Wort der Woche – segensreich

In frommen Kreisen und in der Kirche wünscht man sich zum Neuen Jahr Gottes Segen… Hm. Tja. Bedenkenswert. Was genau bedeutet denn das Wort „Segen“? Geht es nur darum, im kommenden Jahr Glück zu haben? Glücklich zu sein? Vor bösen Dingen bewahrt zu bleiben?

Für mich hat das Wort Segen immer etwas mit Gott zu tun. Ich hab in der Schule mal gelernt, dass das Wort Segnen mit dem Wort Zeichen zusammen hängt. Es kommt von dem lateinischen Wort Signum, das bedeutet Zeichen, oder auch Signal. Die Römischen Heere hatten immer diesen Stab mit einem goldenen Adler oder einem anderen Zeichen dabei, eine Standarte, damit sich die Soldaten bei ihren Schlachten besser orientieren konnten, wo sich denn jetzt die eigenen Leute gerade sammeln und wo der Feind anrückt. Dieses Feldzeichen heißt Signum.

Den Kindern vom Kindergottesdienst erkläre ich das immer mit dem Hinweis auf die Becher beim Kindergeburtstag – da malt man ein Zeichen dran, damit man wiedererkennen kann: Das ist mein Becher, daraus hat außer mir niemand sonst getrunken… Ein solches Zeichen ist, glaube ich, der Segen Gottes auch.

Wer gesegnet ist, der trägt das Zeichen Gottes. Und das bedeutet, der gehört zu ihm. Zu Gott. Manche verstehen dann so ein Segenszeichen als eine Art Schutz: Für viele Menschen ist das ein Grund, ihre Kinder taufen zu lassen. Wenn ich zu Gott gehöre und sogar sein Name irgendwie auf mir steht, dann wird er mich ja wohl besonders gut behandeln. Immerhin gehen die meisten Leute ja auch mit den eigenen Sachen sorgfältiger und vorsichtiger um als mit den Sachen, die allen gehören und um die sich darum niemand so richtig kümmert, wie zum Beispiel mit den Büchern aus der Stadtbücherei. Eigene Bücher und Bücher von Freunden behandeln die meisten Leute besser als Bücher von Leuten, die sie gar nicht kennen…

Gesegnet sein heißt aber oft genug gerade nicht, dass es einem immer gut geht und dass man Grund hat, glücklich und zufrieden zu sein. In der Bibel haben gerade die gesegneten Leute das anstrengendste und aufreibendste Leben, das man sich vorstellen kann. Die Leute, die in Ruhe und Frieden eine Tischlerei oder eine Wurstfabrik betreiben, nennt man normalerweise nicht gesegnet…

Mit Kindern „gesegnet“ nennt man eine Frau, die drei oder mehr davon hat, und was das in Wirklichkeit heißt, kann Euch jedes Mitglied einer kinderreichen Familie erzählen. Und die Leute, die in der Bibel „Gesegnete“ genannt werden, sind immer irgendwie Leute, die aus der eigenen Mitte gerückt sind, Exzentrische, Verrückte. Sie werden zum Beispiel im Ausland angeklagt und dann doch irgendwie gerettet; sie verlieren Hab und Gut und bekommen es erst nach anstrengenden Jahren zurück, sie müssen alles, was sie lieben, zurücklassen und in der Fremde noch einmal neu anfangen und ihr Leben aufbauen.

Wenn ihnen das gelingt und sie nicht unterwegs von Löwen oderRiesenfischen gefressen werden, nennt man sie gesegnet und erkennt in ihrem Leben das Zeichen Gottes…

In China soll das Wort ein böser Fluch sein: „Mögest Du in interessanten Zeiten leben!“ – in den Geschichten,die in der Bibel erzählt sind, leben die Gesegneten immer in interessanten Zeiten…

Für mich selbst denke ich: Segen ist so etwas wie eine Zusatzbatterie für das Leben – im Guten und auch im Schlechten wird es dadurch intensiver und kräftiger, lebensstärker – aber Segen bedeutet nicht, dass alles einfach und „richtiger“ ist…

Euch allen wünsche ich: Seid gesegnet! Lebt intensiv! Seid mutig, aber nicht leichtsinnig. Und sucht das Glänzende in jedem Jahr.

Dreißig Jahre online unterwegs…

Kleine Bilder auf dem Monitor
sind wie Türen hin in unbekannte Welten,
hin zu fremden Menschen und Erinnerungen,
zu ihren Hoffnungen und Träumen.

Sie wecken Neugier,
Lust, einmal zu schauen,
was für Geschichten sich verbergen
hinter einem lächelnden Gesicht.

Oft fand ich: Tagebücher, offen, und für alle klar zu lesen.
Und doch gemeint für Freunde, die sich kennen. Wenn ich sie lese, sind sie mir
Erlebnisse aus einer Welt, die für mich fremd und fern, und doch wie meine.

Von Arbeit, Parties, Liebe, Hass. Doch immer klein und wie gefiltert,
und deutlich mit der Absicht, niemand weh zu tun,
und nicht zu viel von sich zu zeigen.

Ich lese, schmunzle manchmal und vergesse, was ich gelesen und gesehn,
mit mir hat’s nichts zu tun, und ich war nicht gemeint. Lebt wohl.

Oft fand ich: alte Briefe, Zettel, als Lesezeichen in Bücher gesteckt.
Fotos, getrocknete Blumen, auf einer Sommerwiese in den Ferien gepflückt.
Kindheitserinnerungen, Schachteln voll Murmeln und Spielzeugautos.
Musikcassetten, Platten, Liederbücher, Comichefte, Vogelfedern.

Glatte, bunte Kiesel aus dem Bach gepickt vor Jahren.
Püppchen in verstaubten Kleidern. Und das Erstaunen immer wieder:
Ja, sowas hatte ich einst auch.

Selten fand ich: Leben, Phantasie und Kraft, die Lust am Dasein,
glitzernde Gedanken über Gott und Welt. Im Hier und Jetzt genau beobachtet
die tausend Splitter, die zusammen Leben sind, die Fragen wecken auch in mir.

Die Fragen mich nach Geben und nach Nehmen,
nach dem Sinn und Ziel, nach Glauben
nach Gut und Böse und der Welt dazwischen. In ihnen fand ich mich.

Ich fand auch Sehnsucht, sah auch Angst und Trauer.
Ganz selten fand ich Menschen, die ich Freunde nennen könnte,
die fehlten, wären sie nicht da.
Die nahe mir geworden durch Bild und Schrift
und deren Zeilen zu mir sprechen,
auch wenn ich weiß, sie sind nicht nur für mich.

Ihr Bild ist nicht nur eine Tür,
es ist mir Gruß und Freude, die ich gerne wieder seh,
und ich fühl‘ mich geehrt, wenn ich es spüre,
dass auch ich nicht nur ein Name
und nicht nur Zeichen auf dem Bildschirm für sie bin…

Auf dem Weg zur Arbeit…

Heute war in Berlin-Neukölln Pfarrkonvent. Einmal im Monat kommen alle Pfarrerinnen und Pfarrer des Kirchenkreises zusammen und reden miteinander über die Dinge, die die gemeinsame Arbeit betreffen. Erfahrungen werden ausgetauscht und Verabredungen getroffen.

Am Schluss diskutieren wir in kleinen Gruppen über den Predigttext des kommenden Sonntags; es ist für mich immer sehr interessant, zu hören, welche Einsichten die Kolleginnen und Kollegen da mitteilen. Ausserdem gibt es regelmäßig Vorträge, Gesprächsgruppen und anderes, was man Fortbildung nennen kann.

Heute sind wir in einer dieser Gesprächsgruppen auf das Thema gekommen – wie fahren wir eigentlich zur Arbeit und was erleben wir dabei? Viele Kollegen, die in der Stadt wohnen, fahren mit dem Bus oder mit dem Fahrrad. Sie haben berichtet, dass es einerseits schön für sie ist, durch „ihren“ Gemeindebereich zu fahren und dabei Menschen zu treffen und von Gemeindegliedern angesprochen zu werden. Es entsteht ein Gefühl von Vertrauen und Nähe, Nachbarschaft und Zugehörigkeit. Andererseits sind sie manchmal bedrückt, wenn sie erleben, wie viel Armut es gerade im Norden Neuköllns gibt, wie bedürftig viele Menschen sind. Auch Streit und Aggression ist in vielen Straßen Berlins der Normalfall, fast jeden Tag kann man erleben, wie Verkehrsteilnehmer sich anschreien, weil einer dem anderen in der Hektik die Vorfahrt genommen hat oder auf eine andere Art behindert hat. Die „Frustrationsschwelle“ ist da oft sehr niedrig; und es gibt auch regelmäßig Schlägereien und Schlimmeres, wo dann die Polizei eingreifen muss.

Ich will keinen falschen Eindruck erwecken, Neukölln ist ein sehr schöner Bezirk in Berlin, interessant, vielfältig, voller Leben und spannender Herausforderungen. Aber eben nicht einfach. Und viele Kolleginnen und Kollegen werden schon auf dem Weg zur Arbeit mit dieser Komplexität konfrontiert.

Mir geht es auf dem Weg zur Arbeit ganz anders. Ich fahre aus der Stadt hinaus; schon nach fünf Minuten bin ich auf der Bundesstraße und fahre dann eine Viertelstunde über Land, im Sommer ist es da hellgrün, dunkelgrün, himmelblau und voller Blüten, jetzt im Winter liegt oft Reif auf den Feldern und auf den kahlen Bäumen, und wenn die Sonne scheint, glitzert es wie die Landschaft auf meinem Adventskalender.

Leider muß ich Auto fahren, mit dem Rad bin ich zu lange unterwegs und der Bus fährt viel zu selten. Ich wäre einfach nicht flexibel genug.

Es ist aber schön, dass die Landschaft so sehr beruhigend und entspannend ist; das ist ein Grund, warum ich es so sehr genieße, in den kleinen Dörfern rund um den Flughafen zu arbeiten.

Musik zum Anfassen…

Heute früh ist ein Päckchen gekommen. Ich habe mir fünf leere Musikcassetten gekauft. Ich war wirklich erstaunt, dass man die überhaupt noch kaufen kann, aber jetzt liegen sie hier vor mir. Maxell UR C90 Bänder in durchsichtigem Plastik, mit Aufklebern und einem Papp-Einleger, auf dem ich die Musiktitel und die Interpreten der Stücke notieren kann, die ich gleich darauf überspielen werde. Sie waren nicht einmal teuer, kosteten jetzt genau so viel wir damals vor 25 Jahren.

Ein Mixtape mit Weihnachtsliedern aus aller Welt soll es werden, aus Schweden, Norwegen, Island und Finnland vor allem, Lieder, die man im Radio fast nie hört. Ich habe die bei meinem Lieblings-Streaming-Musikanbieter gefunden; aber ich finde es immer noch schön, Musik gewissermaßen in die Hand nehmen zu können.

Am meisten fasziniert bin ich ja nach wie vor von den großen schwarzen Vinyl-Schallplatten. Auf den schwarzglänzenden Spuren kann man den Rhythmus der Musik sogar sehen, wenn man ganz genau hinsah. Auch die großen Bandspulen von Tonbandgeräten haben mich als Kind fasziniert, das Einfädeln des hellbraunen Bandes am Lese- und Löschkopf vorbei über diverse Spulen bis hin zu der leeren Bandspule auf der anderen Seite – es hatte etwas Rituelles, beinahe Magisches – und es machte das Abspielen der Musik zu einem Erlebnis.

Eine Musikcassette einzulegen war schon viel einfacher, praktischer, aber auch ein Verlust an Erlebnisqualität. Immerhin – alle spotteten ein bisschen darüber – den ab und zu auftretenden Bandsalat auseinender zu heddern und dann das Band mit einem Bleistift in der Spule wieder aufzuwickeln – das hatte schon auch was. An der Stelle hat später die Musik beim Hören dann immer etwas „gezittert“, wanderte zwischen den Stereolautsprechern hin und her. Der Rettungsprozess hinterließ hörbare Narben; und ich habe immer etwas ängstlich gehofft, dass sich das Band der Cassette nun nicht noch einmal um die Spulen des Walkmans wickelt… Wenn das Band gerissen war, konnte man die Cassette dann eigentlich wegwerfen…

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Die Cassette hatte schon ein ziemlich „modernes“ Image für mich, immerhin konnte man auch die Computerprogramme und die Daten des C64-Computers auf einer Cassette speichern und wieder laden. „Press PLAY on tape…“ – diese Aufforderung wurde über einige Jahre zum sesam öffne dich in eine Welt voller Wunder.

Dann kam die Zeit der CD, und die in Regenbogenfarben glitzernden Scheiben vertrieben die Singles und die LPs aus den Regalen der Kaufhäuser, die Musikcassetten gab es noch etwas länger, vor allem wegen der Kinderhörspiele. Aber auch damit ging es nun schnell zu Ende.

Ich habe mich gefreut, als ich zum ersten Mal einen MP3-Player bekam und die Musik dann über den Computer auf dieses winzige Ding überspielen konnte. Nun höre ich oft zum Einschlafen Musik über die kleinen Im-Ohr-Kopfhörer, und manchmal auch im Bus; sie sind praktisch und nützlich. Und es gehen trotzdem über zweihundert Musikstücke auf dieses Gerät, das viel kleiner als eine Cassette ist und nie Bandsalat produziert. Ich fing an, Podcasts zu hören und mir Sendungen amerikanischer Radiosender auf dieses Ding zu kopieren. „Wait, wait, don’t tell me…“ und „Grown ups read things they wrote as kids“ von NPR höre ich immer noch regelmäßig.

Nun hören alle – ich auch – Musik vor allem über das Handy. Man muss Musik nicht einmal mehr vom Computer darauf kopieren; wo immer W-Lan ist, ist auch Musik. Und man kommt genau so leicht an Evergreens und Klassiker wie an die Top 100 der Pop-Musik und der Jazz-, Rock- und HipHop-Charts. Und wenn man ein bisschen sucht, findet man bei den Streamingdiensten auch die schrägeren und ungewöhnlicheren Sttücke wie französische Zwölftonmusik auf der Orgel, vokaler Obertongesang aus der Mongolei oder eben isländische Weihnachtslieder.

Die kopiere ich nun gerade per Buetooth und meine Stereoanlage auf die neue Musikcassette, während ich hier schreibe, und damit schließt sich ein Kreis: aus dem Internet heruntergeladene Musik auf dem altmodischen Magnetband, digital und analog Hand in Hand. Das fasziniert mich, und es macht Spaß!

Ich war der Nikolaus…

Eigentlich sollte Herr Wolle der Nikolaus sein. Er hat sich gut vorbereitet, war sogar ins Einkaufszentrum gefahren, um ein passendes Kostüm zu kaufen. Einen großen Sack mit Äpfeln, Nüssen und kleinen Schokoladenfiguren hat er auch besorgt.

Und dann ist er krank geworden. „Du machst das doch bestimmt gern!“ hat er mir am Telefon gesagt. Das war keine Frage, sondern eine Feststellung. Und natürlich hatte er Recht. Ich mag Kinder; und ich wollte schon IMMER mal der Superheld aller Vierjährigen sein. Und die Aussicht auf einen fliegenden Schlitten mit sechs flotten Rentieren war auch verlockend…

Also zwängte ich mich in das Gewand des Heiligen von Myra, der wegen seiner Freigebigkeit zum Schutzpatron der Bedürftigen und der Seeleute geworden war. Ja, den Nikolaus hat es wirklich einmal gegeben, und weil er vor langer Zeit mit vielen goldenen Münzen einem Edelmann aus Myra aus einer üblen Klemme geholfen hat, ist er zur Symbolfigur der adventlichen Überraschungen und der bunten Teller geworden. Lustig, lustig, trallalallala…

Ein wunderschönes liturgisches Outfit hatte Herr Wolle besorgt, stilecht mit Kasel, Stola und Mitra. Dazu gab es noch einen wuscheligen Bart und eine weißhaarige Perücke und einen feinen Bischofsstab aus Plastik. Das Umziehen hat mich an meine Zeit in der Kirchengemeinde Alt-Schöneberg erinnert, wo ich tatsächlich im vollen ernst solche liturgische Gewandung im Gottesdienst getragen habe. (Ohne Bischofsstab natürlich.) So verkleidet und vermummt sollte ich mich also nun auf unserem Adventsfest der Öffentlichkeit zeigen…

Ich bin noch nie vorher der Nikolaus gewesen (obwohl ich einen kleineren Bruder habe, aber der hat – glaube ich – niemals geglaubt, dass so eine übernatürliche Fabelfigur die Schokolade in die Stiefel steckt…).  Also hat es mich schon ziemlich überrascht, wie anders mich plötzlich die kleinen Kinder angesehen haben. Die meisten haben mich mit supergroßen, begeisterten Augen angeschaut, ihr Gedicht aufgesagt und dann eine Mandarine und einen großen Schokotaler bekommen; aber auf die ganz Kleinen wirkte der fremde Mann dann doch eher erschreckend. Sie versteckten sich hinter Mama oder Papa und ließen sich auch mit freundlichen Worten nicht locken.

Es ist ja auch wirklich seltsam: Normalerweise sagen die Eltern (völlig zu Recht): „Nimm keine Süßigkeiten an von fremden Menschen!“ – und jetzt sollen sie sogar mitspielen und noch ein Gedichtlein aufsagen. Natürlich habe ich die Kinder sofort in Ruhe gelassen, wenn ich merkte, dass sie sich fürchten, und einige kamen dann später doch noch zu mir, um sich schüchtern ihren Schokotaler abzuholen.

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt…

Ich hasse Teelichte!

Im Urlaub gönne ich mir etwas Besonderes. Lecker essen in einem guten Restaurant. Feines Porzellan,silbernes Besteck, Stoffservietten, Rosen in der Vase. Mundgeblasene Gläser, in denen der Rotwein leuchtet. Das Essen auf dem Teller lässt die Seele jubeln, es sieht schon wunderbar aus. Und es duftet! Ich ahne, welcher Aufwand hier in der Küche betrieben wird.

Aber eins stört mich: Im kristallenen Kerzenhalter blinkt ein schnödes Teelicht, mit Aluschale, so, wie es sie in jedem Supermarkt und 99cent-Shop gibt.

Wo so ein Licht beim Candle-light-dinner leuchtet, zweifele ich schnell auch an der Qualität des Restaurants. „Was willst Du denn, die sind doch praktisch!“ sagt meine Frau. Richtig. Das ist aber Fertig-Ei aus dem Tetrapack auch. Und Tiefkühlbratlinge sowieso.

Mit Kerzen habe ich seit meiner Grundschulzeit viel Schönes verbunden. In der ersten Klasse durften wir zur Adventszeit eine eigene Kerze mitbringen, und ich kann mich heute noch erinnern, wie aufgeregt ich war, als meine Oma mit mir zu Woolw*rth ging und ich mir einen schönen Kerzenständer aus Messing und eine leuchtendrote Tischkerze dazu aussuchte. Es war ein beinahe heiliger Moment, als die Kerze dann bei der Adventsandacht in der Schule angezündet wurde.

Das tollste an den Geburtstagen meiner Teenie-Zeit war immer das Auspusten der Kerzen am Geburtstagskuchen. Und wenn ich an meine Zeit im Studentenwohnheim zurückdenke, denke ich immer auch an die große, dickbauchige Weinflasche, die ich mit unzähligen Tropfkerzen zu einem bunten Kunstwerk verwandelt habe.

Ich liebe das warme, lebende Licht einer Kerzenflamme, und ich liebe auch den Duft eines ausgepusteten Streichholzes… Ich liebe den Duft des Adventskranzes in der Wohnung und das kleine Ritual, das meine Frau und ich immer einhalten, wenn am Sonntag morgen eine Kerze mehr entzündet wird…

Ich finde es schön, dass es auch in evangelischen Kirchen immer mehr die Möglichkeit gibt, eine Kerze vor einem Altar anzuzünden und zu beten, und wenn ich dann gehe, bleibt meine Kerze da und betet sozusagen weiter…

Teelichte gehören aber ins Stövchen – und sonst nirgendwohin…

Throwback Thursday

Wayback

Seit einiger Zeit ist es üblich geworden, dass Leute am Donnerstag Erinnerungen ins Internet stellen… Heute will ich das auch einmal tun. Ich habe nämlich auf meinem Rechner ein bisschen aufgeräumt und dabei auch ein paar alte Links gelöscht.

Den zur „Wayback Machine“ werde ich aber aufheben. Hinter diesem Link verbirgt sich ein riesiges Archiv von Internetseiten aus dem vergangenen Jahrzehnt. Irgendwo muss irgendjemand unglaublich viele Festplatten übrig gehabt haben und sich gedacht haben: „Hey, ich lade mal eben das ganze Internet runter und speichere das hier ab…“

Das Internet vergisst nichts; das wird einem beim Nutzen der Wayback Machine schnell klar; darum sollte man immer vorsichtig sein, was man der Cloud oder dem Netz anvertraut…

Andererseits bewahrt es auch wundervolle Erinnerungen auf. Das da oben ist ein Ausschnitt aus meinem Blog, das ich ab 2007 bei Blog.De geführt habe – schon damals mit dem Mandelbrot-Fractal, wie man sieht. Ein paar meiner allerliebsten Freundinnen und Freunde habe ich da gefunden. Inzwischen gibt es Blog.De nicht mehr, und die wundervolle Gemeinschaft, die es da gab, hat sich zu wordpress nicht wirklich hinüber retten können.

Nichts ist für immer… Aber über die Entdeckung habe ich mich heute doch sehr gefreut… Jetzt gehe ich mal lesen, was ich vor zehn Jahren so alles geschrieben habe.

Was man Katholiken so alles zutrauen kann…

Gestern haben wir einen ökumenischen Bußgottesdienst zum Aschermittwoch gefeiert, so richtig traditionell, mit Aschenkreuz auf der Stirn und so… Und mir ist mal wieder der großartigste Verhörer eingefallen, der mir jemals passiert ist.

Als ich in der Grundschule war, habe ich einmal am katholischen Religionsunterricht teilgenommen, weil der evangelische Lehrer krank war. Die Lehrerin hat über den Aschermittwoch erzählt und dass katholische Christen sich an diesem Tag ein Kreuz aus Asche auf die Stirn zeichnen zum Zeichen ihrer Buße und als Bitte um Vergebung. Die Asche, so hat sie erzählt, kommt von verbrannten „weinenden Kätzchen“.

Über Jahre hab ich gegrübelt, wie die Katholiken die Katzen zum Weinen kriegen. Ob sie die vorher verhauen? Und wenn die Katzen dann so richtig weinen, wie kriegen sie die verbrannt? So ne Katze brennt doch nicht so leicht… Und wie krank ist das überhaupt, für einen Gottesdienst eine Katze zu verbrennen…

Es hat fast zehn Jahre gedauert, bis mir an einem hellen Abend klar wurde, dass ich mich nur verhört hatte:

Die Lehrerin hatte „Weidenkätzchen“ gesagt… Die Weiden, die bei der Palmsonntagsprozession verwendet werden, werden aufgehoben, meistens in einem gottesdienstlichen Raum an das Kreuz gesteckt, und am Aschermittwoch des nächsten Jahres werden sie dann verbrannt, um Asche für das Aschenkreuz zu haben…

Im Nachhinein wundere ich mich eher darüber, dass ich fast zehn Jahre lang den katholischen Schwestern und Brüdern solche Tierquälerei zugetraut habe… Zum Glück und Gott sei Dank bin ich heute auch ein bisschen weiter, wenn es um Ökumene geht…

Wie unser Hausmeister einmal mit einem Damen-Strumpf die frostige Kirche erwärmte…

Am einfachsten kann man eine versammelte Gemeinde aus dem Gottesdienst vertreiben, indem man im Winter die Kirche nicht heizt.

Kommt man von der verschneiten Strasse, von dem tiefgekühlten Vorplatz in die Kirche, wirkt sie zwar auf den ersten Eindruck erträglich gewärmt, doch nach einer Viertelstunde spürt man es in den Fingern, an der Nasenspitze und an den Bäckchen (sowohl an den beiden im rot-erfrischt-gesunden Gesicht als auch an den beiden anderen, auf denen man sitzt und die in der Kirche niemals jemand zu sehen bekommt), dass es doch empfindlich kalt ist; eigentlich sogar eine richtige Zumutung, wenn da nur vierzehn Grad in der Kirche sind…

Dem Organisten und den Streichern des kleinen Violinen-und-Geigen-Orchesters frieren schon während dem Glockengeläut die Hände ein, sie greifen im Musizieren öfter als unbedingt nötig daneben, was schon dem Vorspiel zur Liturgie eine gewisse jazz-funk-bluesige Qualität gibt; und auch die Zwischenspiele und die Streicher-Sonaten, die den Gottesdienst auflockern sollen, klingen heute wackliger und stärker „zufallsbestimmt“ als bei der Generalprobe am vergangenen Montag. Da war es aber auch noch gut geheizt in der Kirche.

Der Hausmeister macht ein besorgt-unschuldig aussehendes Gesicht, aber auch seine Bäckchen sind herzhaft gerötet und sehen aus wie die Werbung für den Multi-Vitaminsaft, den die meisten von uns als Kind von ihren Omas eingetrichtert bekommen haben. Ja, er hat die Heizung rechtzeitig eingeschaltet, diese ebenso uralte wie undurchschaubare Maschine im Keller der Kirche hat auch pflichtschuldigst losgerumpelt; scheinbar ist mit der Heizung alles in Ordnung – und doch ist es so kalt in der Kirche, dass die Gemeindeglieder zittern und mit den Zähnen klappern – trotz des dicken Mantels, des Schales und trotz der Handschuhe… Und das ist ihm ein bisschen peinlich…

Vor dem Altar wird mit zittriger Stimme aus einer Bibel vor gelesen, die spürbar in den Händen der Vortragenden vibriert: „So spricht der HErr: Wie der Schnee fällt auf den Höhen des Libanon, wie das Eis liegt auf den Bergen des Karmel…“ – – – und die Gemeinde ergänzt in Gedanken: „…so wird es auch sein in der heiligen Halle der Kirchengemeinde in Schöneberg: man wird frieren in der Kirche und Eiszapfen an der Nase tragen vor dem Altar des HErrn; bis man geht über den Vorplatz des Gemeindehauses hin zum wärmenden Kirchencafé, wo Kaffee verheißen ist und Tee und – ungelogen! – sogar Kuchen!“

Während der Predigt zieht der Hausmeister sein Jackett aus und verschwindet durch eine Seitentür, hinter der – wie der Pfarrer weiss – die Treppe in den Keller sich befindet… Auch die Gemeindeglieder wenden ihre Aufmerksamkeit kurzfristig weg von des Pfarrers weisen Worten und fragen sich, wo der Hausmeister da wohl hingeht. Manche hoffen schon das Beste.

Während des kurzen Moments der Stille nach der Predigt hört man es aus der Tiefe klirren und ächzen, der Hausmeister löst schwere Schrauben und dreht an gewichtigen Muttern, dann fällt ein Blech mit vernehmlichen Getöse auf den Boden; ein nicht ganz so leiser Fluch tönt durch die aufmerksam die Stille meditierenden Reihen.

Dann kommt der Hausmeister mit einem ölverschmierten Gesicht in die Kirche zurück und wendet sich fragend an eine junge Dame, die neben der Kirchentür sitzt und darauf wartet, dass sie nach der Predigt die Kollekte einsammeln kann, denn dies ist ihr Ehrenamt, zu dem sie sich vor einigen Monaten gemeldet hat. Sie geht aus der Kirche auf die Toilette, und der Pfarrer, der jetzt am Lesepult die Gemeinde auffordert, in das Glaubensbekenntnis einzustimmen, fragt sich, was das wohl werden soll…

Nach einer kurzen Pause erscheint die Dame wieder vor der Toilettentür und drückt dem wartenden Hausmeister ihre Nylonstrümpfe in die Hand. Der verschwindet freudestrahlend mit dem zarten Gewebe in den Keller, während dem Pfarrer das Wort im Munde steckenbleibt. Er verschluckt sich an seiner eigenen Verwunderung und muss lauthals husten, was der Organist geschickt überspielt, indem er mit dem Präludium zu dem nun folgenden Hymnus einsetzt: „Ist es auch kahalt am frühühen Morgen, weckt doch die Sonne mit ihirem Strahl…“

Kurze Zeit später hört man, wie im Keller der Motor der Heizpumpe startet, die mit dem vertrautenden quietschenden Geräusch das tut, was sie sonst immer getan hat, nämlich irgendwelches Zeug in den Heizkreislauf der Kirche pumpen. Wenige Minuten danach breitet sich auf dem Gesicht derer, die rechts an der Wand der Kirche sitzen, ein wohliges Grinsen aus, denn dort sind die Einlassöffnungen, durch die die heiße heizende Luft in den kalten Kirchenraum strömt – und anscheinend kommt dort jetzt etwas wie Wärme an… Nur ein strenger Blick des Pfarrers hält die dort versammelten Gemeindeglieder davon ab, in einen spontanen Applaus für den Hausmeister auszubrechen, der sich zufrieden neben die junge Dame setzt, die schon das Kollektenkörbchen in ihrer Hand hat…

Später werde ich den Hausmeister fragen, wozu um Himmels willen er die Strumpfhose dieser Frau gebraucht hat? Und er wird sagen, dass die Heizung nicht lief, weil der Treibriemen an der Kompressorpumpe gerissen war. Und er, der schon vor Jahrzehnten immmer mit einem VW-Käfer unterwegs gewesen war, hatte sich erinnert, dass man bei dessen Motor im Falle eines Falles einen gerissenen Keilriemen für eine kurze Zeit mit einem Nylonstrumpf ersetzen konnte – was meistens reichte, mit dem Wagen wenigstens noch in die nächste Werkstatt zu fahren. Und da unsere Heizung samt Kompressor und Motor in etwa aus demselben Baujahr stammt wie seine alterschwache Asphaltbeule, dachte er sich, was da geht, geht ja wohl auch hier – und so hat er mit ingenieurstechnischem Geschick die Stimmung der Gemeindeglieder beim Kirchenkaffee gerettet…

Vor dem Krippenspiel…

Weihnachten war für mich sehr schön und größtenteils entspannend… Der am meisten anstrengende Teil ist natürlich immer die große Kindervesper am Heiligen Abend um 15 Uhr, die mit dem Krippenspiel. Auch mit zwanzig Jahren Berufserfahrung habe ich immer noch schreckliches Lampenfieber vor diesem Gottesdienst, weil einfach so viele Leute, so viele Kinder beteiligt sind, dass alles Mögliche schief gehen kann, und gerade, wenn die Kirche so voll ist und so viele Leute da sind, die nur ein einziges Mal im Jahr in der Kirche sind, dann möchte man als Pfarrer natürlich mal zeigen, wie toll es bei uns ist und dass es sich durchaus lohnt, öfter mal zu kommen… (…und zum Beispiel die zweite große Performance am Ostertag auch mit zu nehmen.)

Um eins, schon zwei Stunden bevor es los gehen soll, haben wir uns alle in der Kirche zu einer letzten Generalprobe versammelt… Claudia ist da, die in unserer Gemeinde die Arbeit mit Kindern stemmt“, Marcel, unser Kirchenmusiker mit seinem Kinderchor, und ich in meinem schwarzen Talar. Und die zwanzig Kinder sind da, die beim Krippenspiel mitmachen: die kleinen Mädchen, die die Engel spielen werden; die kleinen Jungen, die entweder die Hirten sind oder – wenn sie noch zu klein sind, um eine Sprechrolle zu übernehmen, auch ein Schaf; die drei Wirte, die sich mit grimmigen Gesichtern auf ihre Rolle einstimmen; die Könige, die bei uns drei Königinnen sind, und natürlich Maria und Josef, die beiden Ältesten, die alle Anzeichen der beginnenden Pubertät zeigen, zum Beispiel dieses, dass sie so ein Krippenspiel ja eigentlich total albern und peinlich finden, aber weil sie vor drei Monaten gesagt haben, dass sie mitspielen, müssen sie jetzt da durch…

Es ist da eine Atmosphäre wie vor einer Opernpremiere: In allen Ecken der Kirche werden die Kinder von ihren Eltern in ihre Kostümchen verpackt, hier flirren Engelsflügel und Heiligenscheine, dort werden Hirtenstäbe geschwungen wie Laserschwerter, dort zickt einer der Könige herum, weil ihr die Krone immer wieder von dem blonden Kraushaarschopf herunterfällt. Nach einer halben Stunde sind aber alle bereit, und die Generalprobe, ein allerletzter Gesamtdurchlauf durch den ganzen Gottesdienst, kann beginnen.

Wir stehen am Eingang der Kirche, bereit für die feierliche Einzugs-Prozession. Die Musik erklingt, pathetisch, festlich, und wir schreiten in einer eher unordentlichen Zweierreihe auf den Altar zu. Die Engel winken ihren Eltern zu, die Wirte schauen grimmig, die Schafe werden von den Hirten getragen, damit sie sich nicht verlaufen. Ganz zuletzt kommen Maria und Josef angeschlendert – Halt, ruft Claudia, ihr könnt da nicht laufen, als ob ihr beim Einkaufsbummel im Schloss“ seid, dies ist eine Prozession, ein Fest, ihr müsst schreiten, nicht schlurfen… Alles zurück auf Anfang, nochmal geht’s los: Musik, pathetisch; Schreiten, unordentlich, auch Maria kriegt’s auf die Reihe, und Josef, na ja, wir müssen ja weitermachen.

Der Liturgische Gruß vor dem Altar: Im Namen des Vaters, des Sohnes, und des Heiligen Geistes… – Amen!“ und die Verneigung danach klappt ganz gut, jetzt alle auf ihre Plätze… Marcel spielt ein Weihnachtslied, das der Pfarrer im Namen der noch nicht vorhandenen Gemeinde laut singt, währenddessen wuseln Engel, Hirten, Könige und das Heilige Paar durch die Kirche. Das Krippenspiel beginnt mit dem Auftritt des Kaisers und seiner Soldaten. Drei kleine Jungen mit Lanze und Schild stehen neben dem schüchtern drein blickenden Kaiser und brüllen in die Kirche: Der Kaiser von Rom befiehlt euch heut: Geht dahin, wo ihr geboren seid!“ und schauen so martialisch verbissen in die Gemeinde, wie Strumtruppler auf Endor über eine Horde von Ewoks gucken würden…

Da machten sich auf auch Josef aus Nazareth zusammen mit Maria…“ tönt es vom Lesepult her. Maria und Josef schlendern durch die Kirche, sie hat sich ein großes Kissen in ihr Kostüm gesteckt und sieht tatsächlich ziemlich schwanger aus, ein beunruhigender Anblick bei einer süßen Vierzehnjährigen… Sie kommen bei der ersten Herberge an, klopfen, verhaspeln sich in ihrem Text, der Wirt guckt hilflos um sich, weil sein Stichwort nicht kommt… Beim fünften Versuch klappt es dann so, dass auch Claudia und der Pfarrer zufrieden sind… Schließlich sind die Beiden glücklich bei der Krippe gelandet, die Engel stehen um sie herum und singen: Sehet, dies Kindlein, Euch zum Heil geboren…“ und meine Aufregung legt sich etwas, weil es so aussieht, als ob doch alles gut gehen wird. Niemand fehlt, niemandem ist bisher vor Aufregung schlecht geworden, und alle können wenigstens einigermaßen ihren Text. Es wird alles gut.
Zuletzt kommen die Könige mit Gold, Weihrauch und Myrrhen, die Krone des Blondschopfs hat sich so in ihren Haaren verheddert, dass sie nicht runter fällt, und am Schluss stehen dann alle um die Krippe herum, ein wunderschönes Schlussbild, das die Väter alle gleich mit ihrer Handykamera fotografieren und den Müttern die Tränen in die Augen treibt…

Dann ist es halb Drei, die Kinder gehen in den Nebenraum der Kirche, wo es Kekse und Kakao und letzte Ermahnungen von den Eltern gibt, Claudia und ich versichern uns gegenseitig, dass das doch gar nicht schlecht war und dass ganz bestimmt alles gut gehen wird und dass es doch gar keinen Grund für Lampenfieber gibt – da schreit Maria aus dem Fenster der Herberge, in die sie sich geschlichen hat: JOOOSEF!!! Ich verlasse Dich! Hier ist ein König aus dem Morgenland, der hat einen ganzen Sack voll Gold. Du weißt doch: Diamonds are a girl’s best friend!