Ich war der Nikolaus…

Eigentlich sollte Herr Wolle der Nikolaus sein. Er hat sich gut vorbereitet, war sogar ins Einkaufszentrum gefahren, um ein passendes Kostüm zu kaufen. Einen großen Sack mit Äpfeln, Nüssen und kleinen Schokoladenfiguren hat er auch besorgt.

Und dann ist er krank geworden. „Du machst das doch bestimmt gern!“ hat er mir am Telefon gesagt. Das war keine Frage, sondern eine Feststellung. Und natürlich hatte er Recht. Ich mag Kinder; und ich wollte schon IMMER mal der Superheld aller Vierjährigen sein. Und die Aussicht auf einen fliegenden Schlitten mit sechs flotten Rentieren war auch verlockend…

Also zwängte ich mich in das Gewand des Heiligen von Myra, der wegen seiner Freigebigkeit zum Schutzpatron der Bedürftigen und der Seeleute geworden war. Ja, den Nikolaus hat es wirklich einmal gegeben, und weil er vor langer Zeit mit vielen goldenen Münzen einem Edelmann aus Myra aus einer üblen Klemme geholfen hat, ist er zur Symbolfigur der adventlichen Überraschungen und der bunten Teller geworden. Lustig, lustig, trallalallala…

Ein wunderschönes liturgisches Outfit hatte Herr Wolle besorgt, stilecht mit Kasel, Stola und Mitra. Dazu gab es noch einen wuscheligen Bart und eine weißhaarige Perücke und einen feinen Bischofsstab aus Plastik. Das Umziehen hat mich an meine Zeit in der Kirchengemeinde Alt-Schöneberg erinnert, wo ich tatsächlich im vollen ernst solche liturgische Gewandung im Gottesdienst getragen habe. (Ohne Bischofsstab natürlich.) So verkleidet und vermummt sollte ich mich also nun auf unserem Adventsfest der Öffentlichkeit zeigen…

Ich bin noch nie vorher der Nikolaus gewesen (obwohl ich einen kleineren Bruder habe, aber der hat – glaube ich – niemals geglaubt, dass so eine übernatürliche Fabelfigur die Schokolade in die Stiefel steckt…).  Also hat es mich schon ziemlich überrascht, wie anders mich plötzlich die kleinen Kinder angesehen haben. Die meisten haben mich mit supergroßen, begeisterten Augen angeschaut, ihr Gedicht aufgesagt und dann eine Mandarine und einen großen Schokotaler bekommen; aber auf die ganz Kleinen wirkte der fremde Mann dann doch eher erschreckend. Sie versteckten sich hinter Mama oder Papa und ließen sich auch mit freundlichen Worten nicht locken.

Es ist ja auch wirklich seltsam: Normalerweise sagen die Eltern (völlig zu Recht): „Nimm keine Süßigkeiten an von fremden Menschen!“ – und jetzt sollen sie sogar mitspielen und noch ein Gedichtlein aufsagen. Natürlich habe ich die Kinder sofort in Ruhe gelassen, wenn ich merkte, dass sie sich fürchten, und einige kamen dann später doch noch zu mir, um sich schüchtern ihren Schokotaler abzuholen.

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt…

Ich hasse Teelichte!

Im Urlaub gönne ich mir etwas Besonderes. Lecker essen in einem guten Restaurant. Feines Porzellan,silbernes Besteck, Stoffservietten, Rosen in der Vase. Mundgeblasene Gläser, in denen der Rotwein leuchtet. Das Essen auf dem Teller lässt die Seele jubeln, es sieht schon wunderbar aus. Und es duftet! Ich ahne, welcher Aufwand hier in der Küche betrieben wird.

Aber eins stört mich: Im kristallenen Kerzenhalter blinkt ein schnödes Teelicht, mit Aluschale, so, wie es sie in jedem Supermarkt und 99cent-Shop gibt.

Wo so ein Licht beim Candle-light-dinner leuchtet, zweifele ich schnell auch an der Qualität des Restaurants. „Was willst Du denn, die sind doch praktisch!“ sagt meine Frau. Richtig. Das ist aber Fertig-Ei aus dem Tetrapack auch. Und Tiefkühlbratlinge sowieso.

Mit Kerzen habe ich seit meiner Grundschulzeit viel Schönes verbunden. In der ersten Klasse durften wir zur Adventszeit eine eigene Kerze mitbringen, und ich kann mich heute noch erinnern, wie aufgeregt ich war, als meine Oma mit mir zu Woolw*rth ging und ich mir einen schönen Kerzenständer aus Messing und eine leuchtendrote Tischkerze dazu aussuchte. Es war ein beinahe heiliger Moment, als die Kerze dann bei der Adventsandacht in der Schule angezündet wurde.

Das tollste an den Geburtstagen meiner Teenie-Zeit war immer das Auspusten der Kerzen am Geburtstagskuchen. Und wenn ich an meine Zeit im Studentenwohnheim zurückdenke, denke ich immer auch an die große, dickbauchige Weinflasche, die ich mit unzähligen Tropfkerzen zu einem bunten Kunstwerk verwandelt habe.

Ich liebe das warme, lebende Licht einer Kerzenflamme, und ich liebe auch den Duft eines ausgepusteten Streichholzes… Ich liebe den Duft des Adventskranzes in der Wohnung und das kleine Ritual, das meine Frau und ich immer einhalten, wenn am Sonntag morgen eine Kerze mehr entzündet wird…

Ich finde es schön, dass es auch in evangelischen Kirchen immer mehr die Möglichkeit gibt, eine Kerze vor einem Altar anzuzünden und zu beten, und wenn ich dann gehe, bleibt meine Kerze da und betet sozusagen weiter…

Teelichte gehören aber ins Stövchen – und sonst nirgendwohin…

Throwback Thursday

Wayback

Seit einiger Zeit ist es üblich geworden, dass Leute am Donnerstag Erinnerungen ins Internet stellen… Heute will ich das auch einmal tun. Ich habe nämlich auf meinem Rechner ein bisschen aufgeräumt und dabei auch ein paar alte Links gelöscht.

Den zur „Wayback Machine“ werde ich aber aufheben. Hinter diesem Link verbirgt sich ein riesiges Archiv von Internetseiten aus dem vergangenen Jahrzehnt. Irgendwo muss irgendjemand unglaublich viele Festplatten übrig gehabt haben und sich gedacht haben: „Hey, ich lade mal eben das ganze Internet runter und speichere das hier ab…“

Das Internet vergisst nichts; das wird einem beim Nutzen der Wayback Machine schnell klar; darum sollte man immer vorsichtig sein, was man der Cloud oder dem Netz anvertraut…

Andererseits bewahrt es auch wundervolle Erinnerungen auf. Das da oben ist ein Ausschnitt aus meinem Blog, das ich ab 2007 bei Blog.De geführt habe – schon damals mit dem Mandelbrot-Fractal, wie man sieht. Ein paar meiner allerliebsten Freundinnen und Freunde habe ich da gefunden. Inzwischen gibt es Blog.De nicht mehr, und die wundervolle Gemeinschaft, die es da gab, hat sich zu wordpress nicht wirklich hinüber retten können.

Nichts ist für immer… Aber über die Entdeckung habe ich mich heute doch sehr gefreut… Jetzt gehe ich mal lesen, was ich vor zehn Jahren so alles geschrieben habe.

Was man Katholiken so alles zutrauen kann…

Gestern haben wir einen ökumenischen Bußgottesdienst zum Aschermittwoch gefeiert, so richtig traditionell, mit Aschenkreuz auf der Stirn und so… Und mir ist mal wieder der großartigste Verhörer eingefallen, der mir jemals passiert ist.

Als ich in der Grundschule war, habe ich einmal am katholischen Religionsunterricht teilgenommen, weil der evangelische Lehrer krank war. Die Lehrerin hat über den Aschermittwoch erzählt und dass katholische Christen sich an diesem Tag ein Kreuz aus Asche auf die Stirn zeichnen zum Zeichen ihrer Buße und als Bitte um Vergebung. Die Asche, so hat sie erzählt, kommt von verbrannten „weinenden Kätzchen“.

Über Jahre hab ich gegrübelt, wie die Katholiken die Katzen zum Weinen kriegen. Ob sie die vorher verhauen? Und wenn die Katzen dann so richtig weinen, wie kriegen sie die verbrannt? So ne Katze brennt doch nicht so leicht… Und wie krank ist das überhaupt, für einen Gottesdienst eine Katze zu verbrennen…

Es hat fast zehn Jahre gedauert, bis mir an einem hellen Abend klar wurde, dass ich mich nur verhört hatte:

Die Lehrerin hatte „Weidenkätzchen“ gesagt… Die Weiden, die bei der Palmsonntagsprozession verwendet werden, werden aufgehoben, meistens in einem gottesdienstlichen Raum an das Kreuz gesteckt, und am Aschermittwoch des nächsten Jahres werden sie dann verbrannt, um Asche für das Aschenkreuz zu haben…

Im Nachhinein wundere ich mich eher darüber, dass ich fast zehn Jahre lang den katholischen Schwestern und Brüdern solche Tierquälerei zugetraut habe… Zum Glück und Gott sei Dank bin ich heute auch ein bisschen weiter, wenn es um Ökumene geht…

Wie unser Hausmeister einmal mit einem Damen-Strumpf die frostige Kirche erwärmte…

Am einfachsten kann man eine versammelte Gemeinde aus dem Gottesdienst vertreiben, indem man im Winter die Kirche nicht heizt.

Kommt man von der verschneiten Strasse, von dem tiefgekühlten Vorplatz in die Kirche, wirkt sie zwar auf den ersten Eindruck erträglich gewärmt, doch nach einer Viertelstunde spürt man es in den Fingern, an der Nasenspitze und an den Bäckchen (sowohl an den beiden im rot-erfrischt-gesunden Gesicht als auch an den beiden anderen, auf denen man sitzt und die in der Kirche niemals jemand zu sehen bekommt), dass es doch empfindlich kalt ist; eigentlich sogar eine richtige Zumutung, wenn da nur vierzehn Grad in der Kirche sind…

Dem Organisten und den Streichern des kleinen Violinen-und-Geigen-Orchesters frieren schon während dem Glockengeläut die Hände ein, sie greifen im Musizieren öfter als unbedingt nötig daneben, was schon dem Vorspiel zur Liturgie eine gewisse jazz-funk-bluesige Qualität gibt; und auch die Zwischenspiele und die Streicher-Sonaten, die den Gottesdienst auflockern sollen, klingen heute wackliger und stärker „zufallsbestimmt“ als bei der Generalprobe am vergangenen Montag. Da war es aber auch noch gut geheizt in der Kirche.

Der Hausmeister macht ein besorgt-unschuldig aussehendes Gesicht, aber auch seine Bäckchen sind herzhaft gerötet und sehen aus wie die Werbung für den Multi-Vitaminsaft, den die meisten von uns als Kind von ihren Omas eingetrichtert bekommen haben. Ja, er hat die Heizung rechtzeitig eingeschaltet, diese ebenso uralte wie undurchschaubare Maschine im Keller der Kirche hat auch pflichtschuldigst losgerumpelt; scheinbar ist mit der Heizung alles in Ordnung – und doch ist es so kalt in der Kirche, dass die Gemeindeglieder zittern und mit den Zähnen klappern – trotz des dicken Mantels, des Schales und trotz der Handschuhe… Und das ist ihm ein bisschen peinlich…

Vor dem Altar wird mit zittriger Stimme aus einer Bibel vor gelesen, die spürbar in den Händen der Vortragenden vibriert: „So spricht der HErr: Wie der Schnee fällt auf den Höhen des Libanon, wie das Eis liegt auf den Bergen des Karmel…“ – – – und die Gemeinde ergänzt in Gedanken: „…so wird es auch sein in der heiligen Halle der Kirchengemeinde in Schöneberg: man wird frieren in der Kirche und Eiszapfen an der Nase tragen vor dem Altar des HErrn; bis man geht über den Vorplatz des Gemeindehauses hin zum wärmenden Kirchencafé, wo Kaffee verheißen ist und Tee und – ungelogen! – sogar Kuchen!“

Während der Predigt zieht der Hausmeister sein Jackett aus und verschwindet durch eine Seitentür, hinter der – wie der Pfarrer weiss – die Treppe in den Keller sich befindet… Auch die Gemeindeglieder wenden ihre Aufmerksamkeit kurzfristig weg von des Pfarrers weisen Worten und fragen sich, wo der Hausmeister da wohl hingeht. Manche hoffen schon das Beste.

Während des kurzen Moments der Stille nach der Predigt hört man es aus der Tiefe klirren und ächzen, der Hausmeister löst schwere Schrauben und dreht an gewichtigen Muttern, dann fällt ein Blech mit vernehmlichen Getöse auf den Boden; ein nicht ganz so leiser Fluch tönt durch die aufmerksam die Stille meditierenden Reihen.

Dann kommt der Hausmeister mit einem ölverschmierten Gesicht in die Kirche zurück und wendet sich fragend an eine junge Dame, die neben der Kirchentür sitzt und darauf wartet, dass sie nach der Predigt die Kollekte einsammeln kann, denn dies ist ihr Ehrenamt, zu dem sie sich vor einigen Monaten gemeldet hat. Sie geht aus der Kirche auf die Toilette, und der Pfarrer, der jetzt am Lesepult die Gemeinde auffordert, in das Glaubensbekenntnis einzustimmen, fragt sich, was das wohl werden soll…

Nach einer kurzen Pause erscheint die Dame wieder vor der Toilettentür und drückt dem wartenden Hausmeister ihre Nylonstrümpfe in die Hand. Der verschwindet freudestrahlend mit dem zarten Gewebe in den Keller, während dem Pfarrer das Wort im Munde steckenbleibt. Er verschluckt sich an seiner eigenen Verwunderung und muss lauthals husten, was der Organist geschickt überspielt, indem er mit dem Präludium zu dem nun folgenden Hymnus einsetzt: „Ist es auch kahalt am frühühen Morgen, weckt doch die Sonne mit ihirem Strahl…“

Kurze Zeit später hört man, wie im Keller der Motor der Heizpumpe startet, die mit dem vertrautenden quietschenden Geräusch das tut, was sie sonst immer getan hat, nämlich irgendwelches Zeug in den Heizkreislauf der Kirche pumpen. Wenige Minuten danach breitet sich auf dem Gesicht derer, die rechts an der Wand der Kirche sitzen, ein wohliges Grinsen aus, denn dort sind die Einlassöffnungen, durch die die heiße heizende Luft in den kalten Kirchenraum strömt – und anscheinend kommt dort jetzt etwas wie Wärme an… Nur ein strenger Blick des Pfarrers hält die dort versammelten Gemeindeglieder davon ab, in einen spontanen Applaus für den Hausmeister auszubrechen, der sich zufrieden neben die junge Dame setzt, die schon das Kollektenkörbchen in ihrer Hand hat…

Später werde ich den Hausmeister fragen, wozu um Himmels willen er die Strumpfhose dieser Frau gebraucht hat? Und er wird sagen, dass die Heizung nicht lief, weil der Treibriemen an der Kompressorpumpe gerissen war. Und er, der schon vor Jahrzehnten immmer mit einem VW-Käfer unterwegs gewesen war, hatte sich erinnert, dass man bei dessen Motor im Falle eines Falles einen gerissenen Keilriemen für eine kurze Zeit mit einem Nylonstrumpf ersetzen konnte – was meistens reichte, mit dem Wagen wenigstens noch in die nächste Werkstatt zu fahren. Und da unsere Heizung samt Kompressor und Motor in etwa aus demselben Baujahr stammt wie seine alterschwache Asphaltbeule, dachte er sich, was da geht, geht ja wohl auch hier – und so hat er mit ingenieurstechnischem Geschick die Stimmung der Gemeindeglieder beim Kirchenkaffee gerettet…

Vor dem Krippenspiel…

Weihnachten war für mich sehr schön und größtenteils entspannend… Der am meisten anstrengende Teil ist natürlich immer die große Kindervesper am Heiligen Abend um 15 Uhr, die mit dem Krippenspiel. Auch mit zwanzig Jahren Berufserfahrung habe ich immer noch schreckliches Lampenfieber vor diesem Gottesdienst, weil einfach so viele Leute, so viele Kinder beteiligt sind, dass alles Mögliche schief gehen kann, und gerade, wenn die Kirche so voll ist und so viele Leute da sind, die nur ein einziges Mal im Jahr in der Kirche sind, dann möchte man als Pfarrer natürlich mal zeigen, wie toll es bei uns ist und dass es sich durchaus lohnt, öfter mal zu kommen… (…und zum Beispiel die zweite große Performance am Ostertag auch mit zu nehmen.)

Um eins, schon zwei Stunden bevor es los gehen soll, haben wir uns alle in der Kirche zu einer letzten Generalprobe versammelt… Claudia ist da, die in unserer Gemeinde die Arbeit mit Kindern stemmt“, Marcel, unser Kirchenmusiker mit seinem Kinderchor, und ich in meinem schwarzen Talar. Und die zwanzig Kinder sind da, die beim Krippenspiel mitmachen: die kleinen Mädchen, die die Engel spielen werden; die kleinen Jungen, die entweder die Hirten sind oder – wenn sie noch zu klein sind, um eine Sprechrolle zu übernehmen, auch ein Schaf; die drei Wirte, die sich mit grimmigen Gesichtern auf ihre Rolle einstimmen; die Könige, die bei uns drei Königinnen sind, und natürlich Maria und Josef, die beiden Ältesten, die alle Anzeichen der beginnenden Pubertät zeigen, zum Beispiel dieses, dass sie so ein Krippenspiel ja eigentlich total albern und peinlich finden, aber weil sie vor drei Monaten gesagt haben, dass sie mitspielen, müssen sie jetzt da durch…

Es ist da eine Atmosphäre wie vor einer Opernpremiere: In allen Ecken der Kirche werden die Kinder von ihren Eltern in ihre Kostümchen verpackt, hier flirren Engelsflügel und Heiligenscheine, dort werden Hirtenstäbe geschwungen wie Laserschwerter, dort zickt einer der Könige herum, weil ihr die Krone immer wieder von dem blonden Kraushaarschopf herunterfällt. Nach einer halben Stunde sind aber alle bereit, und die Generalprobe, ein allerletzter Gesamtdurchlauf durch den ganzen Gottesdienst, kann beginnen.

Wir stehen am Eingang der Kirche, bereit für die feierliche Einzugs-Prozession. Die Musik erklingt, pathetisch, festlich, und wir schreiten in einer eher unordentlichen Zweierreihe auf den Altar zu. Die Engel winken ihren Eltern zu, die Wirte schauen grimmig, die Schafe werden von den Hirten getragen, damit sie sich nicht verlaufen. Ganz zuletzt kommen Maria und Josef angeschlendert – Halt, ruft Claudia, ihr könnt da nicht laufen, als ob ihr beim Einkaufsbummel im Schloss“ seid, dies ist eine Prozession, ein Fest, ihr müsst schreiten, nicht schlurfen… Alles zurück auf Anfang, nochmal geht’s los: Musik, pathetisch; Schreiten, unordentlich, auch Maria kriegt’s auf die Reihe, und Josef, na ja, wir müssen ja weitermachen.

Der Liturgische Gruß vor dem Altar: Im Namen des Vaters, des Sohnes, und des Heiligen Geistes… – Amen!“ und die Verneigung danach klappt ganz gut, jetzt alle auf ihre Plätze… Marcel spielt ein Weihnachtslied, das der Pfarrer im Namen der noch nicht vorhandenen Gemeinde laut singt, währenddessen wuseln Engel, Hirten, Könige und das Heilige Paar durch die Kirche. Das Krippenspiel beginnt mit dem Auftritt des Kaisers und seiner Soldaten. Drei kleine Jungen mit Lanze und Schild stehen neben dem schüchtern drein blickenden Kaiser und brüllen in die Kirche: Der Kaiser von Rom befiehlt euch heut: Geht dahin, wo ihr geboren seid!“ und schauen so martialisch verbissen in die Gemeinde, wie Strumtruppler auf Endor über eine Horde von Ewoks gucken würden…

Da machten sich auf auch Josef aus Nazareth zusammen mit Maria…“ tönt es vom Lesepult her. Maria und Josef schlendern durch die Kirche, sie hat sich ein großes Kissen in ihr Kostüm gesteckt und sieht tatsächlich ziemlich schwanger aus, ein beunruhigender Anblick bei einer süßen Vierzehnjährigen… Sie kommen bei der ersten Herberge an, klopfen, verhaspeln sich in ihrem Text, der Wirt guckt hilflos um sich, weil sein Stichwort nicht kommt… Beim fünften Versuch klappt es dann so, dass auch Claudia und der Pfarrer zufrieden sind… Schließlich sind die Beiden glücklich bei der Krippe gelandet, die Engel stehen um sie herum und singen: Sehet, dies Kindlein, Euch zum Heil geboren…“ und meine Aufregung legt sich etwas, weil es so aussieht, als ob doch alles gut gehen wird. Niemand fehlt, niemandem ist bisher vor Aufregung schlecht geworden, und alle können wenigstens einigermaßen ihren Text. Es wird alles gut.
Zuletzt kommen die Könige mit Gold, Weihrauch und Myrrhen, die Krone des Blondschopfs hat sich so in ihren Haaren verheddert, dass sie nicht runter fällt, und am Schluss stehen dann alle um die Krippe herum, ein wunderschönes Schlussbild, das die Väter alle gleich mit ihrer Handykamera fotografieren und den Müttern die Tränen in die Augen treibt…

Dann ist es halb Drei, die Kinder gehen in den Nebenraum der Kirche, wo es Kekse und Kakao und letzte Ermahnungen von den Eltern gibt, Claudia und ich versichern uns gegenseitig, dass das doch gar nicht schlecht war und dass ganz bestimmt alles gut gehen wird und dass es doch gar keinen Grund für Lampenfieber gibt – da schreit Maria aus dem Fenster der Herberge, in die sie sich geschlichen hat: JOOOSEF!!! Ich verlasse Dich! Hier ist ein König aus dem Morgenland, der hat einen ganzen Sack voll Gold. Du weißt doch: Diamonds are a girl’s best friend!

Achselschweissentlüftungsklappe

Es war ein weiter, weiter Weg vom “Ostfriesen-Nerz”
zur modernen “Funktions-Outdoor-Bekleidung”.

Als ich noch Kind war, vor gut vierzig Jahren, sind wir bei Regen einfach mit Gummistiefeln und einem gelben Gummimantel rausgegangen. Der war dann bald von innen und von außen nass, von außen vollgeregnet und von innen nassgeschwitzt.

“Ölzeug” oder “Regenjacke” hat man diese Mäntel auch genannt; es war eigentlich Arbeitskleidung für Matrosen, Fischer, Bauarbeiter und andere Leute, die bei Regen unbedingt draußen sein müssen. Aber für Kinder waren die Wetterjacken auch ganz praktisch.

Zum ersten Mal war ich 1974 an der Nordsee. Es war eine Klassenfahrt mit der Grundschule nach Carolinensiel. Wir haben immer Kaloriensiel gesagt und fanden das witzig, damals. Die Jugendherberge, in der wir gewohnt haben, gibt es heute noch. Und auch die alte Mühle steht noch an der Landstraße…

Zu dem Programm, das die Lehrerin damals für uns vorbereitet hatte, gehörte eine Kutterfahrt zur Insel Langeoog. Auf der Rückfahrt von der Insel wurden die Schleppnetze für eine Viertelstunde ins Wasser gelassen, und so konnten wir dann jede Menge Muscheln, Krebse und anderes Gewürm aus dem Meer bewundern und die Möwen damit füttern…

Auch eine Wattwanderung gehörte zu den Erlebnissen, die wir auf dieser Klassenfahrt gemacht haben. Wir sind durch einen Pril gewatet, haben Wattwürmer ausgegraben und über das Wunder von Ebbe und Flut gestaunt. Was ist das für ein Meer, in dem fast die Hälfte der Zeit gar kein Wasser ist?

Das Wetter war schlecht und wir mussten oft in der gelben Regenjacke raus. Damals hörte ich das Wort “Friesennerz” zum ersten Mal.

Letztens musste ich mir eine neue Regenjacke kaufen. Die alte, blaue Sport-Regenjacke war nach zwanzig Jahren doch so undicht geworden, dass ich mich damit nicht in den Dauerregen im Urlaub auf Baltrum wagen wollte.

Aber ich war doch etwas verblüfft, dass man heute eigentlich nur noch High-Tech zum Anziehen bekommt: genäht aus atmungsaktiven Gewebeverbindungen, die die feuchte Luft hinauslassen und trotzdem regendicht sind, überall sind Reißverschlüsse und verschweißte Nähte an der Jacke, verschließbare Klappen hier und dort und da und sogar unter den Achseln, dann auch noch ein kleines wasserdichtes Täschchen am Kragen, in das der MP3-Player passt, damit man beim Wandern im Nordseesturm die passende Musik hören kann…

Natürlich gehört zu einer Klassenfahrt auch die eine oder andere Fete. Es gab Musik von Smokie und Status Quo, Sweet und den Bay City Rollers, ganz altmodisch aus einer Musikbox mit hundert Schallplatten darin, und wir mussten immer Nummern drücken und haben dann zugesehen, wie die Platte von einem “Roboterarm” aus dem großen Stapel genommen wurde und auf den Plattenteller gelegt wurde, und dann sind wir zur Musik herumgehüpft, bis das Herz klopfte. Wir haben Chips und Popcorn gegessen und Limo getrunken, und noch hat niemand heimlich geraucht oder in einer dunklen Ecke geknutscht. Mit elf Jahren hat man damals so etwas noch nicht gemacht.

Aber ich habe meinen ersten (und eigentlich auch einzigen) Liebesbrief damals bekommen. Am Abend vor einer der Feten bekam ich einen zusammengefalteten Zettel von einem Mädchen aus der Parallelklasse in die Hand gedrückt, auf dem standen die klassischen Zeilen:

Hallo Richard!
Willst Du mit mir gehen?

Kreuze an:
O Ja – O Nein – O Vielleicht

Liebe Grüße Ramona.

Ich kannte Ramona vom Sehen, aber ich konnte mir absolut nicht vorstellen, dass sie verliebt in mich war. Als ich ihr den Zettel zeigte, wusste sie auch sofort, dass ihr da eine Freundin einen Streich spielen wollte. Ich habe ihr dann vorgeschlagen, dass wir den Spieß einfach umkehren könnten: Ich würde den ganzen Abend mit ihr tanzen und wir würden den anderen das verliebte Paar vorspielen, dann wären die Freundinnen bestimmt sehr verwirrt. So haben wir es dann auch gemacht und haben uns den ganzen Abend über die verwunderten Augen und das aufgeregte Getuschel von Ramonas Freundinnen amüsiert.

So blieb der einzige Liebesbrief, den ich jemals bekam – eine Fälschung.

Eine moderne High-Tech-Funktions-Regenjacke trägt man nicht einfach so (nach Mordor… ), man braucht auch das passende High-Tech-Outfit für drunter und drüber: Funktions-Unterwäsche, die die Luftzirkulation unterstützt, Funktions-Sport-Strümpfe, die beim Laufen die Venen im Bein massieren, Funktions-Kopfbedeckungen, die windschnittig sind und die Phantasie und Erfindungsgabe des Kopfes, auf dem sie sitzen, stimulieren… Man kan leicht ein halbes Monatsgehalt für ein solches Outdoor-Outfit ausgeben und sieht dann beinahe aus wie ein Astronaut aus einem Science-fiction-Film, dick und wetterfest, aber in leuchtenden Warnfarben, damit man in der grauen Nordseelandschaft auch auffält mit der teuren Montur… Wer hat uns denn versprochen, dass es billig ist, in den Urlaub zu fahren?

Gerade in der Woche, in der ich mit meiner und der Parallelklasse in Carolinensiel war, wurde mein Bruder geboren. Meine Mutter schickte mir eine Karte in die Jugendherberge, auf der stand, dass S. “das Licht der Welt erblickt” hat und dass es ihr und meinem kleinen Bruder gut geht. Ich war so stolz, jetzt ein “großer Bruder” zu sein, und ich hab vor lauter Freude für alle Klassenkameraden ein Eis ausgegeben – für jeden eins, insgesamt dreißig Eis am Stil… Damit war dann fast das ganze Taschengeld, das wir damals mitnehmen durften, verbraucht. Jedesmal, wenn ich jetzt im Urlaub an der Nordsee durch Carolinensiel fahre, kommt mir diese Woche wieder sehr lebendig ins Gedächtnis.

Jetzt ist mein Bruder über vierzig, reist beruflich in der ganzen Welt herum und sieht Dinge, die ich wahrscheinlich nie im Leben sehen werde. Aber in Carolinensiel war er noch nicht.