Throwback Thursday

Wayback

Seit einiger Zeit ist es üblich geworden, dass Leute am Donnerstag Erinnerungen ins Internet stellen… Heute will ich das auch einmal tun. Ich habe nämlich auf meinem Rechner ein bisschen aufgeräumt und dabei auch ein paar alte Links gelöscht.

Den zur „Wayback Machine“ werde ich aber aufheben. Hinter diesem Link verbirgt sich ein riesiges Archiv von Internetseiten aus dem vergangenen Jahrzehnt. Irgendwo muss irgendjemand unglaublich viele Festplatten übrig gehabt haben und sich gedacht haben: „Hey, ich lade mal eben das ganze Internet runter und speichere das hier ab…“

Das Internet vergisst nichts; das wird einem beim Nutzen der Wayback Machine schnell klar; darum sollte man immer vorsichtig sein, was man der Cloud oder dem Netz anvertraut…

Andererseits bewahrt es auch wundervolle Erinnerungen auf. Das da oben ist ein Ausschnitt aus meinem Blog, das ich ab 2007 bei Blog.De geführt habe – schon damals mit dem Mandelbrot-Fractal, wie man sieht. Ein paar meiner allerliebsten Freundinnen und Freunde habe ich da gefunden. Inzwischen gibt es Blog.De nicht mehr, und die wundervolle Gemeinschaft, die es da gab, hat sich zu wordpress nicht wirklich hinüber retten können.

Nichts ist für immer… Aber über die Entdeckung habe ich mich heute doch sehr gefreut… Jetzt gehe ich mal lesen, was ich vor zehn Jahren so alles geschrieben habe.

Buchvorstellung: Fabian Vogt: 2017 – Die neue Reformation

Fabian Vogt:

2017 – Die neue Reformation

adeo-Verlag 2012, 348 Seiten, 16,95 €

Wir schreiben das Jahr 2042. Christian van Haewen blickt zurück auf die „neue Reformation“, die er im Herbst 2017 anführte. Mit 95 verwegenen Thesen, die er via Internet verbreitete, wollte er die Kirche herausfordern, einen Neuanfang zu wagen. Doch er hätte nie gedacht, dass sich daraus eine Bewegung entwickeln würde, die die religiöse Landschaft der ganzen Welt umkrempelt.

Aus einer Schnapsidee heraus reift der Plan, die träge und verstaubte Kirche aufzurütteln: Wie wäre es, wenn Gottesdienste wieder lebensnah, aufregend und ansprechend würden? Wenn nicht nur die Pfarrerinnen und Pfarrer das Sagen hätten, wenn statt dessen das Priestertum aller Gläubigen in der Kirche ernsthaft gelebt würde? Wenn die Wahrheiten Jesu in ihr wichtiger wären als Tradition und der Geist Gottes kräftiger wäre als das Beharrungsvermögen festgefahrener Struktur? Wie wäre es, wenn die Kirche wieder in der frischen, kraftvollen Sprache der „normalen“ Menschen von der Schönheit und der Liebe Gottes spräche?

Eine Gruppe junger Christen nutzt Internet, neue Medien und alle Möglichkeiten moderner Kommunikation, um diesen Gedanken unter die Menschen zu bringen: Die Kirche muss wieder reformiert werden. Fünfhundert Jahre nach Martin Luther ist es Zeit für einen neuen Anfang.

Doch schon 25 Jahre später scheint auch dieser neue Aufbruch fest-gefahren zu sein. Christian van Haewen fragt sich, ob das, was er die ganze Zeit lang getrieben hat, wirklich von Gott gewollt war. Auch die „Lebendige Kirche“ erstarrt in leeren Formeln. Und den „Reformator“ von 2017 plagen Zweifel.

Geradezu überstürzt macht er sich auf den Weg in die Türkei, um dort auf den Spuren des Paulus nach Antworten zu suchen. Er trifft einen alten Freund und findet eine neue, zarte Liebe zu der Frau, die die beiden Männer auf ihrer Reise begleitet. Aber er gerät auch in Lebensgefahr, denn mit seinen revolutionären Ideen hat er sich auch viele Feinde gemacht. Und am Ende ist unklar, ob Christian jemals wieder nach Deutschland zurückkehren wird.

Dieses Buch ist nicht nur ein Traum von dem, was sein könnte, wenn junge Christen ein bisschen mutiger wären. Dieses Buch ist ein Aufruf zu einer engagierten Diskussion in der Kirche und zu der Einsicht: Kirche – das sind wir. Und wird sind mit verantwortlich für das, was in ihr geschieht.

Ein mitreißender, leidenschaftlicher Roman über die Zukunft des Glaubens und der Kirche.

Der Heilige von Mallorca

Er war jung und schön und reich; er liebte es, zu provozieren und ging keinem Skandal aus dem Weg. Er hatte Freude an schönen Frauen und ausschweifenden Parties, und zu den beliebten “Clubs” auf Mallorca musste er nicht weit reisen, weil er schon dort auf der Insel geboren wurde: im Jahre 1235… Ramon Lull war Sänger, Dichter und Liebling der Damen am Hofe des spanischen Königs Jacob I. von Aragón. Der König war dem Vater des jungen Tunichtguts verpflichtet, weil der als Soldat bei der Eroberung Mallorcas aus den Händen der Sarazenen geholfen hatte; und Ramon wurde der Hauslehrer des Prinzen, der später als Jakob II. König von Mallorca wurde.

Als Ramon etwa dreißig Jahre alt war, machte er aber eine einschneidende Erfahrung: Er verliebte sich – obwohl er selbst inzwischen verheiratet war und Vater zweier Kinder – in die Reize einer schönen Frau, Senyora Ambrosia de Castello, die mit einem reichen Genueser Edelmann verheiratet war. Er bedrängte die Frau mit seinen Liebesschwüren, ritt einmal sogar mit dem Pferd in die Kathedrale von Palma, um die Ersehnte zu beeindrucken… In ihrer Verzweiflung wandte sie sich ihm zu, öffnete ihr Gewand und zeigte ihm ihre von Krebs zerfressene Brust: “Ich bin eine Ausgestoßene der Liebe, mein Geliebter ist der Tod!”

Dieses Erlebnis hat ihn anscheinend so schockiert, dass er sich von seiner Frau, seinen Kindern und seinem skandalösen Lebensstil verabschiedete und auf eine Wallfahrt nach Santiago de Compostela ging… Von da an fühlte er sich zum religiösen Leben berufen.

Zurück auf Mallorca, begann er mit dem Studium der Theologie, lernte Latein, Arabisch und Hebräisch und entwickelte den Plan, mit überzeugenden Vernunftargumenten Juden und Muslime zum Christentum zu bekehren, um die blutigen Glaubenskriege im Mittelmeer zu beenden.

Mit logischen und mathematischen Methoden wollte Raimundus Lullus, wie er sich jetzt nannte, die Existenz Gottes und die Wahrheit der christlichen Glaubenssätze beweisen. Er glaubte, dass in jedem Teilbereich der Wissenschaft, auch in der Theologie, einige wenige einfache, grundlegende Prinzipien enthalten sind; und indem alle möglichen Kombinationen dieser Prinzipien erforscht werden, kann man alles Wissen, das der Menschheit überhaupt zugänglich ist, darstellen und beschreiben. So werden dem forschenden Denken alle Strukturen der Wahrheit erkennbar und man erlangt universelles Wissen, auch über die Gottheit.

Mit einer Art “Computer” aus Pappe entwickelte er ein System, das ihm helfen sollte, alle überhaupt nur möglichen Fragen zu stellen. Dann schrieb er ein Buch, die “Ars Magna”, die „Große Kunst“, in dem er begann, diese Fragen der Reihe nach zu beantworten… Er war selbst davon überzeugt, dass dieses Buch das wichtigste Buch der Welt (nach der Bibel vielleicht) und das Ende aller theologischen Streitigkeiten sein würde, da nun vollständig alle denkbaren Fragen von Menschen mit den Mitteln vernünftigen Denkens erkannt und beantwortet werden können.

Der “Computer” besteht im wesentlichen aus mehreren, verschieden großen Pappscheiben (manchmal nur drei, manchmal sogar sieben), die am Rand mit Symbolen bedeckt sind, die für die großen, grundlegenden Themen der Theologie und der Philosophie stehen. Auf der innersten Scheibe stehen die „absoluten Prinzipien“, die Eigenschaften Gottes: Größe, Güte, Ewigkeit, Weisheit, Ehre – und so fort. Auf dem nächstgrößeren Rad stehen die „relativen Prinzipien“, die Eigenschaften der irdischen Dinge: Begrenztheit, Gleichheit, Verschiedenheit und andere. Die dritte Scheibe enthält die Symbole für die verschiedenen Beziehungen, die die Dinge zueinander haben können, die vierte die unterschiedlichen Sachverhalte, nach denen gefragt weden kann… In ihrem gemeinsamen Mittelpunkt sind die Pappscheiben so zusammen gesteckt, dass man sie aufeinander drehen kann, und man kann nun durch einfaches Drehen der Scheiben Fragen erzeugen wie: Kann Gott die Welt aus dem Nichts heraus erschaffen? Kann ein Engel etwas bereuen? Wenn eine Schwangere stirbt, kann ihr ungeborenes Kind in den Himmel kommen? Wohin geht die Kälte, wenn ein Stein erwärmt wird? Was war vor dem Anfang der Ewigkeit?

In seinem Buch: „Der Baum der Wissenschaft“ stellt Lullus über 4000 Fragen dieser Art. Manchmal beantwortet er sie, oft aber überläßt er es auch dem Verstand seiner Leserinnen und Leser, darüber zu meditieren und aus eigener Kraft zu forschen.

Mit seiner “großen Kunst” und vielen anderen Büchern, die ähnliche Gedanken erläuterten, wurde Raimundus Lullus in ganz Europa berühmt. Er lehrte an der Universität in Paris, setzte sich für die Errichtung von Lehrstühlen für orientalische Sprachen an anderen europäischen Universitäten ein und förderte die Zusammenarbeit islamischer und christlicher Theologen.

1315 wurde Ramon Lull auf einer Reise nach Algerien von einer wütenden Menschenmenge gesteinigt und schwer verletzt nach Mallorca zurück gebracht, wo er ein Jahr später starb. Kurz nach seinem Tod setzte die katholische Inquisition verschiedene Schriften Lulls auf den Index der verbotenen Bücher. Ramon Lull wurde verdächtigt, die christliche Theologie ’mit notwendigen Gründen’ rational beweisen und dadurch den Glauben abschaffen zu wollen. Auf Mallorca wird er wegen seines Romans “Blanquerna” als Begründer der katalanischen Sprache verehrt, so wie Luther mit seiner Bibelübersetzung in Deutschland als Begründer der hochdeutschen Sprache angesehen wird. Raimundus Lullus wurde von Papst Pius IX. selig gesprochen…

Die Weisen aus dem Morgenland – Kaspar

Müde legte Kaspar die Harfe aus der Hand, doch seine Melodie klang noch im Gewölbe über der großen Halle der alten Schule nach. Es war schon spät, zu spät für Harfenspiel und Gesang, Zeit für Kaspar, ins Bett zu gehen. Morgen würde er diesen Ort verlassen, der seit dem Tag seiner Geburt seine Heimat war. Er würde fort gehen und wahrscheinlich nie zurück kehren.

Siebzehn Jahre war Kaspar hier in Metapont Schüler und Gast in der Philosophieschule gewesen. Phytagoras selbst, der Meister, war schon durch diese Hallen gegangen – eine Tatsache, die Kaspar immer wieder mit Ehrfurcht erfüllte, wenn er auf die alten Steine trat. Obwohl der Meister nun schon vor einem halben Jahrtausend gestorben war, trafen sich die Anhänger seiner Lehre noch immer hier und forschten nach den verborgenen Harmonien in der Natur und in der Kunst, in der Mathematik und in der Musik, in der Beschreibung des Himmels und der Sterne, in der Architektur sowie in der Beschreibung des menschlichen Körpers.

In den Harmonien und Rhythmen der Dinge verborgen waren die Zahlen. Die Maße, die Zahlen und ihre Verhältnisse zueinander bestimmten Natur und Kunst, Harmonie und Schönheit. Besonders deutlich war das in der Musik: Der Ton, den eine Saite erzeugte, harmoniert perfekt mit dem, den die Hälfte der Saite erzeugt. Erklingen sie gemeinsam, kann das Ohr sie nicht unterscheiden… Ebenso war es mit dem Ton des dritten Teils der Saite und mit dem Vierten. Interessante Akkorde entstehen, wenn Saiten erklingen, deren Längen in einem einfachen Verhältnis zueinander standen, etwa die Terz, die Quarte, die Quinte. Wenn die Längen der Saiten in einem komplizierteren Verhältnis zueinander standen, erzeugten die Saiten Missklänge, Disharmonien, die dem Zuhörenden in den Ohren schmerzten…

Ebenso waren die Maße und Zahlen der Planeten, der wandernden Sterne am Himmel, perfekt aufeinander abgestimmt: Mond, Merkur, Venus, Sonne, Mars, Jupiter und Saturn bewegen sich vor den Sternzeichen des Tierkreises, und gemeinsam bilden sie die Noten einer Melodie, eines göttlichen Sphärenklanges, der – für uns unhörbar – den Himmel und die Erde erfüllt und das Universum am Leben erhält.

Mit großem Staunen hatte Kaspar als Kind den Erklärungen seiner Lehrer gelauscht, hatte selbst mit Leier und Monochord zu experimentieren begonnen, Geometrie und Arithmetik studiert und zuletzt mit der Astronomie, der Erforschung der Gesetze des Himmels begonnen. In dieser Zeit hatte er erfahren, dass er ein Findelkind war, dass er eines Morgens vor der Tür der Philosophieschule gelegen hatte, zugedeckt mit einem dünnen Tuch in einem Körbchen aus geflochtener Weide.

Die Philosophen haben ihn aufgenommen, haben eine Amme für ihn gesucht, und als er körperlich dazu in der Lage war, wurde er ein Bewohner ihres Hauses. Wer in Wahrheit seine Eltern waren, hat niemals jemand erfahren. Kaspar hatte dunkle Augen und schwarze Haare, und seine Gesichtszüge, die noch markanter wurden, jetzt, als er an der Schwelle zum Mannesalter stand, legten nahe, dass seine Eltern aus Persien kamen, vielleicht durchreisende Händler waren oder sogar Gesandte des persischen Königs auf dem Heimweg aus Rom…

Es machte Kaspar nichts aus, dass er fast nur von Männern umgeben war und nur selten eine Frau zu Gesicht bekam; es machte ihm nichts aus, dass er viel arbeiten musste und niemals allein für sich war – aber er wurde all die Jahre das Gefühl nicht los, dass er nicht wirklich hier hin gehörte. Es gab außer ihm keine anderen Kinder in seiner näheren Umgebung. Schon immer hatte eine Art Einsamkeit ihn geplagt, mitten unter den Menschen, die um ihn waren, fühlte er sich verloren und fremd. Doch seit er die Geschichte seiner geheimnisvollen Ankunft in der Philosophenschule erfahren hatte, wurde dieses Gefühl mächtiger und schmerzhafter in ihm.

Es war, als ob seine Sehnsucht einen Nachhall zwischen den Sternen gefunden hätte, denn die Forschungen Kaspars zeigten nun unerwartete und überraschende Ergebnisse: Die Harmonien der Planetenläufe zeigten mit einem starken, gewaltigen, den ganzen Himmel umfassenden Akkord ein besonderes Ereignis im Osten an, in einem Land am östlichen Ende des Mittelmeers… Selbst der Angelpunkt des Kosmos schien in Bewegung geraten zu sein, denn die Punkte, in denen der Weg der Sonne im Jahreskreis den Äquator des Himmels überschritt, sie bewegten sich, und am Jahresanfang stand die Sonne nun nicht mehr im Zeichen des Steinbocks, sondern im Zeichen der Fische… und dieses Sternzeichen stand seit alter Zeit als Symbol für das jüdische Land.

Darum musste Kaspar gehen und seine Stadt verlassen, die ihm nie wirklich Heimat war. Vielleicht würde er sie in der Fremde finden, auf dem Weg nach Jerusalem?

Die Weisen aus dem Morgenland – Melchior

Mürrisch schritt Melchior die Stufen hinauf. Er erreichte die obere Etage der Kasbah, des alten Gasthofes am Rande der Stadt. Er hatte dieses Haus ausgesucht, weil es so traditionell aussah, richtig schön altmodisch: Die Wände waren aus Lehm und Stroh gefertigt und mit strahlend weißer Farbe bemalt, in den Ecken konnte man noch die Fingerabdrücke der Männer sehen, die vor acht oder neun Jahrzehnten diese Mauern errichtet hatten. Im Innenhof roch es nach Kamelen und Gewürzen, nach dem Stroh, mit dem der Boden bedeckt war, und nach den Bla Halefa-Datteln, mit denen man hier immer noch wie schon vor tausend Jahren die Kamele fütterte.

Vom Dach der Kasbah aus konnte Melchior die niedrigen Dächer der umliegenden Hütten überblicken. Auf vielen Dächern waren kleine Lehmöfen aufgebaut worden, in denen die Leute die Hirse für ihr Couscous kochten, der Duft von vielen kleinen Feuern erfüllte hier oben die Luft, während die Abenddämmerung langsam der Dunkelheit wich. Hier draußen vor der Stadt wohnten die Armen, die einfachen Leute, und bei ihnen hausten auch die Fremden, die Reisenden, die ebenso wenig hier heimisch waren wie sie. „Wir sind nicht in der Welt zu Haus, wir sind geboren aus dem Feuer der Sterne, und dort hin kehren wir am Ende zurück.“ Diesen Satz hatte sein Lehrer ihm wieder und wieder gesagt, bis er ihn im Schlaf sagen konnte. Im Laufe der Jahrzehnte war dieser Satz sein Glaubensbekenntnis geworden, aus diesen Worten konnte er Kraft ziehen, Trost finden, wenn er wieder das Gefühl hatte, dass der Wirbel der Welt um ihn herum seine Sinne verwirrte und ihm seine Seele raubte. Manchmal weckte ihn in der Nacht die Sehnsucht nach dieser wahren Heimat, und dann trat er hinaus in das Dunkel und tröstete sich dort, indem er die einsame Stille genoß…

Inzwischen war es Nacht geworden, und Melchior konnte die Sterne über sich sehen. Seit langen Ewigkeiten standen sie da, niemals hatte sich etwas geändert an den Bildern und Mustern, die sie mit ihrem Sternenfeuer an den Himmel malten. Schon die Väter seiner Großväter hatten sie so gesehen, den uralten Ahnen hatten sie auf ihren Wegen geleuchtet und die Richtung gewiesen. Für Melchior waren die Sterne ein Zeichen geworden, welches ihm immer wieder versicherte, dass die Zeit den wirklich wichtigen Dingen nichts anhaben konnte, dass diese ewig und unveränderlich waren und blieben.

Doch dann – vor einigen Wochen – war dieser Neue Stern erschienen. Melchior misstraute allem Neuen, allem, was sich noch nicht bewährt hatte, das seine Qualität noch nicht unter Beweis stellen konnte. Wenig Verlass war auf das Neue, das sein Vertrauen noch nicht verdient hatte.

Dieser Stern aber, das war ihm sofort klar geworden, als er ihn zum ersten Mal sah, dieser Stern war anders, nicht einfach nur etwas Neues am Himmel, so wie die Kometen, die von Zeit zu Zeit erschienen und wieder vergingen, nicht wie die Meteore, die wie himmlischer Flitter aufleuchteten und sofort wieder verschwanden. Dieser Neue Stern war in gewisser Weise älter und würdiger als alles andere, was da am Himmel leuchtete, denn dieser Stern war vor allen anderen, auch wenn er – Melchior – ihn jetzt erst entdeckt hatte; und das, was der Neue Stern zu verkünden hatte, würde immer noch da sein nach dem Ende der Zeit, wenn selbst die ewigen Sterne nur noch erloschener Staub und kalte Asche waren und eine verblassende Erinnerung in dem Gedächtnis der Ahnen. Er war das Sternenfeuer, aus dem alles kam, was eine Seele hatte; er war der Anfang und das Ende des Lebens, die Heimat aller Menschenkinder und aller Himmelsgeborenen…

Melchior hat beschlossen, diesem Stern zu folgen, zu sehen, wohin er wandert und was er ihm zeigen wird. Vor drei Wochen hat er sich auf den Weg gemacht, den Nil entlang, vorbei an den alten Pyramiden, in denen die Pharaonen begraben lagen, die man einmal Söhne des Himmels genannt hatte, bis nach Alexandria, der Stadt, die jetzt die Römer beherrschten, der Stadt, die so laut und verwirrend für den alten Weisen aus der Tiefe Afrikas ist, dass sie ihm immer wieder bis in die Seele verstört. Gold hat er mitgenommen, das rote Blut und die leuchtenden Tränen der Erde, das Älteste und Wertvollste, das er besaß. An seinem Ziel, wenn er dem ewigen Himmelslicht begegnen wird, wird er es IHM schenken…

Die Weisen aus dem Morgenland – Balthasar

Manche Sterne suchten sich jeden Tag an einem anderen Platz am Himmel. Die meisten Sterne gehörten zwar zu den altbekannten Bildern, die die Astronomen am Himmel erkannt hatten, zu dem Löwen, dem Steinbock, den Fischen, zu Gilgamesch, dem großen Jäger, oder zu Astarte, der Jungfrau des Himmels. Diese Sterne erschienen jeden Abend wieder an der gleichen Stelle: Aldebaran, Deneb, Al-Tahir, Sirius, Beteigeuze, Zuben-el-dschenubi; auf sie konnte man sich verlassen, sie waren in ihrer stetigen Treue ein Zeichen der sicheren Gesetze des Himmels. Aber einige Himmelslichter gab es, die zwischen den Sternen ihre Bahnen zogen, die wanderten, ruhelos wie die Nomaden draußen in der Wüste, jeden Tag rückten sie ein Stück weiter auf ihrem Weg durch die Zeichen des Tierkreises. Manche wanderten schnell, Venus und Mars, waren schon am nächsten Tag einen Finger breit voran gekommen, andere wanderten langsam, man merkte es erst nach Wochen genauester Beobachtung, dass auch sie zu den wandernden Sternen gehörten, Jupiter und Saturn…

Und manchmal zogen sie ihre Schleifen, hielten an, wanderten ein paar Wochen sogar rückwärts auf ihrer Bahn, um dann auf einmal wieder schnell voran zu eilen, als wollten sie durch doppelte Geschwindigkeit ihren Fehler wieder gut machen…

Jeden Abend, wenn das Wetter es erlaubte, zeichnete Balthasar sorgfältig ihre Positionen auf, führte die alten Listen weiter, die schon Generationen von Astronomen und Sterndeutern vor ihm begonnen und gewissenhaft fortgeführt hatten, zuletzt sein Großvater und sein Vater, der schließlich ihm selbst, Balthasar, den Schlüssel zu dem hohen Turm der Sternwarte überreicht hatte. Mit der Position des königlichen Astrologen hatte er nun auch die Pflichten übernommen, die Positionen der Planeten zu beobachten und, wenn möglich, ihre Bahnen im Voraus zu berechnen, „damit kein Chaos entstehe am Himmel und Tod und Verderben über das große Reich Babylon bringe…“ Denn was im Himmel geschieht, hinterlässt seine Spuren auch auf der Erde. An den Sternen konnte man oft eine Hungersnot, ein Unwetter, einen Krieg schon im Voraus ablesen; man konnte auch sehen, wenn ein neuer König geboren wurde oder ein mächtiger Herrscher starb; man konnte es sehen, wenn man Weisheit hatte, die Zeichen zu deuten, konnte wie in einem Buch lesen, wenn eine Weltmacht zu großen Taten aufbracht oder ein Großreich seinem Ende entgegen ging…

Babylon, das große Reich, gab es nun schon lange nicht mehr, über das Land zwischen Euphrat und Tigris regierten nun die Römer, doch die alten Listen wurden trotzdem überall im Land fortgeführt und weiter geschrieben von Magiern, Gelehrten, Priestern und Weisen, von Menschen wie Balthasar…

Aber nun geschah etwas Seltsames, etwas Neues, was noch niemals vorher geschehen war: Balthasar hatte es zuerst nicht glauben wollen, hatte dreimal nachgerechnet: Die Spur der Venus, die Bahn des Mars und der Weg des Jupiter werden sich kreuzen, noch in diesem Jahr, und sie werden sich nicht nur einmal überschneiden. Weil in den nächsten Monaten alle drei Planeten fast gleichzeitig ihre Schleifenbewegung ausführen müssen, werden sie sich dreimal begegnen, dreimal in einem Jahr so nahe beieinander stehen, dass man sie beinahe für einen großen, hellen Stern im Westen halten könnte. Das gab es so noch nie zuvor, und es war ein Zeichen, dass viel zu deutlich war, als dass man es einfach unbeachtet lassen könnte. Hier wurde nicht einfach ein König geboren. Hier zeigten die Sterne, dass ein Stück vom Himmel selbst auf die Welt kommen wird, dass ein Gott geboren wird unter den Menschen. Aber – wo? Das zu sehen war unmöglich für Balthasar, er wusste es nicht, und selbst die Sterne schwiegen für ihn, den Weisen aus dem Morgenland…

Darum hat Balthasar seine Reisesachen gepackt und ist bereit, sich auf einen Weg zu machen. Er kann nicht länger in Babylon bleiben, er muss nach Westen reisen, um selbst herauszufinden, was die Sterne dort den Menschen sagen wollen, und welche Bedeutung dieses Zeichen hat. Ein weiter und gefährlicher Weg wartet auf ihn und seine kleine Karawane. Wenig nimmt er mit, nur das Nötigste zum Leben für sich und seine Freunde. Und dazu eine Kiste mit dem kostbaren Weihrauch, den er von seinem Großvater geerbt hatte, den will er am Ziel seiner Reise verschenken, wenn sich die Gelegenheit bietet, um damit Gott unter den Menschen zu begrüßen.

Erster Advent – die Verkündigung

Die Landschaft draußen vor dem Fenster ist in mildes Abendlicht getaucht. Wie staubige Riesenbauklötze stehen die niedrigen Häuser an der Dorfstraße, und dahinter sind auf den Feldern hin gewürfelt die Hütten der Hirten zu sehen. Kinder spielen auf den Straßen. Die Nachbarin hängt Wäsche an die Leine vor ihrem Haus. In einer Vase neben dem Fenster steht ein Strauß weißer Lilien. Im Zimmer steht ein Holztisch, zwei Stühle, an der Wand noch ein Regal mit Tellern und Bechern aus gebranntem Ton. Auf einem der Stühle sitzt eine junge Frau, fast noch ein Mädchen, und sieht zum Fenster hinaus… und träumt.

Sie ist noch sehr jung; ihr ganzes Leben liegt noch vor ihr. Und sie hat so viele Pläne. Vor einigen Tagen hat sie sich verlobt. Ein guter Mann, freundlich ist er und zärtlich zu ihr. Und er weiß, was er will. Er hat die Tischlerei seines Vaters übernommen, hat sich selbst mit guter solider Arbeit einen angesehenen Namen gemacht im Ort. Nun scheint seine Zukunft gesichert, und so hat er es gewagt, um ihre Hand anzuhalten.
Mit Freude hat sie Ja gesagt…

Nun sitzt sie hier und träumt von ihrer Zukunft. Sechs oder sieben Kinder möchte sie haben, sie sieht sich als Mutter einer fröhlichen und lebhaften Familie. Sie wünscht sich kluge, starke und tüchtige Söhne; fleißige, schöne und stolze Töchter… Sie träumt davon, wie ihre Kinder mit ihr Ostern feiern werden, in zwanzig Jahren vielleicht, wie sie ein gebratenes Lamm teilen werden am festlich geschmückten Tisch, sie hört schon die Reden, die ihr ältester Sohn halten wird: “Meine Frau kocht wie eine Göttin, aber doch nicht ganz so gut wie Du, Mutter…” Dann wird ihr eine stolze Röte ins Gesicht schießen, und sie wird sich schnell ihrem ersten Enkel zuwenden, der in seiner Wiege schläft und leise schnarcht, damit die anderen nicht sehen können, wie glücklich sie dieses Lob macht…

Lilie-klein

Ein Windstoß fegt durch das Fenster, weht den starken Duft der Lilien zu ihr hinein. Plötzlich scheint sich das Licht verändert zu haben, in das warme Sonnenlicht dieses Abends mischt sich plötzlich ein klarer, weißer Glanz, der den Rissen in der Wand eine beinahe unnatürliche Schärfe verleiht. Die junge Frau fühlt sich plötzlich beobachtet, als ob da noch jemand im Zimmer wäre…

Sei gegrüßt, Maria.

Mit einem Ruck dreht sie sich um, aber da ist nichts. Das Licht sticht in ihre Augen. Ob ein Sturm aufzieht? Am Himmel steht eine sehr helle, weiße Wolke, und es ist unerträglich heiß, obwohl der Wind weht…
Eine Taube fliegt vor dem Fenster vorbei, sie hört das Rascheln ihrer Flügel, weiße Federn im Wind… Noch nie, denkt sie, haben die Lilien so stark geduftet… Mit ihrer Schürze tupft sie sich den Schweiß von der Stirn…

GOtt hat dich berührt..

Auf einmal erfasst sie eine nie gekannte Unruhe, fast eine Angst… Was, wenn alles ganz anders kommt? Wenn ihre Träume zerbrechen wie ein Krug, der auf das harte Pflaster der Dorfstraße fällt? Wenn ihre Wünsche und ihre Sehnsucht vertrocknen wie der Bach, der an diesem Ort vorbei in die Wüste fließt, solange es in den Bergen taut? Was, wenn die Pläne des HÖchsten für sie andere sind? “Der Mensch erdenkt sich seinen Weg, aber der Herr allein lenkt seinen Schritt” – so hat es der Rabbi bei ihrer Verlobung gesagt…

Fürchte dich nicht. ER meint es gut mit dir.

Sie fühlt sich wie ein Sandkorn im Sturm… Alles ist auf einmal offen. So viele Jahrzehnte liegen vor ihr, aber was geschehen wird, kann sie nicht einmal ahnen. Sie kann träumen, planen, arbeiten, kämpfen für ihr Glück… aber ihr Leben ist in der Hand eines Größeren… hoffentlich!…
Und ob er es gut mit ihr meint? Meint es der Sturm gut mit dem Sandkorn, das er vor sich her treibt, es in die Ferne verwirbelt? Meint es die Sonne gut mit der Lilie, der sie Licht und Leben schenkt, solange sie sie nicht verbrennt?

Du wirst schwanger werden,
einen Sohn wirst du gebären.

Jesus soll er heißen.
Groß wird er sein,
und “Sohn des HÖchsten” wird man ihn nennen.

Unglaublich. Ich kenne noch nicht einmal einen Mann. Josef hat mich nie berührt, war mir nie SO nahe. Mein Vater, meine Brüder haben sehr auf mich geachtet. Ich bin Jungfrau. Wie sollte ich nun schwanger werden?
Und überhaupt: Ich! – Die Mutter des HErrn! Das kann nicht sein!

GOtt wird es tun. ER!
Sein Geist hat dich berührt.
Dein Kind – Man wird ihn “Sohn des HÖchsten” nennen.
Darum.
Bei IHM ist nichts unmöglich.

Ja, sagt Maria. Ich weiß. Bei IHM ist alles möglich. Was ER will, wird geschehen. Er tötet und macht lebendig, wie er will. Doch heute ist ein Teil von mir gestorben… Meine Träume, meine Wünsche, meine Pläne muss ich begraben. Aber er hat mir ein ganz anderes, neues Leben geschenkt…

Mir soll geschehen, was Du gesagt hast. Ich bin bereit. Ich werde es auf mich nehmen, werde es tragen, mein Kind. Sein Kind. Unseren Sohn…

Das Licht ändert sich wieder. Eine Taube flattert vorbei. Die Sonne geht unter. Der Wind weht jetzt kühl vom Westen her, wo das Meer liegt. Und die Lilien duften nicht mehr.
Maria ist wieder allein. Aber das Mädchen, das sie war, ist nun eine erwachsene Frau… Ganz plötzlich. Sie ist berührt von Gott.

Und unter ihrem Herzen wächst er heran. Jesus. Der Retter. Er ist da.