Türen in unserer Kirche…

Ich habe diesen Text vor zehn Jahren für einen „Glaubenskurs“ in meiner früheren Gemeinde geschrieben. Im Kirchenraum gibt es acht Türen; Eingänge und Ausgänge zu sehr unterschiedlichen Räumen und Orten. Wir sind im Kirchenraum umher gegangen und haben die Türen betrachtet. Jede hat ihren ganz eigenen Charakter, eine besondere Aufgabe, einen sehr spezifischen Sinn. So wie wir auch…

Dies ist die Haupt-Eingangs-Tür…

Sie ist groß und schwer, die meisten Leute brauchen beide Hände, um sie zu öffnen.

Sie schützt unsere Kirche, sie trennt und verbindet Außen und Innen.

Wer außen ist, ist „irgendwo“, unterwegs, am anderen Ort, aushäusig, in der Fremde.

Wer innen ist, ist im Haus Gottes, am Versammlungsort der Gemeinde, ist dort, wo die Taufe gefeiert und das Abendmahl geteilt wird.

Wenn wir Gottesdienst feiern, steht diese Tür weit offen.

Die Türklinken sind künstlerisch gestaltet und sehen aus wie Fische, wie das Symbol der ersten Christen für Jesus Christus, den Herrn und Erlöser.

Dies ist die Tür zum Kirchhof…

Sie ist eine Tür durch eine Wand aus Glas, durch die man hindurchsehen kann. Man weiß, was einen auf der anderen Seite erwartet, schon bevor man sie öffnet.

Sie führt aus der Kirche auf den Friedhof, wo die Toten ruhen und wo die Lebenden um die Toten trauern.

Wenn wir Ostern feiern, gehen die Kinder durch diese Tür, um die draußen versteckten Ostereier zu finden.

Manchmal kommen Menschen durch diese Tür in die Kirche, denen der Weg durch den Haupt-Eingang zu anstrengend ist.

Diese Tür ist gleichzeitig der Not-Ausgang, ein Fluchtweg, falls es nötig sein sollte, die Kirche schnell zu verlassen.

Diese Tür führt in die Kapelle…

Sie ist kaputt, manchmal läßt sich das Schloss nicht öffnen. Dann kann man nicht durch diese Tür gehen und muss einen Umweg durch zwei andere Türen nehmen.

Manchmal geht sie aber auch ohne Probleme auf, und wir haben noch nicht herausgefunden, wie man sie dazu „überreden“ kann.

Diese Tür ist unzuverlässig und sorgt immer wieder für Ärger – aber niemand repariert sie.

Hinter dieser Tür liegt der Raum, in dem wir die „Familienkirche“ feiern – sie ist eine Verbindung zwischen zwei verschiedenen Bereichen unserer Gemeinde-Arbeit. Wenn wir feiern, bleibt sie geschlossen, damit wir uns nicht stören

Diese Tür führt in die Kerzenkammer.

Hier werden die Kerzen gelagert, die wir im Gottesdienst anzünden, hier werden die Anzeigetafeln vorbereitet, die die Gemeinde braucht, um die Lieder im Gesangbuch zu finden, die während der Gottesdienste gesungen werden.

Hier sind auch die Sicherungskästen und die Lichtschalter für die Beleuchtung der Kirche.

Dieser Raum ist nicht für die Allgemein-heit bestimmt; hier gehen nur die Menschen hinein, die den Kirchdienst tun.

Der Raum hinter dieser Tür ist unaufgeräumt und schmuddelig.

Wenn wir Weihnachten feiern, werden hier die Kerzen angezündet, die wir an die Ge-meinde verteilen, um zu bezeugen: In ihm ist das Licht Gottes in die Welt gekommen

Dies ist die Tür zum Glockenturm…

Hinter dieser Tür gibt es eine Treppe, die nach oben führt – zur Glockenempore, von wo man die Vater-Unser-Glocke läutet; – und noch weiter hinauf in die Glockenstube, wo die vier großen Glocken hängen, und von wo man dann bis zur Spitze des Kirchturms steigen kann, wo das Kreuz ist – ich kenne aber niemanden, der dort oben schon gewesen ist. Der Weg ist gefährlich.

Hier steht immer jede Menge Kram rum: Eimer, Schaufeln, Schubkarren, Leitern…

Der Raum hinter dieser Tür ist ungemütlich und dreckig.

Diese Tür ist gleichzeitig der Not-Ausgang, ein Fluchtweg, falls es nötig sein sollte, die Kirche schnell zu verlassen.

Diese Tür führt in die Sakristei…

Hier bereiten sich die Liturgen auf den Gottesdienst vor: Sie ziehen sich um, sie beten gemeinsam, sie bereiten die Abendmahls-Geräte vor.

Nach dem Gottesdienst wird hier die Kollekte gezählt; und die Anzahl der Gemeindeglieder, die zum Gottesdienst gekommen sind wird in ein Buch eingetragen – für die Statistik. Unsere Gottesdienste sind eher schlecht besucht.

Meistens ist es unordentlich in diesem Raum; niemand fühlt sich wirklich verantwortlich für Ordnung und Sauberkeit.

Diese Tür ist gleichzeitig der Not-Ausgang, ein Fluchtweg, falls es nötig sein sollte, die Kirche schnell zu verlassen.

Hinter dieser Tür ist die Treppe,

die hinunter in den Keller der Kirche führt.

Dort sind die Toiletten, die man während der Gottesdienste benutzen kann…

Dort ist der Betriebsraum für die Heizung der Kirche.

Dort sind einige Räume, in denen zusätzliche Stühle und die Requisiten für die „besonderen“ Gottesdienste gelagert werden: Krippenspiel, Martinsfest, Erntedank, Osternacht…

Dies ist die Schwingtür, die den Gottesdienst-Raum von dem Vorraum der Kirche trennt.

Man kann sie nicht abschließen.

Sie ist groß und schwer, die meisten Leute brauchen beide Hände, um sie zu öffnen.

Sie quietscht laut, was es immer ein bisschen peinlich macht, wenn jemand zu spät zum Gottesdienst kommt: Die ganze Gemeinde bekommt es mit…

Niemand hat sie in den letzten zwei Jahren geölt. Sie quietscht aber auch, WENN man sie ölt…

Sie schützt den Kirchraum vor Kälte und Wind.

Diese Tür ist gleichzeitig der Not-Ausgang, ein Fluchtweg, falls es nötig sein sollte, die Kirche schnell zu verlassen.

Dreißig Jahre online unterwegs…

Kleine Bilder auf dem Monitor
sind wie Türen hin in unbekannte Welten,
hin zu fremden Menschen und Erinnerungen,
zu ihren Hoffnungen und Träumen.

Sie wecken Neugier,
Lust, einmal zu schauen,
was für Geschichten sich verbergen
hinter einem lächelnden Gesicht.

Oft fand ich: Tagebücher, offen, und für alle klar zu lesen.
Und doch gemeint für Freunde, die sich kennen. Wenn ich sie lese, sind sie mir
Erlebnisse aus einer Welt, die für mich fremd und fern, und doch wie meine.

Von Arbeit, Parties, Liebe, Hass. Doch immer klein und wie gefiltert,
und deutlich mit der Absicht, niemand weh zu tun,
und nicht zu viel von sich zu zeigen.

Ich lese, schmunzle manchmal und vergesse, was ich gelesen und gesehn,
mit mir hat’s nichts zu tun, und ich war nicht gemeint. Lebt wohl.

Oft fand ich: alte Briefe, Zettel, als Lesezeichen in Bücher gesteckt.
Fotos, getrocknete Blumen, auf einer Sommerwiese in den Ferien gepflückt.
Kindheitserinnerungen, Schachteln voll Murmeln und Spielzeugautos.
Musikcassetten, Platten, Liederbücher, Comichefte, Vogelfedern.

Glatte, bunte Kiesel aus dem Bach gepickt vor Jahren.
Püppchen in verstaubten Kleidern. Und das Erstaunen immer wieder:
Ja, sowas hatte ich einst auch.

Selten fand ich: Leben, Phantasie und Kraft, die Lust am Dasein,
glitzernde Gedanken über Gott und Welt. Im Hier und Jetzt genau beobachtet
die tausend Splitter, die zusammen Leben sind, die Fragen wecken auch in mir.

Die Fragen mich nach Geben und nach Nehmen,
nach dem Sinn und Ziel, nach Glauben
nach Gut und Böse und der Welt dazwischen. In ihnen fand ich mich.

Ich fand auch Sehnsucht, sah auch Angst und Trauer.
Ganz selten fand ich Menschen, die ich Freunde nennen könnte,
die fehlten, wären sie nicht da.
Die nahe mir geworden durch Bild und Schrift
und deren Zeilen zu mir sprechen,
auch wenn ich weiß, sie sind nicht nur für mich.

Ihr Bild ist nicht nur eine Tür,
es ist mir Gruß und Freude, die ich gerne wieder seh,
und ich fühl‘ mich geehrt, wenn ich es spüre,
dass auch ich nicht nur ein Name
und nicht nur Zeichen auf dem Bildschirm für sie bin…

Sankt Nikolaus und das große Schiff

Ich hab Hunger, Mama!“ sagte Aristo. Schon seit einer Woche hatte er nichts mehr zu Essen bekommen. Brot, Käse, Wurst und Butter – es war nichts mehr da, alles hatten sie längst aufgegessen. Zuletzt war da nur noch Graupensuppe, aber inzwischen waren auch die Graupen alle, und es gab gar nichts mehr. „Nicht einmal mehr Würmer!“ sagte Stephanus, sein älterer Bruder, der immer noch Kraft hatte, zu spotten und dumme Witze zu machen. Aristo fing dann immer an zu weinen. Wenn es nicht einmal mehr Würmer oder Käfer gab, dann würden sie bestimmt bald verhungern, Stephanus und Livia, seine Schwester, und Mama und Papa und er, Aristo, am Ende auch. Die Eltern machten immer ein ganz sorgenvolles Gesicht; niemand lachte mehr im Haus, und gesungen wurde auch schon lange nicht mehr. Nicht nur Aristo und seiner Familie ging es so schlecht; alle in seiner Straße hatten Hunger, und in der Nachbarstraße und in allen anderen Straßen in Myra war es genau so. Nicht einmal der Bischof, so sagte es seine Mutter, nicht einmal der Bischof hatte noch etwas zu Essen auf seinem Teller, wenn er nach den Gottesdiensten im Dom wieder nach Hause kam.

Das Wetter war einfach zu schlecht in Myra und in der ganzen Gegend Kleinasien. Zwar war es warm und die Sonne schien jeden Tag, und eigentlich war das gut, denn die Kinder konnten draußen spielen, sich verstecken und sich gegenseitig fangen; und das Meer war ja nicht weit weg, so dass sie auch baden konnten, schwimmen und tauchen; aber die Pflanzen auf dem Land waren alle vertrocknet und auch die Tiere waren verhungert, weil sie nichts zu fressen fanden. Es war eine Dürre, die alle Pflanzen und Tiere sterben ließ, es war einfach zu wenig Wasser da, und das Wasser aus dem Meer konnte man nicht nehmen, um den Tieren zu trinken zu geben und die Felder damit zu bewässern, denn es war zu salzig. Klebulon, der Bauer, hatte eines seiner Felder mit dem Salzwasser bewässert, und alle Pflanzen waren eingegangen, und wo sie gestanden hatten, war jetzt nur noch eine Wüste. Aber inzwischen waren alle anderen Felder und Äcker auch so trocken und staubig und leer wie die Wüste.

Nicht überall war Hungersnot. Oben im Norden, in Griechenland, hatten sie genug Wasser, weil das Eis und der Schnee hoch in den Bergen schmolz und als Wasser hinunter in die Täler strömte, und die Sonne ließ Weizen, Gerste, Hafer und Roggen wachsen wie im Paradies, und sie hatten Schafe und Ziegen da oben und sogar Rinder… Sie hatten so viel davon, dass sie es sogar verkaufen konnten. Jeden Tag brachen große Segelschiffe aus dem Hafen in Thessaloniki auf, bis unter das Deck voll mit Weizen und Fässern voller Öl und Wein und Oliven und Zucker und Honig. Die Schiffe fuhren nach Israel und nach Ägypten, wo es reiche Kaufleute gab, die viel Geld für diese Köstlichkeiten bezahlten…

Die Leute in Myra aber waren arm, sie konnten gar nichts bezahlen, und darum fuhren die Schiffe fast immer vorbei an ihrer Stadt. Wenn man sich draußen an die Hafenmole stellte und über das Meer hinaus schaute, konnte man manchmal die Segel dieser Schiffe sehen. Stephanus hatte ganz aufgeregt davon erzählt; er ging oft an den Hafen und hatte es selbst gesehen: Weiß und leuchtend zogen die Segel am Horizont entlang, bis sie in der Ferne verschwanden. Die Leute auf dem Schiff wussten nichts von dem Hunger der Frauen, Männer und Kinder in Myra.

Aber eines Tages ankerte ein großes Segelschiff im Hafen von Myra. Irgendetwas war auf dem Schiff kaputt gegangen, und die Seeleute konnten nicht weiter segeln, solange es nicht repariert war. Stephanus und Aristo liefen mit ihrer Schwester an den Hafen, gleich als sie davon hörten. Sie sahen Männer, die große Bretter durch den Hafen trugen und dort auf einen Stapel legten, das Schiff stand groß und stolz am Kai, die Segel gerefft und ordentlich zusammengebunden, und hob und senkte sich mit den Wellen. Sehr tief lag es im Wasser, man konnte sehen, dass es voll beladen war. Viele Kinder aus Myra waren auch da und schauten mit großen Augen hungrig und hoffnungsvoll auf das Schiff, aber die großen Kräne bewegten sich nicht, die Luken waren verschlossen und blieben es auch, nicht ein einziger Sack Mehl, nicht ein einziges Fass Öl wurde an Land gebracht.

Neben dem großen Gebäude, in dem die Hafenmeisterei arbeitete, stand ein Mann, ganz in weiße Gewänder gehüllt und mit einem zusammengewickelten Tuch auf dem Kopf. Er sah vornehm aus und war bestimmt sehr reich, er hatte einen dicken Bauch und einen vollen, eindrucksvollen pechschwarzen Bart, bestimmt hatte er noch nie im Leben gehungert. Aber jetzt sah er wütend aus, und seine dunklen Augen blitzten. „Nein, ich kann nichts von meiner Ladung hier abladen, nicht einen einzigen Sack. Auch die Amphoren und die Fässer sind alle abgezählt. Wenn auch nur eins fehlt, werde ich in Kairo wegen Diebstahls verurteilt. Die Kaufleute werden denken, ich sei ein Lügner und Betrüger, und ich werde nie wieder Handelsware über das Meer fahren. Wahrscheinlich würde ich sogar in das Gefängnis kommen. Es geht einfach nicht!“ Um den Mann herum standen Frauen und Männer aus Myra und weinten, jammerten und bettelten; aber der Kapitän – denn das war er, der Kapitän des großen Schiffes – aber der Kapitän ließ nicht mit sich reden. Obwohl er selber reich und vornehm war, hatte er Angst vor den mächtigen Kaufleuten Ägyptens.

Zuletzt aber kam der Bischof, Nikolaus von Myra. Klein war er, seine Haare und sein Bart waren grau und dunkelbraun war seine Haut, und das Alter und der Hunger hatten viele Falten und Runzeln in sein Gesicht gezeichnet. Seine schwarzen Augen leuchteten unter dicken Brauen hervor. Er war in ein einfaches graubraunes Tuch gehüllt und hatte eine schwarze Kappe auf dem Kopf. Er sah aus wie ein ganz gewöhnlicher Bauer oder Fischer aus dem Ort, er hätte auch Ziegenhirte sein können. Aber er hatte seinen Bischofsstab dabei, aus hellem Holz geschnitzt und mit einem weißen Fisch aus Elfenbein verziert. Ehrfurchtsvoll machten die Leute aus Myra für ihn Platz, als er auf den Kapitän zuging. Aristo und seine Geschwister standen still am Rand und versuchten, zu verstehen, was da besprochen wurde.

Der Bischof sagte zu dem Kapitän: „Ich bitte dich um Christi willen! Gib uns einen Teil deiner Ladung, damit wir zu essen haben! Die Frauen und Männer hungern hier seit Wochen, und die Kinder werden sterben, wenn sie nicht bald wieder etwas Nahrhaftes bekommen. Es geht zu Ende mit unserer Stadt – die Dürre wird der Tod sein für Myra!“ Aber auch vor dem Bischof Nikolaus änderte der Kapitän seine Meinung nicht. So, wie er vorher zu den Männern und Frauen gesagt hatte, antwortete er auch jetzt. „Ich kann dir und den deinen nichts geben. Wenn auch nur eine einzige Kiste fehlt, wenn ich in Kairo ankomme, wird man mich entlassen. Ich werde mein Schiff verlieren, meine Mannschaft, meinen Beruf und meine Ehre. Ich kann dir nichts geben.“

Mit diesen Worten wandte er sich ab und drehte dem Bischof den Rücken zu. Der aber sank auf seine Knie und betete: „Gott, unser Vater im Himmel, und Jesus Christus, unser Herr, Gott gleich und mit ihm in Ewigkeit verehrt und gepriesen, erbarme dich über uns. Sieh unsere Not und unser Elend, unseren Hunger und unseren Durst. Ohne dich, Gott, sind wir nichts; machtlos und schwach sind deine Geschöpfe, denn ohne deine Liebe und ohne deine Barmherzigkeit leben wir nicht einen einzigen Tag. Jeder Atemzug, den wir tun, ist ein Geisthauch von dir. Darum bitte ich dich, Gott: Zeige heute deine Kraft in unserer Mitte, wende das Herz derer, die von dir nichts wissen und deine Macht nicht kennen. Nimm denen die Angst, die nur auf ihr eigenes Vermögen vertrauen, und ermutige die, die der Verzweiflung nahe sind.“

Eine Zeit lang war es ganz still auf dem Platz vor der Hafenmeisterei. Alle Menschen hatten dem Gebet des Bischofs zugehört. Nun warteten sie darauf, ob etwas geschehen würde. Der Bischof kniete lange, mit geschlossenen Augen, und auch der Kapitän rührte sich nicht.

Dann richtete sich Bischof Nikolaus wieder auf und sagte zu dem Kapitän: „Ich verspreche dir: Wenn du uns jetzt und hier etwas gibst von dem, was dein Schiff transportiert – es wird nichts fehlen, wenn du in Kairo ankommst. Kein Sack, kein Fass, keine Amphore und keine Kiste wird dir fehlen. Es wird alles da sein, was die Kaufleute und Handelspartner von dir fordern. Ich verspreche dir das im Namen Jesu Christi und im Namen des Gottes, dem ich diene. Ich bin Nikolaus, der Bischof von Myra. Ich bitte dich!“

Ohne ein Wort ging der Kapitän zu seinem Schiff. Er nahm ein Stück Kohle aus einem Eimer, der dort stand, und machte damit einen schwarzen Strich in der Höhe der Wasserlinie an den Rumpf des Schiffes, genau dort, wo die Wellen des Hafenbeckens an das Holz schlugen. Dann stieg er die Leiter zum Oberdeck empor und gab dort einige Befehle an die Seeleute, die dort warteten. Nach kurzer Zeit setzte sich der Kran in Bewegung, und aus dem Schiff wurden einige Paletten mit Säcken voller Weizen, Roggen und Gerste abgeladen, dazu auch eine ganze Menge Fässer mit Öl und sogar eine Amphore mit Wein. Viel war es nicht, aber man konnte doch deutlich sehen, dass das große Schiff ein Stück leichter geworden war, der schwarze Strich aus Kohle lag jetzt eine gute Hand breit über dem Wasser.

Der Kapitän kam wieder herab zu den Menschen, die jetzt laut jubelten und ihm dankbar zuwinkten. Der Kapitän aber schaute mit finsterem Blick auf den Kohlestrich, der unmissverständlich zeigte, dass nun das Schiff leichter war und ein Teil der Ladung fehlte. Dann sah er Bischof Nikolaus ins Gesicht und murmelte: „Du hast mir etwas versprochen…“

Während das Schiff in Ordnung gebracht wurde und der Stapel mit dem Holzbrettern am Kai immer kleiner, verteilte Bischof Nikolaus Öl und Getreide an die Bewohner der Stadt. Heute würde es einen Grund zum Feiern geben, denn heute würden sie alle satt werden. Es blieben sogar einige Säcke Getreide übrig. Nikolaus gab sie dem Bauern Klebulon, Er sollte die Körner auf seinen Feldern aussäen, nur nicht auf dem, das er mit Meerwasser versalzt hatte.

Am Abend gab es ein Fest in der Stadt, auch am Hafen brannten Feuer. Die Leute hatten die Körner zu Mehl gemahlen, aus Mehl und Öl Brot gebacken, Nun sollte es ein Festessen geben. Nikolaus lud auch die Matrosen und Arbeiter von dem großen Schiff ein, aber niemand kam; auch der Kapitän nicht. Der lag in seiner Kajüte und konnte nicht schlafen, denn er machte sich Sorgen. In einer Woche wurde sein Schiff mit der ganzen Ladung in Kairo erwartet…

Am nächsten Morgen wurden die Segel gesetzt und ein kräftiger Wind blies das Schiff aus dem Hafen hinaus aufs Meer. Und am Tag darauf kam der Regen, der die Dürre beendete. Schwere Tropfen prasselten auf das Hafenpflaster, wo Bischof Nikolaus gebetet hatte, auf die staubigen Straßen, in denen Aristo und Stephanus und Livia mit ihren Freundinnen und Freunden spielten. Die Tropfen prasselten auch auf die Felder des Bauern Klebulon, wo in einigen Wochen grüne Pflänzchen ihre Blätter aus der Ackerkrume schieben würden. Und – schon ziemlich weit entfernt – prasselten die Tropfen auch auf das große Handelsschiff des Kapitäns aus Thessaloniki. Das Holz wurde nass, die Segel hingen feucht und schwer am Mast, und das Schiff sank tiefer in den Meeresspiegel. Es regnete vier Tage und drei Nächte. Als das Schiff nach einer Woche in den Hafen von Kairo lief, war der Kohlestrich wieder genau an der Wasserlinie, wo die Wellen gegen das Holz des Schiffes schlugen, genau da, wo der Kapitän sie im Hafen von Myra auf den Rumpf gezeichnet hatte…

Einmal um die ganze Welt…

Von Umberto Eco gibt es ein Buch mit dem Titel „Die Insel des vorigen Tages“. Die Geschichte spielt unter anderem auf einem Segelschiff, das nahe einer kleinen Insel im Pazifik auf eine Sandbank aufgelaufen ist und sich nicht mehr allein befreien kann. Die Sandbank liegt nur ein paar Seemeilen westlich der Datumsgrenze, und die Insel liegt in Sichtweite, aber östlich der Datumsgrenze.

Die Seemänner auf dem gestrandeten Schiff sehen immer wieder hinüber zu der Insel und lassen sich faszinieren von den philosophischen und praktischen Folgen der Tatsache, dass sie hinübersehen auf ein Land, das in einer anderen Zeit existiert. Während bei ihnen bereits Sonntag ist, ist dort drüben erst Samstag. Den Tag, den sie gerade erlebt haben, könnten sie dort drüben noch einmal erleben. Wenn sie dann aber zurück kämen, würden sie einen ganzen Tag überspringen müssen, gewissermaßen zurück in die Zukunft reisen…

Die Artikel zu „Datumsgrenze“ bei Wikipädie und anderen Online-Enzyklopädien fand ich zeimlich verwirrend und schwer zu verstehen. Was genau ist die Datumsgrenze und warum braucht man sie? Und warum geschehen dort so seltsame Dinge mit der Zeit? Ich will versuchen, es einfacher zu erklären als den Autorinnen und Autoren der Wikipädie das gelungen ist.

Die Erde dreht sich jeden Tag einmal um sich selbst, und nach einer Konvention der Menschheit ist es immer dort gerade zwölf Uhr mittags, wo die Sonne auf ihrer Bahn am Himmel ihren höchsten Punkt erreicht. Gegenüber, auf der anderen Seite der Welt, ist dann Mitternacht.

So hat theoretisch jeder Punkt auf der Erde seine eigene Zeit – bis ins Mittelalter hinein haben die Menschen auch so gerechnet, es gab eine Berliner Zeit und eine Hamburger Zeit, Londoner und Pariser Zeit und so fort. Im einem Zeitalter, in dem die Postkutsche das schnellste Fortbewegungsmittel war, schien allen diese Regelung annehmbar.

Seit der Zeit der ersten Eisenbahnlinien (und damit der ersten Fahrpläne) und im Zeitalter der Telegraphie und der schnellen Kommunikation sorgten die vielen verschiedenen Zeitzonen aber für Verwirrung.

Man einigte sich darauf, den Vollkreis von 360 Grad rund um den Äquator in 24 Zeitzonen aufzuteilen, also jeweils 15 Grad breit, und in diesem Bereich eine für alle verbindliche Zeit festzulegen. Wenn es also in London Mittag ist, dann auch in Portugal und in Mali, wenn es in Finnland Mitternacht ist, dann auch in Ägypten und in Südafrika. Aus politischen und wirtschaftlichen Gründen hat man sich aber nicht überall auf diese Regelung geeinigt; die Mitteleuropäische Zeit MEZ reicht beispielsweise von Spanien bis Polen und Schweden, über ein Gebiet, das sich normalerweise über vier Zeitzonen erstrecken müsste. Das führt dann dazu, dass in Polen die Sonne dreieinhalb Stunden früher aufgeht als in Spanien, sie geht aber auch fast vier Stunden früher unter… Wenn Hamburg von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends Sonnenlicht hat, ist es Warschau von fünf Uhr bis fünf Uhr hell, in Spanien geht die Sonne erst um acht auf und erst spät abends wieder unter, wenn es in Polen schon dunkle Nacht ist.

Normalerweise aber gilt: Reist man nach Osten, der aufgehenden Sonne entgegen, muss man etwa alle 1200 Kilometer die Uhr eine Stunde vorstellen, weil man dann in eine andere Zeitzone gereist ist.

Reist man auf diese Art um die Welt herum, fehlt einem am Ende ein ganzer Tag, denn man hat in jeder Zeitzone eine Stunde verloren.

Aus diesem Grunde gibt es im Pazifik die Datumsgrenze. Wenn hier Mitternacht ist, schreibt man auf der ganzen Erde dasselbe Datum – für einen kurzen Moment. Doch westlich der Mitternachtslinie ist dieser Tag vergangen, während der östlich der Linie gerade erst beginnt. Dann aber zieht die gedachte Mitternachtslinie nach Westen fort, der Sonne hinterher. Nach einer Stunde ist zwischen der nun entfernten Mitternachtslinie und der Datumsgrenze ein Gebiet, in dem die erste Stunde des neuen Tages vergangen ist. Auch westlich der Mitternachtslinie ist eine Stunde vergangen – aber es ist eine Stunde des Tages, der auf der Ostseite bereits vergangen ist und hier erst begonnen hat… (O weh; ich fürchte, das ist jetzt genau so verwirrend wie der Artikel auf Wikipedia…)

Wenn man von Westen nach Osten um die Erde herum reist und in jeder Zeitzone eine Stunde verliert, indem man die Uhr vorstellt, muss man hier an der Datumsgrenze die Zeiger einen ganzen Tag zurück drehen. So ist gewährleistet, dass man wieder das richtige Datum schreibt, wenn man in seiner Heimat ankommt. (Ist das ein Spoiler, wenn ich hier schreibe, dass diese Tatsache in Jules Vernes Roman „In achtzig Tagen um die Welt“ eine wichtige Rolle spielt?)

Noch ein Beispiel: Wenn es in London Mitternacht ist und beispielsweise ein Donnerstag beginnt, ist es an der Datumsgrenze zwölf Uhr – aber westlich der Datumsgrenze ist Donnerstag, während auf der östlichen Seite noch Mittwoch ist – solange, bis die Mitternachtslinie um die Erde herum wandert und auch hier der Donnerstag beginnt.

Man schaut also den ganzen Tag lang vom Schiffswrack östlich der Datumsgrenze auf die Insel des vorigen Tages hinüber… Immer ist dort die selbe Uhrzeit, aber vierundzwanzig Stunden früher… (War das jetzt verständlicher?)

Im Zeitalter eines weltumspannenden Netzwerks von Computern ist auch das Konzept der Zeitzonen schwierig geworden, denn wenn man sich beispielsweise zu einem online-Treffen verabredet, muss man immer sagen, für welche Zeitzone die angegebene Uhrzeit gemeint ist. Das Netz insgesamt zu synchronisieren über alle Zeitzonen hinweg erfordert einen erheblichen technischen und programmiertechnischen Aufwand.

Eine schweizer Uhrenfirma hat deshalb vorgeschlagen, für das Internet eine eigene Zeitrechnung und eine eigene Zeitzone einzuführen. Die vierunszwanzig Stunden des Tages sollten in tausend „Beats“ unterteilt werden, die überall auf der Welt gleichzeitig wären, unabhängig von der dort geltenden Zeitzone. Wenn ich mich mit jemandem aus New York und mit jemandem aus Tokio um @667 verabrede, sind wir gleichzeitig online, auch wenn es im New York erst elf Uhr vormittags und in Tokio schon Mitternacht ist.

Und natürlich stellt eben jene schweizer Uhrenfirma – und nur die – Uhren her, die die Ortszeit und die Beat-Zeit gleichzeitig darstellen kann. Durchgesetzt hat sich dieses System aber bisher nicht…

Throwback Thursday

Wayback

Seit einiger Zeit ist es üblich geworden, dass Leute am Donnerstag Erinnerungen ins Internet stellen… Heute will ich das auch einmal tun. Ich habe nämlich auf meinem Rechner ein bisschen aufgeräumt und dabei auch ein paar alte Links gelöscht.

Den zur „Wayback Machine“ werde ich aber aufheben. Hinter diesem Link verbirgt sich ein riesiges Archiv von Internetseiten aus dem vergangenen Jahrzehnt. Irgendwo muss irgendjemand unglaublich viele Festplatten übrig gehabt haben und sich gedacht haben: „Hey, ich lade mal eben das ganze Internet runter und speichere das hier ab…“

Das Internet vergisst nichts; das wird einem beim Nutzen der Wayback Machine schnell klar; darum sollte man immer vorsichtig sein, was man der Cloud oder dem Netz anvertraut…

Andererseits bewahrt es auch wundervolle Erinnerungen auf. Das da oben ist ein Ausschnitt aus meinem Blog, das ich ab 2007 bei Blog.De geführt habe – schon damals mit dem Mandelbrot-Fractal, wie man sieht. Ein paar meiner allerliebsten Freundinnen und Freunde habe ich da gefunden. Inzwischen gibt es Blog.De nicht mehr, und die wundervolle Gemeinschaft, die es da gab, hat sich zu wordpress nicht wirklich hinüber retten können.

Nichts ist für immer… Aber über die Entdeckung habe ich mich heute doch sehr gefreut… Jetzt gehe ich mal lesen, was ich vor zehn Jahren so alles geschrieben habe.

Buchvorstellung: Fabian Vogt: 2017 – Die neue Reformation

Fabian Vogt:

2017 – Die neue Reformation

adeo-Verlag 2012, 348 Seiten, 16,95 €

Wir schreiben das Jahr 2042. Christian van Haewen blickt zurück auf die „neue Reformation“, die er im Herbst 2017 anführte. Mit 95 verwegenen Thesen, die er via Internet verbreitete, wollte er die Kirche herausfordern, einen Neuanfang zu wagen. Doch er hätte nie gedacht, dass sich daraus eine Bewegung entwickeln würde, die die religiöse Landschaft der ganzen Welt umkrempelt.

Aus einer Schnapsidee heraus reift der Plan, die träge und verstaubte Kirche aufzurütteln: Wie wäre es, wenn Gottesdienste wieder lebensnah, aufregend und ansprechend würden? Wenn nicht nur die Pfarrerinnen und Pfarrer das Sagen hätten, wenn statt dessen das Priestertum aller Gläubigen in der Kirche ernsthaft gelebt würde? Wenn die Wahrheiten Jesu in ihr wichtiger wären als Tradition und der Geist Gottes kräftiger wäre als das Beharrungsvermögen festgefahrener Struktur? Wie wäre es, wenn die Kirche wieder in der frischen, kraftvollen Sprache der „normalen“ Menschen von der Schönheit und der Liebe Gottes spräche?

Eine Gruppe junger Christen nutzt Internet, neue Medien und alle Möglichkeiten moderner Kommunikation, um diesen Gedanken unter die Menschen zu bringen: Die Kirche muss wieder reformiert werden. Fünfhundert Jahre nach Martin Luther ist es Zeit für einen neuen Anfang.

Doch schon 25 Jahre später scheint auch dieser neue Aufbruch fest-gefahren zu sein. Christian van Haewen fragt sich, ob das, was er die ganze Zeit lang getrieben hat, wirklich von Gott gewollt war. Auch die „Lebendige Kirche“ erstarrt in leeren Formeln. Und den „Reformator“ von 2017 plagen Zweifel.

Geradezu überstürzt macht er sich auf den Weg in die Türkei, um dort auf den Spuren des Paulus nach Antworten zu suchen. Er trifft einen alten Freund und findet eine neue, zarte Liebe zu der Frau, die die beiden Männer auf ihrer Reise begleitet. Aber er gerät auch in Lebensgefahr, denn mit seinen revolutionären Ideen hat er sich auch viele Feinde gemacht. Und am Ende ist unklar, ob Christian jemals wieder nach Deutschland zurückkehren wird.

Dieses Buch ist nicht nur ein Traum von dem, was sein könnte, wenn junge Christen ein bisschen mutiger wären. Dieses Buch ist ein Aufruf zu einer engagierten Diskussion in der Kirche und zu der Einsicht: Kirche – das sind wir. Und wird sind mit verantwortlich für das, was in ihr geschieht.

Ein mitreißender, leidenschaftlicher Roman über die Zukunft des Glaubens und der Kirche.

Der Heilige von Mallorca

Er war jung und schön und reich; er liebte es, zu provozieren und ging keinem Skandal aus dem Weg. Er hatte Freude an schönen Frauen und ausschweifenden Parties, und zu den beliebten “Clubs” auf Mallorca musste er nicht weit reisen, weil er schon dort auf der Insel geboren wurde: im Jahre 1235… Ramon Lull war Sänger, Dichter und Liebling der Damen am Hofe des spanischen Königs Jacob I. von Aragón. Der König war dem Vater des jungen Tunichtguts verpflichtet, weil der als Soldat bei der Eroberung Mallorcas aus den Händen der Sarazenen geholfen hatte; und Ramon wurde der Hauslehrer des Prinzen, der später als Jakob II. König von Mallorca wurde.

Als Ramon etwa dreißig Jahre alt war, machte er aber eine einschneidende Erfahrung: Er verliebte sich – obwohl er selbst inzwischen verheiratet war und Vater zweier Kinder – in die Reize einer schönen Frau, Senyora Ambrosia de Castello, die mit einem reichen Genueser Edelmann verheiratet war. Er bedrängte die Frau mit seinen Liebesschwüren, ritt einmal sogar mit dem Pferd in die Kathedrale von Palma, um die Ersehnte zu beeindrucken… In ihrer Verzweiflung wandte sie sich ihm zu, öffnete ihr Gewand und zeigte ihm ihre von Krebs zerfressene Brust: “Ich bin eine Ausgestoßene der Liebe, mein Geliebter ist der Tod!”

Dieses Erlebnis hat ihn anscheinend so schockiert, dass er sich von seiner Frau, seinen Kindern und seinem skandalösen Lebensstil verabschiedete und auf eine Wallfahrt nach Santiago de Compostela ging… Von da an fühlte er sich zum religiösen Leben berufen.

Zurück auf Mallorca, begann er mit dem Studium der Theologie, lernte Latein, Arabisch und Hebräisch und entwickelte den Plan, mit überzeugenden Vernunftargumenten Juden und Muslime zum Christentum zu bekehren, um die blutigen Glaubenskriege im Mittelmeer zu beenden.

Mit logischen und mathematischen Methoden wollte Raimundus Lullus, wie er sich jetzt nannte, die Existenz Gottes und die Wahrheit der christlichen Glaubenssätze beweisen. Er glaubte, dass in jedem Teilbereich der Wissenschaft, auch in der Theologie, einige wenige einfache, grundlegende Prinzipien enthalten sind; und indem alle möglichen Kombinationen dieser Prinzipien erforscht werden, kann man alles Wissen, das der Menschheit überhaupt zugänglich ist, darstellen und beschreiben. So werden dem forschenden Denken alle Strukturen der Wahrheit erkennbar und man erlangt universelles Wissen, auch über die Gottheit.

Mit einer Art “Computer” aus Pappe entwickelte er ein System, das ihm helfen sollte, alle überhaupt nur möglichen Fragen zu stellen. Dann schrieb er ein Buch, die “Ars Magna”, die „Große Kunst“, in dem er begann, diese Fragen der Reihe nach zu beantworten… Er war selbst davon überzeugt, dass dieses Buch das wichtigste Buch der Welt (nach der Bibel vielleicht) und das Ende aller theologischen Streitigkeiten sein würde, da nun vollständig alle denkbaren Fragen von Menschen mit den Mitteln vernünftigen Denkens erkannt und beantwortet werden können.

Der “Computer” besteht im wesentlichen aus mehreren, verschieden großen Pappscheiben (manchmal nur drei, manchmal sogar sieben), die am Rand mit Symbolen bedeckt sind, die für die großen, grundlegenden Themen der Theologie und der Philosophie stehen. Auf der innersten Scheibe stehen die „absoluten Prinzipien“, die Eigenschaften Gottes: Größe, Güte, Ewigkeit, Weisheit, Ehre – und so fort. Auf dem nächstgrößeren Rad stehen die „relativen Prinzipien“, die Eigenschaften der irdischen Dinge: Begrenztheit, Gleichheit, Verschiedenheit und andere. Die dritte Scheibe enthält die Symbole für die verschiedenen Beziehungen, die die Dinge zueinander haben können, die vierte die unterschiedlichen Sachverhalte, nach denen gefragt weden kann… In ihrem gemeinsamen Mittelpunkt sind die Pappscheiben so zusammen gesteckt, dass man sie aufeinander drehen kann, und man kann nun durch einfaches Drehen der Scheiben Fragen erzeugen wie: Kann Gott die Welt aus dem Nichts heraus erschaffen? Kann ein Engel etwas bereuen? Wenn eine Schwangere stirbt, kann ihr ungeborenes Kind in den Himmel kommen? Wohin geht die Kälte, wenn ein Stein erwärmt wird? Was war vor dem Anfang der Ewigkeit?

In seinem Buch: „Der Baum der Wissenschaft“ stellt Lullus über 4000 Fragen dieser Art. Manchmal beantwortet er sie, oft aber überläßt er es auch dem Verstand seiner Leserinnen und Leser, darüber zu meditieren und aus eigener Kraft zu forschen.

Mit seiner “großen Kunst” und vielen anderen Büchern, die ähnliche Gedanken erläuterten, wurde Raimundus Lullus in ganz Europa berühmt. Er lehrte an der Universität in Paris, setzte sich für die Errichtung von Lehrstühlen für orientalische Sprachen an anderen europäischen Universitäten ein und förderte die Zusammenarbeit islamischer und christlicher Theologen.

1315 wurde Ramon Lull auf einer Reise nach Algerien von einer wütenden Menschenmenge gesteinigt und schwer verletzt nach Mallorca zurück gebracht, wo er ein Jahr später starb. Kurz nach seinem Tod setzte die katholische Inquisition verschiedene Schriften Lulls auf den Index der verbotenen Bücher. Ramon Lull wurde verdächtigt, die christliche Theologie ’mit notwendigen Gründen’ rational beweisen und dadurch den Glauben abschaffen zu wollen. Auf Mallorca wird er wegen seines Romans “Blanquerna” als Begründer der katalanischen Sprache verehrt, so wie Luther mit seiner Bibelübersetzung in Deutschland als Begründer der hochdeutschen Sprache angesehen wird. Raimundus Lullus wurde von Papst Pius IX. selig gesprochen…

Die Weisen aus dem Morgenland – Kaspar

Müde legte Kaspar die Harfe aus der Hand, doch seine Melodie klang noch im Gewölbe über der großen Halle der alten Schule nach. Es war schon spät, zu spät für Harfenspiel und Gesang, Zeit für Kaspar, ins Bett zu gehen. Morgen würde er diesen Ort verlassen, der seit dem Tag seiner Geburt seine Heimat war. Er würde fort gehen und wahrscheinlich nie zurück kehren.

Siebzehn Jahre war Kaspar hier in Metapont Schüler und Gast in der Philosophieschule gewesen. Phytagoras selbst, der Meister, war schon durch diese Hallen gegangen – eine Tatsache, die Kaspar immer wieder mit Ehrfurcht erfüllte, wenn er auf die alten Steine trat. Obwohl der Meister nun schon vor einem halben Jahrtausend gestorben war, trafen sich die Anhänger seiner Lehre noch immer hier und forschten nach den verborgenen Harmonien in der Natur und in der Kunst, in der Mathematik und in der Musik, in der Beschreibung des Himmels und der Sterne, in der Architektur sowie in der Beschreibung des menschlichen Körpers.

In den Harmonien und Rhythmen der Dinge verborgen waren die Zahlen. Die Maße, die Zahlen und ihre Verhältnisse zueinander bestimmten Natur und Kunst, Harmonie und Schönheit. Besonders deutlich war das in der Musik: Der Ton, den eine Saite erzeugte, harmoniert perfekt mit dem, den die Hälfte der Saite erzeugt. Erklingen sie gemeinsam, kann das Ohr sie nicht unterscheiden… Ebenso war es mit dem Ton des dritten Teils der Saite und mit dem Vierten. Interessante Akkorde entstehen, wenn Saiten erklingen, deren Längen in einem einfachen Verhältnis zueinander standen, etwa die Terz, die Quarte, die Quinte. Wenn die Längen der Saiten in einem komplizierteren Verhältnis zueinander standen, erzeugten die Saiten Missklänge, Disharmonien, die dem Zuhörenden in den Ohren schmerzten…

Ebenso waren die Maße und Zahlen der Planeten, der wandernden Sterne am Himmel, perfekt aufeinander abgestimmt: Mond, Merkur, Venus, Sonne, Mars, Jupiter und Saturn bewegen sich vor den Sternzeichen des Tierkreises, und gemeinsam bilden sie die Noten einer Melodie, eines göttlichen Sphärenklanges, der – für uns unhörbar – den Himmel und die Erde erfüllt und das Universum am Leben erhält.

Mit großem Staunen hatte Kaspar als Kind den Erklärungen seiner Lehrer gelauscht, hatte selbst mit Leier und Monochord zu experimentieren begonnen, Geometrie und Arithmetik studiert und zuletzt mit der Astronomie, der Erforschung der Gesetze des Himmels begonnen. In dieser Zeit hatte er erfahren, dass er ein Findelkind war, dass er eines Morgens vor der Tür der Philosophieschule gelegen hatte, zugedeckt mit einem dünnen Tuch in einem Körbchen aus geflochtener Weide.

Die Philosophen haben ihn aufgenommen, haben eine Amme für ihn gesucht, und als er körperlich dazu in der Lage war, wurde er ein Bewohner ihres Hauses. Wer in Wahrheit seine Eltern waren, hat niemals jemand erfahren. Kaspar hatte dunkle Augen und schwarze Haare, und seine Gesichtszüge, die noch markanter wurden, jetzt, als er an der Schwelle zum Mannesalter stand, legten nahe, dass seine Eltern aus Persien kamen, vielleicht durchreisende Händler waren oder sogar Gesandte des persischen Königs auf dem Heimweg aus Rom…

Es machte Kaspar nichts aus, dass er fast nur von Männern umgeben war und nur selten eine Frau zu Gesicht bekam; es machte ihm nichts aus, dass er viel arbeiten musste und niemals allein für sich war – aber er wurde all die Jahre das Gefühl nicht los, dass er nicht wirklich hier hin gehörte. Es gab außer ihm keine anderen Kinder in seiner näheren Umgebung. Schon immer hatte eine Art Einsamkeit ihn geplagt, mitten unter den Menschen, die um ihn waren, fühlte er sich verloren und fremd. Doch seit er die Geschichte seiner geheimnisvollen Ankunft in der Philosophenschule erfahren hatte, wurde dieses Gefühl mächtiger und schmerzhafter in ihm.

Es war, als ob seine Sehnsucht einen Nachhall zwischen den Sternen gefunden hätte, denn die Forschungen Kaspars zeigten nun unerwartete und überraschende Ergebnisse: Die Harmonien der Planetenläufe zeigten mit einem starken, gewaltigen, den ganzen Himmel umfassenden Akkord ein besonderes Ereignis im Osten an, in einem Land am östlichen Ende des Mittelmeers… Selbst der Angelpunkt des Kosmos schien in Bewegung geraten zu sein, denn die Punkte, in denen der Weg der Sonne im Jahreskreis den Äquator des Himmels überschritt, sie bewegten sich, und am Jahresanfang stand die Sonne nun nicht mehr im Zeichen des Steinbocks, sondern im Zeichen der Fische… und dieses Sternzeichen stand seit alter Zeit als Symbol für das jüdische Land.

Darum musste Kaspar gehen und seine Stadt verlassen, die ihm nie wirklich Heimat war. Vielleicht würde er sie in der Fremde finden, auf dem Weg nach Jerusalem?

Die Weisen aus dem Morgenland – Melchior

Mürrisch schritt Melchior die Stufen hinauf. Er erreichte die obere Etage der Kasbah, des alten Gasthofes am Rande der Stadt. Er hatte dieses Haus ausgesucht, weil es so traditionell aussah, richtig schön altmodisch: Die Wände waren aus Lehm und Stroh gefertigt und mit strahlend weißer Farbe bemalt, in den Ecken konnte man noch die Fingerabdrücke der Männer sehen, die vor acht oder neun Jahrzehnten diese Mauern errichtet hatten. Im Innenhof roch es nach Kamelen und Gewürzen, nach dem Stroh, mit dem der Boden bedeckt war, und nach den Bla Halefa-Datteln, mit denen man hier immer noch wie schon vor tausend Jahren die Kamele fütterte.

Vom Dach der Kasbah aus konnte Melchior die niedrigen Dächer der umliegenden Hütten überblicken. Auf vielen Dächern waren kleine Lehmöfen aufgebaut worden, in denen die Leute die Hirse für ihr Couscous kochten, der Duft von vielen kleinen Feuern erfüllte hier oben die Luft, während die Abenddämmerung langsam der Dunkelheit wich. Hier draußen vor der Stadt wohnten die Armen, die einfachen Leute, und bei ihnen hausten auch die Fremden, die Reisenden, die ebenso wenig hier heimisch waren wie sie. „Wir sind nicht in der Welt zu Haus, wir sind geboren aus dem Feuer der Sterne, und dort hin kehren wir am Ende zurück.“ Diesen Satz hatte sein Lehrer ihm wieder und wieder gesagt, bis er ihn im Schlaf sagen konnte. Im Laufe der Jahrzehnte war dieser Satz sein Glaubensbekenntnis geworden, aus diesen Worten konnte er Kraft ziehen, Trost finden, wenn er wieder das Gefühl hatte, dass der Wirbel der Welt um ihn herum seine Sinne verwirrte und ihm seine Seele raubte. Manchmal weckte ihn in der Nacht die Sehnsucht nach dieser wahren Heimat, und dann trat er hinaus in das Dunkel und tröstete sich dort, indem er die einsame Stille genoß…

Inzwischen war es Nacht geworden, und Melchior konnte die Sterne über sich sehen. Seit langen Ewigkeiten standen sie da, niemals hatte sich etwas geändert an den Bildern und Mustern, die sie mit ihrem Sternenfeuer an den Himmel malten. Schon die Väter seiner Großväter hatten sie so gesehen, den uralten Ahnen hatten sie auf ihren Wegen geleuchtet und die Richtung gewiesen. Für Melchior waren die Sterne ein Zeichen geworden, welches ihm immer wieder versicherte, dass die Zeit den wirklich wichtigen Dingen nichts anhaben konnte, dass diese ewig und unveränderlich waren und blieben.

Doch dann – vor einigen Wochen – war dieser Neue Stern erschienen. Melchior misstraute allem Neuen, allem, was sich noch nicht bewährt hatte, das seine Qualität noch nicht unter Beweis stellen konnte. Wenig Verlass war auf das Neue, das sein Vertrauen noch nicht verdient hatte.

Dieser Stern aber, das war ihm sofort klar geworden, als er ihn zum ersten Mal sah, dieser Stern war anders, nicht einfach nur etwas Neues am Himmel, so wie die Kometen, die von Zeit zu Zeit erschienen und wieder vergingen, nicht wie die Meteore, die wie himmlischer Flitter aufleuchteten und sofort wieder verschwanden. Dieser Neue Stern war in gewisser Weise älter und würdiger als alles andere, was da am Himmel leuchtete, denn dieser Stern war vor allen anderen, auch wenn er – Melchior – ihn jetzt erst entdeckt hatte; und das, was der Neue Stern zu verkünden hatte, würde immer noch da sein nach dem Ende der Zeit, wenn selbst die ewigen Sterne nur noch erloschener Staub und kalte Asche waren und eine verblassende Erinnerung in dem Gedächtnis der Ahnen. Er war das Sternenfeuer, aus dem alles kam, was eine Seele hatte; er war der Anfang und das Ende des Lebens, die Heimat aller Menschenkinder und aller Himmelsgeborenen…

Melchior hat beschlossen, diesem Stern zu folgen, zu sehen, wohin er wandert und was er ihm zeigen wird. Vor drei Wochen hat er sich auf den Weg gemacht, den Nil entlang, vorbei an den alten Pyramiden, in denen die Pharaonen begraben lagen, die man einmal Söhne des Himmels genannt hatte, bis nach Alexandria, der Stadt, die jetzt die Römer beherrschten, der Stadt, die so laut und verwirrend für den alten Weisen aus der Tiefe Afrikas ist, dass sie ihm immer wieder bis in die Seele verstört. Gold hat er mitgenommen, das rote Blut und die leuchtenden Tränen der Erde, das Älteste und Wertvollste, das er besaß. An seinem Ziel, wenn er dem ewigen Himmelslicht begegnen wird, wird er es IHM schenken…

Die Weisen aus dem Morgenland – Balthasar

Manche Sterne suchten sich jeden Tag an einem anderen Platz am Himmel. Die meisten Sterne gehörten zwar zu den altbekannten Bildern, die die Astronomen am Himmel erkannt hatten, zu dem Löwen, dem Steinbock, den Fischen, zu Gilgamesch, dem großen Jäger, oder zu Astarte, der Jungfrau des Himmels. Diese Sterne erschienen jeden Abend wieder an der gleichen Stelle: Aldebaran, Deneb, Al-Tahir, Sirius, Beteigeuze, Zuben-el-dschenubi; auf sie konnte man sich verlassen, sie waren in ihrer stetigen Treue ein Zeichen der sicheren Gesetze des Himmels. Aber einige Himmelslichter gab es, die zwischen den Sternen ihre Bahnen zogen, die wanderten, ruhelos wie die Nomaden draußen in der Wüste, jeden Tag rückten sie ein Stück weiter auf ihrem Weg durch die Zeichen des Tierkreises. Manche wanderten schnell, Venus und Mars, waren schon am nächsten Tag einen Finger breit voran gekommen, andere wanderten langsam, man merkte es erst nach Wochen genauester Beobachtung, dass auch sie zu den wandernden Sternen gehörten, Jupiter und Saturn…

Und manchmal zogen sie ihre Schleifen, hielten an, wanderten ein paar Wochen sogar rückwärts auf ihrer Bahn, um dann auf einmal wieder schnell voran zu eilen, als wollten sie durch doppelte Geschwindigkeit ihren Fehler wieder gut machen…

Jeden Abend, wenn das Wetter es erlaubte, zeichnete Balthasar sorgfältig ihre Positionen auf, führte die alten Listen weiter, die schon Generationen von Astronomen und Sterndeutern vor ihm begonnen und gewissenhaft fortgeführt hatten, zuletzt sein Großvater und sein Vater, der schließlich ihm selbst, Balthasar, den Schlüssel zu dem hohen Turm der Sternwarte überreicht hatte. Mit der Position des königlichen Astrologen hatte er nun auch die Pflichten übernommen, die Positionen der Planeten zu beobachten und, wenn möglich, ihre Bahnen im Voraus zu berechnen, „damit kein Chaos entstehe am Himmel und Tod und Verderben über das große Reich Babylon bringe…“ Denn was im Himmel geschieht, hinterlässt seine Spuren auch auf der Erde. An den Sternen konnte man oft eine Hungersnot, ein Unwetter, einen Krieg schon im Voraus ablesen; man konnte auch sehen, wenn ein neuer König geboren wurde oder ein mächtiger Herrscher starb; man konnte es sehen, wenn man Weisheit hatte, die Zeichen zu deuten, konnte wie in einem Buch lesen, wenn eine Weltmacht zu großen Taten aufbracht oder ein Großreich seinem Ende entgegen ging…

Babylon, das große Reich, gab es nun schon lange nicht mehr, über das Land zwischen Euphrat und Tigris regierten nun die Römer, doch die alten Listen wurden trotzdem überall im Land fortgeführt und weiter geschrieben von Magiern, Gelehrten, Priestern und Weisen, von Menschen wie Balthasar…

Aber nun geschah etwas Seltsames, etwas Neues, was noch niemals vorher geschehen war: Balthasar hatte es zuerst nicht glauben wollen, hatte dreimal nachgerechnet: Die Spur der Venus, die Bahn des Mars und der Weg des Jupiter werden sich kreuzen, noch in diesem Jahr, und sie werden sich nicht nur einmal überschneiden. Weil in den nächsten Monaten alle drei Planeten fast gleichzeitig ihre Schleifenbewegung ausführen müssen, werden sie sich dreimal begegnen, dreimal in einem Jahr so nahe beieinander stehen, dass man sie beinahe für einen großen, hellen Stern im Westen halten könnte. Das gab es so noch nie zuvor, und es war ein Zeichen, dass viel zu deutlich war, als dass man es einfach unbeachtet lassen könnte. Hier wurde nicht einfach ein König geboren. Hier zeigten die Sterne, dass ein Stück vom Himmel selbst auf die Welt kommen wird, dass ein Gott geboren wird unter den Menschen. Aber – wo? Das zu sehen war unmöglich für Balthasar, er wusste es nicht, und selbst die Sterne schwiegen für ihn, den Weisen aus dem Morgenland…

Darum hat Balthasar seine Reisesachen gepackt und ist bereit, sich auf einen Weg zu machen. Er kann nicht länger in Babylon bleiben, er muss nach Westen reisen, um selbst herauszufinden, was die Sterne dort den Menschen sagen wollen, und welche Bedeutung dieses Zeichen hat. Ein weiter und gefährlicher Weg wartet auf ihn und seine kleine Karawane. Wenig nimmt er mit, nur das Nötigste zum Leben für sich und seine Freunde. Und dazu eine Kiste mit dem kostbaren Weihrauch, den er von seinem Großvater geerbt hatte, den will er am Ziel seiner Reise verschenken, wenn sich die Gelegenheit bietet, um damit Gott unter den Menschen zu begrüßen.