Auf dem Weg zur Arbeit…

Heute war in Berlin-Neukölln Pfarrkonvent. Einmal im Monat kommen alle Pfarrerinnen und Pfarrer des Kirchenkreises zusammen und reden miteinander über die Dinge, die die gemeinsame Arbeit betreffen. Erfahrungen werden ausgetauscht und Verabredungen getroffen.

Am Schluss diskutieren wir in kleinen Gruppen über den Predigttext des kommenden Sonntags; es ist für mich immer sehr interessant, zu hören, welche Einsichten die Kolleginnen und Kollegen da mitteilen. Ausserdem gibt es regelmäßig Vorträge, Gesprächsgruppen und anderes, was man Fortbildung nennen kann.

Heute sind wir in einer dieser Gesprächsgruppen auf das Thema gekommen – wie fahren wir eigentlich zur Arbeit und was erleben wir dabei? Viele Kollegen, die in der Stadt wohnen, fahren mit dem Bus oder mit dem Fahrrad. Sie haben berichtet, dass es einerseits schön für sie ist, durch „ihren“ Gemeindebereich zu fahren und dabei Menschen zu treffen und von Gemeindegliedern angesprochen zu werden. Es entsteht ein Gefühl von Vertrauen und Nähe, Nachbarschaft und Zugehörigkeit. Andererseits sind sie manchmal bedrückt, wenn sie erleben, wie viel Armut es gerade im Norden Neuköllns gibt, wie bedürftig viele Menschen sind. Auch Streit und Aggression ist in vielen Straßen Berlins der Normalfall, fast jeden Tag kann man erleben, wie Verkehrsteilnehmer sich anschreien, weil einer dem anderen in der Hektik die Vorfahrt genommen hat oder auf eine andere Art behindert hat. Die „Frustrationsschwelle“ ist da oft sehr niedrig; und es gibt auch regelmäßig Schlägereien und Schlimmeres, wo dann die Polizei eingreifen muss.

Ich will keinen falschen Eindruck erwecken, Neukölln ist ein sehr schöner Bezirk in Berlin, interessant, vielfältig, voller Leben und spannender Herausforderungen. Aber eben nicht einfach. Und viele Kolleginnen und Kollegen werden schon auf dem Weg zur Arbeit mit dieser Komplexität konfrontiert.

Mir geht es auf dem Weg zur Arbeit ganz anders. Ich fahre aus der Stadt hinaus; schon nach fünf Minuten bin ich auf der Bundesstraße und fahre dann eine Viertelstunde über Land, im Sommer ist es da hellgrün, dunkelgrün, himmelblau und voller Blüten, jetzt im Winter liegt oft Reif auf den Feldern und auf den kahlen Bäumen, und wenn die Sonne scheint, glitzert es wie die Landschaft auf meinem Adventskalender.

Leider muß ich Auto fahren, mit dem Rad bin ich zu lange unterwegs und der Bus fährt viel zu selten. Ich wäre einfach nicht flexibel genug.

Es ist aber schön, dass die Landschaft so sehr beruhigend und entspannend ist; das ist ein Grund, warum ich es so sehr genieße, in den kleinen Dörfern rund um den Flughafen zu arbeiten.

Musik zum Anfassen…

Heute früh ist ein Päckchen gekommen. Ich habe mir fünf leere Musikcassetten gekauft. Ich war wirklich erstaunt, dass man die überhaupt noch kaufen kann, aber jetzt liegen sie hier vor mir. Maxell UR C90 Bänder in durchsichtigem Plastik, mit Aufklebern und einem Papp-Einleger, auf dem ich die Musiktitel und die Interpreten der Stücke notieren kann, die ich gleich darauf überspielen werde. Sie waren nicht einmal teuer, kosteten jetzt genau so viel wir damals vor 25 Jahren.

Ein Mixtape mit Weihnachtsliedern aus aller Welt soll es werden, aus Schweden, Norwegen, Island und Finnland vor allem, Lieder, die man im Radio fast nie hört. Ich habe die bei meinem Lieblings-Streaming-Musikanbieter gefunden; aber ich finde es immer noch schön, Musik gewissermaßen in die Hand nehmen zu können.

Am meisten fasziniert bin ich ja nach wie vor von den großen schwarzen Vinyl-Schallplatten. Auf den schwarzglänzenden Spuren kann man den Rhythmus der Musik sogar sehen, wenn man ganz genau hinsah. Auch die großen Bandspulen von Tonbandgeräten haben mich als Kind fasziniert, das Einfädeln des hellbraunen Bandes am Lese- und Löschkopf vorbei über diverse Spulen bis hin zu der leeren Bandspule auf der anderen Seite – es hatte etwas Rituelles, beinahe Magisches – und es machte das Abspielen der Musik zu einem Erlebnis.

Eine Musikcassette einzulegen war schon viel einfacher, praktischer, aber auch ein Verlust an Erlebnisqualität. Immerhin – alle spotteten ein bisschen darüber – den ab und zu auftretenden Bandsalat auseinender zu heddern und dann das Band mit einem Bleistift in der Spule wieder aufzuwickeln – das hatte schon auch was. An der Stelle hat später die Musik beim Hören dann immer etwas „gezittert“, wanderte zwischen den Stereolautsprechern hin und her. Der Rettungsprozess hinterließ hörbare Narben; und ich habe immer etwas ängstlich gehofft, dass sich das Band der Cassette nun nicht noch einmal um die Spulen des Walkmans wickelt… Wenn das Band gerissen war, konnte man die Cassette dann eigentlich wegwerfen…

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Die Cassette hatte schon ein ziemlich „modernes“ Image für mich, immerhin konnte man auch die Computerprogramme und die Daten des C64-Computers auf einer Cassette speichern und wieder laden. „Press PLAY on tape…“ – diese Aufforderung wurde über einige Jahre zum sesam öffne dich in eine Welt voller Wunder.

Dann kam die Zeit der CD, und die in Regenbogenfarben glitzernden Scheiben vertrieben die Singles und die LPs aus den Regalen der Kaufhäuser, die Musikcassetten gab es noch etwas länger, vor allem wegen der Kinderhörspiele. Aber auch damit ging es nun schnell zu Ende.

Ich habe mich gefreut, als ich zum ersten Mal einen MP3-Player bekam und die Musik dann über den Computer auf dieses winzige Ding überspielen konnte. Nun höre ich oft zum Einschlafen Musik über die kleinen Im-Ohr-Kopfhörer, und manchmal auch im Bus; sie sind praktisch und nützlich. Und es gehen trotzdem über zweihundert Musikstücke auf dieses Gerät, das viel kleiner als eine Cassette ist und nie Bandsalat produziert. Ich fing an, Podcasts zu hören und mir Sendungen amerikanischer Radiosender auf dieses Ding zu kopieren. „Wait, wait, don’t tell me…“ und „Grown ups read things they wrote as kids“ von NPR höre ich immer noch regelmäßig.

Nun hören alle – ich auch – Musik vor allem über das Handy. Man muss Musik nicht einmal mehr vom Computer darauf kopieren; wo immer W-Lan ist, ist auch Musik. Und man kommt genau so leicht an Evergreens und Klassiker wie an die Top 100 der Pop-Musik und der Jazz-, Rock- und HipHop-Charts. Und wenn man ein bisschen sucht, findet man bei den Streamingdiensten auch die schrägeren und ungewöhnlicheren Sttücke wie französische Zwölftonmusik auf der Orgel, vokaler Obertongesang aus der Mongolei oder eben isländische Weihnachtslieder.

Die kopiere ich nun gerade per Buetooth und meine Stereoanlage auf die neue Musikcassette, während ich hier schreibe, und damit schließt sich ein Kreis: aus dem Internet heruntergeladene Musik auf dem altmodischen Magnetband, digital und analog Hand in Hand. Das fasziniert mich, und es macht Spaß!

Ich war der Nikolaus…

Eigentlich sollte Herr Wolle der Nikolaus sein. Er hat sich gut vorbereitet, war sogar ins Einkaufszentrum gefahren, um ein passendes Kostüm zu kaufen. Einen großen Sack mit Äpfeln, Nüssen und kleinen Schokoladenfiguren hat er auch besorgt.

Und dann ist er krank geworden. „Du machst das doch bestimmt gern!“ hat er mir am Telefon gesagt. Das war keine Frage, sondern eine Feststellung. Und natürlich hatte er Recht. Ich mag Kinder; und ich wollte schon IMMER mal der Superheld aller Vierjährigen sein. Und die Aussicht auf einen fliegenden Schlitten mit sechs flotten Rentieren war auch verlockend…

Also zwängte ich mich in das Gewand des Heiligen von Myra, der wegen seiner Freigebigkeit zum Schutzpatron der Bedürftigen und der Seeleute geworden war. Ja, den Nikolaus hat es wirklich einmal gegeben, und weil er vor langer Zeit mit vielen goldenen Münzen einem Edelmann aus Myra aus einer üblen Klemme geholfen hat, ist er zur Symbolfigur der adventlichen Überraschungen und der bunten Teller geworden. Lustig, lustig, trallalallala…

Ein wunderschönes liturgisches Outfit hatte Herr Wolle besorgt, stilecht mit Kasel, Stola und Mitra. Dazu gab es noch einen wuscheligen Bart und eine weißhaarige Perücke und einen feinen Bischofsstab aus Plastik. Das Umziehen hat mich an meine Zeit in der Kirchengemeinde Alt-Schöneberg erinnert, wo ich tatsächlich im vollen ernst solche liturgische Gewandung im Gottesdienst getragen habe. (Ohne Bischofsstab natürlich.) So verkleidet und vermummt sollte ich mich also nun auf unserem Adventsfest der Öffentlichkeit zeigen…

Ich bin noch nie vorher der Nikolaus gewesen (obwohl ich einen kleineren Bruder habe, aber der hat – glaube ich – niemals geglaubt, dass so eine übernatürliche Fabelfigur die Schokolade in die Stiefel steckt…).  Also hat es mich schon ziemlich überrascht, wie anders mich plötzlich die kleinen Kinder angesehen haben. Die meisten haben mich mit supergroßen, begeisterten Augen angeschaut, ihr Gedicht aufgesagt und dann eine Mandarine und einen großen Schokotaler bekommen; aber auf die ganz Kleinen wirkte der fremde Mann dann doch eher erschreckend. Sie versteckten sich hinter Mama oder Papa und ließen sich auch mit freundlichen Worten nicht locken.

Es ist ja auch wirklich seltsam: Normalerweise sagen die Eltern (völlig zu Recht): „Nimm keine Süßigkeiten an von fremden Menschen!“ – und jetzt sollen sie sogar mitspielen und noch ein Gedichtlein aufsagen. Natürlich habe ich die Kinder sofort in Ruhe gelassen, wenn ich merkte, dass sie sich fürchten, und einige kamen dann später doch noch zu mir, um sich schüchtern ihren Schokotaler abzuholen.

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt…

Ich hasse Teelichte!

Im Urlaub gönne ich mir etwas Besonderes. Lecker essen in einem guten Restaurant. Feines Porzellan,silbernes Besteck, Stoffservietten, Rosen in der Vase. Mundgeblasene Gläser, in denen der Rotwein leuchtet. Das Essen auf dem Teller lässt die Seele jubeln, es sieht schon wunderbar aus. Und es duftet! Ich ahne, welcher Aufwand hier in der Küche betrieben wird.

Aber eins stört mich: Im kristallenen Kerzenhalter blinkt ein schnödes Teelicht, mit Aluschale, so, wie es sie in jedem Supermarkt und 99cent-Shop gibt.

Wo so ein Licht beim Candle-light-dinner leuchtet, zweifele ich schnell auch an der Qualität des Restaurants. „Was willst Du denn, die sind doch praktisch!“ sagt meine Frau. Richtig. Das ist aber Fertig-Ei aus dem Tetrapack auch. Und Tiefkühlbratlinge sowieso.

Mit Kerzen habe ich seit meiner Grundschulzeit viel Schönes verbunden. In der ersten Klasse durften wir zur Adventszeit eine eigene Kerze mitbringen, und ich kann mich heute noch erinnern, wie aufgeregt ich war, als meine Oma mit mir zu Woolw*rth ging und ich mir einen schönen Kerzenständer aus Messing und eine leuchtendrote Tischkerze dazu aussuchte. Es war ein beinahe heiliger Moment, als die Kerze dann bei der Adventsandacht in der Schule angezündet wurde.

Das tollste an den Geburtstagen meiner Teenie-Zeit war immer das Auspusten der Kerzen am Geburtstagskuchen. Und wenn ich an meine Zeit im Studentenwohnheim zurückdenke, denke ich immer auch an die große, dickbauchige Weinflasche, die ich mit unzähligen Tropfkerzen zu einem bunten Kunstwerk verwandelt habe.

Ich liebe das warme, lebende Licht einer Kerzenflamme, und ich liebe auch den Duft eines ausgepusteten Streichholzes… Ich liebe den Duft des Adventskranzes in der Wohnung und das kleine Ritual, das meine Frau und ich immer einhalten, wenn am Sonntag morgen eine Kerze mehr entzündet wird…

Ich finde es schön, dass es auch in evangelischen Kirchen immer mehr die Möglichkeit gibt, eine Kerze vor einem Altar anzuzünden und zu beten, und wenn ich dann gehe, bleibt meine Kerze da und betet sozusagen weiter…

Teelichte gehören aber ins Stövchen – und sonst nirgendwohin…

Throwback Thursday

Wayback

Seit einiger Zeit ist es üblich geworden, dass Leute am Donnerstag Erinnerungen ins Internet stellen… Heute will ich das auch einmal tun. Ich habe nämlich auf meinem Rechner ein bisschen aufgeräumt und dabei auch ein paar alte Links gelöscht.

Den zur „Wayback Machine“ werde ich aber aufheben. Hinter diesem Link verbirgt sich ein riesiges Archiv von Internetseiten aus dem vergangenen Jahrzehnt. Irgendwo muss irgendjemand unglaublich viele Festplatten übrig gehabt haben und sich gedacht haben: „Hey, ich lade mal eben das ganze Internet runter und speichere das hier ab…“

Das Internet vergisst nichts; das wird einem beim Nutzen der Wayback Machine schnell klar; darum sollte man immer vorsichtig sein, was man der Cloud oder dem Netz anvertraut…

Andererseits bewahrt es auch wundervolle Erinnerungen auf. Das da oben ist ein Ausschnitt aus meinem Blog, das ich ab 2007 bei Blog.De geführt habe – schon damals mit dem Mandelbrot-Fractal, wie man sieht. Ein paar meiner allerliebsten Freundinnen und Freunde habe ich da gefunden. Inzwischen gibt es Blog.De nicht mehr, und die wundervolle Gemeinschaft, die es da gab, hat sich zu wordpress nicht wirklich hinüber retten können.

Nichts ist für immer… Aber über die Entdeckung habe ich mich heute doch sehr gefreut… Jetzt gehe ich mal lesen, was ich vor zehn Jahren so alles geschrieben habe.

Was man Katholiken so alles zutrauen kann…

Gestern haben wir einen ökumenischen Bußgottesdienst zum Aschermittwoch gefeiert, so richtig traditionell, mit Aschenkreuz auf der Stirn und so… Und mir ist mal wieder der großartigste Verhörer eingefallen, der mir jemals passiert ist.

Als ich in der Grundschule war, habe ich einmal am katholischen Religionsunterricht teilgenommen, weil der evangelische Lehrer krank war. Die Lehrerin hat über den Aschermittwoch erzählt und dass katholische Christen sich an diesem Tag ein Kreuz aus Asche auf die Stirn zeichnen zum Zeichen ihrer Buße und als Bitte um Vergebung. Die Asche, so hat sie erzählt, kommt von verbrannten „weinenden Kätzchen“.

Über Jahre hab ich gegrübelt, wie die Katholiken die Katzen zum Weinen kriegen. Ob sie die vorher verhauen? Und wenn die Katzen dann so richtig weinen, wie kriegen sie die verbrannt? So ne Katze brennt doch nicht so leicht… Und wie krank ist das überhaupt, für einen Gottesdienst eine Katze zu verbrennen…

Es hat fast zehn Jahre gedauert, bis mir an einem hellen Abend klar wurde, dass ich mich nur verhört hatte:

Die Lehrerin hatte „Weidenkätzchen“ gesagt… Die Weiden, die bei der Palmsonntagsprozession verwendet werden, werden aufgehoben, meistens in einem gottesdienstlichen Raum an das Kreuz gesteckt, und am Aschermittwoch des nächsten Jahres werden sie dann verbrannt, um Asche für das Aschenkreuz zu haben…

Im Nachhinein wundere ich mich eher darüber, dass ich fast zehn Jahre lang den katholischen Schwestern und Brüdern solche Tierquälerei zugetraut habe… Zum Glück und Gott sei Dank bin ich heute auch ein bisschen weiter, wenn es um Ökumene geht…

Wie unser Hausmeister einmal mit einem Damen-Strumpf die frostige Kirche erwärmte…

Am einfachsten kann man eine versammelte Gemeinde aus dem Gottesdienst vertreiben, indem man im Winter die Kirche nicht heizt.

Kommt man von der verschneiten Strasse, von dem tiefgekühlten Vorplatz in die Kirche, wirkt sie zwar auf den ersten Eindruck erträglich gewärmt, doch nach einer Viertelstunde spürt man es in den Fingern, an der Nasenspitze und an den Bäckchen (sowohl an den beiden im rot-erfrischt-gesunden Gesicht als auch an den beiden anderen, auf denen man sitzt und die in der Kirche niemals jemand zu sehen bekommt), dass es doch empfindlich kalt ist; eigentlich sogar eine richtige Zumutung, wenn da nur vierzehn Grad in der Kirche sind…

Dem Organisten und den Streichern des kleinen Violinen-und-Geigen-Orchesters frieren schon während dem Glockengeläut die Hände ein, sie greifen im Musizieren öfter als unbedingt nötig daneben, was schon dem Vorspiel zur Liturgie eine gewisse jazz-funk-bluesige Qualität gibt; und auch die Zwischenspiele und die Streicher-Sonaten, die den Gottesdienst auflockern sollen, klingen heute wackliger und stärker „zufallsbestimmt“ als bei der Generalprobe am vergangenen Montag. Da war es aber auch noch gut geheizt in der Kirche.

Der Hausmeister macht ein besorgt-unschuldig aussehendes Gesicht, aber auch seine Bäckchen sind herzhaft gerötet und sehen aus wie die Werbung für den Multi-Vitaminsaft, den die meisten von uns als Kind von ihren Omas eingetrichtert bekommen haben. Ja, er hat die Heizung rechtzeitig eingeschaltet, diese ebenso uralte wie undurchschaubare Maschine im Keller der Kirche hat auch pflichtschuldigst losgerumpelt; scheinbar ist mit der Heizung alles in Ordnung – und doch ist es so kalt in der Kirche, dass die Gemeindeglieder zittern und mit den Zähnen klappern – trotz des dicken Mantels, des Schales und trotz der Handschuhe… Und das ist ihm ein bisschen peinlich…

Vor dem Altar wird mit zittriger Stimme aus einer Bibel vor gelesen, die spürbar in den Händen der Vortragenden vibriert: „So spricht der HErr: Wie der Schnee fällt auf den Höhen des Libanon, wie das Eis liegt auf den Bergen des Karmel…“ – – – und die Gemeinde ergänzt in Gedanken: „…so wird es auch sein in der heiligen Halle der Kirchengemeinde in Schöneberg: man wird frieren in der Kirche und Eiszapfen an der Nase tragen vor dem Altar des HErrn; bis man geht über den Vorplatz des Gemeindehauses hin zum wärmenden Kirchencafé, wo Kaffee verheißen ist und Tee und – ungelogen! – sogar Kuchen!“

Während der Predigt zieht der Hausmeister sein Jackett aus und verschwindet durch eine Seitentür, hinter der – wie der Pfarrer weiss – die Treppe in den Keller sich befindet… Auch die Gemeindeglieder wenden ihre Aufmerksamkeit kurzfristig weg von des Pfarrers weisen Worten und fragen sich, wo der Hausmeister da wohl hingeht. Manche hoffen schon das Beste.

Während des kurzen Moments der Stille nach der Predigt hört man es aus der Tiefe klirren und ächzen, der Hausmeister löst schwere Schrauben und dreht an gewichtigen Muttern, dann fällt ein Blech mit vernehmlichen Getöse auf den Boden; ein nicht ganz so leiser Fluch tönt durch die aufmerksam die Stille meditierenden Reihen.

Dann kommt der Hausmeister mit einem ölverschmierten Gesicht in die Kirche zurück und wendet sich fragend an eine junge Dame, die neben der Kirchentür sitzt und darauf wartet, dass sie nach der Predigt die Kollekte einsammeln kann, denn dies ist ihr Ehrenamt, zu dem sie sich vor einigen Monaten gemeldet hat. Sie geht aus der Kirche auf die Toilette, und der Pfarrer, der jetzt am Lesepult die Gemeinde auffordert, in das Glaubensbekenntnis einzustimmen, fragt sich, was das wohl werden soll…

Nach einer kurzen Pause erscheint die Dame wieder vor der Toilettentür und drückt dem wartenden Hausmeister ihre Nylonstrümpfe in die Hand. Der verschwindet freudestrahlend mit dem zarten Gewebe in den Keller, während dem Pfarrer das Wort im Munde steckenbleibt. Er verschluckt sich an seiner eigenen Verwunderung und muss lauthals husten, was der Organist geschickt überspielt, indem er mit dem Präludium zu dem nun folgenden Hymnus einsetzt: „Ist es auch kahalt am frühühen Morgen, weckt doch die Sonne mit ihirem Strahl…“

Kurze Zeit später hört man, wie im Keller der Motor der Heizpumpe startet, die mit dem vertrautenden quietschenden Geräusch das tut, was sie sonst immer getan hat, nämlich irgendwelches Zeug in den Heizkreislauf der Kirche pumpen. Wenige Minuten danach breitet sich auf dem Gesicht derer, die rechts an der Wand der Kirche sitzen, ein wohliges Grinsen aus, denn dort sind die Einlassöffnungen, durch die die heiße heizende Luft in den kalten Kirchenraum strömt – und anscheinend kommt dort jetzt etwas wie Wärme an… Nur ein strenger Blick des Pfarrers hält die dort versammelten Gemeindeglieder davon ab, in einen spontanen Applaus für den Hausmeister auszubrechen, der sich zufrieden neben die junge Dame setzt, die schon das Kollektenkörbchen in ihrer Hand hat…

Später werde ich den Hausmeister fragen, wozu um Himmels willen er die Strumpfhose dieser Frau gebraucht hat? Und er wird sagen, dass die Heizung nicht lief, weil der Treibriemen an der Kompressorpumpe gerissen war. Und er, der schon vor Jahrzehnten immmer mit einem VW-Käfer unterwegs gewesen war, hatte sich erinnert, dass man bei dessen Motor im Falle eines Falles einen gerissenen Keilriemen für eine kurze Zeit mit einem Nylonstrumpf ersetzen konnte – was meistens reichte, mit dem Wagen wenigstens noch in die nächste Werkstatt zu fahren. Und da unsere Heizung samt Kompressor und Motor in etwa aus demselben Baujahr stammt wie seine alterschwache Asphaltbeule, dachte er sich, was da geht, geht ja wohl auch hier – und so hat er mit ingenieurstechnischem Geschick die Stimmung der Gemeindeglieder beim Kirchenkaffee gerettet…

Vor dem Krippenspiel…

Weihnachten war für mich sehr schön und größtenteils entspannend… Der am meisten anstrengende Teil ist natürlich immer die große Kindervesper am Heiligen Abend um 15 Uhr, die mit dem Krippenspiel. Auch mit zwanzig Jahren Berufserfahrung habe ich immer noch schreckliches Lampenfieber vor diesem Gottesdienst, weil einfach so viele Leute, so viele Kinder beteiligt sind, dass alles Mögliche schief gehen kann, und gerade, wenn die Kirche so voll ist und so viele Leute da sind, die nur ein einziges Mal im Jahr in der Kirche sind, dann möchte man als Pfarrer natürlich mal zeigen, wie toll es bei uns ist und dass es sich durchaus lohnt, öfter mal zu kommen… (…und zum Beispiel die zweite große Performance am Ostertag auch mit zu nehmen.)

Um eins, schon zwei Stunden bevor es los gehen soll, haben wir uns alle in der Kirche zu einer letzten Generalprobe versammelt… Claudia ist da, die in unserer Gemeinde die Arbeit mit Kindern stemmt“, Marcel, unser Kirchenmusiker mit seinem Kinderchor, und ich in meinem schwarzen Talar. Und die zwanzig Kinder sind da, die beim Krippenspiel mitmachen: die kleinen Mädchen, die die Engel spielen werden; die kleinen Jungen, die entweder die Hirten sind oder – wenn sie noch zu klein sind, um eine Sprechrolle zu übernehmen, auch ein Schaf; die drei Wirte, die sich mit grimmigen Gesichtern auf ihre Rolle einstimmen; die Könige, die bei uns drei Königinnen sind, und natürlich Maria und Josef, die beiden Ältesten, die alle Anzeichen der beginnenden Pubertät zeigen, zum Beispiel dieses, dass sie so ein Krippenspiel ja eigentlich total albern und peinlich finden, aber weil sie vor drei Monaten gesagt haben, dass sie mitspielen, müssen sie jetzt da durch…

Es ist da eine Atmosphäre wie vor einer Opernpremiere: In allen Ecken der Kirche werden die Kinder von ihren Eltern in ihre Kostümchen verpackt, hier flirren Engelsflügel und Heiligenscheine, dort werden Hirtenstäbe geschwungen wie Laserschwerter, dort zickt einer der Könige herum, weil ihr die Krone immer wieder von dem blonden Kraushaarschopf herunterfällt. Nach einer halben Stunde sind aber alle bereit, und die Generalprobe, ein allerletzter Gesamtdurchlauf durch den ganzen Gottesdienst, kann beginnen.

Wir stehen am Eingang der Kirche, bereit für die feierliche Einzugs-Prozession. Die Musik erklingt, pathetisch, festlich, und wir schreiten in einer eher unordentlichen Zweierreihe auf den Altar zu. Die Engel winken ihren Eltern zu, die Wirte schauen grimmig, die Schafe werden von den Hirten getragen, damit sie sich nicht verlaufen. Ganz zuletzt kommen Maria und Josef angeschlendert – Halt, ruft Claudia, ihr könnt da nicht laufen, als ob ihr beim Einkaufsbummel im Schloss“ seid, dies ist eine Prozession, ein Fest, ihr müsst schreiten, nicht schlurfen… Alles zurück auf Anfang, nochmal geht’s los: Musik, pathetisch; Schreiten, unordentlich, auch Maria kriegt’s auf die Reihe, und Josef, na ja, wir müssen ja weitermachen.

Der Liturgische Gruß vor dem Altar: Im Namen des Vaters, des Sohnes, und des Heiligen Geistes… – Amen!“ und die Verneigung danach klappt ganz gut, jetzt alle auf ihre Plätze… Marcel spielt ein Weihnachtslied, das der Pfarrer im Namen der noch nicht vorhandenen Gemeinde laut singt, währenddessen wuseln Engel, Hirten, Könige und das Heilige Paar durch die Kirche. Das Krippenspiel beginnt mit dem Auftritt des Kaisers und seiner Soldaten. Drei kleine Jungen mit Lanze und Schild stehen neben dem schüchtern drein blickenden Kaiser und brüllen in die Kirche: Der Kaiser von Rom befiehlt euch heut: Geht dahin, wo ihr geboren seid!“ und schauen so martialisch verbissen in die Gemeinde, wie Strumtruppler auf Endor über eine Horde von Ewoks gucken würden…

Da machten sich auf auch Josef aus Nazareth zusammen mit Maria…“ tönt es vom Lesepult her. Maria und Josef schlendern durch die Kirche, sie hat sich ein großes Kissen in ihr Kostüm gesteckt und sieht tatsächlich ziemlich schwanger aus, ein beunruhigender Anblick bei einer süßen Vierzehnjährigen… Sie kommen bei der ersten Herberge an, klopfen, verhaspeln sich in ihrem Text, der Wirt guckt hilflos um sich, weil sein Stichwort nicht kommt… Beim fünften Versuch klappt es dann so, dass auch Claudia und der Pfarrer zufrieden sind… Schließlich sind die Beiden glücklich bei der Krippe gelandet, die Engel stehen um sie herum und singen: Sehet, dies Kindlein, Euch zum Heil geboren…“ und meine Aufregung legt sich etwas, weil es so aussieht, als ob doch alles gut gehen wird. Niemand fehlt, niemandem ist bisher vor Aufregung schlecht geworden, und alle können wenigstens einigermaßen ihren Text. Es wird alles gut.
Zuletzt kommen die Könige mit Gold, Weihrauch und Myrrhen, die Krone des Blondschopfs hat sich so in ihren Haaren verheddert, dass sie nicht runter fällt, und am Schluss stehen dann alle um die Krippe herum, ein wunderschönes Schlussbild, das die Väter alle gleich mit ihrer Handykamera fotografieren und den Müttern die Tränen in die Augen treibt…

Dann ist es halb Drei, die Kinder gehen in den Nebenraum der Kirche, wo es Kekse und Kakao und letzte Ermahnungen von den Eltern gibt, Claudia und ich versichern uns gegenseitig, dass das doch gar nicht schlecht war und dass ganz bestimmt alles gut gehen wird und dass es doch gar keinen Grund für Lampenfieber gibt – da schreit Maria aus dem Fenster der Herberge, in die sie sich geschlichen hat: JOOOSEF!!! Ich verlasse Dich! Hier ist ein König aus dem Morgenland, der hat einen ganzen Sack voll Gold. Du weißt doch: Diamonds are a girl’s best friend!

Achselschweissentlüftungsklappe

Es war ein weiter, weiter Weg vom “Ostfriesen-Nerz”
zur modernen “Funktions-Outdoor-Bekleidung”.

Als ich noch Kind war, vor gut vierzig Jahren, sind wir bei Regen einfach mit Gummistiefeln und einem gelben Gummimantel rausgegangen. Der war dann bald von innen und von außen nass, von außen vollgeregnet und von innen nassgeschwitzt.

“Ölzeug” oder “Regenjacke” hat man diese Mäntel auch genannt; es war eigentlich Arbeitskleidung für Matrosen, Fischer, Bauarbeiter und andere Leute, die bei Regen unbedingt draußen sein müssen. Aber für Kinder waren die Wetterjacken auch ganz praktisch.

Zum ersten Mal war ich 1974 an der Nordsee. Es war eine Klassenfahrt mit der Grundschule nach Carolinensiel. Wir haben immer Kaloriensiel gesagt und fanden das witzig, damals. Die Jugendherberge, in der wir gewohnt haben, gibt es heute noch. Und auch die alte Mühle steht noch an der Landstraße…

Zu dem Programm, das die Lehrerin damals für uns vorbereitet hatte, gehörte eine Kutterfahrt zur Insel Langeoog. Auf der Rückfahrt von der Insel wurden die Schleppnetze für eine Viertelstunde ins Wasser gelassen, und so konnten wir dann jede Menge Muscheln, Krebse und anderes Gewürm aus dem Meer bewundern und die Möwen damit füttern…

Auch eine Wattwanderung gehörte zu den Erlebnissen, die wir auf dieser Klassenfahrt gemacht haben. Wir sind durch einen Pril gewatet, haben Wattwürmer ausgegraben und über das Wunder von Ebbe und Flut gestaunt. Was ist das für ein Meer, in dem fast die Hälfte der Zeit gar kein Wasser ist?

Das Wetter war schlecht und wir mussten oft in der gelben Regenjacke raus. Damals hörte ich das Wort “Friesennerz” zum ersten Mal.

Letztens musste ich mir eine neue Regenjacke kaufen. Die alte, blaue Sport-Regenjacke war nach zwanzig Jahren doch so undicht geworden, dass ich mich damit nicht in den Dauerregen im Urlaub auf Baltrum wagen wollte.

Aber ich war doch etwas verblüfft, dass man heute eigentlich nur noch High-Tech zum Anziehen bekommt: genäht aus atmungsaktiven Gewebeverbindungen, die die feuchte Luft hinauslassen und trotzdem regendicht sind, überall sind Reißverschlüsse und verschweißte Nähte an der Jacke, verschließbare Klappen hier und dort und da und sogar unter den Achseln, dann auch noch ein kleines wasserdichtes Täschchen am Kragen, in das der MP3-Player passt, damit man beim Wandern im Nordseesturm die passende Musik hören kann…

Natürlich gehört zu einer Klassenfahrt auch die eine oder andere Fete. Es gab Musik von Smokie und Status Quo, Sweet und den Bay City Rollers, ganz altmodisch aus einer Musikbox mit hundert Schallplatten darin, und wir mussten immer Nummern drücken und haben dann zugesehen, wie die Platte von einem “Roboterarm” aus dem großen Stapel genommen wurde und auf den Plattenteller gelegt wurde, und dann sind wir zur Musik herumgehüpft, bis das Herz klopfte. Wir haben Chips und Popcorn gegessen und Limo getrunken, und noch hat niemand heimlich geraucht oder in einer dunklen Ecke geknutscht. Mit elf Jahren hat man damals so etwas noch nicht gemacht.

Aber ich habe meinen ersten (und eigentlich auch einzigen) Liebesbrief damals bekommen. Am Abend vor einer der Feten bekam ich einen zusammengefalteten Zettel von einem Mädchen aus der Parallelklasse in die Hand gedrückt, auf dem standen die klassischen Zeilen:

Hallo Richard!
Willst Du mit mir gehen?

Kreuze an:
O Ja – O Nein – O Vielleicht

Liebe Grüße Ramona.

Ich kannte Ramona vom Sehen, aber ich konnte mir absolut nicht vorstellen, dass sie verliebt in mich war. Als ich ihr den Zettel zeigte, wusste sie auch sofort, dass ihr da eine Freundin einen Streich spielen wollte. Ich habe ihr dann vorgeschlagen, dass wir den Spieß einfach umkehren könnten: Ich würde den ganzen Abend mit ihr tanzen und wir würden den anderen das verliebte Paar vorspielen, dann wären die Freundinnen bestimmt sehr verwirrt. So haben wir es dann auch gemacht und haben uns den ganzen Abend über die verwunderten Augen und das aufgeregte Getuschel von Ramonas Freundinnen amüsiert.

So blieb der einzige Liebesbrief, den ich jemals bekam – eine Fälschung.

Eine moderne High-Tech-Funktions-Regenjacke trägt man nicht einfach so (nach Mordor… ), man braucht auch das passende High-Tech-Outfit für drunter und drüber: Funktions-Unterwäsche, die die Luftzirkulation unterstützt, Funktions-Sport-Strümpfe, die beim Laufen die Venen im Bein massieren, Funktions-Kopfbedeckungen, die windschnittig sind und die Phantasie und Erfindungsgabe des Kopfes, auf dem sie sitzen, stimulieren… Man kan leicht ein halbes Monatsgehalt für ein solches Outdoor-Outfit ausgeben und sieht dann beinahe aus wie ein Astronaut aus einem Science-fiction-Film, dick und wetterfest, aber in leuchtenden Warnfarben, damit man in der grauen Nordseelandschaft auch auffält mit der teuren Montur… Wer hat uns denn versprochen, dass es billig ist, in den Urlaub zu fahren?

Gerade in der Woche, in der ich mit meiner und der Parallelklasse in Carolinensiel war, wurde mein Bruder geboren. Meine Mutter schickte mir eine Karte in die Jugendherberge, auf der stand, dass S. “das Licht der Welt erblickt” hat und dass es ihr und meinem kleinen Bruder gut geht. Ich war so stolz, jetzt ein “großer Bruder” zu sein, und ich hab vor lauter Freude für alle Klassenkameraden ein Eis ausgegeben – für jeden eins, insgesamt dreißig Eis am Stil… Damit war dann fast das ganze Taschengeld, das wir damals mitnehmen durften, verbraucht. Jedesmal, wenn ich jetzt im Urlaub an der Nordsee durch Carolinensiel fahre, kommt mir diese Woche wieder sehr lebendig ins Gedächtnis.

Jetzt ist mein Bruder über vierzig, reist beruflich in der ganzen Welt herum und sieht Dinge, die ich wahrscheinlich nie im Leben sehen werde. Aber in Carolinensiel war er noch nicht.

Es regnet im Pfarrhaus – Probleme am Bau

Manchmal regnet es rein. Jeder, der ein Haus mit Flachdach hat, kennt das. Es gibt keine Erklärung dafür, denn eigentlich ist das Dach völlig in Ordnung. Nur wenn der Wind exakt aus Süd-Südwest kommt, mit mindestens Windstärke fünf, und wenn dann noch weniger als fünfzehn Grad sind, dann regnet’s durch.

Es kommt nur zwei bis drei Mal im Jahr vor, dass alle diese Bedingungen eintreffen, aber wenn das Wasser dann mal durch die Decke läuft, dann richtig heftig: Es tröpfelt nicht nur, es läuft in Strömen an der Wand entlang, rinnt über die Jalousien vor den Fenstern, durchnässt die Gardinen und füllt die hastig aufgestellten Eimer im Viertelstundentakt. Es ist so, als wäre da gar kein Dach.

Wenn der Wind aber nur ein bisschen dreht, ist auf einmal wieder alles in Ordnung. Nach ein paar Stunden sind die Wände wieder trocken, nur auf den Lamellen der Jalousien bleibt ein interessantes Muster, das an die Batik-T-Shirts erinnert, die die Mädchen in Woodstock trugen, und das kriegt man dann auch mit viel Putzen nicht mehr weg…

Nun ja, man könnte damit leben. Man kann aber auch die Dachdecker rufen, damit die das in Ordnung bringen. Dann wird es richtig unerträglich.

— ooo —

Am Ostermontag war es wieder mal so weit. Natürlich – nach der anstrengendsten Woche des Jahres, gerade dann, wenn man meint, sich endlich einmal ausruhen zu können und sich auf ein paar ruhige Tage freut…

“So geht das nicht weiter!” sagt meine liebe Frau, “Ich sag dir doch seit Jahren, lass endlich das Dach in Ordnung bringen! Andauernd regnet’s durch, schau dir mal meine schönen Jalousien an, wie sieht das denn aus, und die sind doch erst fünf Jahre alt, und das Laminat auf dem Boden erst… Du hast doch morgen frei und sonst ist in der Woche auch wenig los, also kümmere dich endlich drum und mach was!”

Vergeblich versuche ich zu erklären, dass zwei bis drei Mal im Jahr eine völlig normale Tröpfelquote für ein Zimmer unter einem Flachdach sind, das die Jalousie durch so ein hübsches Batikmuster nur gewinnt und das Laminat doch immer noch wie neu aussieht, gerade wo doch so schön nass aufgewischt ist… Und auch das Argument, dass man an einer ziemlich gut funktionierenden Konfiguration besser nichts ändert, hat nicht gezogen – naja, ihren letzten Laptop hat sie ja auch schon mal gründlich durcheinander gebracht…

Umsonst! In einer schlaflosen Nacht überlege ich also, was man eigentlich braucht, um so ein Dach regendicht zu machen; welche Dachdecker eventuell hilfreich sein könnten, ob die wohl mit einer Leiter klarkommen oder ob man auch Gerüstbauer bestellen muss, und schließlich falle ich in einen unruhigen Schlaf. Ich träume von Außerirdischen, die aus fliegenden Untertassen heraus mit dünnen Laserstrahlen Löcher in die Decke bohren, von Tropfsteinhöhlen, in denen das Wasser von jahrtausendalten Stalagtiten tropft, von Wasserfällen, die plätschern und rauschen und von Talsperren, durch deren Überflußkanäle tosend und donnernd ganze Ströme in das Tal stürzen – und ich werde wach, nass von Schweiß, und es tropft schon wieder am Fenster.

Am nächsten Morgen fällt mir ein, dass das Pfarrhaus ja der Kirchengemeinde gehört und dass diese darum für alle Baumaßnahmen zuständig ist. Dafür hat sie auch einen Bauausschuss, besetzt mit motivierten und kompetenten ehrenamtlichen Mitarbeitern, die sich bestimmt gerne darum kümmern werden, dass es ihrem Pfarrer nicht mehr ins Ehebett regnet.

Zum Glück trifft sich der Bauausschuss auch schon am Donnerstag, da kanns ja nicht mehr lange dauern, bis das Dach dicht ist.

Sobald die liebe Frau aus dem Haus ist, werde ich mich an den Computer setzen, um einen passenden Antrag zu schreiben…

— ooo —

Vier Stunden später sagt mir mein Computer, dass in “Sim City” jetzt mehr als zwei Millionen Einwohner leben und ich mir als Bürgermeister jetzt eine Goldene Statue auf dem Marktplatz bauen darf – aber der Brief an den Bauausschuss ist immer noch nicht fertig. Warum kann man so ein blödes Dach nicht einfach so wegklicken und neu hinsetzen wie in dem Spiel, wo man ganze Häuserzeilen einfach wegklickt, und schon ist Platz für die Statue und einen Park…

Muss ich jetzt ein schlechtes Gewissen haben? Nicht wegen der Sims, die jetzt obdachlos sind, sondern wegen dem Brief, der noch nicht geschrieben ist?… Egal, heute ist schließlich mein freier Tag, und bei drei Millionen Einwohnern gibt es eine Plakette aus Platin für den Bürgermeister, das muss doch zu schaffen sein…

— ooo —

Abends fragt mich meine Frau nach dem Brief, und es begeistert sie nicht wirklich, meine schöne, ausgeklügelte und vor Leben strotzende Stadt zu sehen, deren Flachdächer bestimmt alle neunundneunzig Prozent der Zeit dicht sind, außer wenn der Wind von Osten kommt, wo der Flughafen der City liegt.

Am Donnerstag ist Bauausschuss, und während die motivierten und kompetenten Damen und Herren zusammen sitzen, tippe ich schnell einen Brief, in dem sinngemäß steht: “Bei mir regnet’s rein, bitte macht irgendwas!” Gerade noch rechtzeitig liegt der Brief auf dem Tisch der Ausschussmitglieder, die dann beschließen, eine Dachdeckerfirma zu beauftragen, sich das Dach mal anzusehen…

— ooo —

Am Dienstag nach dem Pfingstfest – ich lag noch im Bett, weil ich mich nach der anstrengendsten Woche des Jahres endlich mal wieder ausschlafen wollte – klingelte es um Punkt sieben an der Tür. Im Schlafanzug und Morgenmantel öffne ich die Tür, und da steht der Chef der Dachdeckerei Namehier-Einsetzen GmbH&Co. KG mit einem kaugummikauenden Hiwi. “Guten Morgen,” sagt er mit einem französischen Akzent, der mich fatalerweise an Louis de Funes erinnert, den ich noch nie wirklich gut leiden konnte. “Guten Morgen, wir wollen ihnen ihr Dach ansehen…”

Ich gebe den beiden meinen Kaffee, der in der Küche aus der Kaffeemaschine geblubbert war (wir haben so ein tolles Dings mit eingebauter Uhr, das mit einer Wahrscheinlichkeit von neunzig Prozent zur vorher eingestellten Zeit automatisch Kaffee macht (und mit einer Wahrscheinlichkeit von zehn Prozent überläuft, bis das üble Gemisch aus Wasser und Kaffeepulver über die Arbeitsfläche in die Besteckschublade rinnt…)), ziehe mir schnell etwas Präsentableres an, rasiere mich kurz aber heftig und putze mir die Zähne. So – zu nachtschlafender Zeit schon als Mensch verkleidet – frage ich die beiden, wie es jetzt weiter geht.

“Wir müssen auf Dach,” sagt der Chef auf französisch, “aber die Leiter, die wir mitgebracht ‘aben, ist zu kurz. Ist drei Meter, brauchen aber vier. Sie ‘aben doch sicher lange Leiter irgendwo in der Kirche?”

Ja, haben wir, aber die ist seit acht Jahren nicht mehr benutzt worden. Sie hängt an der Wand im unteren Parkdeck, wo die Friedhofsbesucher parken, wenn auf dem normalen Parkplatz mal wieder alles mit den Autos der Mitarbeiterinnen der Diakoniestation vollgestellt ist. Die Leiter ist dort fest angeschlossen mit Kette und Vorhängeschloss, damit niemand sie klaut. Und wo war noch mal der Schlüssel?

Ich tappse immer noch müde, weil ohne Kaffee, ins Gemeindebüro, wo in einem Tresor alle Schlüssel hängen, die nur selten gebraucht werden. Eigentlich sind sie ordentlich beschriftet, aber ich kann den richtigen Schlüssel nicht finden. Auch nach einer halben Stunde nicht…

Die Dachdecker essen inzwischen meine Croissants (die hab ich mir vom Pfingstfrühstück aufgehoben und wollte sie heute aufbacken; als ob ich etwas geahnt hätte!) und ich klingele den Vertreter des Bauausschusses aus seiner Wohnung und von seinem Frühstückstisch weg – zum Glück wohnt er direkt auf dem Gelände – aber er weiß auch nicht, wo der Schlüssel sein könnte.

Inzwischen ist es nach acht, die Gemeindesekretärin fährt mit ihrem Auto auf den Parkplatz, und auch unser sehr lieber Hausmeister ist inzwischen da und hilft fleißig beim Suchen. Statt des Schlüssels findet er einen Bolzenschneider, so ein richtiges Einbruchswerkzeug, mit dem man auch jemanden tot schlagen könnte, die nötige kriminelle Energie vorausgesetzt.

Zu fünft stehen wir nun auf dem unteren Parkdeck und versuchen, das Vorhängeschloss mit dem Bolzenschneider zu öffnen. Ich muss aber den Produzenten der Firma Ab*s meine größte Hochachtung aussprechen, denn ihr Produkt hat diesem brutalen Angriff wie so manchem anderen auf die Sicherheit der deutschen Kellertüren, Gartenlauben, Fahrradständer und Verschlussketten grandios widerstanden. Was so ein Vorhängeschloss alles aushält! Der Gedanke, der mich sonst ungemein beruhigt hätte, steigerte in diesem Moment nur meine Nervosität, denn die Dachdecker sind nun schon zwei Stunden da, die sie bezahlt bekommen müssen, und sie haben noch nichts vom Dach gesehen…

Schließlich holt der Bauausschussvorsitzende eine “Flex” von seinem Dachboden, so ein richtiges Männergerät, das groß und schwer ist, einen Riesenkrach macht und es endlich mit viel Funkengesprüh und dem höllischen Geruch einer heißen Diamant-Trennscheibe schafft, dem tapferen Vorhängeschloss den Bügel zu durchtrennen.

Dafür verbrennt sich dann Mr. Bauausschuss seine Finger an eben diesem Bügel, als er die Kette durch die entstandene Lücke im Schloss ziehen will.

WIR HABEN DIE LEITER! Zu viert tragen wir sie auf das obere Parkdeck, von wo man nun bequem auf das Dach steigen kann. Was es da zu sehen gibt, gefällt Herrn Namehier-Einsetzen von der gleichnamigen GmbH&Co. KG gar sehr, denn es gibt viel zu tun. War eigentlich klar, denn hier oben ist seit dreißig Jahren nur ausgebessert und geflickt worden, aber nie wirklich renoviert. Das scheint jetzt aber wirklich fällig zu sein. Der Meister schreibt jedenfalls eine lange Liste in seine Kladde, während er mit seinem Hiwi übers Dach läuft, hier an einem Stück Teerpappe zerrt, dort an einer Isolierung zieht und an manchen Stellen ausgiebig mit einem Kugelschreiber in Abluftöffnungen bohrt.

“Muss alles neu gemacht werden, von hier bis da.” sagt er schließlich, “da geht gar nichts mehr anders. Dach ist ziemlich kaputt, und muss auch isoliert werden. Hat man nicht so gemacht vor dreißig Jahren.”

Wir klettern wieder vom Dach herunter und verstauen die Leiter in ihrer Halterung auf dem unteren Parkdeck. Es ist schon beinahe Mittag und ich bin immer noch hungrig und müde, nur notdürftig gewaschen. Naja, jetzt lohnt es sich wenigstens.

“Wir werden ihnen machen ein Angebot” sagt der französiche Dachdeckermeister, “das sie werden nicht ablehnen können. Werden sie ‘aben nächste Woche.” und verabschiedet sich mit seinem jungen Hiwi.

Ich sehe mit sorgenumwölkter Stirn hinauf zu meinem Dach. Da kommt die Gemeindesekretärin freudestrahlend aus dem Gemeindebüro gelaufen: “Hallo? Ich habe den Leiterschlüssel gefunden!”….

— o o o —

An diesem Montagmorgen um halb sieben fühle ich mich nicht sehr gut. Ich wache benommen auf, schlurfe benommen in meinem Zimmer herum, mache ein Fenster auf, sehe den Pritschenwagen des Dachdeckers, finde meine Pantoffeln und schlurfe ins Badezimmer.

Zahnpasta auf die Zahnbürste – so. Bürsten.

Rasierspiegel – zur Zimmerdecke gedreht. Ich stelle ihn richtig ein. Einen Augenblick lang spiegelt er durchs Badezimmerfenster zwei Dachdecker wider, die eine lange Leiter von einem Pritschenwagen abladen. Richtig eingestellt spiegelt er meine Bartstoppeln wider. Ich rasiere sie weg, wasche mein Gesicht, trockne es ab und schlurfe in die Küche, wo ich das Frühstück vorbereite, während meine Frau ihre Zähne putzt und alles tut, was Frauen so morgens im Badezimmer tun…

Teekessel, Stecker, Kühlschrank, Milch, Toast… Gääääähnen.

Einen Augenblick lang geht mir das Wort „Dachdecker“ im Kopf herum, es sucht nach einer Gedankenverbindung. Irgendetwas rumpelt im oberen Stockwerk oder vielleicht noch ein bisschen weiter oben… Ich sehe durch das Küchenfenster, dass eine Leiter an die Mauer gelehnt ist, ganz schön hoch, ich würde da nicht raufklettern.

Ich starre sie an. „Ganz schön hoch…“, dachte ich und schlurfe ins Schlafzimmer, um mich anzuziehen.

Als ich im Flur vor dem Schlafzimmer stehe, sehe ich, wie die Katze mißtrauisch zur Decke starrt. Was hat die nur? Warum guckt sie so irritiert? Ich kratze mich am Kopf, immer noch bin ich todmüde. Das Wochenende war hart, aber nächste Woche habe ich Urlaub. Die Woche vor dem Urlaub ist immer knochenhart, ich muss vorarbeiten, damit es nicht so auffällt, wenn ich drei Wochen weg bin. „Ganz schön hoch…“, denke ich und öffne die Tür.

Zwischen meinen Beinen wutscht die Katze mit einem triumphierenden Schrei ins Zimmer und unter das Bett, wo sie zufrieden schnurrt, weil sie weiß, dass dieses Zimmer für sie tabu ist; sie weiß aber auch, dass ich vor sieben nicht die Energie aufbringen werde, sie wieder unter dem Bett hervor zu ziehen und rauszuwerfen…

Ich stehe vor dem Kleiderschrank und denke nach. Gestern, nach dem Gottesdienst, hat der Vorsitzende des Bauausschusses irgendetwas zu mir gesagt, das wohl wichtig war. Ich weiß noch, dass ich mich geärgert habe. Ich mag es nicht, wenn mir in der letzten Woche vor dem Urlaub noch irgendwelche wichtigen Termine aufs Auge gedrückt werden. Aber was ich mag oder nicht mag, interessiert in der Gemeinde kaum jemanden. Vor allem dann nicht, wenn Handwerker involviert sind.

Ich schaue in den Spiegel, betrachte die Hose, die beim letzten Waschen wieder etwas eingelaufen ist, sehe, wie der Saum über dem Fußboden schwebt… „Ganz schön hoch…“, denke ich. Ich sollte das wirklich besser meine Frau machen lassen. Die Worte „Ganz schön hoch“ gehen mir im Kopf herum und suchen nach einer Gedankenverbindung…

Fünfzehn Sekunden später kommt meine Frau im Bademantel durch die Tür und fragt entrüstet: „Wieso reißen da zwei Typen das Deckenfenster aus unserem Dach?“

(Wer weiß, von welchem Text diese einführenden Abschnitte inspiriert sind, ist ein hoopy Frood,
der echt original weiß, wo sein Handtuch hängt…)

Ich verabschiede mich innerlich von dem Gedanken, dass dies ein schöner Tag werden könnte, sowie von der Hoffnung auf eine entspannte Vor-Urlaubs-Woche… Ich erkläre meiner Frau, dass die Dachdeckerfirma Namehier-Einsetzen ganz kurzfristig einen Termin für unsere Dachsanierung einschieben konnte, und dass der Vorsitzende des Bauauschusses mir aber erst gestern Bescheid gesagt hat, dass… – und dass deshalb jetzt die Leute auf dem Dach sind und das Fenster herausreißen, weil das gleich mit ersetzt wird.

„Aber sie machen doch Dreck und wir fahren doch in den Urlaub und wann wollen wir packen und werden die rechtzeitig fertig und wann kommen die Maler und wieso hast hast Du nicht früher was gesagt?“ fragt meine Frau in einem Atemzug, während mein Herz zu klopfen beginnt und mir Schweißperlen auf die Stirn treten… Weiß ich auch nicht, warum ich nicht früher was gesagt habe; ich versuche, die Gedanken an aufwändige Baumaßnahmen immer so weit wie möglich in die hinterste Ecke meines Gehirndachbodens zu verkramen, und manches bleibt dann auch – hm… – verkramt. Das ist so, und Du hast mich trotzdem geheiratet.

Jedenfalls stehe ich kurz darauf draußen neben der Leiter, während meine Frau frühstückt, und verhandle mit dem Louis-de-Funes-Meister darüber, das sie doch bitte ganz pünktlich mit den Bauarbeiten fertig werden möchten, besonders das Fenster so bald wie möglich wieder einsetzen, weil Regen angesagt ist, und dass sie auch darauf achten, dass kein Dreck in unsere Wohnung gelangt, weil wir schon alles geputzt haben an diesem Wochenende, weil wir nächstes Wochenende in den Urlaub… „U’laub, tschja,“ sagt der Dachdeckermeister, „U’laub tät isch ja auch mal gerne ‚aben wollen…“ Aber er verspricht mir alles…

Als ich das dann meiner Frau berichte, bekomme ich eine Kopfnicken, eine Tasse Tee, und dann muss sie los zur Arbeit. Ich sitze in meinem Büro, versuche die Texte für den neuen Gemeindebrief zu schreiben, und unterbreche immer wieder irritiert: Es kratzt, rumms, knarrt und rumpelt auf dem Dach, und obwohl ich weiß, dass alles in Ordnung ist, bleibt mein Unterbewusstsein in Alarmbereitschaft. Das muss so ein Relikt aus Steinzeit-Zeiten sein, in denen es überlebensnotwendig war, dass Männer nervös und unruhig wurden, wenn Mitglieder einer fremden Sippe anfingen, neben dem Höhleneingang mit Speeren herumzukratzen oder auf dem Höhlendach mit schweren Steinen zu rumpeln…

Nach fünf Stunden mit erhöhtem Adrenalinspiegel halte ich es nicht mehr aus, verziehe mich zuerst in die Pizzeria und mache dann einen Hausbesuch. Kurz vor vier bin ich wieder zu Hause, da packen die Hiwis von Herrn Namehier-Einsetzen gerade wieder die Leiter auf den Pritschenwagen. Für heute sind sie fertig, sagen sie, morgen kommen sie um sieben wieder. „Mitten in der Nacht,“ denke ich, „aber dafür sind sie schneller fertig.“

Ich gehe hoch ins obere Stockwerk und schaue mal nach, das Deckenfenster ist ordentlich mit Plastikfolie zugeklebt, es sieht so aus, als ob das Provisorium auch einen leichten Landregen überstehen würde. Der Staub im Flur hält sich in Grenzen, ich fege kurz durch und gehe dann noch mal mit dem Staubsauger durch. So müsste es eigentlich auch meine Frau akzeptieren können. Nur komisch riechen tut es, irgendwie nach Teer oder Öl, aber das muss wohl von den Dachpappen kommen, die die Hiwis abgemacht haben und die jetzt draußen vor dem Haus auf dem Parkplatz liegen…

Später kommt meine Frau von der Arbeit, hängt ihren Mantel an den Haken, geht nach oben gucken, fegt, staubsaugt und wischt noch einmal durch den Flur (wieso mach ich das eigentlich immer wieder, ich kenne das Spiel doch schon…), und dann essen wir. Während ich abwasche, tönt von oben erst ein spitzer Schrei und dann ein lautes Schluchzen durch die Wohnung…

Ich laufe mit schreckgeweiteten Augen nach oben, da sehe ich meine Frau im Schlafzimmer stehen und sehe auch, warum es da so komisch riecht: Aus der Ritze über dem Fenster, wo die Gardinen aufgehängt werden, ist eine dicke schwarze Ölmasse gelaufen, an der Jalousie mit dem Batikmuster herunter, auf den Teppich und auf das Laminat, das da verlegt ist; es sieht schrecklich aus und es riecht wie im Heizungskeller direkt neben dem Öltank…

In der Dachdeckerei ist niemand mehr zu erreichen; und der Architekt sagt, er kommt gleich am nächsten Morgen, um sich das anzugucken. Meine Frau ist wie erstarrt, sie tut mir so leid… Auf die Schilderung von Tränen, Vorwürfen, Streit und Versöhnung verzichte ich hier, jedenfalls sind wir mit unseren Bettdecken ins Wohnzimmer umgezogen und haben da geschlafen, zum Glück zusammen…

Am nächsten Morgen um sieben kommen die Dachdecker, und ich zeige ihnen die „Bescherung“ im Schlafzimmer… „Ach, sowas kommt schon mal vor…“ versucht mich einer der Hiwis zu beschwichtigen, „das kriegen wir mit ein bisschen Verdünnung wieder weg, und schon in drei Wochen können sie wieder in dem Zimmer schlafen, dann riechen sie kaum noch was…“ Na, Klasse! Wie beruhigend!

Eine Stunde später kommt auch der Meister, ihm ist es doch etwas peinlich. Ich höre, wie einer der Arbeiter ihm gesteht, dass er am Tag vorher einen Eimer mit Bitumenklebstoff um gestoßen hat, aber sie haben nicht damit gerechnet, dass etwas von dem Zeug in die Wohnung gelaufen sein könnte. Wie denn auch, wo wo sie doch nur gerade vorher die ganze Isolierung über der Schlafzimmerdecke vom Dach gerissen haben…

Meine Frau geht zur Arbeit, und ich verhandle mit dem Dachdeckermeister über Schadenersatz. Um fair zu sein – er ist sehr kooperativ, er bietet an, das Zimmer auf seine Kosten neu streichen zu lassen. Den Teppich und die Jalousien nimmt er mit – er will versuchen, sie reinigen zu lassen. Und das Laminat kriegt einer der Hiwis tatsächlich mit Verdünnung wieder sauber, hätte ich nicht gedacht. Am Nachmittag kommt dann auch der Architekt und empfiehlt uns, regelmäßig zu lüften… Prima, wär ich nicht drauf gekommen. Aber der Gestank bleibt; und wir schlafen für den Rest der Woche im Wohnzimmer.

Das Fenster kommt rechtzeitig, das Dach ist pünktlich fertig, man will ja nicht nur meckern. Trotzdem sind wir froh, dass wir in den Urlaub fahren können und alles erst mal für ein paar Wochen vergessen dürfen…

Als wir zurück kamen aus dem Urlaub, wurde das Zimmer neu gemalt, die Jalousien haben wir durch neue ersetzt, der Teppich konnte gereinigt werden und sieht besser aus als vorher. Und als es wieder mal regnete, war im Schlafzimmer und im Flur auch alles dicht. Wir waren zufrieden und haben die Rechnung bezahlt. Louis de Funes kam sogar noch einmal vorbei und schenkte uns eine Flasche Wein als Trost für den Schreck, französischen natürlich, wie passend…

Alles war gut.

Bis in die Woche vor dem Erntedankfest. Da haben Pfarrer nämlich immer besonders viel zu tun, eigentlich ist es die hektischste Woche im Jahr. Seitdem tropft Wasser durch die Decke des Gästezimmers…