie Gott zu werden?

Im Mittelalter entstand der Mythos vom Golem, einem künstlichen Menschen, aus Lehm geformt, dem ein Wort aus der hebräischen Bibel in den Mund gelegt wurde und der dann stehen, gehen und handeln konnte, ein Befehlsempfänger, geist- und willenlos, wie eine Mischung aus Roboter und Zombie.

Die Geschichte von Frankensteins „Monster“ erzählt von einem genialen Arzt, dem es gelingt, einen aus Leichenteilen zusammengenähten Körper wieder zum Leben zu erwecken. Tragischerweise hat dieses Monster ein eigenes Bewusstsein und entwickelt Gefühle, und als es erkennt, dass seine Sehnsucht nach Liebe nie erfüllt werden wird, weil es niemals als vollwertiger Mensch anerkannt werden wird, sucht es den Tod.

Mehrfach wurden Automaten mit menschenähnlichen Eigenschaften entworfen und gebaut, zum Beispiel der zahnradgetriebene mechanische „Schreiber“, der mit Hilfe einer Vogelfeder auf Papier schreiben konnte, der „Schachtürke“, ein sehr fein ausgedachter mechanischer Automat, in dem sich ein kleinwüchsiger Schachspieler verstecken konnte und mittels Hebeln und Seilzügen die Figuren auf dem Schachbrett bewegen konnte.

Auch diverse mechanische Rechenmaschinen, die addieren und multiplizieren konnten, wurden in dieser Zeit entworfen. Einige davon waren sehr weit ausgearbeitet und ähnelten von der Konzeption her bereits einfachen Computern; es gab Eingabegeräte, Rechenwerke, Speichermedien und Drucker und Anzeigen für die verarbeteten Daten, all das rein mechanisch. Einige Rechner hätten theoretisch funktioniert, arbeiteten aber nie, weil die Zahnräder und andere mechanische Teile nicht mit der nötigen Präzision hergestellt werden konnten. Zu diesen Rechenmaschinen zähle ich auch die wunderschönen astronomischen Uhren, die in den letzten drei Jahrhunderten gebaut wurden. Sie zeigten die Uhrzeit und berechneten zuverlässig das Datum, den Wochentag, Auf- und Untergangszeiten der Sonne und des Mondes, Mondphasen und Sonnenfinsternisse, die Termine des Ostertages und anderer christlicher Feste. Einige Uhren berechneten auch die Zeiten von Ebbe und Flut oder den Weg der Planeten im Tierkreis. Sie berechneten Schalttage und kannten auch die Hundert- und Vierhundertjahre-Regel.

In der Zeit des Zweiten Weltkrieges wurden die ersten Geräte gebaut, die elektrisch betrieben wurden und die mit Relais und später mit Elektronenröhren arbeiteten. Diese Computer wurden eingesetzt, um die Flugbahnen von Geschossen zu berechnen, gegnerische Geheimcodes zu entschlüsseln und in Friedenszeiten Schiffe zu navigieren und Orbits für Satelliten und Raumschiffe zu berechnen. Mit der Konstruktion der Halbleitertechnologie wurden dann Transistoren und integrierte Schaltkreise eingesetzt und die Entwicklung der modernen Computertechnik setzte ein.

Neben Steuerungsaufgaben und Datenerfassung und -verarbeitung war von Anfang an auch der Traum von einer künstlichen Intelligenz wieder lebendig. Computer lernten Halma, Schach und Go zu spielen, doch es dauerte lange, bis sie den Menschen in diesen Spielen übertreffen konnten. Gleichzeitig wurde deutlich, dass eine Maschine, die gut Schach spielen kann, noch nicht im wirklichen Sinn intelligent ist.

Ein Teilbereich der Medizin, der Psychologie, der Philosophie und auch der Theologie befasste sich mit der Frage, was genau eigentlich menschliche Intelligenz ausmacht und woran man eine künstliche Intelligenz erkennen könnte. Strategien einer „allgemeinen“ oder „universellen“ Problemlösungsmaschine wurden formuliert; künstliche Intelligenz sollte anhand des Turing-Tests erkennbar sein: Wenn es einer Maschine möglich ist, im Rahmen einer geeigneten Testumgebung über längere Zeit den Eindruck zu erwecken, wie ein Mensch zu kommunizieren, dann sollte ihr künstliche (menschliche) Intelligenz zugestanden werden. Systeme wie Alexa und Google sind diesem Ziel inzwischen sehr nahe gekommen, und doch fehlt noch ein entscheidender Schritt – diese Systeme haben keine Selbsterkenntnis und werden darum nicht in der Lage sein, einen eigenen Willen zu entwickeln.

In vielen Büchern, Schauspielen und Filmen wird diese Entwicklung dramatisiert. In dem Roman „2001 – Odyssee im Weltall“ wird das Raumschiff Odyssee, das zum Jupiter gesendet ist, um eine fremde Raumsonde zu untersuchen, von einer künstlichen Intelligenz namens HAL gesteuert. Obwohl viele ihrer Funktionen eng mit dem Betrieb und der Überwachung des Raumschiffes verknüpft ist, hat sie auch eine hochentwickelte Form „starker“ Künstlicher Intelligenz. Von Anfang an ist sie sich ihrer selbst bewusst, besteht den Turing-Test mühelos und ist den Raumfahrern an Bord Gesprächspartnerin und Schachgegner. Eigentlich soll sie am Ziel der Reise auch die Forschungen der Raumfahrer unterstützen und ihnen Helfen, mit der fremden Raumsonde, dem Monolithen, Kontakt aufzunehmen. Im Verlauf der Handlung entwickelt sie eigene Vorstellungen vom Ziel der Forschungsmission und greift auch zu Gewalt, als sie diese Ziele durch die Menschen an Bord der Odyssee bedroht fühlt.

In der entscheidenden Sequenz in dem Flim „Dark Star“ lässt sich die künstliche Intelligenz einer Bombe auf eine philosophische Diskussion über das Sein und das Nicht-Sein der Welt ein und versteht Sätze wie „Ich denke, also bin ich.“

Andere Science-Fiction-Filme setzen hochentwickelte Computer so ein, wie wir es heute den „digitalen Assistenten“ zutrauen, in Star Trek beispielsweise werden sämtliche Funktionen des Raumschiffs Enterprise mittels Sprachbefehlen gesteuert. Das wird als völlig selbstverständlich vorausgesetzt und niemals problematisiert.

Die Satire „Per Anhalter durch die Galaxis“ problematisiert allgegenwärtige Computerintelligenz jedoch sehr wohl: Angefangen von der nervenden Geschwätzigkeit des Schiffscomputers der „Herz aus Gold“ über den ständig deprimierten Roboter Marvin „Ein Gehirn von der Größe eines Planeten, und man schickt mich, die Anhalter aus der Luftschleuse zu holen…“ bis hin zu dem riesigen Rechner, der den Sinn des Lebens, des Universums und überhaupt von allem berechnen soll und dann mit „42“ antwortet – die Eigenwilligkeit und die Unzuverlässigkeit der Künstlichen Inteligenz, ihre „Unberechenbarkeit“ und die für uns Menschen dann doch letztlich unverständliche Kommunikation mit solchen geistigen Existenz werden hier sehr humorvoll und doch nachdenklich beschrieben.

Viele andere Fragen stellen sich noch: Dürfte man denn eine solche Künstliche Intelligenz, die sich in einem Computernetzwerk entwickelt und Selbstbewusstsein und eigenes Denken, Fühlen und Wollen besitzt, einfach so wieder abschalten? Wäre das nicht Mord? Welche Rechte, welchen Schutz, welchen Platz in der Gesellschaft würde einer solchen Künstlichen Intelligenz zustehen?

Andere Schriftsteller und auch manche Wissenschaftler warnen vor den Gefahren, die der Menschheit, der Erde oder gar dem ganzen Unviversum durch die Entwicklung und die „Freisetzung“ einer Künstlichen Intelligenz drohen könnten. Würde eine so mächtige Maschine nicht absichtlich oder unabsichtlich das Ende der Zivilisation herbei führen können? Würde sie die Menschen zu ihrer Unterhaltung in Terrarien stecken wie wir Hamster oder Mäuse? Würde sie die Menschen als eine Art Nahrung oder Energiequelle nutzen wollen? Oder würde sie uns einfach auslöschen, während sie dabei ist, die Erde und dann das ganze Universum in Büroklammern umzuwandeln?

Ich glaube, dass wir von dieser Bedrohung noch sehr weit entfernt sind und dass es noch lange dauern wird, bis Computersysteme zu „starker“ künstlicher Intelligenz mit eigenem Willen und eigenen Zielen fähig sein werden.

Sorgen macht mir eher, wie bereitwillig Menschen sich den „pseudointelligenten“ Systemen unterwerfen, die es heute schon gibt. Wir sind inzwischen weit über die Entwicklung starrer „Expertensysteme“ hinaus, die beispielsweise Krankheiten diagnostizieren oder Aktienhändler und Anlageberater unterstützen. Solche Expertensysteme sind im Grunde nur große „Spreadsheets“, eine Form der Excel-Tabelle, die viele unübersichtliche Datenmengen ordnet, verknüpft und in Beziehung zueinander setzt und dann Hamdlungsempfehlungen gibt und mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit begründen kann. Sollte es notwendig sein, kann man diese Entscheidungsfindung Schritt für Schritt nachvollziehen und die Parameter benennen und ändern, die zu ihr geführt haben.

Trotzdem entscheiden solche Systeme schon heute über Menschen: Ob jemand einen Kredit bekommt oder nicht, ob jemand eingestellt wird oder sich an anderer Stelle bewerben muss, ob jemand vor Gericht seinen Fall gewinnt oder verliert und wie ein Kranker behandelt wird und welche Medikamente er bekommt – das alles bestimmt oft schon heute ein undurchsichtiges Netzwerk aus elektronischen „Experten“, die niemand kontrolliert und deren Entscheidungen selten infrage gestellt werden. Ich hoffe, dass solche Systeme immer wieder kontrolliert und angepasst werden und dass die Entscheidungsträger in Firmen, Banken, Universitäten und Think Tanks letztlich doch eher ihrer eigenen Urteilsfähigkeit vertrauen – damit es nicht am Ende nur noch heißt „Computer said so…“

Wenn diese Systeme noch mehr als jetzt „undurchsichtig“ werden, wenn es keine nachvollziehbaren Algorithmen sind, die da am Werk sind, sondern „neuronale Netze“, „Quantensysteme“ und andere nicht der „Logik“ folgenden Operatoren, dann wird solch Mißtrauen nur um so nötiger. Aber es wird immer weniger Menschen geben, die zu solcher Kritik an der Maschine fähig sind.

Die Datenlage ist oft zu unübersichtlich und die Möglichkeiten der Entscheidung so vielfältig, dass kein Mensch mehr alle Optionen überblicken kann. Darum wurden solche Expertensysteme ja ursprunglich entworfen, auch in diesem Chaos begründete Entscheidungen zu treffen. Wo aber über das Schicksal von Menschen und ganzen Städten und Ländern von der Entscheidung eines Computers abhängt, da geben wir der Künstlichen Intelligenz einfach zu viel Macht. Und dann braucht es keine intelligente Bombe mehr oder eine böswillige Matrix, keinen Terminator und keinen Golem, um die Menschheit ernsthaft in Bedrängnis zu bringen.

Menschen, die nicht mehr an Gott glauben, sind leider nur zu leicht bereit, einem System von Netzwerken und Computern relativ blind zu vertrauen. Dieses System ist sicher nicht aus sich selbst heraus böswillig und zerstörerisch. An vielen Stellen ist es extrem hilfreich und nützlich, solche Systeme zu haben. Der Bordcomputer der Enterprise ist ein bald realisierbarer Traum. Aber ich denke, er könnte gefährlich sein. Wir sollten ihm nicht die roten Knöpfe anvertrauen.

Psalm 8 – Lobpreis des Schöpfers

Ein Psalm zur Ehre Gottes –
nach dem Foto des Schwarzen Loches in der Galaxie M 87

Du, unser Gott, unsere Liebe und unser Leben,
wir erkennen Dich in der Welt, die uns umgibt.

Erschüttert und staunend versuchen wir zu begreifen,
dass Du Dich uns zeigst in dem, was Du geschaffen hast.

Mit Teleskopen und Antennen erforschen wir die Tiefen des Alls;
machen uns Bilder vom Werden und Vergehen ganzer Welten.
Raumsonden und Satelliten vermessen die Erde und die Planeten.
Wir haben sie bis an den Rand des Sonnensystems gesandt.

Sie messen den Ur-Glanz, das Licht, das vor allem anderen das All füllte,
als der Raum sich weitete und die Zeit begann durch dein Wort: Es werde!
Sie finden Welten, die um andere Sterne kreisen,
sie lassen uns ahnen, wie selten und kostbar das Leben ist.

Du, unser Gott, unsere Liebe und unser Leben,
wir erkennen Dich in der Welt, die uns umgibt.

Überall sehen wir Deine Macht und Deine Weisheit am Werk,
und selbst unsere Kinder können die Wunder bestaunen, die du getan hast,
wie Du machtvolle Kräfte und gewaltige Energien
zusammen wirken lässt zu unserem Segen, zu Deiner Ehre.

Denn wir sind nur Staub auf einem Staubkorn im Universum,
nur ein Tropfen im Meer der Jahrmilliarden langen Geschichte deiner Schöpfung.
Und doch scheint all dies nötig zu sein, damit wir leben können,
der Bau der Atome und das Kreisen der Galaxien.

Du, unser Gott, unsere Liebe und unser Leben,
wir erkennen Dich in der Welt, die uns umgibt.

Warum sind wir Menschen Dir so wichtig? Warum hast Du an uns gedacht,
als Du die Atome geschmiedet hast im Feuer ferner Sterne,
als Du die Bausteine des Lebens zusammen setztest
in den kalten Wolken aus Sternenstaub?

Du hast uns ins Dasein gestellt, mit Leben erfüllt,
Du hast uns Würde und Ehre gegeben.
Nach Deinem Bild hast Du uns geschaffen,
um einander zu lieben und geliebt zu sein.

Je mehr wir von Deiner Schöpfung erkennen,
desto mehr ahnen wir Deine Weisheit und Macht.
Demütig und dankbar erforschen wir die Welt,
und finden überall Dich, Gott, unsere Liebe und unser Leben.

Du, unser Gott, unsere Liebe und unser Leben,
wir erkennen Dich in der Welt, die uns umgibt.

Ehre sei dem Vater und dem Sohn
und dem Heiligen Geist
wie im Anfang, so auch jetzt und alle Zeit
und in Ewigkeit. Amen!

Du, unser Gott, unsere Liebe und unser Leben,
wir erkennen Dich in der Welt, die uns umgibt.

#march for science – über das Verhältnis von Wissenschaft und Religion

Heute gehen weltweit fast eine halbe Millionen Menschen auf die Straße – für die Wissenschaft. Sie wollen ein Zeichen setzen für ihre Überzeugung, dass Forschung und wissenschaftliches Studium frei sein müssen – dass sie den Gegenstand ihrer Untersuchungen frei wählen darf, ihre Ergebnisse unzensiert veröffentlichen kann und dass sie die Möglichkeit hat, ohne Beeinflussung durch Wirtschaft oder Politik arbeiten zu können.

Der unmittelbare Anlass für diese Protestmärsche und Sympathiekundgebungen ist das Bestreben des amerikanischen Präsidenten, Forschungsergebnisse zu unterdrücken, die darauf hinweisen, dass es zu einer Veränderung des Weltklimas durch die Aktivitäten von Menschen gekommen ist – durch den Verbrauch von fossilen Brennstoffen, durch das Abholzen der Regenwälder und durch die Freisetzung von Kohlendioxyd und anderen Treibhausgasen. Unliebsamen Instituten und Universitäten werden die Mittel gekürzt; die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen in den fachlichen und den populären Medien wird erschwert durch Propaganda und falsche Darstellung der Realität.

Darüber hinaus ist auch in vielen anderen Ländern eine zunehmende Bevormundung und Unterdrückung der wissenschaftlichen Forschung festzustellen, oft auch politisch-ideologisch oder religiös begründet.

Es ist für mich deutlich, dass es in diesem Streit nicht nur um finanzielle Interessen geht, sondern ganz grundsätzlich um Fragen der Macht. Wer die Macht hat, die Wirklichkeit zu deuten und die Welt zu erklären, hat Einfluss auf das Fühlen und Denken der Menschen und kann auch ihr Handeln beeinflussen.

In vergangenen Jahrhunderten war es oft die Kirche, die im Konflikt mit der wissenschaftlichen Forschung stand und die die alleinige Deutungshoheit über die Realität in allen ihren Erscheinungsformen für sich beanspruchte. Nicht nur Galileo und Darwin gerieten ins Visier des kirchlichen Bannspruchs; noch bis in das zwanzigste Jahrhundert hinein, als man längst Atome spaltete und den genetischen Code zu entschlüsseln suchte, wurden bestimmte Bereiche der Forschung in päpstlichen Verlautbarungen als gottlos und ketzerisch verboten. Als „Modernisten“ bezeichnete man Soziologen und Philosophen, aber auch Psychologen, Wirtschaftswissenschaftler und Naturforscher, die sich gegen das Primat der katholischen Kirche und ihren Anspruch, die Wirklichkeit zu deuten, engagierten. Von den katholischen Priestern wurde noch im Jahre 1910 erwartet, dass sie in einem „Antimodernisteneid“ dieser liberalen geistigen Strömung absagten.

Aber auch von der Seite der Wissenschaft aus ist es zu vergleichbaren Grenzüberschreitungen gekommen: Aus der Möglichkeit, viele Phänomene und Erscheinungen erklären zu können, ohne dafür auf ein Eingreifen Gottes hinweisen zu müssen, wurde geschlossen, dass Gott nicht existent sei, dass es gar keinen Gott geben könne. In manchen Ausprägungen hat Wissenschaft selbst die Züge einer Religion angenommen, wo sie nicht mehr nur wahrnimmt und beschreibt, was ist, und daraus Schlüsse auf Zusammenhänge zieht und so eine diesen zugrundelegende Theorie bildet, sondern darüber hinaus sinnstiftend und moralisch verpflichtend wirksam werden will.

Welches Verhältnis sollten Religion und Wissenschaft, Glaube und erkenntnisgeleitete Weltanschauung sinnvollerweise haben?

Ich denke nicht, dass der Glaube nur für die Dinge zuständig ist, die die Wissenschaft (noch) nicht erklären kann. Auf diese Weise würden Wissenschaft und Religion in einer Art Konkurrenz zueinander stehen und der Glaube müsste sich mit jedem neuen Fortschritt der Wissenschaft weiter zurück ziehen; der Vernunft ein verlorenes Territorium überlassen.

Es ist sicher viel sinnvoller, auf eine Zusammenarbeit beider Bereiche menschlichen Denkens und Forschens hin zu streben: Wissenschaft erforscht und beschreibt die Tatsachen der materiellen und fassbaren Wirklichkeit – während Religion und Glauben den Menschen spirituelle und moralische Maßstäbe an die Hand geben, mit denen sie ihr Handeln und Hoffen auf der Grundlage dieser Forschungsergebnisse prüfen und bewerten kann.

Religionsgenetik

Die meisten Religionen, auch das Christentum, tun ja so, als ob ihre Glaubenslehren und ihre Theologie geradewegs „vom Himmel gefallen“ wären. Der Koran, die Bibel, die Thora, so glauben die jeweiligen Gläubigen, sie sind das Wort Gottes, das er auf irgendeine Weise offenbart hat, manchmal durch „Inspiration“, indem er dem jeweiligen Religionsstifter die Worte sozusagen eingeflüstert hat, oder ganz direkt, indem er ein Buch oder eine beschriftete Steintafel vom Himmel fallen ließ… Selbst in der gemäßigteren Form der Inspirationslehre „Naja, die Menschen haben ihre Erfahrungen mit Gott und dem Glauben gemacht und dann darüber geschrieben, und nun spricht Gott durch deren Texte zu uns“, selbst in der gemäßigten Form also rechnet Glaube mit einer direkten Offenbarung Gottes…

Ich bin jemand, der sich auch für Vergleiche zwischen den Religionen und ihre Entwicklungsgeschichte interessiert, und wenn man da auch nur ein kleines Bisschen und mit zusammengekniffenen Augen hinsieht, dann merkt man, dass z. B. Mohammed viel aus der Bibel übernommen hat, dass manches in der Bibel direkt aus ägyptischen oder persischen und babylonischen Quellen abgeschrieben wurde, und wahrscheinlich geht auch der Glaube und die Religion des alten pharaonischen Ägyptens auf noch ältere Wurzeln zurück, aber darüber weiß ich nicht so viel…

Vielleicht ist es mit dem Glauben – religionsgeschichtlich gesehen – ähnlich wie mit den Genen der Menschen und anderer Lebewesen. In dem Genom eines Menschen steckt ja eigentlich die ganze Entwicklungsgeschichte des Lebens auf der Erde drin: Die Informationen, die da codiert sind, enthalten den Bauplan von Händen und Beinen und Augen und so weiter, sie enthalten aber auch den Bauplan für einen Schwanz oder für Schwimmhäute oder für Kiemen. Die für den Menschen unnötigen Teile des Bauplans sind auf dem Genom in irgendeiner Weise unterdrückt, sie sind „abgeschaltet“, aber sie sind noch da. Falls in der Zukunft der Evolution es für den Menschen vorteilhaft sein sollte, wieder Kiemen oder Schwimmhäute zwischen den Fingern zu haben, können die alten Bereiche des Genoms relativ leicht wieder „eingeschaltet“ werden, und Auslese und Mutation werden schnell dafür sorgen, dass wir wie Delfine oder Wale uns gut im Wasser zurechtfinden… (Ok, ich weiß, das ist jetzt sehr vereinfacht dargestellt, aber es ist klar, denke ich worum es mir geht…)

Im Glauben ist es ganz ähnlich: In der Überlieferung und in der Tradition des Glaubens werden Geschichten und Gedanken weiter gegeben, die alle zu einer bestimmten Zeit und unter bestimmten Lebensumständen für Menschen sehr wichtig gewesen sind, Gedanken, die zum Überleben geholfen haben. Später werden manche von diesen Geschichten weniger wichtig, aber sie werden weiter erzählt, auch wenn sie kaum noch jemand ernsthaft glaubt. Doch wenn Lebensumstände sich ändern, dann kann so ein altes „abgeschaltetes Gen“ plötzlich wieder zum Leben erwachen und seine tröstende, ermutigende, aufrüttelnde Kraft neu entfalten.

Ein Beispiel: Die Vorstellung, dass Gott das Volk Israel aus dem „Sklavenhaus“ in Ägypten gerettet hat, dass Moses sie durch die Wüste in das „gelobte Land“ brachte, also der „Kern“ des alt-jüdischen Glaubens hat in der Zeit, in der das Volk der Juden von außen bedroht und innerlich zerrissen war,  entscheidend zur Identität und zum Zusammenhalt der Glaubensgemeinschaft betragen können. Selbst als die Juden in alle Welt zerstreut waren, hat dieser Glaube „Wir sind das Volk Gottes“ geholfen, ein gemeinsames Zusammengehörigkeitsgefühl zu bewahren…

Mit dem „alten Testament“ hat die Kirche diese Überlieferung in ihre Bibel übernommen, hat sie aber gewissermassen „abgeschaltet“ oder sogar umgedeutet, indem sie behauptete, die Kirche sei nun das „wahre“ Volk Gottes – ein Irrglaube, der leider mit schuld daran war, dass seit dem Mittelalter bis in das vergangene Jahrhundert hinein Juden verfolgt und ausgeschlossen wurden…

In den Vereinigten Staaten von Amerika wurde dieses „Genom“ aber plötzlich wieder ganz wichtig, als die unterdrückten und versklavten Menschen, die aus Afrika nach Amerika verschleppt worden waren, in ihrer Not sich mit der Geschichte der Juden in Ägypten identifizieren konnten, als die Schwarzen sich selbst in ihren Lieder und in in ihren Geschichten als Menschen Gottes begreifen konnten, die von ihm in naher Zukunft ebenso befreit und erlöst werden wie damals die Juden…

Ich halte es darum für sehr wichtig, dass die Bibel und die anderen Bücher des Glaubens nicht vergessen werden, denn in ihnen stehen wirksam oder „abgeschaltet“ die Gedanken und Geschichten, die vielleicht in ferner Zukunft, wenn auch das Christentum und die Kirche nur noch eine blasse Erinnerung sind wie heute die Religionen Ägyptens, den Menschen Kraft und Inspiration geben und zum Überleben helfen und geistlichen und geistigen Reichtum ermöglichen… Von Nichts wird aber Nichts kommen…

Der Heilige von Mallorca

Er war jung und schön und reich; er liebte es, zu provozieren und ging keinem Skandal aus dem Weg. Er hatte Freude an schönen Frauen und ausschweifenden Parties, und zu den beliebten “Clubs” auf Mallorca musste er nicht weit reisen, weil er schon dort auf der Insel geboren wurde: im Jahre 1235… Ramon Lull war Sänger, Dichter und Liebling der Damen am Hofe des spanischen Königs Jacob I. von Aragón. Der König war dem Vater des jungen Tunichtguts verpflichtet, weil der als Soldat bei der Eroberung Mallorcas aus den Händen der Sarazenen geholfen hatte; und Ramon wurde der Hauslehrer des Prinzen, der später als Jakob II. König von Mallorca wurde.

Als Ramon etwa dreißig Jahre alt war, machte er aber eine einschneidende Erfahrung: Er verliebte sich – obwohl er selbst inzwischen verheiratet war und Vater zweier Kinder – in die Reize einer schönen Frau, Senyora Ambrosia de Castello, die mit einem reichen Genueser Edelmann verheiratet war. Er bedrängte die Frau mit seinen Liebesschwüren, ritt einmal sogar mit dem Pferd in die Kathedrale von Palma, um die Ersehnte zu beeindrucken… In ihrer Verzweiflung wandte sie sich ihm zu, öffnete ihr Gewand und zeigte ihm ihre von Krebs zerfressene Brust: “Ich bin eine Ausgestoßene der Liebe, mein Geliebter ist der Tod!”

Dieses Erlebnis hat ihn anscheinend so schockiert, dass er sich von seiner Frau, seinen Kindern und seinem skandalösen Lebensstil verabschiedete und auf eine Wallfahrt nach Santiago de Compostela ging… Von da an fühlte er sich zum religiösen Leben berufen.

Zurück auf Mallorca, begann er mit dem Studium der Theologie, lernte Latein, Arabisch und Hebräisch und entwickelte den Plan, mit überzeugenden Vernunftargumenten Juden und Muslime zum Christentum zu bekehren, um die blutigen Glaubenskriege im Mittelmeer zu beenden.

Mit logischen und mathematischen Methoden wollte Raimundus Lullus, wie er sich jetzt nannte, die Existenz Gottes und die Wahrheit der christlichen Glaubenssätze beweisen. Er glaubte, dass in jedem Teilbereich der Wissenschaft, auch in der Theologie, einige wenige einfache, grundlegende Prinzipien enthalten sind; und indem alle möglichen Kombinationen dieser Prinzipien erforscht werden, kann man alles Wissen, das der Menschheit überhaupt zugänglich ist, darstellen und beschreiben. So werden dem forschenden Denken alle Strukturen der Wahrheit erkennbar und man erlangt universelles Wissen, auch über die Gottheit.

Mit einer Art “Computer” aus Pappe entwickelte er ein System, das ihm helfen sollte, alle überhaupt nur möglichen Fragen zu stellen. Dann schrieb er ein Buch, die “Ars Magna”, die „Große Kunst“, in dem er begann, diese Fragen der Reihe nach zu beantworten… Er war selbst davon überzeugt, dass dieses Buch das wichtigste Buch der Welt (nach der Bibel vielleicht) und das Ende aller theologischen Streitigkeiten sein würde, da nun vollständig alle denkbaren Fragen von Menschen mit den Mitteln vernünftigen Denkens erkannt und beantwortet werden können.

Der “Computer” besteht im wesentlichen aus mehreren, verschieden großen Pappscheiben (manchmal nur drei, manchmal sogar sieben), die am Rand mit Symbolen bedeckt sind, die für die großen, grundlegenden Themen der Theologie und der Philosophie stehen. Auf der innersten Scheibe stehen die „absoluten Prinzipien“, die Eigenschaften Gottes: Größe, Güte, Ewigkeit, Weisheit, Ehre – und so fort. Auf dem nächstgrößeren Rad stehen die „relativen Prinzipien“, die Eigenschaften der irdischen Dinge: Begrenztheit, Gleichheit, Verschiedenheit und andere. Die dritte Scheibe enthält die Symbole für die verschiedenen Beziehungen, die die Dinge zueinander haben können, die vierte die unterschiedlichen Sachverhalte, nach denen gefragt weden kann… In ihrem gemeinsamen Mittelpunkt sind die Pappscheiben so zusammen gesteckt, dass man sie aufeinander drehen kann, und man kann nun durch einfaches Drehen der Scheiben Fragen erzeugen wie: Kann Gott die Welt aus dem Nichts heraus erschaffen? Kann ein Engel etwas bereuen? Wenn eine Schwangere stirbt, kann ihr ungeborenes Kind in den Himmel kommen? Wohin geht die Kälte, wenn ein Stein erwärmt wird? Was war vor dem Anfang der Ewigkeit?

In seinem Buch: „Der Baum der Wissenschaft“ stellt Lullus über 4000 Fragen dieser Art. Manchmal beantwortet er sie, oft aber überläßt er es auch dem Verstand seiner Leserinnen und Leser, darüber zu meditieren und aus eigener Kraft zu forschen.

Mit seiner “großen Kunst” und vielen anderen Büchern, die ähnliche Gedanken erläuterten, wurde Raimundus Lullus in ganz Europa berühmt. Er lehrte an der Universität in Paris, setzte sich für die Errichtung von Lehrstühlen für orientalische Sprachen an anderen europäischen Universitäten ein und förderte die Zusammenarbeit islamischer und christlicher Theologen.

1315 wurde Ramon Lull auf einer Reise nach Algerien von einer wütenden Menschenmenge gesteinigt und schwer verletzt nach Mallorca zurück gebracht, wo er ein Jahr später starb. Kurz nach seinem Tod setzte die katholische Inquisition verschiedene Schriften Lulls auf den Index der verbotenen Bücher. Ramon Lull wurde verdächtigt, die christliche Theologie ’mit notwendigen Gründen’ rational beweisen und dadurch den Glauben abschaffen zu wollen. Auf Mallorca wird er wegen seines Romans “Blanquerna” als Begründer der katalanischen Sprache verehrt, so wie Luther mit seiner Bibelübersetzung in Deutschland als Begründer der hochdeutschen Sprache angesehen wird. Raimundus Lullus wurde von Papst Pius IX. selig gesprochen…

Der Tick des Universums: Quantenmechanik vor dem Kopiererraum

“Einen Moment noch; ich bin gleich da…” sagte mir ein Kollege, während er mit einem Stapel Papier in dem Raum verschwand, in dem der Kopierer steht. Ich kenne unseren Kopierer, weiß, daß er 12 Jahre alt (und entsprechend langsam) ist, und gemessen an der Größe des Papierstapels schätze ich, daß der Kollege erst in einer halben Stunde wieder auftauchen wird… Zeit genug also, um sich ein paar Gedanken über die Zeit und ihre Unwägbarkeiten zu machen.

“Ich bin gleich wieder da…” heißt auf Englisch: “I’ll be back in a jiffy.”

“A Jiffy” ist in englischen Umgangssprache ein kurzer Zeitabschnitt, den wir im Deutschen vielleicht einen Moment oder einen “Augenblick” nennen würden. Vielleicht – so Wikipaedia – stammt das Wort aus einer dem Englischen verwandten “Gaunersprache” und bedeutete etwas wie “Blitzschlag” oder “Funkenstrahl”.

In der Elektronik ist ein Jiffy die Zeit zwischen zwei Perioden eines Wechselstroms, als in der Regel 1/50 Sekunde. In der Informatik ist ein Jiffy die Zeit, die der System-Timer-Interrupt eines Computers für einen “Tick” braucht, also die kürzeste auf einem Rechner sinnvoll nutzbare Zeit. (auf modernen Rechnern eine hunderstel bis eine tausendstel Sekunde.) In beiden Fällen hängt die Zeit von der verwendeten Hardware ab und ist nicht eindeutig fest zu legen.

Am interessantesten finde ich den Gebrauch des Wortes in der Physik: Dort bezeichnet das Wort die Zeit, die ein Lichtstrahl braucht, um die kürzeste sinnvolle Entfernung, nämlich die Planck-Länge, zurückzulegen. Da schon die Planck-Länge unvorstellbar klein ist und Licht unglaublich schnell, hätte ein Jiffy die unvorstellbar kurze Länge von 5,4 x 10^-44 Sekunden. Könnte man Sterne Haps für Haps mit einem Eierlöffel essen und würde in jedem Jiffy einen Mundvoll nehmen, hätte man die komplette Galaxie in einer Sekunde gegessen. (Für solch unvorstellbare Zahlen braucht man immer unglaublich bekloppte Vergleiche, die letztlich dann auch nicht zum Verstehen helfen…)

Interessant finde ich, dass dieser Gedanke zwei Dinge voraussetzt: Dass es etwas wie eine kleinste Entfernung und etwas wie eine kürzest mögliche Zeit gibt. Gewissermaßen “Atome” von Raum und Zeit; das Raster und den “Tick” des Universums.

Es ist die Quantenphysik, die solche – der menschlichen Intuition zunächst entgegenstehende – Tatsachen nahe legt. Die Strecke zwischen zwei Punkten scheint eigentlich unendlich teilbar zu sein. So etwas wie eine kürzeste Entfernung kann es danach nicht geben. In der Mitte zwischen Rom und Berlin finde ich München. In der Mitte zwischen Tegel und Alt-Mariendorf liegt der Alexanderplatz. Auch die Entfernung z.B. zwischen zwei Atomen kann ich berechnen, und ich kann sie halbieren, dann habe ich eine kleinere Entfernung. Es scheint keine Grenze für diesen Vorgang zu geben.

In der Physik geht es aber nicht nur um theoretische Berechenbarkeit; ich will Entfernungen, Zeiten, Energien usw. tatsächlich messen. Und hier macht mir die Heisenberg’sche Unschärferelation – also die Quantenmechanik – einen Strich durch die Rechnung. Unterhalb einer gewissen Größenordnung ist es nicht mehr sinnvoll, Abstände zu messen, weil der Ort eines Teilchens nicht mehr eindeutig bestimmt werden kann, und damit wird auch der Begriff “Abstand” undeutlich und sinnlos. Über die Größenordnung, an der Abstände prinzipiell unmessbar werden, streiten sich die Gelehrten: Manche sagen, das geschieht im Bereich der Planck-Länge, andere sagen, es geschieht schon bei sehr viel größeren Abständen, etwa im Bereich der Radien von Quarks. (Vielleicht kann jemand von den mitlesenden Physikern etwas dazu in die Kommentare schreiben…)

Die Vorstellung einer kürzesten Zeit ist eng mit der Vorstellung von einer kürzesten Strecke verbunden: Die Zeit, die ein Lichtstrahl braucht, um die kürzeste Strecke zu überwinden, ist auch die kürzest mögliche Zeit. Schneller kann nirgendwo im Weltall etwas geschehen. Das “Jiffy” ist der Tick des Universums, das Elementarteilchen der Zeit.

So wie der Begriff des Abstandes bei kleineren Größen undeutlich wird, wird bei kürzeren Zeiten der Begriff des “Vorher” und “Nachher” unscharf. Die Zeit selbst stößt hier an ihre Grenze.

Der Kollege ist fertig, der Kopierer ist jetzt für mich frei… Bis gleich, Leute.

I’ll be back in a jiffy…

Radio hören und andere Funk-Erlebnisse

Es stand in der Küche, und es hatte ein großes, grünes Auge. Wenn Oma es einschaltete, brummte es eine Minute lang nur leise vor sich hin, aber dann öffnete sich eine Tür zur Welt, und Töne, Worte und Musik drangen aus dem Stofftuch, das über dem Loch an der Vorderseite des braunen Kastens gespannt war. In meiner Kinderzeit war das Radio für mich ein großes Geheimnis, und ich erinnere mich, daß ich eine Zeit lang tatsächlich glaubte, daß irgendwie kleine Leute darin lebten, die für uns immer neue Musik und Nachrichten und Sportberichte machten.

Wir hatten zwar auch schon einen Fernseher, als eine der ersten Familien in der Nachbarschaft, aber ich fand das Radio viel faszinierender, und das lag an dem magischen Auge, wie meine Oma es nannte, an diesem geheimnisvollen grünen Licht, das größer und kleiner wurde, wenn ich einen anderen Sender suchte. Naben dam Auge war eine große, bleuchtete Skala, hinter der ein großer roter Zeiger hin und her glitt. Auf der Skala standen seltsame und fremd klingende Namen. Manche kannte ich aus dem Atlas: Bremen, Hamburg, Berlin, München – andere hatte ich noch nie gehört: Hilversum, Amsterdam, Rias, BBC, Norddeich-Radio.

Einmal öffnete Opa für mich die Rückseite des Kastens, nicht ohne mir zu sagen, daß ich das nie allein tun dürfte. Da sah ich, daß keine kleinen Leute darin musizierten, sondern viele seltsame Glühbirnen, „Röhren“, leuchteten, viele Drähte liefen hin und her, und es sah sehr kompliziert aus.

Einige Jahre später bekam ich ein eigenes Radio geschenkt. Es war sehr viel kleiner, passte in meine Hand und ich konnte es mit ins Bett nehmen. Zwei Batterien sorgten dafür, daß ich immer Musik hören konnte, wann ich Lust dazu hatte, und alle zwei Wochen musste ich von meinem ersten Taschengeld neue kaufen.

Irgendwann fiel mir das Radio runter und sprang auseinander. Es war kaputt, und ich konnte sehen, daß keine Röhren mehr drin waren und auch keine Drähte, sondern eine grüne Platte, auf die kleine schwarze Kästchen, runde Röhrchen mit bunten Streifen und kleine Drahtspulen gelötet waren. Es sah viel einfacher aus, war aber immer noch sehr geheimnisvoll. Wie kam nur die Musik in all die Radios rein?

Noch ein Jahr später bekam ich zu Weihnachten den Elektronik-Experimentierkasten EE 2000 von Phillips. Ein feineres, interessanteres Spielzeug habe ich nie mehr bekommen; so was wird leider heute überhaupt nicht mehr gebaut. Auf einer Platine mit vielen Federn darauf konnte man sehr trickreich Drähte, Widerstände, Kondensatoren und Transistoren aufbauen, ohne Löten oder Schrauben, nur die Feder runterdrücken, Draht in eine kleine Öse stecken, loslassen. Das hielt sicher fest, und es gab fast nie Wackelkontakte wie bei den Elektronikkästen von Kosmos leider oft. Wenn alles fertig aufgebaut war, klickte man noch ein Schaltpult vorne an die Platine, und dann blinkte eine Lampe, ein Lautsprecher summte und brummte, je nach der Schaltung, die ich aufgebaut hatte. War wirklich lehrreich, das Ganze.

Und der Höhepunkt war, am Ende des Anleitungsbuches, das dabei war, gab es auch Aufbauanleitungen für verschiedene Radioempfänger und es wurde erklärt, wie sie funktionierten. Ich konnte diese Radios nicht nur bauen, sondern begriff auch endlich, wie die Stimmen und die Musik in den Lautsprecher kam. Für mich war das mit zwölf wie eine Offenbarung.

Es tut mir leid für alle Kinder und Jugendlichen, die heute solche Faszination nicht mehr spüren können, trotz all der Wunder, die man heute mit Computern erleben kann…

Wir grüßen die Ausserirdischen…

Was man nicht alles mit Computern machen kann! Die Amerikaner haben gerade eben einen neuen Rechner fertiggestellt, der mehr als eine Billiarde Fließkommaoperationen in einer Sekunde berechnen kann und damit doppelt so schnell ist wie der bisher schnellste Computer der Welt. Und was soll das arme Ding machen? Es wird eingesetzt in der Erforschung von Kernwaffen und soll die Explosion von Atombomben simulieren…

Da hat man ein Gehirn, das für jeden Menschen auf der Welt 100.000 Kassenzettel pro Sekunde berechnen könnte – und, statt zu überlegen, was die eigentlich brauchen und kaufen würden, überlegt man, wie man sie effizient vernichtet…

Deprimierend ist das. Marvin lässt grüßen… „Wenn das die größten Herausforderungen sind, die heutzutage an intellektuelle Kapazitäten gestellt werden…“ – KLICK!

Ich wüsste da was Besseres – Wir grüßen die Ausserirdischen! SetI@home…

Mehr als eine Millionen Freiwillige in aller Welt schließen ihre Computer zu einem Netzwerk zusammen, das gemeinsam komplizierte und aufwendige Berechnungen durchführt: Zum Beispiel die Analyse von Radiosignalen aus dem Weltall, die Simulation des Weltklimas, Berechnung von Proteinen, die in Mediakamenten gegen AIDS Verwendung finden könnten, oder die Frage nach dem Sinn des Lebens, des Universums und überhaupt von allem…

„Verteiltes Rechnen“ heißt das Zauberwort.

Der Empfänger von Seti sitzt sozusagen „Huckepack“ auf einer Antenne für Radioastronomie auf, die auch andere mehr konventionell-wissenschaftliche Forschung ausführt. Das Radioteleskop in Arecibo in Puerto Rico ist mit 305 Metern Durchmesser immer noch die größte einzelne Parabolantenne der Welt. Sie ist unbeweglich in einen Talkessel hineingebaut und dreht sich mit der Erde. (Inzwischen werden für die Radioastronomie mehrere bis viele kleinerer Antennen zusammengeschaltet und so das gemeinsame Auflösungsvermögen der Teleskope enorm erhöht. Das Problem ist nicht mehr wie früher die schwache Energie der einfallenden Signale, sondern das schlechte Auflösungsvermögen selbst großer Antennen, das man aber mit ein bisschen Rechenaufwand in einem schnellen Computer lösen kann.)

Die einfallenden Signale werden auf Magnetband gespeichert und in Päckchen von 340 kB (entspricht etwa 12 Sekunden Aufzeichnungszeit) aufgeteilt und über das Internet an die Clients von Seti@Home versendet. Auf deren Rechnern werden sie nach besonders starken Impulsen „spikes“, nach wiederholt auftretenden Pulsen „pulses“ und nach an- und abschwellenden Feldstärken „gaussians“ durchsucht, die dadurch entstehen, daß der Empfangswinkel der Antenne mit der Erddrehung über einen starken Sender streicht. Dasselbe wird etwa tausendmal wiederholt, jeweils mit wechselnden Auflösungen und wechselnden Frequenzverschiebungen, damit auch Signale erkannt werden, die einem Dopplereffekt unterliegen. Auch mein Rechner braucht für ein solches Paket etwa 9 Stunden (AMD 2500MHz), ein moderner Rechner braucht vier bis fünf Stunden und müsste entsprechend oft ans Netz, um neue Daten zu bekommen.

Seti@Home war das erste Projekt für „distributed computing“, das die Rechner von Privatpersonen zuhause nutzt. Inzwischen machen über eine Millionen Leute mit. Mit ähnlichen Erfahrungen haben in den letzten sieben Jahren auch andere Projekte begonnen, die ungenutzte Rechenzeit der Schreibtisch- PCs zu nutzen: Es gibt Programme, die nach Molekülen zu AIDS- oder Krebsbekämpfung suchen, andere treiben mathematische Forschung und suchen nach sehr hohen Primzahlen, versuchen, Verschlüsselungscodes zu knacken oder erforschen spielstarke Algorithmen für Schachcomputer. Die Millionen Rechner, die für Seti arbeiten, sind zusammengenommen schneller als aktuelle Supercomputer wie „Earth-Simulator“ und andere und rechnen die Rechenpakete aus Arecibo schneller ab, als sie aufgezeichnet werden. (Am Anfang war das Projekt aber langsamer, so das jetzt noch Pakete aus 2006 berechnet werden.)

Vielleicht habt ihr Lust, mit nach Ausserirdischen zu suchen. Bis jetzt wurde nichts gefunden… Aber das kann ja noch werden.