Türen in unserer Kirche…

Ich habe diesen Text vor zehn Jahren für einen „Glaubenskurs“ in meiner früheren Gemeinde geschrieben. Im Kirchenraum gibt es acht Türen; Eingänge und Ausgänge zu sehr unterschiedlichen Räumen und Orten. Wir sind im Kirchenraum umher gegangen und haben die Türen betrachtet. Jede hat ihren ganz eigenen Charakter, eine besondere Aufgabe, einen sehr spezifischen Sinn. So wie wir auch…

Dies ist die Haupt-Eingangs-Tür…

Sie ist groß und schwer, die meisten Leute brauchen beide Hände, um sie zu öffnen.

Sie schützt unsere Kirche, sie trennt und verbindet Außen und Innen.

Wer außen ist, ist „irgendwo“, unterwegs, am anderen Ort, aushäusig, in der Fremde.

Wer innen ist, ist im Haus Gottes, am Versammlungsort der Gemeinde, ist dort, wo die Taufe gefeiert und das Abendmahl geteilt wird.

Wenn wir Gottesdienst feiern, steht diese Tür weit offen.

Die Türklinken sind künstlerisch gestaltet und sehen aus wie Fische, wie das Symbol der ersten Christen für Jesus Christus, den Herrn und Erlöser.

Dies ist die Tür zum Kirchhof…

Sie ist eine Tür durch eine Wand aus Glas, durch die man hindurchsehen kann. Man weiß, was einen auf der anderen Seite erwartet, schon bevor man sie öffnet.

Sie führt aus der Kirche auf den Friedhof, wo die Toten ruhen und wo die Lebenden um die Toten trauern.

Wenn wir Ostern feiern, gehen die Kinder durch diese Tür, um die draußen versteckten Ostereier zu finden.

Manchmal kommen Menschen durch diese Tür in die Kirche, denen der Weg durch den Haupt-Eingang zu anstrengend ist.

Diese Tür ist gleichzeitig der Not-Ausgang, ein Fluchtweg, falls es nötig sein sollte, die Kirche schnell zu verlassen.

Diese Tür führt in die Kapelle…

Sie ist kaputt, manchmal läßt sich das Schloss nicht öffnen. Dann kann man nicht durch diese Tür gehen und muss einen Umweg durch zwei andere Türen nehmen.

Manchmal geht sie aber auch ohne Probleme auf, und wir haben noch nicht herausgefunden, wie man sie dazu „überreden“ kann.

Diese Tür ist unzuverlässig und sorgt immer wieder für Ärger – aber niemand repariert sie.

Hinter dieser Tür liegt der Raum, in dem wir die „Familienkirche“ feiern – sie ist eine Verbindung zwischen zwei verschiedenen Bereichen unserer Gemeinde-Arbeit. Wenn wir feiern, bleibt sie geschlossen, damit wir uns nicht stören

Diese Tür führt in die Kerzenkammer.

Hier werden die Kerzen gelagert, die wir im Gottesdienst anzünden, hier werden die Anzeigetafeln vorbereitet, die die Gemeinde braucht, um die Lieder im Gesangbuch zu finden, die während der Gottesdienste gesungen werden.

Hier sind auch die Sicherungskästen und die Lichtschalter für die Beleuchtung der Kirche.

Dieser Raum ist nicht für die Allgemein-heit bestimmt; hier gehen nur die Menschen hinein, die den Kirchdienst tun.

Der Raum hinter dieser Tür ist unaufgeräumt und schmuddelig.

Wenn wir Weihnachten feiern, werden hier die Kerzen angezündet, die wir an die Ge-meinde verteilen, um zu bezeugen: In ihm ist das Licht Gottes in die Welt gekommen

Dies ist die Tür zum Glockenturm…

Hinter dieser Tür gibt es eine Treppe, die nach oben führt – zur Glockenempore, von wo man die Vater-Unser-Glocke läutet; – und noch weiter hinauf in die Glockenstube, wo die vier großen Glocken hängen, und von wo man dann bis zur Spitze des Kirchturms steigen kann, wo das Kreuz ist – ich kenne aber niemanden, der dort oben schon gewesen ist. Der Weg ist gefährlich.

Hier steht immer jede Menge Kram rum: Eimer, Schaufeln, Schubkarren, Leitern…

Der Raum hinter dieser Tür ist ungemütlich und dreckig.

Diese Tür ist gleichzeitig der Not-Ausgang, ein Fluchtweg, falls es nötig sein sollte, die Kirche schnell zu verlassen.

Diese Tür führt in die Sakristei…

Hier bereiten sich die Liturgen auf den Gottesdienst vor: Sie ziehen sich um, sie beten gemeinsam, sie bereiten die Abendmahls-Geräte vor.

Nach dem Gottesdienst wird hier die Kollekte gezählt; und die Anzahl der Gemeindeglieder, die zum Gottesdienst gekommen sind wird in ein Buch eingetragen – für die Statistik. Unsere Gottesdienste sind eher schlecht besucht.

Meistens ist es unordentlich in diesem Raum; niemand fühlt sich wirklich verantwortlich für Ordnung und Sauberkeit.

Diese Tür ist gleichzeitig der Not-Ausgang, ein Fluchtweg, falls es nötig sein sollte, die Kirche schnell zu verlassen.

Hinter dieser Tür ist die Treppe,

die hinunter in den Keller der Kirche führt.

Dort sind die Toiletten, die man während der Gottesdienste benutzen kann…

Dort ist der Betriebsraum für die Heizung der Kirche.

Dort sind einige Räume, in denen zusätzliche Stühle und die Requisiten für die „besonderen“ Gottesdienste gelagert werden: Krippenspiel, Martinsfest, Erntedank, Osternacht…

Dies ist die Schwingtür, die den Gottesdienst-Raum von dem Vorraum der Kirche trennt.

Man kann sie nicht abschließen.

Sie ist groß und schwer, die meisten Leute brauchen beide Hände, um sie zu öffnen.

Sie quietscht laut, was es immer ein bisschen peinlich macht, wenn jemand zu spät zum Gottesdienst kommt: Die ganze Gemeinde bekommt es mit…

Niemand hat sie in den letzten zwei Jahren geölt. Sie quietscht aber auch, WENN man sie ölt…

Sie schützt den Kirchraum vor Kälte und Wind.

Diese Tür ist gleichzeitig der Not-Ausgang, ein Fluchtweg, falls es nötig sein sollte, die Kirche schnell zu verlassen.

Josef und der wunderbare Technicolor-Traummantel – eine Geschichte mit Happy End?

Ich mag Geschichten mit Happy End. Ich gehe gern ins Kino und kann da stundenlang mit den Protagonisten eines Films leiden und zittern, auf Reisen gehen, Abenteuer suchen; ich kann wochenlang mit den Figuren eines spannenden Romans durch das Labyrinth eines verzwickten Kriminalfalles irren oder mit den Helden aus einem Zeichentrickfilm auf fremden Planeten landen, mit Drachen oder Piraten kämpfen – wenn am Ende alles gut ausgeht, die Gerechtigkeit siegt, die Drachen gezähmt sind und die Weltraumfahrer wieder gut zu Hause angekommen, dann geht es mir gut und ich fühle mich wohl. Ich kann das Buch aus der Hand legen, und ich weiß, es ist alles in Ordnung, die Geschichte auserzählt und so zu Ende gebracht, wie es sein muss.

Ich mag Geschichten mit Happy End. Oft gibt es solche Geschichten auch in der Bibel. Selbst nach großen Katastrophen führt Gott alle Beteiligten den richtigen Weg und zu einem guten Ausgang der Geschichte. Noah geht in die Arche mit seiner Familie und den Tieren, die Gott zu ihm geführt hat, dann wird die Tür verschlossen und um die Arche herum geht die Welt unter. Alles Leben ertrinkt in der Flut. Nicht einen einzigen Ast findet der Vogel, den Noah aus der Arche entlässt. Aber dann sinkt die Flut, die Wasser verlaufen sich, und unter einem strahlenden Regenbogen beginnt Gott die Schöpfung neu…

Der Hirtenjunge David wird ein Vertrauter des Königs Saul, singt ihm wunderschöne Worte vor und weckt dem traurigen alten Mann die Lebensgeister neu. Doch als David den Goliath erschlägt, will das Volk ihn zum König machen und Saul vertreibt ihn, wird ein erbitterter Feind. David muss sich mit einer Truppe von Banditen am Rande der Wüste durchs Leben schlagen, Schutzgeld erpressen und mit anderen verlorenen Gestalten um Einfluß kämpfen. Doch als Saul stirbt, ist es David, der an der Stelle des Prinzen Jonathan zum wichtigsten König der Geschichte Israels wird.

Auch Daniel war Berater des Königs von Babylon, bis er in Ungnade fiel und wegen seiner fremden Religion angeklagt wurde. Als frommer Jude war er im babylonischen Königshof am falschen Platz. Er wird in eine Löwengrube geworfen; die hungrigen Tiere sollten ihn fressen und so das „Problem“ aus der Welt schaffen. Doch Gott achtet auf sein Gebet, und die Tiere tun ihm die ganze Nacht nichts an. Am nächsten Tag wird Daniel wieder in sein Amt eingesetzt, und die, die ihn verklagt haben, enden an seiner Stelle bei den Löwen…

Selbst Hiob verliert Haus und Hof, seine Kinder sterben und er selbst wird todkrank, aber am Ende wird ihm alles doppelt erstattet, er lebt noch viele Jahre und stirbt irgendwann reich und zufrieden.

Oft wirken Geschichten, die solch ein gutes Ende haben, unglaubwürdig und sogar ein bisschen kitschig. Viele Menschen mögen Filme oder Romane lieber, die einen offenen Ausgang haben, die die Lesenden oder Zusehenden am Schluss allein lassen mit der Frage: Was meinst Du? Wie geht es jetzt weiter? Wie stellst Du Dir ein gutes Ende dieser Geschichte vor?

Es gibt in der Bibel auch solche Geschichten mit offenem Ende. Jona zum Beispiel sitzt nach allen seinen Abenteuern vor dem Tor der Stadt Ninive und hadert mit sich selbst und klagt Gott an. Seine Predigt hat gewirkt, die Menschen in der Stadt haben sich bekehrt und Buße getan, und Jona ärgert sich darüber, dass Blitz und Schwefel ausbleiben, dass Gott die Menschen in der Stadt begnadigt hat. Nun fühlt er, der Unheilsprophet, sich übergangen und blamiert. Wie wird er sich entscheiden? Wie geht seine Geschichte zu Ende? Wir werden es nie erfahren, aber so ein offenes Ende lädt ein, den Faden aufzunehmen und die Erzählung weiter zu spinnen. Der Vorhang geht zu – und alle Fragen bleiben offen.

Solche Geschichten sind realistischer und glaubwürdiger, weil es ja auch im „echten“ Leben meistens so ist: Oft kann man gar nicht so einfach beurteilen, ob eine Episode, ein Lebensabschnitt, nun gut oder schlecht ausgegangen ist; vieles bleibt zwiespältig und unbestimmt, und ein wirkliches Ende gibt es ja in der Wirklichkeit sowieso nicht, denn bis wir sterben, geht das Leben ja immer weiter. Selbst dann erzählen andere unsere Geschichte weiter und bewerten sie nach ihrem Maßstab.

Woran könnten wir denn erkennen, ob eine Geschichte gut ausgeht? Was macht ein (vorläufiges) Ende zu einem happy end?

In den Märchen ist es einfach: da wird ein großer Goldschatz nach Hause gebracht, der Prinz findet seine Prinzessin, am Ende wird geheiratet, und danach leben sie glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende… Die Kriterien für ein gelungenes Leben sind oft einfach und auch für Kinder nachvollziehbar.

Die Bibel und viele großartige Werke der Weltliteratur differenzieren da mehr: Auch wer arm ist, kann ein gelungenes und zufrieden stellendes Leben finden. Es kommt darauf an, dass es sinnvoll ist, dass es Bedeutung hat, dass es in den großen Rahmen des Ganzen passt.

So wie Josef seine Lebensgeschichte beschreibt, sieht er Gott selbst als eine Art „Autor“ seiner Lebensgeschichte an. Der Mensch sucht sich seinen Weg, aber es ist Gott, der seine Schritte lenkt. „Ihr wolltet es böse mit mir machen, aber Gott gedachte es gut zu machen…“ – „Ihr habt euch Böses ausgerechnet gegen mich, aber Gott hat es zum Guten summiert…“ – „Er wollte tun, was heute Wirklichkeit und deutlich sichtbar wird, nämlich ein großes Volk am Leben erhalten…“

Der Erfolg Josefs zeigt sich nicht nur darin, dass er alle Widrigkeiten überlebt hat und am Ende als zweithöchster Regierungsbeamter über Ägyptens Wirtschaft regiert – es geht ihm darum, dass mit seiner Hilfe Gott selbst ein großes Volk am Leben erhält und nicht dem Hungertode überlässt.

Man könnte ja die Geschichte Josefs auch als eine Verlierergeschichte ansehen: Als Kind noch wird er, der der Liebling seines Vaters, der verträumte Mann in einem bunten Kleid, von seinen neidischen Brüdern als Sklave verkauft. Er wird nach Ägypten gebracht und arbeitet dort in dem Büro des Potiphar. Er hat Glück und steigt auf der Karriereleiter empor, bis ihm die Frau seines Dienstherren eine unschickliche Avance macht. Als er nicht darauf eingeht, wirft sie ihm sexuellen Mißbrauch vor und er wird ins Gefängnis geworfen. Erst nach vielen Jahren kann er sich wieder emporarbeiten und wirkt zuletzt als rechte Hand des Pharao. Es geht auf und ab in seinem Leben, und es ist nicht so einfach, darin eine Erfolgsgeschichte zu sehen.

„Gott aber gedachte, es gut zu machen…“ – Das ist letztlich das Glaubensbekenntnis des Josef. So sieht er selbst sein eigenes Leben an, vom Ende her gesehen erzählt er es als eine Geschichte von der Treue Gottes.

Um unser eigenes Leben zu begreifen, erzählen wir es wie eine Geschichte. Während wir von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr leben und dabei durch Leid und Freude gehen, erkennen wir Helden und Feiglinge, Bösewichte und Halunken, stolze Ritter, kluge Berater, treue Gefährten, Clowns und Zauberer, und wir erkennen, ob wir gerade Mitspieler in einem Drama oder in einer Komödie sind. Wir sehen uns selbst als Gewinner oder als Verlierer, als Menschen, die aus der Treue Gottes leben oder von ihm wieder und wieder geprüft werden. Wir sehen uns als solche, denen das Schicksal entgegen lächelt oder als solche, denen das Universum grollt. Was ist wahr?

Es ist oft nur eigene Interpretation, eigene Entscheidung, die den Rahmen setzt für das Spiel unseres Lebens. Dein eigenes Leben wird von Dir erzählt und gestaltet, Du interpretierst, was geschehen ist, und Du erzählst, wie es weiter geht. Immer ist eine unerwartete Wendung möglich.

Und das gilt nicht nur für Dein eigenes Leben, das gilt auch für die Geschichte unserer Stadt, unserer Kirche, unserer Gemeinde. So, wie wir uns unsere eigene Geschichte erzählen, so werden wir sie wahrnehmen. Unsere Gegenwart und unsere Zukunft wird davon bestimmt, wie wir die Vergangenheit interpretieren. Es ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, die sich auswirkt auf die Grundstimmung unseres Daseins und die Energie, aus der wir leben.

Gläubige Menschen schlagen einen gedanklichen Bogen über die ganze Biblische Geschichte, von der Schöpfung der ersten Menschen an bis hin zur neuen Schöpfung, wenn Gott Himmel und Erde neu macht und all die Tränen seiner Menschen trocknen wird. Gegen alle Widerstände interpretieren sie die Weltgeschichte als ein fortlaufendes Handeln Gottes, das zwar oft nicht zu verstehen, zu begreifen und kaum zu ertragen ist, das aber am Ende doch eine Geschichte des Erbarmens, der Gnade und der Liebe Gottes zu uns Menschen ist.

Eine „Heilsgeschichte“, so sagen die Theologinnen und Theologen, so sagen viele Glaubende, eine Heilsgeschichte ist, was Gott den Menschen und seiner ganzen Schöpfung bereitet. Durch die Sintflut hindurch, durch den Exodus seines heiligen Volkes aus der Gefangenschaft in Ägypten, durch die Zerstreuung über die ganze Erde und unter die Völker der Welt hindurch bis zur endgültigen Erlösung am Ende der Zeit geht seine Geschichte mit den Juden, durch den Tod und die Auferstehung Jesu hat er Leben gebracht für alle Völker der Welt und für die Menschen seines Wohlgefallens…

Auch hier bleibt die Frage – erkennen wir in der Geschichte der Menschheit die Heilsgeschichte Gottes wieder, können wir für uns sie so interpretieren, daraus Kraft und Hoffnung schöpfen trotz aller Fragen und Enttäuschungen unserer Zeit? Können wir glauben, dass hinter dem allen ein Sinn verborgen ist und das Gott der Autor dieser seltsamen und verwirrenden Geschichte ist?Können wir bekennen: „Wir haben Schuld auf Schuld gehäuft und unsere Untaten und Sünden zu den Untaten aller Menschen addiert – aber Gott hat es gut gemacht und eine gute Bilanz gezogen: am Ende wird deutlich werden, das er das Leben und ewigen Frieden ans Licht gebracht hat…“

Am Ende ist alles gut – wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende…“ diesen Spruch kann man auf Frühstücksbrettchen kaufen oder als Wand-Tattoo über sein Wohnzimmersofa kleben – vielleicht atmet dieser Satz sogar ein wenig von dem Glaubensbekenntnis des Josef, das ihm die Kraft gegeben hat, am Ende auch seinen Brüdern zu vergeben.

Ich frage mich, ob man eine solche positive, glaubensgestärkte Interpretation der eigenen Geschichte und der gemeinsamen Geschichte „lernen“ kann, ob man sich entscheiden kann, sie so oder so zu sehen. Psychologen versuchen oft, Menschen dabei zu helfen, ihr Leben anders zu bewerten. „Reframeing“ nennen sie das, als in etwa „dem Leben einen anderen Rahmen geben“. Manchmal ist es ja so, dass das gleiche Gemälde, dasselbe Foto, sehr unterschiedlich wirkt, abhängig davon, ob es wie eine Poster mit Nadeln an eine Rauhfasertapete gepinnt wird, ob es in einem kostbaren barocken Rahmen präsentiert wird oder in einem schlichten modernen Display ausgestellt ist. Der Rahmen macht, dass dasselbe Bild, dasselbe Foto, dasselbe Leben einen ganz unterschiedlichen Eindruck macht.

Können wir so den Rahmen unseres Lebens wirklich selbst wählen? Können wir uns dazu entscheiden, zu glauben, wirklich zu glauben, dass unser Leben und unser Schicksal von Gott umgeben ist, dass er es in seinen Händen hält, dass er der Autor unseres Lebens ist?

Der Apostel Paulus hat in seinem Ersten Brief an die Korinther geschrieben: „Am Ende bleiben Glauben, Hoffnung und Liebe; und die Liebe ist die größte unter ihnen…“ Alle drei sind Geschenke Gottes, die wir uns letztlich nicht selbst erarbeiten können, wir können sie aber üben. Alle drei sind Gaben des Heiligen Geistes, Kräfte, die nicht unsere eigenen sind, in denen wir uns aber üben können. Ein wacher Glaube, eine kraftvolle Hoffnung und eine stete Liebe erkennt im eigenen Leben und in der Geschichte unserer Gemeinschaft die Hand Gottes am Werk und kann am Ende bekennen: „Er hat alles gut gemacht.“

Dreißig Jahre online unterwegs…

Kleine Bilder auf dem Monitor
sind wie Türen hin in unbekannte Welten,
hin zu fremden Menschen und Erinnerungen,
zu ihren Hoffnungen und Träumen.

Sie wecken Neugier,
Lust, einmal zu schauen,
was für Geschichten sich verbergen
hinter einem lächelnden Gesicht.

Oft fand ich: Tagebücher, offen, und für alle klar zu lesen.
Und doch gemeint für Freunde, die sich kennen. Wenn ich sie lese, sind sie mir
Erlebnisse aus einer Welt, die für mich fremd und fern, und doch wie meine.

Von Arbeit, Parties, Liebe, Hass. Doch immer klein und wie gefiltert,
und deutlich mit der Absicht, niemand weh zu tun,
und nicht zu viel von sich zu zeigen.

Ich lese, schmunzle manchmal und vergesse, was ich gelesen und gesehn,
mit mir hat’s nichts zu tun, und ich war nicht gemeint. Lebt wohl.

Oft fand ich: alte Briefe, Zettel, als Lesezeichen in Bücher gesteckt.
Fotos, getrocknete Blumen, auf einer Sommerwiese in den Ferien gepflückt.
Kindheitserinnerungen, Schachteln voll Murmeln und Spielzeugautos.
Musikcassetten, Platten, Liederbücher, Comichefte, Vogelfedern.

Glatte, bunte Kiesel aus dem Bach gepickt vor Jahren.
Püppchen in verstaubten Kleidern. Und das Erstaunen immer wieder:
Ja, sowas hatte ich einst auch.

Selten fand ich: Leben, Phantasie und Kraft, die Lust am Dasein,
glitzernde Gedanken über Gott und Welt. Im Hier und Jetzt genau beobachtet
die tausend Splitter, die zusammen Leben sind, die Fragen wecken auch in mir.

Die Fragen mich nach Geben und nach Nehmen,
nach dem Sinn und Ziel, nach Glauben
nach Gut und Böse und der Welt dazwischen. In ihnen fand ich mich.

Ich fand auch Sehnsucht, sah auch Angst und Trauer.
Ganz selten fand ich Menschen, die ich Freunde nennen könnte,
die fehlten, wären sie nicht da.
Die nahe mir geworden durch Bild und Schrift
und deren Zeilen zu mir sprechen,
auch wenn ich weiß, sie sind nicht nur für mich.

Ihr Bild ist nicht nur eine Tür,
es ist mir Gruß und Freude, die ich gerne wieder seh,
und ich fühl‘ mich geehrt, wenn ich es spüre,
dass auch ich nicht nur ein Name
und nicht nur Zeichen auf dem Bildschirm für sie bin…

Traurig…

Gestern ist Maya die Katze gestorben. Sie war sehr krank und wir mussten sie zu unserer Tierärztin bringen, damit sie sie erlöst.

14 Jahre alt ist sie geworden. Sie war ein kleines Tierchen ihr ganzes Leben lang, aber sie war eine mutige große Seele.

Als sie zu uns kam, wohnten wir noch in Schöneberg im Pfarrhaus. Ich weiß noch, wie sie aus der Transportbox heraus kam, in der wir sie vom Züchter in Marienfelde nach Schöneberg brachten. Neugierig lief sie durch das ganze Treppenhaus, dann setzte sie sich auf eine der Stufen und knurrte zufrieden. Offensichtlich war unsere Wohnung als neues Zuhause anerkannt.

Nach und nach hat die dann die ganze Wohnung erobert, und wir haben oft sehr gelacht, weil sich das kleine Katzenkind doch oft sehr tollpatschig angestellt hat.

Ich erinnere mich an viele schöne Stunden, in denen sie den Laserpointerpunkt gejagt hat oder Flaschenverschlüsse aus Gummi apportierte wie ein Hund. Im Sommer haben wir ganze Wochenenden auf der Terrasse gemeinsam verdöst. Bei Gesprächen mit Gemeindegliedern im Dienstzimmer war sie oft diejenige, die am Anfang das Eis gebrochen hat. Manchmal habe ich gedacht, dass jeder Pfarrer eine Katze haben sollte, denn sie spielte in der Seelsorge eine große Rolle.

Wenn niemand zu Hause war, saß sie stundenlang am großen Fenster im Dienstzimmer und schaute hinaus auf die Terrasse. Dort gab es immer etwas zu sehen: Eichhörnchen und Vögel spielten dort, und ab und zu kam sogar ein Fuchs vorbei, und die Katze und er guckten sich durch die Glasscheibe neugierig an.

Den Umzug nach Lichtenrade hat sie bemerkenswert gut verkraftet. Sie war inzwischen älter geworden und auch viel ruhiger. In der neuen Wohnung entdeckte sie immer wieder andere Lieblingsplätze: natürlich auf dem Sofa im Wohnzimmer, auf der Anrichte vor dem Fenster, wo sie wieder Vögel beobachten konnte, und in meinem kleinen Dienstzimmer, wo sie oft auf meinem Schoß saß und knurrte, während ich meine Predigten schrieb.

Abends sah sie oft mit meiner Frau und mir vor dem Fernseher und schaute interessiert die Serien mit: ob es nun Big Bang Theorie oder Star Trek war, Grey’s Anatomy oder The Good Wife.

Meine Frau und Maya die Katze haben sich oft miteinander unterhalten und haben dazu eine gemeinsame Sprache aus Knurr- und Maunz-Lauten entwickelt, es war so lustig, ihnen dabei zuzuhören.

Sie gehörte wirklich zur Familie, und es gab immer wieder neue feste Bräuche; Momente im Tagesablauf, wo die Katze einfach dazu gehörte. Von der Schmuse-Minute nach dem Aufstehen bis hin zum Bibel Vorlesen vor dem Schlafen gehen: Maya war immer dabei.

Wir merkten, dass es ihr nicht gut geht, als sie begann, in die Wohnung zu pinkeln und immer wieder ihr Essen auf unseren Teppich zu spucken. Sie musste Diät leben. Zuletzt hat sie immer weniger gegessen, verlor sehr schnell Gewicht und wurde immer öfter müde. Sie begann, ganze Tage zu verschlafen.

Letzte Woche sagte der Arzt, daß sie ein Darmgeschwür hat und nicht mehr lange leben wird. Das arme Tier hatte inzwischen sichtbare Schmerzen und bewegte sich immer weniger. Aber ihre Augen waren immer noch klar und hell. Trotzdem hatte ich den Eindruck, dass sie sich von uns, von den vielen Dingen in der Wohnung und von dieser Welt zu verabschieden begann.

Gestern war ihr letzter Tag. Den Vormittag hat sie verschlafen, am Nachmittag kam sie zu mir ins Dienstzimmer und – ja, es war, als ob sie sich verabschieden wollte.

So jetzt bin ich mit ihr durch die ganze Wohnung gelaufen, habe ihr noch einmal alle ihre Plätze gezeigt und dann habe ich geweint.

Bei der Tierärztin ging alles sehr schnell; sie bekam zwei Spritzen. Dann schlief sie ein und und wird niemals mehr aufwachen.

Jetzt steht die Transportbox mit ihrem Körper auf dem Balkon, dieselbe Kiste, in der sie vor 14 Jahren zu uns kam. Morgen werde ich sie zum Friedhof bringen und dort beerdigen.

Maya, du großes kleines mutiges tapferes und lustiges Tier; wo immer Du jetzt bist: Wir werden dich immer lieb haben.

Ich bin der gute Hirte…

Eine Taufpredigt am „Sonntag des guten Hirten“

Städter haben meist ein sehr romantisches Bild vom Hirten-Dasein im Kopf. Vermittelt durch Heimatfilme und Kinderbücher stellen wir uns einen Hirten so vor: Mit Mantel und Krummstab, begleitet von zwei Hunden, passt er auf ein paar Dutzend Schafe auf, die er alle mit Namen kennt und rufen kann. Sie dürfen auf einer saftig-grünen Wiese in irgendeinem Alpental vor sich hinträumen, knabbern munter an Grashalmen und laufen fröhlich umher, während sich ihre blöckenden Stimmen mit dem Klang ihrer Glöckchen vermischen, und die Hunde umkreisen die Herde und passen auf, dass keins von den weißen vierbeinigen Wollknäueln zu weit wegläuft und in eine komplizierte Situation geraten könnte…

Aber selbst Menschen, die mehr von der modernen Landwirtschaft verstehen und die wissen, dass auf modernen Farmen die Schafe zu Tausenden gehalten werden und die damit verbundenen Prozesse computerunterstützt und mit industrieller Präzision ausgeführt werden müssen, ahnen wohl nicht, dass in vergangenen Zeiten das Dasein des Hirten durchaus auch mit Gefahr für Leib und Leben verbunden war.

Zu biblischen Zeiten nämlich sah das Hirtenleben und auch das der Schafe härter aus: Die Hirten waren meist rauhe Gesellen ohne feste Heimat, herumziehendes Volk, das heute hier und morgen dort Arbeit fand, beinahe noch Nomaden, die von der Dorfgemeinschaft oder von Großgrundbesitzern beauftragt wurden, für kargen Lohn die Schafe und Ziegen zu hüten. Allein oder in kleinen Gruppen taten sie diesen nicht ungefährlichen Dienst, denn wilde Tiere und auch Räuber und Wilderer waren hinter dem Kleinvieh her, das sich schon im nächsten Ort weiter verkaufen ließ. Außerdem gab es häufig Streit und durchaus auch Raufereien um die besten Weideplätze an den Flußauen, die in Israel rar waren, so dass Schafe und Ziegen oft von dem kargen Bewuchs am Rand der Wüste und im Gebirge weiden mussten… Wenn es hart auf hart kam, konnte es durchaus sein, dass die angemieteten Halbnomaden sich aus dem Staub machten und die Schafherde, die ihnen anvertraut war, einfach den Wildtieren oder Viehdieben überliessen.

Neben diesen für kurze Zeit angemieteten Tagelöhnern hat es aber auch Hirten gegeben, die engagierter ihre Arbeit taten – Verwandte des Bauern zumeist, die ein persönliches Interesse am Leben und Überleben der Herde hatten, weil sie zumindest Mit-Eigentümer waren. Am Wohlergehen der Herde hing auch für sie die Frage nach Gewinn und Verlust, nach Wohlstand oder Armut… Da konnte es vorkommen, dass ein „guter Hirte“ im wahrsten Sinne des Wortes sein Leben für die Schafe lassen musste.

In der ganzen Bibel und vielleicht auch darüber hinaus in den Gesellschaften des alten Orients ist der „gute“ Hirte ein Vorbild für Menschen, die Leitungsverantwortung oder Herrschaft über andere Menschen anvertraut bekommen haben. Moses, David, viele der Könige und Fürsten in Israel und Juda wurden als Hirten des Volkes bezeichnet und verstanden sich wohl auch selbst so.

Letztlich aber war es Gott selbst, der Herr und Hirte seines Volkes war. Dieses Bekenntnis der Israeliten hatte durchaus politische Konsequenzen: Alle Herrschaft, sei es nun die des Königs, die der Fürsten, oder auch die der Richter, Priester und Propheten, war immer eine Herrschaft, die sich Gott gegenüber zu verantworten hatte. Machtmissbrauch und Ausbeutung der Untergebenen in Stadt und Land war nicht nur ein Vergehen gegen das Volk, sondern auch und zuerst ein frevelhafter Akt gegen Gott, der solche Dinge nicht auf lange Zeit ungestraft ließ.

Der bekannte Psalm 23 „Vom guten Hirten“ war vor allem ein Glaubensbekenntnis zu diesem Gott, der für die Menschen da ist, sie leitet und führt, sie versorgt und mit Gutem und Barmherzigkeit segnet. Er ist gleichzeitig eine Absage an alles und alle, die sich sonst anmaßen wollen, Herrschaft über das Leben dieser Menschen auszuüben, als ob es Gott nicht gäbe.

Zur Zeit des Nationalsozialismus beschloss die Kirche in Deutschland die Barmer Theologische Erklärung; ein Glaubensbekenntnis, auf das Pfarrerinnen und Pfarrer bis heute bei ihrer Ordination verpflichtet werden. Darin heißt es: Die verschiedenen Ämter der Kirche begründen keine Herrschaft der einen über die anderen, sondern die Ausübung des der ganzen Gemeinde anvertrauten (…) Dienstes. Wir verwerfen die falsche Lehre, als könnte die Kirche sich abseits von diesem Dienst besondere „Führer“ geben und geben lassen. Die Kirche kann und soll auch nicht Teil einer staatlichen Regierung sein, wie auch der Staat nicht die Rolle der Kirche oder ihre Führung übernehmen kann und soll. Ich glaube, dass es in unserer Zeit nötig ist, das ganz deutlich zu wiederholen. Im Evangelischen Gesangbuch kann man unter der Nummer 810 die Barmer Theologischer Erklärung nachlesen. Machen Sie das einmal!

Ich bin nicht der gute Hirte. Auch wenn das Wort „Pastor“ eigentlich Hirte bedeutet. Auch wenn ich weiß, daß Gott mir unsere Gemeinden anvertraut hat, dass ich für sie da sein soll. Zu Petrus hat er gesagt „Weide meine Lämmer!“ – damals, als er den Auferstandenen wieder sah, nach der für Petrus nicht unpeinlichen Frage: „Petrus, hast Du mich lieb?“ Dreimal hatte Petrus Jesus verraten; dreimal fragt der Auferstandene ihn nach seiner Liebe. „Herr, Du weißt alles!“ hatte Petrus geantwortet, „Du weißt auch, dass ich dich liebe!“ Nicht hat er gesagt „Du weißt alles, Du weißt auch, daß ich Dich verraten habe…“ Und Jesus spricht auch nicht davon. Es ist genug, dass Petrus weiß, daß er es weiß, und daß er ihm vergeben und verziehen hat. „Weide meine Lämmer!“

Ist Petrus ein guter Hirte gewesen? Er war ein ganz normaler Mensch, der einen großen Auftrag bekommen hat, der Fehler gemacht hat und versagte, der aber Vieles gut gemacht hat. Auch von ihm wird erzählt, dass er viele Jahre später hingerichtet wurde, wegen seines Glaubens. Der gute Hirte stirbt für seine Schafe.

Bin ich ein guter Hirte? Ich kenne meine Fehler und Schwächen sehr genau. Ich bekenne, ich habe gesündigt in Gedanken, Worten und Werken. Kann ich trotzdem Pfarrer sein, glaubhaft predigen zum Beispiel oder das Abendmahl austeilen, wenn es doch viele Gründe gibt, mich infrage zu stellen?

Manche Menschen in der Kirche haben einen großen Anspruch an Pfarrerinnen und Pfarrer. Sie sollen Vorbild sein, Menschen, an denen man sich orientieren kann, vielleicht sogar Menschen, die das leben, was man selbst nicht schaffen könnte, einfach, damit man einmal sehen kann, das es geht. Das es möglich ist. Das es kein unerfüllbares Ziel ist.

Aber auch Pfarrerinnen und Pfarrer streiten sich zu Hause am Mittagstisch mit ihren Ehepartnern, auch Pfarrer lügen oder mißachten ihre Eltern, auch Pfarrer brechen die zehn Gebote. Sie sind Menschen, und darum sollte den Gemeindegliedern nicht der Mund offen stehen bleiben, wenn ihre „Hirtin“ oder ihr „Hirte“ einen Fehler macht. Wenn sie sagen „Ich habe gesündigt, bitte vergebt mir!“

Ob das Abendmahl oder der Segen am Schluß des Gottesdienstes „gültig“ ist, hat nichts mit der Person der Geistlichen zu tun. Es ist Gott, der segnet; es ist Jesus, der sich gibt im Abendmahl, in Brot und Wein. Und selbst ein sündiger – sprich „normaler“ – Pfarrer ist berufen und bestimmt, zu predigen, zu segnen und das Abendmahl auszuteilen. Wäre es nicht so, gäbe es keine Sakramente in der Kirche. Niemand ist vollkommen.

Ich bin der gute Hirte…

Jesus sagt das. Er ist der gute Hirte. Er kennt seine Schafe mit Namen, und sie folgen ihm. Er führt sie, er sorgt für sie. Er gibt ihnen, was sie zum Leben brauchen. Wasser, Futter, Schutz und einen Raum, an dem sie Leben können. Er ist der gute Hirte.

Wenn wir uns taufen lassen oder wenn wir in der Konfirmation ein eigenes Ja zu unserer Taufe finden, dann bekennen wir, dass Jesus unser Hirte ist. Er füllt unsere Unvollkommenheit aus.

Ich mag diesen Satz: „Vor aller Leistung und trotz aller Schuld sagt Gott Ja zu uns.“ Das ist es, was in der Taufe geschieht. Das ist es, was Gott für uns zum guten Hirten macht. Das ist es, was tröstet, trägt und hilft in guten wie in schweren Zeiten, auch im Schatten des finsteren Tales. Das ist die grüne Weide und das frische Wasser für meine durstige Seele. Das ist das Öl, mit dem er mich salbt. Das ist der gedeckte Tisch, an den ich eingeladen bin, trotz meiner Feinde.

„Vor aller Leistung und trotz aller Schuld sagt Gott Ja zu uns.“ Das ist Jesus so wichtig gewesen, daß er bereit war, dafür in den Tod zu gehen. Der gute Hirte stirbt für seine Schafe. Den hat Gott auferweckt, und er gibt uns, seinen Schafen, das ewige Leben. Gutes und Barmherzigkeit werden mir bleiben mein Leben lang. Und für immer werde ich bleiben, da, wo Gott zu Hause ist.

Das Adressbuch, nach dreißig Jahren…

Meine Frau hat ein altes Adressbuch. Seit fast dreißig Jahren trägt sie die Anschriften und Telefonnummern unserer Familienmitglieder, unserer Freundinnen und Freunde und die Bekannten und Brieffreunde dort ein.

Gestern haben wir unsere Weihnachtspost geschrieben und ich habe in dem alten, zerlesenen Buch geblättert und meine Erinnerungen treiben lassen:

Da stehen die Namen von Menschen, mit denen wir seit vielen Jahren gern und regelmäßig Kontakt haben. Wir laden uns gegenseitig ein, gehen miteinander in Konzerte und ins Kino, und manchmal machen wir gemeinsam Ausflüge. Einige sind wirklich gute Freunde, die ich auch mitten in der Nacht anrufen könnte, wenn es Probleme gibt.

Zu anderen Menschen habe ich im Lauf der Zeit den direkten Kontakt verloren. Wir telefonieren noch ab und zu, mit manchen ein paar mal im Jahr, mit manchen noch seltener. Aber wenn man dann redet, ist auf einmal alles so, wie es früher war. Wir haben spannende Themen zu besprechen und interessante Streitpunkte zu diskutieren, wir teilen Erinnerungen und erzählen uns die neuen Geschichten – die Freundschaft lebt und braucht gar nicht den regelmäßigen Kontakt.

Da stehen die Namen von Arbeitskollegen, von Menschen, die ich durch die Arbeit in der Kirche kennengelernt habe. Beinahe wären sie Freunde geworden; es gibt ein paar Pfarrer aus dem Ausland, die regelmäßig bei uns übernachtet haben, wenn sie in Berlin zu Gast waren. Schöne Erinnerungen sind mit diesen Namen verbunden, an Gespräche in der Nacht auf dem Balkon, an gemeinsame Gottesdienste, an Feste und Ausflüge mit der Gemeinde.

Manche Adressen sind in dem Buch, die mich an vergangene Zeiten erinnern. Ich habe mit diesen Leuten seit vielen Jahren nicht resprochen; es hörte einfach irgendwie auf. Ich bin wahrscheinlich ein miserabler Freund, der so zulässt, dass einst wichtige Bekanntschaften so verblassen. Aber ich denke oft an diese Menschen, und immer wieder packt mich so etwas wie ein schlechtes Gewissen, und ich weiß, ich müsste einfach mal das Telefon nehmen und wir könnten bestimmt so reden wie früher. Aber dann tue ich es nicht. Und ich vermute, dass es ihnen ganz genau so geht; bestimmt hätten sie sich sonst schon längst wieder einmal gemeldet.

Manche Freunde sind schon ein halbes Dutzend mal umgezogen, durchgestrichene und neu geschriebene Adressen gibt es viele in dem Buch. Jedes Mal eine Geschichte von Abbrüchen und Neuanfängen, von zerbrochenen Hoffungen und von erwartungsvollen Starts an einem neuen Ort. Beeindruckend finde ich das; mir fällt der Absprung immer sehr schwer.

Ein paar von unseren Freunden sind geschieden, statt der gemeinsamen Adresse stehen da nun zwei, und der Anblick weckt Traurigkeit. Sie haben es nicht mehr miteinander aushalten können, da war viel Kampf und Leid im Hintergrund, und alle Hilfeangebote kamen zu spät. Meistens schicken wir beiden unseren Weihnachtsgruß, denn wir mögen beide Teile der zerbrochenen Familien.

Und da stehen die Namen derer, die gestorben sind. Manche waren alt und waren zufrieden damit, aus dieser Welt zu gehen. Aber einige sind auch viel zu früh gegangen. Unerwartet. Oder nach einer schweren Krankheit. Nur noch selten denke ich an sie, nach vielen, vielen Jahren ohne Besuch, Brief, Anruf… Nur in der Vorweihnachtszeit, wenn ich ihren Namen in dem Adressbuch meiner Frau sehe, dann denke ich daran, wie es einmal war.

Für mich ist diese Zeit immer eine Zeit der Erinnerungen, die Namen der Freunde im Adressbuch wie ein Verzeichnis der Höhepunkte im Leben, ein Kalender der Monate und Jahre, in denen ich das Dasein genießen konnte, ein Tagebuch der Zeit, die mich reich gemacht hat und reich macht.